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Westmark
Roman aus dem Elsaß
Von
Friedrich Lienhard
60. Auflage
[Illustration]
Stuttgart
Verlagsanstalt Greiner & Pfeiffer
Druck von Greiner & Pfeiffer in Stuttgart
Inhalt
Seite
Erstes Kapitel: ~Drei Einsiedler~ 1
Zweites Kapitel: ~Dreierlei Gespräche~ 18
Drittes Kapitel: ~Elsaß und Thüringen~ 37
Viertes Kapitel: ~Ein Nachtgang~ 44
Fünftes Kapitel: ~Zusammenbruch~ 55
Sechstes Kapitel: ~Das Weinberghäuschen~ 75
Siebentes Kapitel: ~Briefe eines Elsässers~ 87
Achtes Kapitel: ~Ein Tag in Straßburg~ 97
Neuntes Kapitel: ~Aus Speckels Tagebuch~ 119
Zehntes Kapitel: ~Das Grab im Birkenwäldchen~ 129
Elftes Kapitel: ~Stille Menschen~ 153
Zwölftes Kapitel: ~Heidelberg~ 164
Erstes Kapitel
Drei Einsiedler
Die Welt ist groß: zieh hin und her,
Du findest doch kein Elsaß mehr!
~Ehrenfried Stöber~
Herbstwehmut überschauerte bereits die Gefilde der Westmark. Die
Weinberge um Lützelbronn begannen sich zu vergolden. Gärten und Felder
hatten ihre Sommerarbeit getan und waren willens, ihre Früchte den
Menschen abzugeben.
Über der Ebene und am Gebirg entlang war jener zarte Duft, der zumal
im Abendrot der elsässischen Spätsommerlandschaft einen wehmutvollen
Zauber verleiht. Noch glaubt man die Gluten des Sommers irgendwo in
den Tiefen zu spüren; aber sie sind vergeistigt, verhalten, nur noch
Melodie und Farbe, nicht mehr Leidenschaft.
Oder war diese veredelte Glut nur in der Seele des Einsamen, der oben
am Waldrand saß und den ernsten Blick in die Landschaft sandte?
Es war ein langer, hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren, in dunkler
Kleidung, die sofort den Pfarrer oder Gelehrten verriet. Auf seinem
Lodenmantel gelagert, hatte er den Ellenbogen aufgestützt; neben ihm
lagen Buch und Filzhut. Die Stirn trat aus gelichtetem, angegrautem,
kurzem Haar bedeutend hervor. Herb, fast schwermütig wirkte das
längliche bartlose Gesicht mit den zwei tiefen Kummerfalten, die sich
von der Nase zu den Mundwinkeln herunterzogen.
Der Boden zwischen Weinberg und Kastanienwäldchen war trocken. Ein
wilder Kirschbaum breitete seine spitzen, welk herniederhangenden
Blätter über den Träumenden aus. Ein paar lange Halme standen
regungslos. Vergilbte Kastanienblätter bildeten einen Teppich; hie
und da lag eine gesprungene Schale der eßbaren Früchte. Und Risse im
Boden zeigten, daß sich in dieser geschützten hohen Waldecke nicht viel
Regen zu sammeln pflegte. Ein toter Winkel, der aber weit und breit den
schönsten Rundblick bot.
Es war ein Elsässer aus altem Geschlecht, der von diesem Lieblingsplatz
seine schwermütigen Gedanken über die Heimat hinauswandern ließ.
Pfarrer Johann Friedrich Arnold amtierte seit Kriegsbeginn in seinem
Heimatdorfe Lützelbronn. Aber so friedlich sich auch das Dörfchen zu
seinen Füßen von hier oben beschauen ließ: welch ein Lebenswirrsal lag
hinter dem stillen Manne! Er hatte einige Jahre auf seinem kleinen
Landgut Windbühl gesessen und gesonnen; er hatte noch früher als
philosophischer Privatdozent in Heidelberg Fuß zu fassen gesucht. Er
galt bei seinen Landsleuten und Amtsgenossen zwar als »arg gelehrt«,
genoß auch als vornehmer Charakter unbestimmte Achtung, erschien aber
doch den meisten als ein etwas abenteuerlicher Sonderling, der seine
Ziele überspannt hatte und nun eigentlich in einer unfruchtbaren Ecke
saß.
Der Elsässer hatte von einem Landsmann gelesen, der vor hundert Jahren
im Steintal, tief im Wasgenwalde, segensreich gewirkt hatte. Die
»Zeder« hatten sie jenen schlichten, frommen und festen Pfarrer von
Waldersbach genannt. Im Jahre 1826, im hohen Alter von sechsundachtzig
Jahren, war der Allverehrte gestorben. Jenen Patriarchen Friedrich
Oberlin hatte er sich zum Vorbilde genommen. Es waren in jenem
Edelmenschen Fähigkeiten an der Arbeit gewesen, die sich einst
beruhigend und beseelend auf die Umwelt ausgestrahlt hatten.
»Ich habe mir selbst ähnliche Kräfte auszuwirken gewünscht«, dachte
der Spätling auf seinem Hügel. »Allein das Schicksal hat mir kein
Wirkungsfeld gestattet.«
Er sah im Geist seine leidvoll hingesiechte Frau; er sah sich
erschüttert vor ihrem verzerrten Angesicht stehen bei jenem letzten
furchtbaren Besuch im Irrenhause ... Er sah im Geist seinen Sohn,
der jetzt da unten im Giebelzimmer des Pfarrhauses saß, mit einer
Nervenerschütterung heimgekommen aus der Somme-Schlacht ...
Und jäh zuckte nun er selbst empor. Ein ferner Kanonenschuß! Das kam
aus den Südvogesen. Unheimlich, ob auch gedämpft, rollte das nun wieder
Schlag um Schlag über die lang widerhallenden Berge. Es gab Tage, wo
diese Batterien nur tropfenweise zu vernehmen waren; und andre Tage, wo
die Fenster zitterten. Zwei Völker rangen dort wieder um des deutschen
Reiches Westmark! Zwei nur? Nein, viele Völker! Seit vier Jahren schon
ein Lebenskampf zwischen Deutschland und fast der ganzen übrigen Welt!
Und dieses deutsche Elsaß-Lothringen, dieses Alemannenland, das die
Gegner eine geraubte französische Provinz zu nennen wagten, war bei
alledem eins der leidenschaftlich umstrittenen Kampfziele. Auf den
Tag der Rache hoffte ja Frankreich seit Jahrzehnten! Auf den Tag der
Rache hatte auch im Elsaß eine kleine gehässige Minderheit gewartet
und gewühlt seit Jahrzehnten! Nun hatten sie ihren Rachekrieg. Europa
blutete. Und das Niederträchtige dabei war, daß die feindlichen
Völkerschaften dem deutschen Volk und dem deutschen Kaiser alle Schuld
zuschoben ...
