Dann kam ein Lehrer aus dem hinteren Vogesental durchgewandert; seine

Gattin stammte aus Altdeutschland. Auch er war im Begriff, zu seiner

bereits in Sicherheit gebrachten Familie über den Rhein zu flüchten.

»Und stellen Sie sich vor,« berichtete er bekümmert, »ich war Soldat,

ließ mein Schulhaus im Schutz der Gemeinde zurück -- und wie find'

ich's wieder? Meine kostbare Bücherei beschmutzt und zerfetzt, meine

einzigartige Briefmarken- und Schmetterlingsammlung gestohlen,

meine Möbel und Bilder verschandelt! So verdirbt man mir mein sauer

verdientes Eigentum! Als ein halber Bettler zieh' ich jetzt über

den Rhein, ich, ein deutschgesinnter Elsässer! Merken Sie aber die

Hauptsache: es war ~deutsche~ Einquartierung, die mir das angetan

hat!«

Der Mann schied von seiner Heimat, in seinem Rucksack etliche

Habseligkeiten davontragend, um sich jenseits des Rheines ein neues

Leben zu zimmern. Viele sollten ihm noch folgen ...

Und nun marschierten heimziehende Soldaten durch Lützelbronn, tapfre

Mannschaften, die bis zuletzt ihre Stellungen in den Südvogesen

verteidigt hatten.

Unter ihnen tauchte ein Leutnant auf, der mit Gustav von der

Universität her bekannt war.

»Ach, Freund, Freund,« rief der gutherzige Schwabe mit Tränen in

den Augen, als er seinem gepreßten Innern Luft machte, »kein Neckar

und kein Rhein waschen diese Schmach von Deutschland ab. Ich habe

nächtelang nicht geschlafen. Meine Mutter ist Tirolerin. Und nun hocken

die italienischen Katzelmacher in jenen herrlichen Bergen! Südtirol von

der Salurner Klause bis zum Brenner ist seit Beginn des Mittelalters

von Deutschen bewohnt. Die Bevölkerung hat einstimmig erklärt, nicht

von Nordtirol abgetrennt werden zu wollen. Dennoch, diesem klaren

Entschluß und dem Wilsonschen Programm zum Trotz, hausen jetzt dort die

Italiener, denken Sie sich, und wollen das Land bis zum Brenner von uns

losreißen, gut deutsches Land, das ich durch meine Mutter lieb habe wie

mein Heimatland! Und über München regiert ein Galizier! Diesen Unfug

lassen sich die derben Bayern gefallen! Und überall in diesem Elsaß so

viel Gehässigkeit -- es erwürgt mich, Freund! ... Ach, das liebe Elsaß!

Seit Mai 1915 bin ich hier an der Front. Ich hab' euer Ländle unendlich

liebgewonnen. Und mehr als das: ich hab' ein wundervolles, reines Mädle

hier gefunden, das mich lieb hat. Aber ich bin halt evangelisch -- und

sie ist katholisch. Wir haben uns trotzdem ewige Liebe geschworen,

obschon ihr Pfarrer -- ein übrigens wahrhaft guter Mann -- seine

Bedenken hat. Was dieses Weib mir in all den schweren Seelenkämpfen

gewesen ist, kann ich nicht in Worte fassen. Gestern hab' ich ihr ade

gesagt. Ich werde dieses Gesicht und diese Tränen nie vergessen. Sie

ist der Kirche gehorsam; sie will bleiben. Aber sie weiß -- sobald sie

zu mir nach Stuttgart kommt, ist sie vor Gott und Menschen meine Frau.

Ich dränge sie nicht; ich hab' kein Wort über die Lippen gebracht;

Kuß und Tränen war alles. Nennen Sie mich weichlich, lieber Freund,

meinthalb, aber -- es ist halt zu viel, gar zu viel, was jetzt auf ein

treues deutsches Herz einstürmt!«

So kummervoll schied dieser Schwabe, der letzte der vielen deutschen

Soldaten, die während des vierjährigen Weltkrieges im Pfarrhause von

Lützelbronn Einkehr gehalten hatten.

Unmittelbar nachher war auch Gustav verschwunden.

