Von dieser etwas oberflächlichen Anschauung ist man im Laufe unseres

Jahrhunderts nach und nach zu tieferen Forschungen fortgeschritten, und

es ist auch hier hauptsächlich das Verdienst von =Laennec= gewesen, die

Lehre von der Einheit des Tuberkels aufgestellt zu haben. Allein er

selbst hat wiederum die Schuld zu tragen, dass auch diese Angelegenheit

in eine fast unheilbare Verwirrung gerathen ist. Indem er nehmlich zwei

verschiedene Formen von Tuberkeln der Lunge, die sogenannte

=Tuberkel-Infiltration= und die =Tuberkel-Granulation= annahm, so war er

genöthigt, in Beziehung auf die Infiltration vollständig von dem alten

Begriffe des Tuberkels abzuweichen. Denn hier war gar nicht mehr die

Rede von Knötchen, sondern es handelte sich um eine gleichmässige

Durchdringung des ganzen Parenchyms mit der krankhaften Masse. Damit war

die Bahn gebrochen, auf der man sich immer weiter von dem alten Begriffe

des Tuberkels entfernte. Nachdem einmal die Tuberkel-Infiltration

geschaffen und die Form des Gebildes als diagnostisches Kriterium damit

aufgegeben war, so nahm man auch die weitere Schilderung gewöhnlich von

der Infiltration als dem Umfangreicheren her und suchte nach den

Merkmalen, worin eigentlich die Infiltration mit der früher bekannten

Form des Tuberkels übereinstimme. So ist es gekommen, dass allmählich,

und zwar eigentlich schon durch =Bayle=, die käsige Beschaffenheit als

der gemeinschaftliche Gattungscharakter aller Tuberkelproducte, nicht

bloss als nächster Anhaltspunkt für die Unterscheidung, sondern auch als

Ausgangspunkt für die Deutung des Vorganges überhaupt gebraucht worden

ist. So ist es im Besonderen geschehen, dass man sich vorgestellt hat,

der Tuberkel könne einfach in der Weise entstehen, dass ein beliebiges

Exsudat seine wässerigen Bestandtheile verliere, sich eindicke, trübe,

undurchsichtig, käsig werde, und in diesem Zustande liegen bleibe.

Der Ausdruck der Tuberkelkörperchen, der bis vor Kurzem noch recht

häufig in Anwendung kam, bezieht sich gerade auf das Stadium des

Käsigen, und die genaue Schilderung, welche =Lebert= davon geliefert

hat, läuft darauf hinaus, dass es Bildungen seien, welche mit keiner der

bekannten organischen Formen übereinstimmen, welche weder Zellen, noch

Kerne, noch sonst etwas Analoges seien, sondern kleine, rundliche oder

eckige, solide Körperchen, häufig von Fettpartikelchen durchsetzt,

darstellten (Fig. 73). Untersucht man aber die Entwickelung dieser

Körper, so kann man sich an allen Punkten, wo sie vorkommen, überzeugen,

dass sie aus früheren organischen Formelementen hervorgehen, dass sie

nicht etwa die ersten missrathenen Producte, gleichsam ein verunglückter

Versuch der Organisation sind, sondern dass sie einmal ganz

wohlgerathene Elemente waren, die aber durch ein unglückliches Geschick

frühzeitig in ihrem weiteren Fortkommen gehindert wurden und einer

schnellen Verschrumpfung unterlagen. Immer kann man mit Sicherheit

voraussetzen, dass, wo ein grösseres Körperchen dieser Art sich findet,

vorher eine Zelle dagewesen ist, wo ein kleineres, vorher ein Kern,

vielleicht innerhalb einer Zelle eingeschlossen, existirt hat[311].

Eiterzellen, Lymphdrüsenkörperchen, Krebs- und Sarkomzellen können in

solche »Tuberkelkörperchen« ebenso umgewandelt werden, wie wahre

Tuberkelzellen.

