»'s Myrtenkränzel, ja, Fanny! Kriegstrauung! Papa hat mich direkt

beauftragt: wir sollen den Tag festsetzen. Deine Ausstattung ist ja fix

und fertig; und dein Vater will sich schon lang ins Diakonissenhaus zu

seinem Freund Sorgius zurückziehen und das Haus dem Stürli verpachten;

und Tante Sophie geht zu ihrer Schwester nach Pfalzburg -- das haben

wir ja hundertmal besprochen. Und jetzt wird's Wahrheit! Fanny, dann

schaffen wir zusammen. Du tippst mir auf der Schreibmaschine meine

Arbeiten ab und« --

»Ja, Gustav, ja, und weißt, was ich in diesen Tagen schon immer tu'?

Ich sitz' oben und -- aber sag's keinem Menschen, gel, ja nicht! -- und

schreib' deines Vaters Handschriften ab. Er weiß es selber nicht, Lisy

und ich haben die Papiere gemaust. Und zu Weihnachten leg' ich sie ihm

unter den Tannenbaum!«

»Ach, Fanny, Fanny, neben all deiner Arbeit?! Du goldiges, kleines

Fannjele du!«

Sie saßen in trautester Umarmung. Das Abendlicht schimmerte durch

verschleierndes Gewölk noch einmal herüber. Die Ebereschen im Hofe mit

ihren glutroten Beeren schienen aufzuleuchten. Und die Braut flüsterte

ihrem Geliebten zu, nach dem Innigsten suchend, was sie ihm sagen

könnte:

»Gustav, ich bet' jede Nacht zum lieben Gott, er soll dich g'sund

machen. Wenn ich deine Frau bin -- dann gibt's nimmer so viel Tränen

auf der Welt. Ach, ich weiß ja allein, wie mein Papa heimlich unter

alledem leidet. Und er versteckt's vor allen und macht ein freundlich

G'sicht. Gustav, wir wollen uns recht lieb haben, gelt! Arg lieb!

Doppelt so lieb als alle andren Menschen. Es ist ja so viel Haß in der

Welt.«

Tränen stiegen ihr in die lieben Augen. Er küßte die Tränen fort. Und

von den Augen suchte sein Mund weiter Wangen und Lippen der Braut. Sie

vergaßen die ganze Welt.

In diesem Augenblick geschah etwas Furchtbares.

An die folgenden Minuten erinnerte sich nachher niemand mehr genau.

Eine schnarrende Stimme dröhnte plötzlich in diese süßeste aller

Stunden: »Reizend! Ei, ei! Ein Idyll mitten im Kriege! Hübsch! Reizend!«

Der Hauptmann war eingetreten; hinter ihm Bieler, der den Unseligen

vergeblich abzuhalten suchte. Jener hatte Fannys Stimme vernommen,

schon bereit, ins Auto zu steigen, und war seiner Witterung gefolgt, in

angetrunkenem Zustande nicht mehr abzulenken.

»Herr Hauptmann,« stotterte der Winzer, »es ist halt -- Sie müssen

exküsieren« --

»Einquartierung im Dorf, versteh' schon, Herr Bieler! Bitte Platz zu

behalten, meine Herrschaften! Ich ziehe mich verschämt wieder zurück!«

Das Liebespaar war so erstarrt, daß Fanny zwar mit einem Ruck von

Gustavs Knien abgesprungen war. Aber sie stand noch in naher Umarmung,

gleichsam ängstlich den Geliebten umschlingend.

»Was denken Sie denn von mir?!« sprühte sie jetzt empört heraus.

»Nur was ich sehe, schönes Kind!« scholl es zurück. »Ist mir aber

scheußlich interessant, dies pikante =tête-à-tête=!«

Jetzt ermannte sich Gustav und sprang auf.

»Herr Hauptmann -- mein Name ist Arnold -- Unteroffizier Arnold -- ich

habe die Ehre, hier im Hause -- Fräulein Bieler hat die Ehre -- -- ich

habe« --

Der Ärmste stotterte und kam ins Zittern; sein Herz hämmerte; seine

Nerven und Gedanken und Worte -- alles ward ein Irrwischtanz -- es

flimmerte vor seinen Augen.

