ist unverändert. Es geht ein so schönes Leuchten von ihm aus wie immer.
Ich habe ein Stündchen an seinem Bett gesessen und ihm unendlich viel
von dir erzählt. Hoffentlich darf er bald in unser Lazarett, damit wir
ihn in der Nähe haben. Ich werde gleich morgen mit dem Oberstabsarzt
sprechen.
Es ist mit Dirk sonderbar; als ob er einen Panzer um sich hätte, durch
den nichts Gemeines hindurchdringen kann. Wieviel Häßliches muß man als
Jugend- und Armenpflegerin anhören! Aber Dirk und ich sind ja so gut
beschützt. Unser Panzer heißt Liebe. Und du, lieb Muttchen, hast ihn
geschmiedet. Wir danken dir mit jedem Atemzug.
Jetzt ist ein wundervoller Abend. Ich sehe durch das Fenster des
Gasthofes auf einen schlanken Kirchturm, hinter dem ein erster Stern
sichtbar wird. Nennst du mich nicht oft dein Sternenkind, lieb
Mutterle, weil ich Sterne so lieb habe? Aber die Sterne im Himmel des
Menschenherzens habe ich noch lieber. Unser größter Reichtum ist doch
der Mensch. Und wenn ich einen liebenswerten Menschen kennen lerne,
so empfinde ich das wie ein Gottesgeschenk. Herzensmuttchen, das hast
du uns gelehrt in deiner stillen, besinnlichen und so unaufdringlich
feinen Art!
Meine Reise verlief herrlich; ich habe gelesen, geplaudert, geträumt
-- verzeih, das tu' ich nun einmal so gern! -- und habe den Text zur
Schlußandacht meines nächsten Unterhaltungsabends durchdacht: »Gott
wird abwischen all' ihre Tränen« (Offenb. 7, 17). Der Betrieb auf der
Bahn war furchtbar. Aber ich sage mit meinem Schiller: »In des Herzens
heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang«. Dieses
innere Reich kann uns niemand nehmen.
Unterwegs, in meiner vierten Klasse, wo man bekanntlich den Mitmenschen
näher kommt als in der zweiten, dachte ich über mein Ziel nach. Die
gebildete weibliche Jugend zurückgewinnen für Gott, ihr helfen in ihren
Zweifeln, ihr die Augen öffnen für soziale Hilfe; die erwerbende Jugend
erziehen zu freudiger, beseelter Berufsauffassung, zu mütterlichen
Menschen; den Arbeiterinnen das Formgefühl für die Gestaltung des
Lebens verfeinern in edlen Erholungsstunden -- was für Aufgaben! Ich
saß neben einem nett gekleideten alten Herrn und las von Zeit zu
Zeit in meinem Buch. Da kam ein Kriegskrüppel herein und verkaufte
Postkarten. Ich fragte ihn, wo er seine Wunden erhalten und dergleichen
mehr. Da streifte der Mann seine Hosen auf und zeigte seine schweren
Narben (manche Gans hätt' es vielleicht unschicklich gefunden), und
wir sprachen hin und her. Dem Ärmsten tat unsere Teilnahme wohl. Als
er weiter gehinkt war, kam ich mit meinem Nachbarn ins Gespräch.
Er freute sich, daß sein ältester Sohn unterm Rasen lag und kein
Bettelbrot suchen müsse. Und da war sie wieder, die schöne Erfahrung
des Krieges: das gemeinsame Leid schlug eine Brücke von Seele zu Seele.
Wir berührten tiefste Fragen; wir sprachen über das Leid, den Tod, das
Fortleben der Seele, über Gebetserhörung und solche stillen, tiefen
Dinge. Er bekannte sich als Katholiken und gestand, daß er bezüglich
Seelenmesse und Fegfeuer viele Kämpfe durchgemacht habe. Ich sagte,
was ich vom Wert des Leides zu sagen wußte, und bat ihn, seinem noch
ungefestigten jüngeren Sohn, der auch Soldat ist, recht viel und warm
zu schreiben, damit der starke Strom der Elternliebe dort eine Kraft
bleibe. Denn ich weiß ja, wie deine Briefe, Muttchen, für Dirk Freude
und Kraft sind.