Vier Jahre Weltkrieg! Er dachte an die ersten lodernden Kriegstage
zurück: wie er Schwester und Tochter seines damals krank liegenden
Nachbarn und Freundes Bieler noch im letzten Augenblick aus den
Südvogesen holte. Welche Flucht! Die furchtbaren Donnerschläge der
Kanonen, die hinter ihnen den dunkelblauen Nachthimmel in rote Glut und
die Dörfer in Rauch und Brand verwandelten! Die Franzosen waren über
die Schlucht und von Belfort her in Gebirg und Ebene eingebrochen. Eine
Reihe von elsässischen Ortschaften wurde besetzt; die Bevölkerung der
Kampfzone floh. In einem kleinen Gefährt holte er noch rasch die zwei
Frauen, die dort auf Besuch waren. Jenes ganze Dorf war auf der Flucht.
Bald wuchteten Bergwände hinter dem Zug der verstörten Flüchtlinge.
Die Sinne vernahmen wieder die Geräusche der Nähe. Lauter knarrten und
ächzten die Wagen; die schlürfenden Schritte und das Schnaufen der
Rinder machten sich stärker vernehmbar; ein Husten oder Niesen klang
kühner hinaus; auch zahlreicher als zuvor ein Weinen oder eines Kindes
Geplärr. Und vernehmlich rauschte neben der Straße der mitwandernde
Waldbach, der sich gleich jenen Elsässern in die Rheinebene zu flüchten
schien. Wohl verfolgte dumpfer Kanonenton Gehör und Gemüt noch lange.
Doch das Mordfeuer klang spärlicher und durch Ferne gemildert in die
Seele der Entsetzten.
Er sah sie im Geiste zwischen ihrem hochgetürmten Gerät. Mit gezügelten
oder gemessenen Schritten bewegten sich neben den Ochsen und Kühen
die Knaben und Greise, gedämpften Tones die Zugtiere ermunternd und
die nachwandelnde Herde antreibend. In der sternenhellen, mondlosen
Nacht blitzte von Zeit zu Zeit eine Laterne auf. Der vorderste Bauer
hatte seine Leuchte am Leiterwagen befestigt und erhellte als Führer
den Weg. Der alte Lehrer schritt manchmal die Reihe entlang und rief
ermunternd einzelne Namen in die Nacht hinaus; und von da und dort
scholl beruhigende oder seufzende Antwort. So kroch der Zug aus der
Finsternis des Wasgenwaldes in das weithin klaffende morgengraue
Flachland. Im Osten, über der Linie der Schwarzwaldberge, flimmerte der
erste Purpurschimmer der Morgenröte ...
Und ergreifend war es dem Pfarrer in Erinnerung, daß plötzlich in jenem
Flüchtlingszuge ein Knabe zu singen begann. Mit schöner Bergstimme sang
der Sohn der südlichen Elsaßberge das deutsche Volkslied:
»Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trauern an.
Das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen,
Ins Vaterland wollt' ich hinüberschwimmen,
Das ging nicht an« ...
Wohl verwies ihm eine scheltende Frauenstimme das unpassende Singen.
Aber der Knabe fuhr leiser fort, ohne sich sonderlich einschüchtern zu
lassen. Und das trauervolle Lied schwebte fortan über der alemannischen
Flüchtlingsschar, wie das Weinen einer Seele, die mit verhülltem
Antlitz vor den Dämonen des westlichen Hasses nach Osten flieht ...
Dann ein andres Bild: jener begeisterte Auszug der elsässischen
Regimenter aus Straßburg! Wie dröhnte die Meisengasse, wo einst
Rouget de l'Isle die Marseillaise gesungen, vom Marschgesang der
blumengeschmückten deutschen Soldaten! »Lieb' Vaterland, magst ruhig
sein! Fest steht und treu die Wacht am Rhein!« Und winkende Hände
und Taschentücher aus allen Fenstern -- und heiße Tränen und heiße
Hoffnungen! Unbekannte schüttelten einander die Hand: »Auch ein Sohn
dabei? Jetzt hat's mit dem Zwitterwesen ein Ende! Jetzt bluten wir
miteinander!« Und seht doch, da springt einer aus dem Volk heraus und
nimmt dem Fahnenträger begeistert die Fahne ab -- und Frauen und Kinder
laufen weinend und lachend neben den Todgeweihten einher ... Auch sein
Sohn Gustav war dabei, leuchtend von inneren Flammen! ...
Und nun vier Jahre lang schwerer Kampf gegen ungeheure Übermacht! Der
letzte deutsche Angriff des Sommers 1918 war leider ebenso mißglückt
wie der Angriff der Österreicher an der italienischen Front. Die
deutsche Westfront wich langsam, langsam zurück ...
Der Träumer schauerte zusammen. Ein alter Bauer am Rande des Hohlweges
trug schwermütig Stangen auf einen Handwagen. Nur flüchtig hatte
der Alte bei der einsetzenden Kanonade nach Süden gelauscht. Jetzt
klapperten wieder gleichmäßig seine Holzschuhe durch die reine
Luft herauf. Sonst kein Laut. Das Dörfchen zu Füßen des Gelehrten
schimmerte mehr und mehr in einem letzten lieben Sonnenblick. Das zarte
Birkenwäldchen im Garten des Winzers Bieler, unmittelbar neben dem
weißen Pfarrhause, stand verklärt und zum Betreten nahe. Wie schön und
rein dieses geliebte Land, wenn man sein Bild mit stiller Seele aus
etlicher Höhe in sich aufnahm!
Steile Pappeln wuchsen in der Ebene. Sie standen wie feierliche
Zypressen auf einem Gottesacker. Die Störche rüsteten nun zur Südfahrt;
die Schwalben desgleichen.
»Elsaß gleicht in Wahrheit einem herbstlichen Friedhof«, dachte der
Einsame. »Mein Ohr vernimmt ein Lied der Schwermut. Wir sind ungeheuer
verlassen, wir Elsässer!«
Der Pfarrer und Professor war musikalisch. Er glaubte jetzt Liszts
zweite ungarische Rhapsodie zu vernehmen, die über die Ebene brauste
wie ein Heer von Geisterrossen und wieder verwehte -- nein, sich
verwandelte in ein Notturno oder eine Ballade von Chopin. Dann schien
das magische Singen und Klingen wieder verflogen. Ein ganz leiser
Abendhauch bewegte die Halme. Des Einsiedlers Blick umschattete sich ...
Aus dem Birkenwäldchen zu seinen Füßen erhob sich eine Gestalt. Die
Erscheinung wuchs. Jetzt füllte sie sein Gesichtsfeld aus -- und es
entspann sich ein Gespräch.
»Wer bist du?« fragte der Seher.
»Die Seele, die du liebst.«
»Wer ist die Seele, die ich liebe?«
»Von der du träumst.«
»Wie kann Gestalt annehmen, was in Lüften lebt? Kann elsässische Seele
Person werden? Kann sie als Mann oder Mädchen vor mein Auge treten?
Kann ich ihr die Freundeshand reichen oder sie liebend ans Herz ziehen?
Denn siehe, ich habe um die Seele meines Volkes gerungen lebenslang --
und habe sie nicht gefunden.«
»Hat deine Liebe nicht einst Gestalt genommen und einen Sohn gezeugt?«
»Ich habe wohl einen Sohn, doch ich bin um ihn bange. Um sein Gemüt
noch mehr als um seine zarte Gesundheit. Denn auf ihm lastet dieses
Landes tragisches Schicksal. Er wird darunter vergehen, fürcht' ich,
wie seine Mutter vergangen ist. Zwanzig Jahre bin ich allein; ich habe
mein Herz und meine Hoffnung in meinen Sohn ergossen. Und mein Sohn
droht mir zu zerbrechen.«
»Hast du niemanden als ihn?«
»Seine Braut, meine Schülerin und junge Freundin, die mir nicht minder
gut ist als ihm.«
»Wie kannst du sagen, daß du einsam seiest? Haben dich nicht beide
lieb?«
»Beide haben mich lieb. Und ich wüßte niemanden, den ich mehr liebe.
