ein Schermesser und ein Reibeisen, ja eine Säge, ein Hobel und eine
Kratzbürste, jawohl, aber unersetzlich für Mann und Kinder. Die Leute
hatten sie im geheimen ein wenig zum besten, ihre Eitelkeit war sehr
groß, sie putzte sich gerne, es ging fast ins Närrische über, ihre
Kinder waren hübscher als die anderer Leute, sie selbst war hübscher
als die Frauen in ihrer Nachbarschaft. Es war eine Seuche, die ihr von
ihren Mädchentagen her noch anhaftete, sie hatte, als sie noch jung
war, in lauter vornehmen Häusern gedient, zuerst bei Kaufmann Heiberg,
dann mehrere Jahre bei Johnsen am Landungsplatz, gehörte sie da nicht
zu den besseren Leuten! Hatte nicht sogar C. A. Johnsen in jüngeren
Jahren eine Auge auf sie geworfen gehabt! Sie entsann sich dessen ganz
genau, er hatte nichts bei ihr ausgerichtet, o nein, aber das war nicht
seine Schuld gewesen.
Dann hatte sie Jörgen kennen gelernt, und sie hatte ihn drei Jahre
lang hingehalten, ihn aber dann doch geheiratet. Er war nicht gerade
malerisch fürs Auge, hatte kleine, gewöhnliche Züge und ein harmloses
Gesicht, sein dunkler weicher Vollbart war sogar etwas Besonderes.
Allerdings war er ziemlich schwerfällig, war auch kein guter Tänzer,
Gott und jedermann hörte ihn von weitem, wenn er kam und wenn er ging,
das stillsitzende Leben in seinem Boot trug auch nicht zu seiner
Leichtfüßigkeit bei. Aber Jörgen war ein zuverlässiger, ruhiger Mann,
Lydia hatte noch keinen Tag bereut, daß sie ihn genommen hatte.
Jörgen arbeitete; es ging so weit, daß es ihm nicht wohl war, wenn
er des Wetters wegen nicht hinausrudern konnte, und der Frühling und
Frühsommer waren widerwärtige Zeiten mit ihren endlosen Festtagen,
die man feiern mußte, Ostern und Pfingsten waren ihm eine wahrhaftige
Prüfung. Es wäre noch angegangen, wenn er keinen Absatz für seine
Fische gehabt hätte, aber wenn die Stadt auch nur klein war, so litt
sie doch immer an Fischmangel, und die Fischpreise stiegen mit jedem
Jahre. Oliver konnte über den Verdienst spotten, soviel er wollte, der
Fischfang im kleinen war eine gute Versorgung, eine ausgezeichnete
Versorgung. Und Jörgen hatte überdies in einer Zeitung gelesen, daß der
Fischfang von ebenso gesegneter Art sei wie der Ackerbau: es sei ein
Einheimsen des Jahresertrags. Auch er stand im Dienste der Erde.
Aber jetzt mußte man an Land liegen. Endlich waren die großen Festtage
vorbei, sowie auch Christi Himmelfahrt, der siebzehnte Mai und der Buß-
und Bettag, aber Gott schickte Sturm und Unwetter, und das Meer raste,
Gott wollte eine dreiwöchentliche Ruhe im Einheimsen des Meeresertrags
eintreten lassen; wozu das nun gut sein sollte! Jörgen wanderte mit
seinem kleinen Jungen umher, sie wanderten oft, bis sie tropfnaß waren,
sie stiegen auch noch auf die Berge, betrachteten das Meer und zählten
die Dampfschiffe draußen; dann gingen sie zum Boot hinunter, sahen
nach, ob es sicher lag, ob es nicht ausgeschöpft werden mußte. Es war
Jörgen wind und weh bei diesem Müßiggängerleben.
Er begegnete Oliver. Da sie nichts anderes zu tun hatten, setzten sie
sich unter Dach und hielten einen Schwatz miteinander. Oliver war es
nicht wind und weh, ihm ging's körperlich gut, das schlechte Wetter
erlaubte ihm müßig zu gehen, der Fleiß war ihm abhanden gekommen. Es
war eine Lenkung des Schicksals: kaum hatte er sich vorgenommen gehabt,
sich das Geld zu einem neuen Anzug zu verdienen, als auch schon diese
langandauernde, gezwungene Untätigkeit einsetzte und sein guter Vorsatz
wieder dahinsiechte. Das einzige, worüber er sich jetzt grämte, war,
daß er nicht weit hinausfahren und fortbleiben konnte, nun mußte er
gezwungenerweise Tag für Tag daheim sein und sich mit seiner Mutter
herumstreiten.
