In dieser ganzen Zeit war nur wenig von Petra zu sehen gewes

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Die Weiber am Brunnen

Ein Verzeichnis

der Werke Knut Hamsuns

findet sich am Schluß

dieses Buches

Die Weiber am Brunnen

Roman

von

Knut Hamsun

Einzige berechtigte Übersetzung

aus dem Norwegischen

von

_Pauline Klaiber-Gottschau_

[Illustration]

11. bis 15. Tausend

Albert Langen, München

1922

~Copyright 1921 by Albert Langen, Munich~

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, auch für Rußland,

vorbehalten

Knut Hamsun Albert Langen

1

Großstadtmenschen haben kein Verständnis für die Maße und

Größenverhältnisse der Kleinstadt. Sie meinen, sie dürften

nur daherkommen, sich auf den Marktplatz aufstellen und sich

überlegen lächelnd umschauen, dürften sich über die Häuser und das

Straßenpflaster lustig machen, ja, das denken sie oftmals. Aber können

sich nicht die älteren Leute in der Kleinstadt noch an die Zeit

erinnern, wo die Häuser noch kleiner und das Pflaster noch schlechter

gewesen waren? Sie haben es erlebt, daß der Ort vorwärtskam. Und

jedenfalls hat Johnsen am Landungsplatz ein mächtiges Haus bekommen,

ein geradezu herrschaftliches Haus; es hat eine Veranda unten und einen

Altan darüber und Schnitzwerk das ganze Dach entlang. Viele andere

kostspielige Gebäude sind auch entstanden: die Schule, der Speicher

am Landungsplatz, verschiedene Kaufmannshäuser, das Zollhaus, die

Sparkasse, nein, man braucht nicht über die Kleinstadt zu lächeln. Es

ist sogar eine Art Vorstadt da: auf den Felsenhügeln nach der Werft zu

wohnen wohl etliche zwanzig Familien; die hübschen kleinen Häuser sind

je nach dem Geschmack des Besitzers rot oder weiß angestrichen. Und

im übrigen fehlt es auch für Großstädte nicht an Zeiten des Auf- und

Niedergangs, das ist ganz gewiß; aber hatte man je gehört, daß Johnsen

am Landungsplatz einmal mit leeren Händen dagestanden und sich nicht zu

helfen gewußt hätte?

So haben also auch die kleinen Städte ihre Größen, ihre festgegründeten

Häuser mit vornehmen Söhnen und Töchtern, ihre Unveränderlichkeit und

ihr Ansehen. Und die Kleinstadt ist von ihren Großen hingenommen und

verfolgt alles mit reger Teilnahme; die guten Kleinstädter sorgen

eigentlich gerade dadurch für das eigene Wohl und Wehe ihres Lebens,

sie leben im Schutze der Macht und gedeihen dabei. Und so soll es auch

sein. Die Leute entsinnen sich des Tages, wo Johnsen am Landungsplatz

Konsul wurde; da gab es Getränke und Kuchen für jeden, der in seinen

Laden kam, und verschiedene hatten auch gar keine Scham im Leibe und

ließen zweimal ihre Gläser füllen.

An jenem Morgen war der Fischer Jörgen genau wie jetzt auch draußen auf

See und holte Fische zu einem großen Gastmahl. Es war ein glänzender,

festlicher Tag; der neue Konsul war noch so jung, daß er die Arme weit

ausbreitete, außerdem war er so natürlich und so leutselig, daß er

Wein, Weiber und Gesang liebte, die ganze Stadt war bei ihm eingeladen.

Jawohl, und alles ging ausgezeichnet. Das Ganze wurde in der Zeitung

besprochen; auch daran erinnern sich die Leute heute noch, und die

Weiber redeten sogar am Brunnen miteinander darüber. Manchmal keiften

sie um ganze Kleinigkeiten. Lydia konnte sagen: „Sollte ich das nicht

wissen, wo ich doch den ganzen Tag in der Küche dabei gewesen bin!”

-- Die andere Frau aber bleibt bei ihrer Behauptung: „Du kannst ja

hingehen und Johnsen selbst fragen!” -- „Das hab' ich für mein Teil

gar nicht nötig,” versetzt eine dritte, „denn ich hab' die Zeitung

aufgehoben.”

Aber seit jenem großen Tage sind nun wohl sechs bis acht Jahre

vergangen.

Und ebensogut wie die Weiber konnte sich auch noch der Schmied Carlsen

an jenen Tag erinnern. Er war ein sehr geachteter Mann, ja sogar Witwer

mit erwachsenen Kindern, also kein junger Wildfang -- nein, er stand

in aller Stille in seiner Schmiede und dankte Gott für diesen Festtag

ebenso wie für alle andern Tage, die er erleben durfte. So war er, ein

frommer Mann war er. Er merkte wohl auf und dachte bei jedem großen,

freudigen Ereignis im Ort, daß nun er und alle andern Menschen Gott

dafür danken müßten. Viel Worte machte er nicht darüber, und die Leute

hätten wohl auch nicht viel auf seine Worte gegeben, aber sie schätzten

und achteten ihn. Die Menschen waren zwar zäh und undankbar wie sonst

auch, aber der Schmied Carlsen war jedenfalls eine Merkwürdigkeit im

Städtchen.

Es gab da auch viele andere Gestalten und Persönlichkeiten: Olaus am

Wiesenrain, den Fischer Jörgen, den Schreiner Mattis, den Doktor, den

Postmeister, o, es waren gar viele. Der Zahn der Zeit nagt nicht an

allen in gleichem Maße, manche sind unveränderlich, sie reden und reden

gar viel. Auch der Postmeister ist in seiner Art ein frommer Mann,

er und der Schmied Carlsen also sind fromm; aber sonst ist die ganze

Stadt weltlich gesinnt und wenig tief angelegt. Es ist, als gebe es gar

keinen Pfarrer in der Gemeinde; er tauft, konfirmiert, kopuliert und

begräbt zwar die Leute, sonst aber haben sie keine Verwendung für ihn,

und es wird nicht von ihm gesprochen.

O, der kleine Ameisenhaufen! Alle Menschen sind von ihrem Eigenen

hingenommen, sie begegnen einander auf den Wegen, einer pufft den

andern auf die Seite, manchmal schreiten sie übereinander weg. Es geht

gar nicht anders, manchmal schreiten sie übereinander weg. --

Jetzt ist der Fischer Jörgen draußen auf See und fängt Fische zu einem

großen Gastmahl, genau wie vor sechs bis acht Jahren. Obgleich es

Sonntagmorgen ist, sitzt er noch in seinem Boot und möchte so gerne

eine ordentliche Menge Fische mit heimnehmen. Drüben am Lande wird es

nun allmählich lebendig. Die Morgenbrise setzt ein, Jörgens Boot treibt

ab, er muß ordentlich rückwärts rudern, um sich nach den Seezeichen am

Ufer richten zu können. Ach was, nun gibt er es auf, er hat seit zwei

Uhr draußen gesessen!

Im Ort ist noch niemand auf. Jörgen zieht die Fische auf eine Schnur

und trägt sie so durch die Straßen. Er stapft in schweren Stiefeln

einher, und im ganzen genommen ist er ein schwerfälliger Mann in einem

isländischen Wams und den Südwester auf dem Kopf; sonst aber ist er

nicht von hohem Wuchs, eher mager und dazu etwas kurz im unteren

Körper. Aber Jörgen ist zäh und ausdauernd, niemals bettlägerig,

niemals niedergedrückt; eine Erkältung kuriert er dadurch, daß er sich

nicht um sie kümmert.