Und in ihnen lieb' ich dieses Land, das sich weit und wehmütig hinter
ihnen ausdehnt. Warum senkst du das Haupt?«
»Siehst du das Birkenwäldchen in deines Nachbars Garten?«
»Ich sehe es.«
»Dort wird ein Grab stehen.«
»Ein Grab? Wessen Grab?«
Die Luftgestalt erhob beide Arme, beschrieb einen Bogen, als wollte sie
das Land umfassen, und wiederholte:
»Ein Grab.«
»Ein Grab? Willst du mich damit schrecken? Schätzest du meine
geistigen Kräfte so gering ein? Du täuschest dich und mich mit diesem
Spinnwebgewand der Trauer. Willst du dieses Landes Seele sein? Nein,
nein, du bist nicht die letzte Tiefe der Westmark! Unseres Wesens
Kern ist trotz alledem Kraft, unsre letzte Tiefe ist schaffende Liebe.
Immer neu in jedem Frühling belebt sich die Natur, und aus Trümmern
erblüht Leben. Wirf dein Gewand ab, enthülle deinen Kern, deine Tiefe!
Enthüllst du dich nicht, Gespenst, so will ich selbst dich entzaubern!
Denn wir sind die Seele dieser Westmark, wir Schaffenden, wir
Lebendigen! Wir gestalten dich -- du nicht uns! Verschwinde!«
Ein Ruck, ein Griff in die blasse Luft: das Gesicht verschwand. Der
Seher warf einen Bann ab. Er saß nun aufrecht und atmete befreit.
Und siehe da! Die Sonne brach noch einmal in entzückender
Strahlenbrechung quer herüber in das Birkenwäldchen. Und dort, zwischen
den jungfräulichen weißen Stämmen, stand in der Tat eine menschliche
Gestalt in hellem Frauengewand und winkte herauf.
»Es ist Fanny«, sagte der Erwachte.
Und er nahm Hut, Buch und Mantel und ging mit großen Schritten hinunter
ins Tal.
* * * * *
Fanny Bieler hatte lange Stunden in ihrem Stübchen auf dem Fußboden
gesessen und in alten Briefen gekramt. Schubladen standen offen,
Papiere, Bänder, gepreßte Blumen lagen umher. Und mitten darin saß die
blonde kleine Gestalt, derart vertieft, daß sie die ganze Außenwelt
vergaß.
Da waren die Briefe ihres Bräutigams Gustav, sehr zahlreich, sehr
sauber geschrieben und gehaltvoll; dann waren da in großer, kräftiger
Schrift die meist kurzen, hingeschleuderten, sprühenden Briefe ihres
entfernten Verwandten Erwin ... Waren es nicht Liebesbriefe, glühender
als Gustavs gehaltene Schreibart?
... »Da sitz' ich auf dem Petersberg zu Erfurt, genialste aller Basen,
hab' einen ausgezeichneten Feldwebel und einen widerwärtigen Hauptmann,
werde mir aber meine Begeisterung nicht zerrupfen lassen durch einen
Überpreußen, dessen schnarrende Stimme sämtliche neun Musen in die
Luft sprengt. Was tut also der findige Rekrut? Er versetzt seiner
Cousine Liebeserklärungen. Weib, Weib, glückselig der Mann, der dich
in die Arme schließt! Ich könnte Freund Gustav, den grundguten Kerl,
prügeln, daß er Dich nicht jeden Tag jauchzend durch die Stube trägt,
Du anmutigstes elsässisches Maidel, dessen einziger, erster und letzter
Kuß von damals -- weißt Du, beim Auszug, in unsrer Stube am Münster --
o Straßburger Münster --, dessen einziger Kuß, sag' ich, mir heut' noch
und für immer auf den Lippen brennt! Leb' wohl, Fanny, ich schwöre Dir,
kein Mädchen zu berühren, und nichts zu tun, was Dich betrüben könnte!
Und ich danke dem Himmel, daß im Elsaß Mädchen wachsen wie Du! Wenn Du
ein Eckplätzchen in deinem Herzen neben Deinem Gustav übrig hast, so
laß mich dort uffm Schemele sitzen und behalt e bißl lieb.
Deinen Freund und Vetter ~Erwin~.«
Solche Briefe liest ein hübsches Mädchen nicht ohne Stolz und
Ergriffenheit, selbst wenn sie noch so glücklich verlobt ist. Fanny
kam in ein holdes Verträumtsein; dann prüfte sie sich selbst. »Kann
ich denn treu sein?« dachte sie plötzlich. Und sie ertappte sich
darauf, daß sie oft mit mehr Lust und Laune an Erwin schrieb als an
ihren Bräutigam. Und doch: wie innig hatte sie Gustav lieb! Sie war so
entsetzt über diese feine Untreue, über dieses leise, leise Liebesspiel
mit dem lebhaften, langen, blonden Erwin, dessen Augen so lustig hinter
dem Kneifer sprühten; sie war so bestürzt über die Möglichkeit, für
einen andern noch Raum zu haben in ihrem bräutlichen Herzen -- daß sie
jäh aufsprang, alle Briefe in die Schublade warf, abschloß und mit
zwei, drei Schritten die Treppe hinunterflog an das Klavier, wo sich
ihre heiße Natur in Liszt und Chopin austobte.
Dann lief sie hinaus in den Garten.
Sie war im Städtchen gewesen und trug noch ihr hellgraues Kleid mit
breitem rotem Gürtel. Den Lodenmantel hatte sie umgeworfen; die Wangen
glühten; die feste, volle Brust atmete stark.
Alles in der feingebauten, spannkräftigen, nicht großen Gestalt war
beherrschte Glut. Um ihr blondes, über den Schläfen geringeltes
Haupthaar hatte sich das Netz einer Spinne gewickelt. Das junge Mädchen
blieb mit zusammengepreßten Lippen stehen, blinzelte nach oben und
suchte das Gespinst zu entfernen. Der rote Mund war erstaunlich schmal,
aber voll, gleichsam gewölbt; die Adlernase zwischen den blauen Augen
wirkte bedeutend und gab dem ovalen, rosigen Gesichtchen Charakter. So
klein die Gestalt war, sie bekundete Festigkeit und Wärme zugleich.
»=Allons donc!=« rief sie jetzt und schleuderte das lästige
Anhängsel mit kurzem, raschem Ruck an ein Birkenstämmchen, das
erschrocken einige Blätter über das ungeduldige Persönchen fallen ließ.
