Schon unterwegs, unter der Laterne am oberen Brunnenplatz, traf der

Pfarrer eine Gruppe von Bürgern und Feldgrauen. Sie besprachen ruhig

und mehr hoffnungsvoll als besorgt das deutsche Friedensangebot. Der

Pfarrer blieb einen Augenblick stehen. »Was gibt's sonst noch Neues,

Nachbarn? Da hat mich eben ein Junge nach Hause gerufen ...« Ach ja, es

solle ja eine Prügelei bei Bielers oder so etwas passiert sein, meinten

die Leute; und man munkle, der Gustav habe einem Hauptmann ein paar

Dachteln 'runtergehauen ... Der friedliebende, menschenscheue Gustav?

Das klang merkwürdig.

Eilends nach Hause! Das Pfarrhaus lag finster. Nur die Küche war hell

und laut. Schon beim Ablegen des Mantels hörte der Pfarrer Gustavs

heiser erregte Stimme, gegen die der alte Bieler nicht durchdrang.

»Und woher, Papa Bieler? Ihre Schuld, Ihre Schuld! Warum führen Sie

den Mann in den Keller? Warum machen Sie ihn betrunken? Aus Angst!

Warum aus Angst? Weil der Georges ausgerissen ist! Seitdem sind Sie ein

verängsteter, unsicherer, haltloser Mann -- --«

Er verbitte sich solche Sottisen von einem jungen Menschen, wehrte sich

der ergrimmte alte Bieler gegen den Aufgeregten, er wisse von allein,

was sich schicke und brauche sich keinen -- --

»Ruhig, Kinder, ruhig!«

Schweren Schrittes trat der Pfarrer in die Küche. Fanny eilte ihm

entgegen. »Gott sei Dank, Onkel Arnold!« Bieler brach ab, zog das

Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Alle atmeten

auf. Arnolds Frage nach dem Sachverhalt ließ wieder ein lebhaftes

Durcheinander aller Stimmen aufwirbeln. Aber Fanny drang durch, gab

knappen, klaren Bericht und versäumte nicht, Gustavs mutiges Auftreten

zu loben.

»Und jetzt?« rief Gustav, in dem eine trotzige Erregung heftig

nachschwang und den schmalen, schlanken Körper in zitternder Spannung

erhielt. »Was jetzt, Papa? Zu solchen Deutschen auswandern?! Ja, auf

eine deutsche Festung! Jetzt stellen sie mich vors Kriegsgericht.

Jetzt reißen sie mir Borten und Achselklappen runter. Jetzt könnt ihr

zwei eure Pläne allein machen! Mit mir ist's noch früher aus als mit

Deutschland.«

Er griff nach einem Glas, trat an die Wasserleitung und stürzte das

kühle Naß hinunter. Worauf er sich auf die Küchenbank setzte, in sich

zusammensank und fortan gänzlich schwieg. Lisy stand voll stummer

Bestürzung. Alle warteten auf Arnolds Rat.

In ihm schimmerte noch das Weinberghäuschen nach. Und von der andern

Seite her schattete das Schwere, das sich über Deutschland herabsenkte.

Er blieb gefaßt. Der Händel schien ihm belanglos. Jetzt galt es um

gewaltigere Dinge.

»Kinder,« sprach er, »vor wenigen Stunden haben drei von uns eine Art

Bund geschlossen oder schließen wollen. Wir wollten ein Land oder

eine Möglichkeit aufsuchen, wo man große Gedanken und ein reines Herz

ungestört auswirken könnte. Nun? Was ist daraus geworden? Gustav und

Fanny: so lang also nur hat unser Bund oder Vorsatz gedauert? Ich

wende kaum den Rücken, so pfuscht uns der Teufel ins Handwerk, während

Deutschland draußen zusammenbricht. Kinder, Kinder! Das war nicht

die Selbstbeherrschung, die ich euch lebenslang gepredigt habe. Hier

hattet ihr Gelegenheit, euch einmal groß zu benehmen, schweigend, edel,

abweisend --«

»Es war zu empörend!« brach es aus Fannys jungem Herzen heraus. »Du

kannst dich nicht hineinversetzen, Onkel Arnold, wie wüst das war!

