ihm Platz. Er kam ein wenig zögernd daher, wie ein Mann, den nicht
jedermann holen lassen konnte; aber er hatte ja auch einen überlegenen
Kopf und verstand schnell alles, ein paar Fragen genügten für ihn.
„Ich komme mit einem seltenen Gast!” äußert Oliver. Der Konsul
heftete seine braunen Augen auf das Schiff, und es machte ihm keinen
überwältigenden Eindruck, es war kein Dampfschiff, es war nicht seine
eigene „Fia”. Er ließ sich durch den jungen Scheldrup Schreibgeräte
kommen und nahm Erklärung und Protokoll auf.
Es dauerte eine Stunde, aber die Menge wartete. Die halbe Stadt war
nun am Bollwerk versammelt, Petra war auch da, ebenso der Rechtsanwalt
Fredriksen. Dieser sagte: „Wer ist der Held, der das Schiff geborgen
hat?” Der junge Scheldrup erlaubte sich einen Scherz und sagte: „Oliver
-- falls Sie eine Rede halten wollen!” Der junge Scheldrup scherzte
auch mit Petra, dieser Grünschnabel fing an, sich etwas zu erwachsen
zu gebärden. -- „In meinen Augen ist das nun eine Seemannstat,” sagte
Rechtsanwalt Fredriksen.
Jawohl, eine Seemannstat! Oliver kam in die Zeitung dafür, und viele
Leute sprachen davon. Oliver selbst machte keine große Sache aus dem
Ereignis, er mußte den Landkrabben alle Einzelheiten erklären, überhob
sich aber nicht, äffte nicht die Honoratioren der Stadt nach und machte
sich nicht lächerlich. Natürlich war Oliver selbst außerordentlich
befriedigt von seiner Mannestat, er ging gleich hin und verlangte
einen neuen Anzug, den hatte er verdient. Samt und Seide waren nicht
nach seinem Geschmack, aber einen blauen Seemannsanzug, den könne
ihm niemand mißgönnen. „Wie es zuging?” sagte er zu den Landratten.
„Ganz genau, wie wenn du auf einem Spaziergang bist und findest einen
goldenen Ring und hebst ihn auf.” Ach, da lachten alle über seine
Scherzhaftigkeit: so leicht war es nun doch nicht, eine Seemannstat
auszuführen! Er war wie ein König, der zu seinem Volke niederstieg und
sich leutselig erwies, und er übersah nicht die andern, die nur daheim
saßen, während er das Schiff barg.
Aber schon nach einigen Tagen mußte er etwas mehr daraus machen; zum
Fischer Jörgen sagte er: „Du weißt, ich wollte Treibholz fangen. Da war
es, als ob jemand zu mir sagte, ich solle weiter hinausrudern, immer
weiter hinaus. Es war genau, wie wenn es mir eingegeben worden wäre.”
Ja, Jörgen nickte nachdenklich bei diesen Worten, denn vieles sei
verborgen in der Natur, meinte er.
„Ach, ich will es durchaus nicht größer machen, als es ist,” sagte
Oliver; „ich hatte nie von einem Havaristen auf dem weiten Meere
draußen geträumt. Aber wie ich da in meinem Boot saß und ruderte, kam
es über mich: Weiter hinaus, weit hinaus! Es ist nun auch so, wie
du weißt, ich bin weit in der Welt herumgekommen und bin von meinem
vierzehnten Jahre an draußen gewesen. Die Weltkugel hab' ich auf der
andern Seite gesehen, deshalb ist es nun fast, als sei ich gar nicht
mehr aus dem Städtchen hier, das kann ich dir sagen. Aber jetzt muß ich
hier leben und sterben, in Gottes Namen, das läßt sich nicht ändern!”
Es war auffallend, wie viel leichtlebiger Oliver wurde. Das zufällige
Glück mit dem Havaristen änderte allmählich seine Ansichten, die
Bitterkeit verließ ihn, er wurde freundlicher, wurde geduldiger. Nein,
er nahm sich nicht zusammen und wurde nicht fleißig und arbeitsam,
wanderte aber in seinem neuen Anzug umher, und die Hose blaffte recht
leer um seinen Stelzfuß, aber er verfluchte sein Unglück nicht mehr.