Sie lief nun im höheren Teil des Gartens hin und her, wo das Wäldchen
an den Pfarrgarten grenzt. Wie oft war der Jugendfreund und Geliebte
über diese Mauer gesprungen! Sie lauschte insgeheim auch heute auf sein
Kommen. Aber sie war zu stolz, um sich diese schmerzliche Ungeduld
merken zu lassen. Scheinbar wohlgemut schritt sie flinken, federnden
Schrittes hin und her, als ob sie zu lange gesessen hätte und sich
etwas erwärmen wollte. Ja, sie summte leis-wehmütig ein Liedchen von
der schönen armen Lilofee vor sich hin, das sie vom Wandervogel Erwin
gelernt hatte, und blickte hartnäckig nach der Ebene hinaus oder nach
dem Wald empor. Im Weinkeller klopfte der Vater mit dem lahmen Schauli
an den Fässern herum -- -- und fernher von Süden setzte nun wieder die
Kanonade ein.
Drüben aber, im Giebelstübchen des Pfarrhauses, freilich auf der
abgelegenen Seite, saß der beurlaubte kränkelnde Gustav, keine
hundert Schritte von der lebensprühenden Geliebten entfernt. Seine
Ruhr und seine Wunde waren geheilt; aber Herz und Nerven gehorchten
noch nicht. Vom stolz-einsamen Vater und von der menschenscheuen,
aus dem Irrenhause in die Ewigkeit hinübergeschlichenen Mutter hatte
der begabte Jüngling viel Einsamkeitsbedürfnis im Blute. Seine
Dachkammer war sein Reich; die Tür an der Speichertreppe pflegte er
von innen zu verriegeln. So war er unnahbar. Niemand konnte ihn aus
der selbstgewählten Einsiedelei herunterlocken, wenn er nicht Lust
hatte; auch nicht der verehrte Vater und noch weniger die Braut und
Spielgenossin. Er hatte seine Trutzstunde; man mußte ihn allein lassen.
Manchmal freilich überwältigte den Jüngling der Drang, sich an Menschen
anzuschmiegen. Dann herunter, ein Sprung über die Mauer -- es lag dort
ein altes Brett, das man schief anstellte, um der Fußspitze einen Halt
zu geben -- und er war in den Armen der küssedurstigen Geliebten der
zärtlichste und bei aller Inbrunst ritterlichste Liebhaber.
Mit Tränen der Dankbarkeit und der Rührung dachte Fanny an all die
liebenswerten Eigenschaften des Leidenden. Sie selber, sinnenstark
und rein zugleich, verband ungewöhnliche Liebeskraft mit einem
ungewöhnlichen jungfräulichen Stolz. So war es ihr denn nicht gegeben,
den Geliebten zu umwerben oder gar an seiner Türe zu betteln. Eher die
Lippen blutig beißen -- --
Sie riß eine letzte Rose so hastig ab, daß sie sich in den Zeigefinger
stach. Mit Ingrimm, einem schmollenden Kinde nicht unähnlich, stand
sie nun und saugte am Finger. Der dunkelgrüne Lodenmantel war von der
Schulter geglitten. Und wie sie nun in ihrem hellen Kleide dastand,
den zierlichen Finger am Munde, dachte sie lebhaft an Onkel Arnold; so
pflegte sie den Vater ihres Bräutigams zu nennen. Er war so oft mit
seiner Weisheit und Ruhe ihr Zufluchtsort: wo blieb er denn heute?
Ein Vorgang drängte sich lebhaft und anschaulich vor ihr inneres
Auge. Das war damals eine der schwersten Nächte ihres Lebens. Zittern
überlief die kleine Gestalt, wenn sie daran dachte. Das war die Nacht
im Herbst 1914, als ihr Bruder Georges, im Auto vorüberkommend, nach
der Schweiz und nach Frankreich zu fliehen entschlossen war, mit
falschem Paß -- ein fahnenflüchtiger Stabsarzt! Furchtbare Nacht!
Ihr Bruder und der herübergeeilte Pfarrer waren aneinandergeraten,
deutschgesinnt der reife Onkel Arnold, verhetzt von Französlingen der
junge Elsässer. Es ward ein Ringen auf Tod und Leben. Vater Bieler
verkroch sich; das junge Mädchen saß mit zusammengebissenen Zähnen
in der Sofaecke, grausam eingekeilt zwischen dem geliebten Pfarrer
und nicht minder geliebtem Bruder. Und ihr Bräutigam, der kerndeutsch
gesinnte Elsässer, stand derweil auf dem deutschen Schlachtfeld! Noch
einmal hatte der Pfarrer den Flüchtling zur Pflicht zurückgeführt; aber
tags darauf entwich dieser dann doch seinem deutschen Vaterlande. Und
nun stand Georg Bieler längst auf der Liste der ausgebürgerten Elsässer
-- ein Landesverräter!
Sie war damals dem geliebten Onkel Arnold an den Hals geflogen, als
er den Bruder noch einmal beredet hatte. Und -- wann war's doch? Ein
zweites Mal, schon früher, hatte der väterliche Freund sie an sein Herz
gerissen, der hohe, nach außen so kühle Mann, und mit einem Jubelruf in
die Lüfte gehoben. Das war -- ja, das war in jener Philosophiestunde
mit Gustav auf dem Gutshof Windbühl, als sie den Kant zornig an die
Wand warf. Die Stelle wußte sie nicht mehr; aber sie erinnerte sich
ihres Entsetzens nach der jähen Tat, sie erinnerte sich des verärgert
scheltenden Gustav -- und wie sie dastand, den Finger am Munde, von
dem Gedanken gelähmt: »Um Gottes willen, was wird nun Onkel Arnold
sagen, der Philosoph?!« Aber Onkel Arnold, der Mensch, lachte laut auf;
er packte das temperamentvolle Mädchen unter den Armen, hob es wie
ein Kind hoch und küßte es mitten auf den blühend warmen Mund. Es war
wirklich so: sie wurde von ihm geküßt -- und hatte doch Kants Kritik
der reinen Vernunft an die Wand geworfen!
Immer war es Onkel Arnold, der sie verstand, der ihr zu Hilfe kam, der
vor allem ein lebendiger Mensch war und dann erst ein Gelehrter.
Und während sie nun, den Finger noch am Munde, wie damals in der
philosophischen Stunde, ihre Augen am Berghang schweifen ließ -- siehe,
da saß ja Onkel Arnold oben am Kastanienwäldchen unter dem Kirschbaum!
Sofort begann sie zu winken. Endlich ein Mensch!
* * * * *
Gustav stand in seinem Dachstübchen am offenen Fenster und beobachtete
durch den Feldstecher den Vollmond.
»Ich bin geheimnisvoll mit dem Mond verbunden«, dachte er. »Der Tag ist
mir zu grell und zu laut.«
Bleich wie das langsam über das Gebirge emporsteigende Nachtgestirn war
auch sein Antlitz. Er trug neben dem kurzen dunklen Schnurrbart noch
an den Backenknochen etlichen Haarwuchs, so daß er mit seinem etwas
düstern Ausdruck einem Bildnis des Dichters Lenau nicht unähnlich sah.
Schlank, von feinem Gliederbau, in Gebaren und Sprechweise gedämpft,
gehörte der gewissenhafte junge Mann zu jenen Naturen, die sich weder
aufdrängen noch durchsetzen, sondern am liebsten ihre Person auswischen
möchten.