Mutterle, es reisen jetzt viele Hetzer und Schimpfer in den
Eisenbahnen; man sagt, sie seien bezahlt. Warum reisen keine Boten
Gottes, um unauffällig das Gute zu wecken und das Edle zu ermutigen?
Auf jedem Bahnhof kann man zotige Sachen kaufen: warum sammelt man
keine edelmenschlichen Züge und schickt sie mit dem allerschönsten
Bilderschmuck in die verarmte Menschheit hinaus?
Die Kinder der Welt machen sich oft lustig über die Kinder Gottes,
als ob fromme Menschen Trottel wären. Wir sind aber weder dumm noch
trottelhaft, wohl aber häufig feig. Das Laster hat eine Art Mut, denn
es hat Frechheit. Hätten die Guten doch denselben ruhigen Mut, sich zum
Göttlichen zu bekennen!
Es ist inzwischen Nacht geworden, ich beende diesen Brief und den
reichen Tag. Meine Lilien hab' ich wieder mitgenommen; aber es
sind nur noch drei: eine hat sich Dirk auserbeten, eine andre sein
Freund Erwin. Der letztere scherzt und neckt gern, er hat mich gleich
Lilienfee oder Lilofee getauft.
Gut' Nacht, Mutterle! Könnt' ich doch morgen Dirk losbekommen und in
sein Heimatlazarett mitbringen! In die Sterne schauend, grüßt dich innig
Dein Sternenkind ~Hertha~.
* * * * *
Erwin an Dirk.
Mein Dirk, seit du fort bist, hat mich eine gute Kraft verlassen.
Kein Buch schmeckt mir mehr, keine Zigarette, keine Mahlzeit. Nie
hat wohl ein holderer Bote einen lieberen Freund entführt, als deine
blonde Schwester meinen lieben Dirk. Ich werde sie künftig von Lilien
nicht mehr trennen können, und muß auch immer gleich an Mörike denken,
dessen Gedicht ich dir grade vorlas: »Wenn ich, von deinem Anschaun
tief gestillt, mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge« -- als
die blaue Gestalt eintrat und mit den Lilien an der Tür stand wie
eine Erscheinung aus einer andren Welt. Gott sei Dank, daß es kein
Todesengel war! Aber geholt hat sie dich doch. Wie ich ohne dich den
Kummer über das Elsaß verwunden hätte, Dirkbruder, weiß ich nicht.
Nun rollen wieder die Wolken über mein Gemüt. Schreibt mir doch bald
ein Wort, zwei Worte, viele Worte! Grüße dein herrliches Mütterlein
und, mit ein bißchen Groll, daß sie dich entführt hat, deine Schwester
Hertha!
In Herzenstreue
Dein ~Erwin~.
* * * * *
Hertha an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann! Der Todesengel ist nun doch gekommen. Dirk ist
soeben der Grippe erlegen. Es ist mir unmöglich, mehr zu schreiben. Er
hat noch kurz vor seinem Sterben von Ihnen gesprochen. Wir danken Ihnen
innig für alle Güte, die Sie meinem lieben Bruder so reichlich erwiesen
haben. In namenlosem Schmerz
~Hertha Maria Schütz~.
* * * * *
Erwin an Dirks Mutter.
Verehrte gnädige Frau!
Welch eine Nachricht! Ich bin betäubt vor Kummer und Schmerz. Herr
im Himmel, warum müssen unsere Besten so dahingehen! Die Kunde hat
mich wie ein Donnerschlag getroffen. Wenn ich nicht durch Dirk mein
Gottvertrauen so vertieft hätte, ich würde verzweifeln. Da liegt man
mit seinem Klumpfuß, muß dieses alles über sich ergehen lassen und kann
sich nicht wehren, kann nur knirschen, fragen, immer wieder fragen,
was denn Allvater mit seinem deutschen Volke vor hat, daß er uns im
einzelnen und im ganzen so furchtbar prüft. Ihr Sohn Dirk war der
reinste und bei so jungen Jahren reifste Mensch, den ich in meinem
Leben kennen gelernt habe. Wir hatten uns schon in Flandern, in den
heillosen Schlachten um Ypern, kurz berührt; doch wahrhaft befreundet
haben wir uns erst im Lazarett. Seine Freundschaft war das Glück dieser
Leidenszeit, in der ich ja auch meine elsässische Heimat verloren habe.
