~Volkslied~

Oberstleutnant von Trotzendorff saß in seinem Straßburger Amtszimmer.

Eine schmucklose Stube zu ebener Erde, ein großer Tisch in der Mitte,

Aktenschränke und einige Stühle -- das war seine Arbeitswelt. Vor den

vergitterten und geschlossenen Fenstern ging die Lebensbewegung der

Blauwolkengasse schattenhaft hin und her. Über der Stadt Straßburg

lastete eine lauernde und dumpfe Stimmung.

Die deutsche Westfront wich langsam, wenn auch unzerbrochen zurück.

Jedoch von hinten her nagte Zersetzung. Siegfriedstellung hieß unsre

festeste Linie im Westen. In der Tat: Hagen bereitete sich vor,

Siegfried in den Rücken zu stoßen. Und hart, ja hochmütig klang über

den Ozean herüber Wilsons Antwort auf das deutsche Friedensangebot.

Die Französlinge im Elsaß rieben die Hände. Eine triumphierende Tücke

war auf manchen Gesichtern der Straßburger unverkennbar; und oft genug

steckte man die Köpfe zusammen und tuschelte. Doch eisern hielt die

Kriegsmaschine vorerst noch die Haßgesinnung unter Zwang ...

Trotzendorff hatte den Stuhl zur Seite gedreht. Sein Ellenbogen lag auf

dem Tisch; die Hand spielte mit dem sehr großen Blaustift. Äußerlich

beherrscht, pflegte er die innere Erregung nur durch das Spiel der Hand

zu verraten. In gewohnter Weise saß er kerzengerade, breitschultrig,

gut gebaut, immer Soldat. Die graue Litewka mit dem Rosakragen des

Generalstäblers saß tadellos. Die buschigen Brauen gaben dem ehrlichen

Gesicht Ernst und Strenge, ungemildert durch das graue, knapp

geschorene Haar und den kurzen grauen Schnurrbart.

So saß der Preuße im Gespräch mit dem ungefähr gleichaltrigen

elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Arnold.

Des Pfarrers schwarzgekleidete Gestalt war in der Tiefe des Zimmers

vom Fenster her beleuchtet. Er hatte die Hände auf die Krücke seines

Schirmes gestützt und hielt zugleich den Zylinderhut. Da er auch dunkle

Lederhandschuhe trug, hob sich das ziemlich bleiche, lange Gesicht

scharf ab von dem farblosen Ton der Hinterwand.

Zwei tiefernste Männer saßen einander gegenüber.

Sonst klingen um diese Herbstzeit Straßburger Glocken wehmutschön

durch die alte Nebelstadt. Besonders die metallenen Stimmen des hohen

Münsters haben ihren eigenen Klangzauber. Doch die Töne des Himmels

waren im Laufe des Weltkriegs gleichsam eingefroren; aus Besorgnis

vor Fliegergefahr hatte man das Geläute eingeschränkt; und viele

Glocken waren in Kanonen umgegossen. Nun herrschten nur die nüchternen

Geräusche der Straße, gelegentlich scharf unterbrochen vom grellen

Geklingel einer elektrischen Bahn.

»Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, daß sich unsre Zusammenkunft um