„Kauf' nur das für mich, was du selbst willst,” sagte er wohl zu seiner
Mutter und war sehr nachgiebig. Eines Tages begegnete er einer alten
Frau, die mit einer Tischdecke herumging und Lose darauf verkaufte.
„Laß mich sehen! Ei, das ist eine feine Decke!” sagte Oliver und nahm
Lose um des guten Zweckes willen. Es war fast eine Art Gottesfurcht,
die über ihn gekommen war.
Es verging wohl eine Woche, dann ging es nicht mehr. Konsul Johnsen
hatte ihm Vorschuß auf den Bergelohn gegeben, aber der Konsul konnte
nicht ohne weiteres das Schiff und die Ladung verkaufen und Oliver die
ganze Summe ausbezahlen. Hatte Oliver gemeint, er könne sich immer
weiter Vorschuß holen? Jedenfalls hatte er wohl gedacht, es werde
länger dauern, alles ging nun so gut, es war eine ausgezeichnete
Zeit, Oliver konnte zum Havaristen hinunterschlendern, ihn jeden Tag
auspumpen und ihn fast als sein Eigentum betrachten.
Aber dann tauchte die Mannschaft auf. O ja, die Mannschaft weit drunten
vom Süden und sie kam gen Norden, der Schiffsführer und drei Mann,
die Herren des Schiffes. O nein, es konnte keine Rede davon sein, das
Schiff zu kassieren, sie fingen gleich an, es auszubessern. Da sie nun
einmal nach Norwegen gekommen waren, wollten sie ihre Backsteine nicht
wieder zurückfahren, sie verkauften sie an den Konsul und beluden dafür
das Schiff mit Holzbalken. Dann machten sie über alles glatte Rechnung
und fuhren ab.
Die goldenen Tage waren vorüber. Oliver saß wieder auf dem Trockenen.
Wie war es eigentlich zugegangen? Jawohl, der Bergelohn, der war
sicher, aber Oliver mußte ihn mit den beiden andern teilen, mit den
beiden Fischern, es machte also für den einzelnen kein Vermögen aus.
„Soll ich nicht einmal den Bruderteil haben?” fragte Oliver. Er bekam
den Bruderteil und außerdem noch eine besondere Bezahlung für das
Pumpen. Aber er hatte alles miteinander schon als Vorschuß bekommen;
ei, wie war das zugegangen?
Diese kurze Zeit des Glücks hatte ihm unglaublich gut getan, aber jetzt
war das vorbei. Er fühlte sich benachteiligt. Was dachte wohl Jörgen
und was dachte Martin vom Hügel? Er ging hinüber zu Mattis, um dessen
Ansicht zu hören.
Mattis war sonderbar an dem Tag, ein Rätsel. Er erwiderte Olivers Gruß
nicht und machte dem Krüppel keinen Sitz zurecht. Eigentlich sah es
aus, als ob er zornig sei; ja, wenn ein Mann mit den Zähnen knirscht
und sich unruhig hin und her bewegt, kann beinahe kein Zweifel über
seine Gemütsstimmung herrschen.
Oliver war von seinen eigenen Angelegenheiten erfüllt: daß er an der
Nase herumgeführt worden, ja, daß er da in eine ordentliche Patsche
geraten sei! „Sieh' nun zum Exempel, ich bin doch der gewesen, der das
Schiff gefunden und geborgen hat, aber was hab' ich dafür bekommen? Es
reut mich nur, daß ich einen einzigen Groschen dafür genommen hab', und
ich werd' ihnen bei Gott das Geld wieder in den Rachen werfen!”
„So schweig doch mit deinem Geschwätz!” schrie der Schreiner plötzlich.
Oliver sah ihn an: er arbeitete wie verrückt, und seine Hände zitterten
vor Aufregung. War er betrunken? Wenn es ihn gelüstete, in Feindschaft
zu geraten, so konnte er das haben. Oliver richtete seinen gewaltig
aussehenden Oberkörper auf.
„Meine Türen will ich wieder haben!” sagte Mattis.
„Wie?” versetzte Oliver. „Was hast du gesagt? Die Türen?”
„Ich will sie wieder haben!” zischte der Schreiner. „Ich hab' dich
dafür bezahlt. Sie gehörten mir, die Türen! Verstehst du mich nicht?”
