Erwins Schwestern lebten im Oberstock des Hauses Bieler ihr stilles

Dasein allbeliebt dahin. Henriette war als Lehrerin tätig und brachte

das nötige Geld in den Haushalt, den Dorothee leitete. Außer ihrem

Nachbarn, dem Kunstmaler Kaspar Speckel, sahen sie wenig Menschen in

ihrer hohen und heimeligen Wohnung mit den vielen Bildnissen an den

Wänden und den noch zahlreicheren Nippsachen auf den Altväter-Möbeln.

Ein Papagei und ein Kater gehörten zum Haushalt. Manchmal kamen

Kinder, lärmten ein bißchen und verschwanden wieder; manchmal auch gab

es einen Altjungferntee, soweit der entbehrungsreiche Krieg solche

Ausschreitungen gestattete. Sie lasen einander vor; sie spielten auch

gern auf einem betagten Tafelklavier. Es war eine behagliche Stille

in diesem Heim, an dem Krieg und Kriegsgeschrei fernab am Horizont

vorüberzogen.

Die hochnäsige Jacqueline kam eigentlich nur dann zu ihres Vaters

Mietern herauf, wenn sie etwas brauchte. Und so betrat sie auch heute

nach kurzem festem Anpochen ohne viel Umstände das Stübchen der

alternden Jungfrauen.

Allein sie traf es recht ungeschickt. Der Maler und Junggesell

stand mitten im Zimmer, Palette und Pinsel in der Hand, in seinem

beschmierten langen Graukittel. Er war auf einen Augenblick

herüberspaziert und erzählte grade mit dem ihm eignen erzschalkhaften

Gesichtsausdruck der Jungfer Dorothee eine Schnurre. Mitten im Wort

brach er ab, verbeugte sich mit komischer Übertreibung vor Jacqueline

und trat einen Schritt zurück. Aber er machte keinerlei Miene, in sein

Atelier zurückzukehren. Des Hausherrn Töchterchen mit ihren zwanzig

flotten Jahren war sonst nicht auf den Mund gefallen; diesmal aber

verhaperte sie sich unter den Blicken dieses unausstehlichen Kasperle,

wie sie ihn zu nennen pflegte, so sehr, daß sie ihre Bitte kaum zu

stammeln vermochte. Und bei der harmlosen Frage Dorothees, wozu sie das

Tuch brauche, verwirrte sich das Räderwerk ihres Sprachvermögens erst

recht. Kasperle legte tiefsinnig die Hand an den ergrauenden Spitzbart

und meinte, wenn Mamsell Jacqueline etwa ein altes Hemd opfern

wolle, so würde es seinem Pinsel eine Freude sein, mit Preußischblau

darüberzustreichen -- aber da war Jacqueline auch schon verschwunden

und hatte die kleine Tür kräftig hinter sich zugeschmettert.

Zornig kam sie wieder zu ihrer Mutter hinunter.

»=Maman=, do hilft halt nix, jetzt mueß doch min Unterrock dran!«

Sie erzählte kurz ihr Mißgeschick und hatte schon die Schere in

der Hand. Ein hübscher blauer Unterrock wurde der Länge nach

aufgeschnitten, und nun wurde geprobt. Die schwere, stattliche Frau

Bieler erhob sich, spannte das blaue Tuch mit ausgebreiteten Händen

vor sich hin, und Jacqueline hielt die bereits fertigen Fahnenstücke

Weiß und Rot darunter. Das schönste Blau-Weiß-Rot leuchtete als ein

hocherfreuliches Ergebnis in die Straßburger Stube.

Aber das Mißgeschick des Tages war noch nicht voll. Die Damen waren

so sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie das leise Klopfen ihres ewig

unbelehrbaren Mädchens vom Lande überhörten. Sofort ging auch schon

die Türe auf -- und plötzlich stand, ohne weiteres vom Dienstmädchen

freundlich hereingeschoben, Fanny Bieler in der Stube.

