Fanny kam herübergelaufen. Auch Schwester Lisy, die den Haushalt

führte, in ihrer lächelnden, rosigen Ruhe und Rundlichkeit, setzte sich

dazu. Und so schufen sie eine gesellige Nachmittagsstunde, dampfend von

Zukunftsplänen, wie sie das Elsaß nach dem Kriege entgiften und mit

Frohsinn anstecken wollten. Der fünfzigjährige Philosoph, der tagsüber

kräftig in seiner Gemeinde gearbeitet hatte, um dem Bürgermeister über

all die Lebensmittelsorgen und tausenderlei Verfügungen ins klare zu

verhelfen, ward wieder jung mit den Jungen und schüttelte den Trübsinn

ab.

Fanny sprühte von Geniefeuer. Sie stand mit Erwin in einem reizenden

Neckverhältnis; sie beflügelten sich gegenseitig und waren wie zwei

Falter, die in blauer Luft miteinander spielend, immer höher steigen.

Und während Gustav wieder still ward und in sich zusammensank, wurde

dort das Funkenwerk fast schon Flamme.

»Er isch halt immer verliebt, der Erwin«, meinte einmal die gutmütig

auflachende Lisy, die an dem heitren Jungen gleichfalls Freude hatte.

Aus ihm aber, der nach drei Tagen wieder mit der Übermacht der

Franzosen und Engländer zu kämpfen hatte, sprach eine wehmutvolle

Glut, ein Heimweh, ein Liebesverlangen. In seinen Worten war

eine schwungvolle Poesie. Man hatte von Lenau gesprochen, Fannys

Lieblingsdichter. Er nahm das Buch und schlug auf. Und da er ein

ausgezeichneter Vorleser war, kamen die melodischen Klänge in der

bewölkten Stube wundervoll zur Wirkung:

»Rings im Kreise lauscht die Menge

Bärtiger Madjaren froh;

Aus dem Kreise rauschen Klänge --

Was ergreifen die mich so?«

mit den Schlußworten:

»Ahnen sie des Jünglings Ehre?

Ahnen sie sein frühes Grab?«

Fanny, diese feinbesaitete Natur, saß nach ihrer Art zusammengekauert

im Schaukelstuhl und hatte die graublauen Augen auf den Vorleser

gerichtet, regungslos, die Arme um das hochgezogene Knie geschlungen.

Sie sah ein Schlachtfeld der flandrischen Ebene, tiefhangende schwarze

Wolken, ein schwefelgelbes schmales Abendrot, rauchende Dörfer darin

und ragende Fensterhöhlen -- und zwischen den schattenhaft hinziehenden

Heeren die furchtbaren Flammen einschlagender Granaten ...

Plötzlich fuhr sie zusammen. Eine Stimme klang nahe an ihr Ohr: »Was

krieg' ich fürs Vorlesen?« Und Erwins Gesicht beugte sich lachend und

keck-verlegen zu ihr herab.

Fanny sprang auf und wollte ihn unbefangen auf die Wange küssen; doch

er drehte sich ein wenig und nahm den Kuß voll und unmittelbar von

ihrem Munde.

Bald darauf verabschiedete sich der junge Krieger mit etwas

übertriebener Lustigkeit. Onkel Arnold und Gustav beschlossen, ihm eine

Strecke das Geleit zu geben. Im Hausflur, als die andern schon draußen

waren, packte Fanny den zuletzt gehenden schwermütigen Verlobten rasch

von hinten her um den Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich hab' dich

doch ganz allein lieb!«

* * * * *

Als Fanny durch die Seitentür des Hofes in ihr väterliches Haus

zurückkehrte, ward sie Zeuge eines eigenartigen Vorganges.

War das nicht der lahme Schauli? Wollte er wieder einmal die etwas

einfältige alte Salome necken?

Der krumme Kellermeister, der neben dem Taubenschlag sein Stübchen

hatte und seit einem Jahrzehnt zum Hauswesen gehörte, rollte eben ein

leeres Faß unter die Fenster der Wohnstube. Und nun war er wahrhaftig

im Begriff, hinaufzuklettern!