»Gäb's doch nur eine Tarnkappe!« seufzte er manchmal. »Ich möchte am
liebsten unsichtbar durchs Leben gehen.«
Er hatte sich zur wohlgelungenen Abgangsprüfung vom Gymnasium ein
wertvolles Zeißsches Fernglas erbeten. Sternkunde war eine seiner
Leidenschaften. Da war es nicht verwunderlich, daß man ihm den
Spitznamen »Sterngucker« anhängte.
Andrerseits war er ein Kleinkrämer, ein Sammler, der mit fast komischer
Zärtlichkeit wunderlichste Dinge einheimste und aufbewahrte: Steine,
Blumen, Briefmarken und eine Fülle von kleinen Erinnerungen, mit
beschriebenen Bändern oder Aufschriften versehen, ebenso genau geordnet
und durchgeführt wie sein Tagebuch. Philosophie und Literatur waren
sein Studium; die Sternenliebhaberei zu vertiefen, war er zu wenig
Mathematiker. Und seine Schwäche auch in seiner Wissenschaft bestand
darin, daß er sich gar zu gern in Kleinkram verlor. Er verbrachte oft
Stunden damit, eine nicht genau bezeichnete Stelle aus Goethe oder
dergleichen selber aufzusuchen, auch wenn der Gewährsmann, dessen Buch
er las, noch so zuverlässig scheinen mochte.
»Warum nur die Leute nicht genau die Seiten angeben,« knurrte er
ärgerlich, »wenn sie einen Dichter anführen!«
Alsdann schrieb er sich Band und Seite seiner Quelle mit Bleistift
an den Rand und war beruhigt. Dem Gehalt des angeführten Wortes
nachzudenken, vergaß er darüber.
Er war der geborene Spezialist und Kleinforscher und gehörte in eine
Bibliothek oder auf den Lehrstuhl einer modernen Hochschule.
Und diesen feingestimmten Nervenmenschen packte das Schicksal und
stellte ihn mitten in das Grauen der Somme-Schlacht. Gewissenhaft und
treu hielt er in den Gasgranaten aus bis zum Letzten. Er liebte sein
deutsches Vaterland. Eine Glutwelle der Begeisterung hatte auch ihn
hinausgerissen, wie seinen liebsten Freund, den anders gearteten Erwin.
Jetzt saß der junge Elsässer hier mit zerrütteten Nerven. Er starrte
die zerfurchte Mondfläche an, legte dann das Glas beiseite und kam in
eine sinnlose schaukelnde Bewegung, wobei er immer -- in Erinnerung an
einen Satz des Philosophen Kant -- die Worte vor sich hinleierte: »Der
bestirnte Himmel über mir -- das moralische Gesetz in mir -- über mir
-- in mir -- --« bis er sich, plötzlich erwachend, umsah und in ein
Stöhnen ausbrach: »Herrgott, ich bin ja krank!«
Schwer warf er sich auf den Diwan, zog die Decke über sich, schloß die
Augen und murmelte leis in sich hinein: »Ich bin krank, ich bin krank!«
Ein widerlicher Duft, der aus dem Keller zu kommen schien, lag über dem
Dorfe. Oh, wie das an die Leichengerüche der Schlachtfelder erinnerte!
Warum man ihn nur so allein ließ? Er ringelte sich zusammen, ganz klein
-- und Bilder aus den grauenvollsten Kriegstagen rollten ununterbrochen
und marternd über seine Seele hinweg. Nur bittere, nur quälende Bilder
-- ein Mückenschwarm von Dämonen und Fratzen! ...
Plötzlich -- er fuhr empor -- kamen schwere Stiefelschritte die
Bodentreppe herauf.
»Was ist das? Nicht möglich! Hab' ich denn vergessen, die Bodentüre zu
verriegeln?«
Gustav sprang auf. Und schon hüstelte draußen jemand, klopfte an
und streckte dem aufschließenden Bewohner ein drollig lächelndes,
wohlgenährtes Gesicht entgegen.
»Salüt, Güschtel!«
Das französische »=Salut=« und dabei eine feldgraue Uniform? Doch
was für eine Uniform war denn das?
Gustav stand sprachlos. Violetter Kragen -- ein Generalstäbler?
Nein, dieses pfiffig-dumme Gesicht paßte nicht in den Generalstab.
Maschinengewehr? Jäger? Was denn eigentlich?
»Gel, Güschtel, do gücksch jetzt?« rief der Eingetretene, eine
stämmige, fast feiste Gestalt. Und jetzt erkannte Gustav seinen
Schulkameraden, den Sohn des Gastwirtes, der als Apotheker im Städtchen
tätig war.
Apotheker also!
»Ich bin nämlich ein deutscher Krieger«, sprach der eintretende
Elsässer mit komisch betontem Hochdeutsch, »und verteidige das
Vaterland.«
Er sah an seiner Uniform hernieder und nahm sich offenbar selber
nicht ernst. Um den sinnlichen Mund war ein etwas unsicheres, fast
ängstliches Lächeln, in den Augen ein Zwinkern und Blinzeln. Er hielt
sich gebückt und schien immer um sich zu horchen, ob nicht jemand um
den Weg sei, vor dem man die Knochen zusammennehmen müsse. Und an der
niedrigen Stirn dieses unwillkommenen Besuchers sah Gustav wieder jene
wohlbekannten Falten, die wie ein breites Grinsen sichtbar wurden,
wenn der Spaßmacher die kleinen Augen hoch riß -- dieser Spaßmacher
und Lebemann, der durch sein überlegen weltmännisches Gebaren so oft
den schüchternen Jungen begönnert und lüstern belehrt hatte. Wie eine
Dunstwolke schob es sich in das Zimmerchen eines vornehmen Einsiedlers,
der die dargebotene Hand kaum mit den Fingerspitzen berührte.
»=Salut=, Alterle!« wiederholte der Dicke gemütlich und nahm
gleich das Fernrohr zur Hand. »Bisch, glauw' ich, wieder emol e bissel
Sternegücker? Wie geht's denn allewil?«
Gustav murmelte einiges, und jener trat ans Fenster, äugelte durch
das Glas, bedauerte, daß man nicht zu Bielers Fanny hinübergucken
könnte und fragte blinzelnd, »wie weit« denn der Verlobte mit der
»kleinen netten Mamsell Bieler« sei. Er schnalzte dabei, als ob es
sich um eine besonders feine Weinsorte handelte. Und dann fuhr er
fort, in seiner gemütlich-sinnlichen Art zu erzählen, daß er sich
mit den Etappenoffizieren ganz gut stehe, besonders mit dem dortigen
neuen Hauptmann. Mit vielen »weisch, Güschtel«, setzte er spöttelnd
auseinander, das sei so ein »hungernder Agrarier aus Pelzpommern«, dem
das Fell fast platze, so verstehe er sich zu mästen. Und besonders sei
der Schwob »hinter de Maidle her«. Aber jetzt krache die Front bald
zusammen, dann rutsche die ganze Bande über den Rhein ...
»Weisch, Güschtel, was Maidle anbelangt, macht er mir nix vor!«
Er setzte sich und schlug sich lachend auf den Schenkel. Dies alles
geschah mit so zwangloser Selbstverständlichkeit, als wäre Gustav
nicht nur sein alter Duzfreund, sondern auch der Gesinnungsgenosse
seiner gemeinen Gelüste. Durch Anbiederungston pflegt die Gattung der
Lüstlinge ihre Gewalt auszuüben. Gustav duckte sich dann gewöhnlich und
hatte gegenüber so viel Sicherheit nicht den Mut zur Gegenwehr.
