wanderte mit ihm und einem leidenden Schulmädchen in das Städtchen
zum Augenarzt. Das Kind mit dem dick verbundenen Auge an der linken
Hand, den Mann mit der schwärzlichen Brille am rechten Arm -- so zog
er durch die gelblichen Weinberge dahin. »Dienen will ich,« dachte er,
»nur dienen. Wer bin ich in diesem allgemeinen Zusammenbruch, daß ich
mit meinem Schicksal zu hadern wage? Kannst du in deinen Bücherhimmeln
selig sein, Famulus Wagner, wenn draußen so viel Herzen und Völker
leiden? Ich will das Leid der Gesamtheit mittragen. Ich will
wenigstens einigen helfen; ich will mit dem Rettungsboot auf das Wrack
hinausfahren und ein paar Leute an Land holen.«
So empfand er. Und von seinen Gesprächen strömte Kraft und fürsorgende
Liebe aus.
Abends nach der Heimkehr war noch eine Sitzung: er hatte den
Aufsichtsrat der Landwirtschaftskasse zu sich gebeten, die er vor
einigen Jahren gegründet hatte. Wohl hätte diese nüchternen Dinge auch
ein Gemeindeschreiber besorgen können; doch der war längst gefallen.
Drüben bei Bielers, im Waschhaus, stand und schaffte tagsüber die
kleine, straffe, kräftige Fanny, mit Leidenschaft an ihre Arbeit
hingegeben. Und abends eilte sie trotz großer Müdigkeit noch an
die Schreibmaschine. »Logos und Eros« war der Titel der gelehrten
Untersuchung, die sie abschrieb. Jenes griechische Wort hat im Bezirk
des Apostels Johannes besonderes Gewicht erlangt und bedeutet ewige
Weisheit; das andere war Platos geistigen Gefilden entnommen und heißt
Liebe. Sie wunderte sich, daß Onkel Arnold über so schlichtmenschliche
Dinge so gewunden und gelehrt schrieb. Aber sie klapperte wacker und
gewandt eine ganze Stunde lang, bis ihr das Köpfchen auf die Tasten zu
sinken drohte. Worauf sie ihr Lager aufsuchte und schon in der Mitte
des Nachtgebetes fest entschlief.
* * * * *
In Rauchgebilden, die sie mit dem Munde formten und in die Luft
entließen, saßen Offiziere, Beamte und bürgerlicher Anhang in der
Hinterstube des städtischen Gasthofes. Auch ihre Gespräche waren
Rauchgebilde, aufsteigend aus den Gehirnen und Worte formend, womit sie
ihre letzte Meinung voreinander verbargen.
Unter ihnen saß ein norddeutscher Hauptmann. Seine genauere Berufsart
ist für die Gesamtheit des großen Geschehens ebenso belanglos wie sein
Name. Einer von vielen. In allem ungefähr das Gegenteil des Hauptmanns
Ingo von Stein. Von außen ein Scharfmacher; innerlich haltlos. Der
junge Apotheker an seiner Seite war im Innern ein entschiedener
Französling, nach außen gemütlich und von geduckter Höflichkeit; auch
stets bereit, mit sich Spaß treiben zu lassen, ohne es scheinbar
übelzunehmen, da er selber voll Schnurren steckte. Zwischen beiden
gab es Abstufungen, anständige, nüchterne Menschen, wie sie in jeder
Stadt der Westmark zu finden sind: Altdeutsche und deutschgesinnte
Eingeborene, Halbelsässer und Französlinge. Aber keine warme innere
Einheit.
Am besten verstanden sich Hauptmann und Apotheker. Rosig und
rund gediehen beide in der allgemeinen Nahrungsnot. Sie liebten
scharfgewürzte Speisen und scharfgewürzte Späße. Und wenn die anderen
verduftet waren, saßen sie noch im dicken Rauch und vergnügten sich an
den allersaftigsten Geschichten, wobei selbst die Kellnerin beinahe
errötete und beide Gesellen duzend und scherzend ohrfeigte. Der
Hauptmann blieb bei alledem wiehernd laut und derb; der Apotheker
beschränkte sich auf ein niederträchtiges Schmunzeln.