Dirk hat mich wieder fromm gemacht. Wir hatten schon davon gesprochen,
daß ich das Weihnachtsfest mit ihm bei seiner über alles geliebten
Mutter und bei seiner nicht minder teuren Schwester verleben dürfte.
Ach Gott, wir träumten beide, daß wir dann gesund seien und mitarbeiten
wollten, das schwergebeugte Deutschland wieder instand zu bringen. Nun
ist es dahin! Verehrte Frau, Sie dürfen auf diesen Sohn im edelsten
Sinne stolz sein. Wir jungen Leute haben einander ganz vertraulich das
Herz geöffnet, auch mit unsren Kämpfen und, meinerseits, Irrungen;
ich habe in diese reine Seele schauen dürfen -- oh, es war ein ganz
entzückendes Kunstwerk! Und dieses Kunstwerk ist Ihr mütterliches
Verdienst. Gott segne Sie dafür und stärke Sie in Ihrem großen Schmerz!
Dirk lebt im jenseitigen Reiche. Immer stärker glaube ich an dieses
unsichtbare Land. Es wandern so viele Tüchtige dahin aus, die unsre
Gedanken und Gefühle unwillkürlich nachziehen. Der Tod hat seine
Schrecken verloren. Und mir geht ein gewaltiger Gedanke durch Kopf
und Herz: ob der Herr über Leben und Tod grade die hinüberruft, die
er drüben braucht? Denn leuchtendes Leben, Liebe, Schaffen ist doch
gewiß auch dort! Und mein Freund Dirk ist nun unter diesen Leuchtenden
und Liebenden, die von drüben her an der Menschheit, an unsrem armen
Deutschland mitschaffen.
Grüßen Sie die Dirkschwester, die ich herzlich bitte, mir ausführlicher
über ihn zu schreiben, und seien Sie meiner innigsten Teilnahme nebst
lebenslanger Dankbarkeit versichert!
Ihr tiefbetrübter
~Erwin Ehrmann~.
* * * * *
Hertha an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann!
Über Dirk soll ich Ihnen schreiben. Ach, wie gern tu' ich das! Wir
denken, fühlen, reden und schweigen ja nichts andres Tag und Nacht als
Dirk.
Sein Leben war Schönheit, stille Freudigkeit und strahlende Reinheit.
Um uns beide, die wir frühe den Vater verloren haben, waren die
starken, schützenden Kräfte der Mutter. Und hinter der Mutter mit ihrer
gesammelten Kraft und Wärme standen höhere Mächte, Schutzgeister,
die wir in oft geradezu wunderbarer Weise an der Arbeit fühlten.
Wir sind in den Wuppertaler Formen der Frömmigkeit erzogen, ohne
engherzig zu sein, auf werktätige Liebe eingestellt. Aber auch die
Kunst, besonders Malerei, und die Natur sind uns Erzieher geworden.
Dirk und ich schauten gern gute Bilder, und Blumen sind immer auf
meinem Tische; auch hatte er an den neuerdings wieder aufgekommenen
Reigentänzen und Volksliedern ebensoviel Freude wie ich. Und wie sind
wir miteinander gewandert in Sturm und Regen, in Frühlingslust und
Sommersonne, am Meer, in Wald, Heide, Bergen! Wir haben mit allen Poren
Natur eingetrunken. Und mit dieser Sonne im Herzen, braungebrannt von
Luft und Wind, ist dann Dirk zur sozialen Arbeitsgemeinschaft nach
Berlin-Ost gegangen und hat seine Lebensfrische den Arbeitern gebracht.
Es ging ein Zauber von ihm aus. Das haben mir viele gesagt. Wer nicht
mehr an den reinen deutschen Menschen glauben konnte, der brauchte nur
diesen sonnigen Jungen anzusehen.
Auch für alle ähnlichen modernen Bewegungen, die auf Beseelung
ausgehen, so für Johannes Müller, die Neulandgruppe in Eisenach,
Euckens Philosophie, sogar die Steinersche Theosophie hatten Dirk und
ich offene Augen. Aber wir haben uns nie aus dem Geheimnis unsrer
eigentlichen Kraft herausreißen lassen. Und dieses Geheimnis hatte uns
die Mutter eingepflanzt. Es ist das schlichte werktätige Christentum,
wie es uns besonders im Johannes-Evangelium verkündet wird.
