Streit, mit schlechtem Essen, in Lumpen, in Dunkelheit.
Im Frühjahr pflegte Oliver aufzuwachen und bis zum Herbst fleißig zum
Fischen hinauszurudern; dann lebten sie daheim wieder besser, er
bezahlte bei den Kaufleuten für das im Winter geborgte Mehl und für
die Margarine, und so schlugen sie sich durch. Auf diese Weise ging
es auch. Die Achtung, die er sich einmal sozusagen erarbeitet hatte,
ging allerdings flöten, er wurde von den Menschen einfach übersehen und
gering geachtet, was er vielleicht auch verdiente, weiß Gott!
Diesmal bekam Frank ein kleines Brüderchen, ein braunäugiges
Eichkätzchen lag in der Wiege, der Vater nahm das so auf, wie es seine
Pflicht war, und verzweifelte nicht. Er war gegen beide Kinder gut,
aber Frank, der Erstgeborene, war und blieb sein Junge, mit Abel, dem
zweiten, gab er sich nicht viel ab. Sogar auch die Mutter zog Frank
vor, vielleicht, weil er der hübschere war; wenn die Kleider für Frank
zu klein wurden, mußte der Bruder sie weiter tragen, deshalb lief
Abel Jahr um Jahr in zerschlissenen Hosen herum. Nicht, daß Abel sich
darüber gekränkt gefühlt hätte, im Gegenteil, er fand meist noch etwas
in den Taschen dieser abgelegten Anzüge, wenn er sie übernahm, ein
Taschenmesser, eine Pfeife, einen Bleistiftstumpf, Knöpfe, Angeln,
Nägel; diese Sachen tauschte er sofort um andere Dinge ein und ließ
sie vorsichtshalber den Besitzer wechseln. Dies war einer von Abels
Kunstgriffen, sich irdisches Gut zuzulegen. Er hatte übrigens auch
noch andere Kunstgriffe; er tat sich eifrig mit Eduard, dem Sohn des
Fischer Jörgen zusammen, der etwas älter war als Abel und von dem
er deshalb außerordentlich viel lernte; die beiden verdienten sich
ein paar Pfennige durch Besorgungen für andere, durch gelegentliche
Handlangerdienste und durch den einen und andern glücklichen „Fund”.
Einmal „fanden” sie wahrhaftig Kaffee im Lagerhaus des Grütze-Olsen;
wie hätten sie das vermeiden können? Der Kaffee stand da mitten auf
dem Boden und mußte deshalb von jemand vergessen worden sein, ein
ganzer Sack, nur eben geöffnet, die Jungen meinten, er werde wohl
etwas Ordentliches wert sein. Die Taschen reichten nun da eigentlich
nicht aus, aber andererseits waren Taschen auch noch nie so nützlich
gewesen. Auf dem Heimwege stiegen Eduard indes Zweifel auf, ob er mit
seinem Warenanteil nach Hause gehen sollte, Abel aber ging mit dem
seinen geradeswegs in die elterliche Wohnung. Die Mutter erhielt den
Kaffee, sie versprach ihm auch etwas dafür, im übrigen aber verbot sie
ihm, noch mehr Kaffee zu „finden”. Als sich Abel am nächsten Tag im
Lagerraum einfand und etwas mitbrachte, in dem er den Kaffee forttragen
wollte, mußte ihm sein Kamerad eine schändliche Geschichte mitteilen.
Zuerst war Eduard gezwungen worden, sich mit dem Kaffee zu dem Sack
hinzuschleichen, und als er von diesem Gang zurückkam, hatte er Schläge
bekommen. Eduard war nun im Zweifel, ob er seine Eltern noch länger
haben wollte.
Dieser Kaffee, der eine Quelle dauernden Wohlstandes hätte werden
können, brachte übrigens auch Abel Ärger, die Mutter hielt ihr
Versprechen nicht und gab ihm nichts dafür, er versuchte es im Guten
und Bösen, aber nein. Dann ging er zu Oliver, zum Vater, und weinte.
„Wenn man einem Menschen etwas versprochen hat, so soll man es ihm auch
geben,” sagte Oliver rechtlich gesinnt.
„Na,” sagte Petra, „so soll ich ihm also den Kaffee abkaufen, den er
gestohlen hat? Du gibst ihm ja gute Lehren!”