»Sagen Se mal, Dicker!« pflegte dann der Hauptmann seinen
Gesinnungsgenossen anzureden. Der Dicke zwar hätte das Kosewort
mit ebensoviel Recht zurückgeben können; aber als Sohn eines immer
verbindlich lächelnden Gastwirtes war er auf nichtssagende Höflichkeit
eingeübt und nahm sich auch im angetrunkenen Zustande zusammen. Die
Spitzen, die er gesprächsweise dem »Schwob« dennoch versetzte, im Bunde
mit unechten Schmeicheleien, verstand nur die elsässische Kellnerin. Er
wußte immer irgendwie durch Hintertüren Schaumwein, Gänseleberpasteten
und ähnliche Kostbarkeiten zu ergattern, wozu er dann den Hauptmann
gastfrei einlud. Dieser glaubte sich mit den Eingesessenen bereits
vortrefflich angefreundet zu haben, obwohl er erst wenige Monate im
Lande war. Er hielt sich für unwiderstehlich; hätte man Leute wie
ihn früher gerufen, meinte er selbstgefällig, die Rasselbande der
Landesverräter hätte die Knochen ganz anders zusammengenommen. Vom
wahren Wesen der Elsässer hatte er keine Ahnung.
Da er zudem ein wenig mit der Zunge anstieß oder sich beim schnellen
und schnarrenden Reden verhudelte, so war es dem Apotheker ein
leichtes, seine Sprechweise mit stärkstem Lacherfolg nachzuahmen,
sobald der andre den Rücken gedreht hatte.
»Woher haben Sie denn nu eigentlich Ihr blaues Auge, Dickerchen?«
fragte der Hauptmann. »Sie wollten heut' abend, als die Herren darauf
anspielten, nicht recht mit der Sprache heraus. Na nu los!«
Gustavs Schulkamerad zog die Brauen hoch und blinzelte schalkhaft, als
ob es sich da um ein ganz besonderes feingewürztes Abenteuer handelte.
Endlich sagte er:
»Das hab' ich Ihnen zu verdanken, Herr Hauptmann!«
»Nanu, wieso denn? Hab' ich Sie in der Bezechtheit verhauen?«
»Das nicht, aber die Sache ist nämlich so. Es ist hier in der
Nachbarschaft einer auf Sie eifersüchtig.«
Und nun erzählte der eine Dicke dem andern den Vorfall im
Giebelstübchen zu Lützelbronn. Wobei er freilich die Tatsachen boshaft
umfärbte. Er vergaß nicht die Fahnenflucht des jungen Bieler und
verweilte bei dessen »apart netten« Schwester; er stellte schnalzend
fest, der alte Bieler habe einen wohlgefüllten Weinkeller, dessen
Geheimnisse eine Untersuchung verlohnten.
»Kenne den Fall ganz genau«, prahlte der Hauptmann, spitzte jedoch die
Ohren und stieß Rauchkringel in die Luft. »War schon dort, reiches
Haus, sah freilich weder die Kleine noch die Weine -- hübscher Reim,
was? Sagen Se 'mal, Dicker, Sie kennen ja das Terrain hierzulande: kann
man da 'rankommen?«
* * * * *
Tags darauf stand der Hauptmann in Bielers Wohnstube.
Fanny war aus der Küche herausgeschossen, als sie das Auto vorfahren
hörte. Sie war hochrot vom Herdfeuer, trocknete rasch die Hände ab und
erregte des Hauptmanns vollkommenes Entzücken. In schneidigen Formen
hatte er die anmutige Kleine begrüßt, die aber ihrerseits den Vater
rief und wieder an ihre Arbeit ging.
Papa Bieler, mit dem Käppchen in der Hand, war die Höflichkeit selber.
Ihm pochte seit seines Sohnes Flucht jedesmal aufs neue das Herz, wenn
ein Kraftwagen in sein Hoftor rasselte und Offiziere absetzte.
Er schenkte, nach einigen einleitenden Worten, dem Gast sofort einen
kristallklaren Schnaps ein. Und der Hauptmann sah sich mit Behagen in
der wohlgetäfelten Bürgerstube um.