Die beleibte Matrone, die mit ihrer Brille grade noch über das blaue

Tuch hinübergucken konnte, war so erstarrt, daß sie noch ein Weilchen

in ihrer Stellung verharrte. Jacqueline merkte in ihrem Eifer erst

überhaupt nicht, daß sie Zuschauer hatte, sondern hielt von unten her

Weiß und Rot ebenso beharrlich fest und rief einmal über das andere

entzückt: »G'fitzt! 's isch g'fitzt! =Maman, ça y est!=«

Gustavs Braut durchschaute sofort den Hergang. Und in ihr Herz rann

ein eisiger Strom. Sie erbleichte und stand wortlos. Dann gab es ein

bestürztes Aufspringen der Tochter, dem eine übertrieben-freundliche

Begrüßung folgte. Auch die Mutter ließ die Arme sinken, nahm die

Hornbrille ab und gab Fanny die Hand. Danach packte sie schleunigst

ein, während Jacqueline ablenkend sehr eifrig mit der Cousine

plauderte, und gab der Magd Befehl, die Fahnenstange hinzubringen,

wohin sie gehöre; worauf es in der Küche noch ein besonderes

Donnerwetter setzte, des Inhalts: sie, das Käthel von Grafenstaden,

sei nicht nur die uneinsdümmste, sondern die allerdümmste in Gottes

Gänsestall.

Es kam keine rechte Unterhaltung zwischen den drei Damen in Fluß.

Madam Bieler hatte gönnerhaft recht viel zu fragen; und fast alle

Fragen enthielten eine kleine Spitze. Zögernd gab Fanny über die

Ladung in das Gouvernement und die Begleitumstände Auskunft; Mutter

und Tochter warfen sich Blicke zu. Dann wurde Tee gereicht. Fanny

hatte die Empfindung, daß sie unter verlarvten Feinden sei, nicht

unter Verwandten. Und als sie endlich, endlich den Vater die Treppe

heraufhusten hörte, sprang sie ihm entgegen:

»Wie steht's?« Er gab beruhigende Antwort. Das gefolterte Mädchen

atmete tief auf. Und nun war sie nicht mehr zu halten. Sie hatte

Einkäufe zu besorgen, verabschiedete sich von den Damen und lief

noch einige Augenblicke zur Jungfer Immergrün hinauf, wie sie Erwins

Lieblingsschwester zu necken pflegte.

Da oben war mehr Wärme. Da gab's ein herzhaft Händeschütteln, die

üblichen Wangenküsse und ein schnelles, gedrängtes, überfließendes

Erzählen von Erwin und von Gustav.

Und wie unser Dasein oft mit allerliebsten Neckereien durchflochten

ist, so geschah es auch hier. Fanny hatte gleichfalls ein Anliegen, das

Jacquelines Bitte überraschend ähnlich sah.

»Ihr habt doch einmal mit Erwin ein so hübsches Weihnachtsspiel

aufgeführt. Sag', Dorothee, habt ihr vielleicht noch die Kostüme?

Ich brauche nämlich ein weißes oder blaues Frauengewand. Pfarrer

Redslob, unser ehemaliger geistlicher Inspektor im Städtchen, feiert

nächste Woche seinen achtzigsten Geburtstag und zugleich seine goldene

Hochzeit. Du weißt, es sind so liebe, alte Leute. Da stellt man

ihnen lebende Bilder. Und ich habe -- es ist eine kleine geladene

Gesellschaft -- eine besondere Überraschung vor. Alles ganz ernst und

still, wie es ja in dieser Zeit selbstverständlich ist.«

Und voll Feuer plauderte sie weiter, daß sie unter Onkel Arnolds

Papieren einige »Gespräche« gefunden habe; darunter eine reizende

Unterhaltung zwischen jenem Ritter, den man den »armen Heinrich« zu

nennen pflegt, und dem Mädchen, das sich für ihn opfern will. Das wolle

sie mit Gustav aufführen und Onkel Arnold ebenso damit überraschen wie

die anderen Gäste des kleinen Kreises.

Dorothee erzählte lachend den mißglückten Versuch Jacquelines, in den

Besitz eines blauen Tuches zu kommen. »Weiß der Kuckuck, wozu sie's

braucht!« Fanny wußte Bescheid und fand ihre Heiterkeit wieder, als sie

Speckels Vorschlag vernahm. Dann aber holte Dorothee in der Tat ein

feines blaues Gewebe hervor, das sie der jungen Freundin anvertraute.