Wir hatten jedes unsre kräftige Eigenart; und doch erinnere ich mich
aus unsrer nicht leichten, mit Arbeit tüchtig ausgefüllten Jugend
keines Zankes zwischen uns. Wie oft hat mich seine Hand auf dem
Spaziergang gefaßt: Du bist müde, Schwesterlein, wir wollen nicht so
schnell gehen! Seine Briefe an mich waren voll von kleinen eingeklebten
Bildern, die das Geschriebene launig belebten. Und häufig hat mich
ein Strauß oder sonst eine Aufmerksamkeit von ihm auf meinem Tisch
überrascht. Sein Wesen war Güte und in der Güte still beherrschte Kraft.
So denk' ich mir die kommenden Seelen im gereinigten, durch Schmerz
gereiften deutschen Vaterlande. Ich habe jetzt oft ein Gefühl wie vor
Sonnenaufgang in den Alpen. Wir sehen die Spitzen der Berge sanft
erglühen, den Himmel lichter und goldner werden, die Wolken in einem
tiefen Feuer aufleuchten. Ob der Weltkrieg, der unsren irdischen Augen
Vernichtungsflamme scheint, in höherem Sinne das Morgenrot einer neuen
Zeit ist?
Unsere Weihnachtsfeiern waren immer so schön. Für das nächste Fest
hatten wir schon unsre Pläne gemacht. Ich wollte in weißem Kleide durch
die Tür kommen und wie der Sternsinger in den alten Dreikönigspielen,
mit dem Stab, an dem der goldne Stern funkelt, auf das Kind und Maria
blickend, sprechen:
»Stille, stille!
Gottes Minne!
Still, o Himmel,
Still, o Meer --
Nun schweigt und ruht!
Sterne, ihr sollt stille stehn,
Winde, ihr sollt leiser wehn,
Seht, o seht das frohe Wunder!
Welten haben sich gefunden,
Hohe Feuer sind entglommen,
Sind in Lust und Glanz entbronnen,
O Sonn' in einer Wolke Glut:
Dies holde Knäblein, das da ruht,
Wisset, ist Gott und Mensch zugleich!
Sein' Gottheit aus der Menschheit sieht,
Wie die Sonn' aus der Wolke glüht ...«
Ist nicht eine geradezu Rembrandtsche Beleuchtung in diesen einfachen
alten Worten? Wie haben wir zu Weihnachten immer gesägt, gemalt,
gepappt, vergoldet und versilbert! Wir bauten manchmal aus Moos,
Feldsteinen, hölzernen Schafen, Hirten und dergleichen das halbe Zimmer
in eine Weihnachtslandschaft um. Wie einsam wird diese Weihnacht werden!
Doch ich bin müde. Heute war ich in einer Sitzung des städtischen
Arbeitsnachweises; mehrere tausend Frauen wurden hier aus der
Rüstungsindustrie entlassen; welche wirtschaftliche Umwälzung! Und auf
allen Gassen schreit man nach größerem Lohn. Aber wenige rufen nach
ewigen Dingen. Meine Mutter und ich fühlen uns oft wie Fremdlinge in
dieser wild erregten Welt, wenn wir so miteinander durch die Straßen
gehen.
Nächstens ist ein Bachkonzert. Das habe ich mit Dirk nie versäumt. Bach
und Beethoven waren seine Lieblinge. Wir haben da so eine liebe alte
Kirche, Weiß und Gold, wunderschöne heimatliche Schnitzereien; wenn
ich da sitze, wo ich oft mit Dirk und Mutter saß, weiß ich: Hier ist
Heimat. Da fühl' ich Dirk neben mir. Wenn wir manchmal zu lang irgendwo
blieben und ich ins Träumen kam, vernahm ich plötzlich seine gute
tiefe Stimme leis am Ohr, und er mahnte mich mit den Worten des alten
Volksliedes: »Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus?«
Ach, daß ich diese Stimme nie mehr höre!
