Ich brauche kaum zu bemerken, was nun folgt. Jeder Kenner Schopenhauers

und der von Schopenhauer beschatteten Welt sagt sich mit bitterem

Lächeln, daß schon nach einer Viertelstunde das oben gekennzeichnete

viereckige Sonnenlicht wieder mit seiner ganzen verletzenden Grelle

auf meiner Staffelei grinst. Und so geht mein Kampf mit der Sonne

und um die Sonne oft Morgen für Morgen. Das ist halt der Straßburger

Himmel. Das liegt so im Schicksal der Elsässer. Wenn ich gegen elf Uhr

sämtliche Flüche aus Shakespeare verbraucht habe, etliche zwanzig Male

von meinem Sitze aufgesprungen bin und erschöpft zu einem Spaziergang

mit darauffolgendem Mittagessen davonwanke, so ist gemeinhin meine

Gardine geplatzt oder die Schnur zerrissen. Alsdann benützt meine

rüstige Wirtin meine Abwesenheit, um zu den Shakespeareschen

Kraftworten, die noch überall in den Gardinen hängen, etliche Dutzend

weit überlegener Straßburger Waschpritschen-Koseworte hinzuzufügen,

wobei sie mich Wackes nennt, was doch eigentlich verboten ist. Eine

wackere Frau!

Es ist traurig, daß man sich über eine Gardine aufregt. Aber ich

kämpfe einen Künstlerkampf; ich kämpfe einen Kampf für Harmonie und

Gleichmaß, gegen grelle Gegensätze und Überreizung, die ich nun einmal

nicht vertrage. Und ich habe seit vorgestern ein Mittel gefunden, jene

Gegensätze im Elsaß und am Fenster siegreich zu überwinden: ich bin

ihnen einfach aus dem Weg gegangen. Ich habe nämlich kraftvoll meine

Staffelei gepackt und bin vom Fenster weggerückt. Und als die Sonne

nachkam, bin ich wieder gewandert. Und nun werde ich ganz gemütlich mit

meiner Staffelei im Zimmer herumwandern, bei immer offener Gardine.

Heute mal' ich zum Beispiel mitten im Zimmer und hohnlache nach dem

Fenster hin, wo der Fußboden sich wieder von Minute zu Minute in den

oben angedeuteten grellen Gegensätzen bewegt; ich arbeite mit Behagen,

rauche meine Zigarette und führe mit Gemütsruhe den Pinsel; denn meine

Leinwand wird weder so dunkel noch so grell, daß ich jemals in meinem

Schaffen gestört würde.

Im übrigen -- was gehen mich die Narrheiten am Himmel an? So wenig wie

die am politischen Himmel. Kann ich eine harmonische Lichtverteilung

vornehmen? Weder am Himmel noch in Europa.

* * * * *

Nachdem ich mich hiermit als Neutralisten jenseits des europäischen

Narrenschiffes vorgestellt habe, lasse ich allerlei Beobachtungen

folgen.

Auf meinem Hofe wohnt ein elsässischer Abgeordneter. Rechts, im zweiten

Stock. Es ist ein Mann mit vielen Sorgenlinien im Gesicht, ein Mann,

der oft einen Zylinderhut und immer einen Gehrock trägt. Er liest ganze

Stöße von Zeitungen, hält sehr gern Reden, die reichlich mit »dürfte«,

»sollte«, »wollte«, »möchte«, »in der Lage sein« und »nicht umhin

können« gespickt sind; denn das klingt gut. Und er hat sich durch viel

Übung und lange Gewohnheit eine jetzt nicht mehr zu verändernde Miene

tiefsten Nachdenkens angewöhnt; die Gesichtsfalten können tatsächlich

nicht mehr in eine andere Lage geraten, er sieht immer wichtig, schlau

und nachdenkend aus, auch wenn er den größten Unsinn spricht oder gar

nichts denkt.

Das letztere aber ist in der elsässischen Kammer ein guter alter Brauch.

Das Beste an ihm ist sein Sohn. Der kleine Braunkopf heißt Franz oder

François und ist in jeder Beziehung das Gegenteil eines Abgeordneten.

