»Das ist Schicksal, liebe Fanny. Mit wieviel Widerwärtigkeiten im

Haushalt und im Künstlerberuf hab' ich zu kämpfen gehabt! Manchmal

hab' ich dagesessen, gänzlich mürb und müde, die Hände im Schoß, und

hab' mit Tränen im Auge Gott gefragt: Warum denn mir das alles? Was

hab' ich denn Schlimmeres getan als die andren? Da haben mir wertvolle

Freunde nebst edel gehaltener Dichtkunst, Religion und Musik wiederum

Kraft und Gleichmaß gegeben. Vieles hat sich mir nicht erfüllt. Aber

das ist Schicksal, Fanny. Manches Leben zerbricht freilich dabei, wie

jetzt Deutschland zerbricht und wie Ihr armer Gustav zerbrochen ist.

Aber Sie haben mir ein schönes, schlichtes Wort von Professor Arnold an

seines Sohnes Grab berichtet: Gott wird seine Seele wiederherstellen.

Ja, das wird der Allgütige tun. Gott wird auch die deutsche Seele

wiederherstellen. Und wird auch Sie und mich führen, liebe Fanny, wie

es zu unsrem Heil gut ist. Nicht wahr? Denn obschon ich so himmelblau

und heiter neben Ihrem schwarzen Kleid sitze -- auch ich habe manches

durchgekämpft. Und ich verstehe Sie -- -- ach nein, ~dich~, Fanny!

Laß uns einander du sagen! Ist es dir recht, Schwesterseelchen?«

Die beiden Frauen küßten sich und saßen fortan umschlungen wie zwei

junge Mädchen, die Freundschaft fürs Leben geschlossen haben. Fanny

sprach nicht viel, atmete nur heftig; denn ungeklärte Entschlüsse

rangen in ihr, die sie erwog, während die Schweizerin von den Festen im

Hottinger Lesezirkel zu Zürich, von den Heidelberger Bach-Aufführungen

und von eigener edelgeplanter Geselligkeit weitersprach. Hier tat

sich eine reichere, leuchtkräftigere Welt auf als im gar zu kleinen

Winzerdorf Lützelbronn.

Und plötzlich, wie ja oft die Gedanken und Gefühle vertrauter Freunde

insgeheim zusammenklingen und gleichzeitig auf die Lippen treten,

sprach es die Hausfrau zaghaft aus:

»Schade, Fanny, wirklich sehr schade, daß mein Liselottchen dich nicht

immer um sich hat. Das Kind wird Heimweh nach dir bekommen, wenn du

weggehst -- und ich halt auch es bizzli.«

Das ward treuherzig und lächelnd, zuletzt in Züridütsch, aber

doch recht wehmütig gesagt. Und sie schaute die junge Freundin so

liebreizend dabei an, daß Fanny abermals den Arm um sie schlang. »Wie

gut ihr alle zu mir seid!« Es tat der Elsässerin unendlich wohl, solche

innige Teilnahme zu spüren.

»Was gedenkst du denn in Straßburg zu tun?« beharrte Frau Cäcilie.

»Ich werde meinem Bruder Georges den Haushalt führen«, erwiderte Fanny

etwas kleinlaut. »Und überhaupt -- ich werde arbeiten, arbeiten und

vergessen.«

Jetzt kam das jüngere Fräulein Weller, eine rotwangige Blondine, eilig

herauf und meldete einen Besucher, der Fräulein Bieler zu sprechen

wünsche.

»Es ist ein Sanitäter aus Straßburg und hat ein Paket von Schwester

Lisy.«

Fanny schnellte empor.

»Aus Straßburg? Aber die Grenzen des besetzten Gebietes sind ja

abgesperrt!«

»Der Sanitäter ist doch durchgekommen. Da ist er!«

Ein großer, hagerer Mann im feldgrauen Mantel, mit runder Hornbrille

trat schweren Schrittes ein und blieb in soldatischer Haltung stehen,

ein längliches Paket in der linken Hand.

