Eines Tages kam eine alte Frau daher; Oliver kannte sie und würde

ihr wohl wieder einige Lose abgekauft haben, aber jetzt hatte er im

Gegenteil gewonnen. Die Frau kam mit einer Tischdecke an. „Da siehst

du,” sagte Oliver lachend, „der liebe Gott hat mich nicht vergessen!”

Nun hatten sie eine Tischdecke, und Petra schaffte wahrhaftig Türen

für die Stube und Kammer des Anbaus herbei. In den früheren Jahren,

wenn Oliver von der Reise heimkam, hatte er seinem Mädchen verschiedene

Geschenke mitgebracht. Diese Zieraten kamen nun auch mit, sie standen

alle auf ihrer Kommode, von dem irdenen Hund und dem Spiegel an bis

zu dem weißen Engel und dem mit verschiedenen Hölzern eingelegten

Kaffeebrett.

Nach der Trauung genehmigte sich Oliver ein paar faule Tage und ließ

sich die Reste der Festmahlzeit gut schmecken; dann begann die Mutter

aus alter Gewohnheit, ihn zu ermahnen, auch wieder hinauszurudern.

Und er sagte, er hätte es auch ohne Ermahnung getan, denn er wisse

wohl, was seine Pflicht sei. Wahrhaftig, das Leben war jetzt

besser, als er sich gedacht hatte, Oliver klagte nicht, er war ein

verheirateter Mann und alles, was dazu gehörte, alles war entschieden,

nichts schwebend, nichts zweifelhaft. Es war ein Glück, daß er damals

den Anbau nicht vermietet hatte, da er ihn nun selbst notwendig

brauchte.

Doch siehe, eines Tages schickte Mattis einen kleinen Jungen zu Oliver

und ließ ihm sagen, er habe mit ihm zu reden. Aber Oliver hatte nichts

mehr mit diesem Manne zu reden, durchaus nicht: „Was will er von mir?

Sag' ihm, er brauche sich gar nicht zu mir herzubemühen, sag' das dem

Mann!”

Sie konnten den Schreiner vor ihrem Fenster hin und her wandern

sehen, und er machte kecke Schritte, es sah aus, als ginge er nicht

das erstemal Napoleon entgegen. „Es ist toll genug, auf einen Krüppel

loszugehen,” sagte Oliver jetzt. „Die sollen mit ihm reden, die ein

Hähnchen mit ihm zu pflücken haben,” sagte er in die Stube hinein. --

Da strich sich Petra ein paarmal glättend übers Haar, sie machte sich

hübsch und unwiderstehlich und trat dann auf die Straße hinaus.

Die in der Stube Zurückgebliebenen konnten sehen, daß der Schreiner

zusammenzuckte. Wo war nun seine ganze Mannhaftigkeit? Die beiden

draußen fragen und antworten einander, können sich aber nicht einigen;

wenn sie von den Türen sprechen, dann bitte, aber sie sprechen wohl

von dem Ring. Oliver sitzt am weitesten in der Stube drinnen, er

streckt nur die Nase vor und beobachtet den Auftritt. Jetzt wird der

Schreiner lebhaft, er ermannt sich und sieht Petra gerade ins Gesicht,

er fängt an umherzulaufen, während er redet, er macht förmlich einen

Kreis um sie. Und Petra -- obgleich sie Finnen im Gesicht hat und nicht

besonders hübsch aussieht, so zügelt sie den aufgeregten Mann doch mit

leisen, betrübten Worten. Na, da steht sie vor ihm und lächelt ihn

gar so nett und verführerisch an. Schließlich starrt Mattis mißmutig

zu Boden, und als ihm Petra die Hand reicht, nimmt er sie auch, ohne

aufzusehen; nachdem er sie einen Augenblick festgehalten hat, geht sie.

Dann geht Mattis. Oliver sitzt in der Stube, Mattis tut ihm fast leid.

Und im übrigen tauchten keine andern Unannehmlichkeiten mehr auf.

Keine andern?

O, die Zeit verging ja, und vieles ereignete sich, schlechtes Wetter

verhinderte tagelang jede Ausfahrt. Petra war ans Haus gebunden durch

das Kind, durch den Jungen, den sie bekommen hatte; die alte Mutter

hatte die Sorge fürs Haus aufgegeben; sie wanderte nicht mehr in die

Welt hinaus und kam mit einem vollen Sack heim.

