Sein Vater lag noch lange Stunden wach, nachdem der thüringische

Gast die Gedankenmasse des Elsässers aufgewühlt hatte. Welch eine

Wonne und Wohltat ist doch solche Aussprache! Wahrlich, der Mensch

braucht den Menschen zur gegenseitigen Belebung; wir alle nähren uns

voneinander. Viel Gutes in uns verkümmert, verdorrt, vertrocknet,

wenn es nicht durch wechselseitige Elektrizität, durch Gespräche,

durch Herzensaustausch zur wärmenden Flamme angefacht wird. Der stille

Gelehrte hatte die Empfindung, daß er eine Verjüngung erlebt habe.

Er hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Und auch das Vertrauen

zum deutschen Volke, das er seit Jahren und Jahrzehnten auf ebenso

verderblich materialistischen Wegen sah, wie die ganze übrige Welt.

Also lebten in Deutschland doch noch Männer, die genau so dachten wie

er, sogar im feldgrauen Kriegsgewande? Und also war er nicht allein,

nicht ganz allein?! Wie tut es doch bis in das Innerste wohl, sich

von einem wertvollen Mitmenschen in seinen eigensten Gedanken und

Gesinnungen bestärkt und bestätigt zu fühlen! Es ist eine paradiesische

Begegnung, wenn sich zwei Gralsucher die Hände reichen ...

Mitternacht hatte vom Turm geschlagen. Da hörte der Halbwache

schleichende Schritte, dann das Knarren der Hintertüre. Jemand ging

nach unten, nach dem Garten. Litt Gustav wieder an Schlaflosigkeit?

Suchte er nach seiner wunderlichen Weise Mitternachtsstille und lief

ein Weilchen im Garten auf und nieder? Der Pfarrer träumte weiter; er

drohte einzuschlummern. Da schlug es vom Kirchturm eins -- und noch war

Gustav nicht zurück.

Jetzt überkam den Vater des jungen Kranken eine unbestimmte Besorgnis.

Er stand auf, kleidete sich einigermaßen an, nahm das Taschenlaternchen

und ging hinaus. Die Bodentüre stand offen; er begab sich nach oben

und klopfte an. Keine Antwort; aber Licht brannte. Er trat ein; das

Zimmer war leer; auf dem Tisch unter der Arbeitslampe lag ein offenes

Tagebuch, an dem Gustav geschrieben hatte.

Zwischen Vater und Sohn pflegte mit einer selbstverständlichen

Natürlichkeit das Briefgeheimnis gewahrt zu werden. Jetzt aber, in der

sorgenvollen Ahnung, daß den Sohn irgendeine Seelenqual umhertreibe,

beugte sich der Vater über den Schreibtisch und las die frisch

beschriebenen Blätter des sonst sorgsam verschlossenen Geheimbuches.

Er war entsetzt. Wilde Worte, wüste Bilder, jagende Buchstaben! Und

alles drehte sich um die eine Frage: Mann und Weib! Die Feder hatte

gerast, Tinte verspritzt, mitten im Satz abgebrochen und war dann in

wirr gekritzelte und durchgestrichene Zeichnungen übergesprungen --

-- alles ohne Hemmung, weder Sitte noch Anstand achtend, durchgehende

Rosse einer krankhaft ausgepeitschten Phantasie!

»... Weibgeheimnis -- Waldgeheimnis -- man will immer tiefer

eindringen -- ja, ja, ich verstehe den Mord am Wild, den Mord am Weib

-- das Geheimnis herauswühlen, das Lustgeheimnis, den Zauber, die

Verhexung -- wo steckt das im Weib? Wo, wo? Her damit! -- Kind und

Spielzeug -- Lustmörder und Opfer -- Wollust des Mordens -- Mord und

Minne gehören zusammen -- Doppelrausch! Das kann der Franzose: mit

Geschmack verführen -- das will Fanny, das will jedes Weib -- und ich

Jammerlappen bin zu brav, zu deutsch, zu feig, zu schwach dazu -- -- --

-- und dennoch ein lüsterner Schuft!« ...