[311] Würzb. Verhandlungen I. 83.

Untersucht man denjenigen Punkt, der für die neuere Lehre von

der Tuberkulose der maassgebende gewesen ist, nehmlich die

Tuberkel-Infiltration der Lunge, so kommt man leicht zu dem Resultate,

welches =Reinhardt= als das letzte hingestellt hat, dass die Tuberkulose

nichts weiter sei, als eine Form der Umbildung von Entzündungsproducten,

und dass eigentlich alle Tuberkelmasse eingedickter Eiter sei. In der

That ist das, was man Tuberkel-Infiltration genannt hat, mit wenigen

Ausnahmen auf eine ursprünglich entzündliche, eiterige oder

katarrhalische Masse zu beziehen, welche nach und nach durch eine

unvollständige Resorption in den Verschrumpfungszustand gerathen ist, in

welchem sie nachher liegen bleibt[312]. Allein =Reinhardt= hat sich

darin getäuscht, dass er glaubte, Tuberkel zu untersuchen. Er ist irre

geführt worden durch die grosse Complication der in der Lunge

vorkommenden Prozesse[313], besonders aber durch die falsche Richtung,

welche die ganze Doctrin von der Tuberkulose von =Laennec= bis auf ihn

namentlich durch die Schuld der Wiener genommen hat. Hätte er sich daran

gehalten, den alten Begriff des Knötchens zu verfolgen, hätte er die

Knotensubstanz in ihren verschiedenen Stadien untersucht, und hätte er

die verschiedenen Organe, in welchen der knotige Tuberkel vorkommt,

darauf verglichen, so würde er unzweifelhaft zu einem anderen Resultate

gekommen sein[314]. Er würde dann zu der Ueberzeugung gelangt sein,

welche meinen späteren Darstellungen zu Grunde liegt, dass die

Tuberkel-Infiltration in der Lunge eine Form der Hepatisation,

hervorgegangen aus dem von mir als =käsige Pneumonie= (skrofulöse

Pneumonie) bezeichneten Prozesse[315] und ganz verschieden von der

eigentlichen Tuberkelgranulation sei. Nirgends ist diese Verschiedenheit

besser zu erkennen, als am Knochenmark, wo es einerseits eine

ursprünglich eiterige, später käsige Osteomyelitis, andererseits wahre

Tuberkel gibt[316].

[312] Spec. Pathol. u. Ther. I. 337, 341, 346.

[313] Wiener Med. Wochenschrift 1856. 396.

[314] Würzb. Verhandl. III. 100.

[315] Geschwülste II. 600.

[316] Ebendas. II. 702.