Auch heute drohte der arme Junge dem lähmenden Dunstkreis zu erliegen.
Er wollte nicht unhöflich sein; er gab wortkarge Antwort -- doch
immerhin: er gab Antwort. Und der gesprächige andere sorgte schon
dafür, daß keine Stockung eintrat.
Auf einmal aber kam etwas zur Sprache, was den zarten Leidenden an
seiner empfindlichsten Stelle traf und zum wildesten Gegenkampf
herausrief.
Der Hauptmann aus dem Städtchen -- so plauderte der Eindringling --
sei ein herzhafter Trinker und, wie gesagt, ebenso handfest hinter den
Mädchen her ...
»Na, nimm din' Braut in Obacht, Güschtel! Die isch e hitzig's Ding,
die klein' Bieler. Das wär' so e Bisse, wenn er sich emol hinter die
hermacht! Der versteht's besser als dü Hasefües!«
Sehr viel weiter kam der unglaubliche Bursche allerdings nicht. Als
noch eine häßliche Anspielung fiel, war es zu Ende. Gustav zuckte
empor, Gustav trommelte mit beiden Händen -- und auf einmal sprang
er auf, packte den Feisten mit grimmiger Gewalt am Hals, schüttelte
ihn, stieß den Überraschten mit unnatürlicher Kraft an die Stubentür
und schlug ihm, schäumend vor Zorn, mit der Faust ins Gesicht. »Dü
hundsgemeiner Kerl! Du hast mich vergiftet von Kind an! Du bist schuld
an meinen kaputten Nerven! Rüs mit dir -- oder ich bring' dich um! Ich
bring' dich um!«
Der Brünstling schrie auf vor Angst -- »Güschtel, mach' m'r nix« --
tastete nach der Mütze, bot diesem wahnsinnigen Anfall gegenüber ein
Bild des Entsetzens -- und taumelte endlich, ohne den leisesten Versuch
einer Gegenwehr, die Treppe hinunter, von den krankhaft herauszuckenden
Zornrufen des Rasenden verfolgt. Es war ein schrecklicher Auftritt.
Das Wort »Lump«, aus Gustavs feinem Munde immerzu wiederholt, war
das letzte, was über den Speicher scholl. Dann schleuderte er dem
Fliehenden noch ein Paar Handschuhe nach, warf den Riegel in die
Bodentür und lief in sein Stübchen zurück, das er gleichfalls fest
hinter sich abschloß. Geschüttelt von nervösen Atemstößen, lag der
Kranke nun wieder auf seinem Diwan, während der andere mit dem
geschwollenen Auge unten der verstört herbeigelaufenen Haushälterin
Lisy zurief: »Der do owe isch verruckt!«
* * * * *
Fanny war inzwischen dem heimkehrenden Pfarrer entgegengegangen und
hatte ihm halb ärgerlich, halb kummervoll geklagt, daß Gustav wieder
einmal unnahbar auf seiner Dachkammer hause.
»Also drei Einsiedler«, versetzte Onkel Arnold ruhig. »Nun, zwei davon
haben sich wenigstens zusammengefunden.«
»Du bist müde, Onkel Arnold, gel? Sonst käm' ich nach dem Abendessen
hinüber -- und wir spielten Gustav die fünfte Symphonie vor.«
»Ja, komm nur, Kind! Müde? Na, man ist halt doch nicht so kräftig
genährt und hat seit Kriegsbeginn fünfundzwanzig Pfund abgenommen.
Hungerblockade! Diese Fastenkur haben wir dem Präsidenten der
amerikanischen Plutokratie zu verdanken. Der Mann will uns
vergeistigen. Hörst du, wie es da im Süden bis in die Nacht hinein
pocht? Dämonen nageln einen Sarg zu. Das Zeitalter des Materialismus
stirbt ... Ja, Kind, komm nur! Ich hab' noch ein paar Amtsgeschäfte,
dann spielen wir den unsterblichen Beethoven. Das lockt den dritten
Einsiedler herunter.«
Und so geschah es.
Gustav hatte sich nach der ungewöhnlichen Turnbewegung merkwürdig
rasch erholt. Er ertappte sich sogar auf Lachanfällen. Zu komisch, wie
der dicke Feigling winselte: »Güschtel, mach m'r nix!« Und den Sieger
durchströmte ordentlich ein Wohlbehagen, daß sein Faustschlag so gut
gesessen.
»Hätt' ich's vor zehn Jahren schon getan, mir wär' wohler in meiner
Haut«, murmelte er. »Von außen ein sogenannter gemütlicher Kerl -- von
innen ein sittlicher Lump und gemein bis ins Mark!«
Und als unten das vierhändige Spiel emporrauschte, durchflutete ihn
wieder der Drang nach einer reinlichen Lebensgemeinschaft. Er schlich
unauffällig hinunter, an der kurz und herzlich während des Spiels ihm
zunickenden Fanny vorbei, und kauerte dann auf dem Schaukelstuhl,
seiner Lieblingsmusik lauschend.
»Was hast du denn mit dem Apotheker gehabt?« fragte der Vater, als sie
nachher allein waren. Er fragte möglichst gelassen, gleichsam nebenhin,
während er seine lange Pfeife in Brand setzte.
Den habe er, entgegnete Gustav, mit Wucht und Wonne die Treppe
hinuntergeschmissen, denn der Kerl habe mit gemeinen Redensarten sein
Zimmer verstänkert.
»Papa,« fügte er nach einigem Zaudern hinzu, »was ist denn das für ein
neuer Hauptmann im Städtel?«
»Je weniger man von ihm spricht, um so besser für ihn und uns,«
entgegnete der Pfarrer. »Er schnarrt, nennt uns Elsässer eine
Rasselbande und beginnt jeden dritten Satz mit: ›Sagen Se mal!‹
Ein Zerrbild preußischer Energie, und ein Hohn auf altpreußische
Einfachheit. Hoffentlich richtet er kein Unheil an.«
Zweites Kapitel
Dreierlei Gespräche
O Elsaß, Oberlins und Speners Land!
Zwei Völkern den Versöhnungsbund zu stiften,
Sei zwischen beiden du das Liebesband!
~Adolf Stöber~
Der nächste Tag brachte dem Einsiedler Gustav ein Göttergeschenk, wie
er sich jubelnd ausdrückte. Sein Freund Erwin, der junge Straßburger
Lehrer, kam jählings angeflogen, um nach kurzem Urlaub Abschied zu
nehmen. Denn es ging wieder an die flandrische Front.
»Gott sei Dank, daß du gekommen bist!« rief Gustav. »Dich brauch' ich
ja ganz herzbitterlich! Sie lassen mich hier alle so grausam allein!
Gott sei Dank, daß man sich endlich wieder einmal aussprechen kann!«
Er zerdrückte dem langen, blonden Feldgrauen, dessen sonnige Blicke
durch Brillengläser strahlten, fast die Hand.
»Herrschaft, Güschtel, was isch denn los?«
Die Unterhaltung zwischen den beiden elsässischen Unteroffizieren
ward in des Landes alemannischer Mundart geführt, sprang aber oft in
Hochdeutsch über.