Dann Bilder von Frauengestalten, ein Hexentanz von Strichen! Doch nach

und nach war offenbar Beruhigung eingetreten. In Gustavs wiederum

gleichmäßiger, schöner Handschrift kam nun eine Art Trauerlied:

»Nacht, Nacht, Nacht! Und ich bin immer allein! Der Baum hat eine

Stimme, wenn der Nachtwind kommt, denn er rauscht, und ihm antwortet

ein anderer Baum, ein Busch, ein Halm -- und sie klagen miteinander der

Mutter Nacht ihr altes Leid. Aber ich bin immer allein.

»Es ist irgendwo ein Land, weitab. Da sind die Leute freundlich und

friedlich; da kommt einer zum andren, wenn dieser traurig ist, faßt

seine Hand und spricht lieb zu ihm oder weint mit ihm, und sie sind

gemeinsam traurig. Aber ich bin immer allein.

»Ach, es weint in mir, wie ein Brunnen in der Tiefe rauscht. Und mir

wäre wohl, wenn die Wasser heraufstiegen und aus meinen Augen über

die Wangen flössen. Ach, mir wäre wohl, wenn ich ein Dichter wäre und

singen könnte, was in mir weint. Doch ich habe kein Saitenspiel, und

die Wasser kommen nicht herauf zu mir, und das Weinen bleibt in der

Kehle -- und ich bin immer allein ... Nacht, Nacht, Nacht!« ...

Tief erschüttert stand der Vater vor diesen Bekenntnissen seines

einsamen Sohnes. Das also war die Nachtseite seiner am Tage so scheu

verschlossenen Seele! Wie von Scham übergossen schlich der Pfarrer auf

den Zehen in sein Zimmer hinunter, verriet durch kein Licht, daß er

wachte, und legte sich wieder in sein Bett, um noch lange schlaflos ins

Dunkel zu starren.

Später hörte er den Sohn mit verstohlenen Schritten zurückkommen. Wo

war der Junge gewesen? Hatte er, von diesen niederen Vorstellungen

gepeinigt, vielleicht seine kindlich-reine Braut aufgesucht? Und war

denn vielleicht auch Fanny, diese tagsüber so unbefangene Natur, in

ihren Tiefen so wie dieses Tagebuch? Was mochte man wissen! Man konnte

ja an allem irre werden!

»Da wollt' ich noch eben mit diesem Hauptmann den Himmel auf die

Erde holen -- und vermag nicht einmal in meinem Hause Seelenfrieden

herzustellen! Da wollt' ich noch eben die elsässische Seele retten --

und schaue nicht einmal in meines Sohnes Seele! Weib und Werk sind mir

entglitten -- jetzt entgleitet mir auch mein Sohn!«

Nur ein Vater vermag es zu ermessen, welche Qualen diesen Mann in der

einen Nacht heimsuchten. Er empfand seinen Sohn als ein von Gott ihm

anvertrautes Gut; er war von der Gewißheit durchdrungen, daß er am

Thron Gottes Rechenschaft über ihn abzugeben hatte. Aber er besaß ja

diese junge Seele nicht mehr, die er doch erzogen hatte, er besaß auch

nicht Fanny! »Ist denn dies nun das neue Elsaß? Gärt solche heimliche

Lebensgier in den Tiefen dieses jungen Geschlechtes? Denken sie denn

nur an sich, immer nur an sich, und nicht an des Vaterlandes große Not?

Fanny, Fanny, bist denn auch du so von Sinnlichkeit zerfressen wie der

unglückliche Zeichner dieser Bilder? In welche Welt der Dämonen bin ich

da geraten! Sie toben also nicht nur an der Front, die Dämonen, nicht

nur in der Lügen- und Verleumdungspresse -- sie vergiften auch meinen

allernächsten Bezirk, meine zwei liebsten Menschen.«

Es gibt Nächte so tiefer Qual, daß der Mensch eine Art Vortod

durchmacht. Da löst sich alles, was noch an der Erde hängt. Die Seele

fühlt sich in ein graues Nichts hinausgestoßen. Sie kann sich an

nichts mehr halten, denn es ist zum Halten nichts mehr vorhanden.

Überall furchtbare Leere! So ist es beim Sterben, wenn keine Liebe den

Menschen begleitet, der den Körper verlassen soll. Liebe jedoch ist wie

ein Licht, das den Weg hell und freundlich macht.

