gelernt habe, erhältst du diesen Gruß aus dem nun so ganz andren
Elsaß. Stell' die Figuren auf den Schreibtisch meines lieben Vetters
und eigne dir selbst das übrige an. Was soll ich euch schreiben?
Wenn ich's nicht erlebt hätte, ich hätt's nie geglaubt, daß so viel
Haß und Gemeinheit in unseren Leuten steckt. Einige Tage war ich
im oberen Elsaß. Dort predigte ein evangelischer -- merk' wohl,
kein katholischer -- Geistlicher, daß wir achtundvierzig Jahre
Knechtschaft hinter uns hätten; ein andrer stellte in seiner Predigt
Betrachtungen über Blau-Weiß-Rot an: daß man lange sehnsüchtig
gewartet, ob sich das Blau des Himmels und der Hoffnung oder das
Schwarz der Trauer mit dem Weiß-Rot der Elsässer verbinden würde.
Im Gotteshause hing die Trikolore! Kindern hat man Naschereien
gegeben, damit sie ja recht mit Straßenschmutz auf die ausgetriebenen
Altdeutschen werfen. Der einziehende französische General hat in
seiner öffentlichen Rede wohl fünfmal das Wort ›Boche‹ benutzt.
So unritterlich ist diese einst ritterliche Nation geworden.
Aber das Schändlichste hab' ich in Straßburg erlebt. Denk' dir
nur, sie haben das Standbild des alten Kaisers Wilhelm in Stücke
geschlagen! Und mich mußte mein Schicksal grade am Platz in später
Stunde vorüberführen -- ach, Fanny, um wen und was wohl zu sehen
und zu hören? Daß dein eben aus Frankreich mit den ersten Truppen
eingezogener Bruder bei den Cercleleuten war, die das getan haben!
Ich hab' ihm zugerufen, aber sie haben mich nicht beachtet. Mein
Herz hat Tränen geweint, und ich hab' kaum noch den Weg in meine
Finkweilerecke gefunden. Ich bin noch schwach von der Grippe. Alice,
die treue Freundin, hat mich gepflegt. Ihr Vater ist interniert, Gott
mag wissen, warum! Sobald es angeht, wandern auch sie über den Rhein.
Mich zwingt es innerlich, hier zu bleiben und zu sehen, wie weit ich
meiner unglücklichen und verblendeten Heimat dienen kann. Aber für
Vetter Arnold ist hier allerdings keine Luft mehr. Gott behüt' euch!
Bleibt mir gut, wie euch immerdar aus tiefstem Herzen lieb behält
eure ~Lisy~.
Arnold hatte gelesen.
Fanny stand derweil am Fenster zwischen den beiden weißen Figuren und
hatte die Stirn an die Scheibe gedrückt.
Jetzt wandte sie sich um.
Sie schauten sich voll ins Gesicht.
»Onkel Arnold,« sprach sie mit der so oft aus ihr herausbrechenden
offenen, tiefernsten Wahrhaftigkeit, »kannst du dir vorstellen, daß ich
meinem Bruder den Haushalt führe? Kannst du dir vorstellen, daß ich in
ein solches Elsaß zurückkehre und dich allein lasse?«
Er faßte aufleuchtend ihre beiden Hände.
»Fanny! Liebste Fanny!«
»Du kennst mich genug«, fuhr sie fort. »Du weißt, daß ich wohl immer
Liebe gesucht, niemals Liebesgeschichten. Und du wirst mir die Kraft
zutrauen, daß ich auch unvermählt bei dir bleiben kann -- als deine
Tochter und Pflegerin und, wenn's gelingt, vielleicht ein wenig
Mitarbeiterin. Traust du mir das zu?«
»Aber Erwin -- und wer sonst etwa Anspruch auf dich erheben könnte von
all den tüchtigen jungen Männern in Deutschland, die sich jetzt nach
Weib und Heim sehnen?«
»Erwin wird seine Hertha finden. Und die andern jungen Männer finden
Mädchen genug. Aber du bist einsam. Du schließest dich viel zu schwer
an jemand an. Doch falls du mich brauchen könntest -- -- Vater, ich
habe keine Heimat mehr als dich. Behalt mich bei dir!«
Die letzten Worte klangen so innig, daß er sich zu dem unaussprechlich
hold vor ihm stehenden Mädchen hinabneigte und nach alter zarter Weise
ihren Mund küßte. Er konnte kaum seine Tränen zurückhalten, als er in
das blasse, bittende Gesichtchen sah. Sie hatte ihn zum ersten Male
Vater genannt.
»Wir wollen einander Heimat sein, liebes Kind«, sagte er leise.
Dann nahm er die weiße Trauerfigur vom Fensterbrett, Fanny die
sieghafte andre -- und so gingen sie miteinander hinüber zur
Gesellschaft.