»Sie verstehn mich nicht! Kein einziger hier versteht mich!«
»Oho! Was fängst du denn wieder für Mücken, Gustav! Dein Vater soll
dich nicht verstehen? Und die unvergleichliche Fanny? Babbel doch kein
so dumm Dings daher, alter Hypochonder!«
Erwin warf seine Mütze auf den Tisch, schwang sich daneben und
begann einen Apfel zu essen, den er im Vorbeigehen auf dem Speicher
mitgenommen hatte.
Sie verstanden sich immer vortrefflich, die beiden Vettern oder
vielmehr sehr entfernten Verwandten. Erwin nannte Gustav »Cousin«,
gab aber auch Fanny den Namen »Cousine«; und irgendwo mochte ja auch
eine Verwandtschaft oder Familienfreundschaft stecken, ohne daß man
alle die Verschwägerungen oder sonstigen Versippungen nachzurechnen
für nötig hielt. Im übrigen aber war der leichtblütige Blondkopf Erwin
von außen und innen ein Gegenbild zu dem dunklen Düsterling. Er liebte
das Wandern im Wasgenwald und in den Alpen, war Schneeschuhläufer, wie
sein Bruder Willy, und ein Freund von Sonnenbädern und Ruderfahrten.
Leichten Schrittes pflegte er einherzuschreiten, Sonne verbreitend,
wohin er kam, bei Schülern und Amtsgenossen beliebt, nur dem trockenen
und etwas grämlichen Schulinspektor verdächtig, weil er vor allem
Mensch und dann erst und dadurch Lehrer war.
»Großherzig und giftfrei«, faßte einmal der Philosoph Arnold sein
Urteil über ihn zusammen.
Mit seinem sonnigen Gemüt ergänzte Erwin den Grübler und Einspänner
Gustav vortrefflich und wirkte lösend und mitreißend auf dessen
schwerflüssige Denkart. Der Sterngucker war in seiner Gegenwart immer
wie verwandelt und warf in eifriger Mitteilsamkeit seine scheuen
Verhüllungen ab.
»Du bist mir immer ein Sonnenbad«, gestand er dem Langen. »Man läuft
mit dir gleichsam splitternackt auf den Matten herum und freut sich an
Licht und Luft.«
»Was quält dich denn? Rüs mit d'r Sproch'!«
»Acht Monate sitz' ich jetzt da 'rum, Erwin, mit schwachem Gedärm und
schlechten Nerven! Zum Verzweifeln!«
»Du hast doch deinen Vater« -- --
»Ja, ja, und habe Fanny, ja, schon recht! Aber die sind gesund!
Verstehst du? Gesund, viel zu gesund für mich! Unter uns: ich bin ihnen
nicht gewachsen.«
»Nanu? Das bissele Nervengezappel?«
»Eintun, es geht nicht, mein Lieber, geht nicht! Fanny, so klein sie
ist, sprüht von Kraft und Temperament. Die ist wie Stahl, wie eine
Springfeder, wie die Unruh in der Uhr. Die braucht einen anderen Kerl
als mich. Sechs Stunden durch Wald und Berg laufen, dann einen Abend
lang Klavier, und den Tag wie ein Fest beschließen -- das ist's, was
sie braucht. Ich bin ein gebrochener Mensch. Zum Verzweifeln! Ich sitze
da oft und weine vor mich hin und versteck's vor Fanny und Papa, damit
sie nicht mit mir leiden.«
»Herrschaft, wie du mir leid tust!« rief Erwin in hellem Mitgefühl und
sprang vom Tisch herunter, um sich aber gleich wieder hinzusetzen. »Geh
doch in ein Sanatorium! Tu etwas für deine Gesundheit! Sitz doch nicht
so untätig da 'rum!«
»Nützt nichts«, murmelte Gustav. »Das liegt zu tief in mir. Ich
hab' schon immer an unüberwindlicher Einsamkeit gelitten. Es ist zu
wenig Liebe in der Welt. In München hab' ich manchmal minderwertige
Frauenzimmer auf der Straße angesprochen und hab' ihnen Geld geschenkt,
nur um ein warmes Wort zu hören, nicht aus Gemeinheit, sicherlich
nicht. Wir modernen Menschen sind ja alle herzquälend einsam! Ich
möchte manchmal ein Kind streicheln, mich mit Kindern -- weißt du, so
wie's Ludwig Richter malt -- im Grase wälzen, Purzelbaum schlagen, lieb
haben -- und weiter nichts! Weiter gar nichts!«
»Sapristi noch emol!« schalt der andre. »So tu's doch! Zerbrich doch
den Bann der Spießbürgerei! Mach' dumme Streiche, spring' über die
Schnur! Mensch, sei genial wie deine Braut!«
Und Erwin erging sich voll Feuer in dem Gedanken, wie heilsam und
befreiend ein kühner Entschluß sei, auch wenn er alle Philister
verblüffe.
»Hab' doch fröhliches Gottvertrauen, alter Grämling! Lebt denn der
alte Gott nicht mehr? Haben ihn die Engländer abgesetzt? Hat ihn
eine Parlamentsmehrheit niedergestimmt? Oder hat der Heuchler Wilson
und seine niederträchtige Presse -- -- Du, den Wilson hass' ich am
allermeisten! Der wird uns Deutsche noch alle niederboxen! Verhungert,
wie wir sind!«
Erwin lief hinaus, holte einen neuen Apfel und biß kräftig drein.
»Siehst du, Gustav, ich bin als Kriegsfreiwilliger eingetreten, hab'
erst an den Vogesen geschanzt, bin dann auf dem Petersberg zu Erfurt
gedrillt und bei sonst guten Vorgesetzten zuletzt von einem Hauptmann
elendiglich schikaniert worden, weisch, von so 'me Hähä-Kerl mit dem
Monokel im Auge, kuranzt und kujoniert, sag' ich dir! Elsässer und
Lehrer hat er nicht leiden können -- na, hol' ihn der Erzengel Gabriel
in den siebenten Himmel, ich gönn's ihm von Herzen, dem ausrangierten
Knochen! Dann nach Flandern, gleich in die Schlacht -- und die Hälfte
der Kompagnie weggeblasen! Wir andern aber in den Schützengräben bis
an den Bauch im Wasser! Herrschaft, Güschtel, das schlaucht! Und dann
mörderisches Trommelfeuer! Sakerlot, und hab's halt doch durchgebissen,
Gustav! Getanzt haben wir wie die Indianer, wenn wir wieder in
Ruhestellung waren, und haben Läuse gefangen und Heimatlieder gesungen.
Dazu ist man halt jung und Soldat!«
Er lachte unwiderstehlich und warf den Apfelrest durchs Fenster.
»Ja, wenn ich deine Spannkraft hätte!« meinte Gustav, hörte aber doch
schon beträchtlich aufgeräumter zu.
»Du hast sie, Gustav! Sie ist nur verschüttet, wie ein Unterstand,
in den sich eine blödsinnige Granate verirrt hat. Grab deine Energie
wieder heraus! Und dann aufs neu' ans Werk! Herrschaft, was ist im
Elsaß aufzubauen! Grad im Elsaß, in der deutschen Westmark! Weißt was,
Gustav? Wir müssen einen Bund gründen, wir Jung-Elsässer! Und ich hab'
schon einen Namen dafür! Weißt, welchen? Elsaß leit' ich von Edelsassen
ab: also Bund der Edelsassen!«
»Freilich, hier ist nach dem Kriege viel zu tun, einfach alles! Wenn's
nicht schief geht an der Westfront! Hast du den Tagesbericht gelesen?