Bei einer solchen Unvernunft wurde Oliver eine Weile ganz stumm, und
dann antwortete er nur: „Du hast mir die Türen geschenkt. Und das
konntest du schon tun, nach all dem, was wir zusammen gehabt haben.”
Mattis warf das Handwerkszeug weg und richtete sich gerade auf:
„Zusammen gehabt? Ich will nicht das allerkleinste Bißchen mit dir
zusammen haben. Nein. Nicht so viel, als unter den Nagel geht. Was hab'
ich denn davon? Nein, es ist, wie ich gesagt habe: wenn es so ist, daß
die Nasenflügel bei den Menschen heraus- und hineingehen, dann sollst
du nichts mit ihnen zu tun haben. Und zum Kuckuck, ich will nicht mehr,
daß du dich hier bei mir herumtreibst, und meine Türen will ich auch
wieder haben!”
Was für eine Unvernunft! Oliver war in ganz friedlicher Weise
hergekommen und wollte ein wenig Mitgefühl haben, und nun wurde er im
Gegenteil hinausgejagt. „Es muß irgend etwas mit Petra nicht in Ordnung
sein,” dachte Oliver. Er sagte: „Wenn du irgendeine Widerwärtigkeit
und Schändlichkeit von seiten des Weibervolks erfahren hast, so ist es
erst, nachdem ich sie hätte haben sollen. Ich hab' nichts dabei zu tun.”
Der Schreiner nahm seine Arbeit wieder auf und lachte wütend vor sich
hin. „Sie meinten wohl, sie könnten mich jetzt dazu kriegen!” murmelte
er.
„Wovon redest du da?” fragte Oliver.
„O, es ist so fuchsschlau von euch allen miteinander ausgedacht!” fuhr
der Schreiner fort und lachte noch bitterer vor sich hin. „Aber der
Mattis hat sich vorgesehen! Der Mattis will nicht,” sagte er.
Oliver wartete eine Weile mit der Hand auf der Türklinke, ob noch mehr
kommen würde. Zu seiner Verwunderung sah er, daß der Schreiner nun
weinte, sein Körper zitterte. Als Oliver die Tür öffnete, hörte er
hinter sich eine undeutliche Stimme sagen: „Nun kannst du sie haben!
Und ich komm' und hol' mir meine Türen wieder.”
Aber in der langen Zeit hatte sich Oliver nun daran gewöhnt, daß ein
Krüppel mit Rücksicht behandelt wurde, und hier war mit ihm gesprochen
worden, wie wenn er keinen Stelzfuß gehabt hätte! Des Schreiners
Benehmen kränkte ihn, und er mußte sich großen Zwang auferlegen, aber
er überwand sich und sagte: „Du kannst mir den Buckel runter rutschen,
wenn du willst! Meinst du, ich hätte Angst vor dir?”
Der Schreiner ermannte sich, er nahm seine Jacke von der Wand und
sagte: „Ich geh' sofort mit dir und nehm' sie mit.”
Diesem Ernst gegenüber wurde Oliver wieder klein, er riß die Tür weit
auf und ging schnell hinaus. „Ich hab' die Türen gar nicht mehr,”
gestand er, „ich hab' sie auf dem Hügel verkauft.”
Danach wurde es ganz still hinter ihm, der Schreiner war wohl wortlos
stehen geblieben. Mag er dort stehen, mag er da in seinem Türloch
stehen bleiben und keine Worte mehr finden!
Aber Oliver fühlte sich vielleicht nicht ganz sicher; er trieb sich
eine gute Weile in den Straßen herum, ehe er sich heimwärts wendete,
dem Schreiner könnte es ja doch noch einfallen, ihn aufzusuchen.
Wahrlich ein schönes Benehmen einem Krüppel gegenüber!
Da ging Petra über die Straße. Sie sah ihn an und nickte ihm zu. Ja,
es war also etwas mit Petra, was es nun auch sein mochte, sie hatte
wohl den Schreiner nicht haben wollen, nein, nicht den Mattis mit der
Nase. Und hatte er nicht mitten vor den Augen anderer geweint, anstatt
sich als ein richtiger Mann zu zeigen! Oliver fiel es plötzlich ein,
er müßte doch wirklich der Mann dazu sein, jetzt die Langfahrt zu
unternehmen, die auf so merkwürdige Weise abgebrochen worden war.