So häßlich diese Stimme -- und die Gesinnung dahinter so gemein! Das

Gemeine haßt man, so leidenschaftlich als man nur kann!«

»Nun ja, Fanny! Aber verliert doch wenigstens untereinander die Haltung

nicht! Ich traf dich ja in wildem Gezänk, Gustav, mit unserem guten

Nachbar Bieler! Die Stunde ist ungeheuer ernst und groß; wir brauchen

unsre ganze Fassung. Da lest nur das Neueste! Es gibt jetzt bald

Frieden im Land, aber freilich einen bittern Frieden. Deutschland geht

ins dunkle Tal. Und wir alle mit.«

Der Pfarrer warf die Zeitung auf den Tisch. Niemand griff danach. Lisy

fragte seufzend: »Aber, Cousin, was soll man denn tun? Ein Händel mit

einem deutschen Offizier ist besonders hierzulande eine arg schlimme

Sache. Der Hauptmann kann uns ja alle ins Unglück bringen!«

»Nun, das wollen wir denn doch noch sehen«, erwiderte Arnold. »Ich

mache sofort eine Eingabe an das Gouvernement, an den Freund dieses

Freiherrn von Stein, der uns neulich besucht hat.«

»Ja, das tu, das ist ein Gedanke!« rief Fanny. »Soll ich die

Schreibmaschine herüberholen? Soll ich dir's mit Maschinenschrift

schreiben? Ich tippe ja Tag und Nacht und hab' solche Üb-- --«

Sie brach mitten im Wort ab. Das Blut schoß ihr ins Gesicht und der

Finger an den Mund. Sie stand wie einst in der mißglückten Kantstunde.

»Was schreibst du denn?« fragte Arnold verwundert. Aber er war

bereits in Gedanken an dem zu entwerfenden Brief und ging mit einer

abwinkenden, nachdenklichen Handbewegung darüber hinweg. »Nein,

es ist nicht nötig. Nur Eile tut not. Nachbar Bieler, Sie gehen

gleich zu Stürli: er soll sich zurechtmachen, er muß noch ins

Städtchen zum Postamt! Ich schreibe inzwischen den Eilbrief an den

Oberstleutnant Trotzendorff in Straßburg und zugleich ein Telegramm um

Zureiseerlaubnis zu einer persönlichen Aussprache. Komm, Gustav, den

Brief setzen wir zusammen auf!«

Arnold ging voraus. Sein Sohn erhob sich sehr mühsam aus seiner

gänzlichen Erschlaffung.

Und indem er zögernd stand, reckte er plötzlich wie ein Gähnender oder

wie ein Verzweifelter beide Arme in die Luft -- und glich in dieser

Stellung Laokoon zwischen den Schlangen.

Siebentes Kapitel

Briefe eines Elsässers

Muttersprache deutschen Klanges,

O wie hängt mein Sinn an dir!

Des Gebetes und Gesanges

Heil'ge Laute gabst du mir.

Sollt' ich deine Fülle missen,

O mich kränkte der Verlust

Wie ein Kind, das man gerissen

Von der warmen Mutterbrust.

~Adolf Stöber~

Im Oktober 1918.

... O Gustav, Gustav, mir ist bitter weh ums Herz! Meine Spannkraft

ist ganz und gar verpufft. Herrschaft, ich werde wohl in meinem

ganzen Leben nicht mehr lachen! Es ist nicht mein zerschossener Fuß,

nicht mein persönliches Leid -- nein, nein, das ist alles nichtiges

Anhängsel. Doch Deutschlands Canossagang! Wir beugen uns, wir kriechen

zu Kreuz, wir küssen Wilsons Pantoffel!

Stell' dir den Briefschreiber vor! In einem niederrheinischen Lazarett,

noch des Schlachtfelds Unmelodien in allen Nerven, liegt und leidet

der Elsässer Erwin Ehrmann. Zornig und traurig, mit eingeschientem

Fuß, von einem unhöflichen Stabsarzt behandelt, liest er in der

Zeitung Deutschlands Bittgang. Und er liegt wie verhämmert, wie

dumm geprügelt von Kopfnüssen des Schicksals. Dazu also hat man so

bitterlich geblutet, gehungert, gefroren! Herrgott im Himmel, sind wir

denn schlechter als die andren? Allwaltender, was hast du mit deinen

Deutschen vor, daß du sie so erbarmungslos in die Asche wirfst?!

Innen und außen haben wir nirgends ein Genie; das ist unser Unglück.

