Arnold nahm die Blätter in die Hand.

»Sieh an, sieh an! Das glaubt' ich lange schon tot und dahin. Und das

lebt noch? Das sollte nun durch dich lebendig werden?«

»Wann hast du das geschrieben, Onkel Arnold?«

»Lange her! Solch ein Mädchen hab' ich mir einst als Frau ersehnt. Es

ist dann freilich ein wenig anders geworden.«

»Warum hast du mir nie genauer davon erzählt, Onkel Arnold? Warum

schließest du deine letzten Herzkammern vor uns allen zu -- auch vor

mir?«

»Auch vor dir? ... Du bist Braut. Wenn ich ganz offen sprechen würde,

könnte das auf eine Braut entmutigend wirken.«

»Auf mich? Nie und nimmer!«

»Wenn ich dir nun sagte, daß ich an selbstlose, restlose Frauenliebe,

an echte, vom Himmel ausgehende und in den Himmel wieder heimkehrende

Liebe nicht mehr glaube?«

»Du? Onkel Arnold, das kannst du andren sagen, aber doch nicht mir!

Denn ich habe deine Schriften gelesen. Und da steckt ja in aller

Philosophie so viel von deinem Herzen drin! Also mir redest du nichts

vor!«

Sie machte eine köstlich abwehrende, altkluge Schüttelbewegung mit

der kleinen Hand. Und er betrachtete sie lächelnd, wie sie in ihrer

blühenden Weiblichkeit vor ihm stand, wobei sich in der Erregung des

Gespräches der Busen hob und senkte, so daß ihr goldnes Kettchen am

offenen Halse funkelnd tanzte. Sein Auge wurde feucht, er zuckte

wehmütig die Achseln und schaute in die Blätter, halblaut murmelnd:

»Ich glaub' nicht mehr an Lieb' und Treue. Erzähl's nicht weiter! Denn

es ist eine Schande für mich, eine solche innere Leere verraten zu

müssen.«

Und ablenkend fuhr er fort:

»Komm, wollen doch einmal das Gespräch miteinander lesen! Bin

neugierig, wie das heute auf mich wirkt -- nach so langen Jahren und in

so ganz andrer Zeit!«

Und sie lasen.

Mit müder Stimme begann er die Rolle des armen Heinrich zu sprechen.

Fanny fiel ein, ohne in das Blatt zu schauen, und sprach mit Innigkeit

die Worte der Agnes. Und mehr und mehr gerieten beide in Ausdruck, in

Feuer, in tiefe Gemütsbewegung ...

~Das Liebesopfer~

Ein Gespräch zwischen Agnes und dem armen Heinrich

vor dem Hause des Arztes zu Salerno

~Heinrich.~ Hier ist das Ziel ... Hier wohnt der Arzt ... Sind

nicht deine Füße wund?

~Agnes.~ Herr, es ist ein Rosenblatt, das auf meine Sandalen fiel.

Und wären gleich meine Füße wund, sie schmerzen mich nicht.

~Heinrich.~ Sie schmerzen dich nicht, du gutes, geduldiges Kind!

Wie sollten dich wunde Füße schmerzen, da du so Großes zu erleiden

willens bist! Dich opfern zu lassen, damit ich gesund werde!

~Agnes.~ Seufzet nicht um meinetwillen, lieber Herr! Sehet, ich

bin nicht bange, ich will freudig mein Blut geben, damit Ihr gesundet.

Meine Mutter hat mir viel erzählt vom Christuskind, das auf die Erde

gekommen ist, um sich opfern zu lassen für die Menschen. Und sie hat

mir gesagt: Blut hat Heilkraft.

~Heinrich.~ Blut hat Heilkraft ... Hat sie dir das gesagt, liebes

Mädchen?

~Agnes.~ Ja, Blut und Tränen, hat sie gesagt. Ich hab's wohl nicht

verstanden, aber ich hab's behalten. Meine Mutter war gut und hat nie

gelogen. Doch hat sie viel geweint.