Und mit ihrem Paket lief die Kleine unter dem großen Hut in die

nebligen Gassen hinaus und war heilfroh, das Haus ihrer Verwandten

hinter sich und das blaue Tuch sicher im Arm zu haben.

Papa Bieler hatte das alte Bürgerhaus nur höchst ungern betreten; das

Lützelbronner Gespräch mit dem Straßburger wirkte noch unangenehm

in ihm nach. Aber es war ein Geschäft zum Abschluß zu bringen;

sein Bruder war ihm noch Geld schuldig. Er traf im Kontor einen

gutgelaunten Handlungsreisenden, der sich als Vertreter von Weil,

Blum & Co. vorstellte, witzig bemerkend, seine Firma sei leicht zu

behalten, man brauche nur an Blumenkohl zu denken. Und in der üblichen

Straßburger Mundart, die er mit französischen Brocken spickte, fuhr

dieser rundliche Blumenkohl fort, seine Späßchen zu machen, wobei er

mit zwinkernden Augen den Winzer zu föppeln begann, was er denn wohl

anfange, wenn man den Liter Rotwein demnächst für zehn Sous trinken

werde?

Bieler antwortete erst ziemlich unbeholfen, er werde sich ohnedies

bald vom Geschäft zurückziehen, und steckte seine Banknoten ein.

Als aber Weil, Blum & Co. nicht abließ, wurde der alte Mann bissig.

Er habe, sprach er, vorhin in der Münstergasse einen Bekannten aus

dem Württembergischen getroffen, der habe ihm erzählt, daß aus

seinem Städtchen von sechshundert jüdischen Wehrpflichtigen zwei

Mann umgekommen seien: der eine durch Krankheit, der andre durch

einen Sturz aus dem Wagen. Aber im Nachbarstädtchen seien von

siebenhundertundfünfzig christlichen Wehrpflichtigen hundertundzwanzig

den Heldentod gestorben, ohne die Vermißten. »Wie kommt das, he?«

schloß er ingrimmig.

Der Geschäftsreisende war beleidigt, aber nicht aus der Fassung

gebracht; er blinzelte ihn an, steckte beide Hände in die Hosentaschen

und antwortete ganz einfach und unverfroren: »Warum sin se so dumm?«

Und Bielers Bruder nickte kühl: »Sich für die Schwowe totschießen zu

lassen!«

Der ehrliche Winzer schaute hilflos von einem zum andern. Dann nahm er

ohne weitere Gegenrede seinen Hut: »=Bonjour=, ihr Herren«, und

entfernte sich.

Im Treppenhause erhielt der in sich versunkene, mißmutige Alte zunächst

einen tüchtigen Stoß auf die Magengegend. 's Käthel von Grafenstaden

kämpfte mit der Fahnenstange herum. Was sie denn vorhabe, fragte

Bieler verdrießlich, es sei ja gar keine Fahne dran. Das schon, meinte

Käthel, die recht gekränkt und ärgerlich aussah, aber man sei doch

nicht so »taub«, wie d' Madam immer sage, man wisse ganz genau, daß die

Herrschaften eine französische Fahne machen und daß d' Mamsell einen

schönen blauen Unterrock dazu zerschnitten habe ...

»So, so, so«, summte der Weinsticher nachdenklich vor sich hin, als er

seiner Wege ging. Und er bewunderte nicht wenig die Opferfreudigkeit

seiner Nichte Jacqueline.

* * * * *

Im Oberstock eines Kaffeehauses am Broglieplatze saßen sie abends

beisammen, die Mitglieder der Gesellschaft für elsässisch-deutsche

Kultur. Professoren, Pfarrer und Lehrer, Beamte, Buchhändler und

Kaufleute -- jeder Stand war vertreten. Mit Altelsässern plauderten

Altdeutsche, Eingewanderte mit Eingesessenen, alle in den Rauch

ihrer Zigarren und ihrer gemeinsamen Sorgen eingehüllt, lebhaft der

Erörterung hingegeben über den peinlichen Notenwechsel zwischen

bittender deutscher Regierung und befehlendem amerikanischem

Präsidenten.