Im Philosophieren hatte es Oliver allmählich zu einer ganzen
Meisterschaft gebracht. Er war jung, und zuzeiten konnte er
eindringlich und heftig über sein Dasein Reden halten. „Seht nun
einmal, geht denn alles so hübsch und perlenbestickt, wie man uns aus
der Schrift lehrt! Der Olaus vom Wiesenrain hat in einem Jahr einen
Minenschuß ins Gesicht bekommen, und es ist davon ganz blau geblieben.
Im nächsten Jahr, als er auf der Werft Arbeit gefunden hatte, kam ein
Schwengel daher und riß ihm die eine Hand weg. Jetzt trinkt er wie ein
Loch und prügelt sich mit seiner Frau. -- Nimm, wen du willst, Jörgen,
das Unglück kann uns alle verändern und verderben, und wenn wir noch so
sehr Gottes Geschöpfe sind.”
„Ja,” sagte Jörgen.
„Ja, ist es nicht wahr? Und wenn du eine noch so gutmütige Seele bist
und du bekommst eine Kanonenkugel in den Rücken, so wirst du nicht
besser dadurch. Nein, weit entfernt, du wirst gar nicht besser dadurch.
Vielleicht meinst du, du werdest besser, wie?”
„Ach, das ist das, was man eine Züchtigung nennt,” sagt Jörgen
sanftmütig.
„Du bist ein Schaf, Jörgen. Züchtigung? Das kannst du dir selbst
vorsagen, wenn du in ein Unglück gerätst!” -- Oliver war plötzlich
ganz kreideweiß vor Erregung geworden; aber als Jörgen Miene machte,
zu gehen, bereute er seine Heftigkeit, griff in die Tasche und zog
eine Tonpfeife heraus: „Willst du sie haben? Ich hab' sie für dich
mitgebracht.”
„Hast du das Rauchen aufgegeben?”
„Schon lange. Schon seit dem Krankenhaus. Ich hab' sie einmal im
Ausland gekauft. Wenn du sie also gern haben möchtest --”
„Nein. Du mußt sie aufheben.”
Sie gingen heimwärts.
„O, gib dir keine Mühe, dich fromm zu stellen und die Mundwinkel hängen
zu lassen, Jörgen. Nein, du brauchst dir keine Mühe zu geben,” sagte
Oliver in neu aufflammender Heftigkeit. „Mir geht es genau so, wie du
sagst, da hast du also das deine, ich das meine zu tragen. Sieh' nun
zum Beispiel, daß du nicht aufs Wasser hinauskannst, kommt es am Ende
daher, weil du nun so vermöglich bist, daß du gar nicht mehr ertragen
könntest. Ich sag' dir, unser Herrgott rechnet genau -- es ist fast,
als stehle er dir etwas, jawohl.”
Jörgen runzelte die Stirne und öffnete den Mund, wie wenn er antworten
wollte, was auch ihm in diesem Augenblick Ähnlichkeit mit einem
heftigen Menschen verlieh. Aber es blieb bei den Vorbereitungen, und er
sagte kein Wort.
Oliver beruhigte sich und schlug wieder um: „Aber alles steht in
seiner Hand, das weiß ich wohl. Und wenn wir versuchen, nach seinen
Vorschriften zu wandeln, dann haben wir nichts dabei zu tun. Du willst
also meine Pfeife nicht?”
„Du sollst sie nicht weggeben,” sagte Jörgen ausweichend. Aber als er
des Krüppels flehende Miene sah, änderte er seinen Entschluß und sagte:
„Warum soll ich die teure Pfeife haben?”
„Du sollst sie haben!” erklärte Oliver. „Ich gönn' sie dir, ich hab'
die ganze Zeit an dich gedacht. In vieler Beziehung kannst du mir auch
wieder einen Gefallen tun, ich weiß, daß du es tun wirst.”
Das Haus Oliver hatte sich in der letzten Zeit auch mehrere Male
an gefällige Nachbarn um Hilfe gewandt. Oliver selbst hatte sich
zurückgehalten, aber die Mutter ging am Abend, wenn die Läden
geschlossen waren, hin und entlehnte eine Tasse Kaffeebohnen oder einen
tiefen Teller Roggenmehl „bis morgen”. Was konnte die alte Frau alles
entlehnen; an einem Abend mußte sie bei Fischer Martin einen kleinen
Dorsch entlehnen.