Doch das machte nichts, Oliver litt keine Not, er gedieh, er und die

Katze. O, der alte Kater, er war nichts mehr nütze, er konnte nur

daheim in der Stube herumliegen und sich von den vielen Fischen einen

dicken Bauch anfressen; schließlich glaubten die beiden Frauen, es

sei eine Katze. Und Oliver, saß nicht auch er daheim, war zufrieden

und wiegte das Kind und beobachtete, was auf der Straße vorging.

Seine Hände waren kleiner und seine Haut weißer geworden, auch sein

Gesicht sah hübscher aus. Es ärgerte ihn, daß er keine Möglichkeit sah,

sich eine Pelzmütze für den Winter anzuschaffen; konnte er denn an

Wintertagen mit einem Strohhut hinausrudern? „Kannst du dir nicht einen

Südwester anschaffen?” fragte die Mutter. Der einstmals so flotte blaue

Schlips hatte den Glanz verloren, aber das mußte doch verdeckt werden

können; wenn er nicht aufzufärben ging, konnte ihn Petra wohl wenden.

Doch es zeigte sich, daß die linke Seite ebenso verschossen war. Da

wurde Oliver wie ein wenig übellaunisch und meinte: „Ich denke, du

sagtest damals, ich könnte bei Johnsen am Landungsplatz einen Verdienst

bekommen, wie steht es denn damit?”

Die arme Petra, ja, sie wollte mit dem Konsul reden.

„Warum nennst du ihn immer den Konsul?”

„Wir nannten ihn den Konsul, als ich dort im Hause war.”

„Aber es sind doch noch andere Konsul geworden,” sagte Oliver. „Der

Heiberg ist Konsul, der Grütze-Olsen ist Konsul.”

Ganz richtig, es gab allmählich mehrere Konsuln im Ort, o, so viele

von diesen Vizekonsuln und Konsularagenten, so viele, die sich um die

Knochen balgten, es wimmelte von ihnen in dem Küstenort. Nicht immer

lief es ohne Streit und Mißgunst ab, es wurde im geheimen gearbeitet,

der eine Handelsmann erlaubte dem andern nicht, hinter seinem Rücken

zu florieren. Johnsen am Landungsplatz erlebte es, daß er viele

Gleichgestellte hatte, und was erlebte nicht alles auch Frau Johnsen!

Gott war ihr Zeuge.

Petra war vielleicht in einem besonders ungünstigen Augenblick zu C.

A. Johnsen gekommen, er hatte keine Arbeit für ihren Mann. Oder hätte

es sie vielleicht mehr genützt, wenn sie auch nur eine Spur niedlich

und zart ausgesehen hätte? Die arme Petra, ihr Gesicht war fahl mit

eingefallenen Wangen, und der Konsul sagte glatt weg nein, wahrhaftig,

es sei nichts zu machen. Sie solle es bei einem von den neugebackenen

Konsuln probieren, Gott mochte wissen, wofür die eigentlich Konsul

geworden seien? Ob ihr Mann nicht bei Olsen ankommen und ihm die Grütze

auswiegen könne? Aber es sei sehr richtig von ihr, daß sie zuerst zu

ihm komme, zu C. A. Johnsen, er wolle versuchen, Oliver späterhin eine

Unterstützung zu verschaffen, aber jetzt nicht. Sie solle doch nicht so

niedergeschlagen aussehen, es gebe außer ihr noch andere, denen es in

der letzten Zeit knapp gegangen sei, die Zeiten seien schwierig, das

Dampfschiff _Fia_ habe auch nicht so besonders gute Geschäfte gemacht.

Und warum Oliver denn nicht auf den Fischfang hinausrudere?

Der Konsul betrachtete Petra und ihre Angelegenheit mit guten

braunen Augen, und er wies sie nicht ohne Mitleid ab, aber sie mußte

unverrichteter Sache fortgehen.

Was nun? Was sonst, als daß sich Oliver wieder zusammennahm und wieder

männlich auf den Fischfang auszog, ja, jeden Tag, früh und spät. Er

wollte es ihnen zeigen! Und nie kam er mit einem Fisch zu Johnsen am

Landungsplatz, sondern er ging auffällig vorbei. Als er später mehr

Fische fing, als er tragen konnte, stellte er sich leere Kisten am

Bollwerk zurecht und richtete einen Fischmarkt ein, ein Abenteuer!

