»Vergiß doch eins nicht,« schloß dann Lisy das Gespräch ab, in

ihrer gedämpften, behutsamen Art immer wieder ablenkend, »nämlich,

daß eigentlich Vetter Arnold am einsamsten ist von uns allen und

am schwersten zu leiden hat. Bedenk' doch schon das Unglück mit

seiner Frau! Und was für literarische Pläne hat er gehabt, wie

viel ungedruckte Papiere verschimmeln in seiner Schublade, wieviel

Hoffnungen hat er eingesargt! Mußt nicht nur an dich denken, kleine

Fanny. Ihr alle wißt ja gar nicht, was für Feuer noch in dem scheinbar

so abgeklärten Manne glüht, denn ihr kennt ihn nicht so wie ich ihn

kenne. Und auch ich -- ach, er schließt seine letzte Tür nicht auf!

Er verheimlicht seine Tiefen; es hat niemand den Schlüssel zu seiner

Seele. Auch mich braucht er nicht; und sobald ich Ersatz habe, gehe ich

wieder nach Straßburg. Dich aber haben sie ja alle lieb, Fanny, auch

Erwin, auch Onkel Arnold. Und du willst über Einsamkeit klagen?«

Fanny hatte schweigend den nicht bitteren, doch sehr wehmütigen Ton

dieser Worte in sich aufgenommen. Jetzt sprang sie von Lisys Schoß

herunter, packte der Freundin Kopf und schaute ihr mit jähem Verstehen

in die ruhig ihren Blick aushaltenden braunen Augen. Es wurde kein Wort

weiter zwischen ihnen gewechselt. Doch das junge Mädchen bedeckte das

Gesicht der Überwinderin mit leidenschaftlichen Küssen.

Dann flog sie davon. Und Schwester Lisy griff mit einem leisen Seufzer

wieder nach ihrer Arbeit.

Und sie dachte einem ebenso erhabenen wie einfachen Gedanken nach.

Liebe verbindet, Haß trennt. In diesem Lande waren einst Männer der

Liebe und der edlen Menschlichkeit wie Spener, Oberlin und Pfeffel

geboren. Gediehen denn heute nur noch Menschen des Hasses? Und doch,

wie sich auch der Verstand der Verständigen und der Wille der Titanen

anstrengen mögen: nur die Liebe hat erlösende Kraft.

Drittes Kapitel

Elsaß und Thüringen

Nie werde ich Ihnen, edle, beste Octavie, mit

Worten ausdrücken können, wie innig ich Sie

verehre und liebe.

~G. K. Pfeffel~ in seinem letzten Briefe

an Octavie von Stein (1809)

... »Wenn Sie sich mit Gott unterhalten

und ihm Ihre ehrenwerte Familie und Ihre

Freunde empfehlen, so erinnern Sie sich

bisweilen auch Ihres ergebenen und

verehrungsvollen Johann Friedrich Oberlin,

Pfarrer.«

Aus einem Briefe ~Oberlins~ an ~Octavie

von Stein~ (1798)

Ingo Freiherr von Stein, Leutnant d. Lw., an seine Frau Elisabeth

Auf den Höhen des Steintals, in einer großartigen Vogesenlandschaft,

sitz' ich auf einem Brunnentrog und schreibe vom Elsaß nach Thüringen.

Es ist der Bezirk jenes Pfarrers Oberlin, der ebenso wie der Dichter

Pfeffel mit unsrer Urahne Octavie befreundet war.

Du weißt, daß ich den Sonntag mit einem Choral auf dem Meisterharmonium

zu eröffnen pflege; nun, heute spielt' ich den Choral »Ich bete

an die Macht der Liebe« im Pfarrhause zu Waldersbach, wo einst

Oberlin gewohnt hat. Links ragen die Trümmer des Schlosses derer von

Stein-Rathsamhausen; um mich her, in erhabenem Weitblick, ist eine

mattblaue, kühle Herbstluft. Ich höre keine Glocken, denn sie werden

wohl auch hier in Kanonen umgegossen sein; doch die Glocken sind in mir

... Trauerglocken, Elisabeth!