Sie hatte öfters Zwistigkeiten mit dem Sohne: „Aber was in aller Welt
hast du denn mit dem Geld angefangen, das du vor dem Sturm verdient
hast?” fragte sie.
„Das solltest du nur wissen!” entgegnete er.
Aber die Mutter war zäh, sie gab nicht nach, bis sie ihn eines Tages
ordentlich gereizt hatte, da kam er und warf das Geld auf den Tisch;
das einzige, was er sich von dem ganzen gerettet hatte, war ein blauer
Schlips. Es war übrigens keine große Summe, o nein, es waren mühsam
zusammengebrachte Sparpfennige von Fisch zu Fisch; aber viel oder
wenig, es war Geld zu einem Anzug und einem Strohhut, nun mußte es
springen. Natürlich hätte er es nicht ausgeliefert, wenn nicht Gott
selbst mit seinem Unwetter dazwischen gekommen wäre und ihn mitten
in seinem guten Vorsatz aufgehalten hätte; mochte das Ganze nun
draufgehen! Er richtete sich keck auf und sagte zu seiner Mutter: „Laß
mich jetzt eine Weile in Frieden!”
Die Mutter war nicht überwältigt: war das alles? „Ja, ich werde dich
sicherlich in Ruhe lassen,” sagte sie. „Aber wenn ich unsere Schulden
bezahlen soll, so weißt du, daß das nicht weit reicht.”
Da äußerte er etwas, was schon lange in seinem Kopfe geglimmt hatte.
„Für mich selbst hab' ich keine Angst, das mußt du nicht glauben.
Kannst du dich durchbringen, dann kann ich's auch.”
„Was meinst du damit?” fragte sie.
„Was ich meine? Ich meine genau das, daß ich ein maroder Mensch bin,
und daß ich nicht meine volle Kraft habe. Hast du denn nicht Augen im
Kopf?”
„Soll ich betteln gehen?”
„Nicht gerade betteln -- nein. Aber könntest du nicht ein klein wenig
Hilfe von der Unterstützungskasse bekommen?”
„Ach so!” erwiderte sie und preßte die Lippen zusammen.
„Sollte das so undenkbar sein? Wo ich doch so marode bin.”
„Marode?” schrie sie rasend. „Jetzt will ich dir etwas sagen. Du willst
nichts tun, du willst nicht das allergeringste leisten. Warum hast du
nicht aufgepaßt und bist gestern hinausgerudert, wo ruhige See war?
Heut' ist wieder hoher Seegang.”
„O, es war auch gestern hoher Seegang.”
„So. Aber kannst du mir sagen, warum Jörgen draußen war?”
„War Jörgen draußen? O, für Jörgen ist das nicht schwer, er hat ein
neues, gutes Boot,” seufzte Oliver.
Schweigen. Aber die Mutter war jetzt sehr aufgeregt und verbarg das
nicht.
„Du verkaufst die Türen vom Haus weg,” sagte sie; „es ist schon viel,
daß du nicht auch die Wände verkaufst! Ich wär' froh, wenn ich unter
der Erde läge!”
„Ja und ich erst!”
„Du!” höhnte sie. „Nein, du liegst im Hause. Ich bin ganz gewiß, wenn
ich von der Kasse etwas bekäme, dann müßte ich dich auch noch ernähren.”
Da brach Oliver über die unvernünftige Rede seiner Mutter in ein lautes
Gelächter aus. „Nein, jetzt schweig nur! Hahaha, beim wahrhaftigen
Gott. Das übrige kannst du jetzt zu dir selber sagen!”
Nach einiger Zeit waren wieder keine Fische zu den Kartoffeln und kein
Holz für den Herd da. Man hatte nur ab und zu einen Tag hinausrudern
können; aber Oliver verpaßte die Gelegenheit, und am nächsten Tag war
die Bucht schon wieder voller Gischt, ja, der Sturm nahm eher zu, als
daß er nachließ. Was sollte nun das bedeuten? Der Himmel war ohne
Gnade, noch nie war der Donner so furchtbar über die Stadt hingerollt.