»Ja, wer hat denn nu eigentlich die Ehre?« scherzte der verärgerte

Hauptmann unbarmherzig weiter. »Wenn einer ein hübsches Mädel auf dem

Schoß hat, so ist das allerdings eine ganz verdammt angenehme Ehre!

Und ein kolossales Vergnügen dazu. Im übrigen sammeln Sie Ihre sieben

Knochen, Unteroffizier, und machen Sie wenigstens die vorschriftsmäßige

Ehrenbezeugung! Mein Fräulein, ich ziehe mich zurück und überlasse

Ihrem schlotternden Liebhaber das Feld« --

Jetzt war es mit Gustavs Fassung gänzlich zu Ende.

»Es ist mein Bräutigam!« rief Fanny zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

Und Gustav außer sich vor Wut:

»Herr Hauptmann, ich bin Kandidat der Philologie, ich bin kein

schlotternder Liebhaber, ich verbitte, verbitte, verbitte mir diese

unverschämte Beleidigung!«

Bieler zitterte am ganzen Körper und versuchte einen Schnaps

einzuschenken, was endlich gelang.

»E Schnäpsel, Herr Hauptmann! Gustav, =tais-toi=!«

»Babbe, =qu'est-ce que tu fais=? Dü schenksch dem Mann au' noch e

Schnaps in?« rief Fanny.

Und der Hauptmann, der schon in der Türe stand: »Nu auch noch

französisch?! Das fehlt gerade noch! Nur heraus mit eurem wahren

Gesicht, ihr Franzosenköppe! Euch kenn' ich nun! Erst führt ihr einen

ehrlichen Kerl in den Keller und macht ihn besoffen -- und unterdessen

sitzt die hübsche Tochter irgendeinem Unteroffizier auf dem Schoß!«

Gustav sprang mit geballter Faust auf ihn zu:

»Ich bin kein Franzosenkopf! Ich ersuche Sie, mein Eisernes Kreuz zu

achten! Ich hab' an der Somme für mein Vaterland geblutet -- und

Sie, Sie, Sie?! Ich kenne Sie jetzt ganz genau! Mein Vater ist der

Pfarrer hier im Ort -- der kennt Sie, der weiß, wie Sie's da drüben

im Städtchen treiben! Das ist die Sorte, die in einer Minute mehr

verdirbt im Elsaß, als zehn Jahre Kulturarbeit wieder gutmachen! Eine

Affenschande sind Menschen wie Sie für den deutschen Namen -- eine

Affenschande!«

So tobte er auf den Hauptmann ein und trieb ihn mit geballten Fäusten

geradezu vor sich her. Wie es kam, daß der Betrunkene draußen fiel,

war nicht zu erkennen; er hatte Besinnung genug, einige Leute von

der Einquartierung, die im Dorf lag, herbeizurufen; er ließ den

Unteroffizier abführen und seine Personalien feststellen, stieg dann in

den Kraftwagen und fuhr mit sausendem Hirn davon an die Stätte seines

Wirkens.

Hinter ihm blieb eine händeringende Braut. Und bei ihr der gänzlich

verstörte Papa Bieler, der sein freundlich einladendes »Noch e

Schnäpsel, Herr Hauptmann?« noch einmal gestammelt hatte -- worauf er

in Grimm und Schmerz Gläschen samt Inhalt in die Stube schleuderte.

Sechstes Kapitel

Das Weinberghäuschen

Ich baw für mich,

Sih du für dich!

~Alter elsässischer Hausspruch~

Der düstere Oktober des Jahres 1918 war über Deutschland

hereingebrochen.

Da ersuchte der deutsche Generalstab die demokratische Reichsregierung,

den Feind um Waffenstillstand zu bitten.

Und die Regierung tat den demütigen Bittgang.

Das legte sich dumpf und schwer auf das müde Volk; das bewirkte

Triumphgeheul im Ausland. Es war also nun so weit: das umstellte

Deutschland war zur Strecke gebracht!

Betäubung, untermischt mit Spannung, was wohl der Präsident der

amerikanischen Geldherrschaft antworten würde, lagen fortan auf den

deutschen Herzen. Zusammengebrochen! Bismarcks Volk bettelt nach

vierjährigem tapferen Ringen um Frieden! Nach vier so tapfer, zum

Teil so großartig bestandenen Kampf- und Hungerjahren! Bulgarien,

Türkei, Österreich-Ungarn -- alle hintereinander vor der Übermacht

zusammengebrochen!