Ja, ich bin sehr traurig gestimmt und will mir das Herz leicht

plaudern. Flaumacher war dein Spielmann nie; doch Deutschlands

Lage -- bitter ernst! Ich habe neulich zu Straßburg von Freund

Trotzendorff vieles gehört, worüber ein Soldat nicht spricht, sondern

mit knirschendem Erröten schweigt. Doch hängt damit zusammen, daß mich

vor ein paar Tagen ein Etappen-Erlebnis ingrimmig aufgewühlt hat. Es

handelte sich, kurz und derb, um besoffene (entschuldige!) und zotende

Kameraden. Du kennst mich! Das hört sich dein Lebenskamerad bis zu

einem Siedepunkt schweigend an, dann setzt es ein Donnerwetter, im

Namen deutscher Würde und deutscher Sitte -- aber so donnernd, daß

diesen unpreußischen Neupreußen Maul und Nase klafften. Worauf ich

einen blutjungen braven Leutnant -- altpreußische Zucht, feiner und

reiner Mensch -- am Arm nahm und den Saustall (entschuldige abermals

meinen Landsknechtston!) verließ. Es gibt Dinge, über die ich keinen

unsauberen Spaß dulde. Dazu gehört die Ehe.

Genug!

Stell' dir die vorausgehenden harten Wochen vor: meist im vordersten

Graben, im schweren Abwehrgefecht bei meinen übermenschlich tapferen,

blutenden, sterbenden Kriegskameraden, ich selbst immer mitten unter

meinen Wackeren, den Stahlhelm auf dem Kopf, naßkaltes Wetter, die

Füße Eis, die Augen entzündet, der Magen knurrend -- so haben wir

scheußliche Übermacht bekämpft, bis Ablösung kam. Dann trottet man

stumpf, todmatt, Schattengestalten, aus der Feuerzone in Ruhestellung,

säubert das Fell, futtert kräftig und schläft wie ein Sack. Und wacht

auf und -- hält in den Händen deinen goldenen Freudenbrief, den man mit

Küssen bedeckt, wie einst deinen Mund.

O mein Lieb, mein Weib! Ich hab' dir ja schon gedankt -- aber nun

entschuldige, daß ich heute mit solchen Mißakkorden den Brief begonnen

habe, als ob mein Herz nicht trotz alledem voll Fröhlichkeit wäre!

Ganze Feldpakete voll demütigen Dankes könnt' ich dir nach Thüringen

senden. Also zum Knirps Gottfried hat sich eine Irmgard Elisabeth

Luise gesellt! Wie das meinen Kriegsknochen wohltut! So blüht dort im

innersten Thüringen heiliges Leben -- und hier sucht man's mit allen

Kniffen der Kriegskunst zu vernichten! Meine Gute, meine Stille, so

oft ich an dich denke, sehe ich dich als eine deutsche Madonna, dein

Kind an nahrhafter Brust, in dich hineinlächelnd, das Wunder des

Lebens hegend und herzend an diesem Quell. Das Zauberspiel der Liebe

und das Geheimnis des Werdens und Vergehens bleiben mir immer aufs neu'

erstaunlich und heilig. Was tragt und duldet ihr alles um des Lebens

und der Liebe willen, ihr geduldigen Frauen! Man muß euch ja verehrend

auf den Händen tragen und ritterlich lieb haben!

Meine Sorge gilt dem Elsaß. Mir ist bang um des Reiches Westmark.

Und wie hab' ich sie liebgewonnen! Könntest du doch einmal von der

Zaberner Burgruine Hohbarr oder von dem uralten Kloster Odilienberg

auf diese von Fruchtbarkeit strotzende Ebene und ihre dichtgesäten

Dörfer hinausschauen! Und dann dieser Kranz von alten Reichsstädten:

Kaysersberg, Türckheim, Kolmar, Schlettstadt -- und wie sie alle

heißen, deutsch und unaussprechlich für die Franzosen! In einem

schmalen Grenzstreifen, wie hier, wird Französisch gesprochen, überall

sonst alemannische Mundart. Ich sah das zerschossene Hochfeld, ging

über die Perhöhe, wo nun ein Blockhaus steht, und trank Tee im

Pfarrhause zu Wildersbach, bei einem Urenkel Oberlins. Aber es liegt

etwas Banges in der Luft -- die bulgarische Front ist durchbrochen --

mehr will ich nicht sagen ...