Er geht nach dem großen Hause von C. A. Johnsen, hängt das Fischbündel

da an die Küchentür und stapft nach Hause.

Ja, jetzt raucht es aus seinem Schornstein, Lydia ist also auf; sie

hat wohl auf sein Boot acht gegeben und den Kaffee zu rechter Zeit

aufgesetzt. Lydia ist seine Frau, sie hat dunkles, lockiges Haar und

ist zwar von zorniger Gemütsart, aber außerordentlich tüchtig, eine

Frau für sein Haus.

Jörgen stapft hinein. „Nicht so laut!” flüstert Lydia grimmig und sieht

mit allen Zeichen des Schreckens nach den Kindern hin, einem Jungen und

zwei Mädchen, die sich im Schlafe bewegen. Jörgen zieht Stiefel und

Wams aus, trinkt Kaffee, ißt auch dazu, geht dann in die Kammer, um zu

schlafen. „Laß die Tür nicht krachen!” zischt Lydia zwischen den Zähnen

hervor.

Aber jetzt muß natürlich das älteste von den kleinen Mädchen erwachen

und sich aufrichten. Das ist das Gewöhnliche. Und dann wacht auch das

andere Mädel auf, das daneben liegt. Die Mutter wird wütend, sie reißt

die Kammertür auf und schreit dem Manne nach:

„So, jetzt hast du mir alle miteinander aufgeweckt!” Und sie schrie so

lange, bis auch der Junge aufwachte.

Jähzornig war Lydia, aber ihr Zorn war immer schnell wieder verraucht;

während die Kinder sich ein wenig unterhielten, räumte sie im Zimmer

auf und fing gleich an, ein Liedchen vor sich hinzusummen. Dann öffnete

sie die Kammertür äußerst vorsichtig und fragte:

„So, du hast nicht geschlafen? Was ich hab' sagen wollen, du hast

doch wohl genügend Fische gefangen? Hast du gehört, was für eine

Gesellschaft es sein wird?”

„Nein, sie waren noch nicht auf.”

„Ja, jetzt schweig nur und schlaf' dich aus,” sagt Lydia und macht

die Tür wieder zu. Und dann schalt sie die Kinder mit lauter Stimme

ordentlich aus, damit sie sich ruhig verhalten sollten.

Sie räumt auf und trällert dazu, sie überlegt, die Gesellschaft ist

ihr sehr wichtig. In früheren Jahren, da wurden bei Johnsens am

Landungsplatz auch schon Gesellschaften gegeben; man bereitete sich

tagelang darauf vor und mußte Hilfe in der Küche haben. Auch Lydia

wurde herbeigeholt; diesmal hatte sie keine Aufforderung bekommen, aber

vielleicht war es keine große Gesellschaft; wahrscheinlich wollte nur

der Sohn, Scheldrup Johnsen, ein paar Altersgenossen bei sich sehen.

Etwas später am Vormittag, als die Leute allmählich unterwegs waren,

hieß es, C. A. Johnsens Schiff werde an diesem Tag in See stechen. Da

grübelte Lydia nicht mehr; es würde also ein donnerndes Fest für den

Kapitän und die Honoratioren der Stadt sein, aber sie wollten in der

Küche ohne sie fertig werden. Gut Glück auf die Reise! Sie zog die

Kinder hübsch an, wusch ihnen die Flecken heraus, rieb die Schuhe mit

Fett und Ruß ein und legte auch für sich ein anständiges Kleid bereit.

Am Nachmittag war eine richtige Wallfahrt nach dem Bollwerk. Man war

schon mitten im Frühling, und die Leute trugen demgemäß helle, leichte

Kleider; das war ein hübscher Anblick. Der Dampfer _Fia_ hatte geladen

und war zur Abfahrt bereit.

Dieses Schiff war nicht mehr neu, es war zu der Zeit gebaut worden, wo

ein vernünftiges Frachtboot ein paar hundert Tausend kosten konnte,

aber nicht mehr; jetzt hatte es Johnsen am Landungsplatz in Göteborg

gekauft. Er hatte es aufputzen lassen und dann nach seinem Töchterchen

„Fia” umgetauft. Was das gekostet haben mochte, ein solches Schiff zu

kaufen, es herrichten zu lassen und es ganz neu zu machen! Es wurde

erzählt, das Umtaufen allein habe einen Haufen Geld gekostet. Aber was

war ein Haufen Geld für Johnsen am Landungsplatz! Und jetzt lag die Fia

als der einzige Dampfer der Stadt und als ein wahres Wunder drunten am

Bollwerk.

Natürlich war die kleine Fia in dem Augenblick, wo ihr Schiff abfahren

sollte, selbst an Bord, und sie saß mit ihren Eltern und dem Kapitän

in der Kajüte. Und natürlich kam auch ihr Bruder, der junge Scheldrup,

an Bord. Er war schon groß und fast erwachsen, in einem hellen Anzug

mit einem schwarzen Samtkragen auf der Joppe, was eben Mode war. Ein

flotter Bursche, der Sohn des Hauses Johnsen, braunäugig wie der Vater,

mit einem leichten Bartflaum auf den Wangen! Die Hüte wurden vor ihm

gelüftet, und er grüßte wieder, fast den ganzen Weg nach der Kajüte

ging er auf diese Weise barhäuptig.

Das Schiff hatte Dampf auf und stieß Rauch aus. Auf Deck war alles

ruhig, der Steuermann und die Mannschaft standen an der Reling,

spuckten ins Wasser und schwatzten ein wenig mit den Bekannten am

Land. Oliver Andersen wußte, wo sein Platz war, und hielt sich ganz

vorne; er war mehrere Jahre lang mit einem Segelschiff gefahren und

war Matrose, ein gewöhnlicher blauäugiger Sohn aus dem Volke, aber

dazu ein Waghals und Kraftmensch, der Sohn einer Witwe. Er war unter

Mittelgröße, aber fest und gut gebaut, hatte früher mit den Bildern von

Napoleon Ähnlichkeit gehabt, jetzt aber trug er einen Vollbart und war

etwas für sich. Gerade in jenem Jahr hatte er die Möglichkeit gesehen,

sein Häuschen mit roten Ziegeln zu decken und es durch einen Ausbau am

Giebel zu erweitern. Er dachte wohl an die Zukunft.

„Ja ja,” sagt er zu seiner Mutter, der Witfrau, die mit den Händen

unter dem Umschlagetuch am Bollwerk steht. „Ja ja, dann schreib ich dir

vom Mittelmeer aus.”

Flott gesagt, sehr erwachsen gesprochen. Und so spricht er auch noch

mit mehreren am Land, mit den Mädchen, mit Petra, die er nun verlassen

muß.

„Und vergiß nicht, im Garten zu gießen!” sagt er weiter. Aber das war

wohl nur ein Scherz von Oliver, und er meinte nichts damit, denn Gott

und alle Welt wußten ja, daß er keinen Garten hatte, sondern die Mutter

säete nur ein wenig Karotten und Rüben die Hausmauer entlang.