Hatte bei den Frauen alle Rede in zarten, hellen Schwingungen das

Zimmer belebt, so erklang hier eine wortknappe, männliche Baßstimme,

die fast rauh und rostig wirkte. Man spürte, daß dieser Soldat dem

Tod ins Angesicht geschaut hatte und auf Redensarten des Salons nicht

gestimmt war. In kurzen, schlichten Worten berichtete er, daß er bis

zuletzt im Kunstschul-Lazarett zu tun gehabt.

»Das war uns erlaubt. Wir mußten nur aus den Hosen das Rot abtrennen

und eine bürgerliche Mütze aufsetzen, auch alle Abzeichen entfernen. So

hab' ich den Einzug der Franzosen mitangesehen. Hier sind Zeitungen,

hier Bildkarten und hier ein Brief von Schwester Lisy.«

Er entnahm den Taschen die zerknitterten, stark nach Tabak duftenden

Papiere und gab auch das verschnürte Paket ab.

Auf einige Fragen, woher und wohin, kam schlichte Antwort. Es war

Fernblick in den Augen dieses Mannes, der während des Sprechens gradaus

nach dem Fenster in den Abendhimmel schaute. Er hatte eine Farm im

inneren Afrika, am Kilimandscharo. Von dort war er bei Ausbruch des

Krieges nach Deutschland gereist, um mitzukämpfen. Man sprach mit

Achtung vom tapferen Lettow-Vorbeck, der Deutsch-Ostafrika vier Jahre

hindurch unbesiegt verteidigt hatte. Dann fragte man nach den Zuständen

in Straßburg.

»Erbärmlich! Hätte nie vermutet, daß im schönen Elsaß so viel

Gemeinheit haust. Wenn Altdeutsche oder Deutsch-Elsässer ausgewiesen

werden, muß das innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen. Dann

sammelt sich der Pöbel am Desaix-Denkmal bei der Kehler Rheinbrücke.

Die Ausgewiesenen, Männer von Bildung und Pflichttreue, werden

truppweise bis dorthin gefahren; von dort müssen sie zu Fuß über

die Rheinbrücke gehen und werden dabei beschimpft, verhöhnt, ja oft

mißhandelt und mit Schmutz beworfen. So geht's auch in Kolmar und

Mülhausen. Auf militärischen Lastautos, wie Tiere, führt man sie auch

dort dem Pöbel zur Schau durch die Straßen nach der Grenze. In höheren

und Volksschulen ist französische Sprache befohlen; die Marseillaise

wird eingedrillt. Beim Einzug der Franzosen schwangen die Kinder

französische Fähnchen und schrien wie besessen ›=vive la France!=‹

Die ganze Bevölkerung war berauscht. Frankreich bringt ihnen ja den

Himmel auf Erden: Schokolade, Milch, Mehl, Rotwein -- alles im

Überfluß! Aber nach jedem Rausch kommt der Kater. Es wird auch im Elsaß

katern.«

Der Soldat räusperte sich rauh und schwieg. Er hatte nicht viel Zeit

und machte Anstalt, sich zu verabschieden. Noch am Abend hoffte er zu

seinen alten Eltern nach Sachsen weiterfahren zu können.

»Und Lisy! Wie geht's denn Schwester Lisy?«

»Sehr gut. Das heißt, sie hatte einen Grippe-Anfall. Es wird wohl

alles im Briefe stehen. Besonders erschüttert hat sie die Schändung

des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Nichtsnutzige Burschen, Elsässer leider

und französische Soldaten, haben das Bronze-Reiterstandbild unseres

ehrwürdigen alten Kaisers Wilhelm =I.= vom Sockel gerissen, in

Stücke geschlagen und den Kopf an Seilen vor das Denkmal des Generals

Kleber geschleift.«

»Was haben sie getan?!« rief Fanny entsetzt.