Am Sonntag war ich in Lützelbronn, einem reizenden Dorf am

Vogesenrande. Mein Bataillon hatte Ausspannung. Ich gehe durch den Ort

und horche auf: da wird ja mit Verständnis mein wahrlich nicht leichter

Liszt gespielt, das =Sonetto del Petrarca=! Ich hinein: »Was für

ein Haus?« -- »Das Pfarrhaus.« Also warte ich den Schluß ab und lasse

mich keckweg bei dem Konfranziskaner anmelden.

Drinnen find' ich den Pfarrer, ein hageres Gelehrtengesicht, und ein

heiter-natürliches, straffes Blondinchen mit einer vornehmen Adlernase,

einem blühenden, feinen Mund und stahlgrauen Augen -- eine Elsässerin,

von der sich sagen läßt: Zauber der Französin im Bunde mit deutscher

Wärme. In ihren Bewegungen kurz, rasch und bestimmt, von reizvoll

wechselndem Mienenspiel -- und dann wieder mit großen deutschen

Blauaugen weltverloren zuhörend, wie ein Raffaelscher Engel zu Füßen

der Sixtina. Sie ist nebenbei mit dem Sohn des Pfarrers verlobt; ich

hab' mich also nur mit schicklichem Maß in so viel Anmut verliebt ...

Ein mäßiges Instrument, aber ich schwelgte. Derweil glühte hinter dem

alten stumpfen Kirchturm das Abendrot hinab und tauchte Dorf und Stube

in himmlisches Feuer.

Dann Gespräch mit dem Pfarrer, als die Kleine verschwunden war. Und

wieder ein Aufhorchen. Sieh da, ein ernster, tiefer Idealist, ein

Charakter! Nach außen beherrscht, innen voll verhaltener Glut. Leute

dieser Art altern nicht. Je länger wir sprachen, desto jünger redete

sich dieser König ohne Land, der seine Pläne, Träume, Gedanken wie

Gold vor mir ausschüttete, der mir geistgefüllte Schubladen zeigte,

kurzum, der von Ideen strotzt. Kannst dir denken, Elisabeth, daß ich

Feuer fing! Er liest seinen Homer griechisch; er kennt Plato ebensogut

wie Kant; er ist Religionsphilosoph und Mystiker. Dabei spricht er

glänzend, warm und klar.

Und immer mehr stieg vor meiner Seele ein Trauerspiel empor. Dieser

Königsadler im Käfig, mit seinem etwas zerrupften Gefieder und seinen

hangenden Flügeln, zeigte mir, trotz alledem, daß er noch fliegen

konnte. Warum aber sitzen solche Talente in der Ecke? Warum führen sie

nicht? Fehlt es uns nicht überall an Führern? Ich habe lange darüber

gesonnen: Ist er ein elsässisches -- ein deutsches -- ein europäisches

Opfer? Hat ihn der dürr-materialistische Zeitgeist um die Verwendung

seiner Kräfte geprellt? Schleiermacher ist sein Lehrer; und von da

aus hat er sich besonders mit der Romantik befreundet; er kennt genau

Novalis und Hölderlin, diese schön angelegten, aber unerfüllten Seelen

voll Weisheit und Liebe. Einmal, als er sprach von der Notwendigkeit

eines neuen Herzensaufschwungs der Deutschen, kam er so ins Feuer, daß

er ans Klavier sprang und mit mächtigen Akkorden und entsprechendem

Tenor das »Wachet auf, es nahet gen dem Tag« aus den »Meistersingern«

hinaussang. Und mit Wucht fuhr es danach aus ihm heraus: »Wo bleibt

denn eure Kraft, euer Einfluß, ihr deutschen Gralsucher?! Ich muß

euch anklagen, ihr seelenlosen, kurzsichtigen Deutschen, und sage mit

Bewußtsein ›euch‹, denn ich Elsässer, vor 1870 geboren, fühle mich

jetzt als ein zwischen den Nationen zermalmter Europäer. Ihr seid

Knechte eines seelenlos verrömerten Staatsbegriffes geworden! Wo habt

ihr eure einst führende Gemütsmacht? Wo habt ihr die Liebe? Ihr habt

sie für das Linsengericht äußeren Fettwerdens verkauft! Ihr wollt

Engländer- und Amerikanertum nachäffen! Gebt acht, das bezahlt ihr!

Habt ihr uns Elsässern etwas andres ins Land gebracht als Paragraphen

und Polizei? Warum habt ihr uns nicht beizeiten Selbständigkeit

gegeben? Nun sehen Sie sich um, wie unsere Leute verbittert sind!