~Heinrich.~ Blut und Tränen ... Viel Blut hab' ich vergossen, doch

selber wenig Tränen. Viel getötet, doch wenig lebendig gemacht. Ritter

bin ich gewesen und habe dem Kampf und dem Genuß gelebt ... Und nun

will dieses holde Kind für mich sterben! Aus Mitleid! Aus Liebe für

einen kranken Menschen sterben! ... Nein, nein, das ist übermenschlich

... Nein, du holdes Kind, ich nehme dein Opfer nicht an! Ich will

nicht glücklich sein auf Kosten deines blühenden Lebens!

~Agnes.~ Mein guter Herr, ich bin eine arme, unwichtige Magd, Ihr

aber könnt noch Großes tun in der Welt.

~Heinrich.~ Und du etwa nicht? Kannst du nicht Gattin sein und

einen Mann beglücken? Kannst du nicht Mutter sein und Kinder aus deinem

reinen Blut und aus deiner reinen Seele nähren und als herrliche

Menschen der Welt schenken? Ist das nicht etwa groß?!

~Agnes.~ Euch nähr' ich mit meinem Blut und Euch mit meiner Seele

-- und so werdet Ihr ein herrlicher Mensch durch mich -- und ich

schenke Euch der Welt, lieber Herr! Seht, so bin ich Mutter und tue

Großes. Und habt Ihr mich nicht im Scherz oft Euer lieb traut Weib

genannt, weil ich Euch von ganzem Herzen gut bin? Seht, so bin ich

Gattin -- und bin Euch Schwester -- und bin dreifach glücklich. Ist das

nicht groß?

~Heinrich.~ O wie heilig ist eine Frau! Ich hab' es nie gewußt,

daß eine liebende Frau so heilig sein kann. Mir waren die Frauen

unheilig, denn sie lockten meine Begierden zutage. Du, Kind, machst

mich fromm! Mein herzlieb Schwesterchen, laß mich deine Hände küssen --

nein, den Saum deines Gewandes! Wenn du zu Gott kommst, bitte für mich!

Denn ich selbst bin unwert, mit Gott zu sprechen.

~Agnes.~ Wenn ich zu Gott komme, werde ich ihm erzählen, wie sehr

Ihr gelitten habt.

~Heinrich.~ Du bist schön, du bist geschaffen, einen Mann zu

beglücken, ich muß dich anschauen immerzu.

~Agnes.~ Ich beglücke einen Mann, denn ich beglücke Euch.

~Heinrich.~ Lockt dich nicht die Lust der Welt, du junges Blut?

~Agnes.~ Ich habe Hartes erlebt, und ich habe im Herzen viel

Schönes erschaut. Der Wald und die wilden Wasser sind voll von Stimmen;

in den Hütten unsrer deutschen Heimat ist viel Wundersames; und meine

Mutter erzählte mir von den großen Heiligen, die über die Gebirge

wanderten und die wunderbare Stadt Gottes suchten. Lieber Herr, die

Leute schelten mich wohl Träumerin, denn mich lockt nicht, was andre

lockt. Ich suche ein sehr Schönes, ein sehr Großes. Wollet mir nicht

die Pforte versperren, mein trauter Herr; wollet mir gestatten, daß

ich aus Liebe zu Euch diese Erde verlasse und heimkehre zu Gott.

~Heinrich.~ Kind, Kind, du überwältigst mich! Kind, schau' seitab,

denn in meinen Augen ist etwas, was ich seit Kindertagen nicht mehr

kannte: ~Tränen~! Ich möchte dich fragen, glaubst du denn an

deine unsterblichen Geister? Aber ich frage nicht, denn du lebst ja

mitten unter ihnen! Ich möchte dich fragen: siehst du sie denn, hörst

du sie denn? Aber ich frage nicht, denn ich schaue ja ihren Abglanz in

deinen Augen! Und so hat sich der Himmel auf dich herniedergelassen,

so steht der Himmel gestaltet und lebendig vor mir -- in ~dir~,

du fremdartig süße Jungfrau, du Kind, du Gattin, du Mutter, du meine

bräutliche Schwester Agnes! Siehe, das Wunder der Liebe! Dieses Mädchen

will sterben aus Liebe! -- Ich wußte bisher nur von einem Genuß aus

Liebe -- von Begehren, Ergreifen, Besitzen! Siehe das Wunder der Liebe!

Zum erstenmal eine Jungfrau, vor der ich betend in Staub sinke -- nicht

begehrend -- geheilt von Begierde -- besiegt!