Die Wendung geschah Anfang Oktober, um den Todestag des großen

Franziskus von Assisi, des Heiligen der Liebesinnigkeit. Da setzte

diese Demütigung ein; da wurde Deutschland in die Nacht geführt. Und

nach peinlichem Notenwechsel ward uns endlich, um den Geburtstag

eines Schiller und Luther, ein vernichtend schwerer Waffenstillstand

auferlegt.

Die Meister aber standen auf den Wolkenhöhen und schauten auf ihr

schwergeprüftes Deutschland. Sie wußten, daß ein beseeltes Volk aus

den Düsternissen dieser Prüfung emporzutauchen bereit war. Rauch

und Giftgase verrollten. Nun begannen sich die Geister im Innern zu

scheiden. Und in den Lüften die Millionen gefallener Kämpfer wirkten

mit, wirkten in wogenden Scharen hinunter auf ihres Volkes Seele ...

Johann Friedrich Arnold hatte etwas von einem Seher; er verbarg jedoch

diese Besonderheit. An jenem Tage, als er zum Krankenbesuch ausging,

begegnete ihm der Briefträger. Er nahm die Zeitung in Empfang. Und im

Gehen las er das Waffenstillstandsangebot:

»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten

Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu

nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis

zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme

der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten

der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8.

Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der

Rede vom 27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die

Friedensverhandlungen an. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden,

ersucht die deutsche Regierung den sofortigen Abschluß eines

allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft

herbeizuführen. Max, Prinz von Baden, Reichskanzler.«

Sofortigen Abschluß ... Man befürchtet also Dammbruch der Westfront! ...

Arnold war ein warmherzig deutschgesinnter Mann. Als er aber nun das

Zeitungsblatt zusammenfaltete und in die Tasche steckte, sah er vor

seinen Augen die zahllosen versenkten Schiffe, mit all der vernichteten

Summe von Fleiß und Kulturarbeit, und sah die zahllosen Bomben, die

auf schlafende Städte gefallen waren. Und ihn schauerte. Er hatte

den Unsegen vorausgesehen. »Wir haben die Luft beherrschen gelernt

-- um zu zerstören; wir haben unter Wasser fahren gelernt -- um zu

zerstören; wir haben den Leib der Erde aufgewühlt und alles Land

zwischen Wasgenwald und flandrischer Küste in Wüstenei verwandelt.

Es mag Notwehr sein, gewiß, und all die Spannkraft und Tapferkeit

verdient Achtung. Aber es ruhte kein Segen darauf. Wir hätten

Erzeugungsmaschinen erfinden sollen, um uns vor Hunger zu schützen,

keine Zerstörungsmaschinen, keine Ferngeschütze. Vielleicht wird

Deutschlands Erschöpfung und Demütigung der spätere Segen werden -- für

ein neues Geschlecht.«

Er hob das Haupt. Sein Geist schaute die bedeutsame Wendung:

Neudeutschland wandert nun nach innen, Neudeutschland besinnt sich auf

seine Seele ...

* * * * *

Am oberen Ende des Dorfes Lützelbronn stand ein windschiefes Häuschen.

Dort, am Rande der Reben und des nahen Waldes, hauste der aus der

Schweiz zugewanderte Stürli mit Schaulis Tochter.

Wenn man die ausgetretene Steintreppe hinaufstieg, mußte man sich

erst durch ein Rudel Kinder hindurchwinden. Für diese Begegnung hatte

der Pfarrer Zwieback oder ähnliche Seltenheiten in der Tasche. Ein

Mädchen und vier Knaben bildeten bereits des Hauses Zierde; und das

schöpferische Ehepaar hatte sich beeilt, vor wenigen Tagen das halbe

Dutzend abzurunden.

Es waren gesunde, verwegene Jungen, die ihres Emmenthaler Vaters

eckigen Schädel und rechtschaffen-besonnene Gesichtszüge geerbt hatten,

fest auf ihren Beinen standen und herzhaft um sich zu hauen wußten. Nur

das Mädchen, die Älteste, war Frau Katharinas hübsches Ebenbild und

hatte deren blaue Augen und blondes Haar. Man sah diese sanfte, immer

geduldige, gewinnend lächelnde Anneliese kaum anders als mit einem

Bündel auf dem Arm, worin ein junger Elsässer schweizerischer Zucht in

die Welt schrie oder mit Andacht an einem Lappen sog.