Da stand er und war ein Großhändler. Einige Tage lang sträubten sich

die Familien, den weiten Weg nach dem Bollwerk zu machen, da aber

immer Fischnot herrschte, mußten sie sich fügen und zugreifen. Oliver

hatte sehr matte Augen, und wenn man ihn sah, kam er einem fast etwas

aufgedunsen und schwachsinnig vor; aber nicht immer, nicht, wenn es

sich um einen Kniff, einen Streich handelte, da war er schlau genug. Da

stand er nun mit seinen Fischen, er pries sie nicht an, schraubte im

Gegenteil den Preis hinauf und machte ihn unerhört teuer. „Wollt ihr

die Fische? Nicht, dann laßt es nur!” Oliver wußte, daß er die Fische

an die regelmäßig verkehrenden Schiffe verkaufen konnte, und außerdem

wußte er auch, daß anständige Leute mit einem Krüppel nicht so genau

rechnen durften.

Den ganzen Herbst hindurch lebte Oliver mit seiner Familie besser als

je, die Frauen schätzten ihren Versorger und ließen ihm das Beste

zukommen, der Versorger bekam am Abend Sirup auf die Grütze, der

Versorger bekam am Sonntag Waffeln zum Frühstück. Das war nicht mehr

als recht und billig. Er verbesserte seine Stellung, er bezahlte den

Kaufleuten etwas von seinen alten Schulden ab und strich sogar die

beiden Türen des Anbaus an; auch stieg er in fachmännischem Ansehen bei

den Fischern, bei Jörgen und Martin. Da hatten diese alle die Jahre

her die Fische in die Häuser der Stadt geschleppt, ohne zu murren,

bis Oliver daherkam und sie lehrte, hinter einem Tisch am Bollwerk zu

stehen und die Fischpreise zu erhöhen. Sie bedankten sich bei ihm,

weil er das erfunden hatte. „Ja ja, ich bin eben ein wenig in der Welt

herumgekommen,” erwiderte Oliver.

Diese zunehmende Achtung von seinen Nächsten und den andern wirkte auf

Oliver zurück und tat ihm gut. Wenn er von der Tagesarbeit heimkehrte

und am Stubenfenster vorbeikam, konnte er hören, daß es drinnen sofort

lebhaft wurde und daß Petra zu dem Kinde sagte: „Da kommt Vater!” Es

war merkwürdig, wie diese ausgedachten Worte das Kind beruhigten, und

Oliver behauptete sogar, der Junge in der Wiege verstehe sie. Es war

auch gar nicht unmöglich, daß er sie verstand: Die Worte wurden jeden

Tag zu einer bestimmten Zeit wiederholt, und ihnen folgte regelmäßig

ein Knirschen der Tür, ein kalter Luftzug und ein eintretender Mann,

der nach der Wiege hinnickte. Als der Junge ein paar Monate älter

war und allein spielte, konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß er

den Ereignissen in der Stube mit vollen Sinnen folgte; seht nur das

Würmchen, den kleinen Racker! Sobald die Mutter das Mieder aufknöpfte,

fing er an zu schmatzen, und wenn die Mutter sagte: „Da kommt Vater!”

richteten sich seine braunen Augen auf die Tür.

Zwischen dem Jungen und Oliver herrschte große Freundschaft. Und als

das Kind die Ärmchen ausstreckte und zu Oliver wollte, da übermannte

den Krüppel die Rührung. Dieses kleine Wesen -- hat man je so etwas

gesehen -- dieses Nichts, dieser kleine Racker, he he, ein verflixter

Kerl, zum Kuckuck! Es wurde vollends schlimm, als der Junge zu weinen

anfing, wenn Vater fortging, das konnte Vater nicht ertragen, er hätte

am liebsten selbst geweint und schrie Petra deshalb an: „Gib ihm die

Brust, hab' ich dir gesagt!” Und darauf lief er mit seinem Stelzfuß zum

Hause hinaus.

O ja, oftmals geriet er mit den Frauen im Hause in Streit über das, was

das Kind verstand und nicht verstand. Er gab sich sehr viel mit ihm

ab, zeigte ihm Bilder und Buchstaben und gab ihm alles mögliche in die

Händchen, um damit zu spielen. Sie waren alle beide Kinder, blödsinnig

und schnurrig. „Ich glaube, du bist verrückt!” schrien die Frauen.