Immer zurück!«
»Wir müssen eine vornehm gesinnte, ritterliche Jugend erziehen! Wir
müssen Elsässer zu Edelsassen formen! Herrliche Aufgabe!«
Erwin war in vollem Feuer und kam aus seinem Lieblingsausruf
»Herrschaft« gar nicht mehr heraus. Er steckte seinen akademischen
Vetter mit Begeisterung an.
»Ihr Akademiker versimpelt ganz und gar in lauter Kleinwissen! Da haben
wir Mittelschullehrer eine ganz andre Einheit. Und du Sammelhans ganz
besonders verkrümelst dich in Spitzfindigkeiten. Auch mir macht der
Schulinspektor das Leben sauer genug; ich bin manchmal kreidebleich vor
Zorn und Scham dag'standen, wenn er mir in der Klasse herumgenörgelt
hat, es hat mich wahrhaftig g'fuchst -- -- Lüej do, e Spätzel!«
Ein Spatz hatte sich in die Dachkammer verflogen. Beide Jünglinge
machten sofort Jagd auf den verängsteten Vogel und vergaßen Grimm und
Herzeleid. Aber der kleine Gast entwich wieder, und sie setzten ihr
Gespräch fort.
»Güschtel, es muß ein andrer Geist ins Elsaß! Freudigkeit fehlt in
der Westmark; sie ist erstickt unter Paragraphen! Gustav, wir stecken
vom Elsaß aus die ganze deutsche Welt mit einem neuen Feuer an! Wir
zeigen's denne Schwowe!«
»Stimmt, stimmt!« rief der andre Elsässer. »Es giftet mich schon lang,
wie jetzt wir Elsässer behandelt werden, hüben und drüben! Falsch und
feig -- so heißt's von uns! So kann's nit fortgehen, Erwin!«
»So isch's, Gustav! Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!
Zusammenhalten, doppelt stramm unsre Arbeit tun, und dem Kerl an d'
Gurgel fahren, der aufs Elsaß schimpft!«
»Ich hab' emol a Feldwebel ...«
Jetzt waren die zwei jungen Kriegsmänner, die von ganzem Herzen
Deutsche, aber auch von ganzem Herzen Elsässer waren, im vollen Zuge.
Gustav erzählte einen siegreichen Zusammenstoß mit einem Feldwebel;
er war aufgetaut; seine Schwermut war mit dem Sperling davongeflogen.
Dann kamen sie auf tapfere Landsleute zu sprechen, die sich das Eiserne
Kreuz erster Klasse geholt hatten.
Und hier gab es plötzlich eine jähe Pause, als das Wort
»Landesverräter« fiel. Gustav erblaßte. Beide dachten an Fannys Bruder.
Riesenhaft erhob sich wieder der Schatten ...
Endlich stieß Gustav schweren Atems hervor:
»Jetzt weißt du wohl auch, warum ich ein gebrochener Mensch bin.«
Erwin murmelte ingrimmig vor sich hin; es klang etwas wie
»Cerclebrüder« daraus hervor. Die Welschlinge in Straßburg hatten
sich vor einem Jahrzehnt und noch länger in einem »=Cercle des
étudiants=« gesammelt; für die gleichgestimmten Frauen und Mädchen
gab es einen »=Cercle des annales politiques et littéraires=«;
da wurde nur französisch gesprochen. Planmäßig hatten Franzosen und
Französlinge daran gearbeitet, Elsaß-Lothringen in westliche Kultur und
Sprache einzutauchen und deutschem Wesen zu entfremden. Die elsässische
Luft war vergiftet. Fannys Bruder Georg war in diese Kreise geraten.
Seine Flucht war die Folge.
»Weißt du, wo ich ihn zuletzt gesehen habe?« begann endlich Erwin.
»Beim =Monôme=! Als einmal die Cerclebrüder nachts das Kleberdenkmal
im Gänsemarsch umschritten, du weißt ja, um sich durch diese stumme
Kundgebung zum Franzosentum zu bekennen! Die Simpel! Die Kindsköpf,
die! Die haben uns den Weltkrieg eingebrockt, die Revanchemännle,
die nichtsnutzigen! Und das haben wir mitangesehen, geduldet in
Deutschland! Und dann nennt man die deutsche Regierung noch tyrannisch!
Herrschaft, würden die Franzosen einen Wetterlé geduldet haben?
Aufgehängt hätten sie ihn, den Falschmünzer!«
Erwin, immer ins Allgemeine strebend, trachtete den Freund vom
Persönlichen loszureißen. Dieser aber, obschon zu den flammenden Worten
nickend, hing doch unentwegt einem düstren Gedanken nach. Und jetzt
faßte er den Freund am Arm und sagte gedämpft, als ob er ein Geheimnis
ausplauderte:
»Du, Erwin, und etwas von dem Geist steckt auch in Fanny!«
»Unsinn!« rief der andre. »Sie hat dich lieb!«
»Hat mich lieb, aber hängt auch an ihrem Bruder! Weißt du, dieser
Faquin mit dem gewichsten Schnurrbärtchen -- =Monsieur Bielère= --
dieser Schwadronneur und Schwerenöter hat alle Cercle-Weiber berauscht!
So recht der französisch parlierende Arzt für französisch parlierende
alte Jungfern! O nein, da mach' ich nicht mit! Da bin ich viel zu
steif, zu still, zu innerlich dazu, um's mit so einem aufzunehmen, denn
im Parlieren ist er mir über, mein Französisch ist erbärmlich. Und in
sinnlich-eleganten Salonmanieren ist er mir erst recht über. Und das
fühlt Fanny! Ich spür's ganz gut, daß sie mich manchmal im stillen mit
ihrem flotten Bruder vergleicht« -- --
»Unsinn, Gustav! Phrasen dreschen kann jeder =Commis-Voyageur=
oder Zwischenhändler! Bohr' dich nicht in solchen Verfolgungswahn
hinein! Die Sache ist traurig genug -- aber sie will halt überwunden
werden, wie andres Kriegsleid auch! Himmel, wie viele von unsren
Kameraden liegen schon im Boden!«
Und Erwin packte den Freund unter den Arm.
»Komm mit, Alter! Jetzt gehn wir 'runter und trinken e Fläschel
Ottrotter, oder was ihr sonst Gutes im Keller habt! Hopp, hopp!
Und Fanny -- siehst du, Gustav, sie ist eine fröhliche Aufgabe,
kein Anlaß zur Trauer! Nimm an, Fanny sei das verkörperte Elsaß!
Erobere diese hübsche Verkörperung so recht von innen heraus -- sei
gewinnend, liebenswürdig, bestrickend, unwiderstehlich, kurzum:
genial! Herrschaft, wenn ich an deinem Platz wär'!«
Er lachte in seiner gutartig hellen, bezwingenden Art, schritt
aufgeräumt mit ihm hinunter und verbarg seine Sorgen um die wankende
deutsche Westfront.