Ein schwaches Lächeln flog über das Gesicht der Mutter, sie kannte

ihren Sohn. Böse gemeint? Gott bewahre! So ein Scherz war nicht böse

gemeint. Die Mutter wußte nur Gutes von dem Sohne zu sagen, er hatte

gute Anlagen und gebrauchte sie in netter Weise.

Der zweite Steuermann kommt einen Augenblick nach vorne; auch er

hat wohl ein Mädchen am Ufer stehen. „Schieß die dort auf!” sagt er

übertrieben befehlshaberisch, indem er auf eine Leine deutet.

Oliver schießt die Leine auf. Er wäre übrigens gerne eine Minute an

Land gegangen, nur eine halbe Minute, um seinem Mädchen eine Tüte

Rosinen, die er in der Tasche hat, zu geben. Ganz notwendig hätte er

an Land gehen sollen. Aber er will sich jedenfalls auch von da, wo er

steht, geltend machen.

„Carlsen!” ruft er, und damit meint er den Schmied Carlsen. „Gut,

daß ich Sie sehe! Ich bin Ihnen die Bügel für meine Dachrinne noch

schuldig.”

Carlsen ist in Verlegenheit, weil aller Augen auf ihn gerichtet sind,

und er sagt:

„Laß das nur, du brauchst dich nicht aufzuhalten, es hat Zeit, bis du

wiederkommst.”

Aber Oliver hat schon den Geldbeutel gezogen und reicht das Geld über

die Reling weg. „So viel war es wohl?” fragt er.

Oliver fühlte sich wohl recht ehrenhaft und überlegen, als er sich in

Gegenwart einer ganzen Volksmenge so zahlungsfähig zeigen konnte. Wer

stand da und war Zeuge seiner Handlungsweise? Petra und alle Welt. Und

dort stand ja auch Lydia mit ihren Kindern, und ihr entging nichts, sie

war die richtige „kluge Else”. Ihr Mann, der Fischer Jörgen, stand auch

weiter drüben, aber als sich nun die Honoratioren der Stadt allmählich

einfanden und gerade an seiner Ecke vorüberkamen, zog er sich etwas

weiter vom Bollwerk zurück und suchte sich einen sichereren Platz.

Nun kamen die Großen, die Schiffsreeder, der Doktor, die geachtetsten

Kaufleute; einige waren ganz aufgekratzt von dem Mahl beim Konsul; sie

trugen eine Blume im Knopfloch und hatten den hohen Hut auf. Da kam der

Rechtsanwalt Fredriksen; der Augenblick war noch nicht gekommen, aber

Rechtsanwalt Fredriksen würde sicherlich die Gelegenheit wahrnehmen und

einige feierliche Worte sprechen. Er war das Reden gewohnt, er war der

in der Stadt, der Versammlungen zusammenbrachte und Reden hielt.

Die Familie Johnsen taucht aus der Kajüte auf, Herr C. A. Johnsen,

selbst mit lebhaften braunen Augen und dem runden Bäuchlein des

Lebemanns. Frau Johnsen führt die kleine Fia an der Hand. Als sie an

Land gingen, machten alle Platz, nicht ein Kind stand im Wege. Leute,

die ein Dampfschiff besitzen, müssen einen breiten Weg auf ihrem

eigenen Bollwerk haben, das ist nicht mehr als recht und billig.

Der Kapitän stieg rasch hinauf auf die Brücke und klingelte der

Maschine. „Fertig! Los!” ruft er. Die Trossen werden hereingezogen.

Der Kapitän schwingt die Mütze, seine Familie und Freunde grüßen

wieder, das Schiff zittert und weicht zurück. Oliver wirft im letzten

Augenblick seine Tüte ans Land, er sieht wohl, daß sie ungefähr da

niederfällt, wo sie soll.

Jetzt ist der Augenblick da: Rechtsanwalt Fredriksen tritt vor, lüftet

den Seidenhut hoch in die Höhe und erfleht Heil und Glück für das

Schiff, die Reeder und die Mannschaft. „Hurra!” ertönt es vom Bollwerk.

Dann fuhr die Fia nach dem Mittelmeer.

Die Tüte traf, jawohl, aber es war eine unwillkommene Tüte und eine

schändliche Tüte, sie zerplatzte, als sie niederfiel, und die Rosinen

lagen zerstreut auf den Planken des Bollwerks. Das war ein Zustand!

Petra lächelte gekränkt und war dem Weinen nahe. Olivers Mutter las

die Rosinen in ihr Tuch zusammen, sie hatte ihre liebe Not, die Kinder

zurückzuhalten, und ermahnte sie eifrig, doch nicht auf die guten Gaben

Gottes zu treten. Die Honoratioren, ja auch die Familie Johnsen kamen

an diesem kleinen Walplatz vorüber, insbesondere kam auch der junge

Scheldrup Johnsen vorüber. Er lächelte und sagte leise zu Petra: „Heb'

deine Rosinen auf!” Petra war wie mit Blut übergossen; sie ließ den

Kopf hängen und wäre sicherlich am liebsten in die Erde versunken ...

Die Weiber am Brunnen redeten noch lange von diesem Tag. Sie konnten

wohl in der und jener Kleinigkeit uneinig sein, aber Frau Johnsen war

jedenfalls in schwarze vornehme Seide gekleidet gewesen und hatte einen

Überwurf mit seidenen Fransen über den Schultern getragen. Ihr Hut war

sogar von ganz besonderer Art, mit einem dünnen, breiten Rand, der beim

Gehen etwas auf und ab wogte, und mit einer einzigen, großen Feder

geschmückt.

Dagegen hatte sich niemand weiter um das gekümmert, was nun folgte,

denn jetzt kam das tägliche Leben an die Reihe. Oliver kam im Herbst

wieder heim, aber ohne die Fia. Ach ja, er hatte einen Schaden

davongetragen, war fast erschlagen worden. Er war ein Krüppel. Da war

nichts zu machen. Wenn man aus dem Takelwerk herabstürzt und sich

die Rippen bricht, so kann man es ja wohl überstehen, aber es ist

jedenfalls ein Ereignis, das man im Gedächtnis behält. Aber Oliver

-- er geriet unter eine Trantonne und brach sich die Leiste und

einen Schenkel er wurde verstümmelt und überstand es. Dann lag er im

Krankenhaus in einer kleinen italienischen Küstenstadt, wo er nicht

ordentlich verpflegt wurde, und das Bein mußte abgenommen werden.

Sieben Monate vergingen, bis er in seine Heimat zurückkehren konnte.

Petra, sein Mädchen, zeigte sich recht gut und hielt sich unter dieser

ungeheuren Prüfung aufrecht. Sie war in jeder Weise ebenso gewöhnlich

wie andere Mädchen, aber sie hatte auch gute Eigenschaften, daran

fehlte es wirklich nicht.

Mattis, der bei einem Schreiner in der Lehre gewesen und jetzt Geselle

war, Mattis mit der großen Nase, dieser Mann ging zu Petra und sagte:

„Das ist ein großes Unglück.”

„Welches Unglück?” fragte sie.

„Daß der Oliver so heimkommt. Weißt du es nicht?”

Petra antwortete gekränkt und ganz treu: „Soll ich es nicht wissen?

Hab' ich nicht einen Brief um den andern bekommen?”

„Er ist verunglückt,” sagte Mattis.