»Noch e Schnäpsel, Herr Hauptmann? 's isch e Quetsch.«
»Mit Vergnügen, Herr Bieler! Wie nennen Sie das? Quetsch?«
»Von Zwetschgen gebrannt, verstehn Sie!«
»Ach so, natürlich! Zwetschgenwasser! Famos! Wissen Sie, Herr Bieler,
man hat mir Ihre geradezu musterhaften Kellereien gerühmt. Aber ich
sehe, Sie verstehen sich auch auf Schnapsbrennerei. Überhaupt: eine
urgemütliche Gastfreundschaft hier im Elsaß! Und ein schönes Land, Herr
Bieler, ein sehr schönes Land!«
»Ja, ja, Herr Hauptmann, unser Sprüchel hat schon recht:
»Das Elsaß, unser Ländel,
Es isch meineidi schön,
M'r hewe 's fescht am Bändel
Un lonn 's bi Gott nit gehn« ...
Der Hauptmann mußte sich das Mundart-Sprüchlein erst verhochdeutschen
lassen, stimmte dann aber lebhaft bei.
»Alle Wetter, ja, stimmt! Hören Sie da oben am Hartmannsweiler Kopf
unsre Batterien? Fest am Bändel! Stimmt! Und wenn alle andren Fronten
zusammenkrachen, ich sage Ihnen, hier kommen sie nicht durch! Hören
Sie, wie das da oben pocht?«
Der Hauptmann spielte auf den Geschützdonner an.
»Ja, ja,« sagte der Weinsticher ernst, »wie Hammerschläge auf einen
Sargdeckel.«
»Nicht übel!« nickte der Hauptmann. »Unter Ihrem Käppchen stecken ja
anscheinend ganz gute Einfälle. Sargdeckel: die Revanche-Idee wird
zugenagelt! Von wem sind denn diese hübschen Teller?«
»Vom Maler Lux.«
»Elsässische Motive?«
»Da die Schlösser von Rappschwihr -- ich mein': von Rappoltsweiler --
da die Burgruine Girbaden -- dort Kaysersberg -- Reichenweier -- nett
gemacht! 's isch e Elsässer, der Lux.«
»Und das hübsche Mädel da in der Bauernkappe? Ist das nicht Ihr
reizendes Töchterchen, das ich vorhin leider nur auf einen Augenblick
zu begrüßen die Ehre hatte?«
»Joh, 's isch 's Fanny. Schad', daß die netten Trachten fast ganz
verschwunden sind. Es isch halt nimmer so viel Freud' auf der Welt,
Herr Hauptmann.«
»Ein Prachtsmädel! Zum Anbeißen! Wenn man so 'was sieht, möchte man
sich ja gleich Knall und Fall in so 'ne hübsche Elsässerin verlieben.«
Bieler lachte kurz auf, stieß das Käppchen auf das linke Ohr und
kratzte hinter dem rechten, ging aber auf den Ton ein.
»Ha, jetzt, wissen Sie halt: ein Preuß' als Schwiegersohn« --
»Würde Ihnen ausgezeichnet bekommen! Und das Bild da, der französische
Soldat --?«
»So hab' ich einmal ausgesehen. Ich hab' siebzig bei Fröschwiller
mitgemacht.«
»Aha, Wörth?«
»Sehen Sie da: den Finger hat mir ein Bayer weggeschossen, Herr
Hauptmann. Ich bin Zuave gewesen -- =vous savez: caporal=! Und
eine zweite Kugel da in den linken Arm. Am Kirchhof zu Fröschwiller
bin ich gelegen bis in die Nacht und fascht gar verblutet -- ah,
=bigre=! Na, aber es hat sich wieder gemacht. Mein Handwerk als
Winzer oder Winsticher, wie man hierzuland sagt, kann ich auch mit
einem halbsteifen Arm besorgen. Lang mach' ich's freilich nimmer; ich
verpachte meine Reben; es paßt mir nicht mehr recht, man wird alt. =A
propos= wollen Sie meinen Keller sehen, Herr Hauptmann?«
»Sehen Sie, jetzt werden Sie warm, Herr Kriegskamerad! Da braucht man
also nur auf den Knopf Fröschweiler zu drücken -- was? Nu sagen Se mal,
ist's denn wirklich wahr, daß ihr Elsässer wieder französisch werden
wollt? Sprechen Sie mal frisch von der Leber weg! Ich las da neulich,
der Maire eines von den Franzosen besetzten Dorfes im Sundgau hätte
beim Empfang Poincarés vor Rührung geweint --«
Bieler lachte.