Oliver warf sich in der Stube von einem Stuhl auf den andern, döste
dann stundenlang vor sich hin, schlief am Tisch, das Gesicht auf den
Armen. Ab und zu griff er mit seinem Stelzfuß nach der Katze aus. Eines
Tages kletterte er aufs Dach hinauf. Oliver war ein alter Matrose, er
wollte wieder in die Höhe hinauf, er machte sich am Blitzableiter zu
schaffen, legte ein paar Ziegel zurecht und stieg wieder hinunter.
Er war jetzt in tiefer Not, regelmäßige Mahlzeiten gab es nicht mehr.
Eines Morgens ging die Mutter fort und kam den ganzen Tag nicht
wieder; als sie auch am nächsten nicht wieder kam, ging Oliver zu
einem kundigen Mann und sagte: „Du mußt mir einen Gefallen tun und
nach meinem Blitzableiter sehen, ich fürchte, ich hab' ihn verdorben,
als ich die Dachziegel richtig legte.” -- „Meinst du, es eile?” fragte
der Mann. -- „Ja, du müßtest schon so gut sein und gleich mitkommen,”
versetzte Oliver. „Es gewittert ja in einem fort, und ich hab' Angst,
der Blitz könnte einschlagen.”
Der Mann ging mit, wie alle andern mußte auch er sich dem Krüppel
hilfreich erweisen.
Oliver blieb unten, und der Mann stieg aufs Dach hinauf. Er redete zu
ihm herunter: „Ja, wenn hier ein Unglück geschehen wäre, dann hättest
du dich bei dir selbst bedanken können!”
„Wieso?”
„Himmel, die Leitung ist ja entzwei! Sie geht bis zum Dach, dann hört
sie auf. Sie leitet ja den Blitz geradeswegs in den Herd drunten
hinein.”
„Ich überlege mir eben, wie gut es ist, daß meine Mutter in dieser Zeit
gerade auswärts zu Besuch ist. Das Unglück hätte dann nur mich allein
getroffen.”
Der Mann setzt eine neue Leitung ein, und als er fertig ist, fragt
Oliver, was es koste. -- „Nichts.” -- „Doch, ich will dafür bezahlen.”
-- „Ja ja, aber es hat Zeit. Wenn du einmal einen kleinen Dorsch übrig
hast, dann kannst du ihn mir geben.” -- „O, dann sollst du ein ganzes
Bündel haben,” sagt Oliver.
O, Oliver redete laut und flott, jemand, der eben vorüberging, sollte
es hören; Petra war's, die eben vorüberging. Man sollte hören, daß er
eben Bezahlung angeboten hatte und daß er gut bezahlen wollte. Ja,
wahrhaftig, Petra ging vorüber, sie ging wohl hinüber nach des Mattis
neuem Haus, seinem eigenen neuen Haus. Oliver stand da. Er hätte
jedenfalls einen neuen Strohhut haben müssen, um ordentlich grüßen zu
können. Nichts hatte er.
Die Mutter kam nicht zurück. Was sie wohl mit sich angefangen hatte, ob
sie wirklich herumwanderte und bettelte? Oliver nahm seine Wanderungen
in die Kramläden wieder auf; er hatte sich nun eine Zeitlang
ferngehalten, es fand sich auch wieder eine Kiste, auf der er ausruhen
konnte, und ab und zu auch ein Schiffszwieback zum Knabbern. Seht, er
aß ja diese steinharten Zwiebacke nur zum Vergnügen, rein des Spaßes
wegen, niemand verwunderte sich wohl darüber, der alte Matrose hatte
noch Geschmack an der Schiffskost, und er hatte prächtige Zähne.
Als er die Runde in den Kramläden gemacht hatte, erweiterte er seinen
Bereich, er wanderte auf den Hügel und bekam beim Fischer Martin eine
Schale Kaffee mit Weißbrot dazu. Sie unterhielten sich übers Wetter,
und Oliver erzählte den Frauenzimmern von seinem Aufenthalt im Spital
und von der Krankenpflegerin: Da sei er ein rechter Dummkopf gewesen,
daß er sie nicht genommen habe, sagte er. Aber die Sache sei die, man
wolle doch am liebsten in der Religion leben und sterben, die man
gelernt habe. Und damals habe er überdies ein Mädchen daheim gehabt,
der er vertraut habe. -- „Ist es vorbei zwischen dir und Petra?”
fragten die Frauenzimmer. -- „Ach, redet mir nicht davon!” erwiderte er.