einige Tage verzögert hat«, sprach Trotzendorff. »Die Gegenseite

hat den Vorfall aufgebauscht. Aber ich hoffe die Sache möglichst

geräuschlos niederzuschlagen. Den Herrn -- wie heißt er doch gleich? --

Ihren Nachbarn Huber oder Bieler und ebenso den Hauptmann habe ich auf

eine halbe Stunde später bestellt. Es lag mir daran, zuvor mit Ihnen

allein zu sprechen, Herr Pfarrer. Wir haben übrigens zwei gemeinsame

Bekannte.«

»Zwei?« erwiderte der Pfarrer. »Das sollte mich zwar freuen, aber --

ich weiß nicht --«

»Da ist zunächst Baron von Stein, der Sie neulich besucht hat. Sie

haben sich ja angefreundet, wie ich höre. Sechs Jahre sind es wohl

her, da haben meine Frau und ich mit diesem Freunde Frankreich

bereist, die Provence, bis hinaus nach Lourdes, wo es mir freilich zu

mittelalterlich geworden ist. Ingo war damals ein wenig Schwärmer, wir

nannten ihn Spielmann. Hört er gute Musik, so ist er auch heute noch

derselbe und nicht mehr zu halten. Diesem Zuge seines Wesens verdankt

er Ihre Bekanntschaft -- und verdank' ich Ihren Brief und Besuch. Sie

sehen, wie wunderlich unser himmlischer Generalstab seine Menschen

lenkt.«

»Ich habe meinerseits«, schob hier Arnold höflich ein, »zu danken, daß

ich bei Ihrer übermäßigen Arbeit -- --«

»Freilich übermäßige und nicht erfreuliche Arbeit,« warf der Offizier

ein, fuhr aber nach einem Blick über den Tisch sogleich fort: »Dann

haben wir aber noch einen zweiten gemeinsamen Freund. Dort habe ich

zuerst von Ihnen gehört. Entsinnen Sie sich des Professors Lobsann in

Heidelberg und seiner prächtigen Frau Cäcilie?«

»Ach, was Sie sagen!« Der Pfarrer blitzte ordentlich empor. Die

Amtsstube verklärte sich. Er schaute Goethes Lieblingsplatz am

Heidelberger Schloß; er schaute den schön geschwungenen Neckar; er

betrat eine nahe Villa und lauschte dem Gesang der damals blutjungen,

eben aus der Schweiz nach Heidelberg vermählten Gattin eines seiner

Universitätsfreunde. »Mein lieber alter Freund Lobsann! Einer der

wenigen, der sehr wenigen, die mich mit Tränen in den Augen scheiden

sahen -- damals!«

»Ich weiß«, nickte Trotzendorff. »Lobsann hat mir's erzählt. Meine Frau

ist mit Frau Cäcilie befreundet.«

Im Nu waren die beiden Männer in Erinnerungen an Heidelberg ausgeflogen

und lustwandelten ein Weilchen in studentischen Fernen. Sie hatten im

Jahre 1886 die großzügige Festfeier der Hochschule miterlebt.

»Ein unvergeßliches Fest!« rief der Pfarrer. »Nicht nur das Schloß in

seiner bengalischen Beleuchtung, nicht nur der glühende Neckar -- mehr

noch der Geist des Ganzen, die überschäumende Festfreude in jenen vier,

fünf Tagen. Es ist dabei merkwürdig, wie man auf solchen Hintergründen

Einzelheiten behält. So kann ich z. B. nie vergessen, wie ein Kind, ein

kleiner blonder Lockenkopf, in der festlichen Menschenmasse unter die

Pferde einer vorüberfahrenden Kutsche geriet --«

»Sahen Sie das auch?« Trotzendorff ward lebhaft. »Und haben Sie

gesehen, daß einige Studenten und Offiziere den Pferden in die Zügel

sprangen? Nun, darunter war auch ich. Da haben wir also damals in

derselben Straße Schulter an Schulter gestanden, Herr Pfarrer, und

vielleicht gar miteinander gesprochen! Vorzüglich!«

»Lieber Gott, und in wie andrer Stimmung!«

Der Pfarrer seufzte. Man war wieder in der Gegenwart.

»Sie haben wohl inzwischen meinen ausführlichen Bericht gelesen, Herr

Oberstleutnant?«

Trotzendorff nickte.

»Genau gelesen. Mit Wehmut gelesen. Ja, ich kann wohl sagen: mit

Ergriffenheit. Ich bin schon einige Zeit hier in der Verwaltung und

arbeite täglich bis zum Umfallen. Aber Sie haben in diesem Bericht aus

dem besonderen Fall soviel Allgemeingültiges herausgeschlagen, daß

ich Ihnen dankbar bin. Ich habe die Elsässer dadurch besser verstehen

gelernt. Manches, was für unsern preußischen Ordnungssinn sachliche

Verfügung ist, wirkt auf diese Leute wie bösartige Absicht. Und sie

pflegen das dann unter dem Fremdwort ›Schikane‹ anzufeinden. Das tut

mir recht leid.«

»Diese Bemerkung in Ihrem Munde freut mich«, versetzte der Pfarrer.

»Unsereins kommt mit Volk wie mit Regierung gleicherweise in Fühlung.