Drinnen ging's hitzig her. Und zwar -- es war kein Zweifel -- in

französischer Sprache. Im Dorf lag bayerische Einquartierung; vor der

nahen Schmiede lungerten Feldgraue herum. Wurde jenes politische

Gespräch in Bielers Wohnstube noch lauter, so konnte die ganze Gasse

das unpolierteste elsässische Französisch vernehmen. Und dann -- dachte

Schauli mit Recht -- war »der Teufel los«.

So rollte denn der krumme Schalk sein Fäßchen heran, nahm erst eine

Prise aus der Birkendose und verfügte sich mit seinen Säbelbeinen etwas

mühsam auf den Faßboden. Und plötzlich sich erhebend, streckte er den

schnauzbärtigen und buschigen Graukopf mit der zerknitterten Hausmütze

ins Fenster.

»=Messieurs!=« rief der alte Zuave. »=Excusez=, awer 's isch

vun dr ditsche Rejeerung verbotte, franzehsch ze redde!«

Sprach's und verschwand wieder schmunzelnd in die Tiefe, die

französisch parlierenden Brüder Bieler ihrem Staunen überlassend.

»Wer isch denn drinne, Schauli?« rief Fanny herüber.

Schauli drehte den Kopf aus dem Kellereingang zurück und legte einen

Ton komischer Hochachtung in seine Antwort.

»Dr Herr Charles üs Stroßburi!«

»Sunsch nix?«

Es klang nicht gerade entzückt.

»Nee, Mamsell Bieler, sunscht wüßt' ich jetzt im Aueblick juscht net

viel Nejes«, meinte der alte Spaßvogel ernsthaft und humpelte in seinen

Keller.

»Was isch des jetzt do gsin, Jean?« fragte drin der ältere der beiden

Brüder, der Straßburger Kaufmann und Kirchenälteste Charles Bieler.

»Dr krumm Schauli, der alt' Narr!« brummte der Winzer Johann Bieler und

schenkte ein. Aber die Brüder sprachen fortan elsässisch und dämpften

ihre Stimmen. Und überdies schloß Charles das eine Fenster und Jean

das andre. Dabei schnellten einige Weinranken zurück, die sich in den

Fensterflügel klemmen wollten; und Papa Bieler, dessen Käppchen schief

saß, machte eine ärgerliche Bewegung, als scheuchte er verspätete

Wespen hinweg. Er war sichtlich verstimmt.

Sie hatten sich über den Preis des Weines, den Herr Bieler aus

Straßburg zu kaufen gekommen war, noch nicht geeinigt. Sein Bruder

setzte ihm erfolglos auseinander, welche Lasten jetzt den Winzer

zu Boden drückten. Er war empört über Kriegswirtschaft und

Zwischenhändler; der Weinbau mache ihm längst keine Freude mehr. Er

werde sich zurückziehen.

Dann brachen sie ab; und der Straßburger fragte plötzlich nach Fannys

entflohenem Bruder.

Der ältere Bieler war ein ansehnlicher Herr, mit wohlgeübten,

bedächtigen Bewegungen, die einen kühlen Abstand gegen seine

Angestellten bedeuten sollten. »Der Herr Bieler« -- seine Waschfrau

sprach das Wort mit ebensoviel Hochachtung, die Hände am Schürzenzipfel

abtrocknend, wie der Lehrjunge, wenn er schnell ein paar gestohlene

Rosinen hinunterschluckte und eine respektvolle Haltung annahm. Für

Madame Bieler war er nur in vertrautem Kreise »d'r Charles«; vor allen

andren war er auch in ihrem Munde »d'r Herr«; und der Lehrbub wußte,

was sie meinte, wenn sie ihm zurief: »=Voyons donc=, Schosef,

wart' nur, wenn d'r Herr heimkummt!«

»D'r Herr« -- da lag Würde drin. Zumal wenn er den Kneifer auf die

Nasenspitze setzte, obwohl nicht sehr kurzsichtig, und dann, über

die Gläser hinüberschauend, mit seinen Leuten sprach: da spürte man

den reichen Mann, die alte Familie. Diesen Kneifer hatte er an einer

schwarzen Schnur immer erreichbar in der oberen Westentasche, spielte

oft damit und gab seinen Worten Nachdruck, indem er mit der Rechten

den flachen Kneifer auf und ab bewegte: »=Voila!= So isch d'