Aber der Vater fühlte sich durch das Ersuchen des Sohnes geschmeichelt,
und da er an diesem Tage reichlich Fische gefangen hatte, schenkte er
Abel eine blanke Krone. „Man soll dir nicht unrecht tun,” sagte er in
Gegenwart aller. Und dank dieser freigebigen Handlungsweise sah sich
Abel instand gesetzt, sich am nächsten Tag eine gebrauchte Angelschnur
zu verschaffen. Er kaufte sie von Olaus am Wiesenrain, von demselben
Olaus, der einen Minenschuß bekommen, davon lauter blaue Flecken im
Gesicht hatte und von dem Tag an keinerlei Schönheit mehr aufweisen
konnte. Später hatte er auch eine Hand verloren. Er trank wie ein
Loch und verkaufte alles, was er hatte, jetzt verkaufte er Abel seine
Fischgeräte.
„Hast du Geld?” fragte Olaus.
„Jawohl,” antwortete Abel, „eine Krone.”
„Eine Krone? Ich verkaufe sie nicht für fünf.”
Sie betrachteten die Angelschnur. Olaus rauchte und spuckte aus.
„Sie ist doch wohl nicht verfault?” fragte Abel und probierte sie.
„Verfault? Eine nagelneue Schnur. Kannst dich daran aufhängen; aber
eine Krone -- nein, zum Kuckuck!”
„Ich hab' nicht mehr als eine.”
„Dann geh nur weiter. Was stehst du denn da mit deiner einen Krone?”
Abel ging.
Olaus rief ihm nach: „Du -- wie heißt du denn -- hast du nicht mehr?”
„Nein.”
„Na, so komm und nimm sie! Aber sie ist fünf wert.”
Jetzt war Abel obenauf. Denn es war ja eigentlich der Fischfang, wonach
den beiden Kameraden, Abel und Eduard, der Sinn stand. Beide waren
schon mit Eduards Vater hinausgefahren, sie kannten die Fischgründe,
aber sie hatten keine Gerätschaften; ihre Väter aber wagten es
nicht, ihnen ihre Schnüre zu leihen und die Kinder auf eigene Faust
hinausfahren zu lassen. Jetzt waren sie, wie gesagt, obenauf. Gegen
Abend ruderten sie in Olivers Boot hinaus.
Nein, wie gespannt sie waren! Geduckt und vorsichtig wie Diebe glitten
sie am Ufer hin, um an der Landzunge vorbei und außer Sicht zu kommen;
sie waren nicht groß, eine Elle hoch, Nichtse, aber sie waren von
ihrer Sache erfüllt und schmiedeten Pläne. Sie wußten ja nicht, was
sie beim erstenmal ergattern würden, aber was sie erlangten, sollte
für Angelschnüre auch für Eduard ausgegeben werden, dann hatte jeder
seine eigene. O, sie verstanden sich auf das Boot, sie konnten rudern
und schaukeln und rückwärtsfahren schon fast solange, als sie gehen
konnten; für das Eichhörnchen und Eduard brauchte man keine Angst zu
haben. Was Abel betraf, so paßte es ganz besonders gut für ihn an
diesem Tag; denn er hatte große Stiefel bekommen, Schaftstiefel. Er war
sehr stolz auf sie, obgleich sie früher seinem Vater gehört hatten und
dann von Frank vertragen worden waren.
Dann fischten sie.
Das heißt, sie ließen Abels Schnur bis auf den Grund hinunter und
zogen sie dann wohl einen Meter hoch wieder herauf; Eduard hielt das
Boot auf derselben Stelle. Hoho, sie wußten alles, sie konnten das!
Ab und zu ließ Abel das Lot wieder bis auf den Grund hinab und zog
es wieder einen Meter herauf; dies geschah, damit sie jederzeit die
richtige Tiefe hatten. Dann ließ er es wieder hinab, aber als er es
hierauf wieder hochziehen wollte, saß es fest. Da saß es fest. Was --
ruder gen Norden, ruder zurück! Versuch es nach Osten, nach Westen! Die
Schnur saß auf dem Grunde fest. „Da, nimm die Ruder und laß mich danach
sehen!” sagt Eduard, der der Größere von beiden ist. Sie fahren hin und
zurück, endlich bewegt sich die Schnur: „Da hab' ich's!” sagt Eduard.