Seien Sie herzlich gegrüßt!
~Hertha.~
* * * * *
Dirks Mutter an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann!
Wir wissen durch Dirk, ein wie treuer Freund Sie ihm gewesen sind.
Wollen Sie seiner Mutter und Schwester eine Freude bereiten? Elsaß ist
jetzt von den Franzosen besetzt. Sie werden also wohl vorläufig nicht
nach Hause können. Wenn es Ihr Gesundheitszustand erlaubt und wenn Sie
durch keine andren Absichten oder Pflichten verhindert sind, kommen Sie
doch bitte zu uns beiden Vereinsamten und feiern Sie mit uns das stille
Fest des Lichtes und der Liebe! Dann wollen wir von Dirk sprechen,
dessen Geist gewiß bei uns sein und sich mit uns freuen wird in seinen
verklärten Höhen.
Mit herzlichen Grüßen Ihre
~Paula Schütz~.
Zwölftes Kapitel
Heidelberg
... so möchte man freilich den Weg dahin
richten, wo Freundschaft und Neigung den reinsten
Empfang versprechen.
~Goethe~ an Marianne von Willemer (1817)
Am Eingang des Heidelberger Schloßgartens erhebt sich ein stattlicher,
gelb getönter Steinbau.
In steilen Terrassen steigen dort Gärten und Landhäuser längs der
gewundenen Straße bis hart an die Schloßmauer heran. Und ihnen entgegen
wächst von oben her der Bergwald, der seine Bäume und Büsche tief in
die Schloßtrümmer hineinsendet, wo er dann noch mit Efeu alle Ritzen
und Gräben der zerbrochenen, doch zärtlich erhaltenen Burg liebevoll
einspinnt.
Jenes herrschaftliche Haus entfaltet seine Hauptfront mit Altanen und
Steintreppen nach der Nordwestseite. Dort türmt sich das ansehnliche
Gebäude aus den Gärten empor und gipfelt zuletzt in einem kleinen Turm,
der einer Sternwarte gleicht.
Goethes Lieblingsstätte ist so nahe, daß man aus den Fenstern zu dem
daselbst Stehenden hinüberplaudern könnte. Und vom Altan aus hat man
dieselbe Aussicht auf den edelgeschwungenen, westwärts in den Rhein
dahingleitenden Neckar, wie einst der weimarische Dichter, der jene
Stätte an der umsponnenen Mauer um die Zeit seiner freundschaftlichen
Liebe zu Marianne von Willemer besonders liebgewonnen hat. Auch der
Gingo-Biloba-Baum, der in Lied und Briefworten jener Tage genannt
wird, steht noch in den weitläufigen Schloßanlagen. Und zarte Romantik
genug wittert überall in den Lüften, die im Mai von Blüten, Bienen
und Vogelsang üppig begnadet sind. Niemals auch entschläft hier die
immer neu aus der Universitätsstadt heraufquellende Zechromantik
Scheffelschen Tones. Und der alte deutsche Wanderdrang fühlt sich
oft mit Rucksack und Laute in diesen einst so roh gesprengten, samt
der ganzen Pfalz fürchterlich verwüsteten, doch in einzigartiger
Ruinenschönheit wohlerhaltenen Schloßbezirk getrieben.
Hier hatte Frau Cäcilie Lobsann-Schultheß, von Zürich kommend, Gatten
und Heim erwählt. In ihrem überaus anmutvollen Wesen waltete wieder ein
Hauch des weimarischen und des romantischen Geistes deutscher Dichtung
und deutscher Fraulichkeit.
Es war in jenen November- und Dezembertagen eine milde, helle Witterung
mit nächtlichem Sternenschein und dunstfreiem Vollmond. Zögernd nur
wichen die reinen Abendröten hinunter, nachdem sie sich lange im
wellenlosen Spiegel des farbenschimmernden Neckarstromes gelabt hatten.