Fanny kam herüber und brachte einen zornflammenden Brief Erwins;

sie legte ihn schweigend auf Onkel Arnolds Tisch. Der wunde Krieger

in seinem fernen Lazarett war empört über all die Vorgänge; und er

schrieb betrübt, daß er nun allein liege, voll Weh um das Elsaß, voll

neuerwachter Sehnsucht nach Fanny und den Freunden, mutterseelenallein,

trotz der vielen Leute um ihn her -- denn der Sonnenschein sei auch aus

diesem Hause verschwunden, wie aus der ganzen Zeit: Dirk und Hertha

seien nach ihrer westfälischen Vaterstadt abgereist.

Eine Weile stand Fanny am Fenster und schaute den abziehenden deutschen

Truppen nach. Marschierende Männer, endloses Fuhrwerk, bis in die

beginnende Nacht, ausgestoßen vom Elsaß, eingeschluckt vom inneren

Deutschland ... Wasser, die sich verliefen ...

Dann fragte sie nach Gustav. Aber er war nirgends zu finden.

Man wartete, ward unruhig, fragte in der Nachbarschaft umher; man lief

auf seine nächsten Lieblingswege hinaus und rief seinen Namen.

Endlich kam Fanny auf den Gedanken, in seinem Studierzimmer genauer

Umschau zu halten.

Es lag deutlich sichtbar ein Brief auf dem wohlgeordneten Schreibtisch.

»An meine Lieben«, stand auf dem Umschlag. Mit bebenden Knien öffnete

die Braut, las den Inhalt und sank mit einem Wehlaut zu Boden.

Der Brief enthielt nur die wenigen Worte:

»Ich kann das Schreckliche nicht ertragen, das über mein deutsches

Vaterland und über mein armes Elsaß hereingebrochen ist. Sucht mich

im Teich und begrabt mich im Birkenwäldchen!

Euer unglücklicher Gustav.«

* * * * *

Auf der Höhe des herbstlich leeren Gartens standen die blätterlosen

Birken weiß und still.

Man schaut von dort weit hinaus in das elsässische Land.

In diesem Birkenwäldchen grub man Gustavs Grab.

Das Kreuz darauf war gleichfalls aus lichtem Birkenholz. Die runde

Holztafel in der Mitte, nach Art der Kriegergräber, enthielt nur Namen

und Datum.

Das Grab war von Kränzen, Blumen und Immergrün gänzlich zugedeckt. Ein

Stechpalmenkranz -- ein Dornenkranz -- hing am Kreuz. So lag dieser

Tote, den sie aus den Wasserrosen emporgezogen hatten, allein und

abseits, wie er im Leben scheu und einsam gewesen war.

Fanny war in einem furchtbaren Zustand. Sie weinte nicht, sie sprach

nicht. Sie irrte wie ein Schatten umher oder schloß sich ein. An nichts

mehr legte sie Hand an; für nichts mehr hatte sie Teilnahme. Kaum aß

sie das Nötige auf ihrem Zimmer.

Die Bewohner von Lützelbronn waren erschüttert; auch die ungünstig

gesinnten Dörfler verkrochen sich beschämt. Viel ehrliche Teilnahme

wagte sich zum Abschied heraus und gab sich in unbeholfenen Worten und

manchem Händedruck dem Pfarrer kund, der in einer ergreifenden Grabrede

seinen Schmerz entladen hatte.

Schon war der Möbelwagen abgefahren; Arnold selbst wollte am nächsten

Morgen folgen. Fanny hatte auf Lisys besorgte Frage, was sie zu tun

gedenke, nur mit wegwerfender Handbewegung und bitter gekräuselten

Lippen kurz geantwortet: »Ich bleib', wo ich bin -- oder geh' zu

Georges nach Frankreich!« Mehr war aus ihrem verschlossenen, ja

verkrampften Zustand nicht herauszubringen. Man sah nur, daß sie

entsetzlich litt.

Arnold hatte nach seiner Gewohnheit das schauerliche Erlebnis in der

Stille verarbeitet. Jetzt wollte er versuchen, Fanny vor dem Äußersten

zu bewahren. Man fürchtete ernstlich für ihren Verstand. Er ging ihr

nach. Aber sie war bisher jeder Unterredung ausgewichen.

An jenem letzten Abend jedoch traf er sie im Birkenwäldchen an seines

Sohnes Grab. Wieder suchte sie mit nervöser Hastigkeit zu entfliehen.