Er holt ein, aber siehe, die Schnur ist leer, sie ist in der Mitte
entzweigegangen, das Lot und der Angelhaken liegen auf dem Grunde des
Meeres.
Sie sehen einander an, sie können es gar nicht verstehen; die Schnur
ging entzwei. „Beim Satan!” sagt Eduard, der der Größere ist. Abel
selbst fluchte nicht, aber als Eduard es tat, drückte er damit auch
seine Herzensmeinung aus. Einander konnten sie keine Schuld an dem
Unglück beimessen, aber der Olaus vom Wiesenrain, der hatte ihnen eine
verfaulte Schnur verkauft! Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als
nach Hause zu rudern.
„Du bekommst deine Krone gewiß wieder,” tröstete Eduard.
„Ich bekomme sie nicht wieder,” murmelt Abel mutlos.
„Nicht wiederbekommen? Ich geh' mit dir!”
„Ja, willst du das?” -- O, Abel verließ sich auf seinen treuen
Kameraden, seinen erprobten Kameraden, und er wurde beherzt. Da saß
Eduard nun, kniff den Mund barsch zusammen und nickte Abel zu, daß er
mitgehen und die Sache in Ordnung bringen werde. Morgen wollten sie
Olaus auflauern, wenn er ans Bollwerk kam, er trieb sich ja immer da
unten herum.
Jawohl, aber Olaus wollte den Handel nicht rückgängig machen. „Weg mit
euch, ihr jungen Mäuse!” Abel begann zu weinen, aber das nützte nichts.
„Es war keine Angelschnur zum Hinunterlassen,” sagte Olaus, „sie war
zum Fischen. Fort mit euch, sag' ich.”
Aber der kleine Eduard war der größere von den beiden Jungen und
in allen losen Streichen wohl erfahren. Die beiden Kameraden
beratschlagten miteinander und kamen überein, in Olaus Pfeife Pulver
hineinzuschmuggeln, so daß er noch einmal einen Schuß ins Gesicht
bekäme. O, diese Gassenbuben, sie waren kaum eine Elle hoch, und schon
hatten sie sieben Teufel im Leibe! Nun also, Eduard kaufte den Tabak,
und Tabak mußte er ohnedies haben, er war also nicht verloren; einen
netten Klumpen Minenpulver holte er sich draußen bei den Wegarbeitern.
Nun war er ausgerüstet, die Kameraden setzten sich aufs Bollwerk und
warteten.
Und es war ein hübsches Päckchen Tabak mit Silberpapier und
Fabrikmarke, hundeteuer übrigens und einladend, geöffnet und zum
Rauchen vollkommen bereit. Das Minenpulver lag dazwischen.
Nun kommt Olaus daher. „Was hast du da für einen Plunder?” fragt er.
„Meinst du meinen Tabak?”
„Ist das Tabak? Laß mich meine Pfeife mal stopfen!”
„Nein, du nimmst ihn mir nur,” versetzt Eduard und machte Miene,
davonzulaufen.
„Dürft ihr kleinen Lausbuben Tabak haben?”
„Und übrigens kannst du deine Pfeife ja gar nicht stopfen, du hast doch
nur eine Hand.”
Olaus sieht ein, daß er möglicherweise keinen Tabak bekommt und sagt:
„Nein, dann stopf sie selbst, hier nimm sie! Was sind denn das für
Narrenstreiche?”
Während Eduard den Pfeifenkopf in den Tabak steckt und den Tabak
hineingräbt, schwatzt Olaus weiter: „Habt ihr Lausbuben Tabak? Woher
hast du ihn?”
„Ich hab' ihn gekauft.”
„Gestohlen wirst du ihn haben. Du solltest mein Junge sein! So, stopf
die Pfeife nun ordentlich voll und sei nicht geizig!”
Eduard gibt ihm die Pfeife zurück, und Olaus soll anzünden.
Jetzt gehen die Jungen zehn Schritt weit weg und betrachten ein Pferd,
das dort an einem Pfahl angebunden ist. Es war etwas Besonderes an
diesem Tier, es sah ganz genau aus wie ein Pferd, war braun, und im
ganzen genommen war durchaus nichts an ihm auszusetzen, aber die Jungen
redeten eifrig hin und her über das Pferd und gaben ihre Meinung
darüber kund. Plötzlich erhebt sich ein Zischen, um Olaus steigt eine
Lohe empor, und die Jungen sehen ihn einen Satz machen. Dann aber
schien ihnen plötzlich etwas anderes höchst Merkwürdiges in einem
anderen Teile der Stadt einzufallen, das sie eiligst betrachten mußten.