»Es wird im Briefe stehen«, wiederholte der Sachse. »Es waren

Mitglieder eines Cercle von elsässischen Studierenden. Daß aber

einer von Ihren Verwandten dabei war, Fräulein Bieler, der eben aus

Frankreich zurückgekehrt ist, das hat Schwester Lisy ganz besonders

zusammengeschmettert.«

»Doch nicht mein Bruder?!«

Fanny zitterte am ganzen Körper, als sie die Frage stellte.

Der Erzähler verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger abermals auf das

Schreiben und sprach gleichsam tröstend: »Das steht alles da drin.«

Dann schritt der Afrikaner in die beginnende Nacht hinaus, von Frau

Cäcilie verabschiedet, die Fanny allein ließ, damit sie den Brief lesen

könne.

* * * * *

Im großen Arbeitszimmer des ausgewanderten Elsässers waren bereits

etliche Gäste mit Lobsann angekommen. Die beiden Freunde Ingo von

Stein und Oberstleutnant Richard von Trotzendorff hatten sich im nahen

Schloßhotel durchreisend auf wenige Tage einquartiert. Sie waren

hocherfreut, in diesem neuen Lebensbezirk den ehemaligen Pfarrer

von Lützelbronn so vortrefflich untergebracht zu finden. Beide

trugen bürgerliche Kleidung. Die Revolution hatte ihnen persönliche

Ungelegenheiten nur wenig bereitet. Den Versuch freilich eines unreifen

Burschen, dem Oberstleutnant auf offener Straße die Achselstücke

abzureißen, hatte dieser mit einer so wuchtigen und wirksamen

Ohrfeige beantwortet, daß der Rekrut an eine Laterne taumelte. Dann

hatte Trotzendorff die Hand an den Revolver gelegt, die Umstürzler

durchbohrend angeschaut und unbehindert seinen Weg fortgesetzt, wenn

auch hinter ihm geschimpft wurde. Der Schmerz über das schmachvolle

Betragen deutscher Truppen hatte in diesem Altpreußen ebenso großartige

Formen angenommen, wie sein Ingrimm, der in verzehrenden Flammen unter

seinen buschigen Augenbrauen hervorschoß. Er hatte schon früher nicht

viel gesprochen; während des Krieges und dieser furchtbaren Herbsttage

war er schweigsamer geworden als je zuvor. Er litt unendlich. Doch in

den Tiefen hofften er und Ingo trotzdem auf ein neues Erwachen der

deutschen Seele.

Derselbe Ernst lag über allen Damen und Herren des erlesenen kleinen

Kreises.

Ein schlanker, feingebauter Generalstabsoffizier mit durchgeistigten

Zügen erzählte aus eigener Anschauung von des Kaisers letzten Tagen im

Hauptquartier zu Spaa.