Doch er trat ihr in den Weg, breitete beide Arme aus und bat in so

schlichten, zu Herzen gehenden, eindringlichen Worten, ihm endlich

zu gestatten, ihr wenigstens in der Stille Ade zu sagen, daß sie mit

hängenden Armen vor ihm stehen blieb, wie ein gefangenes Wild.

»Sieh, Fanny,« sprach er, und der ganze Schmerz der letzten Tage

zitterte noch in der Stimme nach, »so dürfen wir beide nicht

auseinandergehen. Willst du denn auch mich zusammenbrechen sehen,

wenn du dich so gegen mich verstockst und verbitterst? Ich habe

keine Tränen, so wenig wie du. Wo soll man denn anfangen zu weinen

-- und wo aufhören? Zwischen euch beiden Kindern zu wandern, das war

meines Lebens letztes Glück und einzige Freude. Und jetzt? Heimat

und Kinder sind mir genommen. Und das Deutschland meiner Liebe dazu!

Denn das Deutschland, in das ich jetzt auswandre, ist nicht das Land

meiner Liebe. Ich bin grauenhaft einsam. Und doch -- mein Leid um die

Menschheit ist noch größer. Und ich würde tausend Opfer bringen, wenn

ich nur der Menschheit helfen könnte.«

Fanny hatte sich auf ein Bänkchen gesetzt. Sie fröstelte, zog den

Lodenmantel um die Schultern, stützte das Köpfchen in beide Hände und

starrte schweigend vor sich hin.

Wie im Selbstgespräch fuhr der Pfarrer fort, dem es Wohltat war, sich

durch Aussprache zu erleichtern.

»Es ist mir wie ein schwerer Traum, daß ich da vorgestern gestanden,

im schlichten Rock, und meinem Sohn die Grabrede gehalten habe. Mein

letzter Gottesdienst im Elsaß! Was für ein Abschluß! Dort die Leute

-- und vom Turm kein Glockenklang! Und der Text aus Jeremias: O Land,

Land, Land, höre des Herrn Wort! Mit Posaunenstößen möcht' ich's der

ganzen Westmark ins Herz dröhnen: O Land, Land, Land, höre des Herrn

Wort! Elsaß, du hast die Liebe verloren! Menschheit, du hast keine

Liebe mehr!«

Er atmete heftig, ging hin und her und blieb wieder vor Fanny stehen,

doch gleichsam in sich hineinsprechend.

»Sieh, Fanny, ich habe zu Saarburg in Lothringen auf dem Schlachtfeld

ein Christusbild gesehen, das mir tiefen Eindruck gemacht hat. Das

Kreuz ist zerschossen, der Heiland scheint frei in der Luft zu schweben

und die Arme auszubreiten über das Weh der Welt. Segnet er? Flucht

er? Ach, Fanny, wir wollen groß sein, wir wollen es dennoch als Segen

deuten und nicht als Fluch. Denn aus diesem grenzenlosen Haß ~muß~

ja doch, ~muß~ eine neue Liebe kommen. Sie muß kommen, denn wir

verhungern sonst auch seelisch, wie wir leiblich ausgehungert sind.«

Wieder ging er hin und her, seine Gefühle und Gedanken waren jetzt in

mächtiger Bewegung, lösten sich und drängten hinaus. Er rang schweren

Atems die Hände und blieb vor dem geschmückten frischen Grabhügel

stehen. Der Herbstabend dunkelte; weit irgendwo her aus hohen Lüften

klang der Schrei der Wandergans. Eine unendliche Wehmut schwoll über

des Vaters Herz.