Aber Jörgen würde sich wohl wieder sperren, ihm sein Boot zu leihen,
die Leute konnten doch recht sonderbar sein! Es war jetzt freilich
vollständig zu spät, Eier zu sammeln, aber er konnte Treibholz finden.
Und man konnte ja nicht wissen, was ihm alles noch widerfahren mochte.
Das Glück konnte auf der Lauer liegen.
Am Nachmittag sah er Petra wieder auf der Straße, und sie nickte ihm
abermals zu. Wie merkwürdig, in den nächsten Tagen sah er sie immer
öfter ganz zufällig, sie, die wochen- und monatelang unsichtbar gewesen
war! Er selbst tat durchaus nichts dazu, ihr zu begegnen, es war der
reine Zufall. Ja, er war wieder mehr ein Mann geworden, hatte ein
Schiff geborgen und war in die Zeitung gekommen. Er trug einen neuen
Anzug und grüßte mit einem gelben Strohhut; aber er lief den Mädchen
durchaus nicht in den Weg und stellte sich nicht zur Schau. Nein, jetzt
war er im Gegenteil darauf versessen, weit hinaus auf Langfahrt zu
ziehen.
Allmählich gab es wieder Zwistigkeiten zwischen ihm und der Mutter, und
eines Tages wurde es geradezu ernst, als die Mutter fragte: „Na, jetzt
soll ich wohl wieder um Unterstützung einkommen?”
„Was geht das mich an?” fuhr er sie an.
„Das sollte dein Vater hören, wenn er am Leben wäre!” versetzte sie,
dem Weinen nahe.
„Wieso?”
„Ja, er war nicht der Mann, der in der Stube saß und faulenzte. Er
schaffte früh und spät und war überdies umgänglich.”
Oliver lächelte spöttisch. Der Vater umgänglich! Jawohl! Das war so
recht frauenmäßig: wenn man tot und begraben war, dann jammerten sie um
den, den sie verloren hatten. Oliver erinnerte sich von seiner Kindheit
her wohl noch an alle die Prügeleien zwischen Vater und Mutter; oho,
das waren keine Kleinigkeiten gewesen!
„Ja, jetzt sitzt du da und pfeifst dir eins,” sagte die Mutter, „und
hast den Schäferhut schief auf dem Kopf und scherst dich um nichts. Ich
möcht' wohl wissen, wie du dir denkst, daß es weitergehen soll.”
„Für mich selbst hab' ich keine Angst,” entgegnete er. „Gott bewahre!
Jetzt fahr' ich wieder aufs Meer hinaus. Im übrigen hab' ich daran
gedacht, mich um eine Stelle beim Leuchtturm zu bewerben.”
Einen großen Eßkober gab es diesmal nicht, aber Jörgen lieh ihm sein
Boot, er nahm Fischgeräte mit, sowie einen Kochtopf, und dann ruderte
er hinaus. Er hatte wohl im Sinn, zum Lebensunterhalt zu fischen. In
den drei Tagen, die er draußen zubrachte, war auch die Mutter abwesend;
sie war einfach fortgegangen; als Oliver heimkam, war das Haus leer.
Er hatte diesmal kein besonderes Glück gehabt, nicht einmal einen
ordentlichen Vorrat für sich hatte er gefangen. Da setzte er einen Topf
mit Kartoffeln auf den Kochofen.
Nun, er war immerhin nicht nur so ins Blaue hineingefahren, sondern
hatte eine tüchtige Ladung Treibholz im Boot und außerdem ganz im
geheimen eine gute Prise Eiderdaunen in der einen Achselhöhle, jawohl,
und es waren träge, sorglose Tage gewesen, die er draußen vor den
Inseln zugebracht hatte.
Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, war er ganz befriedigt; er
ging wieder hinunter an das Boot und verkaufte den größten Teil seiner
Holzladung an Leute, die mit einem Krüppel nicht feilschen wollten. Da
hatte er nun wieder bares Geld in der Tasche.
Ein Tag um den andern verging.
Eines Abends erschien Petra. Oliver meinte zuerst, er sehe nicht recht,
sie hatte einen neuen grauen Mantel an, und außerdem konnte doch wohl
Petra nicht zu ihm kommen, ihrem früheren Bräutigam, den sie aufgegeben
hatte. „Ei, was für ein Besuch!” sagte er etwas verlegen.