~Agnes.~ Steht auf, mein teurer Herr! Nicht besiegen will ich

Euch, ich will Euch frei und gesund machen.

~Heinrich.~ Und du machst mich frei und gesund! Wie ich diesen

Mantel abschleudre, so schleudr' ich ab Trotz und Haß, Lust und Gier --

so werf' ich ab mein ganzes bisheriges Leben -- so werd' ich wieder ein

Kind wie du und fahre gereinigt von neuem in die Welt -- durch dich,

Agnes!

~Agnes.~ Da kommt der Arzt! O Ritter, es ziemt sich nicht, daß Ihr

mir geringer Magd die Hände küsset! ... Seht, der Arzt ist außer sich

vor Verwunderung! ... Wie sagt Ihr, ehrwürdiger Vater? Der Ritter wäre

-- dieser Ritter wäre -- genesen, sagt Ihr?! Mein Herr ist -- wieder

gesund?!

~Der Arzt.~ Ja, Mädchen, er ist wieder gesund! Durch dich ist

er gesund geworden: durch Gott, der in dir wohnt und der aus dir

gesprochen hat zu diesem Beladenen und Kranken! Nicht mehr brauchst du

nun zu sterben, liebes Kind, du darfst mit ihm leben. Siehe, in seinen

stillen Tränen fließt nun hinweg, was ihn krank gemacht hat. Nicht

nur Blut erlöst, auch die heilige Träne der Reue hat erlösende Kraft.

Daß er in reiner Reue weinen konnte, das hat ihn gesund gemacht. Und

du hast ihm die Träne geschenkt, du hast ihn erlöst, du holdes Herz,

dessen Liebe stärker ist als alle Sünden und Wunden der Welt.

Sie waren zu Ende.

Arnold hatte auch des Arztes Worte gesprochen. Seine Hand lag noch

segnend auf des Kindes lichtem Scheitel. So stand er ein Weilchen und

schaute bewegt in ihr seelenvolles, geradezu fromm und madonnenhaft

durchstrahltes Antlitz. Sie hatte, der Rolle entsprechend, die Hände

gefaltet und blickte zu ihm empor -- zu ihm, der hier Kranker und Arzt

zugleich war und mit feuchten Augen auf das holde Gebilde herniedersah.

Die Empfindungen, die zwischen Mann und Weib wie Strahlen hin und her

gehen, sind der Vernunft und dem Willen nicht erreichbar. Sie kommen,

sie sind da, sie wirken -- niemand weiß oder wird je wissen, wie es

geschah. Man mag sie beherrschen oder verbergen, aber die Tatsache

bleibt dieselbe. Und es kommt nun auf die sittliche Reife und seelische

Reinheit an, ob sie veredelnd wirken oder verheerend.

»Ich danke dir, Fanny«, sprach Arnold leise. »Immer wieder werde ich

den Weg gewiesen: den Weg der Liebe. Die schönste Darstellung hätte

mich nicht reiner beglückt. Kind, nun wollen wir aber Gustav nicht

vergessen. Sieh, du darfst ihm die Rolle des armen Heinrich nicht

zumuten. Er leidet schon genug unter dem Mitleid. Laß ihm diese edle

Scheu!«

»Du hast recht!« fiel Fanny ein, sofort seinen Gedanken erfassend.

»Nein, nein, sie sollen mir ihn nicht bemitleiden! Stolz soll er sein!

Ich dachte nur an dich und an die Überraschung, auch an meine eigne

schöne Rolle, und zu wenig an Gustav. Der liebe, liebe Gustav! Ich

laufe gleich zu ihm hinauf und bitt' ihn um Verzeihung.«

* * * * *

Es ziemt uns nicht, irre zu werden an einem Volke, das nach

vierjähriger, heldenhafter Geduld und meist siegreicher Gegenwirkung

panikartig zusammenbricht.

Vieles wirkt bei solchem Zusammenbruch einer Nation ineinander.

Nur schwächliches oder unedles Denken sucht nach einem einzigen

Sündenbock, dem man die gesamte Schuld aufbürden könnte. Wenige wissen

das Glück mit Maß und den Schmerz mit Würde zu tragen. Auch viele, sehr

viele Deutsche haben sich in den Herbsttagen 1918 erbärmlich benommen.