Wieviel Bitterkeit müssen wir da allerdings bekämpfen! Es steht leider

nicht gut um die deutsche Sache im Elsaß, das muß ich offen sagen. Das

Kriegsgebiet spürt den Krieg doppelt. Und da wird von der politisch

unreifen Bevölkerung gewohnheitsmäßig sofort der deutschen Regierung

in die Schuhe geschoben, was doch Gebot der Zeit überhaupt ist. So

verwirrt und verdummt ist unsre Volksseele. An allem Übel in der Welt

sind nun einmal die Deutschen schuld. Was soll man gegen diese Seuche

anfangen?«

Der Pfarrer war erregt geworden. Er fuhr, da Trotzendorff nach seiner

Art schweigend gradaus blickte, sogleich fort:

»Aus meiner Eingabe haben Sie ungefähr die Welt kennen gelernt, in der

ich selber lebe. Nehmen Sie zur Musik und Orgelkunst, die mir teuer

sind, noch etwa Plato und das Neue Testament, Kant und Schleiermacher

hinzu, so haben Sie meinen geistigen Bezirk. Und in dieser Luft

habe ich auch meinen einzigen Sohn erzogen, also in gut deutscher

Geisteskultur. Sie können daraus ermessen, wie mich der neuliche Fall

verletzen mußte, mich, den deutschgesinnten Elsässer. Und so erzog ich

zum Teil auch seine Braut, die Tochter dieses unglückseligen Bieler,

der dort in Lützelbronn ein großes Weingut trotz aller Kränklichkeit

recht schön imstande hält. Das Mädchen ist ganz herrlich veranlagt.

Aber die Politik, natürlich, hat unser harmonisches Bildungsideal

beträchtlich gestört. Und mein Junge hat leider von seiner Mutter

her ein zartes Nervengeflecht, von mir selbst aber ein nicht allzu

starkes Herz. Lassen Sie nun diese Menschen unter den so schwierigen

Verhältnissen mit einer derben Natur zusammenstoßen -- -- nun, und es

läßt sich denken, daß es Scherben gibt.«

Trotzendorff schaute vor sich hin und nickte nachdenklich:

»Ja, ja, ich bin vollkommen im Bilde.«

Und der Pfarrer, der im Zuge war, setzte seine Herzensentlastung fort:

»Schauen Sie nur hinaus: was ist das für ein drückender Nebeltag!

Ist es nicht, als ob alle Menschen dieses Landes wie Schatten und

Gespenster ihrer Vergangenheit umherschlichen? Das Elsaß hat heimliche

Melodien, hat wundervolle Herzen -- aber sie können nicht los,

nicht heraus und haben alle Freudigkeit verloren. Denn es gibt doch

schließlich auch einen freudigen Trotz, wenn er einer guten Sache

dient. Aber die elsässische Sache ist nicht gut, sie macht ihre

französelnden Vertreter tückisch oder zum mindesten zweideutig. Das

ist unsre Lage. Die ersten Kriegswochen -- ein hinreißendes deutsches

Aufjauchzen bis zum letzten Eckensteher! Nach und nach freilich kam

wieder der Nebel. Doch im Herzensgrunde haben unsre edelsten Elsässer

eine ganz besonders tiefe Sehnsucht nach schön gestimmtem Leben voll

Gastlichkeit und Brüderlichkeit. Pöbel gibt's natürlich überall. Ich

spreche von der Minderheit der edlen Seelen. Und zu den Edlen rechne

ich, das darf ich mit Vaterstolz aussprechen, auch meinen Sohn. Er ist

weich, und jetzt nervenleidend, aber nicht weichlich. Eine gewisse

Gedämpftheit paßt übrigens in unsre elsässische Wesensart.«

Hier konnte sich Trotzendorff die Bemerkung nicht versagen: »Na, wir

Norddeutschen möchten denn doch dem Elsässer manchmal mehr Härte

wünschen. Der Vogesensandstein ist zu weich; er verwittert leicht, wie

Ihr Münster beweist, das man ja kaum ohne Baugerüst sieht.«

»Bitte: wir haben auch Granit«, erwiderte der Pfarrer lächelnd.