Neudeutschland hat sich im Lebenston gegen uns vergriffen! Der Franzose

täuscht wenigstens mit liebenswürdigen Phrasen über seine Leere

hinweg. Nein, keine Widerrede, Herr Hauptmann, ich würde nicht so

sprechen, wenn ich nicht bitterlich an Deutschland gelitten hätte, also

Deutschland liebte!«

So hat mir der anfangs verschlossene Sonderling sein Herz entsiegelt.

Er war Privatdozent in Heidelberg gewesen, hat sich dann auf sein Gut

zurückgezogen und bei Kriegsbeginn diese Pfarrei übernommen. Wieviel

Tüchtige leiden edel und unbeachtet in den Tiefen unseres Volkes!

Kurzweg, unter einem bedeutenden Eindruck fuhr ich nach Straßburg zu

Freund Trotzendorff.

Hier unterbrech' ich mein Schreiben einen Augenblick. Weißt du,

weshalb? Lache nicht: eine Bachstelze setzt sich auf den Rand des

Brunnentrogs, wippt mit dem langen Schwanz, trippelt anmutig und

zutraulich näher und beäugt mich. Und hat weder vor Revolver noch

Feldgewand Angst, sondern trinkt ganz gemächlich. Ich nehm's als einen

Gruß von dir aus dem Lande der Liebe ...

Der tapfere Haudegen Trotzendorff ist von seinen Wunden genesen, doch

dürr wie ein Lattenzaun. Du kennst seine völkische Tonart, seit er in

die Politik geraten; das Elsaß war schon lange sein Sorgenkind. »Viel

kleinliche, ja erbärmliche Erfahrungen hab' ich hier eingeheimst«,

sagte mir der graue Recke. »Die Elsässer sind von Natur freimütig und

gastfrei; aber sie sind unter der welschen Hetze der letzten Jahrzehnte

duckmäuserig und zweideutig geworden, Zwittergestalten! Jammerschade um

so guten Stoff!«

Am Abend beim Statthalter. Die alte deutsche Reichsstadt wirkt im

Herbstnebel schwer und mittelalterlich. Noch gigantischer ragt und

wuchtet in der Mitte das berühmte Münster mit dem einzigen, schlanken,

durchgeistigten Turm, der sich übrigens in diesem rheinischen Kies-

und Schlammboden zu senken gedroht hat vor lauter Kummer um die Zeit.

Alte schmale Gassen, überhängende Stockwerke, sonderbar altdeutsch

anmutende Straßennamen, wie Tücherstub-, Schreiberstub-, Goldschmied-

oder Zimmerleutgasse. Universität und Kaiserpalast sind Lazarette; viel

entsagungsvolle Arbeit wird da von Professoren getan; ein Kirchen- und

Kunsthistoriker war mein geistvoll gesprächiger Führer. Zwischen den

neuen Amtsgebäuden am Kaiserplatz, durch das Wasser getrennt, steht

am Staden der vornehm wirkende Statthalterpalast. Sehr hohe Gemächer,

weiß-goldner Ton, roter Teppichboden; einfach-freundliche Formen der

kriegsmäßigen Geselligkeit. Es waren da allerlei Offiziere, Geheimräte,

Professoren; ich sprach besonders mit Elsässern. Kehrreim aller

sorgenvollen Gespräche war immer wieder: Was wird aus dem Elsaß? So

stand oder saß man in Gruppen beisammen, rauchte, plauderte und schritt

dann durch die aussichtslose Nebelnacht der abgeblendeten Stadt nach

Hause ...

Der lederbraune, hagere Trotzendorff, zweimal dem Tode nahe, ist ernst

geworden wie ein Karmeliter. Treitschke und Lagarde blieben zwar seine

Führer und Freunde; doch zum Völkischen ist das Religiöse getreten; er

hat sich vertieft. »Wir haben die deutsche Seele vernachlässigt, mein

Junge«, war einer seiner Aussprüche. Und da tauchte mir das Dörfchen

Lützelbronn im Gesichtsfeld auf, der rauchende Pfarrer, das entzückende

Blondinchen. Ich erzählte Freund Trotzendorff davon; er hatte den Namen

gehört. »Einer von den Alt-Elsässern, die wir heranholen werden, wenn

hier nach dem Kriege von uns aufgebaut wird.« Wenn! ...