„Ich wollte nur einmal ein wenig hereinsehen. Wo ist deine Mutter?”
„Du fragst mich, und ich frag' dich.”
„So. Wer kocht denn für dich?”
„Wer sollte kochen!” antwortete er ausweichend. „Was geht das dich an?”
dachte er vielleicht. Da saß sie in einem feinen Mantel, jawohl, aber
er schwänzelte nicht vor ihr. „Was ist das zwischen dir und Mattis?”
fragte er, um sie zurückzuweisen.
„Mit dem Mattis? Wieso?”
„Er hat deinetwegen geweint,” sagte Oliver mit höhnischem Lächeln.
„Meinetwegen? Du scherzest. Um mich weint niemand.”
Da hatte er sie nun ordentlich in die Klemme gebracht, das zeigte ihr
Gesicht; und er sah sie und ihren neuen Mantel noch abweisender an.
„Warum bist du so?” fragte sie, indem sie aufstand.
„Ja ja, das ist nun etwas, das mich nichts angeht,” sagte er, um ihr zu
zeigen, wie fern sie und ihre Angelegenheiten ihm lagen.
„Ich hab' gelesen, was von dir in der Zeitung stand,” fing sie wieder
an.
Nun hätte er wohl dankbar dafür sein sollen, daß sie von ihm in der
Zeitung gelesen hatte, aber nein. Was war nur in Oliver gefahren?
Ganz verändert, ganz wie ausgewechselt, fast ein anderer Mensch war
er geworden. Sie verstand ihn gar nicht mehr und versuchte es auf
verschiedene Weise mit ihm, schließlich fragte sie, ob sie nicht die
Zeitung entlehnen könnte; sie möchte den Artikel gern noch einmal lesen.
Es zeigte sich, daß er das Blatt bei sich trug, er zog es wohl in einer
Tüte eingepackt aus der Tasche und sagte: „Du kannst es mitnehmen, aber
ich will es wieder haben.”
Ein paar Tage später gegen Abend kam Petra wieder in Olivers Haus,
und es war ein Sonntag, da war sie noch feiner angetan. Er hatte sie
vielleicht erwartet, darum hatte er einige treuherzige Vorbereitungen
getroffen: zuerst fegte er den Fußboden und wusch die Ofenplatte,
dann trug er die ungewaschenen Tassen und Töpfe in den Anbau hinüber.
Der Zufall kam ihm auch zu Hilfe. Er hatte wahrhaftig ein paar kleine
italienische Münzen in der Tasche seiner alten Weste gefunden, die
warf er nun auf den Tisch, da konnten sie Staat machen. Dann setzte er
sich an den Tisch, um zu duseln. Als Petra kam, streckte und reckte er
sich gleichgültig.
„Ich bring' dir das Blatt wieder,” sagte sie. Sie konnte das Stück
auswendig und sagte es her; ja, da höre er, was das Blatt sage, es sei
ein ausgezeichnetes Stück, er könne weit in der Welt damit herumrennen.
„Ich bin schon weit in der Welt herum gewesen,” erwiderte er, und der
Kamm schwoll ihm.
„O ja, das fehlt nicht. Wer hat den Fußboden aufgewaschen?”
Was ging das Petra an? Kam sie, um sich über ihn zu erheben? Er
antwortete lauernd: „Die Mädchen.”
„Was für Mädchen?”
„Warum fragst du?” erwiderte er zurechtweisend.
„Ich hätt' es tun können,” sagte Petra. -- Sie sah übrigens nicht
frisch und gesund aus, eher ein wenig unpäßlich, nein wahrlich,
sie strahlte nicht. -- „Wenn es dir recht wär', könnt' ich dir
Kaffee kochen,” sagte sie demütig. „Ich hab' aufs Geratewohl Kaffee
mitgebracht.”
Das erweckte jedenfalls kein Mißfallen bei ihm, aber ... „Nein, du
darfst dir keine Mühe machen,” sagte er.
„Du lieber Himmel! Als ob ich das nicht könnte!” erwiderte sie und
machte sich gleich an die Ausführung.
Es fiel ihm auf, daß sie sich auf einen Stuhl stützte, sich ein paarmal
wegwendete und ausspuckte. „Warum hast du den Mantel an, kannst du den
Mantel nicht ausziehen?” fragte er.