„Gibst du dem Kinde den Kaffeekessel in die Arme!” -- „Ja, worauf soll

er denn klopfen?” fragte Oliver. Er nahm die Zieraten von der Kommode

und trug sie dem Jungen hin; als das Kind einen kleinen Spiegel auf

den Boden schleuderte, sagte Oliver, er selbst habe den Spiegel fallen

lassen und nahm die Schuld auf sich.

Das waren gute Tage! Petra wurde ja auch wieder hübsch und wollte an

den Sonntagen gern ein wenig ausgehen. Ja, sie solle nur gehen, Oliver

habe nichts dagegen, die Großmutter könne auch gehen, er verstehe

nicht, wie gesunde, ruhige Menschen daheim sitzen bleiben möchten.

Er selbst hielt sich in der Stube auf, und wenn das Kind schlief,

döste er am Tisch. Träumte er? Zogen die Erinnerungen aus der früheren

Zeit durch sein schwerfälliges Gehirn? Er hätte wohl Ursache gehabt,

über sein furchtbares Schicksal nachzugrübeln, aber dieses hatte ihn

vielleicht schon stumpfsinnig gemacht.

Dann kam Petra in der Abenddämmerung heim, und es war auch Zeit, denn

nun schrie das Kind, wie wenn es am Spieße steckte. Die Sache aber war

die: Oliver wollte ihn ja lesen lernen, mitten in dem Unterricht jedoch

fing der Junge an zu brüllen, Vater wiegte ihn herrlich auf und ab und

redete ihm gut zu. „So, so, so, es geht schon, du darfst den Mut nicht

verlieren, du lernst es, so wahr ich Oliver Andersen heiße!” Doch der

Junge wollte ja Milch haben, deshalb schrie er, sonst wegen nichts.

Wenn nun Petra nur ein wenig demütig und reuevoll gewesen wäre, weil

sie so lange aufgehalten worden war, aber keine Rede davon! Es war

wohl ein jäher Sturz für sie, da kam sie geradeswegs vom Leben auf der

Straße und wurde daheim mit Kindergeschrei empfangen. So jung noch und

schon so gebunden, so unterdrückt! „Ach, so schweig doch, jetzt bin

ich ja da!” sagte sie zu dem Kinde. Aber sie ließ sich gut Zeit, den

Sonntagsstaat auszuziehen, und dann stand sie vor dem Spiegel und besah

sich von allen Seiten; das war recht widerlich, und Oliver war mehr als

geduldig, daß er ihr nicht die Krücke zu schmecken gab.

Nachdem er ihr eine Weile zugesehen hat, ruft er rasend: „Warum, beim

Satan, nimmst du den Jungen nicht?”

„Warum ich ihn nicht nehme? Jetzt nehm' ich ihn.”

„Ja, -- nachdem er sich ganz blau geschrien hat.”

„Laß ihn schreien! Es handelt sich nicht ums Leben.”

O, es war kein Zweifel, Oliver hätte die Krücke benützen sollen.

Handelte es sich nicht ums Leben? Was für eine Kuh! Aber es handelte

sich ums Essen. Das konnte er gleich sehen: als das Kind das bekam,

was es haben sollte, schwieg es sofort. „Du solltest deinen Verstand

gebrauchen,” sagte Oliver und fühlte sich höchst ehrbar.

O ja, sie verstand es sehr wohl.

Aber Petra warf den Kopf zurück, Petra murrte. Was war das nur?

Verstand sie vielleicht nicht, in was sie sich hineinbegeben hatte?

Sie war kein Mädchen mehr, sie war im Gegenteil verheiratet und

verloren; laß jetzt jede Hoffnung schwinden! Arme Petra, sie hatte in

einer Zwickmühle ordentlich nachgeben müssen, o, was für ein Kreuz

sie auf sich genommen hatte! Sie konnte es nicht tragen, nicht wie

andere aus dem Volke, andere Mädchen trugen auch kein solches Kreuz,

zum Kuckuck, nein! Bei Konsuls war ihr viel anvertraut gewesen, zweimal

hatte man ihr den Lohn erhöht, und Scheldrup war in sie verliebt

gewesen, war es wohl noch. Und da saß sie nun! Ja, auf diese Weise

lehnte sich Petra auf.