„Jawohl,” erwidert Petra.

„Ja, nun gehört er zu denen, die sich nicht allein durchbringen können,

und wie soll es dann gehen?”

Petra antwortete kurz: „Darum brauchst du dich nicht zu kümmern.”

Sie zeigte keinen auffallenden Kummer, legte kein Mitleid mit

sich selbst an den Tag, nein, vielleicht hatte sie nicht einmal

nennenswertes Mitleid mit ihrem Liebsten.

„Willkommen daheim!” sagte sie zu ihm.

Oliver selbst war schweigsam, aber seine Mutter ergriff das Wort. „Ja

ja,” sagte sie, „du siehst nun, wie er heimgekommen ist.”

„Ach so, du hast einen Stelzfuß,” sagte Petra.

Oliver sah nach der andern Seite und erwiderte: „Ja, das versteht sich.”

Die Mutter fügte hinzu: „Und auch eine Krücke.”

„Das ist nur für den Anfang, während ich noch nicht fest und sicher

bin.”

„Tut es weh?” erkundigte sich Petra nach dem Bein.

„Kein bißchen!”

„Na, das ist nur gut.” Damit schickte sich Petra zum Gehen an. „Ja, ich

wollte nur einmal hereinsehen,” fügte sie hinzu.

Da konnte er ihr ja nicht die zwei Geschenke übergeben, die er

mitgebracht hatte, eine weiße Engelsfigur und ein mit verschiedenen

Holzarten eingelegtes Kaffeebrett. Warum war sie so trocken und kurz

angebunden? Sie wußte ja, daß er ihr immer etwas mitbrachte, wenn er

aus fernen Landen heimkehrte, und er hatte sie auch diesmal nicht

vergessen. Was den Stelzfuß betraf, so hatte dieser sicher einen recht

unvorteilhaften Eindruck auf sie gemacht, das war nicht anders zu

erwarten gewesen, aber kalt und kurz angebunden -- war Petra kalt?

Alles andere als das. O, hört nur den Mattis, der immer anfing, zu

jedermann, wer es nur immer hören wollte, zu sagen: „Die Petra, ich

möchte sie nicht haben! Denn wenn ein Mädchen zu denen gehört, die

schwer schnaufen und mit zitternden Nasenflügeln dastehen, dann bedanke

ich mich!”

Oliver mußte allmählich daran denken, sich nach einer Beschäftigung

umzutun. Solange es etwas daheim zu essen gab, verzehrte er seine

Mahlzeiten und wurde stark und kräftig; er erlangte seinen gesunden

Oberkörper wieder wie früher und auch ordentliche Kräfte, aber als

die Mutter nichts mehr von seiner Heuer abheben konnte, nahm das Mehl

und Fleisch im Hause bedenklich ab. Vielleicht wäre Oliver noch nicht

zu alt zum Erlernen eines Handwerks gewesen, er konnte Uhrmacher oder

Schneider werden, oder er könnte aufs Seminar kommen und Schullehrer

werden. Aber was wäre so eine Frauenbeschäftigung für seine Hände? Und

wovon sollte seine Mutter während der Lehrjahre leben? Außerdem war ja

das Meer sein Element, das Meer und nichts anderes.

Er war jung und seiner plötzlichen Hilflosigkeit höchst ungewohnt. So

saß er meist ruhig da, aß, und wenn er sich in der Stube herumbewegen

wollte, half er sich mit den Händen und warf sich von Stuhl zu Stuhl.

Er war eifrig damit beschäftigt, sich eine neue Lebensstellung

auszudenken; das war eine sonderbare Beschäftigung für den geborenen

Matrosen, ja bisweilen hielt er vor lauter Sonderbarkeit mitten in

einem Gedanken inne. Er hinfällig, er ein Krüppel! Vorläufig mußte er

sich ein Boot verschaffen und fürs Haus etwas fischen. Er hatte einen

schlimmen Schaden davongetragen, einen unbestreitbaren, glaubwürdigen

Leibesschaden, aber als er das brandige Bein abgeworfen und die Folgen

davon überwunden hatte, blieb ihm immer noch ein guter Rest übrig, eine

Nettokraft.

Es ging nicht gerade großartig mit dem Fischfang, Frostwetter setzte

ein und die Bucht war bis zum offenen Meer hinaus mit Eis bedeckt,

nicht einmal das Postschiff konnte die Rinne offen halten, sondern

mußte sich jedesmal durchs Eis vorwärtsstoßen. Oliver hätte es wie die

andern Fischer machen können, ein Loch ins Eis hacken und da fischen,

zu Fuß -- sozusagen vom Land aus, das tat Jörgen, das tat auch der alte

Martin vom Hügel. Aber Oliver war zu jung in diesem Fach und wollte

übrigens auch nicht zu solchen äußersten Mitteln greifen. Die Leute

sollten nicht den Eindruck bekommen, er fische aus Not, nein, sondern

aus Lust, um sich die Zeit zu verkürzen.

Ernste Tage kamen, eine unbehagliche Weihnachtszeit. Aber zu Neujahr

änderte sich das Wetter, ein Sturm setzte ein, und das Eis in der Bucht

brach wieder auf. Da ruderte Oliver hinaus und fischte einen Tag um

den andern; er blieb immer länger fort, manchmal bis zum Abend, und er

brachte auch Fische mit heim. Aber er fischte nicht aus Not, o weit

entfernt!

Die Mutter sagte in gleichgültigem Ton: „Es ist wahr, Johnsens am

Landungsplatz haben mich gefragt, ob du ihnen nicht Fische bringen

könntest.”

„Ich?” sagte Oliver. „So, das sagten sie. Aber ich fische nicht für

andere.”

„Ja, das dacht' ich auch,” stimmte die Mutter bei. Sie ließ die Frage

fallen, ließ sie ganz und gar fallen und tat, als könne Johnsen am

Landungsplatz seine Fische wohl selbst fangen. Schließlich sagte sie:

„Ja ja, sie haben eine gute Bezahlung dafür versprochen.”

Schweigen. Oliver grübelte nach. „Der Johnsen am Landungsplatz soll mir

zuerst meinen Fuß bezahlen,” sagte er dann.

In dieser ganzen Zeit war nur wenig von Petra zu sehen gewesen,

sie hatte wohl ein paarmal einen kurzen Besuch gemacht, hatte ihre

Geschenke in Empfang genommen, ein paar gleichgültige Redensarten

gewechselt und war wieder gegangen. Sie trug noch immer Olivers Ring

und machte auch keine Miene, das Verhältnis abzubrechen, nein, das

tat sie nicht; aber Oliver hatte doch so seine ängstlichen Gedanken

über dies und jenes. Richtig abgewogen, war er ja auch nicht mehr

viel wert, ein halber Mensch, eine Art Mißgestalt, die nichts besaß,

selbst sein Anzug fing schon an schäbig zu werden. Ja, er war in seinen

Matrosentagen zu leichtsinnig gewesen, er genau wie die andern, und

hatte nicht viel auf die Seite gelegt. Das einzige, was er für die

Zukunft getan und worauf er vor seinem Fall stolz gewesen war, galt

jetzt vielleicht gar nichts: der Anbau am Hause, die neue Stube und die

Kammer auf der andern Seite des Flurs. Gott mochte wissen, ob diese

Herrlichkeit nun benützt wurde!