Man könnte ihn mit Recht einen Ungeordneten nennen. Er macht keine

stilisierten Redensarten, sondern sagt zu aller Welt frischweg »du«;

er hält keine Reden, wenn er über etwas empört ist, sondern springt

seinem Gegner an den Hals, wirft ihn zu Boden und prügelt sich mit ihm

herum, daß einem das Herz im Leibe lacht. Die Pförtnersfrau, Bielers

Lehrbub und zwei Dienstmädchen kommen dann empört herbeigelaufen und

trennen die Kämpfenden; ich aber oben auf meinem Altan zwischen den

Lorbeerbäumchen hetze mit Kraft und Geschick auf die Gasse hinunter:

»Pack' an, Franz! Hau' em de Buckel voll!«

Ich will offen bekennen, daß ich den Knirps mit Bewußtsein zu einem

Raufbold erzogen habe. Obschon oder weil ich selber ein Mann des

Friedens bin. Doch um so lieber schaut man Raufereien von ferne zu.

Denn es geht elend fad und zimperlich in Bielers Haus und Hofe her.

Daß die Mütter mich Ketzer durchschaut haben und mich als wunderlich

hassen, brauche ich nicht zu versichern. Den drei heiratsfähigen, im

=Bon Pasteur= gebildeten Töchtern des Abgeordneten bin ich ein

Gegenstand des Greuels; der Monsieur Bieler und die anderen betrachten

mich mit einem achtungsvollen Mißtrauen, kurz, es ist eine erquickende

Nachbarschaft.

Dafür habe ich regelrechte Freundschaft geschlossen mit Kindern,

Lehrbuben, Dienstmädchen, Hunden und mit dem sehr zahmen Kater nebst

dem Papagei der beiden braven Schwestern Ehrmann.

Die Kinder tragen so ungekünstelte Gesichter zur Schau, babbeln so

natürlich und offen hinaus, daß es mir ist, wenn ich in diese Welt

schaue, als läse ich mein Lieblingsbuch, die Grimmschen Märchen.

Die Gesichter der Erwachsenen in diesem Haus und Hof, besonders der

Gebildeten, sind meistens Kitsch; sie glauben nämlich die reine

Einfachheit und einfache Reichhaltigkeit des Schöpfers verbessern zu

müssen; sie haben sich eine Menge von verlogenen Linien ins Gesicht

gewöhnt, sie haben sich einen merkwürdigen Gang und eine ungewöhnliche

Kopfhaltung zurechtgemacht; sie wissen, daß sie beobachtet werden, sie

richten sich nach der Welt, sie hängen von der Welt ab. Den großen

Schöpfer haben sie abgeschüttelt, der Gesellschaft aber haben sie sich

unters Joch gebeugt. Nix für mich!

Mit der Mamsell Bieler und den drei jungen Damen ist das eine

eigentümliche Geschichte. Ich habe ihre Kinderbildnisse gesehen;

da waren sie noch lieb und natürlich. Heute gelten sie alle vier

als »Schönheiten«; aber es ist Kunstpoesie, keine Volkspoesie; es

ist sogar mehr Kunst als Poesie. Es sind Linien in ihrem Gesicht,

die von berechnendem Verstande hineingezeichnet wurden; man liest

ihnen Wohlerzogenheit, Pensionat, Höflichkeit, Tantenbelehrung,

Konfirmandenunterricht, Salon- und Balleindrücke leicht vom Gesicht

ab; ihre Gesichter sind Anschlagzettel und Programme. Leider sucht

man in dem reichen und verwickelten Speisezettel vergeblich nach der

Glanznummer, nach dem einen Worte, das alle andern auswischt und

überflüssig macht. Unbefangenheit heißt das Wort.

Nebenbei radelt nur Lina, Susanne trägt einen Kneifer, und Lucie hat

weder Rad noch Kneifer, wird aber beinahe als »Aschenbrödel« behandelt,

denn sie muß immer kochen. Gute Lucie, wärst du nur noch viel mehr

Aschenbrödel, mit langem Zopf und roten Bäckchen, denen man hinter der

Tür einen Kuß gibt, wärst du nur ganz und gar Aschenbrödel! Von der

Mamsell Jacqueline Bieler will ich nicht reden -- -- meineidi vornehm!

Wenn ich nur wüßte -- es würde mich anatomisch interessieren --, wie

sie es macht, um die rückwärtigen Körperteile beim Gehen so entenmäßig

zu bewegen! Sie hat natürlich einen modernen Faltenrock und Pariser

Stöckelschuhe. =Et elle barle français= -- daß ein Pariser die

Wände raufklettert, wenn er sie hört!