„Es ist gerade, als dächtest du gar nicht an den Jungen,” sagte Oliver

wie ein Richter.

„O, ich denke Tag und Nacht an ihn. Soll ich ihn auf den Rücken nehmen,

wenn ich ausgeh'?”

Petra höhnte. Oliver sah sie immer aufmerksamer an, und als nun ihr

Hauch seine Nase erreichte, begriff er besser: sie war da und dort

gewesen und hatte getrunken. Ha, das war großartig, und jetzt hatte sie

Mut und Beredsamkeit bekommen.

„Wo bist du gewesen?” fragte er.

„O, nicht in vielen Häusern.”

„Du bist jedenfalls irgendwo gewesen, und man hat dir zu trinken

gegeben.”

„Merkst du es? Jawohl, ich bin bei Konsuls gewesen. Sie hatten

Gesellschaft, und ich hab' ein wenig geholfen. Frau Johnsen hat mir

eingeschenkt.”

Petra war nicht dem Trunke verfallen, diese Erklärung genügte, wenn

sie wahr war. Wenn sie wahr war! Sie scheute sich nicht vor einer

Notlüge, einer falschen Aussage, im Gegenteil, da sie nicht besonders

erfinderisch war, wurde sie dann liebenswürdig und lieb und frech, und

damit kam sie weit. Oliver mochte es glauben oder nicht glauben, daß

sie bei Konsuls gewesen sei, das änderte nichts an der Sache! Seht, da

sitzt sie nun und stillt das Kind, etwas dumm, aber hübsch und jung,

etwas toll vielleicht, leichtsinnig vielleicht, warum nicht? Nun, sie

war gerade kein Licht, sondern gewöhnlich und unbedeutend, eine Dirne,

aber auch mit guten Seiten, mit Körperwärme, mit einer verflixten

Weiblichkeit. Da kam sie nun heim und war im Hause, sie gehörte Oliver,

sie war etwas Ernährendes, sie hatte Milch in sich, er sah ihre

geschwellten Brüste.

Aber jetzt hatte Petra zu trinken bekommen, vielleicht war sie hungrig

gewesen, als sie trank, deshalb konnte sie nicht mehr als ein Glas

ertragen, dann wurde sie keck; dann wurde sie unfreundlich und

gleichgültig. Seht, wie sie den Jungen wiegt, den kleinen Frank hin und

her schaukelt!

Aber das konnte Oliver nicht leiden, o, das wußte sie sehr wohl. Sie

stritten sich, und Petra blieb keine Antwort schuldig, sie kümmerte

sich auch gar nicht darum, daß die alte Großmutter hereinkam und

zuhörte. „Was,” dachte wohl die Großmutter, „streiten sie sich im

Ernst?” Sie hörte die junge Frau zu ihrem Manne sagen: „Womit kannst

denn du groß tun?”

„Ich?”

„Ja, du. Und daß du dich nicht schämst?”

„Ich bin eben so, wie du mich hier siehst,” versetzte er.

Da lachte sie und erwiderte: „Ja, wenn du wenigstens so wärest!”

Die Großmutter verstand diese Rede nicht, aber sie verwunderte

sich über ihren Sohn, der gar nicht auffuhr. Petras Worte waren so

sonderbar, was sollte das bedeuten? Und Oliver schwieg dazu.

„Was gibt es denn?” fragte die Alte.

Keines von beiden gab eine Antwort.

Plötzlich fragt Oliver unheilverkündend: „Warum bist du denn

hergekommen und hast mich haben wollen? Das versteh' ich nicht.”

Darauf antwortete Petra: „Das müßtest du doch verstanden haben.”

„Ich verstanden haben?”

Schweigen.

Die Großmutter ging durchs Zimmer und zog auch ihren Sonntagsstaat

aus, sie hängte ihn weg, aber sie war ganz Ohr. Was konnte denn Petra

noch von ihrem Manne wissen, was ihm nicht alle Welt ansehen konnte?

Was war das für ein Geheimnis? War er im Gefängnis gewesen oder sollte

hineinkommen? Jetzt fiel der Großmutter auch ein, daß Petra schon seit

längerer Zeit auf ihren Mann stichelte, halb im Scherz, aber doch halb

höhnisch, sie lachte dann und machte unanständige Bemerkungen: er tauge

genau so viel wie der Kater im Hause, er fresse Fische.