Nur den großen und schlichten Hindenburg. In der Diplomatie Stümper

und Monokelschöpse, keinen Meister. Die haben unsren tapferen Soldaten

diesen gigantischen Krieg gegen solche Übermacht auf den Buckel

geladen wie einen überschweren Tornister. Da muß ja der zäheste

Landwehrmann und Krummstiefel zusammenbrechen.

Und unser Elsaß? Nach einem Punkt in Wilsons Programm soll das

sogenannte »Unrecht von 1870« wieder gutgemacht werden! Unrecht?

Die ehrliche Rückeroberung zweier geraubter deutscher Provinzen?

Und das Unrecht von 1681?! Reden nicht 90 Prozent von uns deutsch?

Weiß der König des Mammonlandes nicht, daß wir Alemannen sind,

die 1681 gewaltsam französisch gemacht wurden? Ist dies nun das

Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ist das Völkerfrieden?

Tausende von uns Elsässern haben in diesem Weltkrieg mit deutschen

Kameraden gegen Frankreich und England gekämpft. Darf und kann man uns

nun einfach zu französischen Untertanen umfärben, wie man Militärhosen

dunkelblau färbt, um ein paar Zivilhosen draus zu schneidern? Kann man

Herzen und Zungen umfärben, Gustav?

Ich lasse mich nicht umfärben. Kommen wird einst ein Tag, da wir das

Elsaß zurückerobern, wenn sie's jetzt französisch machen. Nach Jena kam

Leipzig. Napoleon durchbrauste Deutschland siegreich bis Tilsit -- und

Europa bis Moskau -- und er wurde doch heruntergeholt. Auch die Stunde

der Engländer kommt noch!

Ich lasse mich nicht umfärben. Inniger als je fühl' ich mich mit diesem

tapfern und geduldigen Deutschland verbunden; besonders da ich hier

im Lazarett einen ganz prächtigen Westfalen gefunden habe, den ich

nicht nur Kameraden oder Stubengenossen, den ich Freund und Bruder

nennen darf. Werde nicht eifersüchtig, Gustav, und ihr andern geliebten

Gefährten! Aber mein Dirk ist mein Freund im reinsten Sinne des Wortes.

Beglückwünsche mich, Gustav, und freue dich mit mir!

Seine Mutter ist Holländerin. Daher der sonderbare Vorname Dirk. Im

übrigen heißt er Schütz und ist Sohn eines Arztes, der vor kurzem

gestorben ist. Er selber Ingenieur oder Techniker, blond, blauäugig,

gut und fromm. Es gibt ein Jugendbildnis von Albrecht Dürer, mit einer

Distel oder dergleichen in der Hand, sehr ausdrucksvoll geschnittene

Lippen -- dem gleicht er. Reiner Charakter; war in der Berliner

inneren Mission praktisch tätig und ist mit Arbeitern stromernd und

missionierend im Betrieb gewesen; Wandervogel; ganz Vollendungsdrang.

Und eine so stille, stille Art! Er ist viel ruhiger als ich. Ein

Granatsplitter hat ihm den rechten Arm übel zerrissen; doch geht von

seinem Leidenslager so wohltuende Ruhe aus, daß ich die Stunde segne,

in der man mich in diese Stube zu diesen katholischen Schwestern

getragen hat.

Bei uns ist noch ein Heidelberger Student, der sehr im Banne moderner

Literatur befangen ist. Da las ich denn auch allerlei, las die im

Nordland Geborenen Knut Hamsun, Hermann Bang, Strindberg, las die

Pariser Anatole France und -- ich weiß nicht, was alles! Ahasverische

Unruhe dort und hier! Maskentanz! Das pendelt zwischen Gehirn und

Unterleib, zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Aber sie finden nicht

den Ruhepunkt dazwischen: das ~Herz~. So täuschen sie sich und

uns mit stilistischen Reizen, Kunststücken und Einfällen über den

mangelnden Mittelpunkt hinweg. Nein, nein, ich bin selber lebhaft genug

und brauche nicht noch Aufpeitschung. Das ist Wirbel, aber kein Ziel,

kein Ideal, kein Gott! Erst ist man von dem Mummenschanz gefesselt und

von all den Einzelheiten überrascht -- und immer wieder überrascht --

bis man diese Überraschungen gelangweilt an die Wand wirft. Seele her!