»Oh lala, Plän' von Paris! Wissen Sie, wie das G'schichtel passiert
ist? Der Maire hat kein Französisch gekonnt, da hat seine Frau zu
ihm gesagt: Dummer Kaib, du fängst an zu weinen -- und richtig:
›=Monsieur le Président=‹, hat er hinausgeschmettert -- so
viel hat er nämlich behalten von der Rede, als er den Präsidenten
empfangen sollte -- dann ist er stecken geblieben, hat's Nastuch
herausgezogen und erbärmlich geweint. Und der Präsident hat ihn
umarmt: ›=Embrassez-moi, Monsieur le maire!=‹ und die Pariser
Zeitungsleut' han Purzelbaum g'schlagen über den gerührten Maire!
Aber sehen Sie, so sind die Franzosen! Sie machen aus allem e
=comédie=!«
Der Hauptmann stimmte schallend in Bielers Lachen ein und fuhr dann in
seiner etwas gönnerhaft-jovialen Tonart fort: »Aber von den Schwoben
wollt ihr auch nicht viel wissen, was? Nu geben Sie mal Ihrem Herzen
einen Stoß und sprechen Sie deutsch heraus: was ist denn eigentlich
für euch eingesessene Elsässer, für euch widerspenstige, bockbeinige
und doch wieder urgemütliche Alemannen ein Schwob? Ihr habt ja selber
einmal zum Herzogtum Schwaben und Alemannien gehört! Ihr seid ja selber
dickköpfige Schwaben! Also los!«
»Soll ich Ihnen emol e G'schichtel verzählen?«
»Immer los!«
»Unser junger Lehrer -- er ist leider bei Ypern gefallen -- hat einmal
in der Dorfschule seine kleinen Kneckes gefragt: Kinder, was ist denn
ein Schwob? Da hebt einer den Finger und sagt: Ein Schwob, das ist
einer, der als sagt: ›geh' mal weg da!‹ Sehen Sie, das ist für uns
Elsässer ein Schwob!«
Die Worte »geh' mal weg da« hatte der Winzer in schneidigstem
Kasernenton hinausgedonnert. Der Hauptmann prustete vor Lachen
und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »In Ihnen steckt ja ein
tadelloser Feldwebel, Herr Bieler! Na, 's ist aber auch manchmal ganz
verdammt nötig, euch Elsässer anzuschnauzen. Lieber den farnesischen
Stier zum Rekruten drillen!«
Der Horizont drohte sich zu verfinstern; das Gespräch wurde heikel.
Papa Bieler beeilte sich, seine Einladung auf das allerfreundlichste zu
wiederholen. Und beide wanderten miteinander in den weitläufigen Keller.
* * * * *
An demselben Tage bat Arnold seinen Sohn um eine Unterredung.
Gustav sah ihn erstaunt an. Vater und Sohn, beide lang und schmal,
feldgrau der Junge, dunkel der andre, wanderten wie Schatten im großen
Zimmer auf und ab.
»Sieh, Gustav,« begann der Vater mit bewegter Stimme und gütigem Ernst,
»wir zwei gehen immer umeinander herum, und unsere Herzen kommen nicht
zusammen. Soll ich denn das Trauerspiel, das ich einst mit deiner
Mutter erlebt habe, nun auch mit dir auskosten? Du kannst doch das
gewiß nicht wollen.«
Gustav wußte nicht recht, worauf der Vater anspielte. Er brachte die
einleitenden Worte mit dem neulichen Abend in irgendeine unbestimmte
Beziehung.
»Ich habe«, fuhr Arnold fort, »nach dem Besuche des thüringischen
Freiherrn eine schwere Nacht durchgemacht. Dieser Mann hat meine
Gedankenkräfte aufgewühlt. Ich bin mir vollends bewußt geworden, daß
ich auf einem toten Punkt sitze. Wir alle drei sind auf einem toten
Punkt, du und Fanny und ich. Wir müssen uns neu beleben und erwärmen,
sonst geht unser Seelenleben zugrunde. Am besten wär's, wir wanderten
aus, in ein Land, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört
auswirken kann. Hier im Elsaß ist das unmöglich. Hier ist zu viel Haß.«
»Aber wohin?« warf Gustav müd' und schmerzlich ein. »Ist die moderne
Welt nicht überall gleich herzlos?«
»Was geht uns die moderne Welt an, Gustav! Hindert sie uns drei,
wenigstens untereinander herzlich zu sein? Geben wir einander wirklich,
was wir uns geben könnten? Diese Frage habe ich mir neulich in bittrer
Nacht vorgelegt. Und ich bin bei dieser Prüfung erschrocken, wie wenig
wir uns gegenseitig vor seelischer Einsamkeit schützen. Du hast Fanny
durch dein Benehmen tief gekränkt, als sie dich einlud, dem Spiel des
Hauptmanns zuzuhören« -- --
»Das war eine Verwechslung, Papa«, beeilte sich Gustav zu versichern.