Aber sie hörten hinter sich rasende Zurufe: werde euch „einholen” und
„wartet nur!” Abel trug leider große Schaftstiefel und wäre im Anfang
wirklich fast eingeholt worden.
Dies war nicht der letzte lose Streich der beiden Kameraden, und ebenso
waren sie nicht zum letztenmal auf den Fischfang hinausgefahren; es
dauerte nicht lange, da bekamen sie ordentliche Angelschnüre und
durften mit Olivers voller Erlaubnis das Boot benützen. Die Sonntage
waren gute Tage für die Jungen; da es zwischen ihnen keine religiösen
Meinungsverschiedenheiten gab, waren sie ohne weiteres bereit, an den
Sonntagen zu fischen, wo das Boot vom Morgen bis zum Abend unbenutzt
war. Jeder von ihnen konnte mit einem kleinen Bündel Fische heimkommen,
ja wahrhaftig! Die Fische loszuwerden, war keine Sache, ach nein, bei
Doktors bekommen sie nicht nur den verlangten Preis, sondern auch noch
ein wenig darüber, weil die Jungen den Doktor der Familie Johnsen am
Landungsplatz, mit der sie unleugbar auf feindlichem Fuß standen,
vorzogen. Bisweilen bekamen sie auch ein herrliches Butterbrot, das
beste, was ihnen nach achtstündigem Fasten geboten werden konnte. In
der Küche des Doktors wurden sie allerdings wohl auch gefragt, ob sie
Erlaubnis hätten, zu fischen, während die Leute in der Kirche seien;
aber sie schienen mit dem Leben der Gemeinde in der Stadt nicht genau
bekannt zu sein.
Das waren frohe, reiche Tage! Unbändige Wildfänge und unverschämte
Bengel in verschiedenartiger Tätigkeit! Den ganzen Tag hindurch
hell wach und auch im Schlafe voller Erlebnisse. Hatte Abel etwas
Träumerisches und zeigte er eine gewisse Würde? O, keine Spur! Ein
Eichhörnchen, so klein und blitzschnell, o ein Wildfang, alle seine
Glieder in beständiger Bewegung. Man sah ihn gleichzeitig droben
bei der Kirche und drunten am Fjord, er ging nicht, wenn irgendeine
Gelegenheit zum Laufen da war, er hatte es immer eilig, seine großen
Stiefel dröhnten auf der Straße. So war er. Eduard war auch kein
gebrechlicher Bursche, aber er war älter und hatte die Verantwortung,
außerdem bekam er immer daheim genug zu essen und hatte deshalb einen
runderen Körper. Seine Wohlgenährtheit war ihm aber durchaus nicht im
Wege, er konnte merkwürdig beweglich sein, wenn der Apotheker in seinen
Garten herausstürmte und schrie: „Beim Satan, was tust du da droben auf
dem Apfelbaum?” Als Eduard im Ernst in eine Schule ging, nahm er etwas
ab, aber doch nicht so, daß es etwas getan hatte; da war eher Abel der,
der den Nachteil davon hatte; Abel war nun ein recht einsamer, magerer
Bursche. Aus alter Gewohnheit trieb er sich noch immer bei dem Fischer
Jörgen herum, und dort war vor ein paar Jahren ein drittes Mädelchen
angekommen, mit dem er bisweilen spielte; aber den Eduard, seinen
männlichen Freund, den konnte das kleine Ding doch nicht ersetzen,
nein, weit entfernt! Sie hieß Lydia, wie ihre Mutter, Klein-Lydia
also, war für ein Mädel ganz unterhaltend und schon recht, aber doch
unangenehm mit ihrem Geschrei für nichts und wieder nichts.