Sie grollen mir alle drei bis vier, besonders die zwei ältesten. Ich

bin natürlich Junggeselle. Und nachdem wir uns einmal gesprächsweise in

der Aubette ein wenig angebiedert hatten -- sie saßen zufällig neben

mir, ich lebe sonst zurückgezogen wie eine Kirchturmdohle -- wurde ich

eingeladen. Das ist aber schon acht Jahre her. Es war ein glänzender

Abend. Lina erzählte von ihrem Rad, und Susanne spielte Klavier und

sang erbärmlich dazu; ich war taktlos genug, zu gähnen, mit dem kleinen

Franz zu plaudern und weder Spiel noch Radfahren zu loben. Was soll

ich mir Zwang antun? Kurz, sie grollen mir seit acht Jahren. Meine

Ehrlichkeit ist ein Grund zu törichter Feindschaft geworden in dieser

verkehrten Welt. Und wenn sie mir begegnen und eben noch einigermaßen

natürliche Gesichter zeigten -- einigermaßen! --, so treiben sie

sich sofort eine ganze Expressionisten-Ausstellung von Unnatur ins

Gesicht, halten den Kopf steif, schieben die Unterlippe vor, legen

sich zwei strenge Falten an beide Seiten der Nase und nicken von oben

herab. Ich bin ja weder körperlich noch geistig groß, muß aber doch

die Lippen pressen, um nicht herauszuplatzen über diese närrische

Gesichtsfälschung der zwei säuerlichen Jungfern.

Da spricht man immer von der Frauenfrage. Das Mitleid mit der armen

unterdrückten Frau und der unverheirateten Jungfrau ist Mode geworden

und Sport, wie das Mitleid mit dem Arbeiter. Warum spricht man denn

nicht von der Junggesellenfrage? Wenn ich elend müde bin vom Wochentag

und will einen rechten Sonnentag behaglicher Gemütsfülle und herziger

Unbefangenheit aufsuchen, so werde ich -- vor dem Kriege wenigstens,

jetzt ist man ja vernünftiger -- in eine »Soiree«, auf einen

Ballabend und dergleichen eingeladen, wo unverheiratete Weibchen Jagd

machen. Und als ich der Frau Geheimrat antwortete: »Verehrteste Frau

Geheimrat! Entschuldigen Sie mich nachsichtig, ich bin weder krank noch

verhindert, aber solche Abende sind mir zu langweilig« -- da wurde

mir die Dame komischerweise böse. Soll man denn lügen? Ich kann euch

versichern, wenn meine Freunde -- ach Gott, leider von der sogenannten

Gesellschaft abhängige Referendare und junge Ärzte, die sich um solche

Abende nicht drücken können -- nachher zurückkommen und mich beim

Gläschen Wein in einer versteckten Schenke treffen, so wettern sie

auf den Tisch, atmen tief und rufen: »Gott sei Dank! Endlich einmal

gemütlich!«

* * * * *

Ein paar Studienjahre hab' ich im oberbayrischen Bergland gemalt. Ein

Bauernhäuschen gab mir Unterkunft. Weißgetünchte Wände, Heiligenbilder,

ein einziger Stuhl, ein Schrank, ein Bett stellten mein Zimmerchen dar.

Nicht einmal ein Tisch stand darin, die Tinte war vertrocknet; mit

Bleistift schrieb ich meine paar Ansichtskarten auf dem Fensterbrett.

Aber drüben, jenseits eines grillendurchsungenen Hochtales, wuchsen

die malerisch köstlichsten Berge aus dem blühenden Gelände. Wunderbar

ging dort die Sonne unter! Die Schneefelder waren Purpur, die Zacken

erglühten wie die Zinnen einer Himmelsstadt. Am Berg hin säuselte ein

Abendglöckchen, ein heimkehrender Hirte sang von der Höhe. Da war die

Welt schön, groß und farbig ... Von Politik hat kein Mensch gesprochen.