Frau Stürli hatte böse Abenteuer wacker überstanden. Sie war von den

gallischen Nachbaren verschleppt worden und fast ein Jahr lang der

Heimat fern geblieben. Beim Einbruch der Franzosen in den südlichen

und mittleren Wasgenwald weilte sie gerade besuchsweise bei ihrer

Schwester, der Förstersfrau. Diese war mit den zwei Jungen im Städtchen

abwesend, als die Alpenjäger das einsame Forsthaus überfielen und

umstellten. Förster, Schwägerin und Dienstmädchen wurden der Spionage

angeklagt und sofort abgeführt, in Hausschuhen, wie sie gingen und

standen. So schleppten die Franzosen in den ersten Kriegsmonden mehrere

Tausend Elsässer als sogenannte Geiseln -- man wußte nicht, wofür --

aus den Grenzbezirken nach Frankreich davon. Die Leute wurden meist

schlecht behandelt, vom Pöbel beschimpft, und die deutsche Regierung

besaß nicht die Kraft, diese verschleppten Deutschen der Westmark durch

Gegenmaßnahmen zu befreien. Erst nach und nach, tropfenweise, nach

unzähligen Verhandlungen, kamen einzelne oder ganze Gruppen in die

Heimat zurück. Andere starben in der Gefangenschaft.

Pfarrer Arnold unterhielt sich gern mit dem tüchtigen Hansjakob Stürli;

nicht minder gern mit dessen ebenso kluger wie lebhaft-munterer

Lebensgefährtin.

Nach seinen Krankenbesuchen wanderte er nun zum Weinberghäuschen

hinauf, um der Wöchnerin ein paar gute Worte zu bringen.

Der Maler Ludwig Richter hätte seine Freude gehabt an der Kinderschar

mit dem bellenden Spitz. Das Haus beherbergte in seinem Anbau noch drei

Ziegen, zahlreiche Kaninchen, Hühner und Tauben. Und die Sperlinge

schienen für Hausdach und Gartenzaun ebensoviel Vorliebe zu hegen wie

die Eichhörnchen für die dichten Haselbüsche oberhalb des Hohlwegs.

Und weit hinab glühten die Reben. Die Sonne aber, die hier die Trauben

kochte, hatte ihre schöpferische Glut auch dem Häuschen geschenkt.

Die zehnjährige Anneliese mit ihren warmen Augen und ihrer herzlieben

Kinderstimme schaltete in der sauberen Küche und hantierte so flink,

daß die blonden Zöpfe flogen. Ihre Holzschuhe klapperten eifrig hin und

her. Um das Häuschen herum schrien mit vortrefflicher Lunge bald Hans,

bald Michel, bald Jakob Stürli in die herbstliche Luft; der älteste

knallte mit der Peitsche; der Spitz gab durch zielloses Bellen seiner

Daseinsfreude Ausdruck. Es war Leben im Weinberghäuschen. Selbst die

Sonnenblumen standen wie mit lebendigen Gesichtern.

Arnold grüßte sich durch die magere, aber handfeste Schar hindurch zum

Bette der Wöchnerin. Anneliese, die aus der Küche herbeilief, bekam

Bildchen geschenkt, die von Schwester Lisy aus Zeitschriften für sie

ausgeschnitten waren.

Frau Stürli entschuldigte sich seufzend und lächelnd wegen der

ungezogenen Buben.

»Man gönnt's ja den Kindern gern«, meinte sie. »Wenn nur mehr Platz im

Hause wär'! Wo soll denn das noch hin?«

»Woraus hervorgeht, Frau Stürli,« bemerkte der Pfarrer mit trockenem

Humor, indem er sich einen Stuhl ans Bett stellte, »daß Sie

entschlossen sind, das Halbdutzend fortzusetzen.«

»Ach jeh, Herr Pfarrer!« lachte die vergnügte Mutter. »Wie sollen wir

sie denn durchfüttern? Es geht ja so schon mager genug her! Wenn wir

nicht die Geißen hätten --«

»Hoho, ihr habt ja manchen Spargroschen,« erwiderte Arnold. »Und in

euren Buben wachsen Arbeitskräfte heran. 's Anneliesel ist ja schon

ein Hausmütterchen. Die Knirpse haben den Krieg trotz alledem gut

überstanden.«

»Wenn er doch nur zu Ende wär'!« seufzte es aus den Kissen.