Ja, Abel war einsam geworden, sein Bruder Frank ging auch in die Schule
und war seiner Lebtage viel zu gelehrt und zu selbstbewußt für Abel
gewesen, sie hatten nie so recht zusammengehalten. Sie stimmten in
ihren Lebensanschauungen schlecht überein; was die Fischerei für den
einen war, bedeutete für den andern Bücher und Zeitungen und feine
Sachen; Frank ging schon vor dem schulpflichtigen Alter in die Schule
und war ein großes Licht. Er sollte Telegraphist oder Bankbeamter
werden; der Ehrgeiz der Mutter ging darauf aus, daß Frank unter bessere
Kinder in die höhere Schule käme und alles mögliche lerne. Jedermann
hat seinen Ehrgeiz; sollte also nicht auch Lydia, die Frau des Fischer
Jörgen, den ihrigen haben? Jawohl, und was noch schlimmer war, ihr
Ehrgeiz war Torheit, und die Stadt lachte darüber: sie meldete ihre
Kinder für die Tanzstunde an. Natürlich wollte Lydia da weit über ihren
Stand hinaus.
Es führte auch nur dazu, daß Henriksens auf der Werft, die
Zollinspektorfamilie und Frau Johnsen am Landungsplatz sich veranlaßt
sahen, ihre Kinder von der Tanzstunde zurückzuziehen -- nein, nicht
wegen der Fischerskinder, o durchaus nicht, aber weil zum Beispiel Fia
Johnsen Bleichsucht bekommen hatte und so mager und aufgeschossen war,
daß sie einem ganz leid tat. Es war Politik in der Sache. Die arme,
zugereiste Tanzlehrerin rang die Hände und grübelte über den Fall nach,
hier stand sehr viel auf dem Spiel; endlich fand sie einen Ausweg. Der
erste Kurs war ja vollzählig -- daß sie das nicht begriffen hatte! --
aber sie wollte noch einen halten, die Nachfrage war so unerwartet groß
gewesen, ja, sie müsse vielleicht noch zwei Kurse einrichten. Da war
doch wohl alles in Ordnung!
Und nun nahm das Tanzen im Ort einen bemerkenswerten Aufschwung; über
Lydia lachte jetzt keine von den Frauen mehr, die Kinder strömten
herbei. Wenn Lydias Kinder dabei waren, warum sollten dann nicht auch
die Kinder des Böttchers und die des Barbiers Holte dabei sein? Noch
niemals hatte die Tanzlehrerin so in die Hände geklatscht, sie hatte
eine Freude fürs ganze Leben und hatte die Tanzpolitik gelernt. Auch
Eduard war angemeldet, auch Frank war angemeldet, weil sein Vater
Oliver zurzeit dem Fischfang oblag und Geld verdiente. „Jawohl, Frank,”
sagte Oliver, „du sollst alles lernen, was gelernt werden kann!” Aber
was Eduard betrifft, so ging er ein einziges Mal in die Tanzstunde,
dann kam er zu Abel und bat ihn, doch hinzugehen und für ihn zu tanzen.
O ja, Abel wollte dem Kameraden gerne den Gefallen tun; da er aber
nicht danach angezogen war und sich auch nicht gewaschen hatte, wurde
er glatt zurückgewiesen; auf diese Weise wurden alle beide frei.
7
Die Stadt erdröhnte vom Tanzen. Waren Zeiten großen Aufstiegs
eingetreten, waren große in Netze eingefangene Heringsschwärme der
Küste entlang zu verzeichnen, oder brauchte England ungeheuer viele
Holzladungen und Tonnage für einen neuen englischen Krieg? Keines von
beiden. Außerhalb der Stadt war alles ruhig.
Die zugereiste Tanzlehrerin war's, die hatte die ganze Gemeinde
verdorben. Sie wurde mit christlichem Widerstand empfangen, es wurden
im Betsaal Versammlungen gegen sie abgehalten, aber es war zu spät, die
Seuche hatte sich schon zu weit ausgebreitet. Sie hatte nicht allein
die Eltern im Hinblick auf die Kinder ergriffen, sie drohte auch die
Eltern selbst anzugreifen. Solch eine ansteckende Seuche! Im Anfang
umklammerte sie hauptsächlich die dienende Klasse, aber dann steckte
sie nach oben an, steckte die bessern Leute im Ort an, sie walzte in
die Eßstube beim Konsul Grütze-Olsen und bei Henriksen auf der Werft
hinein, die Honoratioren der Stadt trällerten Tanzmelodien auf der
Straße.