Ich hatte nach der Arbeit meine Gitarre auf dem Schoß und griff

Akkorde. Es war ein tiefer Genuß, in dieser erhabenen Welt voll

großartiger Einfachheit zu malen und zu träumen. Ein hübsches Mädchen

der Nachbarschaft, aus dem Försterhause, das allabendlich in unserer

kleinen Küche Milch holte, hatte mir einige Griffe auf der Gitarre

beigebracht. Ein rosiges liebes Mädchen, das nur immer meinte: »Ach,

ich bin gar zu dumm!« und dabei hatte sie doch eine so feine Seele

und das niedlichste Gesichtchen der Welt. Wir saßen dann, das alte

Hutzelweiblein, das mich bewirtete, und des Försters Mädchen, in der

kleinen Küche beisammen. Ich half Kaffee mahlen, wir plauderten und

erzählten; ich war ungeschickt im Gitarrespiel, und sie verbesserte

mich -- das war ein »Gesellschaftsabend«, wie ich sie liebe. Manchmal

kamen auch noch sonstige Burschen und Mädchen aus den Gehöften, oft

prächtige Gestalten, Gesichter und Köpfe. Da war Rasse! Und wir

hatten bei einigen Glas Bier einen unterhaltsamen Abend, bis draußen

der funkelnde Mond über den Kuppen stand, so um elf. Ich selbst saß in

Hemdärmeln wie die andern und hatte nur Filzpantoffeln an den nackten

Füßen; sie saß auf dem kleinen Schemel, der Großvater im Lehnstuhl;

und die andern hatten sich Holzblöcke aus Winkeln hervorgeholt. Wir

sprachen über alles, über Gott und Welt, Stadt und Land, über Elsaß,

Deutschland und Frankreich, über Norwegen und andre Länder, die ich

bereist; denn wenn man nur die richtigen, schlichten, herzlichen Worte

wählt, so läßt sich über alles sprechen mit diesen schlichten Leuten

aus dem Volke.

Wenn sie dann alle fort waren und ich stand wieder allein an meinem

Fenster und schaute noch einmal hinaus in diese wunderbare Mondnacht,

so habe ich niemals mit einem »Gott sei Dank! Endlich gemütlich!« aufs

Fensterbrett geschlagen. Wohl aber bin ich manchmal noch in den Garten

hinuntergesprungen und habe mit Leni allein gekost und geküßt -- sie

war nebenbei die einzige, die ich jemals wahrhaft geliebt habe ... Vor

fünfundzwanzig Jahren!

Seitdem ist die ganze Welt vergiftet. Ich kann mich nicht mehr zu Leni

flüchten. Sie wird zwischen einem Rudel Kinder sitzen und bereits im

Kriege gefallene Söhne beweinen ...

* * * * *

Ich habe zuweilen merkwürdige Anfälle. Vor einer Viertelstunde zum

Beispiel sprang ich auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch. Auf dem

Tisch kreuzte ich die Arme und überschaute die Welt.

Ich hatte nämlich eine Schrift gelesen, die mich ganz außerordentlich

ärgerte. Und in solchen Fällen fängt mein Blut so bedenklich an zu

sieden, daß ich auf ungewöhnliche Weise die Harmonie meiner Seele

wiederherstellen muß. Ich schmeiße dann die Schrift, Zeitung oder

Zeitschrift -- es handelt sich meist um Kunstkritik -- mit Kraft und

Schwung an die ziemlich hohe Atelierdecke; breit auseinanderflatternd

und klatschend schlägt alsdann, nach dem natürlichen Gesetz der

Schwere, das Papier wieder auf den Fußboden auf. Ich kreuze die Arme

und gehe nun etliche Male mit Stampfen über den knisternden Wisch

hinweg; und meine Seele hohnlacht über die Afterweisheit auf dem

Fußboden. Bin ich einigermaßen beruhigt, so hebe ich den zerknitterten

Schwätzer, der die Flügel lappen läßt wie ein toter Sperling, mit

verächtlichem Mitleid wieder auf, halte ihn mit zwei vorsichtigen

Fingern hoch und werfe ihn vollends in den Papierkorb. Dann bin ich

wieder harmonisch und hab' die ganze, nunmehr gesäuberte Welt wieder

leidlich lieb.

Vor einer Viertelstunde hatte mich eine hochnäsige Schrift über die

moderne Kunst geärgert; der Mann sprach mit einem Obenherab von den

Unsterblichen Michelangelo, Raffael und Leonardo, mit einer modernen

Frechheit über Schwind und Richter, bewies so wenig Sinn für Abstände

und so ganz und gar keine Ehrfurcht vor dem Großen, dieser Wurm und

Werktagslehrbub -- daß ich ihn mit wahrer Wut an die Decke sauste.