Und der Philosoph, wiederum ganz schlichter Mensch geworden, tat

dasselbe, was sein Sohn unten am Weiher tat. Seine gramvollen Gedanken

gingen in Gebet über. Er bot dem Allwaltenden sein Werk als Opfer an.

»Ich will auf alle persönliche Ehre und auf das letzte Restchen

Eitelkeit verzichten; ich will die ganze Summe meines Fleißes

verbrennen: wenn ich nur die paar Menschen meines Umkreises, ja nur

einen einzigen Menschen vor Verwirrung und Untergang bewahren und einem

edlen Leben gewinnen kann ...«

Die Uhr tickte; der Mond stieg. Sein Licht wanderte durch die hohe

Nacht. Um den Erdball zuckten Fernfunken der drahtlosen Telegraphie;

um den Erdball zuckten Kriegsberichte, Haß und Verleumdung; Raketen,

Granaten und Scheinwerfer stellten ihre Flammen in den Dienst des

Kampfes; auf dem Meere dröhnte da und dort ein torpediertes Schiff in

die Luft; und auf unschuldige Städte fielen mörderische Bomben, während

in manchem deutschen Hause die Kinder ungesättigt zu Bett gingen.

Aber aus den Tiefen vieler Menschenherzen quollen Tränen und Träume

empor: Träume von einer künftigen edleren Lebensgemeinschaft, wo

niemand mehr aus Mangel an Liebe verhungern wird.

* * * * *

Noch zwei schlaflose Augen hatten Gustavs Nachtgang beobachtet. Als

der Hund knurrte und unwillig anschlug, wurde Tante Sophie in ihrem

Giebelstübchen aufmerksam. Ihr Bett stand nahe an der Fenstergardine.

Sie reckte den äußerst hageren Leib und spähte hinaus; denn ihre

Phantasie war immer mit Einbrechern und Spionen beschäftigt. Und

wahrhaftig: ein Mensch ging durch den Garten, kletterte über die Mauer

und sprang jenseits hinab!

Nun aber auf! Die halblahme Alte knipste Licht an, hüpfte mit

ungewohnter Lebendigkeit in den Morgenrock und in die Wollschuhe --

und dann humpelte, schlürfte, ächzte sie über den Speicher hinüber an

die andre Giebelstube und klopfte mit knochigem Finger der knurrigen

Salome: »Sälmele, =vite, vite=! Mach Sie schnell uff! Awer

schnell! Es isch e Inbrecher am Hüs!«

Salome schlüpfte zunächst unter die Bettdecke. Dann endlich, nach

längerem Klopfen und Winseln, entschloß sie sich, aus den Federn zu

kriechen und der verängsteten Tante Sophie zu öffnen. Diese schoß

sofort ans Fenster: »Do, do geht er, gück, do! Do geht einer an de

Brunne!« Und erzählte flüsternd und entsetzt ihre Beobachtungen. »Was

für griserlichi Zitte! Sälmele, Sälmele! Mr isch sines Lewes nimmeh

sicher! =Vous verrez=, es gibt noch Revolution im Land! Jerum,

jerum, wär' ich nur schon im Spital oder im Totebaum!«

Die beiden ältlichen Jungfrauen lebten sonst in fortwährendem

Kleinkampf. Aber Not schweißt Herzen zusammen. So pflegten sie denn

auch manchmal bei schweren nächtlichen Gewittern einander an die Tür zu

pochen und rasch ihre geliebtesten Sachen zu packen; dann setzten sie

sich, auf das Schlimmste gefaßt, zitternd und seufzend auf die unterste

Stufe der Bodentreppe, die eine mit ihrer eisernen Kassette und einigen

Kleidungsstücken, die andre mit Hutschachtel, Käfig und Kanarienvogel.

So warteten sie alsdann, bis das Wetter vorüber war. Worauf sie wieder

in ihre Stuben und Besonderheiten entwichen, um sich gegenseitig am

andren Morgen doppelt unfreundlich und mißtrauisch zu behandeln.

Also standen sie denn auch heute nacht Schulter an Schulter spähend

am Fenster, in mangelhaften Gewändern, und schauten über die Geranien

hinunter nach der Gespenstergestalt, die an den stillen, glatten Weiher

ging und dort lange, lange stand ...