Alle diese Elsässer erwarteten irgend eine unbestimmte Hilfe, ein

befreiendes Wort, einen Eingriff der göttlichen Macht ...

Soll unser Elsaß Spielball sein zwischen zwei Nationen? Hat man uns

nicht Autonomie versprochen? Darf man über uns verhandeln, ohne

uns zu fragen? Das Unrecht von 1870 soll wieder gutgemacht werden?

Welches Unrecht? Daß Deutschland in ehrlichem Krieg deutsches Land

zurückerobert hat? Und das Unrecht von 1681? Hat nicht Ludwig

der Vierzehnte in jener Septembernacht des Jahres 1681 die freie

Reichsstadt Straßburg mitten im Frieden überfallen und geraubt?

Weiß das Präsident Wilson nicht? Himmel, und wie hat Deutschland am

Lande gearbeitet in diesen vier Jahrzehnten! Wie ist Straßburg mit

seinem Rheinhafen und seiner Universität eine blühende deutsche Stadt

geworden! Weiß das Wilson nicht? Wir müssen ein Telegramm an Wilson

senden. Wir wollen Autonomie, wir wollen Volksabstimmung. Wir müssen

hier in Straßburg eine große Volksversammlung einberufen. Schwander ist

Statthalter, wir haben eine freisinnige Regierung, man kann sich nun

regen und offen reden -- los! ...

So schwirrten die Gespräche und verdichteten sich zu einer allgemeinen

Erwartung.

Der Vorsitzende, ein vollbärtiger, schmaler, mittelgroßer Professor

mit einer kahlen Denkerstirne, klopfte ans Glas. Und er sprach. Er

sprach klug und gehaltvoll; er sprach scharfsinnig. So hatte er

oft gesprochen; er war ein ausgezeichneter Theoretiker; aber er

war keine aufrüttelnde, ansteckende oder mitreißende Kraft. Warm

und schön, mit wohltuender Ruhe, sprach auch ein altelsässischer

katholischer Universitätsprofessor, ein temperamentvoller Arzt, ein

Gymnasiallehrer. Und alle Reden gipfelten in dem Wunsche, man möge,

nach dem Vorbilde der Reichsregierung, Telegramm und Sendschreiben an

den Präsidenten Wilson richten, daß Elsaß ein deutsches Land sei und

ein deutsches Land bleiben wolle.

Arnold saß bei einem seiner Freunde, dem blondbärtigen Pfarrer des

Diakonissenhauses, paffte Rauchkringel in die Luft und schwieg. Die

Augen halb geschlossen, schaute er in die Vielzahl dieser durch

Hunger und Sorgen abgemagerten Gesichter und sah sie von unzähligen

fließenden und immer wechselnden Rauchschlangen umringelt, die sich

mit höhnischen Fratzen über die aussichtslose Erörterung lustig

machten. Die Straßburger Luft war voll von bösen Dämonen; die Geister

der Revolutionszeit hatten Erlaubnis erhalten, sich ein Weilchen

wieder auf der Erde umzutreiben. Hatte nicht diesem Hause gegenüber,

beim Bürgermeister Dietrich, einst Rouget de l'Isle die Marseillaise

gesungen? Und wenige Häuser weiter, in der Blauwolkengasse, hatten

St. Just und Eulogius Schneider gehaust; und nicht weit war es zum

Kleberplatz, wo einst die fahrbare Guillotine am Ostersonntag 1793

erste Blutarbeit getan hatte.

Die Dämonen von damals huschten schon lange wieder durch Straßburgs

Gassen und Schenken, tuschelten, zischten, reizten den Pöbel unten und

oben, die Stunde begierig erwartend, wo sie herausbrechen könnten ...

Das sah Arnold. Und es schien ihm nicht der Mühe wert, seinen

Briefentwurf herauszuziehen und vorzulesen. Die gute deutsche Sache war

verloren.

Plötzlich aber erscholl sein Name. Er erwachte, sah sich um und

bemerkte viele Blicke auf sich gerichtet; und der Vorsitzende bat ihn,

seinen Offenen Brief an Wilson vorzulesen.