»Wie dem auch sei,« lenkte der Oberstleutnant ab, »ich war in jungen

Jahren hier, bin aber erschrocken, wie sich später die geistige Luft

verändert hat. Sagen Sie mir, wie ist denn das gekommen? Hat das mit

der Einkreisungspolitik eingesetzt?«

»Planmäßig von Frankreich aus geschürt«, bestätigte der Pfarrer. »Und

von der Regierung nicht mit Geschick bekämpft. Sehen Sie, da ist mein

Sohn in bitterste Tragik geraten. Der Bruder seiner Braut war einst

sein Schulfreund. Dann, als Student, geriet jener junge Bieler in den

sogenannten =Cercle des étudiants= --«

»Aha! Eine höchst gehässige Sippschaft. Wir haben hier die Liste seiner

sämtlichen Mitglieder. Das war ja ein ganz gefährlicher Geheimbund!

Unbegreiflich, daß die Regierung diese Französelei geduldet hat! Ich

habe die Akten durchgesehen: das war schon im Frieden längst kein

Frieden mehr. Das war ja wie der Mord in Serajewo, der den Krieg

eingeleitet hat: das war ein planmäßiges Töten des deutschvölkischen

Empfindens.«

»Weshalb man das geduldet hat? Weil Freisinn und Zentrum sofort der

Regierung in den Rücken fielen, sobald sie im Interesse nationaler

Würde Ordnung schaffen wollte. So wurde die Regierung unsicher.

Aber die Unterminierung ging weiter. Jedenfalls haben wir das Elsaß

innerlich nicht erobert, wir Deutschen, leider, leider! Mein Sohn holte

sich das Eiserne Kreuz, aber der junge Bieler -- und manch andrer noch

-- brannte nach Frankreich durch. Elsässer beide! Und nun bringen Sie

das unter einen Hut!«

»Und der alte Bieler?« fragte Trotzendorff.

»Der alte schwache Bieler rückt ratlos sein Käppchen von einem Ohr aufs

andre. Und Fanny, die Braut, steht zwischen Bruder und Bräutigam in

peinvollem Zwiespalt.«

Wieder ein Nicken: »Echt elsässisch!«

»Aber der Krieg klärt. Und so entscheidet sich's jetzt auch im Hause

Bieler -- das heißt: es ~hätte~ sich zugunsten Deutschlands

auch dort entschieden, trotz alledem, wenn jetzt nicht das fatale

Friedensangebot und Wilsons Antwort uns wiederum ins Unsichere

zurückwürfen. Wie denken Sie denn, Herr Oberstleutnant, über die Lage?«

Der Pfarrer richtete den Blick fragend auf den Offizier. Dieser wandte

mit kurzem Ruck den Kopf, an Schweigen gewöhnt, und schaute aus dem

Fenster. Es entstand eine ernste, fast düstere Pause, so daß Arnold

selbst wieder das Wort nahm und seinen Besorgnissen Ausdruck gab.

Plötzlich begann Trotzendorff selbst seine angestaute Bitterkeit zu

enthüllen: »Sie betrachten als vertraulich, was ich Ihnen sage, Herr

Pfarrer. Wir sind innerlich zersetzt. Wer und was uns zersetzt hat,

das ist eine Frage für sich. Tatsache ist: die Heimat fällt der Front

in den Rücken. Wir ~könnten~ noch aushalten, wenn im eignen Lande

nicht der Feind nagte. In den ersten Jahren hatte der Generalstab mit

preußischer Willenskraft das Ganze fest in der Hand. Aber die Helden

liegen unter dem Rasen, die Händler sitzen in den Klubsesseln! Das ist

die sogenannte Demokratie!«

Es klang kurz, scharf, bissig. Dann fuhr er mit zornig erhobener Stimme

fort:

»Aber glauben Sie nicht, daß ich damit jenen Hauptmann entschuldige!

Ihnen darf ich sagen: das ist jenes Zerrbild von Deutschtum, das auch

mir, dem Altpreußen, ganz verflucht auf die Nerven fällt und das aus

dem deutschen Wesen raus muß.«

»Sehr richtig! Das uns verhaßt macht im In- und Ausland!« stimmte der

Elsässer kräftig bei.

»Das weder Zucht noch Innerlichkeit kennt«, fuhr der Preuße fort.