Als aber am andren Morgen Salome, mit der nächtlichen Neuigkeit

geladen, schnellfüßig nach unten in die Küche lief und sich das

erstaunte Gesicht der Haustochter ausmalte, wurde sie enttäuscht. Denn

zunächst kam Fanny sehr spät in die Küche. Wo blieb sie denn nur immer

so lang in den letzten Tagen? Was machte sie denn in ihrem Zimmer? Gab

es so viel Post zu beantworten? Und verdrießlich wirtschaftete Salome

zwischen ihrem Geschirr herum, bis sie Schaulis habhaft wurde, dem sie

dann umständlich und mit schmückenden Zutaten das nächtliche Abenteuer

erzählte.

Fanny hatte allerdings an diesem Morgen einen Brief erhalten, und

zwar von Erwin. Sie war heute nicht auf seinen Ton gestimmt; denn sie

war Feuer und Flamme für eine ganz andre Arbeit, die sie vor kurzem

begonnen hatte und der sie jede freie Minute widmete. Immerhin wirkte

Erwins Schreiben für den Augenblick aufheiternd, wenn es auch ernst

ausklang.

»Liebste Kussy -- verzeih, da verschreib' ich mich gleich zu Beginn,

denn ich wollte natürlich Cousine Fanny schreiben, zog es aber in

~ein~ Wort zusammen, denn mir tanzt noch dein Kuß vor den Augen,

auf den Lippen, in der Feder herum! Und wen die Mussy geküßt --

verzeih, ich wollte natürlich Muse schreiben, aber meine Muse heißt

Fanny, und so zog ich's wieder in ~ein~ Wort zusammen! Wen also

die Muse geküßt, den hat Apollo am Ohrläppchen, und er reimt fortan Kuß

und Schuß. Hat dich nicht deine verstorbene Mutter ›=ma douce=‹

oder ›=ma doucie=‹ genannt? Also deutsch: Duß und Dussy! Und habt

ihr mir nicht manchmal gesagt, ich sei ein ›Schöute‹ oder ›Schussele‹,

das heißt ein fahriger, närrischer Bursche? O Dussele, Kussele,

Mussele -- wie würden wir zwei uns reimen! Aber das ist doch alles

nur papierlich, nicht natürlich, mithin ein erbärmlicher Kriegsersatz

für mündlichen Bericht! Schuß tötet, Kuß belebt -- hol's der Kuckuck,

daß ich zu ersterem verdammt bin! Lieb Schussinchen -- nein, halt --

kurzum, es schusselt, kusselt, dusselt mir unter der Hirnschale herum,

daß ich keinen Brief zusammenkriege. Leb' wohl für heute! In einer

Stunde wieder im Feuer! =N.B.= Beinschuß, nicht schwer, liege im

Lazarett. Gedenket mein! Erwin.«

Fanny las diesen Brief zwei- und dreimal. Und sofort tippte sie

Antwort. Denn sie saß bereits an der Schreibmaschine, die mit

Leichtigkeit und Anmut von ihr gehandhabt wurde.

»Dein Schusselebrief, lieber Erwin, klingt ja so ernst aus, daß ich

aus dem Lachen in jähes Erschrecken geriet, als ich deine Schlußworte

las. Hoffentlich doch nicht schlimm? Schreib' ja recht bald wieder!

Ich bin an der Schreibmaschine, daher diese ungewöhnliche Schrift,

die ich sonst für Briefe nicht mag, weil sie so unpersönlich ist.