Arnold erhob sich langsam. Und er sprach zu seinen aufmerksam

horchenden Freunden:

»Wagen Sie denn immer noch an Gerechtigkeit und an Autonomie oder

dergleichen zu glauben, meine Herren? Hoffen Sie noch immer auf einen

Rechtsfrieden? Sehen noch immer nicht, daß diese Phrasen im Munde der

Feinde nur Machtmittel sind, um uns und die Neutralen irre zu führen?

England will uns niederknütteln -- und weiter nichts; Frankreich

will Elsaß-Lothringen, vielleicht das ganze linke Rheinufer, und will

sich weiden an einem zusammengebrochenen Deutschland -- und weiter

nichts. Völkerbund? Nein, nein. Das sagen sie nur, aber das wollen sie

nicht ... Weshalb aber gelingt ihnen diese unerhörte Vergewaltigung?

Sie, meine Herren, sagen gewiß: weil sie mehr Kapital, Menschen,

Munitionsmassen haben. Ich sage: weil sie mehr ~Leidenschaft~

haben. Ja, diese Völker haben mehr Leidenschaft, wenn auch in Formen

des Hasses. Sie sind zäher Willen, gefühlbelebter Willen. Wir aber,

wir Deutschen? Wir tragen das Malzeichen des Verstandes. Der verbürgt

zwar Ordnung und Methode, aber er verbürgt keine schöpferische Kraft

und Beharrlichkeit. Die Leute da drüben hinter den Bergen wollten

etwas mit der zähen Leidenschaft eines Liebenden. Hat man sich in

Altdeutschland mit ähnlicher Liebesleidenschaft um uns Elsässer

gerissen? Selbst die nichtswürdigen Tschechen und Slowaken setzen nun

ihren Staat durch, weil sie's mit Gefühl und Leidenschaft wollen. Was

wollen wir? Wo ist unser Ideal? Uns behaupten? Das ist nur negativ, ist

selbstverständlich, aber kein Ideal.«

Es ging eine unbehagliche Bewegung durch die Köpfe, die in den Rauch

eingezeichnet waren. Eine solche Rede hatte man nicht erwartet. Das

schmeckte nach Bußpredigt. Dieser Träumer von Lützelbronn! Da sang

er also glücklich wieder sein Liedlein vom vergessenen deutschen

Idealismus!

»Nennen Sie mich keinen Unheilsraben,« fuhr Arnold fort, »aber machen

Sie sich bereit auf die Wanderung durch die Wüste! Deutschland muß

jetzt durch die Wüste wandern, um nach Kanaan zu kommen. Es ist der

alte Mysterienweg. Sie mögen sagen: das spricht ein Ästhet oder

Ethiker, aber kein Politiker. Nun, ich breche auch ab. Meinen Brief

an Wilson will ich Ihnen aber doch wenigstens vorlesen, wenn auch mit

dickem Blaustift ein ›Zu spät‹ quer darüber geschrieben ist.«

Er las:

~Offener Brief an den Präsidenten Wilson~

Herr Präsident! Hinter uns stehen Tausende von freien elsässischen

Männern und Frauen, die genau so denken wie wir.

Seit fast fünfzig Jahren sind wir staatlich wieder deutsch, wir

Elsaß-Lothringer. Wir waren nach Art und Sprache deutsch, solange es

eine deutsche Geschichte gibt: seit dem Niedergang des Römerreiches,

seitdem der germanische Stamm der Alemannen und der germanische

Stamm der Franken das Land am Oberrhein besiedelt haben. Also seit

anderthalb Jahrtausenden! Die Sprache unseres Landes ist zu neun

Zehnteln deutsch; die Namen unserer Dörfer und Städte, unserer Fluren

und Flüsse, unserer Burgen und Berge sind deutsch. Es ist eine

Fälschung zu sagen, daß wir ›geraubte französische Provinzen‹ seien.

Das Umgekehrte ist der Fall! Wir sind deutsches Land, einst in den

Reunions- und Revolutionskriegen von Frankreich dem Deutschen Reiche

geraubt, dann von Deutschland im offenen Kriege des Jahres 1870

zurückerobert. Wir Elsaß-Lothringer sind also durch den Frankfurter

Friedensvertrag vom 10. Mai 1871 zum deutschen Mutterlande

zurückgekehrt. Das ist der Tatbestand.