Bulgarien, Türkei und Österreich, unsere bisherigen Verbündeten, lagen

entmannt, entwaffnet, wehrlos am Boden.

Nun kam die Reihe an uns. Es war kein Heldenstück mehr, das

eingeschnürte Volk zur Übergabe zu zwingen. Nicht durch Waffensieg

hat Frankreich vermocht, die Deutschen vom französischen Boden und

aus Elsaß-Lothringen zu vertreiben. Nicht einmal mit Hilfe seiner

Verbündeten. Das bleibt eiserne Tatsache. Die deutsche Westfront wich

langsam, aber unbesiegt.

Einem solchen Heere hätte man, gleich einer tapferen Besatzung,

großherzige Bedingungen gestatten können. So war's Brauch, so lange die

Menschheit Kriegsgeschichte schreibt.

Aber der Waffenstillstand wurde unmenschlich schmachvoll. Und der

November 1918, an dem der französische Generalissimus unserem Heer

solche Bedingungen aufzwang, bleibt eingebrannt in die Chronik der

Weltgeschichte und in das Schuldbuch Frankreichs.

»Sofortige Räumung von Belgien, Frankreich und Elsaß-Lothringen binnen

vierzehn Tagen.

»Abzugeben 5000 Kanonen, 30000 Maschinengewehre, 3000 Minenwerfer, 2000

Flugzeuge.

»Räumung des linken Rheinufers; Mainz, Köln, Koblenz besetzt vom Feinde.

»5000 Lokomotiven, 150000 Wagen, 10000 Kraftwagen abzugeben.

»Im Osten Truppen hinter die Grenze vom 1. August 1914 zurückzunehmen.

»Verzicht auf die Friedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest.

»Rückgabe der Kriegsgefangenen, doch ohne Gegenseitigkeit.

»Abgabe von 100 =U=-Booten, sechs Dreadnoughts, acht leichten

Kreuzern; die übrigen Schiffe entwaffnet und überwacht.

»Blockade bleibt bestehen; deutsche Schiffe dürfen weiter gekapert

werden ...«

»... Hündisch!« rief Gustav, als er die Zeitung in zitternden Händen

hielt. Die Zornröte schlug dem Unteroffizier, der für sein Vaterland

nicht mehr kämpfen konnte, in das blasse Gesicht. »Schamlos! Schamlos!

Lassen unsere Frauen und Kinder weiterhungern, machen geordnete

Heimführung unmöglich, wissen genau, daß man in vierzehn Tagen

den Riesenapparat von drei Millionen Mann nicht heimführen kann,

entwaffnen, knebeln uns, behalten unsre Gefangenen -- -- und das

unterzeichnen unsre deutschen Vertreter?! Braust denn nicht eine letzte

Zornflamme durch das ganze deutsche Volk?!«

Nein. Es brauste keine letzte Zornflamme durch das deutsche Volk: denn

es war bereits von innen zersetzt.

Zwei Tage vor Abschluß des Waffenstillstandes war in Deutschland die

Revolution ausgebrochen. Und mit der unheimlichen Schnelligkeit des

neuzeitlichen Drahtverkehrs hatte sie sich innerhalb weniger Tage, ja

Stunden sämtlicher deutscher Städte bemächtigt. Hagens Speer war wieder

einmal in Siegfrieds Rücken gefahren. Das alte deutsche Trauerlied!

Parteiwut war mächtiger als die hier allein rettende oder mildernde

einmütige völkische Zornflamme. Als Schillers und Luthers Geburtstag

über die deutsche Erde ging, lag Bismarcks Reich von außen zerhämmert,

von innen unterhöhlt als Trümmerhaufen am Boden.

In Kiel begann es. Die deutsche Marine hatte sich durch einzelne

Heldentaten und kühne Fernfahrten ausgezeichnet. Im ganzen hatte sie

weniger Blut gelassen als die Kameraden an den Landfronten. Um so mehr

Muße war für Zersetzungsarbeit durch Schriften und Flugblätter des

Umsturzes. In jenen Herbsttagen sollte die deutsche Flotte durch einen

Vorstoß in den englischen Kanal die flandrische Nordfront entlasten.