„Es ist nur ein dünner Frühjahrsmantel. Was hast du da für wunderbare
Münzen? Was ist denn das für Geld?”
„Sie sind vom Ausland.”
„Überall bist du doch gewesen!” versetzte sie.
„Sie sind aus Italien. Solches Geld haben sie dort, Soldi. Möchtest du
sie haben?”
„Nein, nein, du sollst dich nicht berauben.”
Er sammelte die Münzen zusammen und warf sie ihr in die Manteltasche.
Dann sprachen sie von seiner Mutter: sie werde wohl bald wieder
heimkommen; von seiner letzten Fahrt vor den Inseln draußen: es sei
gewagt, in einem offenen Boot so weit hinauszurudern. Er holte die
Tassen vom Anbau herein, sie schenkte ihm Kaffee ein, sie selbst habe
eben Kaffee getrunken, sagte sie lachend, und nun könne sie nicht noch
mehr trinken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der helle Schweiß stand
ihr auf der Stirn.
Oliver dagegen fühlte sich allmählich wohl und behaglich; er neckte sie
sogar ein wenig mit dem Schreiner, aber ohne Bosheit, zeigte keinen
Groll, weder gegen sie, noch gegen ihn. „Ja, es ist wohl etwas zwischen
dir und Mattis gewesen?”
„Du schwatzest Unsinn. Zwischen mir und Mattis?”
„Ja, solltest du ihn denn nicht haben?”
„Den Mattis?” Petra schlug die Hände zusammen. Sie verschwor jegliches
Techtelmechtel mit Mattis, sie habe ganz und gar nichts mit ihm zu tun,
ja, sie machte sich sogar über seine große Nase lustig.
„Das ist doch merkwürdig!” sagte Oliver; aber es war ihm gar nicht
zuwider, ihre Versicherungen anzuhören. „Ich hatt' es aber so
verstanden,” fuhr er fort.
Petra sah an ihrem Mantel herunter und murmelte: „Es gibt nur einen,
den ich jemals in meinem Leben gern gehabt hätte.”
Oliver versank in Gedanken, und plötzlich fragte er: „Bist du noch bei
Johnsens in Dienst? Wie ist denn der Scheldrup?”
„Der Scheldrup? Wieso?”
„Ich hab' nur gefragt. Er betrug sich wie ein junger Bengel, als ich
mit dem Havaristen ankam und über alles ein Protokoll aufgenommen
werden mußte.”
„So,” bemerkte Petra nur. Sie füllte ihm seine Kaffeetasse wieder,
setzte sich dann aufs neue und begann: „Ach du, Oliver, was meinst du,
wenn --”
„Was denn, wenn?”
Schweigen.
„Nein, ich weiß doch nicht,” sagte sie und schüttelte den Kopf.
Dann klimperte sie ein wenig mit den italienischen Münzen in ihrer
Manteltasche. „Aber meinst du nicht, es könnte wieder so werden, wie es
früher zwischen uns gewesen ist?”
Die Frage schien keinen besonderen Eindruck auf Oliver zu machen, er
hatte sie wohl erwartet und dachte sich das seinige dabei. „Wie kommst
du darauf?” fragte er.
„Ich hab' es die ganze Zeit gedacht,” antwortete sie.
„Ich bin für niemand mehr etwas nütze,” sagte er.
„Sag' das nicht, du könntest irgendeine Beschäftigung beim Konsul
bekommen.”
„Beim Konsul!” höhnte er. „O nein, aber ich hab' mir schon überlegt,
mich um einen Posten beim Leuchtturm umzutun.”
„Ja, oder auch das. Etwas wird sich schon finden.”
Schweigen.
„Es ist nicht daran zu denken,” begann er wieder. „Ein maroder Mann und
ein leeres Haus. Allerdings zwei Türen zum Einsetzen könnt' ich schon
bekommen, aber ...”
Sie hörte, daß es nicht unmöglich war, und drängte nun nicht weiter in
ihn, aber sie ließ eine Anspielung fallen, sie habe zwei Türen daheim.
Und dann zeigte sie ihm, daß sie seinen Ring noch trug, es sei alles
wie vorher. Unleugbar, Oliver sah sie an und riß die Augen etwas auf,
als sie von dem Ring zu reden anfing, etwas verlegen fühlte er sich
wohl auch, hätte er etwas sagen sollen, so hätte es ein Fluch sein
müssen.