Und nun wollen die Völker der Entente, nun wollen Sie, Herr

Präsident, ein deutsches Land gewaltsam wieder französisch machen?

Nun wollen Sie den künftigen Völkerbund mit einem Bruch des

Frankfurter Friedensvertrages beginnen?

Wir Elsaß-Lothringer empfinden das nicht als Befreiung, sondern als

Vergewaltigung.

Und wir protestieren dagegen im Namen der Wahrheit und der

Gerechtigkeit.

Sie hatten, Herr Präsident, eine wahrhaft erhabene Sendung. Sie

hatten die Aufgabe, den Völkern Europas den Frieden zu bringen. Sie

haben es vorgezogen, den Feinden Deutschlands Munition zuzuführen;

aber die Zufuhr von Lebensmitteln an deutsche Frauen und Kinder haben

Sie nicht durchzusetzen für nötig gehalten. Eine bleiche Parade

hungernder und durch Unterernährung dahingeschiedener Gestalten zieht

anklagend an Ihrem Weißen Hause vorüber. Und um Deutschland vollends

zu brechen, griffen Sie an der Seite unserer Feinde in den Kampf ein.

Sie sind es, dem Deutschland neben innerer Zersetzung nunmehr den

Zusammenbruch verdankt.

Und mit diesem Zusammenbruch unseres deutschen Vaterlandes brechen

auch wir Elsaß-Lothringer zusammen. Wir sollen nun wieder

hinübergeschleudert werden zu Frankreich. Wir protestieren. Wir

wollen uns durch Schweigen nicht mitschuldig machen an diesem

ungeheuerlichen Verbrechen. Wir halten treu zu unsrem deutschen

Vaterlande. Und wir schreiben diesen Brief nicht aus irgendwelchem

Haß gegen irgendwelche Nachbaren, mit denen wir vielmehr im Frieden

zu leben wünschen, sondern nur im Interesse der Menschlichkeit und

der Wahrheit.

Allgemeiner Beifall umwogte diesen Brief. Man trank dem Verfasser

zu, man schüttelte ihm die Hände. Und sofort setzte die Erörterung

ein. Es wurde vorgeschlagen, den Brief ins Englische zu übersetzen

und in Tausenden von Flugblättern über den englisch-amerikanischen

Truppen durch Flieger abwerfen zu lassen. Die Einberufung einer

Volksversammlung in das Sängerhaus ward beschlossen; man müsse von

Wilson Volksabstimmung verlangen. Der Abschnitt, der des Präsidenten

unfreundliche Stellungnahme angriff, die Hungerparade, wurde

beanstandet; denn dergleichen könnte verletzen. Andere jedoch riefen:

»Sagt's ihm nur, denn es ist die Wahrheit!« Und so bekundete sich

an diesem bewegten Abend viel guter Wille dieser treuen Söhne ihrer

elsässischen Heimat und ihres deutschen Vaterlandes.

Doch die Dämonen kicherten: Zu spät! Und Arnold schied aus dem Rauch

in den Nebel hinaus mit dem schmerzlichen Gefühl: die Sache der

Deutsch-Elsässer ist verloren.

»Eine Handvoll Französlinge hat mit Hilfe der feindlichen Truppenmassen

dieses kerndeutsche Land vergewaltigt«, schloß er ein Gespräch mit

einem befreundeten Bibliothekar, der ihn nach dem Gasthofe begleitete.

»Die Lüge herrscht in der Welt wie nie zuvor. Und das Gemeine lauert

auch hierzulande auf den Augenblick, wo es deutsche Ordnung wie einen

lästigen Tornister abwerfen und sich nach all der Kriegsspannung

schamlos austoben kann. Ich spüre das. Gute Nacht, lieber Freund! Ich

sah im Geiste die entflohenen elsässischen Landesverräter im Schutze

französischer Soldaten wieder einmarschieren und mit einer schwarzen

Liste von Haus zu Haus ziehen, ihr Werk fortsetzend: den Verrat. Halten

Sie Ihr Bündel geschnürt! Wenn der Franzos einrückt, werden Ihnen die

Straßburger Wackes die Fenster einwerfen!«

»Und Sie?« fragte der andre.