Leider fiel er auf den Tisch, und da er auf dem Tisch passende

Gesellschaft fand, eine Nummer des »Vorwärts«, genudelt mit Haß

und Gift, eine Nummer einer konservativen Monatsschrift, triefend

von Langeweile, und einen wirren Haufen von Kunstzeitschriften --,

so bestieg ich ganz einfach den langen Tisch, reckte mich, schaute

aufatmend ins Zimmer und trampelte eine Weile mit gekreuzten Armen auf

dem gesamten Druckpapier hin und her. Napoleon bei Austerlitz! Die

Sonne kam gerade um die Ecke und grinste dazu. Und Spitzwegs Geist

streckte den Kopf mit einer weißen Zipfelmütze behutsam über die

Fensterkakteen und kicherte vernehmlich.

Es ist das ein wenig verrückt. Indes, wir Junggesellen haben ja kein

liebevolles, in nützlicher Nähe bescheiden an einer Stickerei sitzendes

Weib zur Hand, dem wir unsere Gefühle in den Schoß schütten können.

Wir müssen also unsere Zornanfälle etwas eigentümlicher entleeren. Wir

plaudern mit Stühlen, werfen mit Tintenfässern nach dem Teufel, kämpfen

mit Papier, schließen mit Kindern Kameradschaft oder bemalen Leinwand

... So hilft man sich halt in dieser bösen, bösen Zeit.

Manche meiner Freunde, ich gesteh' es, steigen nicht auf den Tisch,

sondern setzen sich dran und schreiben Gegenartikel. Diesem Gewimmel

von Knirpsen, die heutzutage das Papier bedrucken, gönnen sie

Gegenartikel! Ich zucke die Achseln; meine Methode ist einfacher.

* * * * *

Man wird sich ohne anstrengendes Nachdenken sagen können, wie ich zu

jener Völkerkeilerei stehe, die man jetzt Weltkrieg nennt.

Daß der Tabak schlechter und spärlicher wird, ist bedauerlich. Daß es

eine Vorsehung gibt, wie mein Freund, der Vikar von Jung St. Peter

behauptet, davon hab' ich Beweise. Denn dieses Gemetzel hat erst

begonnen, als ich das dienstpflichtige Alter eben hinter mir hatte.

Ich blieb auf meiner neutralen Höhe. Täglich wanderte ich an den

Rhein, suchte mir ein nettes Landschäftel heraus und malte. Was soll

man anders tun? Auch noch Leute umbringen? Das geschieht schon ohne

mich mit allen Maschinenkünsten der Neuzeit. Oder ich porträtiere

elsässische Stadtbürger und Offiziere der Generalität. Während der

Sitzungen schimpft der eine auf die Preußen; mit dem plaudre ich über

meine Studienjahre in Paris und Fontainebleau. Der andre hat gegen

die Franzosen allerlei auf der Leber; den unterhalt' ich von meinem

Aufenthalt in München und Oberbayern. In beiden Fällen rauch' ich meine

Zigaretten weiter oder streife nach alter schlechter Gewohnheit den

beschmierten Daumen am Kittel ab. Es gibt hüben wie drüben interessante

Köpfe. Politik interessiert mich nicht.

Ich hab' ein paar tausend Bilder in meinen drei Zimmern und im Atelier

aufgespeichert. Das ist meine Bibliothek und meine ganze Freude.

Verkaufen tu' ich nicht. Nur wenn ich Geld brauche; und auch dann nur

an Leute, die mir gefallen. Aber zeigen tu' ich gern. Da sperren sie

dann die Augen auf, die Herrschaften aus Philistäa!

Wenn freilich der Redakteur vom »Elsässer« (e bissel giftig) und der

von der »Straßburger Post« (ein gemütlicher Düringer) in meinem Atelier

zusammenkommen, so gibt's Krach. Beide sind Kunstkenner und meine guten

Freunde, können sich aber gegenseitig nicht schmecken. Der eine ist

ein klerikaler Alt-Elsässer, der andre hat preußisch-protestantische

Auffassungen. Da hilft man sich halt, wie's eben geht: wenn der

Klerikale bei mir ist, häng' ich zur Warnung für den andern ein

schwarzes Fähnchen ans Fenster. Und besucht mich der Preuße, so warnt

solange Schwarz-Weiß-Rot. Beim ersteren Fähnchen sagen die Philister:

Der Herr Speckel hat Trauer; beim andren fragen sie: Steht wieder ein

Sieg in der Zeitung?