Und rote Wangen!

Dirk hat Seele; Dirk hat Mittelpunkt. Dort sind Kometen, hier ist

Sonne. Ein Frommer, kein Frömmler. Schlichte, deutsche, warme

Frömmigkeit, die keine Worte macht, die sich durch Ausstrahlung

mitteilt. Der Herzschlag wird ruhig in seiner Nähe. Ein Blick seiner

stillen Augen -- ein Klang seiner tiefen, langsamen Glockenstimme --

Gustav, und ich bin ganz voll Frieden. Er ist ein Choral von Bach.

Ich sah niemals in so frühem Alter solche Reife. Wenn Deutschland nur

ein Dutzend solcher Menschen hat, wird es nicht untergehen. Und es

~hat~ sie, mein Gustav, verlaß dich drauf, es hat sie!

Ich lasse mich nicht umfärben. Ich halte Dirks Landsleuten die Treue.

Und wenn ich mit zerschossenem Knöchel oder Klumpfuß wieder in die

Westmark einhinke -- paß auf, Herzensfreund! Dann gründen wir erst

recht den Elsaß-Bund! Dann tun wir, was uns die Französlinge vor dem

Kriege gelehrt haben, nur umgekehrt: wir halten unter französischer

Herrschaft deutsche Sprache und Art hoch, in einem Geheimbund herzlich

und heimelig hoch, bis uns ein erstarktes Deutschland wieder zum

Mutterlande zurückholt.

Leb' wohl für heute! Die schönste Stunde des hiesigen Tages naht: Dirk

will mir wieder einen Brief an seine Mutter diktieren. Heil!

Dein ~Erwin~.

* * * * *

Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen!

Ich habe Heimweh, Fanny. Aber hab' ich denn noch eine Heimat? Wenn das

Elsaß französisch wird -- ist dieses Land dann noch meine Heimat?

Tagsüber bin ich tapfer, liebes Cousinchen. Doch kaum fallen mir die

Augen zu, so wandert mein Geist, wandert durch mein geliebtes Elsaß.

Beim Wasgenstein, wo Walther um Hildegunde gekämpft hat, und bei der

Ruine Fleckenstein fang' ich an. Oben winken Ritter und Landsknechte:

»Herauf zu uns, Landsmann!« Unten aber, am Fuße der Felsmassen,

zwischen wilden Hecken, legt eine modern-französische Schildwache

das Gewehr an: »=Qui vive?=« Ich streiche dann in bangem Bogen

rund herum -- überall diese Stahlhelme, die ich nur zu gut kenne!

Also weiter -- durchs Steinbachtal nach den Burgen Falkenstein und

Neu-Winstein, nach dem Hanauer Weiher mit seinen Seerosen, nach Wörth

und Fröschweiler, nach Reichshofen und Niederbronn, nach Lichtenberg,

Dagsburg, Lützelburg und Hohbarr, nach dem Odilienberg und der

Hohkönigsburg! Wie der wilde Wandrer streich' ich den Wasgenwald hinauf

und hinab, hinab und hinauf die ganze Nacht -- und finde nirgends

Obdach!

Fanny, ich bin deutscher Lehrer, Wandersmann und Schneeschuhläufer, ich

habe meine Kinder für die Natur und für deutsches Lied, deutsche Kunst,

deutsches Dichten und Denken begeistert. Jetzt wollen Wildschweine in

meinen Weinberg brechen und alles verwüsten. Denk' ich ans Münster,

denk' ich an unsren Sängersaal, wo ich so oft im Männergesangverein

mitgesungen, so schießen mir die Tränen in die Augen. Du fühlst das

nicht so nach, Fanny, unsereins aber geht daran zugrunde.

Das heißt -- zugrunde? Nein, Cousinchen, den Gefallen tun wir ihnen

nicht! Ich stelle mich vielmehr auf Kampf ein. Wie das zu geschehen

hat, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, ~daß~ es geschieht. Du

fühlst meinen Seelenzustand nicht nach, geliebte Fanny, verzeih, daß

ich's wiederhole! Denn deine Erziehung im Pensionat zu Nancy und eure

französischen Brocken im elsässischen Gespräch haben deinem Vaterhause,

trotz Onkel Arnolds Nachbarschaft, einen andren Ton gegeben. Mir

nicht. Und das ist neben den sämtlichen neunundneunzig herrlichen

Dingen, die ich an dir liebe, der einzige Schatten. Aber der Schatten

wird nun riesengroß. Verzeih, mein Frohmacherle von einst, mein

Freudenbringerle, daß ich das offen ausspreche!