=affaire=!«

Sein Bruder, Fannys Vater, war mehr ländlicher Art, gutmütig und

natürlich, weniger kühl und weniger hoffärtig. Papa Bieler trug einen

kurzen grauen Spitzbart, ein Sammetkäppchen auf dem fast kahlen

Kopf und eine blaue Schürze, in deren oberem Teil ein großes buntes

Taschentuch zu stecken pflegte. Er schnupfte ebenso leidenschaftlich

wie sein Gehilfe Schauli und fuhr häufig, besonders in erregten

Augenblicken, mit dem Taschentuch über die Nase. Wenn er recht

ungeduldig oder ärgerlich war, wie heute, so rückte er das bestickte

Käppchen fortwährend von einem Ohr zum andern und kratzte sich bald

links, bald rechts. Und während sich der abgearbeitete Mann etwas

gebückt hielt, stand der beleibte Straßburger aufrecht mit seinen

langen Rockschößen und hatte gern die linke Hand hinter dem Rücken,

während die Rechte mit dem Kneifer belehrte. Straßburg beherrschte das

Feld; Lützelbronn kam nicht dagegen auf.

»Weisch, Jean,« stellte der Herr Bieler aus Straßburg fest, »dü bisch

allewil e bissel e schwacher Charakter gsin. Awer was de Georges

anbelangt -- er het absolument recht!«

Und er verteidigte seines Neffen Fahnenflucht.

Die Brüder sahen sich selten, zumal während des Krieges. Es war die

erste gründliche Aussprache. Im alten Bieler wollte der Kummer und

Verdruß ob des Sohnes Tat nicht zur Ruhe kommen. Aber der Straßburger

billigte die Flucht; ja, er hatte sie angeregt.

»Ich bin früher bei der Regierung geachtet gewesen,« erwiderte Papa

Bieler, »jetzt bin ich geächtet. Der Herr Kreisdirektor ist oft zu

mir gekommen, der Herr Bezirkspräsident hat mich wie 'en alte =ami=

behandelt. Jetzt gehen sie mir alle aus dem Wege. Aber der Gendarm

streicht ums Haus herum; und wenn der Bezirkshauptmann kommt, so macht

er ein paar Augen -- na, du kannst dir's denken! Ich bin nichts mehr,

ich gelt' nichts mehr. Und das hab' ich meinem Sohn zu verdanken.«

Fanny war während der Erörterungen eingetreten, hatte den Oheim

kurz begrüßt und einen Teller voll Trauben auf den Tisch gestellt.

Schweigend setzte sie sich auf einen Stuhl. Und als sie eine Weile

zugehört hatte, ging sie ebenso stumm wieder hinaus.

»Und ihr zwei habt nicht an die dort gedacht, an Fanny,« fuhr Papa

Bieler fort, »sonst hättet ihr's euch besser überlegt. Du weißt, daß

sie mit dem Gustav da drüben verlobt ist. Und du weißt, daß sie im

Pfarrhaus deutsch sind bis auf die Knochen!«

Das brachte den Herrn Bieler aus Straßburg plötzlich in Aufruhr. Eine

Flutwelle von angestautem Zorn und Haß ergoß sich aus dem sonst so

gehaltenen Städter:

»So ein Professor, der kein rechter Pfarrer, und so ein Pfarrer,

der kein Professor ist! Der Halbschwob ist euer Unglück! Den hat

die Regierung da hergesetzt, daß er aufpassen soll! Ein bezahlter

Regierungsagent! Glaubst du denn, der tut sich nur so aus Mitleid

um die Gemeinde kümmern? Der wird wissen, was er für sein Aufpassen

bekommt! Und du bist so dumm und gibst dem Schwob deine Tochter! Die

hätt' in Straßburg die brillantesten Partien machen können! Und da

hängt sie jetzt an dem Schwowe-Trottel!«

Der Herr Bieler aus Straßburg verlor alle Fassung. Er wurde gehässig.

Ihm waren allerlei Heiratsabsichten, die er mit seiner Nichte geplant

hatte, zu Wasser geworden. Und auf einmal schrie er: »Der da drüben

wird wissen, =ma foi=, woher das Geld stammt, mit dem er sein Gut

instand hält, während er da den Pfarrer spielt! Aber wart' nur: d'

Franzose komme wieder ins Land! No paß uff!«

Ein Weilchen ließ der Winzer seinen empörten Bruder toben. Dann aber

packte ihn selber, den gutartigen Alten, jene Wut, die selten, aber um

so furchtbarer aus dem biederen Alemannen herausbrach. Ein Faustschlag

donnerte auf den Eichentisch.