Man kann allerdings sagen, dass der grösste Theil desjenigen, was im

Laufe der Tuberkulose nicht in Knotenform erscheint, eingedicktes

Entzündungsproduct sei. Allein neben diesem Producte und bis zu einem

gewissen Grade unabhängig von demselben gibt es ein Gebilde, welches in

die gewöhnliche Classification der Neoplasmen nicht mehr hineinpassen

würde, wenn man jene Entzündungs-Producte Tuberkel nennte. In der That

ist in Frankreich, wo die Terminologie von =Lebert= die maassgebende

geblieben ist, und wo man die Corpuscules tuberculeux als die

nothwendigen Begleiter der Tuberkulose anzusehen pflegt, in der neuesten

Zeit der Gedanke wirklich ausgesprochen, dass unter den Körnern, die man

bisher Tuberkel nannte, noch ein ganz besonderes und bis jetzt noch gar

nicht bezeichnetes Gebilde vorkomme. Einer der besten, ja vielleicht der

beste Mikrograph, den Frankreich besitzt, =Robin= hat bei Untersuchung

der Meningitis tuberculosa die kleinen Knoten in der Pia mater, die alle

Welt für Tuberkeln hält, nicht dafür halten zu können geglaubt, weil

einmal das Dogma in Frankreich herrscht, dass der Tuberkel aus soliden,

unzelligen Körpern bestehe, und weil in den Tuberkeln der Hirnhaut

vollständig erhaltene Zellen vorkommen. Ja, einer seiner Schüler,

=Empis= hat sich vor der Consequenz nicht gescheut, neben der

Tuberkulose noch eine neue Krankheit, die Granulie, in die medicinische

Sprache einzuführen[317]. Zu so sonderbaren Verirrungen führt dieser

Weg, dass man am Ende den eigentlichen Tuberkel gar nicht mehr

bezeichnen kann, weil man so viel zufällige Dinge mit ihm

zusammengeworfen hat, dass man über lauter Zufälligem das Gesuchte oder

selbst das Gefundene, was man schon besessen, wieder aus der Hand

verliert.

[317] Archiv XXXIV. 12.

[Illustration: =Fig=. 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in

der Pleura. Man übersieht die ganze Reihenfolge von dem einfachen

Bindegewebskörperchen, der Theilung der Kerne und Zellen bis zu der

Entstehung des Tuberkelkorns, dessen Zellen in der Mitte wieder zu einem

fettig-körnigen Detritus zerfallen. Vergröss. 300.]

Ich halte dafür, dass der Tuberkel ein Korn, ein Knötchen sei, und dass

dieses Knötchen eine Neubildung darstellt, und zwar eine Neubildung,

welche von ihrer ersten Entwickelung an nothwendig zelliger Natur ist,

welche in der Regel gerade so, wie viele anderen Neubildungen, aus

Bindegewebe hervorgeht, und welche, wenn sie zu einer gewissen

Entwickelung gekommen ist, innerhalb dieses Gewebes einen kleinen, wenn

er an der Oberfläche sich befindet, in Form eines kugeligen Höckers

hervorragenden Knoten darstellt, der in seiner ganzen Masse aus kleinen,

ein- oder mehrkernigen Zellen besteht. Das, was diese Bildung

charakterisirt, ist der Umstand, dass sie überaus kernreich ist, so

dass, wenn man sie im Zusammenhange innerhalb der Fläche des Gewebes

betrachtet, auf den ersten Blick fast nichts als Kerne vorhanden zu sein

scheinen. Isolirt man die constituirenden Theile, so bekommt man

entweder ganz kleine, mit einem Kerne versehene Elemente, oft so klein,

dass die Membran sich dicht um den Kern herumlegt, oder grössere Zellen

mit vielfacher Theilung der Kerne, so dass 12 bis 24 und 30 Kerne in

einer Zelle enthalten sind, wo aber immer die Kerne klein, gleichmässig

und etwas glänzend aussehen.

Der Tuberkel steht allerdings in seiner Entwickelung dem Eiter am

nächsten, insofern er die kleinsten Kerne und die verhältnissmässig

kleinsten Zellen hat, und er unterscheidet sich dadurch von allen höher

organisirten Formen (Krebs, Sarkom), dass die Elemente dieser letzteren

grosse, mächtige, oft colossale Bildungen mit stark entwickelten Kernen

und Kernkörperchen darstellen. Er ist immer nur eine ärmliche

Production, eine von vornherein kümmerliche Neubildung. Anfangs ist er,

wie andere Neubildungen, nicht selten mit Gefässen versehen, allein,

wenn er sich vergrössert, so drängen sich seine vielen kleinen Zellen,

-- diese wie eine Kinderschaar, immer dichter an einander gehende Masse,

-- so eng zusammen, dass nach und nach die feineren Gefässe vollständig

unzugänglich werden und sich nur die grösseren, durch den Tuberkel bloss

hindurch gehenden noch erhalten. Gewöhnlich tritt im Centrum des

Knotens, wo die alten Elemente liegen, sehr bald eine fettige

Metamorphose ein (Fig. 148), welche aber in der Regel nicht vollständig

wird. Dann verschwindet jede Spur von Flüssigkeit, die Elemente fangen

an zu verschrumpfen, das Centrum wird gelb und undurchsichtig, man sieht

einen gelblichen Fleck inmitten des grau durchscheinenden Korns. Damit

ist die =käsige Metamorphose=[318] angelegt, welche später den Tuberkel

charakterisirt. Diese Veränderung schreitet nach aussen immer weiter

vorwärts von Zelle zu Zelle, und nicht selten geschieht es, dass der

ganze Knoten nach und nach in die Veränderung eingeht.