Der Winter wollte kein Ende nehmen, das drückte auf die Gemüter und

machte die Leute verdrossen.

An einem Sonntag gegen Abend kam Petra und war freundlicher als sonst.

„Ich hab' deine Mutter in die Stadt gehen sehen,” sagte sie zu Oliver,

„da wollt' ich ein wenig zu dir hereinschauen.”

Oliver ahnte Unrat, sein Mädchen war so fremdartig; sie sagte zärtlich:

„Armer Oliver!” und sie äußerte, Gott habe sie beide schwer heimgesucht.

„Ja,” stimmte Oliver bei.

„Das ist nun eben unser Schicksal,” murmelte sie und seufzte.

„Was meinst du?” fragte er.

„Was meinst du selbst?” versetzte sie.

Da gab er sofort nach, teils aus altem Hochmut, teils weil er einsah,

daß sie eigentlich recht hatte. Man konnte vor der nackten Tatsache

unmöglich die Augen verschließen.

Sie besprachen die Sache miteinander, und sie gebrauchte lauter

schonende Worte, aber die Absicht war deutlich.

„Ich verwundere mich nicht über dich,” sagte er mit niedergeschlagenen

Augen.

Als sie gehen wollte, schien sie das Schwerste immer noch nicht gesagt

zu haben, zuerst ging sie nach der Tür, kam aber dann wieder zu ihm

zurück, strich ihm über beide Wangen und hob seinen Kopf auf.

„Jetzt sei nicht gegen uns beide, indem du nein sagst. Ich hab' mir's

überlegt. Du hast ja nicht allein dich selbst, sondern auch noch deine

Mutter zu versorgen. Das ist nicht so leicht für dich.”

Er sah sie verständnislos an: das hatten sie schon besprochen, nun

wollte er nichts mehr davon hören.

„Das weiß ich,” sagte er.

„Und ohne gesunde Glieder und allem andern --”

„Das weiß ich auch,” unterbrach er sie gereizt.

„Nein, so darfst du nicht sein, Oliver!” lockte sie.

Aber als sie merkte, daß er noch mehr Bissiges sagen wollte, runzelte

auch sie die Stirn und ging nun plötzlich ohne Umschweife los. „Es

nützt nichts, was du sagst, es steht jetzt nicht sehr gut für dich,

aber es wird wohl besser werden. Jetzt lege ich ihn hierher, du kannst

ihn in etwas verwandeln, es nützt nichts, was du auch sagst, ich lege

ihn hier auf den Tisch. Er ist schwer und teuer, ich bin überzeugt, es

werden ihn viele kaufen wollen.”

„Was ist es denn? Ach so, der Ring! Ja, leg ihn nur dorthin,” sagte er

und nickte.

Sie hätte sich alle Umschweife sparen können, in diesem Augenblick

schien er gar nichts dagegen zu haben, den Ring wieder zu bekommen, er

war jedenfalls ein Wertgegenstand. Als Petra gegangen war, steckte er

ihn sich auf das äußerste Gelenk seines kleinen Fingers und drehte und

wendete ihn.

Aber dann wurde er von Rührung übermannt. Ihn verkaufen, den Ring

in etwas anderes verwandeln? Nimmermehr! Eher wird er ihn in die

Meereswogen versenken. Er wird dieses Andenken sein Leben lang

behalten, es an den Sonntagen herausnehmen und es betrachten. Im

übrigen dauerte es ja nicht so lange, bis das Leben verging. --

2

Dann ruderte Oliver nicht mehr hinaus und fing nicht mehr jeden

Tag Fische. Nein, nicht jeden Tag. Es kam wohl daher, daß die

Auseinandersetzung mit Petra ihn etwas mitgenommen hatte, er sah sich

nicht nach Arbeit um, faßte keinen Entschluß. Die Mutter konnte fragen:

„Fährst du heut nicht hinaus? Nein, wohl nicht?” -- Und Oliver konnte

erwidern: „Hast du keine Fische mehr?” -- „O doch, deshalb hab' ich

nicht gefragt,” antwortete die Mutter und schwieg.

Ach, aber sie hätte etwas Mehl und allerlei anderes haben sollen:

Seife, Kaffee, Lampenöl, Brennholz, Butter, Zündhölzer, Sirup, lauter

notwendige Dinge. --

Mattis, der Schreinergeselle, war eifrig dabei, sich ein Haus zu bauen,

er dachte wohl an die Zukunft. Eines Tages humpelte Oliver zu ihm hin

und ließ den Ring auf seinem kleinen Finger spielen. Die beiden hatten

nichts gegeneinander.

Oliver sagte: „Ich hab' für meinen Anbau zwei Türen machen lassen, sie

sind bei deinem Meister gemacht worden.”

„Jawohl,” sagte Mattis, „es war im Winter vorm Jahr.”

„Du könntest mir die Türen abkaufen und sie hier einsetzen.”

„Willst du sie verkaufen?”

„Ja. Da ich sie nicht mehr brauche. Ich hab' mich anders entschlossen.”

„Ich kenne die Türen wohl, denn ich hab' sie selbst verfertigt,” sagt

Mattis. „So, du hast dich also anders entschlossen? Du willst dich

nicht verändern?”

„Vorerst nicht.”

„Was willst du für die Türen haben?”

Sie wurden bald handelseinig; es waren also gebrauchte Türen und

nicht einmal angestrichen; aber Oliver hatte Schlösser und Angeln dazu

gekauft, der Preis war demnach gegeben.

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, er konnte doch die Treppe

nicht verkaufen. Er und die Mutter lebten eine Zeitlang recht gut von

dem Gelde für die Türen; aber nun war der Frühling wieder im Anzug,

Oliver war jung und hatte abgetragene Kleider, er könnte sich in

neuen besser zur Geltung bringen, und da er nun leider für immer eine

Landratte geworden war, hätte er auch gern einen Strohhut gehabt. Die

Mutter sah immer weniger hoffnungsvoll in die Zukunft, und meinte, sie

hätten ja den Anbau vermieten können, wenn --

Ja, Oliver sagte, er hätte nichts dagegen.

„Aber es sind ja jetzt keine Türen dafür da.”

Nach einem Augenblick der Überlegung sagte Oliver sorglos:

„Türen? Dann kann ich doch wohl zwei Türen machen lassen.”

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Aber es sind auch keine Öfen drin.”

„Öfen? Was sollen die Leute mit Öfen jetzt im Sommer?” fragte er.

„Sollen sie sich nicht kochen? Sollen sie keinen Herd haben?” versetzte

sie.

Olivers Kopf hatte sicherlich einen Stoß erlitten, er war im Denken

nicht mehr so frisch wie früher.

Er schleppte sich wieder zu Mattis hinüber, sprach eine gute Weile mit

ihm und sagte dann: „Ja, du baust dir ein Haus und streichst es an

und setzt Türen und Fenster ein, dann hast du wohl im Sinn, dich zu

verändern?”

„Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll,” erwiderte Mattis.

„Aber es ist nun so, daß ich mir's nicht geradezu aus dem Sinn

geschlagen habe.”

„Das versteh' ich!” stimmte Oliver bei und sah dem Schreiner eine Weile

bei seiner Arbeit zu. -- Sie hatten noch immer nichts gegeneinander.