»Halt's Mül, Charles! Jetzt haw ich, zum Dunderledder noch emol, din

daub Gebabbel satt! Müeß denn glich jeder e bezahlter Spion sin,

wenn er Achtung het vor Ditschland?! So e hirndumms, simpelhaftes,

nixnutziges Cercle-Gebabbel! Dü hesch mine Büe uff'm Gewisse, dü, ja dü

mit dine Hetzrede!«

Vater Bieler schrie es dem verdutzten Straßburger mit Zorn und Schmerz

ins Gesicht, dann schritt er stracks hinaus und schmetterte die Tür

dermaßen hinter sich zu, daß die farbigen Luxteller an der getäfelten

Wand tanzten. Und der erschrockene Bruder stand allein.

»=Allons donc! Allons donc!=« sagte Herr Bieler, legte die

Hände auf den Rücken und war bestürzt. So hatte er den Jean noch nie

gesehen. Mit dem war's verschüttet. Er ging hin und her, legte sich

einige versöhnliche Wendungen zurecht und lauschte nach der Tür. Aber

der andre gab ihm keine Gelegenheit, seine einlenkenden Redensarten

anzubringen. Papa Bieler war in den Keller gegangen und klopfte mit

Schauli wahrhaft erbost an den Fässern herum.

Was tun? Sollte man zur »Tante Sophie« hinaufgehen, die im

Giebelstübchen hauste, halb gelähmt an den Beinen, ganz und gar nicht

an der Zunge? Nun ja, einen »=Bonjour=« mußte man ihr sagen, kurz

und höflich. Tante Sophie war die Schwester der beiden Bieler, sehr auf

den braven Winzer gestimmt, wenig aber auf den »Hochmutszipfel«, wie

sie den Straßburger zu nennen pflegte.

Dieser stand verdrießlich am Fenster. Es lag ein wohltuend warmer

und reiner Himmel über Haus und Garten, über Dorf und Weinberg

nebst dunklem Bergwald. Und in der Luft war dieses verheißungsvolle

unterirdische Pochen in manchen Kellern, und fernher irgendein

Knabenruf oder schnatternde Enten am Dorfteich. Alle Laute, auch das

Hähnekrähen, waren klar und nahe. Nur gedämpft, fast träge, klang heute

der altgewohnte Kanonendonner durch die Stille ...

»Die Welt wär' schön,« dachte plötzlich Herr Bieler, »wenn's keine

Politik gäb'.«

Er schenkte sich unbehaglich sein Weinglas voll. Das Gold funkelte

in der Sonne. Er hob das Glas gegen das Licht. Mit wem nun anstoßen?

Und auf was? Auf Frankreich? Man war schließlich doch kein Franzose;

und Elsässer zu Tausenden bluteten jetzt gegen den welschen Nachbarn.

Sollte man ihnen Niederlage und Untergang wünschen? »=Ma foi,

non=, sell geht net.« Auf Deutschland? Na, das hatte auch so seine

Mucken. Aufs Elsaß? Ja, aber man war ja nicht einmal im Ländel einig!

Ohne zu trinken setzte der sonst so sichere Herr Bieler das Glas wieder

ab. Ihn durchschauerte zum erstenmal das äußerst ungewohnte Gefühl der

Vereinsamung. Fannys stummes Kommen und Gehen mitten in dem politischen

Gezänk ward ihm auf einmal, in der blauen Stille dieses wehmutschönen

Herbsttages, schmerzlich bewußt. Das Ehrenmitglied des Straßburger

=Cercle= ahnte da ein Frauenleid, an dem bisher seine politische

Verbohrtheit blind und stumpf vorübergegangen war.

Langsam trank er endlich den ausgezeichneten Rappoltsweiler Riesling

allein aus. Dann nahm er Hut, Mantel und Schirm, wechselte in der

Küche einige Worte mit Fanny und Salome, sagte im Giebelstübchen der

unwirschen Tante Sophie »=Bonjour=« und zog seines Weges, ohne den

beleidigten Bruder noch einmal gesehen zu haben.