Ich hab' Heimweh, Fanny. Ich möchte in irgend etwas, in irgend jemandem

ausruhen. Immerzu war ja Krieg, immerzu Haß! Schon als Kind hab' ich

die Mutter, als Knabe den Vater verloren. So sehr ich meine zwei

Schwestern liebe -- ich weiß nicht -- ich hab' halt Heimweh.

Mein Fuß heilt, mein Herz nicht. Behalt lieb

Deinen ~Erwin~.

* * * * *

... Aus deinem Briefe bin ich nicht recht klug geworden, lieber Gustav.

Krach gehabt mit einem Hauptmann? Was für ein Hauptmann? Einquartierung

oder Etappe oder Garnison? Einerlei. Daß du dich deiner Haut gewehrt

-- wacker! Im übrigen, lieber Gustav, was für ein Schauspiel! Wir sind

eingekeilt zwischen zwei Völkern. Von Frankreich vergewaltigt -- von

Deutschland angeschnauzt! Wohin soll man auswandern?

Ich will dir etwas Schönes erzählen. Dirks Schwester ist jetzt hier

in der Stadt und besucht jeden Tag ihren Bruder. Wie soll ich sie

schildern? Sie ist sein Ebenbild. So etwas Goldblondes hab' ich in

meinem Leben nicht gesehen. Das gibt's nur noch im Märchen. Hertha ist

ein rechtes liebes deutsches Mädchen -- das sagt alles. Sie ist jünger

als Dirk, doch ebenso stiller Art wie er, und voll Mütterlichkeit.

Wandervogel auch sie. Hat gestern ihre Laute mitgebracht und uns Lieder

vorgesungen. Ach, diese alten deutschen Lieder im »Zupfgeigenhansl«,

vom rosigsten Munde der Welt gesungen! Die »Königskinder« klingen in

ihrer niederdeutschen Mundart ganz anders:

»Et wassen twe Künigeskinner,

De hedden enanner so lef« --

-- so ungefähr. Und zum Anbeten schön ihre Marienlieder:

»Ufm Berge, da geht der Wind,

Da wiegt die Maria ihr Kind

Mit ihrer schlohengelweißen Hand,

Sie hat dazu kein Wiegenband.

Ach Joseph, lieber Joseph mein,

Ach hilf mir wiegen mein Kindelein« -- --

Von Gott wurde mir diese Dirkschwester gesandt, Herzensfreund, denn ich

wäre schwermütig geworden trotz Dirk. Herthas Augen sind ein deutscher

Waldsee bei blauem Himmel; und ihre Stimme -- du brauchst nur einen

Buchstaben zu ändern: Waldfee. Nicht stark, gar keine besondere Stimme,

sogar ziemlich leise, aber melodisch und seelenvoll und so jungfräulich

rein. Alles Leid schwindet, man wird wunschlos, wenn diese Waldfee

im blauen Gewand, goldne Zöpfe rund um den Kopf gebunden, auf Dirks

Bettrand sitzt. Um den Hals hat sie ein Muschelkettchen, das ovale

Gesichtchen ist von rosiger Farbe; sie ist ziemlich groß, doch von

schmalem Brustbau, nicht so voll und fest wie unsre kleine Fanny und

auch viel ruhiger und bedachtsamer in allen Bewegungen. Schweigend

sitzen die beiden holden Geschwister manchmal da, Hand in Hand, und

sehen sich nur innig an; oder sie erzählen halblaut von zu Hause, von

der Mutter. Wie haben sie ihre Mutter lieb! Gustav, daß du und ich

ohne Mutter aufgewachsen sind! Dirks Mutter hat eine grippenkranke

junge Schwester zu pflegen, sonst wäre die Witwe selber aus ihrer

westfälischen Heide hergereist.

Mir wird jetzt erst bewußt, wenn ich in dieses Mädchens Augen schaue,

was für Tiefe in dem einen Worte steckt: deutsches Gemüt. Laß dir von

einem solchen lieblichen Wesen nach all den Kriegsscheußlichkeiten

unsre alten deutschen Lieder halblaut singen, schwermütiger

Herzensfreund, und du weißt, was ich meine.