* * * * *
Die seelisch verarmte und viel umhergetriebene moderne Menschheit sucht
lange schon nach einer edlen Lebensgemeinschaft. Aber es blieb vor dem
Kriege meist bei pflichtmäßigen Abfütterungen oder bei dem üblichen
Vereinswesen. Dazwischen sammelten sich da und dort stille Inseln,
heilige Haine, wo sich beseelte Menschen in festlichen Zwiesprachen
miteinander austauschten.
Erst der Weltkrieg führte die Herzen näher zusammen.
Man hatte auch im Hause Lobsann jene schöne Form der Geselligkeit
gewählt, wo nicht mehr Mahlzeit und Rangordnung, sondern die zwanglose
Aussprache die Hauptsache war. Es wurde Wein nebst Zigarren für die
Herren, Tee und Gebäck für die Frauen herumgereicht; und es fehlte
nicht an ehrlich bewunderten belegten Brötchen. Aber zumeist erfreute
das herzlich belebte, geistig hochgestimmte, künstlerisch verschönte
Gespräch.
Ein dem Hause befreundeter Dichter trug nach ungezwungenen
Einleitungsworten etliche Verse vor. Dann sang Frau Lobsann deren
Vertonung, wobei der Musikdirektor begleitete. Leicht knüpfte sich eine
Unterhaltung darüber an, inwiefern der Tonkünstler dem Dichter gerecht
worden war oder aus Eigenem Stimmungen hineingetragen hatte. Weitere
Lieder folgten, Präludien von Bach, Tonstücke von Liszt, Schubert und
Schumann flochten sich ein. Sowohl Fanny als auch Ingo und Arnold
hielten heute ihr laienhaftes Temperament zurück und spielten nicht;
der Gatte der Künstlerin und der Musikdirektor, ein ausgezeichneter
Lisztkenner, widmeten sich dem Klavier.
Fanny war in so großem und neuem Kreise zunächst scheu. Als sie mit
ihrem väterlichen Freunde eintrat, knüpfte das Gespräch naturgemäß an
die eigenartigen Statuetten an. Da erst entdeckte Arnold auf dem Rücken
der beiden Bilder eingegrabene Worte. Auf der Siegergestalt las er den
Satz: »Mit Jesusblut überwind' ich dich«; und zwischen den schmalen
Schultern der abgewandten Trauernden fand er die Worte: »Dasselbig Blut
erblendet mich«.
Das gab ihm Anlaß, mit unerwartet ausbrechendem Feuer über die Aufgabe
der deutschen Zukunft zu sprechen.
»Unsere elsässische Freundin, die dort zurückbleibt, schickt uns da
eine großartige Mahnung aus dem Eliland, aus dem nunmehrigen Fremd-
und Elend-Land. Wir sollen durch verstärkte Liebe, durch opferfreudige
Liebe -- denn das ist Jesu Blut -- dem bisherigen Zeitgeist den Speer
zerbrechen, die Augen erblenden und die anklagende Schriftrolle aus
der Hand ringen. Der Theosoph würde sagen: wir sollen Luzifer und
Ahriman in Christus umwandeln oder Bosheit in Güte. Der Apostel hat es
ausgedrückt: Überwindet Böses mit Gutem! Sehen Sie, da hab' ich meine
ganze künftige Lebensaufgabe in sichtbaren Zeichen vor mir auf meinem
Schreibtisch stehen! Haß wird nicht durch Haß überwunden, nur durch
schaffende Liebe!«
Ingo von Stein, der sich nach den Zerrüttungen des Weltkriegs
auf verinnerlichte symbolische Lebensbetrachtung freute, ging
mit Verständnis auf diese Gedanken ein. Er fühlte sich von den
durchgeistigten Zügen des hochgewachsenen Pfarrers und Professors immer
wieder angezogen und erzählte ihm von seinen eigenen, durch den Krieg
unterbrochenen Arbeits- und Bauplänen.
»Lobsann besitzt hier ein eigenartiges Haus, nicht wahr?« sprach der
Spielmann. »Dieser Monumentalbau hat ja da unten geradezu Katakomben.
Ich könnte mir ausmalen, daß man hier Grotten und einen Geheimtempel
in den Berg hineinbauen und eine auserwählte Geisterschaft zu einem
Geheimbund versammeln könnte, etwa wie in Goethes Wanderjahren.«
»Einen Orden der Entsagenden?« bemerkte Arnold lächelnd. »Sehr fein,
wenn sie Irdischem entsagen und Höheres gewinnen, also zugleich
Schaffende sind.«
Ingo war es auch, der neben Frau Cäcilie und dem gastlichen Hausherrn
allvermittelnd und feinfühlig die Verbindung zwischen den einzelnen
Gästen herstellte. So schleppte er seinen zugeknöpften, an Vertrutzung
leidenden Trotzendorff zu Fanny am Arm heran, damit er -- wie er
scherzend bemerkte -- Zeuge werde einer regelrechten Liebeserklärung.