Die Mannschaft meuterte. Die Bewegung dehnte sich auf Kiel aus; die

Stadt wurde besetzt; auf den behördlichen Gebäuden wehte die rote

Flagge; ein sozialdemokratischer Abgeordneter flog im Luftschiff heran

und übernahm die Leitung. Nach russischem Vorbild wurde die Revolution

ins Werk gesetzt, wie es kurz zuvor auch in Österreich geschehen war.

Ein Arbeiter- und Soldatenrat trat an die Spitze; der Stadtkommandant

wurde bei seiner Weigerung, sich abführen zu lassen, erschossen.

Und Ähnliches geschah in Hamburg. Die Bewegung griff nach Berlin über,

wohin bewaffnete Matrosen zogen. In allen Städten sah man einzelne

Matrosen auftauchen, schüren und führen -- und nach derselben Formel

waren über Nacht rote Fahnen gehißt, rote Maueranschläge zu lesen, die

wichtigsten Gebäude besetzt, sämtliche deutsche Fürsten entthront. Das

überraschte Bürgertum sah dem Treiben schweigend zu, erschöpft vom

langen Kriege, betäubt vom unerhörten Waffenstillstand -- noch mehr

betäubt, daß es deutschen Brüdern möglich war, in solchem Augenblick

dem kämpfenden Vaterland in den Rücken zu fallen.

Eine Partei, die seit Jahrzehnten planmäßig auf den Umsturz

hinarbeitete, die sich nicht in das Reich mit eingefügt hatte,

deren Abgeordnete fluchtartig den Saal zu verlassen pflegten, wenn

das Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde -- diese Partei wählte

diesen Augenblick, um ihre freiheitlichen Ideale durchzusetzen. Es

fiel niemanden ein, ihr den Sieg streitig zu machen. Man sah zu,

wie auf den Straßen den Offizieren die Achselklappen abgerissen

wurden, wie das soldatische Grüßen mit einem Schlage aufhörte; ja

die Aufrührer rühmten sich, daß sie seit Monaten Fahnenflüchtige und

Drückeberger organisiert, mit falschen Papieren ausgestattet und mit

Aufklärungsschriften zur Werbearbeit umhergesandt hätten. Und so waren

es denn auch besonders wohlgefütterte und gut bezahlte Helden der

Etappe, die nach Kundwerdung des Waffenstillstandes sinnlos flohen,

wobei zu Schleuderpreisen Wehr und Waffen an die Belgier verkauft

wurden. Die Männer der Front freilich, die dem Tod ins Auge geschaut

hatten, blieben treu und tapfer bis zum letzten bittern Schluß, in

fester Haltung vom Schlachtfeld abrückend ...

Und der Kaiser des Bismarckschen Reiches? Jener Kaiser, der vor

achtundzwanzig Jahren als junger Regent den Reichsschmied, zur

schmerzlichen Überraschung des deutschen Volkes, kurzerhand entlassen

hatte? Man war auf seine freiwillige, großzügige Abdankung gleich

nach Wilsons erster Antwortnote gefaßt. Allein der letzte Hohenzoller

zauderte. Durch Zugeständnisse an die Demokratie glaubte man die

Regierung verhandlungsfähig zu machen. Doch die Antwort von drüben

verzögerte sich, die deutschen Nerven versagten mehr und mehr, die

Zersetzung griff um sich -- und der Kaiser, der sich unter seinen

Deutschen nicht mehr sicher glaubte, floh nach Holland. Desgleichen der

Kronprinz. Beide entsagten dem Thron.

Ein Fels im Meere stand noch Generalfeldmarschall Hindenburg. Sein

Generalstabschef Ludendorff hatte schon Wochen zuvor von seinem

Platze weichen müssen: Ludendorff, der mit eiserner Willenskraft auch

innerpolitisch die Reichsregierung zu stärken versuchte, Ludendorff,

der freilich die Bitte um Waffenstillstand aussprach, aber ein so

unerhörtes Abkommen wohl niemals unterzeichnet hätte. Mit der ihm

eigenen monumentalen Ruhe, wenn auch blutenden Herzens, wandte sich der

allverehrte greise Feldmarschall in jenen Tagen des Zusammenbruchs noch

einmal an sein Feldheer, nicht mehr zum Kampf ermunternd, nur noch zur

Pflichttreue:

»Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zum heutigen Tage

haben wir unsre Waffen in Ehren geführt ... Bei der wachsenden Zahl

unsrer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer

Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender

werdenden Ernährungs- und Wirtschaftssorgen hat sich unsere Regierung

zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen.