»Wir glaubten die Verantwortung für des Monarchen persönliche

Sicherheit nicht mehr übernehmen zu können. Die Memmen von der Etappe

flohen ja kopflos. Ein Unteroffizier des Kraftwagenparks in unserem

Großen Hauptquartier ist im Kraftwagen mit der gesamten Löhnung

durchgegangen. Durch solche feigen Flüchtlinge sind uns Milliardenwerte

an Heeresgerät und Stoffen aller Art verloren gegangen. Befehle wurden

nicht mehr ausgeführt, die Offiziere waren machtlos. Da sah ich den

sonst so selbstsicheren Kaiser zum ersten Male unsicher. Er wußte

nicht, was tun; er schämte sich, zu fliehen und zögerte lange; zu

einer frühen und freiwilligen Thronentsagung konnte er sich auch nicht

entschließen, denn er glaubte dann erst recht den Zusammenbruch zu

beschleunigen. Endlich, an einem schmutzig-grauen Regentage, ging's

fort nach der holländischen Grenze.«

»Und unser Hindenburg?«

»Ihn sah ich zuletzt, wie er den Bahnsteig betrat, gebrochen in seiner

äußeren Haltung, begleitet von einem Mann in Soldatenuniform mit roter

Armbinde. Ein zweiter Zug stand in der Nähe; dort stiegen Mannschaften

ein; niemand beachtete den Sieger von Tannenberg. Der Feldmarschall

bestieg den Wagen, an dessen beiden Enden eine Wache mit roten Binden

am Arm Platz nahm. Inzwischen entwürdigten sich deutsche Soldaten, den

ersten Feinden Hurra zuzurufen; es waren französische Offiziere von der

Waffenstillstandsgruppe. Diese hatten mehr Würde im Leib: sie blickten

gradaus und dankten nicht.«

Trotzendorff knirschte. Er stand mit gekreuzten Armen und stieß

zwischen den Zähnen hervor:

»Die Franzosen haben uns bisher gehaßt, jetzt verachten sie uns.«

»Sie wollten noch vom Kaiser erzählen«, warf Ingo hin, um die dumpfe

Pause zu unterbrechen.

Der Offizier erzählte.

Es war ein trauriger Regentag, als der lange Eisenbahnzug mit dem

letzten Hohenzollern und seinem Gefolge in die kleine niederländische

Station bei Schloß Amerongen einfuhr. Überall Schlamm, Pfützen,

nasse letzte Blätter und weithin graue, flache Landschaft. Unter

Regenschirmen warteten einige Dutzend Berichterstatter und allerlei

neugieriges Volk nebst holländischen Soldaten und Gendarmen. Langsam

krochen die schwarzen Wagen heran, mit heruntergelassenen Gardinen, ein

Leichenzug. Der Kaiser, in feldgrauer Generalsuniform, mit Mütze und

Pelzmantel, steigt mit seinen Leuten aus. Er begrüßt in seiner raschen

alten Weise seine Gastgeber. Die Zeitungsherren schweigen; ein paar

Zurufe ertönen; er will in gewohnter Freundlichkeit militärisch danken,

doch die Hand zuckt wieder vom fahlen Gesicht zurück: denn schrille

Pfiffe fahren darein. So geht er schnell zum Auto. In einem Kraftwagen

unmittelbar dahinter nimmt ein niederländischer General Platz, der

Leiter des Internierungsdienstes. Und nun ein peinliches Warten bei

strömendem Regen und ungehemmt herandrängender Menge, die den Monarchen

anstarrt. Einem alten General in des Kaisers Gefolge rollen die Tränen

aus den Augen. Endlich sind die zahlreichen Koffer auf Lastautos

umgeladen. Der Zug der Kraftwagen setzt sich unter schwachen Zurufen

in Bewegung und verschwindet zwischen herbstnassen Büschen und

emporspritzendem Schlamm in der Richtung nach Amerongen.

Der Offizier schwieg.

Es ging eine Bewegung der Teilnahme wie von einem inneren Weinen durch

die Versammelten. Sie alle waren freiheitlich gestimmt, wie das ja dem

Süddeutschen und zumal dem Badenser im Geblüt liegt; aber sie hatten

auch Verständnis für Ehrfurcht. Besonders der bewegliche, in Gebärden

und Sprechweise jugendlich wirkende Professor Lobsann lief einige Male

hin und her, angeblich um Streichhölzer zu suchen, in Wahrheit um eine

Träne zu verbergen.

»Und im Berliner Schloß«, stellte einer der Anwesenden fest, »hält

ein wahnsinniger Hetzer aus demselben Fenster Ansprachen, aus dem

bei Kriegsbeginn der Kaiser gesprochen -- der Kaiser, dem auch die

Sozialdemokratie zugejubelt hat! Und in den Schloßräumen hausen die

meuterischen Matrosen, denen grade dieser Monarch seine ganze Liebe

geschenkt hatte. Man möchte ausspucken, wenn man auf der Straße eine

Matrosenuniform sieht.«

So suchten sich die Herzen zu erleichtern. Bitter gebrandmarkt

wurde besonders die ungeheuerliche Verschwendung der nunmehrigen

Parteiherrschaft, unter der auch die Soldaten für ihre Wachen gut

bezahlt wurden, während gleichzeitig die Arbeiter durch Streikdrohungen

geradezu unerhörte Löhne erpreßten. Mammon, überall der fluchwürdige

Götze Mammon!