Mit diesen Menschen möcht' ich wohl gern Weihnachten feiern -- ich

würde weinen vor Glück!

Gustav, wir Heimatlosen grüßen einander. In inniger Freundschaft

Dein ~Erwin~.

* * * * *

Mein lieber, verehrter Onkel Arnold!

Hier hab' ich zwei Adelsmenschen kennen gelernt, einen Kriegskameraden

und seine Schwester. Wollt' ich nicht einen Bund der Edelsassen

gründen? Hier hab' ich zwei Edelinge gefunden. Gustav wird dir davon

erzählt haben. Die Spiegel dieser Blauaugen sind für mich Mimirs Quell

geworden: ich habe Weisheit getrunken. Und noch viel mehr. Das sind

Herzen, aus denen Licht und Wärme der Ewigkeit quillt!

Onkel Arnold, ich habe leider sehr viel Christen gesehen, die keine

Christen sind. Ich wäre irre geworden an der christlichen Religion,

ja, ich wäre wohl aus der Kirche ausgetreten; denn lieblose Gesichter

im Bunde mit biblischen Redensarten sind mir das Widerwärtigste auf

Gottes Erdboden. Da kamen Dirk und seine Schwester. Die haben mir die

christlichen Formen in unaufdringlicher Art wieder verklärt. Ihnen

könnt' ich den Kopf wieder vertrauensvoll an die Schulter legen und in

Glück und Dankbarkeit einschlafen wie das Kind an der Mutterbrust. Der

Krieg hat mich arg mitgenommen. Ich brauche Liebe, keine Redensarten.

Sieh, Onkel Arnold, nicht nur daß man uns das Elsaß nehmen will, tut

mir so weh; aber daß so viel gemeine Gehässigkeit mit diesem Raub

verbunden ist. Was sind denn jener Kolmarer Priester und die andren

alle schon vor dem Kriege anders gewesen als Diener des Hasses?

Sie höhnten, schimpften und schürten gegen angebliche deutsche

Unterdrückung -- oh, laßt aber einmal sie und ihre Franzosen ins Land

kommen! Da wird man Drangsalierung erleben!

Ich wäre irre geworden an der ganzen Menschheit, wenn ich nicht Dirk

und Hertha gefunden hätte. Die aber hab' ich lieb. Ihr Dogma ist

mir gleichgültig: ich hab' sie lieb, denn sie sind gut. Gutsein ist

Christentum.

Nun weicht es wie Nebel von meinen Augen und zieht wie Sonne ein. Nicht

das Hirn erlöst, nur das Herz. Hirn ohne Herz ist des Teufels. Gut

sein, Onkel Arnold, lieb haben! Habt ihr mich nicht oft genug den immer

verliebten Erwin genannt? Gott sei Dank, daß ich's war! Ich will's

bleiben bis an mein seliges Ende -- und will im Himmel erst recht

lieben.

Daß ich hier im Lazarett, sitzend, den verbundenen Fuß auf einem

Schemel, einen Vortrag über das Elsaß gehalten habe -- mit Erstaunen

merk' ich, daß es mir jetzt erst einfällt. Und ich spüre auf einmal,

daß mir etwas anderes anfängt, wichtiger zu werden: eben die

Herzensgüte, die wahre Liebe. Ich war noch bis gestern entschlossen,

im Elsaß den Kampf aufzunehmen. Ob ich aber in ein gehässiges Elsaß

zurückkehre und ob mir ein Land der Verhetzung noch Heimat sein und

Sauerstoff für die Seele liefern kann -- wahrhaftig, ich weiß es nicht.

Ich will wohnen, wo Dirk und Hertha leben und lieben -- --

Und sieh, Onkel Arnold, in diesem Zusammenhange hab' ich mir auch über

dich, Gustav und Fanny Gedanken gemacht. Es liegt ein Bann über euch,

verzeih, wenn ich das ausspreche! Ich seh' euch aus der Ferne mit neuen

Augen an. Nicht daß ich euch etwa weniger liebte, o nein! Nur mein' ich

oft, das Beste in dir hätte sich in andrer als der elsässischen Luft

viel mehr entfalten können. Und Gustav weint ja erst recht nach innen.