Ich denke an meine erste Kriegszeit hier im Elsaß. Unvergeßliche,

packende Tage und unheimlich großgestimmte Nächte! Scheinwerfer, die

ruckweise den Himmel absuchen, marschierende Regimenter, schwüldunstige

Rheinebene -- dann Namen wie Barr, Andlau, Hohwald -- dann seh' ich uns

im Straßengraben rasten -- Meldereiter, Radfahrer keuchen vorüber --

und nun rasseln und knarren Batterien nach vorn, bärtige Leute, die in

bewußt strammer Haltung, geschüttelt und gerüttelt, auf neugeschirrten

Rossen und Wagen sitzen, mit Zurufen von der rastenden Infanterie

begrüßt ... Wir nach, mit klopfendem Herzen, in den wachsenden

Kanonendonner hinein -- und noch am Abend Sturm! Das war meine

Feuertaufe. Literweise hat elsässischer Boden mein thüringisch Blut

getrunken!

Was hatte man seitdem von den flandrischen Trichtern bis zu den

russischen Sümpfen und rumänischen oder serbischen Schafweiden

alles auszuhalten! Deutschland im Kampf gegen die ganze Welt!

Zeitgenossen, spürt ihr auch, was da geleistet wird? Deutsche Soldaten

halten Wacht an jeder Eisenbahnbrücke, in jeder Ortschaft Belgiens

und Nordfrankreichs, im ganzen Reiche, in Westrußland bis hinaus

ans Schwarze Meer; deutsche Gouverneure, Richter, Bürgermeister,

Polizeibeamte sind in allen besetzten Gebieten ausgestreut. Oft

unter schwersten Verhältnissen arbeitet irgendwo in der Ferne ein

vereinzelter blutjunger Leutnant in irgendeiner Kommandantur oder in

einer verwahrlosten, von Deutschen wieder in Schwung gebrachten Fabrik.

Und wie verleumdet uns diese teuflische Auslandspresse! Daß es auch

bei uns Schufte gibt -- selbstverständlich! Aber die Mehrzahl unseres

tapfer duldenden Volkes sorgt für Ordnung und Methode, trotz Hunger und

Not; und die wackeren Männer stehen im blutigen Kampf. Hungerblockade,

Lügenblockade, Übermacht von außen und Zersetzung von innen werden

vielleicht ihr Ziel erreichen -- aber das weiß ich: unbesiegt werden

wir deutschen Soldaten vom Schlachtfeld abrücken!

Behüt' dich Gott, meine Gute, mein Weib, mein Glück! Dieser Brief

deutet mehr an, als er ausführt. Sorgen genug! Doch wir stehen fest wie

einst die Zeder Oberlin, dessen Grabmal ich gestern in Fouday besucht

habe.

Es dunkelt an den Gebirgen, ein feiner Kaminrauch sammelt sich über

Waldersbach, die Sonne ist hinter die westlichen Kuppen hinabgesunken

-- etwas vom Wirken eines gütigen Menschen ist hier in der himmlischen

Luft geblieben und schimmert herüber. Der Bergquell, der neben meinem

Sitz sein kristallklares Wasser in den Holztrog rieseln läßt, wird

vernehmlicher und singt sein uralt Einsiedlerlied in die beginnende

Nacht. Über der Gegend von Schirrgutt und Bellefosse wartet schon der

Mond -- derselbe Mond, der sich vielleicht eben jetzt in deinen Augen

spiegelt, meine liebe, liebe Elisabeth!

~Dein Ingo.~

Viertes Kapitel

Ein Nachtgang

Mir ist so weh ums Herz,

Mir ist, als ob ich weinen möchte

Vor Schmerz.

Gedankensatt

und lebensmatt

Möcht' ich das Haupt hinlegen in die Nacht der Nächte.

~Karl Candidus~

Hauptmann Ingo von Stein, der thüringische Freiherr, ahnte nicht, wie

verwirrend sein Besuch im Pfarrhause zu Lützelbronn gewirkt hatte.

Als Gustav das neuartige Klavierspiel unter sich vernahm, kam er auf

seinen Hausschuhen aus der Einsiedelei heruntergeschlürft. Er streckte

den Kopf in die Küche und fragte Schwester Lisy scheu und mißtrauisch,

wer denn da drin so toll phantasiere.

»Ein Hauptmann«, ward ihm zur Antwort.