Ein anwesender höherer Beamter mit abgearbeiteten Zügen bekam einen

Zornanfall.

»Arbeiter! Arbeiter!« rief er mit rotem Gesicht und geschwollener

Stirnader. »Sind wir denn nicht alle Arbeiter?! Haben wir denn

nicht für das Staatsganze gearbeitet bis zum Umfallen?! Erhält eine

Munitionsarbeiterin nicht dreimal so viel Gehalt als wir alten,

abgeschafften Aktenmenschen? Welcher Teufel und Dämon hat denn

dem deutschen Volke seit Jahrzehnten dieses Wahnsinnsgedudel vom

unterdrückten Arbeiter vorgesungen? Wurde nicht die Arbeiterschaft

verhätschelt und verpäppelt, seit der Kaiser zur Regierung kam? Hat er

nicht ihretwegen Bismarck weggejagt?! Und das ist nun ihr Dank! Stellen

Sie sich einmal unter die Leute beim Milchholen oder beim Bäcker,

wenn unsre braven Hausfrauen in dieser Dienstbotennot dort mitwarten

müssen -- und hören Sie das unflätige, freche Reden der Arbeiterfrau

mit an! Diese Menschen hat der Satan geführt seit Jahrzehnten, aber

nicht der liebe Gott. Mag unser pflichttreuer Hohenzoller gefehlt haben

-- diese Bande ist nicht berufen, wahrlich nicht, ein um Preußen so

hochverdientes Königsgeschlecht abzusetzen!«

So machte sich dieser Gerichtsbeamte Luft.

Und die Anwesenden stimmten kräftig bei. Auch Ingo. Doch immer auf

Ausgleich bedacht, streifte der Thüringer die Asche von seiner

Zigarette und sagte wie im halben Selbstgespräch:

»Wohl wahr! Immerhin ... Als ich zuletzt durch Weimar kam -- vor

einigen Monaten --, sah ich ein paar junge Damen der gebildeten Stände

aus einer dortigen Teestube in die Dämmerung heraustreten, trällernd,

frech und Zigaretten rauchend. In der Schillerstraße ähnliche

moderne Erscheinungen: blecherne, laute, leere Stimmen, Faltenröcke,

Gamaschen, dreister Blick. Das ist weibliche Jugend mancher besseren

Stände. Wohlgemerkt: in Weimar, nicht in der berüchtigten Berliner

Tauentzienstraße! Wenn man als vielgereister Europäer den Blick für

diese Dinge übt, so entgeht einem nicht eine wichtige Tatsache:

die Roheit der unteren Stände ist nur die Widerspiegelung des

Seelentiefstandes der oberen. Das, Herr Geheimrat, möchte ich als

Ergänzung zu Ihren durchaus richtigen Beobachtungen hinzufügen. Und

du, Richard: weißt du noch, wie wir einmal auf meinem Gut Waldeck an

einem Winterabend beisammen saßen und vom unbeseelten Deutschland

sprachen? Das war schon ein bis zwei Jahre vor dem Weltkrieg. Ich habe

mich merkwürdig oft mit dem Kaiser im Traum beschäftigt; ich fühlte,

daß er mit seinen unruhigen Reisen und Festen auf falschem Wege war,

denn ich selbst hatte lange mit solchem Reisedrang zu kämpfen gehabt.

Freund Trotzendorff« -- Ingo fügte das lächelnd hinzu -- »hatte

übrigens den freundschaftlichen Ehrgeiz, mich auf Grund meines Werkes

über Heldentum und Friedrich den Großen persönlich mit Seiner Majestät

zusammenzubringen. Nun, es ist ihm ja auch gelungen, und zwar auf der

Wartburg. Ich hatte gar viel auf dem Herzen, was ich dem Kaiser sagen

wollte, besonders über sein Nicht-Verhältnis zu Kunst und Dichtung.