Soll ich mich in den Völkerhändel einmischen? Werden meine Landschaften

dadurch duftiger? Oder meine Bildnisse ähnlicher?

Ich hab' eine närrische Anhänglichkeit an die Rheinlandschaft. Das

Wasser, die Weiden, der Duft, das Licht, die Enten, das ferne Münster

und die zärtliche Linie der noch ferneren Berge, ob nun Schwarzwald

oder Vogesen -- ich sitz' drin, wie die Spinne im Netz. Ich rauche wie

ein Schlot; häng' auch am Rhein draußen die Angel manchmal ins Wasser

-- und kann mir nicht denken, was sich an dieser Landschaft und an

meinen Malereien ändern sollte, ob nun am Münsterzipfel die deutsche

Fahne hängt oder die Trikolore ...

Zehntes Kapitel

Das Grab im Birkenwäldchen

O Himmelskönigin,

Nimm meine Seel' dahin!

Nimm sie zu dir in'n Himmel hinein

Allwo die lieben Englein sein,

und vergiß nicht mein!

~Volkslied~

Herbstwind weinte über den Wasgenwald. Die zerbrochenen

mittelalterlichen Burgen standen fröstelnd auf den Höhen entlang.

Zerfetztes Gewölk flog um die drei Rappoltsteiner Schlösser; und ganz

in schweren Wolken stand die Hohkönigsburg.

Deutschland ging der Stunde seiner Demütigung entgegen.

Und über die Welt kroch jene Seuche, die man die Grippe nennt.

Sie warf oft binnen weniger Tage unter Erscheinungen, die mit der

Lungenentzündung vergleichbar waren, junge Menschen auf die Bahre,

zumal Mädchen und Kinder. Auch die seelische Seuche des Hasses ging

weiter. Und Tag für Tag setzte sich noch der Kampf an der Westfront

fort. Europa war voll von Blut, doch arm an nährender Milch. Rot war

die Farbe der Welt; das Weiß der Unschuld hatte sich in den Himmel

zurückgezogen ...

* * * * *

Im Lützelbronner Pfarrhause war neue Lebensbewegung eingekehrt. Es

wurde gepackt und gebündelt. Arnold hatte in Straßburg von seiner

kirchlichen Behörde seine Entlassung erbeten und erhalten. Der Vikar,

der ihn vertrat, wohnte bereits im Pfarrhause. Auch Fanny war eifrig

dabei, ihre Ausstattung in Kisten zu packen. Es ging nach Heidelberg,

in eine neue, in eine reinere Welt!

Freund Lobsann hatte auf Arnolds Anfrage auf der Stelle freudig

geantwortet. In seiner warmherzigen Art stellte er dem Freunde von

ehedem sein Haus zur Verfügung. Wie in alten Zeiten zitierte er

im Urtext Horaz und Homer, die er gründlich kannte, und schloß:

»=Mehercule, mi amice=, das obere Stockwerk samt dem großen

Altan, den Sie so lieben, freut sich, soweit sich eben Steine freuen

können; und wieviel mehr wir lebendigen Menschen! Sie können sogleich

einziehen. Es ist Raum genug für das Brautpaar -- das ja wohl bis

dahin Ehepaar ist -- und für Sie selbst. Meine Frau übt ein Dutzend

Lieder ein, damit uns diese bitter schwere Zeit nicht unterkriegt.

Liselottchen hält ihr schönstes Sonntagslächeln bereit, das ihren

zehn Jahren zur Verfügung steht; und was, notabene, die ganze

Woche nachzuleuchten pflegt. Also =satis de hac re mihi dixisse

videtur=, sagt Cicero, auf deutsch: Genug geschwätzt! Willkommen!«

Auch Bieler lebte auf. Eines Abends kam er zu Schwester Lisy herüber,

mit der er sich ganz besonders gut verstand, schloß die Küchentüre

hinter sich zu und teilte ihr angenehm erregt mit, Stürli habe ihm

bereits eine ansehnliche Kaufsumme als Anzahlung auf den Tisch gelegt.

Woher er denn wohl das Geld habe?

Lisy, die immer Gelassene, die sich noch mehr als Bieler auf das

Diakonissenhaus und auf ihre Straßburger Kranken freute, pflegte bei

solchen Anlässen verschwiegen zu lächeln.