»Er geht zu Ende, Frau Stürli. Da steht's in der neuesten Zeitung:

Deutschland bittet um Waffenstillstand.«

Die Frau schnellte empor. Sie hatte Politik in den Adern.

»Tun sie's wirklich? Bitten sie? O wie schad', wie schad'! Hat sich

das stolze Deutschland jetzt doch gebeugt? Ach Gott, was soll nun aus

der Welt werden! Jetzt kommt uns ja das ganze farbige Gesindel auf den

Hals!«

»Auf die vierzehn Punkte der Wilsonschen Erklärung sind die Deutschen

bedingungslos eingegangen. Dazu gehört auch ein Paragraph, das Unrecht

von 1870 müsse wieder gutgemacht werden -- mit andren Worten, Frau

Stürli, wir werden wieder französisch!«

»Aber, aber, aber -- das ist doch ganz unmöglich!« Frau Stürli

stammelte vor Bestürzung. »Dieser unchristlichen Nation sollen wir

ausgeliefert werden, diesen unritterlichen Franzosen? Bedenken denn

die Deutschen, was das heißt? Ich hab's durchgemacht, ich kann davon

ein Stücklein erzählen. Ach Gott, ach Gott! Und da liegt man nun im

Bett und kann sich nicht rühren! Soll ich denn nun mit meinen Kindern

französisch reden? Das ist ja eine ganz schändliche Vergewaltigung! Und

das nennen sie drüben Freiheit und Gerechtigkeit? Man weiß ja gar nicht

mehr, wie man dran ist in der Welt! Warum sollen wir Elsässer denn zu

Frankreich? Wir sind doch keine Franzosen!«

Die Schleusen waren geöffnet. Und wenn die beredte Frau in Zug kam,

so gab es so leicht kein Halten mehr. Ärgerlich lachend meinte ihr

gutmütiger Mann einmal: »Hätten doch nur die Kaiwe-Franzosen min' Frau

e bitzli länger behalten: sie hätt' sich vielleicht leer g'schwätzt!«

»Frau Stürli,« versuchte Arnold nach einer Weile zu unterbrechen, »es

denken leider nicht alle wie Sie. Übrigens ist an Ihnen eine Schulfrau

verloren gegangen.«

»Wer hat Ihnen das jetzt wieder verraten?« fragte sie verblüfft.

»Was denn?«

»Daß mich der Lehrer von Moosbach einst zur Frau gewollt hat.«

»Zur Frau? Schade. Ich gönne Sie zwar dem Stürli, denn er ist ein

grundbraver Mann. Aber Sie hätten im Schulhalten Großes geleistet. Da

muß halt einmal einer von Ihren Jungen dran.«

Frau Stürli lachte und strich sich eine Strähne vom hübschen Gesicht.

»Ich hab' ja auch Schule gehalten drüben im Gefangenenlager. Ach, Herr

Pfarrer, wenn ich da so lieg' und an jene Zeit zurückdenke!«

Sie lehnte sich in ihren weiß und rot karierten Kissen zurecht, die

hellblonde Frau, und kam mit lebhaftem Händespiel wieder einmal auf

ihre Leidensfahrt durch Frankreich zu sprechen.

»Es gibt drüben gewiß auch gute Menschen, das hab' ich erfahren. Aber,

aber -- wenn ich zum Beispiel an den Lüneviller Bahnhof denke, wie

wir da angekommen sind, hungernd, frierend, die Hände auf den Rücken

gebunden -- und dann diese heulende Menschenmenge! Das fürchterliche

=A mort! A mort!= wird mir wohl ewig in den Ohren gellen. Mein Schwager

ohne Kragen, die Magd in Pantoffeln, ich in Hausschuhen -- und dann

in dem Loch, in das sie uns einsperrten, nichts zum Zudecken! Und am

andren Morgen wieder zwischen Soldaten weiter, geschlagen, gestoßen,

angespien -- und immer nur =Boches= und =Cochons= und andre wüste

Schimpfworte! Und dann die Damen vom Roten Kreuz auf einem Bahnhof,

wo mein Schwager in der demütigsten Weise um ein bißchen Wasser bat!