Oliver fuhr fort: „Und wer es nun auch ist, oder wer es nun wird, so

bekommt sie bei dir ihr gutes Auskommen. Doch was ich sagen wollte:

Hast du schon einen goldenen Ring gekauft?”

„Einen goldenen Ring? Nein.”

„So. Nun, wenn es soweit ist, dann hab' ich einen.”

„Laß mich ihn sehen!” sagt Mattis. „Aber dein Name steht wohl drin.”

„Ja, aber den kannst du herauskratzen lassen.”

Mattis sah sich den Ring an, wog ihn in der Hand und schätzte ihn ab.

Sie wurden handelseinig, Mattis kaufte ihn. „Wenn er nur auch paßt,”

sagt er.

Oliver antwortete vielsagend: „Das ist das wenigste, was mir Sorge

macht. Soweit ich verstehe ...”

Da sah Mattis den andern gerade an und fragte: „Ja, was sagst du dazu?”

„Was ich dazu sage?” erwiderte Oliver. „Das geht mich nichts mehr an.

Es wird sich wohl auch für mich Rat schaffen lassen, ich bin noch nicht

tot.”

„Nein, das ist sicher und gewiß,” sagte auch Mattis beipflichtend.

„Ja, was meinst du?” fragte Oliver geschmeichelt. „Gibt es keine

Aussichten mehr für mich?”

„Du machst nur Spaß, Oliver, du hast dieselben Aussichten wie ich.”

Mattis war sichtlich erleichtert. Sie traktierten sich mit

schmeichelhaften Redensarten, ohne Zurückhaltung, aber auch ohne

Vertraulichkeit.

„Wie ging es zu, als du zu Schaden kamst?” fragte Mattis. „Mit dem

Herunterfallen?”

„Ich?” rief Oliver beleidigt. „Ich bin zuviel draußen gewesen, um

herunterzufallen.”

„Ich dachte, du seiest heruntergefallen.”

„Nein, es war eine hereinstürzende Woge.”

„Na, das muß eine ordentliche Woge gewesen sein, die dich kaputt

gemacht hat.”

„Jawohl, es war eine Teufelswoge,” versetzte Oliver prahlerisch. „Sie

riß die ganze Decklast mit sich, schleuderte mir eine Trantonne gerade

in die Arme; sie flog durch die Luft daher, wie eine Kanonenkugel

sauste sie auf mich zu.”

„Durch die Luft?”

„Da hörte ich einen Warnungsruf von den andern.”

„Hast du nicht selbst geschrien?”

„Warum hätte ich schreien sollen? Was hätte es mir genützt?”

Mattis schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: „Ja, du bist doch immer

derselbe!”

Jawohl, Mattis war sichtlich erleichtert, mit Oliver konnte man sehr

gut verkehren. Könnte man umgänglicher sein als dieser Mann? Den halben

Unterkörper verloren, alles verloren, aber trotzdem -- Napoleon! Wenn

man ihn in einen Wagen setzte, mit dem Spritzleder vor, dann war er

ohne Fehl. --

Oliver und seine Mutter lebten nun wieder eine Zeitlang gut, dazwischen

ging er fischen, so daß sie genügend Fische für sich und für die Katze

hatten; von dem Geld für den Ring wurden Mehl und Lampenöl gekauft.

Aber jetzt hatte Oliver nichts mehr zum Verkaufen, er konnte doch nicht

den Kamin auf dem Dache verkaufen.

Die Mutter wurde ängstlicher, so konnte es nicht weitergehen! Sie ließ

Andeutungen fallen, daß etwas getan werden müsse, später wagte sie es,

sich etwas unzufrieden zu zeigen. Die Krippe war leer. „Du könntest

wohl etwas stricken. Kannst du nicht stricken?” fragte sie. Aber Oliver

konnte nichts, hatte nichts gelernt, sich keine Mühe gegeben, etwas zu

lernen; als er etwas lernen sollte, war er auf See gegangen.

„Ich sollte so notwendig einen Quirl haben,” sagte die Mutter. „Du

könntest mir einen Quirl machen, wenn du ein wenig Handgeschick

hättest.”

Oliver mußte das von seiten seiner Mutter als unzeitgemäßen Spaß

auffassen, und er erwiderte: „Soll ich vielleicht auch Fausthandschuhe

stricken?”

Er überlegte, überlegte alle Gründe für und wider, jawohl, etwas mußte

getan werden. Immerfort wurde überlegt.

Auf das Wohnhaus konnte nicht mehr aufgenommen werden, als schon darauf

stand; das war schon seit lange dem Rechtsanwalt Fredriksen verpfändet.

Auf den Anbau war allerdings nichts aufgenommen, und Oliver hatte

sich gleich nach seiner Heimkehr wegen einer Anleihe an Fredriksen

gewendet, war aber abgewiesen worden. Der Anbau? Den hielt Fredriksen

nur für eine ordentliche Instandhaltung des Hauses. „Und das neue

Ziegeldach?” fragte Oliver -- „Instandhaltung,” sagte Fredriksen. Als

Oliver andeutete, er könne anderweitig auf den Anbau Geld aufnehmen,

drohte ihm der Rechtsanwalt mit Kündigung seines Geldes und mit einer

sofortigen Versteigerung des Hauses. Sie redeten hin und her, und der

Rechtsanwalt fragte verwundert: „Bist du wirklich so abgebrannt?” --

„Ich?” sagte Oliver und warf sich in die Brust. Ja, das hatte der

Rechtsanwalt wirklich geglaubt. Und da er nun durch den Anbau und das

neue Ziegeldach erst eine ordentliche Sicherheit für sein Geld hatte,

sollte Oliver eine Erklärung unterschreiben, daß alles neue am Haus mit

zum Pfandobjekt gehöre -- ob er das als anständiger Mensch tun wolle?

Und Oliver, eben erst heimgekehrt, von den Seehäfen her an ein flottes

Auftreten gewöhnt, außerdem von Natur gutmütig, Oliver unterschrieb. --

Er trennte sich von dem Rechtsanwalt in höchst freundschaftlicher Weise.

Das war damals gewesen.

Gar oft bereute er nachher seine Dummheit, aber da war nun nichts mehr

daran zu ändern. Oder wie? Könnte er das Haus ohne weiteres verkaufen,

den Rechtsanwalt ausbezahlen und ihn los sein? Würde das Geld dazu

reichen? Ach, das einzig Sichere dabei wäre jedenfalls, daß er selbst

obdachlos dastünde!

Oliver überlegt hin und her. Bisweilen überlegte er, ob er nicht fromm

werden, sich einen kleinen Rollwagen anschaffen und in den Dörfern

herumfahren sollte.

Die Mutter konnte ihm dies und jenes aus dem Ort berichten, sie hörte

mehr als er, sie schnappte manches auf der Straße und am Brunnen auf:

Klatschereien, Ereignisse, Lüge und Wahrheit, alles nahm sie mit und

brachte es heim. Bisweilen lag es nur in ihrem Kopf und verschwand

wieder, aber bisweilen brachte so ein zufälliges Wissen Nutzen. Zum

Beispiel, als sie Oliver von Adolf, dem Sohn des Schmieds Carlsen

erzählte; Adolf war ein junger Bursche, der sich hatte anheuern lassen

und nun zur See ging.

„Wo hat er sich verheuert?” fragte Oliver.