»Ja, mein Sohn, mein lieber, lieber Sohn,« sprach er, mit Tränen

kämpfend, »ich will dennoch, dennoch nicht irre werden im Glauben

an das Gute, an das Göttliche hier auf Erden, wenn auch deine liebe

Seele zusammengebrochen ist. Ich will trotz dieser Niederlagen, die

Deutschland und die ich persönlich erlitten habe, die Waffen an ein

neues Geschlecht weiterzugeben versuchen. Das gelob' ich dir hier an

deinem Grabe. Dir ist kein Heldentod draußen bei deinen Brüdern auf dem

Schlachtfeld beschieden gewesen; im Nebel, einsam und verirrt, hast du

dich von uns fortgeflüchtet. Gott wird deine Seele wiederherstellen --

--«

Seine Stimme brach. Die Wohltat der Tränen ward ihm zuteil. Er tastete

nach Fannys Hand und hielt sie fest. Sie zuckte auf, kämpfte eine Weile

mit sich selbst und stieß plötzlich hart, heiß, aus gequälter Brust die

Worte heraus: »Ich kann nicht weinen wie du -- und will nicht weinen

-- und will nicht beten -- und will nicht an Gott glauben -- und an

nichts. Geh nur, Onkel Arnold! Laß mich allein -- auch du!«

Sie riß die Hand los und sprang auf. Aber in ihrem leidenschaftlichen

Herzen begann es zu tauen. Sie hatte die Rede wieder gefunden. Mit

heißen, trockenen Augen starrte sie ins Leere. Und ein angestauter,

zorniger Schmerz ergoß sich in wilde Anklagen gegen Gott und Welt, und

vor allem in Verwünschungen gegen Deutschland.

»Nein, an nichts mehr glaub' ich -- an nichts! Am wenigsten an euer

Deutschland, an das er so geglaubt hat. Diese würdelose Nation, die

erst mit dem Säbel rasselte und jetzt um Frieden winselt! Läßt sich

von hergelaufenem Gesindel regieren! Wieviel brave junge Menschen

liegen tot -- und Lumpenpack regiert! Ist das euer Deutschland? Nein,

nein, ich will nichts hören von biblischen Redensarten und Land,

Land! -- Alles falsch! Ich fahre nach Frankreich zu Georges -- ich

bleibe bei Georges! Der nimmt die Welt, wie sie ist, der hat mir nie

idealistische Phrasen vorgelogen wie ihr! Jetzt zeigt sich's, daß er

recht hat! Die Franzosen sind Sieger -- und ihr unfruchtbaren Träumer

und Phrasendrescher seid zusammengebrochen! Nein, ich will nicht zu den

Deutschen. Wie unstolz sind diese Leute, beschimpfen ihren Kaiser, sind

feig und schieben die Schuld auf diesen Sündenbock ab! Wie grundgemein!

Wo ist denn da Liebe? Wo Vornehmheit? Wo Ehrgefühl? Wo, wo, wo?! Das

hat diesem guten Gustav das Herz gebrochen! Das allein! Ihr Deutschen

habt ihn umgebracht!«

So entlud sich das leidenschaftliche Kind.

»Großer Gott, ja,« seufzte der Pfarrer, »ich kann dir nicht

widersprechen, Fanny. Wo aber mögen Liebe und Ehre hingezogen sein?

Etwa nach Frankreich, zu den schwarzen und braunen Völkerschaften, die

man gegen uns herangehetzt hat? Und war denn nicht auch Gustav ein

Deutscher?«

»Nein! Ein Elsässer!«

»Hat er nicht Schulter an Schulter mit deutschen Kameraden den

gemeinsamen Feind bekämpft?«

»Weil er mußte! Innerlich ein Abgrund! Er war immer einsam, weil

er zu vornehm war. Er hatte dich und mich -- ach, und selbst uns

kaum -- er hatte kein Volk, kein Vaterland. Er ist nur auf die Erde

gekommen, um zu leiden. Und auch ich habe ihn nicht erlösen können --

und niemand! Ach, die ganze Menschheit ist voll Gift und Galle und

niedriger Gesinnung. Am meisten aber Deutschland. Und Deutschland ist

am schuldigsten, denn es hat immer die größten Phrasen gemacht von

Idealismus und deutschem Gemüt und gar von der berühmten deutschen

Treue! Treue? Hahaha! Ich lache! Ich geh' nach Frankreich, werf' mich

dem ersten besten -- -- nein, ich geh' in die Lazarette und pflege

Franzosen gesund, daß sie wieder schießen können -- auf Deutschland!«

»O Fanny, Fanny! Also Revanche? Rache? Auch du?! Und hast du dann den

Vorrat von Liebe und Güte in der Welt vermehrt? Glaubst du, daß deine

Absicht im Sinne des grundguten Menschen ist, der hier unter dem Rasen

liegt?«

»Grundgut, ja, das war er!« Es klang weicher, wie von einem

Aufschluchzen begleitet. »Gut war er. Ach, Onkel Arnold, da liegt der

letzte gute Mensch begraben. Ja, gut, gut! Und ich bin schlecht genug,

keine Tränen zu finden. Ach Gott im Himmel droben, gib mir Schlaf,

gib mir Tränen und Gebet -- denn ich halt's nimmer aus! Ich werde

wahnsinnig!«

Sie schrie fast vor Schmerz und preßte beide Schläfen. Arnold legte ihr

sanft die Hand auf die Schulter.