Der Bismarckturm drüben am sanft ansteigenden Hügel stand massig unter
den abendlichen Farben. Er hatte in mondhellen Sommernächten manchem
Fliegerkampf über dem unfernen Mannheim-Ludwigshafen zugeschaut. Oh,
wie dann die dumpf donnernde Luft durchzuckt war von ununterbrochenen
Schrapnell-Blitzen der heftig abwehrenden Geschütze! Jetzt lag das
blutgetränkte Europa in unheimlicher Ruhe; die Dämonen des Weltkrieges
schienen entwichen. Oder waren sie, wie jene nordwärts fliegende
winterliche Rabenschar, ins innere Deutschland geflogen und hausten
dort in den Geistern der Revolution?
In jenem wuchtigen, einem Palazzo der Renaissancezeit vergleichbaren
Bau hatte der ausgewanderte Elsässer Arnold im ersten Stockwerk
Zuflucht gefunden. Hier atmete er auf. Er konnte sich keine angenehmere
Wohnstätte wünschen. Fanny hatte während der rüstig betriebenen
Einrichtung den Schmerz betäubt. Behaglich erwuchsen die schmucken
Räume unter ihren fest zugreifenden Händen. Die Bücher standen geordnet
und warteten auf Benutzung. Das Speisezimmer bildete den Übergang zum
großen Steinbalkon, und daneben war noch ein kleineres Zimmer, worin
sich Fanny vorläufig niedergelassen hatte.
Nur vorläufig; denn sie war entschlossen, nach vollbrachter Arbeit
in das französische Elsaß zurückzukehren. Niemand suchte das
willensstarke, vom Schmerz überschattete ernste Mädchen im Trauergewand
an ihrem Entschluß zu hindern, da sie erste Versuche dieser Art
sofort zurückgewiesen hatte. Alle waren taktvoll genug, ihr in so
wichtiger Lebensentscheidung, ob sie fernerhin zur deutschen oder
zur französischen Familie gehören wollte, Freiheit zu lassen. Allein
mit der ihrer Schweizerart eigentümlichen Zähigkeit wartete Frau
Cäcilie seufzend auf eine passende Stunde zu nochmaligem Angriff;
und noch geheimer war Arnolds wehmutvolles Bedauern. Die ebenso
lebhaft-natürliche wie herzensgute Hausfrau hatte das junge Mädchen
rasch ins Herz geschlossen; beide hatten Künstlerblut. Und dem nunmehr
amtlosen Einsiedler war es, als ob mit Fanny das letzte Restchen Heimat
am Himmel dahin zu schwinden drohte.
Professor Lobsann, Mediziner und Musikfreund, war beglückt,
Gastfreundschaft erweisen zu können. Liselottchen, das
gesprächig-liebenswürdige Töchterchen, beherrschte hier den Kreis und
trat in Wettbewerb mit der Mutter, deren Reichtum an Einfällen sie
geerbt, deren warme Braunaugen sie jedoch abgelehnt hatte, um Vaters
Blauaugen vorzuziehen.
Die Kleine war ein bestrickendes Persönchen. Sie hatte im ersten
Augenblick Fannys ganze Liebe gewonnen, so daß sie sogar den
tüchtigen Schwestern Weller ein wenig untreu wurde, die Lobsanns Haus
leiteten. Hatte die etwas an den schweizerischen Tonfall der Mutter
erinnernde Sprechweise der Elsässerin ihr Ohr erobert und durch das
musikempfängliche Ohr das kleine Herz? Oder die rasche, dabei innige
Art, wie Fanny zu liebenswerten Menschen Stellung nahm? Oder die noch
von Schmerz durchzitterte Seele der verwaisten Jungfrau? Kurz, das
zehnjährige Kind, das sonst sein eigenes Setzköpfchen zu bekunden
und sich nicht ohne weiteres anzuschmiegen pflegte, warf sich mit
erstaunlichem Zutrauen in die Arme der neuen Freundin. Und wohl mochte
die verlassene Braut dabei ahnen, daß ihr das Glück eigener Kinder für
immer versagt sei.
Fanny hatte im Balkonzimmer den Tisch geschmückt, soweit es in dieser
Jahreszeit möglich war. Der Abend schimmerte herüber. Die Teestunde
sollte eine Art Einweihungsfeier werden, in einfachsten Formen. Frau
Cäcilie war in einem kornblumenblauen Kleid heraufgeeilt und zog Fanny
schnell noch zu einem Plauderviertelstündchen neben sich auf das Sofa.