Als der Straßburger verschwunden war, tauchte erst der alte Schauli

zwischen den Oleanderbüschen des Eingangs aus dem Keller auf und

streckte den Kopf empor wie ein Dachs aus dem Bau. Er witterte,

schnoberte nach allen Seiten in die Luft und winkte dann seinem Patron

und Arbeitgeber. Nun erst hinkte, stöhnte und schimpfte der Weinsticher

selber in Hof und Stube hinauf und begab sich nachher bald zu Bett.

Sein rheumatisches Leiden hatte ihn wieder gepackt.

»=Mais dis-donc, papa!=« rief die besorgt herbeieilende Fanny,

»warum bisch denn in de Keller gange?«

»=Tais-toi!=« rief der verärgerte Alte zurück. »Schilt dü nit au

noch! Do dran isch der Stroßburjer Giftnickel schuld.«

Und er machte seiner Leber Luft. Er passe nicht mehr in die Zeit und er

vertrage den Keller nicht mehr. Man solle ihm seine Ruh' lassen. Wenn

doch nur die Tochter unter der Haube und die Tante Sophie in Pfalzburg

bei der Schwester oder am Nordpol bei den Eskimos säße! Er selber aber

freue sich auf den Moment, wo er mit seinem einzig wahren =Ami=,

seinem Jugendfreund Sorgius, im Spital oder im Diakonissenhause in der

Sonne sitze oder in der Taverne sein Schöppele trinke. Mehr wolle er

nicht.

* * * * *

»Lisy, verstehst du, daß man sich einmal ausweinen muß?« rief die

stürmische Fanny, indem sie in Schwester Lisys stilles Stübchen trat,

sich vor sie hinwarf und fassungslos zu schluchzen begann. »O Lisy, ich

kann und kann und kann's nicht mehr aushalten!«

»Um Gottes willen!« rief die erschrockene Lisy, legte die Stickerei

beiseite und streichelte das blonde Köpfchen in ihrem Schoße. »Was isch

denn g'schehn, Kind?«

»Ich hab' Georges lieb und hab' Gustav lieb und hab' Erwin lieb -- und

Onkel Arnold und alle hab' ich lieb! Ich sterbe an zu viel Liebe! Und

mich hat keiner lieb!«

Das holde Kind in seinem hellgrauen Gewand lag weinend vor den Knien

der immer dunkel gekleideten Freundin, deren Schattenriß sich breit vom

Fenster abhob.

Schwester Lisys reife Ruhe wirkte auf diese heißherzige Natur immer

sehr wohltuend. Über zwanzig Jahre älter als Fanny, ziemlich zur Fülle

neigend, war sie in Reden und Bewegungen von angeborener, durch den

Umgang mit Leidenden verstärkter Bedachtsamkeit. Ein Dutzend Jahre

war sie Krankenpflegerin gewesen und hatte sich hernach der Massage

gewidmet. Sie besaß dazu eine geheimnisvolle Begabung. Genesungskraft

entströmte ihren weich-warmen Händen. Sie betrachtete diese Tätigkeit

als eine Art Gottesdienst; ein stilles, von keinem gemerktes Gebet für

die Kranke pflegte ihre Arbeit zu begleiten. Von sich selbst machte

sie nicht viel Wesens; allen Dank der Genesenen brachte sie ihrem

himmlischen Vater dar, mit dem sie sich in inniger Einfalt verbündet

wußte. Ungern hatte sie sich kurz nach Kriegsbeginn, nach einer

schweren Typhuserkrankung, bereden lassen, Vetter Arnold den Haushalt

zu führen. Sie war dann, immer als »Schwester Lisy« in Lützelbronn

geblieben, sehnte sich aber nach ihren Straßburger Lazaretten und

Kranken, nach ihrem eigentlichen Berufsfeld.

»Was haben sie dir denn wieder einmal angetan, Kind?« Sie pflegte die

Kleine meist »Kind« zu nennen in ihrer mütterlichen Freundschaft. »Ist

die Tante ungattig? Setzt der Papa 's Käppel zu viel aufs link' Ohr? Wo

fehlt's denn?«

»Lisy,« rief Fanny jäh, warf die Arme empor und riß der Freundin Kopf

zu sich herab, »hast du denn gar keine Augen, siehst du denn nicht, daß

wir alle umeinander herumgehen? Siehst du denn nicht, daß wir alle so

schrecklich einsam sind?!«

Und sie erzählte in hastigen Worten den bösen Zusammenstoß zwischen den

Brüdern; und Papa habe so »gekrischen«, wie sie ihn noch nie schreien

gehört habe; und der Onkel sei ganz kreideweiß gewesen; und die Tante

sei unausstehlich giftig, humple in der Küche herum und mache ihr und

Salome das Leben schwer.