Aber ich bin gar nicht zu Worte gekommen. Majestät wußte schon alles,

wenn nicht mehr. So war denn die Unterredung kurz, schmerzlos und

nichtssagend. Ich denke mit Wehmut daran zurück.«

»Leider!« nickte der Geheimrat. »Majestät wußte immer alles, wenn nicht

mehr. Er redete nur, er fragte nicht. Und in Wahrheit, meine Herren,

war er im Innern oft recht unsicher: er hat es nur durch forsche Reden

verdeckt.«

Nun wob Lobsann eine feine Bemerkung ein:

»Sie wissen, meine Herrschaften, in der nordischen Edda ist vom

Weltbrand die Rede. Alle Asen-Götter gehen unter. Einer jedoch überlebt

und tötet die Midgardschlange. Dieser eine ist Widar. Und ihn, den

sonst wenig bekannten, fast geheimnisvollen Gott, nennen die Sänger den

›schweigsamen Asen‹. Widar der Schweigsame überlebt. Wo mag er stecken,

unser Widar, der nicht viel redet, sondern handelnd den neuen Himmel

und die neue Erde heraufführen hilft?«

Ingo war entzückt von diesem Gedanken. Er schüttelte dem nicht gern

vortretenden, doch manchmal sehr sinnig eingreifenden Gastherrn in

seiner liebenswürdigen Weise die Hand.

Jetzt trat mit leichten, zierlichen Schritten Frau Cäcilie ein und

brachte Mozartsche Stimmung in den schweren Gesprächston. Und zugleich

mit ihr einige neue Gäste: ein Stadtpfarrer und ein Musikdirektor mit

ihren Frauen. Sie hatte die elsässischen Zeitungen und Bildpostkarten

mit herübergebracht. Und sogleich nach dem Begrüßungsaustausch spann

sich das Gespräch in dieser neuen Richtung weiter.

Was für ein Anblick für den Elsässer Arnold, als er die »Straßburger

Neue Zeitung« vom 22. November entfaltete! In fetten Buchstaben

obenan ein »=Vive la France!=« Das Blatt hatte jetzt einen

französischen Untertitel und französische Aufsätze vor den deutschen.

Und sieh an: Als verantwortlicher Direktor zeichnete da noch immer

derselbe Maler und Mundartdichter, dem einst der Kaiser persönlich den

Roten Adlerorden mit schmeichelhaften Worten überreicht hatte! Jetzt

aber -- was für Anhimmelungen Frankreichs! Ein andres Blatt war die

sozialdemokratische »Freie Presse«, äußerlich und innerlich noch übler

anzusehen. Da wurden die Beschauer gleich von einer Riesenüberschrift

»Wilhelm die Memme« angefunkelt. »Feig wie ein Hund« -- »bei

Wilhelminchen Schutz und Hilfe suchen« -- »Großmaul« -- so spie dieses

Gewürm, dieser Elsässer!

Dann die Bildkarten, die von Hand zu Hand gingen: Parademarsch der

Franzosen vor dem Kaiserpalast -- Festgewimmel um das fahnenumwogte

Kleberdenkmal -- jauchzendes Volksgedränge, fahnenschwingende Jugend --

hier ein begeisterter junger Mensch, der dem französischen General das

Pferd am Zügel führt -- --

So also sah es jetzt in Straßburg aus.

»Was sagt Fanny dazu?« fragte Arnold. »Und wo bleibt sie?«

Frau Lobsann erzählte von dem Besuche des durchreisenden

Lazarettgehilfen, der Paket und Brief von Schwester Lisy gebracht, und

von der Schändung des Kaiserdenkmals. Arnold horchte hoch auf, als

er vernahm, ein Verwandter Fannys habe sich an dem häßlichen Vorgang

beteiligt.

»Ein Verwandter?« fragte er mit fast erschrockenem Staunen. »Das kann

doch nur ihr Bruder sein --?«

»Dem sie den Haushalt führen will«, setzte Cäcilie bedeutsam hinzu. Und

ein höchst gespannter Zug trat auch in ihr Antlitz.