Er humpelte hinüber nach einem Neubau, der eben eingerichtet wurde,
setzte sich da nieder und schwatzte auch hier eine Weile. Ja, das koste
Geld, das Bauen, das sei wahr und gewiß. Das Gebäude allein, das könne
noch angehen, aber Fenster und Türen, da gehe einem der Atem aus, so
blutig teuer seien sie. „Wenn ihr zwei Türen kaufen wollt, dann hab'
ich zwei besonders schöne.”
Vom Hügel nahm Oliver seinen Weg zum Schreiner Mattis. Dieser war wie
gewöhnlich bei der Arbeit, legte aber den Hobel weg, um für den Krüppel
einen Sitz abzufegen. Sie redeten über den lang andauernden Sturm
zu Wasser und zu Land, ein armer Kerl könne sich wahrhaftig seinen
Unterhalt nicht mehr verschaffen. Aber es gehe dem einen genau wie dem
andern, der Fischer Jörgen und der Martin vom Hügel könnten auch nicht
hinaus.
„Wenn ich meine Pfeife noch hätte, würde ich sie dir schenken,” sagte
Oliver.
„Nein, das hättest du nicht tun dürfen.”
„Doch, sofort! Aber Jörgen hat sie bekommen.”
„Ach so, Jörgen hat sie bekommen?”
„Ja, eine nagelneue Pfeife. Ich hab' sie irgendwo im Ausland gekauft;
doch was ich sagen wollte: Wann willst du dich verändern?”
„Ja, weißt du,” antwortete Mattis wie etwas verschämt, „schon in
allernächster Zeit.”
„Ach so,” sagte Oliver und blieb ganz ruhig dabei. Oliver konnte
sanftmütig und ungeheuer verständig sein, er fand sich in das
Unvermeidliche. Der Schreiner empfand Mitleid mit ihm, er war doch
eigentlich ein Napoleon. Da saß nun Oliver, schaute zu Boden und hatte
wohl einen wehmütigen Augenblick, er hatte die Augen fast geschlossen.
Aber plötzlich lief ein Kräuseln über die ruhige Oberfläche hin, er sah
noch immer zu Boden, aber er deutete mit der Krücke hinaus und sagte:
„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”
Mattis riß die Augen auf und fragte: „Was?”
„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”
„Die Türen? Ach so!”
Oliver schlug langsam die Augen auf und sagte: „Du kannst sie mir
wiedergeben.”
Sie sahen einander starr an, dann sagte Mattis:
„Ich will sehen, daß ich Zeit bekomme, dir zwei Türen zu machen.”
„Nein,” erwiderte Oliver sofort, „entweder diese Türen oder keine.”
War das eine Drohung? Oliver richtete sich auf und stand ganz steif da,
ja, er gebrauchte die Krücke nur als Spazierstock, eine ganz überlegene
Art war plötzlich über ihn gekommen. Seht, so etwas konnte die
Auffassung des Schreiners über den Krüppel wohl etwas verwirren, Mattis
sah eigentlich aus, als verstehe er die Sache gar nicht, es war, als
sei seine große Nase länger geworden. Offenbar fühlte er sich unsicher.
„Nun, die Türen kannst du haben,” sagte er.
„Du tust mir einen großen Gefallen,” sagte Oliver jetzt. Er ließ Mattis
in tiefe Gedanken versunken hinter sich und wanderte heimwärts.
Dann war er wieder wie zuvor. Er saß am Tisch, döste und schlief,
versetzte der Katze ab und zu einen Fußtritt und ließ seine Blicke über
die menschenleere Straße hinlaufen. Die Tage wurden ihm sehr lang. Die
Türen waren eben eingetroffen und standen im Flur, sie waren noch nicht
wieder eingehängt, aber sie standen ganz fertig da. Mattis hatte sie
selbst auf dem Kopfe hergetragen, die eine Tür nach der andern. Der
Schreiner war etwas wortkarg gewesen, das war nicht so ganz behaglich.
Oliver sagte: „Du hast doch ungeheure Kräfte, Mattis.”
Kurz nachher kam auch die Mutter wieder heim. Sie trat ein, grüßte
nicht und gab Oliver nicht die Hand, aber sie sah nicht unfreundlich
aus. „Hast du die Türen wieder bekommen?” fragte sie, und sie fand es
nun wohl schon etwas behaglicher daheim.
„Wo bist du gewesen?” fragte der Sohn.