»Ja, ja,« sagte Lisy bekümmert, »dein Bruder hätt's halt doch nicht tun

sollen.«

»Gel, ja, alles Unglück kommt nur von da her, nur von da!« stimmte

Fanny leidenschaftlich bei. »Denn seit jener Zeit -- ich fühl's genau

-- traut mir auch Gustav nicht mehr ganz. Es ist etwas zwischen uns

zweien. Und, Lisy, ich will dir's nur gestehen« --

Das ehrliche Kind zögerte einen Augenblick und flüsterte dann, wie im

Beichtstuhl, der Freundin ins Ohr:

»Gustav hat recht! Ein Teil meiner Phantasie ist nicht immer bei ihm,

ist oft bei meinem Bruder in Frankreich. Lisy, ich sag's nur dir, dir

ganz allein! Ich male mir's oft aus, wie sie's dort wohl schwer haben,

da doch so ein großer Teil von Frankreich verwüstet ist, wie sie aber

doch so tapfer weiterkämpfen. Und daß sie doch eigentlich feinere

Manieren haben als die Deutschen -- weißt du, ich mal' mir's halt nur

so aus. Und daß Georges nun für immer drüben bleiben muß und ich hier

...«

Sie brach zögernd ab, mit dem fragenden Blick eines Kindes, und schaute

fast ängstlich in Lisys Gesicht, ob sie denn nun nicht ganz und gar

verurteilt werde.

Das rosige, volle Gesicht der milden Freundin wurde ungewöhnlich ernst.

»Liebes Kind,« sprach sie, »bist du drüben gewesen? Nein. Aber ich.

Du malst dir aus, was sich viele Elsässer ausmalen. Ich kenne die

Franzosen, hab' liebe Freunde unter ihnen, kenne aber auch ihre Fehler.

Stell' dir ja nicht vor, daß hinter den Bergen, wo das Abendrot den

Himmel so schön goldig färbt, alles eitel Licht und Farbe sei! Das

ist falsche Romantik. Sieh dir dort einmal das Bild meines Bruders

an, des Lehrers, den sie als Geisel verschleppt und schauerlich

mißhandelt haben! Ein so stiller, braver Mensch! Freilich könnten die

Deutschen von den Franzosen auch lernen, vor allem, daß man auf seine

Nation stolz sein muß. Denn das sind sie drüben; sie haben darin mehr

Charakter als wir hierzulande. Aber wir haben Ordnung, Ernst und Tiefe.

Und im Grund auch viel mehr Liebe, Fanny. Es ist nur jetzt überall so

viel Haß und Kälte in der Welt, daß wir alle frieren. Nein, nein, mal'

dir über die Franzosen nichts Romantisches aus! Die Religion hat dort

einen schweren Stand. Ich wünsch' ihnen und uns den Frieden -- aber

französisch werden? Gott möge das Elsaß vor dem Unglück bewahren!«

»Lisy,« sagte Fanny, in ihrer sprunghaften Art plötzlich von einem

anderen Gedanken durchzuckt und die Tränen aus den Augen wischend,

»hast du denn eigentlich nie geliebt? Ich habe nie eine so selbstlose

Person gesehen wie dich.«

Schwester Lisy lächelte ihr unsagbar gütiges Vollmondlächeln, nahm das

schmale Gesichtchen der Kleinen in beide Hände und fragte mütterlich:

»Kind, was verstehst du denn eigentlich unter Liebe? Sag' mir doch

einmal das zuerst!«

»Nun, daß dich ein Mann ganz besonders und vor allen andren Menschen

dich ganz allein lieb hat und du ihn.«

Lisy schaute mit einem eigentümlichen Blick durchs Fenster in eine

weite Ferne.