»Verargen Sie mir's nicht, mein gnädiges Fräulein,« sprach er, »ich
gestehe hiermit eine alte Schwäche für Elsässerinnen. Einmal bin ich
einer Landsmännin von Ihnen bis nach Barcelona in Spanien nachgereist.
Und eine meiner Urahnen stammt aus dem oberen Elsaß. Obschon ich
sehr, sehr glücklich verheiratet bin, ich kann's nun einmal nicht
lassen, mich an jungen Mädchen zu freuen -- nebenbei mit gütiger
Erlaubnis meiner ganz von Eifersucht freien Herrin --, so recht zu
freuen, wie man sich an schönen Bildern und guter Musik ergötzt. Zu
meinen Lieblingsdichtern gehört Herr Walther von der Vogelweide; und
ich selber singe gern zur Laute. Gnädiges Fräulein, was will ich mit
alledem sagen? Es ist die verblümte Form für eine Einladung nach Haus
Stein-Waldeck in Thüringen. Sie wären die erste nicht -- wie meine Ahne
Octavie beweist --, die den Weg vom Elsaß nach Thüringen zu rechter
Zufriedenheit zurücklegen würde.«
Es war nichts Besonderes, was er sagte; doch spürte man sein Bemühen,
der Vereinsamten einige ritterliche, herzlich gemeinte Artigkeiten zu
verabreichen.
Allein Frau Lobsann kam dazu und wehrte sich scherzend: »So, so, Sie
wollen uns Fanny weglocken? Da wird nichts draus! Wir stehen der
Romantik näher als dem Klassizismus, Goethe ausgenommen. Und die
Romantik gehört in das blühende Heidelberg, nicht in das dürftige
Thüringen.«
Jetzt raffte sich sogar der Preuße Trotzendorff auf, überwand seine
wuchtende Sorge und Bitternis und mischte sich in den Wettkampf der
Worte und der Herzen.
»Erlauben Sie mir zu sagen, daß Elsaß immer noch Reichsland ist,
demnach mehr zu Berlin-Potsdam als zu Heidelberg und Thüringen gehört.
Ich spreche also auch meinerseits eine Einladung aus. Deutschland hat
zwei Seelen: die eine heißt Weimar, gnädiges Fräulein, da kann Ihnen
mein Freund Stein Führer sein, gehen Sie aber weiter nach Potsdam und
Sanssouci -- da werden meine Frau und ich Ihnen gern unsre bescheidene
Gastlichkeit bieten.«
Arnold saß schweigend daneben. Er rauchte seine Zigarre und dachte
manches; aber er sprach es nicht aus; denn das lag hinter ihm. Er
dachte: Sieh an, wie man sich da um die elsässische Seele bemüht! O
ihr lieben Deutschen, hättet ihr doch das ein wenig früher getan!
Lobsann hatte einige befreundete Professoren eingeladen. Er wollte
sachte anpochen und lauschen, ob sein elsässischer Freund sich wieder
in den Lehrkörper der Universität einfügen ließe. Doch Arnold winkte ab.
Es gibt vornehme, schicksalbelastete Menschen, zu deren Lebensleid eine
feine seelische Einsamkeit gehört; sie sind einmal in entscheidender
Stunde zu kurz gekommen, weil der ihnen nötige Vorrat von liebendem
Verständnis ausgeblieben; da hat sich etwas in ihnen zugeschlossen.
Sie bleiben auf Erden heimatlos; und sie sprechen wenig über ihre
himmlische Heimat, weil sie auch über dieses Heiligste nur wieder
Mißverständnis und Gleichgültigkeit befürchten müssen.
Arnold war in diesen Zustand eingetreten.