Aber aufrecht und stolz gehen wir aus dem Kampfe, den wir über vier

Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß

wir unser Land und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben,

schöpfen wir neue Kraft. Der Waffenstillstandsvertrag verpflichtet

zum schnellen Rückmarsch in die Heimat -- unter den obwaltenden

Verhältnissen eine schwere Aufgabe, die Selbstbeherrschung und treueste

Pflichterfüllung von jedem einzelnen von euch verlangt, ein harter

Prüfstein für den Geist und den inneren Halt der Armee. Im Kampfe habt

ihr euren Generalfeldmarschall niemals im Stiche gelassen. Ich vertraue

auch jetzt auf euch.«

Und das Frontheer machte seinem Hindenburg Ehre. In musterhafter

Ordnung marschierten die Massen Tag für Tag nach Deutschland zurück. Es

war ein ernstes Wandern in abgeschabtem Waffenrock, ein ernstes Reiten

auf hageren Gäulen, nicht vergleichbar dem einst so glänzenden Auszug

in jenen blumenreichen Hochsommertagen, als die singenden Truppenzüge

nach Westen und Osten rollten ...

* * * * *

Auch Gustav erhielt in diesen Tagen seine Entlassung.

Er weilte zu diesem Zweck in Straßburg.

Seit dem siegreich beendeten Zusammenstoß mit dem Hauptmann waren seine

Nerven in einer erstaunlichen Spannung. Er schien völlig genesen.

Es war ihm ein Bedürfnis, Menschen aufzusuchen, erregt mit ihnen zu

plaudern und sie mit seinen Plänen zu unterhalten. Aber dem genauen

Beobachter konnte nicht entgehen, wie sehr ihn jenes Erlebnis in den

Tiefen aufgewühlt hatte.

Als seine Papiere geordnet waren, steckte er sich gleich bei einem

studentischen Freunde am Schiltigheimer Ring in bürgerliche Kleidung.

Dann wanderten sie durch den Contades mit seinen nunmehr unbelaubten

Riesenplatanen in die nervös lebendige Stadt.

Sieh da: zwei Plakate werben um Aufmerksamkeit! Schwarz-weiß-rot das

eine umrandet: »Elsässer, denkt daran, daß ihr deutschen Stammes

seid! Wollt ihr euch einem fremden Volke ausliefern, das euch weder

achtet noch liebt?« Daneben jedoch, in blauem Drucke, zweisprachig:

»=L'heure de la liberté a sonné=« -- o weh! Und am Schluß:

»=Vivent la France et l'Alsace-Lorraine réunies à jamais!.=«

Ja, da war er wieder, der unglückselige Zwiespalt, der das Elsaß zerriß!

Und daneben ein roter Zettel, die beiden andren überleuchtend: »An die

Bürgerschaft der Stadt Straßburg! Wie in allen anderen Städten hat sich

auch in Straßburg ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Er hat die

öffentliche Gewalt in seine Hand genommen. Die bisherigen reaktionären

Mächte sind abgesetzt ...«

Die beiden Freunde wandern nach dem Kleberplatz. Sie sehen die Menge

mehr und mehr anschwellen; französische Sprache wird lauter und kecker,

oft im Munde von Gassenjungen, die kaum ein paar Worte können. Überall

eifriger Redetausch; etwas wie Hohn und Haß, das zutage drängt. Eine

Gruppe summt um das Kleberdenkmal; es wagen sich Rufe heraus: »=Vive

la France!=« Einige Jungen klettern empor und hängen dem General

einen Lorbeerkranz um die Schulter, schieben ihm zwei blau-weiß-rote

Papierlaternen in die Hände. Und da und dort tauchen in frecher Haltung

bereits Burschen auf, die im Knopfloch blau-weiß-rote Rosetten tragen

... Es gärt und brodelt in Straßburg ... Kraftwagen mit roten Fähnchen

rattern durch die Stadt. Am Münster weht die rote Fahne.