»Hast du ihr das gesagt? Hast du um Verzeihung gebeten? Nein. Vielmehr
verspinnst du dich erst recht in deine Einsamkeit und erwartest, daß
wir, immer nur wir dich wieder herausbetteln. Doch wie es in uns
aussieht, das kümmert dich nicht. Grenzenlose Ichsucht, Gustav! Doch
ich will nicht schelten. Ich möchte dich nur vor dem Irrweg deiner
Mutter bewahren. Immer war sie die Gekränkte; immer suchte sie die
Ursache ihres inneren Unfriedens in der Umgebung. Nie wird jemand
erfahren, wie ich unter ihren Launen gelitten habe. Und wenn sie
mich mit pfeilspitzen Worten aufs tiefste verwundet hatte -- ins
Schlafzimmer, Tür hinter sich zu, eingeriegelt! Genau wie du! War der
Anfall dann vorüber, so weinte sie und schlich beschämt wieder heraus.
Ich blieb über Menschenkraft rücksichtsvoll; doch etwas in mir erstarb.
Ungern sag' ich das alles; denn es ist ja auch für mich immerdar eine
Beschämung, daß ich da nicht helfen konnte. Sie glaubte sich als
Elsässerin in Heidelberg verkannt und verfolgt; weil sie Verwandte
in Frankreich hatte -- oder was weiß ich weshalb! Aber hier im Elsaß
hielt sie's auch nicht aus. Unser altes Grenzlandschicksal: Hans im
Schnakenloch! Spürte sie den kommenden Weltkrieg? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, daß Mangel an Liebe und Mangel an Vertrauen tatsächlich
die Wurzeln aller Friedlosigkeit sind.«
»Das liegt so in der ganzen Zeit«, bemerkte Gustav. »Eiskalt alles! Was
soll man tun, Papa? Weißt du einen Rat? Ich weiß keinen!«
»Abschütteln die Zeit! Bist du einverstanden, wenn wir drei eine
Art Trutzbund gegen die Zeit schließen? Wir wandern in eine kleine
Universitätsstadt aus, du, Fanny und ich. Ein Mülhauser Fabrikant
will mir schon lang mein Gut Windbühl abkaufen; das bringt ein paar
Hunderttausend. Du heiratest Fanny, baust deinen Doktor, tust dich als
Privatdozent auf. Unser Geld reicht. Ein Kandidat wartet auch schon auf
meine Pfarrei Lützelbronn« -- --
»Und das Elsaß?« unterbrach Gustav erregt. »Unser Elsaß im Stich
lassen, Papa?«
»Wichtiger sind mir mein Sohn und seine Braut, jawohl, Gustav! Ich bin
Ketzer genug, das zu sagen. Ihr geht mir hier an den Verhältnissen
zugrunde. Und dann das Entscheidende, lieber Junge: seit dem
bulgarischen Zusammenbruch müssen wir mit Deutschlands Niederlage
rechnen. Dann aber wird hier aus allen Ritzen Gesinnungslumperei den
einziehenden Franzosen entgegenkriechen. Dann kann der Arbeiter für
etliche Sous seinen Liter Rotwein trinken und sein Weißbrot essen,
schwingt also nach so langem Hunger begeistert die Trikolore und hat,
was er will. Das machen wir nicht mit, Gustav. Wir halten zu dem tapfer
erliegenden Deutschland.«
Gustav schritt lebhaft hin und her. Stand es schon so weit mit der
deutschen Westmark?
»Das Elsaß im Stich lassen, Papa?!«
»Hätt' ich einen entscheidenden Berufsposten, der für Religion,
Sprache, Sitten wichtig wäre, glaub' mir, Gustav, ich bliebe, ich
kämpfte! Aber --«
»Erwin wollte einen Elsaß-Bund gründen --«
»Erwin -- das ist etwas anderes. Ja, das soll er tun! Erwin ist jung
und spannkräftig. Der beißt es durch. Ja, diese neuelsässische Jugend
soll hier deutsche Art und Sprache wachhalten, was auch kommen mag.