›Krepiert lieber!‹ war die Antwort. ›Dann ist man euch los!‹ Herr

Pfarrer, Damen vom Roten Kreuz! Sie wissen, ich könnte stundenlang

so erzählen. Aber wozu! Es ist halt jetzt in der Welt, wie es in der

Offenbarung Johannis steht: Die Zornschale des Wahnsinns ist über die

verblendete Menschheit ausgegossen. Nur Haß, überall Haß. Die Armen

wissen nicht, was sie tun. Ein gesundes Hirn muß ich doch wohl haben,

und auch ein festes Herz dazu, denn sonst hätt' ich da drüben den

Verstand verloren.«

Der Säugling, der am Fußende in einer bunt bemalten Schaukelwiege

lag, schien mit kräftigem Stimmchen der Mutter Wort zu bestätigen.

Sofort kam Anneliesel herein, nahm das Kind auf den Arm und ging mit

beruhigendem Singsang hin und her. Draußen tobte die wilde Jagd; man

führte unter Leitung des Ältesten die Schlacht in den masurischen

Sümpfen auf, wobei die Jüngsten nebst einigen Nachbarsknaben als

Russen in Nesseln oder Düngerhaufen getrieben, geprügelt und gefangen

wurden. Am Fenster schimmerten im letzten Tageslicht grellrote

Geranien in die blitzblanke Stube. Der nachdenklich sitzende Pfarrer

ließ der Wöchnerin Plaudern über sich hinrieseln und überdachte

den baufälligen Zustand dieses sauber gehaltenen Häuschens, das

von der wachsenden Familie gesprengt wurde, wie das Wurzelwerk der

Tanne den Felsen auseinanderbricht. Die Politik verschwand vor

seinen inneren Augen; das Wunder des immer wieder sich erneuernden

Lebens wuchs in diesem fruchtbaren Heim vor seiner Seele empor.

Welch gesund-einfache Daseinswonne lärmte, schnaufte, leuchtete um

ihn her! Die gut gedeihende Familie, die sich zu beseelen und zu

durchgeistigen weiß -- so dachte er --, ist doch immer wieder das

Geheimnis der Krafterneuerung. Vor einigen Tagen hatte Arnold ein Heft

mit Madonnenbildern wohlgefällig durchblättert. Steht nicht auch an der

Spitze der christlichen Menschheit eine Familie?

Er ahnte, der rastlos ins Allgemeine strebende Philosoph, was uns in

den letzten Jahrzehnten zersetzt und gelähmt hatte. Uns lähmte der

allzu verständige Gehirnmensch. Doch wahrhaft lebendig sind nur das

schöpferische Herz und der schöpferische Schoß ...

Frau Stürli gab ihrer Plauderei eine unerwartete Wendung, die den

sinnenden Seelsorger wieder aufhorchen ließ.

»Ich hab' aber bei all dem Elend drüben in Frankreich etwas gelernt,

Herr Pfarrer, etwas Großes. Wissen Sie, was? Wenn die Leute um mich

her schimpften und höhnten -- da hab' ich gedacht: das bin ich ja gar

nicht, ihr armen dummen Leute, ihr haltet mich ja für eine Teufelin,

die den Soldaten Vitriol in die Wunden gegossen hat! Ich bin still

dazwischen gestanden, Herr Pfarrer, die Hände auf den Rücken gefesselt

-- und hab's zuletzt fertig gebracht, zu lächeln. Ich hab' an meinen

guten Mann, an meine armen Kinder gedacht. Es hat Tränen gekostet,

freilich, aber ich hab' doch gelächelt. Ich hab' die Leute um mich

herum gar nicht mehr gesehen. Und ich hab' an Christus gedacht, wie

er unter den Knechten und dem Pöbel geduldet, ein Fremdling, ein

heimlicher König, der ganz wo anders zu Hause ist: nämlich im Lande der

Liebe. Und da bin ich ruhig geworden und zum Tod bereit. Seitdem ist

etwas zwischen mir und der Welt. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja, Frau Stürli, das glaub' ich zu verstehen, was Sie da meinen«,