»Das in Gasthöfen mit Kellnern umspringt wie mit Lakaien des

achtzehnten Jahrhunderts«, klang es vom Pfarrer her.

»Das sich abends den Bauch voll Bier pumpt und um Mitternacht Türen

schmettert«, bestätigte der andre.

»Das laute, schnarrende Deutschland, das die innere Stimme betäubt!«

»Das seelenlose Deutschland der Wucherer, Kriegsgewinnler und

Etappenschweine!«

So sprang es hin und her zwischen dem Altpreußen und dem Altelsässer.

Und hier erhoben sich beide. Trotzendorff streckte die Hand aus und

schlug in seines Besuchers Hand: »Wir verstehen uns, Herr Pfarrer!«

»Ich danke Ihnen, Herr Oberstleutnant!«

Der Pfarrer verbeugte sich leicht und nahm wieder Platz.

Dann wiederholte er seine Frage und formte sie genauer:

»Nehmen Sie mir die Sorge vom Herzen, soweit Ihnen der Dienst Offenheit

gestattet! Was für Aussichten hat das deutsche Friedensangebot? Wie

steht's um unser Elsaß?«

Der Oberstleutnant war sogar innerhalb seiner Familie in Dienstsachen

von peinlicher Verschwiegenheit. Er hatte darin, wie in seinem ganzen

Wesen überhaupt, etwas Starres. Jetzt sah er sein Gegenüber eine Weile

scharf und schweigend an; der Blaustift pochte auf die Papiere. Endlich

sagte er langsam: »Es würde Freund Lobsann und seine Frau gewiß freuen,

wenn Sie wieder Fühlung mit ihm nehmen würden. Sein oberes Stockwerk

steht leer. Sollten Sie einmal« -- und er betonte nun jedes Wort -- »in

die Lage kommen, sich aus dem Elsaß zurückzuziehen, so würden Sie dort

gewiß schöne deutsche Gastfreundschaft finden.«

Weiter sagte er nichts. Er schaute nur dem Pfarrer ernst und unverwandt

in die Augen. Und der Pfarrer verstand ...

Arnold senkte den Kopf, hob ihn dann wieder und fragte: »So brauchen

wir auch über den Offenen Brief an Wilson, den ich Ihnen entwurfsweise

mitsandte, heut' abend in unsrer deutsch-elsässischen Gesellschaft

nicht zu beraten? Hat er noch Zweck?«

»Das sind Dinge, die mich amtlich nicht kümmern dürfen. Wenn Sie mich

persönlich fragten, so würde ich etwa sagen: Einige rosenrote Politiker

wagen noch an die Möglichkeit eines Pufferstaates oder dergleichen

zu glauben. Ich nicht. Haben Sie übrigens Dank für die freundliche

Übermittlung!«

Und er legte das Schriftstück, einen von Arnold entworfenen Brief an

den Präsidenten Wilson, wieder in des Verfassers Hand zurück.

Jetzt meldete ein Unteroffizier unmittelbar hintereinander den Winzer

Bieler und den Hauptmann.

Trotzendorff war wieder ganz Soldat und Beamter. Die Rücksprache wurde

knapp und sachlich. Papa Bieler fand nach anfänglicher Verlegenheit

seinen unbefangenen Ton, ja einen schlichten Freimut.

»Herr Oberstleutnant,« sprach er treuherzig, »daß ich's nur gradheraus

sag': mich trifft viel Schuld, mich trifft die allermeist' Schuld. Ich

hab' die Dummheit gemacht, Herr Oberstleutnant, ich hätt' den Herrn

Hauptmann nicht in den Keller führen sollen. Mehr brauch' ich nicht zu

sagen.«

»Ihr Keller spielt dabei allerdings eine verhängnisvolle Rolle.«

»Herr Oberstleutnant, ich bin ein einfacher Bürgersmann und ein alter

Soldat von Anno siebzig. Hand uffs Herz, Herr Oberstleutnant: ich für

mein' Person hab' nie agitiert gegen die Rejierung, aber ich steh'