„O, ich bin ein wenig umhergewandert.”
„Ja, siehst du,” sagte Oliver, „wenn du auch fort bist, so schaff' ich
doch das eine und andere ins Haus. Jetzt hab' ich die Türen wieder
bekommen.”
„Meinetwegen kannst du tun, was du willst, du kannst Türen im Haus
haben oder nicht,” versetzte die Mutter und kniff die Lippen zusammen.
„Ach so, du kümmerst dich nicht darum, wie es hier bei uns ist! Dann
kann der Satan Türen für dich herbeischaffen!”
Oliver richtete sich auf, ergriff seine Krücke und hinkte hinaus. O, er
wollte die Gelegenheit benützen und sich ordentlich in Zorn versetzen!
Er nahm den Weg wieder nach dem Hügel, nach dem Neubau. Während er fort
war, hielt die Mutter eine Mahlzeit. Die Alte hatte, als sie heimkam,
verschiedene Eßwaren unter ihrem Tuch verborgen: Waffeln, Blutpudding,
geräucherte Heringe, Eier, Speck und Brot. Als sie fertig war, packte
sie alles wieder gut ein und verbarg es zu unterst in ihrem Bett.
Als Oliver zurückkam, brachte er einen Mann mit. Der Mann lud sich ein
Türe auf den Kopf und trug sie fort.
Mutter und Sohn sprachen nicht miteinander. Der Mann kam wieder,
holte auch die andere Tür und trug sie fort, er schlug den Weg nach
dem Neubau ein. Jetzt dachte Oliver vielleicht doch, er sei etwas
weit gegangen, und er wollte die Mutter besänftigen. „Wenn du eine
Tür kaufen willst, dann kostet es ein Blutgeld, wenn du sie aber
wieder verkaufen willst, dann bekommst du nicht so viel, daß du eine
ordentliche Mahlzeit damit bezahlen kannst.”
„Aber ich hoffe, du hast die Türen nicht wieder verkauft,” sagte die
Mutter.
„Was soll ich mit ihnen?” rief Oliver. „Und zum Kuckuck, du hast dir ja
auch gar nichts aus ihnen gemacht!”
„Ach, Gott bewahre mich vor dir!” rief die Mutter.
Zuerst hatte er wohl im Sinn, aufzufahren und ihr die ganze Schuld
aufzuladen, er fuhr unnötig hastig in der Stube herum und stampfte mit
dem Stelzfuß. Doch er mußte seinen Verstand gebrauchen, dazu hatte er
ihn.
„Hier, das ist für die Türen!” sagte er und legte das Geld auf den
Tisch. „Du kannst alles miteinander haben.”
Wieder schien die Mutter durchaus nicht überwältigt zu sein; sie
schielte nach dem Geld hin und warf den Kopf zurück.
Oliver fragte gekränkt: „Was -- du meinst vielleicht, ich hätte
das übrige vertrunken? Ich hab' ein klein wenig für die weite Fahrt
zurückbehalten.”
„Welche weite Fahrt?”
„Und wenn ich nun auf Langfahrt gehe, muß ich auch was haben, um mir
einen Imbiß zu kaufen.”
„Ja, jetzt ist wohl das richtige Wetter zu einer Langfahrt!” sagte die
Mutter ungläubig.
„Der Sturm läßt nach, der Wind hat sich gedreht. Übrigens,” murmelte
er, und er war immer noch der, der seinen Verstand gebrauchen mußte,
denn dazu hatte er ihn, „übrigens will ich nicht mit dir streiten.”
„Ach so,” versetzte die Mutter beleidigt.
„Nein, denn es ist doch falsch, wie ich's auch mache.”
Der Kuckuck sollte den Oliver holen, nun fühlte er sich wohl in der
Sache mit den Türen noch gekränkt!
4
Und endlich brach wieder ein schöner Tag an; er hielt sich und noch
einer dazu, es sah aus, als bliebe das Wetter nun beständig.
Oliver ging zum Fischer Jörgen und sagte: „Nun mußt du so gut sein und
morgen dein Boot mit dem meinen tauschen.”
„Aber warum denn?”
„Ich sollte weit hinausrudern und wage die Fahrt nicht in meinem
eigenen Boot. Ei sieh, du benützt die Pfeife! Wie ist sie denn?”
„Die Pfeife ist schon recht.”
„Ja, du mußt sie gebrauchen, denn dir gehört sie.”