»Hauptmann?!«

Wie ein elektrischer Schlag traf ihn das Wort. Das also war der

Hauptmann, von dem ihm der unselige Apotheker ins Ohr geflüstert

hatte! Was in der Tiefe geschwelt, schlug als Flamme empor. Und als

im selben Augenblick Fanny mit hochrotem Gesicht herausschoß und ihm

strahlenden Auges zurief, er solle doch hereinkommen, der Hauptmann

spiele ja himmlisch -- schmetterte Gustav mit den Worten: »Fällt mir

nicht ein!« die Speichertüre zu, riegelte hinter sich ab und sprang mit

zwei, drei Sätzen wie gehetzt die Treppe hinauf, oben noch einmal seine

Dachkammertüre mit Donnerhall zuschlagend und abschließend.

Fanny stand betäubt. »Was isch denn das gsin?!« Dann stampfte sie

zornig auf, glutrot bis zu den Schläfen hinan. »Das muß man sich

gefallen lassen, Lisy! Könnt' man sich da nicht gleich die Faust

zerbeißen vor Zorn?! Üble Laune ist das Allerwiderwärtigste, was es

auf Gottes Erdboden gibt!« Und sie lief in der Küche hin und her,

wahrhaft empört, und schalt, während Lisy ihr bekümmertes »ach Gott!

ach Gott!« ratlos dazwischenseufzte.

»Jetzt ist mir die Freude an der Musik vergällt«, schloß die zornige

Kleine. »Jetzt kann ich mich wieder heimtrollen und Rüben schaben.« Das

Weinen war ihr nahe, als sie grimmig davonging.

Gustav blieb den ganzen Abend unsichtbar. Sein Vater hätte ihn gern zu

den fesselnden Gesprächen hinzugezogen. Doch kein Pochen hatte Erfolg.

Er lag oben und malte sich in unsinnigen Bildern aus, daß ihm doch nur

Fannys Mitleid gehöre, daß aber ihre sinnenkräftige Natur schon lang

auf den Funken warte, auf den glutvollen, hinreißenden Mann, und daß

dieser lebhaft da unten sprechende Hauptmann sie offenbar im Sturm

geweckt, begeistert, erobert habe. Denn so hatten ihre stahlblauen

Augen noch nie geflammt!

Er lauschte den verhallenden Schritten, als der Spielmann sich

spät entfernte; er glaubte zu vernehmen, daß diese Schritte hinter

Bielers Haus verstummten. Und weiter fieberte und phantasierte der

Nervenkranke, da sei gewiß eine Verabredung getroffen. Fannys Stube

ging auf den Garten, an dessen ansteigendem Ende das Birkenwäldchen

den Hang krönt, ihr Lieblingsplatz. Ob sie den Hauptmann im Garten

erwartet? Denn Fanny ist ein unberechenbares Geschöpf, das sich im

großartigen Rausch ergibt, gänzlich moralfrei, nur Natur, nur Weib ...

Er lag und zerwühlte den Kopf; er sprang auf und lief hin und her; er

holte sein Tagebuch und schrieb sich das Herz leicht.

Mitternacht schlug. Es duldete ihn nicht mehr. Er schlich auf

Fußspitzen die Treppe hinunter und durch das leise knarrende

Hintertürchen in den Garten. Alles still. Milde Spätsommernacht; am

Himmel strichweise flimmernde Wölkchen, dazwischen feinfunkelnde kleine

Sterne. Hinter den Tannen mußte bald der Mond kommen.

Gustav ging am Pfirsichstaket entlang; dort lag das Brett; er stellte

es an und stieg geräuschlos auf die Mauer. Hinübergebeugt verharrte er

eine lange Weile, lauschend, spähend -- regte sich da nicht etwas? War

das nicht ein Geflüster? Nein, es war doch wohl nur ein verlaufenes

Nachtlüftchen oder vom unteren Dorfe her der immer fließende Brunnen,

dessen Ablauf sich ins Waschhaus und von dort in den tiefen Fischteich

ergießt. Irgendwo ein Hundegebell. Er blieb in seiner halbliegenden

Stellung, bis ihn die Glieder schmerzten. Dann stieg er vorsichtig

hinüber und schlich schattenhaft zwischen den Birken hin, den Blick auf

Fannys Kammerfenster gerichtet.