Aber neben mir liegen Stöße von beschriebenem Papier. Und weißt du,

was ich tue? Es ist mir durch ein Gespräch mit Lisy so recht bewußt

geworden, wie einsam Onkel Arnold ist. Da liegen seine ziemlich

schlecht geschriebenen Arbeiten in seinen Schubladen. Er würde sie gern

dem oder jenem Kollegen oder Verlagsbuchhändler vorlegen, kann sich

aber nicht zu einer Abschrift entschließen, mag sie auch nicht einem

Abschreiber anvertrauen. Es ist so eine tiefe Gleichgültigkeit über ihn

gekommen. Weißt du, was ich nun mit Lisys Hilfe getan habe? Wir haben

ihm den ganzen Stoß aus dem Schreibtisch gestohlen! Und ich sitze und

schreib' sie ihm heimlich ab! Nun verrat mich aber nicht! Es soll eine

Überraschung werden. Und schreib doch auch Gustav einen recht, recht

lieben, ermunternden Brief! Gott behüte dich, du Schussele! Fanny.«

Als hernach Fanny in die Küche kam und händereibend an die ganz

andersartige Arbeit ging -- es war Wäschetag --, hatte sie für Salomes

spukhaften Bericht gar kein Ohr. »Dumm Dings, Salome! Ihr zwei alti

Jungfere han do owe G'spenschter g'sehn!«

Alte Jungfer ließ sich aber die bäuerlich kräftige Salome gar nicht

gern nennen, auch nicht im Scherz, und selbst nicht von der Mamsell

Fanny. Sie habe noch recht scharfe Augen, meinte sie, und war sehr

verschnupft. Da sie ohnedies nicht an Gesprächigkeit litt, so gab es

ein schweigsames Arbeiten.

Doch das innere Lächeln verschwand nicht von Fannys wunderhübschem

Gesichtchen, das unter dem weißen Arbeitskopftuch womöglich noch

reizender aussah.

Fünftes Kapitel

Zusammenbruch

Im heißen Tiegel liegt mein Vaterland.

Daß ihm die Glut zur Läuterung gereiche,

Daß es verjüngt dem Flammengrab entsteige:

Dies füge des allmächt'gen Schmelzers Hand!

~Karl Hackenschmidt~

Schmerz reift den Menschen. In einer Stunde der Erschütterung kann die

Seele mehr erstarken als in sechs dürren Jahren.

Durchdrungen von der Großartigkeit des Opfergedankens, ging Arnold am

andern Morgen an sein Tagewerk. Er war bisher Gelehrter gewesen, zu

sehr Gelehrter, auch als Pfarrer; er hatte sich auf einsamen Höhen

gefühlt und als verkannt empfunden; er hatte Hochmut beherbergt. Nun

wollte er ganz schlichter Mensch sein: liebender Mensch, der aber

vielleicht durch Liebe schöpferisch wird. Gedeiht nicht alles Hohe nur

durch Opferung? Opfert nicht die Mutter unter Lebensgefahr ihre Kraft

und vieler Nächte Schlaf, damit ihre Kinder gedeihen? Bringt nicht der

Freund dem Freunde seine Fürsorge und Anteilnahme dar? Taucht nicht

das Saatkorn in die Erde und opfert seine Form, damit aus Finsternis

vielfältige Frucht ans Licht emporsteige?

»Ich habe auf falschen Wegen Werk und Glück gesucht«, dachte er überm

Ankleiden; »ich will meinen Gelehrten-Ehrgeiz opfern und schlicht

vom Herzen aus zu leben versuchen, Mensch zu Mensch. Ich will meine

Verstandesarbeit verbrennen; denn sie war unbeseelt. Mit diesem

Weltkriege -- das spür' ich jetzt -- donnert eine unbeseelte Zeit zu

Ende. Oder sind es schon Geburtswehen? Wird unter Tränen Seele geboren?«

Er trat an den Schreibtisch.

Und nun widerfuhr ihm eine seltsame Überraschung. Er öffnete die untere

Schublade zur Rechten. Da pflegte er seit Jahren den Stoß seiner

fertigen Handschriften zu verwahren. Aber das Fach war leer. Nur ein

vergessenes Heftchen Volkslieder lag darin; das war wohl irgendwie

einmal dazwischen geraten. Er zog es hervor und las den Titel: »Rosen

und Rosmarin. Auswahl deutscher Volkslieder mit Bildern von Rudolf

Schäfer«. War er denn verhext? Lagen die Papiere etwa im linken Fach?

Auch nicht. Hatte er sie bereits herausgenommen, als er im Gespräch

mit dem thüringischen Gast diese Arbeiten erwähnte? Möglich. Aber

er entsann sich dessen nicht. Er wußte, daß er, mit nachdrücklicher

Hindeutung, einmal voll stolzen Grimmes von seinen geistgefüllten

Schubladen gesprochen hatte, die niemand begehre. Und nun waren

beide leer? Er fuhr sich über Augen und Stirn. Hatte er sie denn

nachtwandelnd bereits verbrannt?