Jetzt fühlte er den Augenblick gekommen, wo ihr Inneres zugänglich

wurde.

»Fanny, ich hab' einen letzten Gruß von ihm an dich.«

Er zog ein Blatt hervor. Sie fuhr auf.

»Etwas Geschriebenes? Hat er noch etwas hinterlassen?«

»Ein unvollendetes Gedicht --«

»Gib, gib!«

»Darf ich dir's vorlesen? Es ist kaum noch hell genug. Doch komm, wir

setzen uns hier ans Grab. Morgen früh fahr' ich nach Heidelberg. Du

bist die Letzte, mit der ich mich aussprechen wollte. Lisy soll mich

nicht begleiten; sie spricht geläufig Französisch und wird sich auch

unter fremder Besetzung mit ihren geliebten Kranken zurechtfinden. Dich

aber wollte ich nicht in solcher Bitterkeit zurücklassen. Und erst

recht nicht will ich dich bereden, mich etwa zu begleiten, du hast ja

deinen Entschluß bereits gefaßt -- --«

»Lies, lies!«

Und er las im letzten Dämmerlicht mühsam seines Sohnes letztes Gedicht:

»In schwerer, zuckender Stille der Nacht,

In ferner Kriegsgewitter Glut,

Mein Elsaß, wie hab' ich an dich gedacht,

Mein Elsaß, wie innig war ich dir gut!

Bin ich dein Sohn und darf dich besingen?

Oder trennt mich mein Wandern und Ringen?

Ich zog nach Deutschland, um das zu erfangen,

Was mir die Stimmen der Deutschen sangen:

Ward ich ein Fremder und weniger echt,

Weniger echt als ihr seßhaften andern?

Hab' ich im suchenden Sehnen und Wandern

Jemals verleugnet mein heimisch Geschlecht,

Jemals vergessen mein Land am Rhein? ...

Also hab' ich, im Donner der Schlacht,

Deutsche Westmark, an dich gedacht,

Elsaß, umschimmert von Jugendschein!

Ich grüße dich -- und weiß mich dein!

Ich grüße dich, mein Glockenland,

Mein wetterumsprühter Wasgaurand,

Wo auf den Hügeln, herbstlich still,

Mancher Kirchhof mich mahnen will,

Daß einst auch mir nach Wanderns Frist

Elsässische Scholle beschieden ist -- --«

Hier schlug Fanny jäh die Hände vors Gesicht und rief kurz und wehvoll

hinaus:

»Ach nein, nein, Gustav, nicht einmal ein Kirchhof! Du armer, armer

Mensch!«

Sie schluchzte auf. Und Arnold las weiter, langsam, soweit es

heranrückende Nacht und herabrinnende Tränen noch gestatteten:

»Ich grüße dich! Dort bin ich erwacht,

Dort hab' ich der Mutter ins Auge gelacht,

Dort hat mich der Vater ins Feld geführt,

Erste Liebe hab' ich gespürt

Und habe gefunden die süße Braut -- --

Hier bricht es ab, Fanny. Dir also galt sein letztes Wort ...«

Der Pfarrer schwieg. Fanny lag auf Gesicht und Händen und weinte

herzbrechend, geschüttelt, gestoßen vom ungeheuren Schmerz, der nun

in Sturzwellen über das unglückliche Kind hinwegbrauste. So saßen

sie nebeneinander, beide ihren Tränen anheimgegeben, indes die Nacht

herabsank und die späte Abendglocke über Dorf und Landschaft klang.