Der Mond stieg; der Giebel wurde hell. Die Helligkeit kroch langsam

weiter, wandab. Und jetzt schien der Mond in Fannys Fenster. Sieh

an -- das halbe Fenster stand ja offen! Neu aufzuckende Qual! In

jagender Gedankenschnelle fuhr es ihm in den Kopf, daß in der Nähe die

Gartenleiter hing; sie mochte ungefähr bis zu jener Höhe reichen. Die

schwülsten Ausmalungen peinigten ihn. Ja, jetzt war es ihm unfehlbar

gewiß: Fanny war falsch! Fanny, des langen Harrens auf solch siechen

Bräutigam müde, hatte sich von einer Minute zur andren dem Fremden an

den Hals, in die Arme geworfen! Zwar, allerdings, sie pflegt ja immer

mit angelehntem Fenster zu schlafen -- das ja wohl -- aber -- ja, was

denn? Das halbe Fenster war ja offen -- -- und horch!

Nein, nur der Hund knurrte. Der Hund im Hofe hatte etwas gemerkt und

wurde unruhig, schlug auch kurz und halblaut an. Gustav überlegte.

Sollte er Lärm machen? Sollte er dem ganzen Hause, dem ganzen Dorfe,

dem ganzen Erdball ausschreien, was hier vorging? Ein paar Augenblicke

überbrauste den Leidenden mit fast unwiderstehlicher Macht eine wilde

Blutwelle: »Jawohl, schrei es hinaus, brülle, tobe, tobe, tobe! Schlage

den Schlaf und den Frieden dieser Menschen von Lützelbronn in Fetzen

und Stücke, da doch dein eignes Glück in Trümmern liegt!« Aber diese

brausende Woge verebbte wieder; der Tobsuchtsdrang wich. Wenn Fanny

glücklich war, mochte sie halt ohne ihn glücklich sein; lieb behalten

wollte er sie dennoch.

Nun empfand er Mitleid mit sich selber. Er schlich weiter, glitt an der

andren Seite über die Mauer und ging, bereits mit aufquellenden Tränen

kämpfend, hinab an den immerzu plaudernden Brunnen und weiter an den

jetzt mondüberschimmerten, schwärzlich glatten Weiher.

Dort stand er lang am Ufer, wie eine Weide, immerzu ins Wasser

starrend. Er ließ seinen Tränen freien Lauf. Seine geliebte Braut

hinter ihm in den Armen des Hauptmanns! Und er -- ein gebrochener

Mensch!

Sein Weinen ging allmählich in Gebet über. Und immer war es Fanny,

der nun auch sein Gebet galt, wie vorher seine Tränen. Gott möge

sie doch nicht schlecht werden lassen -- so betete der Arme --, nur

nicht schlecht werden, nicht ihrer leicht entflammten Sinnlichkeit

unedel erliegen lassen. Er wollte selber gern das Opfer bringen, gern

entsagen, gern untergehen und sich von der Welt fortstehlen; aber Gott

möge doch Fanny segnen, seine geliebte Fanny!

Das Wasser hatte unheimliche Anziehungskraft. Ein Sprung in die Tiefe

-- und du bist frei! Und Fanny ist frei und kann sich den Mann wählen,

der zu ihr paßt. Und diese Welt voll Haß und Kampf, voll Verleumdung

und Lüge rollt weiter, ob ein Schwächling spurlos verschwinde oder

nicht. Er entwarf Abschiedsbriefe. Da waren einige Menschen, denen er

noch gern ein letztes gutes Wort niedergeschrieben hätte ...

Tränen, Gebet und die Gedanken an die Seinen verringerten nach und nach

die Seelenspannung. Es floß etwas hinweg. Die Dämonen verließen ihn. Er

schaute leichter atmend und nunmehr empfindlich fröstelnd in die kühle

Nacht. Ach, war doch am Ende all seine Erregung Unsinn? Hatte nicht

Fanny sogar im Winter das Fenster offen? Und dann: unten lag ja der

Hofhund; und über ihr schlief Tante Sophie ihren leichten Schlummer;

und eine Leiter hätte man doch wohl irgendwo sehen müssen. War doch

vielleicht alles nur Einbildung?

Beschämt und müde schlich der Nachtwandler spät nach Hause, legte sich

möglichst geräuschlos zu Bett und versank sofort in todähnlichen Schlaf.

* * * * *

Gustavs Nachtgang war bemerkt worden.

Westmark · 第 3 / 15 段