»Seien Sie doch froh, Papa Bieler, daß sich das so schön macht!« meinte

sie.

Aber der Alte witterte weiter und fragte mit pfiffigem Gesicht:

»Ist's wahr, daß der Nachbar« -- so nannte er meist den Pfarrer,

wobei er mit dem Daumen über die Achsel deutete -- »sein Gut Windbühl

verkauft hat? An den reichen Mülhäuser?«

»Kann schon so sein«, lächelte Lisy.

Und Bieler nickte:

»Na, dann weiß ich ja alles. Ein gutes Herz hat er halt doch, der

Nachbar.«

Die Weinlese war vorüber. Ihr Duft lag noch über dem Dorfe. Und den

Winzer überkam, als er nach Hause schritt, ein ganz leises Bedauern,

eine unbestimmte Wehmut. Aber er wußte sein Haus in guten Händen.

Schweren Gemütes, das er unter ermunternden Scherzen zu verbergen

suchte, schritt nur Arnold selber durch die verödenden Räume. Jeden Tag

erwartete Deutschland das Eintreffen der Waffenstillstandsbedingungen.

Und was mochte denn nur in Kiel vorgehen? Munkelte man nicht von

Meutereien? In solchem furchtbaren Augenblick auch noch Meuterei!

Fanny und Gustav hatten sich mitten unter all der Umsiedelungsarbeit

mehrmals unter geheimnisvollen Andeutungen zurückgezogen, um dann laut

und vortragend Wechselreden zu tauschen.

»Was treiben sie denn?« hatte Arnold gefragt.

»Geheimnis«, ward ihm zur Antwort.

Aber das angebliche Geheimnis ward rasch enthüllt. Eines Tages kam

Fanny zornig-verdrießlich zu Onkel Arnold gelaufen.

»Nun? Wieder einmal Krach? Mit wem denn?« forschte er.

»Verzeih, aber ich bin ganz unglücklich! Eine Überraschung für dich und

eine Abschiedsfeier für die Freunde hierzulande ist mir schändlich zu

Wasser geworden. Ich habe die Freude dran ganz verloren und will dir's

nur gleich heraussagen. Ach, daß es so wenig Freude auf der Erde gibt,

so wenig Liebe! Warum er mir nur immer wieder alles verdirbt! Wer? Aber

natürlich Gustav!«

Und sie erzählte. Unter Arnolds Papieren hatte sie einen Band

»Gespräche« gefunden, meist philosophischer Art, eines aber so schön,

so wunderschön, daß sie's gar nicht genug hatte lesen können.

»Das wollte ich mit Gustav auswendig lernen und vortragen. Dorothee hat

ein feines blaues Gewand dazu geliehen, Gustav hätte eine Art graue

Mönchskutte getragen. Pfarrer Wirz mit seinem Weißbart und seiner

ruhigen Baßstimme hätte am Schluß den Arzt gesprochen. Weißt du, der

hätte hinter den beiden aus dem Vorhang treten müssen und -- --«

»Aber, Kind, ich weiß ja gar nicht, wovon du sprichst!«

»Wart' nur -- und hätte die beiden gleichsam eingesegnet, verstehst du?

Gustav hat auch erst zugesagt. Dann aber, natürlich, wie er ja so ist,

wurde er ängstlich und fragte, wer dabei zuhöre. Und dann paßte ihm der

nicht -- jener nicht -- und runzelt die Stirne -- und er wolle nicht

vor den Leuten Theater spielen in so ernster Zeit, obwohl wir doch

unter uns sind und es ein so edler Stoff ist -- kurz, er will nicht!

Siehst du, und da sitz' ich nun, kann meine Rolle genau -- und Gustav

streikt! Ach, wie gern hätt' ich dich damit überrascht! Daß er mir das

so verpfuschen mußte! Denn mit irgendeinem anderen kann und will ich

etwas so Zartes nicht spielen.«

»Aber nun sag' mir doch endlich: Was ist es denn?«

»Das Gespräch zwischen dem armen Heinrich -- weißt du, jenem kranken

Ritter -- und dem Mädchen, das ihn lieb hat und sich für ihn opfern

will. Ein so herrlicher Gedanke! Ich hätte so gern dieses Mädchen

spielen -- und noch mehr sein mögen!«

»Zeig' einmal her!«

Westmark · 第 10 / 15 段