Der letzte Statthalter, vor kurzem noch ein glänzender, um die Stadt

hochverdienter Bürgermeister, hat sich zurückgezogen; die Offiziere

im Gouvernement bauen ihre Tätigkeit ab. Trotzendorff sucht bis

zuletzt zu retten, was zu retten ist. Diese Revolution ist kein

Gewaltereignis, kein Gewitter; man bemerkt sie von außen wenig; sie ist

der gleichzeitigen tückischen Grippe vergleichbar und verbreitet sich

mit der unheimlichen Schnelligkeit und Unfaßbarkeit einer Seuche. Wer

regiert eigentlich? Man weiß es kaum. Unbekannte von gestern!

Noch duckt sich der kleine französisch gesinnte Teil der Straßburger

Bevölkerung. Die revolutionäre Regierung verbietet das Tragen von

Landesfarben. Doch Geduld! Nächste Woche ziehen die Franzosen ein! ...

Und dann?

Gustav und sein Freund wandern bangen Gemütes am Kaiserplatz entlang.

Sie kommen an das Kaiser-Wilhelm-Denkmal: das bronzene Reiterstandbild

ist durch ein häßliches Holzgerüst verdeckt; auch der tote Kaiser

ist also abgesetzt! Einige elsässisch und französisch redende junge

Leute stehen davor und ermuntern sich offenbar wechselseitig in einem

zunächst scherzhaft hingeworfenen Plan, der aber ekle Wahrheit werden

sollte. »M'r hole 'ne 'runter!« versteht Gustav. Und jäh erschrickt

er und nimmt seinen Freund unter den Arm, gleichsam Schutz suchend:

denn da steht ja wahrhaftig auch der Apotheker, rund und vergnügt, in

flottem bürgerlichem Kleid! »Die sind vom =Cercle des étudiants=«,

wirft Gustavs elsässischer Begleiter verächtlich hin; »komm, sonst

kribbelt's mich, einem oder dem andren den Stock über den Schädel zu

hauen. Das kriecht jetzt wieder aus allen Löchern heraus und über die

Grenze herüber!«

Sie entfernen sich raschen Schrittes. Gustavs Herz pocht zum

Zerspringen. Jetzt wird auch Georges Bieler bald wieder im Lande sein!

Herr im Himmel, nur fort aus dem Elsaß! Hier wartet ja überall die

Hölle!

In der Kaiser-Friedrich-Straße holt sie ein befreundeter Arzt ein.

»Woher? Wohin?« fragt man sich. -- »Ich? Das werden Sie schwerlich

erraten. Ich habe mir eben vom Arbeiter- und Soldatenrat eine Wache

vors Haus erbeten. Man hat mich bedroht, und ein Anschlag ist mir

verraten worden.« -- »Aber Sie sind doch Alt-Elsässer?!« -- »Gewiß!

Mein Verbrechen ist unser Telegramm an Wilson oder meine deutsche

Gesinnung. Sie glauben nicht, was für ein gemeiner Haß in den Tiefen

unsres Volkes schwelt -- nicht ehrlicher, nicht begründeter, nein,

heimtückischer Haß, Freude am Gemeinen als solchem! Bei unseren Feinden

entlädt sich dieses Gift gegen Deutschland schon lange; auch der

Waffenstillstand ist ja von niedrigstem Haß diktiert. Bei den Roten

bekundet er sich im Haß gegen die Reichen. Und hier in Straßburg wirkt

beides zusammen. Die Welt ist krank an der Haß-Grippe. Und wir haben

keinen Spezialisten für diesen unheimlich schweren Fall ...«

So häuften sich die Erfahrungen in Straßburg.

Gustav eilte wie gehetzt nach Lützelbronn zurück. Ihn überkam eine

ungeheure Angst. Nur jetzt fort! Aus dem Elsaß fort! Aber -- -- nach

Heidelberg? War denn nicht auch dort Revolution?

Zu Hause erfuhr er von der verstörten Lisy, daß dem Pfarrer Drohbriefe

aus dem eigenen Dorfe zugegangen waren: man werde ihn noch totschlagen,

ehe er das Dorf verlasse.

Westmark · 第 11 / 15 段