Da versteh' ich nun plötzlich eure geplante Auswanderung. Es ist nicht

die örtliche Veränderung an sich, es ist das Aufsuchen einer reineren

Luft. Ja, jetzt versteh' ich das. Und ich spreche die Bitte aus: nehmt

mich mit -- und nehmt auch Dirk und Hertha in euren Bund auf!

Und noch eins! Da schoß es mir heut' in den Kopf: soll das Elsaß

vielleicht Opfer für uns sein? Sollen wir äußerlich heimatlos werden,

um dafür von dem gerechten Weltenlenker eine seelische Heimat der Liebe

einzutauschen? Mein väterlicher Freund, dann will ich das Opfer mit

Dank und Wehmut bringen, will meine elsässische Heimat, an der meine

ganze Seele hängt, nie mehr schauen -- dafür aber eintreten in das Land

der Liebe.

Sei in herzlicher Verehrung gegrüßt!

Dein ~Erwin~.

* * * * *

Arnolds Antwort

Mit herzlichem Dank, mein guter Erwin, bestätige ich den Empfang deines

Briefes. Du bist auf rechtem Wege, den bevorstehenden Verlust unserer

engeren Heimat -- denn wir ~werden~ Elsaß-Lothringen verlieren

-- durch Vergeistigung zu überwinden. Bring' das Opfer, lieber junger

Freund, bring' es freudig! Gott hat dir dafür dort zwei wertvolle

Menschen geschenkt. Du siehst, daß du aus der unsichtbaren Welt

geschützt und geleitet bist. Vertraue dieser Leitung!

Der peinliche, ja angesichts der großen und schweren Zeit doppelt

widerliche Vorfall mit dem Hauptmann, wovon dir Gustav geschrieben hat,

wird sich hoffentlich schadlos beilegen lassen. Morgen erwartet uns

in Straßburg zu einer persönlichen Aussprache der hierin bestimmende

Oberstleutnant; er ist mit dem thüringischen Baron befreundet,

der uns neulich hier besucht hat. In seinem Schreiben nimmt er in

liebenswürdiger Weise auf Gustavs Zustand Rücksicht und bittet nur

Bieler und mich nach Straßburg. Fanny soll mitkommen und sich zur

Verfügung halten, falls die Sache sich verwickelt; doch hofft er, alles

in der Stille abzumachen. Daß man sich überhaupt in solcher Zeit mit

solchen niedrigen Dingen auch nur einen Augenblick befassen muß, nicht

wahr, lieber Erwin! Siehst du, das ist unser Elsaß.

Doch noch etwas Gutschönes, etwas Schlichtmenschliches muß ich dir

erzählen, mein Lieber. Im Gespräch mit jenem Baron von Stein wies ich

neulich auf meine mannigfachen Arbeiten und Aufsätze hin, die ich

seit meinen Heidelberger Jahren in meinem Schreibtisch verschließe.

Gesprächsweise hatte ich wohl einmal Lisy oder Fanny davon Erwähnung

getan. Kurz, nach einer schweren Nacht suchte ich danach, aus einem

Grunde, der weiter nicht hieher gehört. Ich suche -- und finde nicht.

Zunächst geh' ich an meine Tagesarbeit, suche dann aber wieder und

ziehe endlich Lisy zu Rate. Diese wird rot, verlegen, weicht aus. Tags

darauf, mit dem lang erwarteten Brief des Oberstleutnants Trotzendorff,

der uns nach Straßburg bestellt, zu Fanny eilend -- was entdecke ich?

Das liebe Kind sitzt an der Schreibmaschine und schreibt mir schon

seit Tagen heimlich meine Handschriften ab, oft halbe Nächte über der

Arbeit verwachend! Du kennst ihre holdselige, kindliche Art, wenn

sie bei solchen anmutigen Streichen ertappt wird. Ich habe nach einer

Gewohnheit aus älteren übermütigen Zeiten sie wieder einmal wie ein

Kind auf die Arme genommen und ihr von Herzen gedankt.

Gott nimmt uns die Heimat, lieber Erwin, aber er schenkt uns Menschen.

Behalt lieb deinen väterlichen Freund

~J. F. Arnold~.

Achtes Kapitel

Ein Tag in Straßburg

Zu Straßburg, ja zu Straßburg

Soldaten müssen sein ...

Westmark · 第 7 / 15 段