halt von wegen meinem Sohn auf der schwarzen Liste. Soll ich's dann in

solchem Fall mit dem Herrn Hauptmann verderben? Man wird charakterlos,

Herr Oberstleutnant, ich sag's und g'steh's ganz offen: man wird ein

schwacher Charakter.«

»Danke, Herr Bieler. Angenehm für Ihren Ruf ist die Geschichte freilich

nicht.«

Trotzendorff wandte sich zum Hauptmann; seine Stimme hatte äußerst

kalten Klang, wenn auch der Unwille beherrscht war: »Die Sache ist

für mich bereits geklärt. Ich bedaure, daß wir mit solchen Dingen in

solchem Augenblick unsre Zeit verlieren mußten. Es ist kein Grund

zu einem gerichtlichen Einschreiten. Ich möchte nur in Gegenwart

dieser Herren von Ihnen hören: was ist es mit der deutschfeindlichen

Gesinnung, deren sich angeblich alle, auch der Unteroffizier Arnold,

schuldig gemacht haben?«

»Durchaus, Herr Oberstleutnant, durchaus!«

Ungeduldig klopfte der Blaustift.

»Was heißt das: durchaus? Wollen Sie sich nicht freundlichst etwas

genauer ausdrücken?«

»Gestatten mir Herr Oberstleutnant, daß ich von einer Tatsache ausgehe,

die hier entscheidend ins Gewicht fällt.«

»Die wäre?«

»Bei den ersten Kämpfen im Oberelsaß wurde bekanntlich aus den Häusern

geschossen --«

»Na, na, was haben denn diese peinlichen Dinge hier zu tun?«

»Wenn ich mir gestatten darf, Herr Oberstleutnant: mein bester Freund

wurde dabei erschossen, infam, aus dem Hinterhalt. Also von Einwohnern

dieses Landes.«

Unwillig warf Trotzendorff den Bleistift hin.

»Wie können Sie so was behaupten, wenn Sie keine genauen Beweise

haben?! Ist das einwandfrei festgestellt? Sie wissen doch, daß

französische Soldaten bürgerliche Kleider im Rucksack hatten. Und daß

allerlei bedauerliche Mißverständnisse und Aufregungen vorgekommen,

wie sie bei der ungeheuren Erregung erster Kriegswochen leider nicht

zu vermeiden sind. Wir wollen lieber auf diesem Wege nicht fortfahren,

Herr Hauptmann. Die Elsässer leiden ohnedies genug unter dem Verhalten

einzelner Landsleute. Ich habe selbst sehr viele Elsässer kennen

gelernt, die sich äußerst tapfer gehalten haben. Also gut, ich lasse

Ihre Meinung insofern gelten: sie erklärt Ihr Vorurteil. Waren Sie

schon früher im Lande?«

»Niemals, Herr Oberstleutnant.«

»Nun ja. Aber jetzt die Gegenfrage: Wenn Ihnen dieses Haus

Bieler als -- wie sagen Sie in Ihrer Eingabe? -- als ›Brutstätte

deutschfeindlicher Gesinnung‹ verhaßt war, weshalb ließen Sie sich

dennoch im Keller bewirten? -- Sie schweigen. Auch eine Antwort.«

»Allerdings -- immerhin -- ich -- wie gesagt, ich will meine

menschlichen Schwächen nicht entschuldigen, Herr Oberstleutnant. Aber

die Tatsache, daß alle drei Beteiligten in französischer Sprache auf

mich eindrangen -- --«

Des Hauptmanns Stimme war wieder scharf und nasal geworden.

»Das stimmt nicht!« rief Bieler.

»Unmöglich!« fiel auch der Pfarrer ein. »In meinem Hause wurde nie

französisch gesprochen.«

»Kurz, ich fühlte mich plötzlich unter lauter Feinden.«

Bieler bekam Mut.

»Ich bin der Meinung, Herr Hauptmann, Ihr einziger Feind sind nicht

wir drei gewesen -- excusieren Sie mich --, sondern vielmehr der

Rappoltsweiler Riesling von Anno neunzehnhundertundelf. Und daß im

Pfarrhaus immer nur elsässisch oder hochdeutsch gesprochen wird, das

kann ich bezeugen.«

»Können Sie das auch von Ihrem Hause behaupten?« fiel der Hauptmann ein.

Aber der Pfarrer sprang zu Hilfe.