Aber nicht du, nicht Fanny und nicht mehr ich. Euch beiden will ich
leben, meine Kinder, und zwar in reiner Luft! Hier ist Luzifer zu
mächtig; hier kann Christi Reich jetzt nicht aufgebaut werden.«
Und Arnold deutete an, daß sich ihm durch den Freiherrn von Stein eine
wertvolle Beziehung zu dessen nahem Freunde, dem Oberstleutnant von
Trotzendorff in Straßburg, eröffnet habe. Das seien deutsche Menschen,
denen das Herz auf dem rechten Fleck sitze. Er werde alles Nötige in
die Wege leiten.
So sprachen sie mehr als eine Stunde lang.
Gustav wurde immer wärmer und ging mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit
auf seines Vaters Pläne ein. Die Herzen fanden sich. Vater und Sohn
schüttelten sich die Hände. Jetzt spürte der Junge, wie tief der Vater
sich um ihn sorgte, derart sorgte, daß er auch das heißgeliebte Elsaß
zu verlassen willens war, um nur seinen Kindern in reiner Lebensluft
Führer zu sein. Noch nie waren sich die beiden so nahe gekommen.
Gustavs Krankheitsgefühl war verflogen; die Aussicht, aus all der
dumpfen Enge herauszukommen, hatte ihn umgewandelt.
»Und nun will ich dir etwas vorschlagen, Gustav«, schloß der
gleichfalls belebte Pfarrer und legte dem Jungen beide Hände auf die
Schultern. »Jetzt läufst du stracks zu Fanny hinüber und sagst ihr
einige recht, recht gute Worte, gel? Sie ist ja ein so liebes, ein so
grundvornehmes Geschöpf! Man kann ihr ja gar nicht genug dankbar sein,
wie sie all das Schwere hell und heiter trägt. Ach, Gustav, eine so
lebendig liebe Menschenseele ist mehr wert als alle Politik Europas!«
»Du hast recht, Vater! Ich danke dir für diese Stunde. Du glaubst
nicht, wie mir diese Aussprache gut getan hat! Ich bin ein ganz neuer
Mensch. Und jetzt geh' ich zu Fanny.«
»Setzt gleich den Hochzeitstag fest!« rief ihm der Vater nach.
Der feldgraue Unteroffizier eilte stürmischen Schrittes davon.
Und Arnold schritt noch lange in seinem Zimmer auf und ab, glühend
bewegt. Er hatte einen Sturmangriff auf seines Sohnes Herz gewagt; und
der Sturm war gelungen.
»Menschen gewinnen« -- das waren die Gedanken, die ihn durchgluteten --
»Herzen in Flammen versetzen, damit sie zu Entschlüssen fähig werden!
Ich verstehe den Flammenspender von Golgatha nun auf neue Weise: er
hat Wolken hinweggerissen, die uns von der Sonne der Liebe getrennt
haben; nun kann die göttliche Wärme wieder herein. Ach, was war ihm das
ganze riesige Römerreich mit seiner Weltpolitik! Schattengebilde! Aber
die unsterblichen Seelen, die er dem Reich Gottes gewann, die waren
ihm alles. Das ist der Sinn der Kreuzigung: wir sind der äußeren Welt
gekreuzigt, doch um so funkelnder lebt, liebt, leuchtet das Herz, das
ewig ist, das aus dem Kosmos kommt und den schattenhaft dahinrollenden
Planeten samt Geburt und Tod sieghaft überdauert« ...
Er nahm den Hut und ging auf Krankenbesuche.
* * * * *
»Fort vom Elsaß?«
Das waren Fannys erste freudig-bange Worte, als Gustav seines Vaters
Vorschlag stürmisch vor der Geliebten ausschüttete. Den Vater im Stich
lassen, in fremde Umwelt auswandern, in die ungewisse Ferne -- und zwar
bald, in wenigen Wochen?! Ihr schoß es heiß in beide Schläfen. Und
doch! Und doch war es mehr Glück als Bangigkeit.
Denn wie angenehm verändert war Gustav!