nickte der Pfarrer. »Da sind wir bei einer sehr tiefen Erkenntnis

angelangt. Durch die Welt geht eine große Zweiheit. Dort auf der

einen Seite ist das Reich der Macht; das war zu Christi Zeiten das

Römerreich und die judäische Kirche; auf der andern aber ist das

Reich der ~Liebe~ oder das Reich ~Gottes~. Eins breitet

sich meist auf Kosten des andren aus. Dort ist Haß, Leidenschaft und

Rechthaberei; hier edle Bruderschaft. Wir Menschenseelen sind auf

diesen Planeten gesandt, um uns zu entscheiden, wem wir in den Tiefen

unsres Wesens dienen wollen. Sie haben sich, liebe Frau Stürli, dort

in Frankreich, in Ihres Lebens finstersten Stunden, für das Reich der

Liebe entschieden. Und ich sage Ihnen: Das wird Gott an Ihren Kindern

segnen.«

Die Blauaugen der Mutter füllten sich mit Tränen. Obwohl Arnold gar

nicht pastoral gesprochen hatte, faltete sie doch unwillkürlich die

Hände.

»Gott geb's!« flüsterte sie.

»Nun sagen Sie mir aber,« fuhr der Pfarrer fort, »wenn nun die

Franzosen in unser Land kommen, wenn das Elsaß politisch etwa wieder

französisch wird: was machen Sie denn da?«

Frau Katharina dachte nach.

»Dann erzieh' ich meinen Kindern Charakter ins Blut« --

»Ja, ja, schon gut, wenn aber die Franzosen unsre Obrigkeit werden?«

»Dann sag' ich: Kinder, seid untertan der Obrigkeit, denn sie hat

nun einmal Gewalt über euch; aber in euren Herzen bleibt mir freie

Männer, die Gott mehr gehorchen als den Menschen! Und ich denke, meine

Dickköpfe werden das tun. Denn die haben ihres Vaters Schädel und sind

eigensinnig wie Förstersdackel.«

Sie lachte. Der Pfarrer lächelte mit.

»Noch etwas andres, Frau Stürli! Liebkost Ihr Mann noch immer den

Gedanken, Bielers Haus und Gut zu pachten?«

»Und ob er's tut! Ach, der gut', gut' Mann! Er ist ja so ein Braver,

Herr Pfarrer, das glaubt man ja gar nicht! Wie oft am Abend rechnet

er mir vor, setzt sich da an den Bettrand und überschlägt seine

Ersparnisse. Es ist ja so schön, Pläne zu machen oder auch einander

vorzulesen, wenn die Kinder schlafen gegangen sind. Aber es langt halt

nicht!«

»Ein fleißiger, kluger und sparsamer Mann, das ist wahr,« lobte

Arnold. »Und ein guter Mensch dazu. Aber Bielers Weinberg ist keine

Kleinigkeit.«

»Wir haben ja noch eine Erbschaft im Hintergrund,« meinte Frau Stürli

kleinlaut und wollte etwas weitschweifig ihre Familienverhältnisse

auseinandersetzen.

»Schicken Sie mir einmal in der Dämmerung oder nach dem Nachtessen

Ihren Mann ins Pfarrhaus!« unterbrach Arnold. »Ich will die Dinge

gemütlich mit ihm durchsprechen. Was geschehen kann, soll gern

geschehen. An mir soll es jedenfalls nicht fehlen. Aber, Frau Stürli«

-- und er hob den Zeigefinger --, »wenn's Ihrem Herzen und Ihrer Zunge

möglich ist, so sprechen Sie nicht darüber!«

Es dunkelte bereits. Da kam ein Schuljunge den Weinberg heraufgehastet;

man hörte seine Holzschuhe schon von weitem klappern. Und seine Stimme

scholl von unten zu den spielenden Kindern herauf: »Ist der Pfarrer bei

euch, Hans?« Als bejaht wurde, rief es weiter aus der Dunkelheit: »Er

soll schnell heimkommen! Es isch ebbs g'schehn!«

* * * * *

Westmark · 第 6 / 15 段