Bestürzt stand der Gelehrte vor dieser Leere. Er blätterte in den

gemütvollen deutschen Volksliedern, die keinerlei Gelehrsamkeit

beanspruchten und doch von Leben strahlten.

»Es war ein Markgraf über dem Rhein,

Der hatte drei schöne Töchterlein« ...

Und hier das lange nicht vernommene:

»Wenn ich ein Vöglein wär'

Und auch zwei Flüglein hätt'« ...

Und dann:

»Es waren zwei Königskinder,

Die hatten einander so lieb ...«

Oder »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« -- »Ich hört' ein

Sichlein rauschen, wohl rauschen durch das Korn« -- -- Er las sich

hinein; er vergaß Ort und Zeit; er ließ die warmherzigen Zeichnungen

auf sein Empfinden wirken. »Und wovon singen sie alle, diese Lieder?

Was suchen sie alle?« Er gab sich selber Antwort: »Immer nur des andren

Seele! Immer nur Liebe!«

Ihm däuchte, da müßte irgendein Zauber walten, ein Elfenspuk. Doch die

Tagesarbeit rief. Er warf das Heft auf den Tisch und frühstückte rasch.

Dann bewegte sich seine hohe, hagere Gestalt mit den bekannten großen

und langsam-würdigen Schritten in etwas wiegender Gangart durch den

Ort nach der Schule, wo er fast täglich ersatzweise Unterricht zu geben

pflegte.

Unterwegs begegnete ihm der katholische Pfarrer.

»=Bonjour, Monsieur Arnold!=« rief ihm dieser auf französisch

zu. »=Avez-vous déjà entendu la dernière nouvelle?=« Und ins

Elsässische überspringend: »D' Bulgare han Waffestillstand gemacht!

=A la bonne heure!= Gemunkelt het mr's schun lang! Awer 's isch

Tatsach'! Do steht's! In zwei Woche isch Fridde im Land! Jetzt isch's

mit Ditschland fertig!«

Seine Augen leuchteten vor Triumph.

Arnold achtete die katholische Kirche und lebte mit deren Vertreter in

äußerem Frieden. Dieser ziemlich kurze, festgebaute Bauernsohn mit dem

vollen Gesicht und der eckigen Stirne war echt alemannischen Gepräges.

Aber er hatte einst den französelnden und jetzt landesflüchtigen

Abgeordneten von Kolmar gewählt und pflegte dessen französisch

geschriebene Zeitung zu lesen. Seine Vorstellungswelt war den Franzosen

erlegen. Er bemühte sich, mit den Fabrikanten der Nachbarschaft ein

bäuerlich-elsässisches, für Pariser Ohren unerträgliches Französisch

zu radebrechen. Durch den Beichtstuhl hatte er Einfluß auf die

Frauen, durch diese wieder auf des Dorfes Männer; er hielt seine

Gemeinde kirchlich und politisch fest in der Faust. Den Anschluß an

den deutschen Katholizismus lehnte er ab. »=Qui dit catholique, dit

français=,« meinte er; »Frankreich und Italien sind die Mütter

unsrer heiligen Kirche.« Mit Arnold hatte er nur einen einzigen

Strauß gehabt; den aber hatte er spielend gewonnen. Der evangelische

Pfarrer hatte seinen Stiefbruder in Christo freundlich gebeten, den

Gottesdienst am Sonntagmorgen etwas später zu legen; denn seine

Frauen und Männer, durch die schwere Wochenarbeit dieser Kriegszeiten

übermüdet, könnten am Feiertag nicht genügend ausschlafen. Der

evangelische Gottesdienst pflegte in der gemeinsamen Kirche vor dem

katholischen stattzufinden. Doch der klerikale Kollege schlug ab; jene

Stunde sei alter Brauch; ein Gesuch an das Straßburger Konsistorium war

gleichfalls erfolglos: der Bischof gab seinem Pfarrer recht. Arnold

zuckte die Achseln, schwieg und ließ sich fortan auf keine Bitte an den

Amtsbruder mehr ein, noch weniger auf einen Streit. Sie waren Nachbarn

und grüßten sich; aber keine Brücke der Liebe ging von einem zum andren.