Und da ergab es sich nun, daß sie plötzlich auf Arnolds Heidelberger
Anfangszeit zu sprechen kam.
»Ja, und da wollt' ich noch sagen, Fanny,« plauderte sie in ihrer
geläufigen, manchmal umständlichen und begründenden Art, »ist Ihnen
nicht auch schon an Professor Arnolds Gesicht das schmerzliche Lächeln
aufgefallen? Ich habe diesen wehmütigen Zug, der sich ihm tief
eingegraben hat, geradezu entstehen sehen. Denn ursprünglich war er
nicht so, er war vielmehr heiter und zu Neckereien aufgelegt, so daß
wir in jener allerdings nur kurzen Zeit unserer ersten Bekanntschaft
manchen Redestrauß miteinander ausgefochten haben. Es endete freilich
immer versöhnlich, und zwar meist mit einer Schokoladetafel Lindt und
einem unter Blumen versteckten Verschen. Aber die Geschichte mit seiner
Frau -- --«
»Daß sie geisteskrank wurde?« fragte Fanny gespannt. »Ich habe nie
Näheres darüber gehört.«
»Nein, noch früher. Man spricht ungern davon. Sie war immer ein wenig
nervös, ein wenig unbefriedigt und leicht gekränkt, in der wirklich
törichten Meinung, daß man sie als Elsässerin nicht voll achte, wozu
aber sicherlich gar kein Grund vorlag, wenn man auch einmal auf die
Französlinge im Elsaß schimpfte. Und dann, ja, es ist halt traurig
zu sagen -- dann kam die Verirrung mit dem Studenten. Sie hat ihren
Gatten und das zweijährige Bübchen einfach sitzen lassen und ist eines
Tages mit einem jungen Mann durchgegangen, um freilich nach ein paar
Wochen oder Monaten beschämt und gebrochen wieder heimzukehren. Von
da ab war eine Störung in ihrem seelischen Wesen. Man hat die Sache
möglichst zugedeckt. Aber schließlich hat man sich die Augen nicht
mehr verschließen können, daß sie geisteskrank war. Im Irrenhause ist
sie dann gestorben. Es hat ihn furchtbar mitgenommen. Seine Stellung
hier war unmöglich geworden. Denn nicht wahr: er selbst vertritt ja
so etwas wie philosophischen Idealismus und fühlte den Vorgang als
eine öffentliche Niederlage, da er nicht einmal in seiner nächsten
Umwelt Ordnung schaffen konnte. Er hat Zeiten gehabt, wo er an Gott
und an aller Weltordnung irre geworden ist; aber ausgesprochen hat
er sich höchstens einmal zu meinem Mann, und der trägt solche Sachen
nicht weiter. Nur die Musik bot dem Vereinsamten immer wieder Trost.
Da hab' ich ihn mit meinen Liedern oft erfreuen dürfen. Überhaupt,
edle Hausmusik -- -- obwohl, ich muß es Ihnen halt ganz verstohlen
gestehen, liebe Fanny, mich drängt's und reißt's doch auch immer wieder
nach dem Konzertsaal. Das liegt mir so von Mutter und Großmutter her
im Blut. Sich so recht in Formen der Kunst austoben, eine kunstsinnige
Zuhörerschaft hinreißen -- ach, Fanny, verstehen Sie das?«
Ja, Fanny konnte diesen edlen Ehrgeiz nachfühlen.
»Ist's das vielleicht, was jene unglückliche Frau gesucht hat?« fügte
sie nachdenklich ein. »Hat ihr vielleicht die Befreiung durch die Kunst
gefehlt? Onkel Arnold sagte mir einmal, sie habe zu Kunst und Musik
kein Verhältnis gefunden. Können Sie sich das vorstellen, Frau Cäcilie?
Und er so musikalisch! Und sogar ein Stück Poet wie auch Gustav!«
Und Fanny erzählte von jenem Band »Gespräche«, den sie unter den
Papieren gefunden. Sie glaubte die Unterhaltung zwischen Agnes und dem
armen Heinrich jetzt noch besser zu verstehen. Und bitter brach auch
heute wieder die Klage durch, daß ihr selbst dem Verlobten gegenüber
keine Erlösungskraft beschieden gewesen.
Frau Cäcilie tröstete.