Dann erhob er sich, gefaßt, wieder seiner selbst Herr:

»Fanny, wir müssen nun scheiden. Sieh, ich werde elsässische Erde nicht

mehr betreten, so lange dieses Land französisch ist. Du weißt aber,

Fanny, daß auch in der Ferne jemand mit innigster Teilnahme an dich und

mit heißer Liebe an das Elsaß denkt. Mehr will ich nicht sagen. Und

wenn du glaubst, daß es im Sinne dieses braven Jungen ist, deinen Vater

und seinen Vater aufzugeben und nach Frankreich zu ziehen und dort Haß

zu nähren -- so tu's, wenn du es vermagst!«

Er stand vor ihr. Die letzten Worte hatte er stark betont. Sie sprang

auf, wischte mit dem Taschentuch heftig in den nassen Augen und packte

dann seine Hand. Und mit der alten raschen Entschlußkraft sagte sie

voll Inbrunst:

»Nein, Onkel Arnold, Gott im Himmel weiß: ich tu' nichts, was Gustav

betrüben könnte!«

»Dann, liebe Fanny, atme ich auf, dann scheid' ich beruhigt. Kommst du

mit hinunter ins Haus? Es hat schon zu Nacht geläutet.«

»Ja, Onkel Arnold, ich komme mit,« sprach sie, und die ganze weiche

Liebe und Güte ihres Wesens hatte sich wieder hindurchgerungen und

zitterte nun aus der warmen Stimme des schönen Mädchens, indessen

immerzu die Tränen über ihre Wangen flossen.

»Und hör', Onkel Arnold, ich will dir noch schnell etwas sagen: ich

lasse dich nicht allein ziehen. Es muß dir jemand bei der Einrichtung

helfen. Nimm mich mit nach Heidelberg!«

Elftes Kapitel

Stille Menschen

Ihr kommt, Winde, fern herüber,

Ach, von des Knaben,

Der mir so lieb war,

Frisch grünendem Hügel ...

~Mörike~

Dirk an seine Mutter.

Liebe Mutter! Diesen Brief schreibt für mich die Hand eines Kameraden

aus dem Elsaß, der mit mir im Lazarett liegt. Nimm demnach an der

fremden Schrift keinen Anstoß. Es ist Erwins Hand; aber es ist

mein Herz. Ich kann ihm alles anvertrauen. Wir haben Freundschaft

geschlossen.

Quäl' dich nicht, Muttchen, daß du mir kein Futterpäckchen schicken

kannst! Sieh, was du mir schickst, ist tausendmal mehr wert. Wie

herrlich die Worte, die du mir schreibst! Wüßtest du, wie sie mich

heimlich begleiten, mir alles vergolden, das Schwere leicht machen! Ich

küsse deine lieben Hände, die mir so viel Schönes schreiben, liebes

Mutterherz!

Es ist Sonntag. Vor mir steigt unser schöner Garten auf, darin ihr

nun in der Laube sitzt. Und vor mir steigen viele, viele solcher

deutschen Sonntage aus der Kinderzeit auf. Wie hast du uns doch gut

gelehrt, Sonntag zu feiern! Heute danke ich dir dafür. Ich lese zur

Nachmittagsfeier deine lieben Briefe, die Auszüge aus Büchern, aus

denen du so treu und fleißig schöne Stellen abschreibst, und den Faust!

So bin ich im Geiste bei euch, immer, Mutti, immer!

Weißt du, wie du uns einmal sagtest, es läge ein so großer Trost

darin, daß der Himmel mit all seinen Sternen sich über die ganze Welt

spannt? Denn man ist bei solchem Aufblick in das Weltall niemals

allein; man braucht nur abends die Sterne zu grüßen, so schwingt die

Seele mit; und von den Sternen her kommen silberne Strahlen, die uns

irdisch Getrennte miteinander verbinden. Wie oft habe ich in stillen

Sternennächten daran gedacht!

Ach ja, deine Märchen! Wir meinten in unsrer Jugend, du hättest

ein großes, großes Märchenbuch, daraus du sie alle wußtest -- und

es war doch nur dein großes Herz! Wie schade, daß du sie nicht

aufgeschrieben hast, all die lieben Märchen! Sie sind aber in

meinem Herzen aufgeschrieben und kommen oft zu mir, die vertrauten

Gestalten. Mutterchen, das sind Schätze, die mir kein Schicksal

rauben kann. Ich meine oft, ich müßte schon deshalb heimkommen, um

all die Liebe einigermaßen zurückzahlen zu können, die ich einst als

Selbstverständlichkeit gedankenlos von dir hingenommen habe. Aber kann

man denn dies alles einer Mutter vergelten? Uralt möcht' ich werden,

Mutti, um dir lebenslang Dankbarkeit erweisen zu dürfen.