Wieder herrschte Schweigen im Zimmer. Das Kind schlief und die

Menschen beruhigten sich. „Was gibt's Neues im Ort?” fragte Oliver, um

Entgegenkommen zu zeigen.

Da Petra nicht antwortete, sagte die Mutter: „Was mich betrifft, so

hab' ich nichts Neues gehört. Ja, jetzt soll eine höhere Schule hier

eingerichtet werden.”

„Was, eine höhere Schule hier?”

„So heißt es. Und sie wollen ein mächtiges steinernes Haus dafür bauen.”

Da es indes Olivers Absicht war, seine Frau mit ins Gespräch zu ziehen,

fragte er sie direkt: „Wer war denn in der Gesellschaft?”

„In welcher Gesellschaft?”

Aha, also das wußte sie nicht mehr. Dann war es wohl Schwindel gewesen.

Er nahm sich vor, morgen darüber Auskunft zu erlangen.

„Ach, du meinst bei Konsuls. Da waren alle die Vornehmen.”

„Waren ihre Frauen auch da?”

„Nein, das heißt, ich weiß es nicht.”

„Dann hast du also nicht aufgewartet?”

„Warum fragst du denn die ganze Zeit?” unterbrach sie ihn lachend.

„Glaubst du mir vielleicht nicht?” O, aber sie war nicht so ganz

ruhig, ihr Lachen klang unecht. Sie balancierten beide, gingen auf

des Messers Schneide. Plötzlich richtete sie sich entschlossen auf,

strich sich übers Haar und scherzte: „Weißt du was, du hättest deine

Krankenpflegerin in Italien nehmen sollen! Dann wärest du ein Mann

geworden!”

Und Oliver erwiderte halb scherzhaft, halb ernst: „Allerdings, und ich

denk' auch mit Reue an die Krankenpflegerin.”

6

Der Winter verging, ein Tag um den andern.

Aber natürlich hatte Oliver keine Ausdauer, sein Fleiß war Kunst, er

wurde des Fischens überdrüssig, und da schob er das Kind vor.

Jawohl, ganz allmählich wurde das Kind vorgeschoben. Wenn er vom

Fischmarkt heimkam, untersuchte er recht geflissentlich das Kind

in der Wiege, überzeugte sich, ob es atmete, horchte eine Weile.

Und er stellte beleidigende Fragen: „Sie haben dir wohl nichts zu

essen gegeben, Frank, sie haben es wohl ganz vergessen?” Im Anfang

lachten ja die Frauen darüber und hielten es für Scherz; aber Oliver

erklärte, er habe im Ernst Angst. Später pflegte er offen das Kind als

Vorwand zu benützen, wenn er nicht hinausrudern wollte: es schreie so

herzzerreißend, wenn er fortgehe.

Seinen Platz am Bollwerk überließ er dem Fischer Jörgen, ja, er bot ihn

diesem selbst an: „Es ist der beste Platz, und du sollst ihn haben. Du

weißt: du und ich, Jörgen!”

Ob er denn nicht mehr fischen wolle?

Nicht, um zu verkaufen, er fische nur noch für sich selbst. Jörgen

könne den Platz jedenfalls den Winter über haben, zum Frühjahr wolle

ihn Oliver dann ja vielleicht selbst wieder. Jörgen bekam überdies noch

eine deutlichere Erklärung: er habe das Herz nicht, seinen kleinen

Frank allein zu lassen, es möge gehen, wie es wolle, das Kind wolle

immerfort bei ihm sein. Es sei merkwürdig mit so einem kleinen Kerl,

und ob Jörgen ihm wohl den Grund angeben könne, warum der Vater der

Mutter und allen andern vorgezogen werde.

Das sei dem Kinde wohl angeboren?

Genau, was er selbst gedacht habe: der Vater sei der Erzeuger des

Kindes, und daran hänge das Kind fest; die Mutter sei nur die Erde, in

die das Kind hineingepflanzt werde. Ob das nicht ganz klar sei? Das

Gras wachse, die Schiffe führen auf dem Wasser dahin, der Himmel habe

Sterne, das sei alles verständlich. Aber das sei nun etwas anderes, und

natürlich könne ihm kein Mensch auf dem weiten Erdenrund erklären, daß

Frank -- daß ein Kind -- „er ist kaum eine Spanne lang und hat schon

Verstand!”