„Auf Heibergs Barke. Es hieß, er wolle sich eine Schiffskiste machen

lassen.”

Nach einer kleinen Weile nickt Oliver und sagt: „Er kann mir meine

Kiste abkaufen.”

„Die auch?” seufzt die Mutter.

„Was soll ich mit ihr? Ich hab' sie einmal ums andere hinaus- und

wieder heimgefahren. Jetzt steht sie da. Nun, sag' du nur dem Adolf, er

soll meine Kiste kaufen, ich kann sie nicht mehr sehen.”

Er war auch ganz überzeugt, daß Adolf gern seine Kiste haben wollte.

Diese hatte viele Reisen mitgemacht und war seetüchtig, also eine

gebrauchte Schiffskiste, die Glück hatte. Oliver hatte sich ja

jedesmal, wenn er wieder abreiste, geradezu nach seiner Kiste gesehnt.

Lebendig war sie allerdings nicht, nein, aber sie war ein Kamerad, und

ein treuer, o ein zärtlicher Freund! Aber Glück auf die Reise, nun

mochte sie gehen! Auf der letzten Reise von Italien nach Hause war sie

ihm eine richtige Last gewesen; er war ein Krüppel geworden und konnte

sie nicht mehr so handhaben wie zuvor, und sie hatte Übergewicht auf

der Eisenbahn, er hatte für sie bezahlen müssen. Es war fast, als stehe

sie bei ihm in Dienst und zehre an ihm, das Ungetüm -- fort mit ihm!

O, aber so ganz gleichgültig war Oliver nun doch nicht, als die

Mutter mit Adolf ankam. Da stand nun seine Schiffskiste, und sie

war eigentlich häßlich und schwerfällig, aber eben doch nützlich.

Sie hatte Fußtritte und Stöße hingenommen, war seit mehreren Jahren

grün angestrichen, ja, man hatte sogar Tabak auf dem Deckel klein

geschnitten, aber was für ein gutes Stück war sie trotzdem!

„Sie ist, wie du sie hier siehst,” sagte Oliver zu Adolf. „Sie hat sich

weder aus feinen Kapitänen oder Maklern oder aus Konsuln etwas gemacht,

sondern stand da, wie sie immer gestanden hatte, ist nie von der Stelle

gewichen, außer mit Gewalt.”

Adolf kaufte die Kiste und mußte noch allerlei gute Lehren von Oliver

anhören. Der abgedankte Matrose konnte dem jungen von dem Leben

erzählen, das seiner nun wartete: O ja, ein freies, gesundes Leben,

aber nicht eines, mit dem man in jeder Beziehung prahlen konnte.

Gottlosigkeit und Schlechtigkeit und erfahrungsreicher Landurlaub, in

ausländischen Städten und Hainen verbracht. Ach was, er selbst habe

Glück gehabt und jederzeit in den Städten nette Liebchen gefunden,

prahlte Oliver, aber es sei nicht immer ohne Streit und Schlägereien

abgelaufen. Aber es handle sich nur darum: dem andern eine Hand in

den Nacken, die andere in den Rücken, ein Loch mit ihm ins Fenster

geschlagen, eins, zwei, drei, hinaus in den Rinnstein! O, man habe

nicht immer als Krüppel auf einem Stuhl sitzen müssen!

Oliver fing an zu philosophieren; sein Matrosengeschwätz war leer und

abgedroschen, weder besser noch schlimmer, als das anderer Matrosen:

Wahrheit und großsprecherische Drohungen, Prahlerei, Frömmigkeit und

Notlügen. Er verbreitete sich über die Versuchungen, mischte englische

Wörter hinein, warnte vor der Trunksucht: „Du siehst nun, Adolf, wie

ich heimgekommen bin. Aber meinst du, es komme vom Zechen und von

Ausschweifungen? O nein, immer so nüchtern, wie du jetzt bist! Ach,

du lieber Gott, es war auf dem wilden Meere draußen, und was hatte

ich verbrochen? Deshalb darfst du dich nie dem Trunke ergeben, wie so

mancher andere, dann kann unser Herrgott mit dir tun, was er will, du

kannst es nicht ändern. Und wenn sie sehen, daß du Geld bei dir hast,

und ziehst englische Pfund heraus, dann sind sie hinter dir her, wie

die Möwe hinter einem Rotauge, deshalb mußt du dir, ehe du abfährst,

eine Tasche innen in deine Weste nähen lassen.”

„Hast du eine gehabt?” fragte die Mutter.

„Ob ich eine gehabt habe?” Oliver knöpft auf und hat keine Innentasche

an seiner Weste. „Sie muß in meinem andern Anzug sein, in meinem

Landurlaubsanzug,” sagt er.

„Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter.

Oliver überhört die Frage und fährt fort:

„Wie es nun auch ist, Adolf soll sich eine Lehre aus dem Richtigen

ziehen und nicht aus dem Unrichtigen. Ja, nun sollst du an das denken,

was ich dir gesagt habe, Adolf, und Gott vor Augen haben, wenn du bei

Nacht auf Wache bist und am Steuer stehst! Und dann lernst du englisch

sprechen und du kannst dich in dieser Sprache, wo du auch hinkommst,

ja überall auf der Welt verständlich machen. Sie verstehen dich, ob

du dich in einen Salon begibst und ein Glas Bier trinkst oder in die

Kirche oder auf ein Konsulat gehst. Aber nimm jetzt nur meine Kiste

und schlage dich damit redlich durchs Leben, sie ist an nichts anderes

gewöhnt.”

„Was ist denn das für ein Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter wieder.

„Hast du noch einen andern Anzug als den hier, den du auf dem Leibe

trägst?”

„Ob ich noch einen andern Anzug hab'!” versetzt Oliver. „Er kommt von

Italien. Was red'st du denn da?”

Aber die Mutter war in Gegenwart eines Dritten mutiger und lächelte nur

ein wenig spöttisch. Ach, die Krippe war ganz leer geworden!

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, die Schiffskiste war das

letzte gewesen, und es blieb nichts übrig für einen neuen Anzug und

einen Strohhut. Aber der eine Tag verging wie der andere, und eines

Tages schien Oliver etwas aufzuwachen; er ließ eine Bemerkung fallen,

daß er das Boot verkaufen wolle.

„Das Boot!” schrie die Mutter.

Er verbesserte sich und drehte es herum: „Nein, es sei kein Boot

zum Verkaufen da, er würde nichts dafür bekommen, es sei ein alter

Kasten, der nur noch durch den Teer, mit dem er angestrichen sei,

zusammenhänge, er habe es selbst um ein Spottgeld gekauft.”

„Ich muß wohl selbst einmal die Probe machen und hinausfahren,” drohte

die Mutter. „Denn du hast es ja aufgegeben.”

Aber mit dem höchsten Grad von Gleichgültigkeit und Geringschätzung für

die Worte der Mutter ergriff Oliver seine Krücke und hinkte auf die

Straße hinaus.

Feines Wetter! Er schnupperte und spürte die Seeluft. Ein Taubenschwarm

ließ sich auf der Straße nieder, Kinder vergnügten sich mit Seilhüpfen.

Auch Oliver war einstmals Seil gehüpft.