»Wieder Professor?« sprach er mit herb ablehnendem Lächeln. »Nein,
Freund, ich bin mit meiner professoralen und pastoralen Weisheit
gleichermaßen zu Ende. Es soll übrigens, sagen einige, auch an den
deutschen Universitäten Nährboden vorhanden sein für den Bazillus des
Neides. Und mir persönlich scheint, daß es just das Professorentum
oder der Papier-Verstand ist, was wir überwinden müssen. Deutschland
braucht Seele. Sehen Sie, lieber Freund, dort liegen Stöße von
schriftstellerischen Arbeiten, die alle aus der Gelehrsamkeit in die
Schlichtmenschlichkeit übersetzt sein wollen. Ich gestehe Ihnen, daß
ich von dem lauten, würdelosen, meuternden und streikenden Deutschland
angewidert bin. Dieses hadernde Volk ist auch geistig keine Einheit
mehr. Alles haben sie in Geschwätz und Vernünftelei aufgelöst, auch
Christus und das Reich Gottes. Sie gehorchen nicht Gott, sondern
dem Zeitgeist. Daher sind sie auch von Gott als Großmacht verworfen
worden. Wie hat dieses gegenwärtige Deutschland seine Genies behandelt,
einen Richard Wagner, einen Bismarck! Nein, nein, dieses Land der
lauten Mittelmäßigkeit, nur durch Drill zusammengehalten, hat schon
lange keine Ehrfurcht mehr. Nun hoffe ich noch auf eine Auslese, auf
das heimliche Deutschland, auf jene Großmacht des Herzens, deren
Weisheit aus Märchen, Mythos und einzelnen Meistermenschen uns
entgegenleuchtet. Dieser Großmacht will ich in aller Stille zu dienen
suchen. Nicht also dem Papier, sondern dem königlichsten Stoff, den
dieser Planet beherbergt: der gottsuchenden Menschenseele.«
Und über seine Züge verbreitete sich ein warmes Leuchten, als er nun,
mit einer Wendung zu der nahe sitzenden Hausfrau, auf Fanny deutete und
eine Hauptsache aussprach, die bis jetzt noch nicht gesagt war: »Sie
bleibt!«
»Sie bleibt?!«
Die Künstlerin in ihrem warmherzigen Rokoko-Naturell sprang lebhaft
auf, packte Fannys Köpfchen und küßte sie.
Man wurde aufmerksam und unterbrach das Gespräch.
»Sie bleibt?«
So ging es fragend und flüsternd von Mund zu Ohr.
»Wer? Wieso?«
Und Ingo fügte hinzu:
»Werden hier von schönen Frauen Küsse ausgeteilt, wenn man bleibt?«
Jetzt klopfte Professor Lobsann frohgemut ans Glas.
»Sie bleibt! Meine Damen und Herren, sie bleibt! Sie alle beginnen
einen Rundgesang und fragen, was das heißt. Sie wissen es nicht,
deshalb muß ich es Ihnen erklären. Wir haben unser Elsaß verloren;
von allen Seiten hören wir mit Bitterkeit, wie deutsche Brüder unter
Drangsalen von dort ausgejagt werden oder durch Auswanderung dieser
Schmach zuvorkommen. Zwei dieser wertvollen Menschen, die durch großes
Leid gegangen sind, haben wir hier in unsrer Mitte. Es war meiner
Frau und mir eine Herzensfreude, ihnen dieses Haus zur Verfügung zu
stellen. Aber unsre liebe Elsässerin wollte schon in den nächsten Tagen
in die Heimat zurückkehren. Das war uns schmerzlich, doch wir ehrten
ihren Entschluß. Nun hören wir, daß sie aus irgendeinem Grunde -- ich
vermute, der Zauber hängt mit diesen beiden Figuren zusammen -- sich
entschlossen hat, hierzubleiben für immer. Daher, meine Damen und
Herren, unser freudiger Ruf: sie bleibt! Und so hält unser Herz dennoch
das Elsaß fest. Denn viele Gute von dort kommen zu uns. Und gemeinsam
wollen wir, die ausgewanderten Edelsassen und die im Reiche wohnenden
Edeldeutschen, durch Leid geläutert die deutsche Seele bauen. Es ist
Elsässer Wein, den ich Ihnen hier vorgesetzt habe, meine Herren! Stoßen
Sie mit mir an! Unsere liebe, nie zu vergessende deutsche Westmark --
und das beseelte Reich!«
Die Gläser klangen.
Fanny und Arnold standen Hand in Hand.
Und der Schimmer der zusammenklingenden, mit goldgelbem Wein gefüllten
Pokale fiel auf das Straßburger Münster, das groß und still an der Wand
hing.
Ende.
Weimar und Westmark -- Edelgut,
Bezahlt mit Geist, bezahlt mit Blut.
Geistland und Grenzland, Wort und Wehr --
Das Wort nehmt ihr uns nimmermehr!
Und raubt ihr uns des Reiches Mark,
So bleibt uns doch der Goethepark
Und neben Weimars heil'gem Hain
Der Wartburg geistbelebter Stein.
Die deutsche Kraft besinnt sich dort:
Und starke Wehr wächst aus dem Wort.
Uns aber, die wir heimatlos,
Geziemt es: duldet still und groß!
Das unbeseelte Reich zerbrach,
Wir stehn vor aller Welt in Schmach;
Nun bleibt uns aufzubaun ans Licht
Ein Seelenreich, das nie zerbricht.
Hier, deutsche Jugend, ist die Bahn:
Beseelt Neudeutschland! Fanget an!
~Weimar, 21. November 1918~