»Je nun, ich! Mit dem Elsaß hab' ich abgeschlossen. Ich ziehe aus und

suche. Ich suche ein Deutschland, das durch den Schmerz reif wird, das

an der Stirne das Malzeichen der Gottheit trägt, das sich um den Altar

der Seele versammelt, wo ein Gott der Weisheit und der Liebe verehrt

wird: -- ein Deutschland also, das es noch nicht gibt, an dem wir aber

vielleicht bauen dürfen.«

* * * * *

»Bist du's?«

Eine weibliche Stimme flüsterte es, als Arnold oben im Gasthof seine

Zimmertüre aufschloß. Und Fanny schlüpfte aus der Türe gegenüber und

huschte zu ihm herein. Es war spät. Sie hatte auf ihn gewartet.

»Ich muß dir doch noch schnell Gutenacht sagen, ich hätte ja sonst

gar nicht schlafen können«, sagte sie hastig und halblaut, um die

Nachbarschaft nicht zu stören. »Ich hab' heute gleich ein Telegramm

an Gustav geschickt. Ach, ich bin ja so froh, so froh, daß alles gut

gegangen ist!«

Eine warme Welle überrieselte den Mann, der vor ihr stand und aus dem

schweren Pelzmantel lächelnd auf das leichte anmutige Wesen herabsah.

Starr erschien ihm die Pflichtwelt eines Trotzendorff, schattenhaft die

fruchtlosen Pläne seiner politischen Freunde -- doch siehe, hier war

ein lebenatmendes, der Herzensleidenschaft fähiges und nur vom Herzen

aus die Welt erfassendes reines Geschöpf, das ihn kindlich lieb hatte!

»Aber, Kleine, noch auf? Schnell, schnell zu Bett! Wir wollen ja morgen

ganz früh abfahren! Gutenacht, mein Seelchen!«

Zwei Wangenküsse nach gewohnter Art, eine herzliche Umarmung -- und

schon verschwand sie wieder lautlos, schalkhaft noch durch ihre

Türspalte den Finger an den Mund legend:

»Gute Nacht!«

Neuntes Kapitel

Aus Speckels Tagebuch

Ich frage nie beim goldnen Weine,

Warum im Glas die Perle glimmt:

Sei er vom Rhodan oder Rheine,

Genug, wenn er mich höher stimmt!

~Ludwig Spach~

Es ist der Entente gleichgültig und der deutschen Diplomatie unbekannt,

daß mein Atelier einerseits auf einen Hof geht und andrerseits auf das

Straßburger Münster schaut. Dort ist's eng, hier ist's groß; dort haust

der Philister, hier das Genie.

Ich überlasse dem boshaften oder dem geneigten Leser, zu erraten, ob

ich mehr dort oder mehr hier aus dem Fenster schaue.

Die drei Stockwerke sind reichhaltig. Von meinen Fenstern aus, ganz

einfach vor meiner Staffelei hin und her wandernd, kann ich dort in die

Zeitlichkeit, hier in die Ewigkeit blicken.

In der Höhe, über dem dritten Stockwerk, blüht ein Feldchen

elsässischen Himmels. Punkt zehn Uhr hat sich die Augustsonne derart

über die Straßburger Dächer und Schlöte herübergearbeitet, daß sie

einen vollen Lichterguß in meinen Hof strömen lassen kann. Dann

glänzt plötzlich mein Atelier in einer unerträglichen Helle; und auf

meinen Pinsel legt sich ein so frech-vergnügtes Sonnenlicht, daß ich

aufspringe und die Gardine zureiße. Aber auf diesen dramatischen Punkt

hat eine Wolke hinter dem Telephonnetz nur so gelauert: jetzt wälzt

sie sich feist und dick über den Hof; das helle Himmelsfleckchen ist

verdeckt, es wird stockdunkel hinter meiner Gardine. Was muß da ein

Mensch von gesunden Empfindungen anfangen? Aufspringen muß er, seine

Arbeit unterbrechen muß er und die Gardine flammenden Blicks wieder

aufreißen muß er. Das muß er. Wobei sich die Schnur verhudelt.

Westmark · 第 9 / 15 段