Er wanderte von einem Laden in den andern. „Ei, da kommt Besuch!”

sagten die Leute überall wohlwollend und trugen für den Krüppel

eine Sitzgelegenheit herbei. Er mußte einmal ums andere erzählen,

wie es zugegangen war, als er zu Schaden kam; dadurch bekam er

Übung im Erzählen, und er schmückte die Geschichte immer mehr aus,

besonders machte er interessante Zusätze: von dem Krankenlager, von

dem Aufenthalt im Hospital, da konnte ihn ja keiner der von der Fia

heimkehrenden Kameraden kontrollieren. „Eine der Krankenpflegerinnen

ist nicht abgeneigt gewesen, mich zu heiraten --”

„Warum bist du denn nicht darauf eingegangen?”

„Hätt' ich katholisch werden sollen?”

Aber mit der Zeit machte man nicht mehr viel Aufhebens von ihm in den

Läden. Er war den Leuten nun nichts Neues mehr, nun mußte er sich

selbst eine Sitzgelegenheit verschaffen, oder er mußte mit dem Ellbogen

auf dem Ladentisch stehen bleiben, und niemand fragte ihn mehr nach der

Krankenpflegerin.

So verging einige Zeit, dann hörten die Besuche in den Läden von

selbst auf, er legte sich wieder mehr auf den Fischfang. Johnsen am

Landungsplatz hatte ihn persönlich gebeten, ihm das wenige, was er von

seinem Fang entbehren könne, zu verkaufen. „Jawohl,” antwortete Oliver,

um nicht geradezu nein zu sagen. Dieser Johnsen am Landungsplatz wußte

wohl, was er tat, er war der Reeder, der einen verstümmelten Menschen

von seinem Schiff daheim hatte, in einem Boot konnte er ihn auch ferner

gebrauchen. Aber nein, danke, Oliver aß seine Fische selbst!

Draußen auf dem Wasser traf er den Fischer Jörgen; sie legten ihre

Boote zusammen und schwatzten miteinander. Wovon sollten sie übrigens

schwatzen? Vom Wetter, vom Fischfang und vom Verdienst. Jörgen war ein

Sklave der Arbeit.

„Du liegst hier in der Bucht,” sagte Oliver. „Wenn ich dein Boot hätte,

würde ich weiter hinausfahren. Was verdienst du denn am Tag?”

Das sei sehr verschieden. Bisweilen sei es viel, es gebe gute und

schlechte Tage, bisweilen sei es wenig.

„Nein, das kann ich dir sagen, Jörgen, daß du hier in der Bucht liegst,

gerade wie wir andern Vergnügungsfischer. Von mir will ich nun gar

nicht reden, denn ich bin marode und zu nichts nütze. Aber wenn du

draußen auf dem Meere wärest, dann könntest du Heilbutten und große

Fische fangen.”

„O ja,” stimmte Jörgen bei, „dann könnte ich Walfische fangen.”

Beide lachten, denn dieser Vorschlag von Oliver war ja der reine Spaß

und nur so ein Gerede. Dazu hatte Jörgen ja gar nicht das Boot und die

nötigen Fischgeräte, und er war ja auch nur ein einzelner Mann.

„Wenn wir uns nun aber zusammentäten und uns ein seetüchtiges Boot

anschafften,” sagte Oliver immer noch im Scherz.

Jörgen, der, wie alle andern, geduldig mit dem Krüppel war und sich

über die verschiedensten Dinge in ein Gespräch mit ihm einließ,

sagte: „Ein seetüchtiges Boot, jawohl, und eine große Fischerei,

Tiefmeerleinen, wir könnten den ganzen Fischmarkt an uns ziehen.”

Oliver hatte die Ideen, sie kamen ihm nur so zugeflogen und waren

nicht viel wert, er war in fremden Landen gewesen, hatte Unglaubliches

gesehen und gehört, er hatte Grütze im Kopfe.

„Hier sitze ich und rede,” sagte er, „aber es wird schließlich damit

enden, daß ich mich um eine Stelle beim Leuchtturm bewerbe.”

„Ja, das wäre wohl nicht das Schlimmste, was du tun könntest,” meinte

Jörgen auch.

„Ich weiß es nicht, aber etwas muß so ein maroder Mann wie ich doch

tun.”

„Die Lampe versorgen, das Journal führen, den Seefahrenden in

dunkeln Nächten den Weg zeigen. Wenn du nur jemand hättest, der dich

empfiehlt,” sagte Jörgen.

„Ich glaube, daß ich Johnsen am Landungsplatz wohl dazu bringen kann,

sich für mich zu verwenden. Nun, wollen wir jetzt heimrudern?”

„Nein, ich muß noch eine Weile fischen, denn ich hab' dem Schreiber ein

Gericht Fische versprochen und hab' erst ein paar Stück.”

„Was bekommst du für ein Gericht Fische vom Schreiber?”

Jörgen nannte einen mittleren Preis.

Oliver schüttelte den Kopf über die geringe Bezahlung, dann ruderte er

weiter und fing auch an, für sich noch zu fischen. Er fischte noch eine

Stunde, dann ruderte er mit seiner Beute heim.

Er ruderte und legte sich tüchtig ins Zeug. Es kann ja sein, daß er

sich zeigen und Jörgen mit seinen Kräften überraschen wollte, und

das erreichte er auch. Oliver war eigentlich wie geschaffen, ja, wie

umgeschaffen für ein Leben im Fischerboot; da saß er mit den Rudern,

die wie ein schweres Gewicht hin und her gingen, die Glieder, die er

brauchte, ja, die hatte er. Diese Wahrheit war es vielleicht auch, die

Oliver nach einigen Tagen aufging: Oliver wurde fleißig, fuhr schon

bei Tagesgrauen hinaus und fischte den ganzen Tag; er ruderte weiter

und weiter hinaus und suchte andere Fischgründe auf, kam dann mit zwei

und drei Fischkippen am Tag heim, von denen er einen großen Teil in der

Stadt absetzte. Das Geld legte er zurück.

„Du ruderst ja wie ein Dampfschiff daher,” sagte Jörgen. Und dasselbe

sagte auch Martin vom Hügel, und der war der älteste Fischer im Ort.

„Meint Ihr? O ja. Ich bin nun eben auch auf den verschiedensten Meeren

der Welt gefahren und habe vielerlei gesehen,” versetzte Oliver

selbstbewußt.

Jörgen antwortete darauf mit seiner gewohnten sprichwörtlichen Rede! Es

sei vieles in der Natur verborgen, von dem wir lernen könnten.

Oliver sagte nicht, wohin er wollte, es war kein ganz einwandfreies

Unternehmen, das er vorhatte: er wollte Eier auf den Inseln sammeln.

Vielleicht konnte er bei derselben Gelegenheit auch etwas Treibholz

für daheim ergattern. Es war eine doppelte Spekulation. Und das

erlaubte Unternehmen, Treibholz zu sammeln, mußte das unerlaubte des

Eiersammelns verbergen.

3

Nein, der Fischer Jörgen war ganz und gar kein Spekulant, er war

Fischer, und es hatte sich für ihn gelohnt, sich mit kleinem Verdienst

zu begnügen und seine Bedürfnisse danach einzurichten. Er hatte sein

eigenes Haus und sogar noch etwas darüber, seine drei Kinder waren gut

und wohlgenährt, Jörgen ging es in jeder Beziehung gut.

Die Weiber am Brunnen: Roman · 第 1 / 35 段