Stell' dir ja nicht vor, daß ich hier im Bett Trübsal blase vor Heimweh

und Angst um das bißchen Leben! Ach nein, dazu neigen weder mein

heiterer Erwin noch ich selbst trotz aller Geduldsproben. Wir lesen und

lernen immer weiter. Da durchblätterten wir eben Fidus-Bilder und sind

entzückt von der leichten Anmut dieser immer jungen, durchgeistigten

und beseelten Gestalten. Den Faust freilich, mit dem ich auszog, hab'

ich nicht mehr: er ward verschüttet im Trommelfeuer und liegt begraben

in Flanderns Erde. Aber deine Abschriften hab' ich auf dem Herzen

gerettet. Und mein Erwin ist unermüdlich, mir vorzulesen. Hölderlin

und Mörike sind eben der Gegenstand unsrer Liebe. Meister Raabe macht

ihn, den Süddeutschen, freilich manchmal ungeduldig. Auch hat er sich

jetzt in ein Buch vertieft: »Jesus im Urteil der Jahrhunderte«. Es ist

staunenswert, mit welcher Leuchtkraft die Gestalt des Heilands in den

Herzen der Menschen immer wieder verjüngt erstanden ist. Ob sie auch in

Deutschland und Europa wieder einziehen wird, wenn sich einmal dieser

Irrsinn des Völkerhasses ausgetobt hat?

Ich habe neulich Uhdes »Flucht nach Ägypten« gesehen. Bilder machen mir

überhaupt viel Freude. Da empfand ich ein Stück meiner Lebensaufgabe.

Diese traurigen, ganz armen Menschen müssen vor dem Haß flüchten,

friedlose, heimatlose Unglückliche, wie sie auch in Deutschland

millionenhaft durcheinanderwimmeln, besonders in den Fabrikstädten.

Ihnen praktisch helfen, alles andere gering achten, nicht am Zeitgeist

herumnörgeln, sondern bei sich selber mit der neueren, reineren Denkart

gründlichst beginnen -- sieh, das haben Erwin und ich einander gelobt.

Es ist furchtbar einfach und furchtbar schwierig. Denn wie soll man in

rechter Weise an die Seelen der Menschen herankommen? Ich habe wenig,

wenig bisher getan, aber glaube mir, Mutter, Deutschland muß von innen

heraus erneuert werden. Und wir müssen alle mitarbeiten, damit recht

viele Menschen so werden wie -- wie du, mein goldiges Muttchen! Damit

ist alles gesagt.

Wenn Hertha kommt, so wird das ein Festtag sein. Ich übe mich

inzwischen in der Tugend der Geduld. Es ist eine Folter, hier

faulenzend stillhalten zu müssen, während unsere Kameraden sich draußen

opfern. Und der Opfergedanke, liebe Mutter, ist doch das Größte, was

die Welt kennt.

Ich grüße und küsse euch herzlich

Euer ~Dirk~.

* * * * *

Hertha an ihre Mutter.

Mein liebes Mutterle! Eben habe ich Dirk gesehen, ich komme vom

Lazarett. Wie hat sich der Junge gefreut! Du weißt ja, wie er dann ist,

er sagt nicht viel, aber er strahlt.

Leider habe ich mich ziemlich unbedacht eingeführt: ich hatte Lilien

mitgebracht, ohne zu bedenken, daß sie doch sehr stark duften. Dirks

Kamerad, Erwin Ehrmann, der lange Elsässer, von dem wir ja schon

wußten, saß gerade bei ihm auf dem Bettrand und las ihm vor. Er war

der erste, den ich sah, brach mitten im Wort ab, als ich eintrat,

und starrte mich an, als ob er einen Geist sähe. Dabei bin ich doch

wahrhaftig nicht blaß zu nennen, und mein hellblaues Kleid sieht

auch nicht nach Geisterspuk aus. Dann beugte sich Dirk vor und rief:

»Hertha!« Und ich stand mit meinem dicken Lilienstrauß ein Weilchen

recht dumm da, bis ich zu einer richtigen Begrüßung Mut und Worte fand.

Danach ist es aber wunderschön geworden. Der Elsässer war so taktvoll,

aus dem Zimmer hinauszuhumpeln, damit wir ungestört plaudern könnten.

Dirk konnte mir nicht genug sagen, was es für ein lieber Mensch sei,

dessen natürliche Heiterkeit ihm sehr wohltue. Und ich hatte denselben

angenehmen Eindruck.

Westmark · 第 12 / 15 段