»Weißt, Fanny, das sind so junge Mädchenträume. Die macht man einmal

durch in deinem Alter, aber man bleibt nicht dabei stehen. Man will

anfangs freilich besitzen, nach und nach aber will man etwas anderes:

nämlich helfen. Mir liegt das Helfenwollen im Blut; denn als Tochter

eines Arztes bin ich schon in Kinderjahren an den Operationstisch

gewöhnt worden. Siehst du, und so frag' ich halt immer zuerst, was

andre leiden ... Entschuldige nur, ich muß von Zeit zu Zeit aus dem

Fenster schauen: Vetter Arnold sitzt jetzt schon wieder stundenlang

bei einer Kranken, hat das Essen versäumt und kommt, scheint's,

nicht mehr nach Hause. So macht er's immer. Und wenn er heimkommt,

geht's gleich wieder an den Schreibtisch bis Mitternacht. Und die

vielen Lebensmittelsorgen, die Mißstimmung im Volke, die sittlichen

Verwilderungen in der vaterlosen Jugend und alles das -- es reibt

ihn vor der Zeit auf. Denn er gehört in geistig vornehme Luft, nicht

in so kleinliche Verhältnisse. Er gehört überhaupt nicht ins Elsaß.

Denn hier ist alles vergiftet. Sieh dir doch nur einmal sein Gesicht

an, wie sich da Wehmut eingegraben hat!«

Fanny stützte den Kopf in beide Hände und lauschte nachdenklich.

Lisy schaute immerzu durchs Fenster. Wolkenschatten zogen über ihr

mildfreundliches Gesicht, als sie nun wie zu sich selber mit ihrer

angenehm leisen Stimme plauderte:

»Ich kenne ihn seit meinem zehnten Jahre. Er ist ja älter als ich.

Ein merkwürdiger Sonderling schon als Knabe! Durch meinen Stiefvater

sind wir Verwandte geworden und haben uns eigentlich immer gut leiden

können. Heute schaut man auf die Gefühle jener Zeit zurück wie auf --

nun, wie soll ich sagen -- wie auf welke Albumblätter und vergilbte

Briefe. Ach, und es hat doch damals recht weh getan, bis es überwunden

war!«

Sie wandte ihr Gesicht plötzlich wieder dem immer noch vor ihr knienden

Mädchen zu.

»Geliebt, Fanny? Ob ich geliebt habe? Ich habe immer geliebt. Erst

war's ein einzelner Mann, später wurden es sehr viele Männer und

Frauen. Ja, Kind, ich hab' mich auch einst manche Nacht in den Schlaf

geweint und habe Gott angefleht, er möge mir eines bestimmten Mannes

Liebe schenken. Aber Gott hat etwas Besseres vorgehabt; er hat's später

erhört, nur ganz anders. Er hat mir Liebe über Liebe gegeben; Tränen

der Dankbarkeit, ja Küsse dankbarer Liebe auf diese zwei Hände sind

mir geschenkt worden. Fanny, und das ist so heilig-schön, daß es jenes

andre wahrscheinlich übertrifft. Mein Liebesvermögen ist nicht ärmer

geworden, sondern reicher. Sollen wir Frauen denn immer erst Weibchen

sein und dann erst Menschen?«

Fannys blaue Augen waren größer als je. Sie erhob sich, setzte sich

auf Lisys Schoß, legte den Arm um den Hals der Freundin und den Kopf

an ihre Schulter. Und mit einem Seufzer und bebender Stimme sagte sie

leise:

»Du bist besser als ich, Lisy, und bist größer. Wenn ich deinen

einsamen Weg gehen müßte -- es wäre mir grauenhaft!«

Sie schüttelte sich.

»Nein, ich darf nicht dran denken, nein, nein, nicht dran denken! Es

würde mir die Kraft nehmen, es würde mich umbringen!«

Sie schloß die Augen. Ahnungen schüttelten ihren empfindlichen Körper,

und ihre Seele schauderte vor Wüsteneien, die sie in der Ferne zu sehen

glaubte.

Die ruhige Freundin küßte des erregten Mädchens glühende Wange

und sagte liebkosend: »Liebs kleins Fannjele« -- als ob sie

zu einem hilflosen Kinde spräche. So saßen sie ein Weilchen

aneinandergeschmiegt, bis sich Fannys heißes, volles Herz am

gleichmäßig atmenden Busen der reiferen Vertrauten beruhigt hatte.

Westmark · 第 2 / 15 段