Beide junge Menschenkinder waren allein in der Wohnstube. Unter ihnen,
im Keller, probten und tranken der Hausherr und sein Gast. Salome hatte
im Garten zu tun; Schauli und sein Schwiegersohn Stürli pochten an den
Fässern im Schuppen rüstig herum, denn die Weinlese nahte heran. Es war
bedeckter Himmel und ging bereits dem frühen Abend zu.
Der Braut schlug das Herz bis an den Hals hinan vor Freuden über
Gustavs zuversichtliche Sprechweise.
»Ja, fort vom Elsaß, Fanny! Wir ersticken hier. Wir müssen in reine
Luft. Papa hat recht. Nur diese sogenannte elsässische Frage ist
meine Krankheit -- und weiter gar nichts. Wenn ich von hier ganz weg
bin, wirst sehen, dann bin ich sofort kerngesund! Das sind ja doch
alles nur politische Kleingeister hier, die uns seit Jahrzehnten die
Kehle zugeschnürt haben mit ihrer tückischen Französelei. Die haben
uns verbittert und vergiftet. Gehst du mit, Fanny? Papa schickt mich
geradewegs zu dir herüber, ich soll dich fragen: wir alle drei wollen
zusammengehen! Was sagst du dazu?«
Die kleine Fanny schlug mit Kraft beide Arme um den langen Geliebten,
überselig in ihrem liebevollen Herzen. Und innig sprach sie zu ihm die
Worte der Ruth:
»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen!«
Mit stürmischer Nervosität umarmte Gustav das holde Geschöpfchen,
neigte sich zu ihr, und sie küßten sich glühend. Fanny konnte sich kaum
von dem lang entbehrten Munde trennen. »Lieber, lieber, lieber Gustav«
-- so stammelte, so küßte sie -- »du weißt ja, wie ich dich lieb habe!
Ich gehe mit dir bis ans Ende der Welt!«
Er tastete nach dem Stuhl, setzte sich und zog die Geliebte auf den
Schoß; sie behielt die Arme um seinen Hals, als wollte sie ihn nie
mehr loslassen. Es war eine Liebesstunde, glühender als je zuvor; denn
Freiheit und Erfüllung schienen nahe wie noch nie.
»Ja, Fanny, ja, das weiß ich, daß du mit mir gehst bis ans Ende
der Welt! Und wenn der Stall hier rein ist, dann kommen wir
zurück, vollgesogen mit deutscher Kultur und erwärmt durch viele
Freundschaften. Ja, dann kommen wir zurück in die Heimat und arbeiten
an der elsässischen Volksseele! Aber nicht mit Paragraphen, sondern von
innen heraus!«
»Ach, hast du mich denn noch e bissele lieb, sag' doch, mein Gustav?
Ach sag' doch, sag' doch! Ich hab' dich ja so lieb, so lieb! Ach, was
liegt mir denn am Elsaß und an der ganzen Welt -- ich babbel hochditsch
und chinesisch und hottentottisch, was du willst -- awer lieb han soll
mich min Gustav, gel?!«
»Liebe Fanny, keinen Spaß machen! Mir ist mein Vaterland heilig, und
Deutschlands Not ist groß« -- --
»Ich mach' auch gar keinen Spaß, Liebster, will dich ja nur e bissel
zum Lachen bringen! Gelt, bist wieder ganz mein? Gelt, hast mich wieder
ganz arg lieb?«
Sie suchte nach den innigsten, eindringlichsten Worten und Kosenamen.
»Von Kind an hab' ich dich lieb, ja Fanny, ja, du gutes, heißes
Herz! Nur dich von Kind an! Und wenn ich eingesperrt oben in meiner
Dachkammer g'sessen bin, hab' ich dich erst recht lieb gehabt, Fanny,
unter heimlichen Tränen lieb! Weißt noch, wie ich zu dir g'sprungen
bin über die Gartenmauer? Fanny, ich muß dich ja um Verzeihung bitten,
Liebste, ich hab' da neulich so dumme Sachen von dir gedacht, wie der
Hauptmann da g'sin isch -- es sin d'Nerve, nur d'Nerve, ich mein's nit
so« -- --
»Red' nit davon, Gustav! Ach weißt denn noch, wie wir als oben im
Wald hinter den Rosenhecken g'sessen sin? Und du hast mir ein Kränzel
gemacht aus Heckenrosen, weißt noch? Und jetzt darf ich bald 's Kränzel
aufsetzen« --