Lydia wollte ihm Kaffee geben, aber er hatte selbst Geld in der Tasche
und konnte es sich leisten, das Anerbieten auszuschlagen. „Ich hab'
getrunken, eh' ich daheim wegging. Ja, was meinst du, Jörgen, willst du
mir den Gefallen tun?”
Jörgen blieb keine andere Wahl. Er antwortete: „Ich werd' es wohl tun
müssen. Aber du mußt ordentlich mit dem Boot umgehen.”
Dann fuhr Oliver auf eine Langfahrt hinaus.
An das, was nun geschah, erinnern sich die alten Leute im Städtchen
noch heutigen Tages, es war keine Kleinigkeit. Oliver ging nicht unter,
und er kam auch nicht abermals zu Schaden, nein, er kam mit einem
Schiff heim, mit einem Havaristen, und verlangte seinen Bergelohn.
Allerdings konnte er den Verdienst nicht allein einheimsen; als er
das Schiff draußen vor den Scheren auf dem Wasser treibend fand,
ausgestorben und ohne Mannschaft, mußte er ans nächste Ufer rudern, um
Hilfe zu holen; aber Oliver war der Entdecker, und er war der kundige
Seemann, der das Bergen des Schiffes in die Hand nehmen konnte. Er
setzte die Pumpen in Gang, er barg die Segelfetzen und herabhängenden
Leinen, dann erteilte er den Männern die Befehle beim Bugsieren, und er
selbst stellte sich ans Steuer. Jetzt konnte niemand sehen, daß er ein
Krüppel war.
Wenn er nun eine Kaffeeladung an Land geführt hätte! So gut war es
allerdings nicht, das Schiff hatte Backsteine an Bord, es führte
sozusagen Backsteine als Ballast mit sich, ein dänisches Schiff war's,
das vielleicht nur nach der nächsten Landstadt mit diesen Backsteinen
sollte und dann von einem übermächtigen Sturm ins offene Meer getrieben
worden war. Der alte Kasten war nicht viel wert; aber es war doch
immerhin etwas, ein Fund und ein Geschenk, ramponiert, jawohl, ohne
Rettungsboote, ohne Ansehen, ein stinkender alter Kasten, aber durchaus
kein Wrack. Das Schiff mußte während des ganzen langen Sturmes im
Wasser gelegen haben, es schien wegen Mangel an Proviant von der
Mannschaft verlassen worden zu sein, denn es fand sich fast nichts
Eßbares an Bord.
Da konnte man nun den seltenen Anblick genießen, und der ganze Ort
starrte neugierig auf die spiegelblanke Bucht hinaus. Was war das? Eine
Art Aufzug: Bugsierboot und Schiff, dahinter ein Boot im Schlepptau.
Die Leute schlenderten allmählich zum Bollwerk hinunter, Jörgen kam
herbei und erkannte sein Boot, das Schiff selbst war ihm unbekannt,
aber Oliver stand darauf.
Ja, Oliver stand fest und steif an Bord und übertrieb nicht mit
besonders starken Ausdrücken; aber er erteilte den beiden Fischern,
die er sich zur Hilfe bei der Bergung geholt hatte, Befehle, dann
schickte er einen Mann an Land nach dem Konsul. Jörgen rief Oliver eine
sanftmütige Frage zu, was das für ein Schiff sei, aber er bekam keine
Antwort, denn Oliver hatte viel zu viel zu tun. Olaus vom Wiesenrain,
der sich immer am Bollwerk herumtrieb und ein ungewaschenes Maul hatte,
sagte ganz laut: „Er hat die Schute gestohlen!”
Oliver war aufgebracht, weil der Konsul nicht selbst kam, sondern nur
sein Sohn, der junge Scheldrup. „Wo ist dein Vater?” fragte Oliver.
„Mein Vater? Was ist das für ein Schiff?”
„Geh und hol' deinen Vater! Du kannst dich darauf verlassen, daß er ein
Protokoll aufnehmen und alles an Bord versiegeln muß.”
„Ich frage, was das für ein Schiff ist!”
Oliver befahl ein paar kleinen Jungen am Bollwerk, den Konsul zu holen,
und erst als dies getan war, wendete er sich an den jungen Scheldrup
und erklärte: „Ja, denn dies ist ein Däne und ein Ausländer, soweit ich
es nach verschiedenen Sachen beurteilen kann.”