»Das Haus Bieler zu begreifen, muß man sich lang und liebevoll mit dem

Elsaß beschäftigt haben, Herr Hauptmann.«

Dem Oberstleutnant waren Wolffsche Depeschen gebracht worden, die er

während dieser Hin- und Herreden durchblätterte. Dann stellte er noch

einige kurze Fragen und beendete die Unterredung. Alle erhoben sich.

»Herr Oberstleutnant,« sagte Bieler, als er sich verabschiedete,

und der gebeugte Mann in seinem langen Sonntagsrock war nicht ohne

Würde, »sehen Sie, ich hab' dazumal Frankreich gedient und hab' meiner

Regierung Treue gehalten, wie sich's für einen Ehrenmann schickt.

Aber mein Sohn hat seiner Regierung keine Treue gehalten. Das ist

mein heimlicher Kummer, ihr Herren. Andre Eltern verlieren ihren Sohn

draußen im Krieg; ich hab' halt meinen Sohn auf dem Schlachtfeld der

elsässischen Ehre verloren.«

Trotzendorff reichte dem Alten die Hand. Und in seinem festen

Händedruck war Wärme.

»Gehen Sie ruhig nach Hause, Herr Bieler! Die Sache ist erledigt.«

Die Bürger gingen. Der Hauptmann blieb noch einen Augenblick, um

unter vier Augen eine kurze, aber eindrucksvolle Ansprache des

Oberstleutnants in Empfang zu nehmen.

* * * * *

Dem Weihnachtsfeste fliegen Engel der Liebe voraus. Es sind die Engel

der Überraschungen, des liebevollen Versteckspiels. Wochen hindurch

ist manche Seele auf Heimlichkeiten bedacht. Schon in den langen

Spätherbstabenden sitzen Mütter oder Töchter mit der unendlichen Geduld

der Frauen über irgendeiner Arbeit und sticken, stricken, nähen oder

malen, um zum Feste der Liebe mit einem erfreuenden Geschenk unter

den Weihnachtsbaum zu treten. Nur die Absicht des Freudemachens ist

mit solchen heimlich vorbereiteten Gaben verbunden. Und so ist um

die nahende Wintersonnenwende viel Herzlichkeit in der Lufthülle des

Erdballs wirksam.

An jenem Tage, als Arnold und der Winzer bei Trotzendorff ihre Sache

verfochten, saßen Madam Bieler und ihre Tochter Jacqueline vor

einem Korb mit Stoffresten, deren farbige Fülle sich um die beiden

Straßburgerinnen ausbreitete.

Langhin auf dem Stubenboden lag eine Fahnenstange. Das große Tuch

war jedoch losgeschnitten; es waren die elsässischen Farben Weiß und

Rot. Die Damen wühlten in ihren Vorräten, maßen und verglichen, ob

sich nicht zu den beiden Farben ein gleich großes Stück Tuch finden

möchte. Auch dies war eine geheimnisvolle Arbeit. Doch es sollte keine

Weihnachtsüberraschung werden. Sie suchten die Farbe Blau.

Diese Suche war gar nicht so leicht. Die meisten blauen Stoffreste

waren zu klein; oder der Stoff war Seide und paßte nicht zu dem

übrigen Tuch. Die Damen parlierten halb elsässisch, halb französisch.

Jacqueline, eine schlanke Brünette, saß zu den Füßen ihrer Mutter, die

mit der Brille auf der Nasenspitze matronenhaft im Lehnstuhl thronte.

Endlich kam die Tochter auf den Einfall, sie wolle einmal zu den

Schwestern Ehrmann in den Oberstock hinauflaufen und sich nach Stoff

erkundigen. Aber die Mutter hatte Bedenken. Wenn nun die zwei Mamselle

Ehrmann fragen würden, was sie mit dem Tuch anfangen wolle, was sollte

man denn da antworten?

»=Tu sais, maman=,« erwiderte die Tochter, »ich saa, mr welle e

=comédie= mache, e Theaterstückel.«

Und schon war sie aufgestanden; die Mutter solle sie nur machen lassen.

Und mit der niedlichen Lüge auf der Lippe verschwand die Holde nach

oben.

Westmark · 第 8 / 15 段