Vor dem Tanzlokal sah man immer Leute, die zuhörten und sich nach
der Musik unziemlich in den Hüften wiegten und träumten, sie seien
da drinnen mit dabei. Der Polizei-Carlsen tat nichts, er arretierte
niemand. Petra wurde oben auf der dunkeln Treppe zum Saal angetroffen,
da saß sie wehmütig und schamlos und träumte bei den Geigentönen
und dem Fußgetrampel drinnen. Ach, aber Petra träumte ganz und gar
aussichtslos, sie war verheiratet und verloren. Zu allem andern kam
auch noch hinzu, daß sie wieder sehr schwerfällig geworden war und
nächstens nicht mehr stehen, sondern nur noch sitzen konnte. Viele
Jahre lang war es ihr gelungen, nicht dicker zu werden, sie war wie ein
Mädchen und hübsch gebaut, aber nun war auch das vorbei. Sie hätte
daheimbleiben und sich nicht vor den Leuten sehen lassen sollen, aber
dann wurde sie auf der Treppe angetroffen, und Scheldrup Johnsen, der
fand sie da.
„Sitzt du hier, Petra?” fragt er und ist teilnehmend.
„Ja,” antwortet sie. „Nun geh fort, Scheldrup!”
Aber Scheldrup wird nur noch teilnehmender, und da kommt Petra auch auf
die Füße und versetzt ihm eine echte und gerechte Backpfeife, obgleich
er der Scheldrup Johnsen ist. Und gleich war jemand weiter unten auf
der Treppe, der den Knall hörte und heraufkam und das übrige mit ansah:
Daß Scheldrup in den Saal hineinschlüpfte, und Petra weinend die Treppe
hinunter und auf die Straße hinauswankte.
Daran war ganz allein die Tanzmadam schuld, sie hätte in der
Nachbarstadt bleiben können. Und trotzdem hatte sich die Unruhe, die
sie mitgebracht, nicht gelegt, im Gegenteil: mehr als eine Bosheit kam
in den Familien des Orts zum Ausdruck an dem Abend, wo die Schüler
ihren Abschiedstanz hatten; da kochte wilde Eifersucht über Tüll- und
Seidenkleider, und die Eltern waren neidisch auf die Kinder der andern.
Doktors gingen mit Johnsens am Landungsplatz heimwärts; Fia hatte
nun ihren vergnügten Abend gehabt und sollte zu Bett mit ihren müden
Beinen, die Erwachsenen dagegen wollten gerne noch eine Weile beisammen
sitzen. Es gingen übrigens noch mehrere mit, darunter der Rechtsanwalt
Fredriksen, für den sich Frau Johnsen ein wenig interessierte, weil er
sich mit ihr abgab. Auch Henriksens von der Werft wurden eingeladen,
obgleich sie außerhalb des Rahmens waren. „Ja, holen Sie Ihre Frau und
kommen Sie mit, Henriksen! Und Sie auch, Herr Postmeister!” Aber ganz
besonders wurden Doktors höchst formell eingeladen, sie durften nicht
umgangen werden, sie waren die Spitzen, das wußte der Konsul sehr gut.
O, die verborgene Feindschaft zwischen diesen Freunden, diesen
Busenfreunden! Selten kam es zu einem ehrlichen Ausbruch, aber sie war
da, sie glimmte unter der Asche! In lebhafter Unterhaltung wanderten
sie heimwärts, sie gingen zu vier nebeneinander und fegten die Straße,
ab und zu blieben sie stehen und versperrten allem Verkehr den Weg,
wer an ihnen vorbei wollte, mußte zwischen ihnen hindurch schlüpfen. Es
war ein gar herrlicher Sommerabend!
„Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Fia,” sagte die Frau des Doktors. O, ihr
wurde es leicht, unparteiisch zu sein und es nicht mit einem Elternpaar
ganz besonders zu halten, denn sie selbst hatte keine Kinder in der
Tanzstunde, nein, Doktors hatten gar keine Kinder. -- „Fia war so
hübsch heut abend. Aber meinen Sie nicht, ein nettes durchsichtiges
Kleid wäre passender gewesen?”
„Sie wollte ein seidenes Kleid haben,” antwortete Frau Johnsen, „und
außerdem waren genug billige Kleider da. Haben Sie gesehen, wie
Heibergs ihre Alice herausgeputzt hatten?”