Arnold verstand diesen fragenden Blick. Er nickte ihr zu und

entschuldigte sich bei der Gesellschaft: »Ich will zu ihr hinübergehen.

Ich fühle, sie macht eine wichtige Entscheidung durch.«

Und er begab sich zu seiner Leidensgenossin.

* * * * *

»Du hast einen Brief von Lisy bekommen, Fanny?«

Gedankenlos hatte sie auf Arnolds Pochen »=entrez!=« gerufen nach

ihrer elsässischen Gewohnheit. Und als er ins Zimmer trat, bot sich

ihm ein sonderbarer Anblick, der ihn wie ein schwermutvolles Gleichnis

durchdrang.

Fanny stand im letzten goldbronzenen Winterlicht, das sich bereits

mit dem Schimmer des Mondes mischte, am Fenster und hatte das

Paket auszupacken begonnen, wobei sie gerade eine fast armslange,

schneeweiße Gipsfigur betrachtend in die Höhe hob. Diese Figur war eine

überaus schlanke Frauengestalt mit entzückenden Biegungen des hohen

Leibes und nicht minder bewundernswertem Faltenfluß des Gewandes; der

Stab in ihrer Rechten war zerbrochen, der gesenkte Kopf trug eine feine

Binde über den Augen, und in der lang und matt herunterhängenden Linken

war eine Schriftrolle. Die ganze Figur atmete Trauer.

»Was hast du denn da?«

»Das schickt dir Lisy«, erwiderte die Elsässerin.

Mit einem leisen Ausruf des Entzückens erkannte er jetzt die Gestalt.

»Wie lange schon habe ich mir diese beiden Figuren gewünscht! Die gute

Lisy! Es ist wohl auch die zweite dabei?«

Fanny stand schon über das Paket gebeugt und entnahm der Holzwolle auch

die zweite Statuette.

Diese Gestalt trug eine Krone auf dem Haupt, einen unzerbrochenen

Stab mit dem Kreuz in der Rechten, in der Linken aber einen Kelch;

sie wirkte weniger schlank als die biegsam-anmutige andere, dafür

aber priesterlich und königlich: ein breiter Mantel wallte von den

Schultern. Freundlich und tröstend schaute diese Siegerin hinüber zu

der Verblendeten und Besiegten.

Es war ein Gipsabdruck jener beiden bewundernswerten Standbilder, die

am Seitenportal des Straßburger Münsters jeden Besucher entzücken. Die

sieghafte Gestalt mit Kreuzesfahne und Gralskelch pflegt man als die

christliche Kirche zu bezeichnen, die andre als die Synagoge. Aber für

Arnold erhob sich aus den weißleuchtenden Figuren, die fortan seinen

Schreibtisch zieren sollten, eine andre Symbolik.

»Das zerbrochene, blinde, schmerzvolle Elsaß!« rief er aus und hob die

Trauergestalt mit beiden Händen ins Licht empor. »Nein, mehr noch:

die ganze unerlöste Seele der Menschheit überhaupt, die sich noch

nicht durchgerungen hat zur Liebe! Sieh, Fanny, und hier das Kreuz

der opfermütigen Liebe und der Gralskelch der Weisheit, aus dem der

Gottsucher Mut des reinen Lebens trinkt! O wie sinnig von Lisy, wie

schön, wie schön, mir dies als letzten Gruß aus dem Elsaß nachzusenden!

Die treue Seele!«

Auch Fanny hatte Gutes erhalten: feinste, weiche Wolle und mehrere

Tafeln ihrer Lieblingsschokolade, die sie schon so lange vermißt hatte,

nebst andren angenehmen Kleinigkeiten des Haushaltes.

Dann übergab sie ihm mit ernstem Gesicht Lisys Brief.

Er las:

Meine liebe, liebe Fanny!

Westmark · 第 14 / 15 段