Leeres Gerede, Gedanken vom Backbord zu Schiff. Es war eine

Weiberunterhaltung bei der Häkelarbeit. Aber Jörgen, der wortkarg war,

mußte seine gewöhnliche Erklärung zu Hilfe nehmen: es sei vieles in der

Natur verborgen.

In der Stadt beurteilte man Oliver anders, die Stadt war, wie nicht

anders zu erwarten war, der Ansicht, Oliver müßte für seine Faulheit

auf Wasser und Brot gesetzt werden. Ob das eine Art sei, eines kleinen

Kindes wegen daheimzubleiben, anstatt hinauszurudern?

Aber es ist viel verborgen in der Natur, so auch in Oliver. Diesmal

begründete er also seinen Abfall vom Fleiß auf eine ganz aparte Weise.

Natürlich war er faul, aber hatte er etwa keinen Grund dazu?

Eines Morgens fällt ihm auf, daß Petra beim Kaffeekochen der helle

Schweiß auf der Stirne steht. „Bist du unpäßlich?” fragt er. -- „Ja,”

antwortet sie. Er sagt nichts mehr, er ißt sein Frühstück, rudert zum

Fischen hinaus und kommt erst gegen Abend zurück. Petra ist unleidlich;

es ist, als habe sie Zahnschmerzen, Oliver sieht, wie vorsichtig sie

kaut, sie will keinen Kaffee, kann ihn weder sehen noch riechen, sie

geht umher und spuckt in den Ecken aus. „Ist dir noch so schlecht?”

fragt er. -- „Ja, du hast es ja gehört!” antwortet sie gereizt.

Darauf sieht er sie in höchst zweideutiger Art an, sieht langsam an ihr

herunter, nicht heimlich, sondern ganz offen und gerade, er will, daß

sie es merkt. Als er es getan hat, schlägt sie die Augen nieder und

seufzt.

O, Petra hatte Augen im Kopf, sie hatte verstanden. „Willst du noch

Kaffee haben?” fragt sie und schenkt ihm ein.

Er gibt keine Antwort, er scheint wirklich ganz in tiefe Gedanken

versunken zu sein, er sieht nicht, er hört nicht. Hat er sie mit seinem

Seufzer gerührt? Sie gab sich jedenfalls Mühe, recht still zu sein,

während sie im Zimmer aufräumt. „Trink nun deinen Kaffee, ehe er kalt

wird,” sagt sie.

Da kommt Oliver wie aus weiter Ferne wieder zu sich, o, vielleicht aus

dem Lande der Apfelsinen oder vielleicht aus der Unterwelt; er steht

auf.

Nun hätte alles so ernst und tief verlaufen können, aber ein Zufall

verdarb es wieder. „Ja ja, Frank, jetzt geh' ich,” sagte er zu dem

schlafenden Kinde. Soweit ging alles gut. Doch nun fing er an, sich

über die Hüften zu streichen, fand aber das Gesuchte nicht. „Und dann

komm' ich heut abend wieder zu dir, Frank,” sagte er. Er sucht etwas

auf einem Wandbrett, er öffnet eine Kommodenschublade und findet es

nicht. Dann findet er es endlich in der Wiege -- das Schnitzmesser,

dieses Ungeheuer, dieses Schwert, das er immer auf den Fischmarkt am

Bollwerk mitnahm. Er hatte es am vorhergehenden Abend dem Kinde zum

Spielen gegeben und es dann vergessen. O, das war unglaublich; erst

schlug Petra entsetzt die Hände zusammen, dann brach sie in lautes

Gelächter aus. Olivers Seufzer ging vollständig verloren, wie ein

geschlagener Mann schlich er hinaus an seine Arbeit.

Aber warum dieser ganze Auftritt? Ein gleichgültiges Spiel! Dürfte

nicht eine verheiratete Frau einmal unpäßlich sein und den Kaffee

verabscheuen? Ach, wie das Oliver auf einmal unüberwindlich vorkam,

wie schwer und verzweifelt kam es ihm vor, Gott hatte ihn nicht

verständiger gemacht. Er strich die Segel. Nicht, daß er von diesem Tag

an jemand seine eigene Faulheit zur Last gelegt hätte, er beklagte sich

auch nicht bei andern, nein, das tat er nicht, aber er schob das Kind

vor. So hatte er einen Grund, sich von der Arbeit frei zu machen.

Der Winter verging.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 4 / 35 段