Eine andere sagte: „Eine hatte eine schwere Uhrkette an.”
„Das war eine von Konsul Olsens Töchtern.”
„Ja ja, das arme Kind, Grütze-Olsens sind nun eben etwas für sich,” gab
Frau Johnsen nachsichtig zu. Nein, niemals konnte sie Grütze-Olsens
verzeihen, daß auch sie ein Konsulat hatten und reiche Leute waren.
War denn das nicht erfreulich? Es hätte doch eine große Annehmlichkeit
für Frau Johnsen sein müssen, daß sie mit immer mehr Damen von ihrem
eigenen Rang zusammenkommen konnte, aber nein, das ertrug sie nicht.
Und woher hatte sie denn ihre gelbe Gesichtsfarbe? Diese war sehr gelb,
Frau Johnsen hatte wohl einen empfindlichen Magen.
„Um von einem aufs andere zu kommen,” sagte Rechtsanwalt Fredriksen,
der Volksredner, und hielt die ganze Gesellschaft auf. Er redete
so laut an dem stillen Abend, es war wie wenn ein Matrose in einer
Weinstube proletet. -- „Ja, um von einem aufs andere zu kommen. Sind
Ihre Dampfschiffe jetzt auf dem Heimweg, Herr Konsul?”
Es war Konsul Johnsen nicht unlieb, hier antworten zu können: „Ja,
jetzt kommt die _Fia_ heim. Sie ist lange nicht dagewesen.”
„Hätte ich jetzt das Geld, das sie verdient hat!” wünschte Henriksen
auf der Werft. „Das waren keine Kleinigkeiten, o nein!” Wie das Konsul
Johnsen wohltat! Aber er sagte: „Ich antworte darauf, weil Schweigen
mißverstanden werden könnte. Fia hat in Wirklichkeit nicht so sehr viel
verdient. Ich war sehr oft froh, daß ich's aushalten und sie über
Wasser halten konnte. Aber jetzt, in den letzten Jahren natürlich --”
„Oho!” rief Henriksen und schüttelte den Kopf.
„Die Gesellschaftsmoral hat ganz gewiß einen unverdient schlechten
Ruf,” sagt der Doktor plötzlich.
„Wieso?”
Der Doktor fährt fort, als habe er die Frage nicht gehört: „Denn wenn
ein Mann wie Konsul Johnsen sich ihrer bedient, dann muß sie sehr
brauchbar sein.”
„Die Gesellschaftsmoral? Wieso?”
Ein langes, gewichtiges Schweigen entsteht; der Doktor hat keine Lust,
etwas zu sagen, über das man verächtlich lächeln könnte. Und er will
sich auch nicht in eine Erörterung mit Henriksen einlassen, deshalb
äußert er nur im allgemeinen über die Versammlung hin: „Es ist eine
Verleumdung, daß Geschäft und Ausbeutung miteinander verwandt seien.”
„Aber nun hab' ich doch noch nie --!” ruft Henriksen verwundert, und
er zieht die Augenbrauen in die Höhe, ganz genau so, als ob das eben
Gehörte großartig wäre.
Aber nun war ja Konsul C. A. Johnsen unantastbar, vielleicht nicht
in jeder Hinsicht ein Muster, aber ein tüchtiger, großer Mann. Der
Volksmund nannte ihn den Ersten Konsul, zum Unterschied von den
Konsuln, die später gekommen waren und nicht viel bedeuteten.
Konsul Johnsen antwortete: „Geschäft ist Arbeit, die ihres Lohnes wert
ist.”
„Das meine ich auch. Deshalb ist es auch nicht richtig, daß Geschäft
Spekulation genannt wird.”
„Doch, gewissermaßen. Wir spekulieren alle. Ehe ein Doktor Doktor wird,
spekuliert er auch, er denkt sich aus, daß dies sein Lebenswerk sein
soll und strebt danach. Schütteln Sie den Kopf?”
„Jawohl, den ganzen Kopf.”
„Haha!” lacht die Frau des Doktors.
„Medizin, das ist eine Wissenschaft,” erklärt der Doktor. „Aber ob die
_Fia_ wenig verdient oder ob die _Fia_ viel verdient, das --”
„Wollen Sie nicht weiter sprechen?”