„Haha, ja nun steht wohl ein anderer Name drin!”
„Nein, ich hab' ihn herauskratzen lassen. Willst du' sehen?”
Diese Petra, in manchem und vielem war sie ein Teufelsmädel, tüchtig
und überlegen. Aber das war denn doch fast zu viel. „Solltest du ihm
den Ring nicht zurückgeben?” fragte er.
„Den Ring? Das fehlte gerade noch!”
Da lachte Oliver hellauf, um sich selbst und auch sie aus der
Verlegenheit zu ziehen.
„Den Ring zurückgeben?” sagte Petra. „Da fühl, wie schwer er ist! Er
ist das reine Gold.”
Oliver gekränkt: „Wie du redest! Meinst du, ich hätt' im Ausland einen
Ring aus Messing für dich gekauft? Es ist echtes Karatgold.”
„Ja, das wußt' ich. Er soll nie wieder von meiner Hand wegkommen.”
Aber so leicht sollte es nun auch nicht gehen. Sie meinte wohl, nun
sei sie also wieder mit ihm verlobt, aber sie mußten sich's doch
erst überlegen, erst etwas darüber nachdenken; der Schreiner würde
allerdings nicht daran sterben, er hatte sich ja selbst zurückgezogen,
außerdem war es wirklich ein Streich, den man dem Schreiner, der einen
Krüppel schlecht behandelt hatte, spielen konnte. Aber trotzdem, zu
überlegen war dabei noch vieles.
„Hier sitz' ich!” rief sie und sprang auf, um nach dem Kessel zu sehen.
„Ich sah nicht, daß du ausgetrunken hattest.”
Und Oliver ließ sich einschenken; es war guter, starker Kaffee,
überhaupt brachte Petra ein außerordentliches Wohlbehagen mit, schon
dadurch, daß sie sich beim Einschenken auf seine Schulter stützte. „Wo
dieser Kaffee herkommt, gibt es noch mehr!” sagte sie und setzte sich
auf sein Knie. „Kannst du mich doch noch tragen?”
„Ob ich dich tragen kann!” rief er mannhaft. „Ich kann ebensogut tragen
wie vorher.”
„Da siehst du! Warum sollte es da nicht gehen?” -- Sie schmiegte
sich mit dem Mantel und allem an ihn an; küßte ihn und erinnerte
eindringlich: „Ja, was meinst du, Oliver, willst du mich haben?”
Na, das war nun fast mehr als genug, aber einerlei, alles äußerst genau
abgewogen, war es vielleicht gar nicht dumm. Wie sehr sie es doch
wollte, wie sehr sie es doch wollte!
„Hm!” sagte er. „Wenn ich so hier sitze und mir's überlege, dann glaub'
ich --” hier hielt er inne und ließ einen Augenblick Totenstille
herrschen -- „daß es sich vielleicht machen läßt.”
„Ja,” hauchte sie.
„Da du es willst.”
„Ja,” hauchte sie.
5
Und wieder verging ein Tag nach dem andern, es wurde keineswegs
schlimmer als zuvor. Als Petra einzog, brachte sie das eine und andere
mit ins Haus, und Oliver fischte mit größerem Fleiß als vorher. Eine
gewisse Abenteuerlust verließ ihn nicht; an einem schönen Tage konnte
er in seinem eigenen gebrechlichen Boot weit aufs Meer hinausrudern,
volle vierundzwanzig Stunden fortbleiben und dann erst wieder
heimkommen. In dieser Beziehung war er ein sonderbarer Kauz.
Nein, es ging nicht schlimmer als zuvor, und wenn nicht gerade
wirkliche Not drohte, war Oliver zufrieden. Wie nun, als die Mutter
wieder von ihrer Wanderung heimkehrte; sie kam auch nicht mit leeren
Händen, sondern trug einen Sack auf dem Rücken, Lebensmittel,
Kleidungsstücke. Vor kurzem noch wäre ein solcher Sack der Gegenstand
eines rechten Streites geworden; jetzt aber waren drei im Hause, sie
teilten miteinander, aus Schamgefühl, wenn nicht aus anderen Gründen.
Oliver war als Verlobter tadellos.