Wie nun die beiden, im äußeren und inneren Bau so verschiedenartigen

Vertreter der Religion der Liebe beisammen standen, durchzuckte den

langen Forscher und Träumer die Erinnerung an jenen Vorfall. Und

nach den Erschütterungen der Nacht empfand er bei dem Blick in diese

triumphleuchtenden Augen einen tiefen Schmerz. Sind wir denn wirklich

Diener des Meisters von Golgatha? Dann gab er dem andren ganz ruhig,

nachdem er sich aus dessen frisch vom Postamt geholter Zeitung

unterrichtet hatte, eine kurze Antwort.

»Mein Vater«, sprach er, »war ein Verehrer des Papa Oberlin im

Steintal, der in friedloser Zeit als Mann des Friedens gewirkt hat.

Ihm zu Ehren erhielt ich die Vornamen Johannes und Friedrich. Ich

hänge sehr am Elsaß, aber noch mehr an Deutschland. Und wenn nun nach

vier tapferen und geduldigen Kriegsjahren Deutschland der Übermacht

unterliegt, so werde ich es erst recht lieben. Denn es ist einfach

wundervoll, wie sich unsere deutschen Truppen schlagen.«

Dann zog er vor dem etwas verdutzten Amtsgenossen katholisch-

französischer Prägung freundlich den breiten, weichen Filzhut und bog

um die Ecke.

Der Tag war mit beträchtlicher Arbeit angefüllt. Der schmalschultrige,

wenn auch zähe Philosoph und Pfarrer hatte Nerven und Sinne kräftig

zusammenzunehmen.

Sofort nach dem Schulunterricht war ein sterbender Greis zu besuchen.

Mit ihm betete der Seelsorger den 121. Psalm, dessen sich der

achtzigjährige Alte noch erinnerte und den er mit lallender Stimme laut

nachsprach. Dann weiter, zu zwei andren Kranken, den Ärmsten seiner

Gemeinde. Da lag ein hinsiechendes Mädchen von kaum achtzehn Jahren;

und bei ihm, an Gesichtsrose erkrankt, die Mutter. So groß war hier

die Armut, daß Mutter und Tochter in demselben Bette lagen. Und welche

Stubenluft! Oft schon hatte ihnen Arnold aus seiner eigenen Tasche

ausgeholfen; und Schwester Lisy pflegte ihn bei alledem zu unterstützen

wie die freilich sprödere Fanny. Aber woher in diesen Zeiten all die

nötigen stärkenden Nahrungsmittel nehmen! Es waren geistig dumpfe

Menschen, die ihn da aus trüben Augen anstarrten. Doch schien er in

seinen Tröstungen und Gebeten heute den rechten Herzenston zu treffen.

Denn heftig atmete die Frau; sie mochte in ihrer verkümmerten Seele zum

ersten Male die ganze Lichtlosigkeit ihres geist- und gottfernen Lebens

ahnen.

Zu Hause erwartete ihn ein kriegsblinder Theologe, mit dem er bis zum

Mittagessen Griechisch trieb.

Gustav kam zur Mahlzeit aus seiner Klause herunter, weich gestimmt,

müde und in sich gekehrt. Der Blinde erzählte von seinem Aufenthalt

in Marburg. Man besprach die überaus drohende Kriegslage und

die bedenkliche innerpolitische Zersetzung. In Palästina hatten

australische, neuseeländische und indische Truppen der Engländer

die Türken geschlagen und nordwärts über Damaskus zurückgedrängt.

Bagdad war vom englischen Feinde längst genommen. Der Engländer saß

an der nordrussischen Murmanküste. Von Amerika herüber zogen, wie

Dämonenscharen, Mannschaften, Munition und Maschinen in schweren Massen

nach Frankreich, um die deutsche Westfront zu übermannen. Deutschland

war von der See her blockiert und hungerte: in ungeheurer Einkreisung

rückten die Vernichtungsheere näher und immer näher. Nun war, völlig

unerwartet, die bulgarische Mauer zerbrochen, derart zerbrochen, daß

manche Bataillone ohne einen Schuß ihre Stellungen im Stich ließen

und davonliefen. Die bulgarischen Parlamentäre standen im Lager der

Saloniki-Armee. In wenigen Tagen war die Verbindung mit der Türkei

abgeschnitten. Dann mußte auch dieses müde Volk zusammenbrechen!

Westmark · 第 4 / 15 段