[318] Würzb. Verhandlungen III. 98.

Warum ich nun meine, dass man für dieses Gebilde speciell den Namen des

Tuberkels als einen äusserst charakteristischen festhalten muss, das ist

der Umstand, dass nie ein Tuber daraus wird. Was man als grosse

Tuberkeln zu bezeichnen pflegt, was die Grösse einer Wallnuss, eines

Borsdorfer Apfels erreicht, z. B. im Gehirn, das sind keine einfachen

Tuberkel. Freilich steht gewöhnlich in den Handbüchern, dass der

Hirntuberkel solitär sei, aber das ist kein einzelner Knoten; eine

solche apfel- oder nur wallnussgrosse Masse enthält viele Tausende von

Tuberkeln; das ist ein ganzes Nest, das sich vergrössert, nicht dadurch,

dass der ursprüngliche Heerd wächst, sondern vielmehr dadurch, dass an

seinem Umfange immer neue Heerde ausgebildet werden[319]. Betrachtet man

den vollkommen gelbweissen, trockenen, käsigen Knoten, so erkennt man in

seiner nächsten Umgebung eine weiche, gefässreiche Schicht, welche ihn

gegen die benachbarte Hirnsubstanz abgrenzt, eine dichte Areola von

Bindegewebe und Gefässen. Innerhalb dieser Schicht liegen die kleinen,

jungen Knötchen bald in grösserer, bald in kleinerer Zahl. Sie lagern

sich aussen an, und der grosse Knoten wächst durch Apposition von immer

neuen Heerden, von welchen jeder einzelne käsig wird. Daher kann der

ganze Knoten in seinem Zusammenhange nicht als einfacher Tuberkel

betrachtet werden. Der eigentliche Tuberkel bleibt wirklich minimal, wie

man zu sagen pflegt, =miliar=, genauer ausgedrückt, submiliar. Selbst

wenn sich an der Pleura neben ganz kleinen Knoten grosse, wie

aufgelagerte gelbe Platten finden, so sind auch diese keine einfachen

Tuberkel, sondern Zusammensetzungen aus einer grossen Summe gesonderter

Knötchen. Die gewöhnlich als miliare Tuberkel bezeichneten Knoten in der

Lunge aber sind entweder miliare Hepatisationen, oder bronchitische oder

peribronchitische Heerde, möglicherweise mit Tuberkulose der

Bronchialwand verbunden.

[319] Geschwülste II. 656.

Wie man sieht, hängt bei dem Tuberkel in der That Form und Wesen

untrennbar zusammen. Die Form ist bedingt dadurch, dass der Tuberkel von

einzelnen Elementen des Bindegewebes aus, durch die degenerative

Entwickelung kleinerer Gruppen von Bindegewebskörperchen wächst. So

kommt er ohne alles Weitere als Korn hervor. Wenn er einmal eine gewisse

Grösse erreicht hat, wenn die Generationen von neuen Elementen, die sich

durch immer fortgehende Theilung aus den alten Gewebselementen

entwickeln, endlich so dicht liegen, dass sie sich gegenseitig hemmen,

die Gefässe des Tuberkels allmählich zum Schwinden bringen und sich

dadurch selbst die Zufuhr abschneiden, so zerfallen sie eben, sie

sterben ab, und es bleibt nichts weiter zurück, als Detritus,

verschrumpftes, zerfallenes, käsiges Material.

Die käsige Umbildung ist der regelrechte Ausgang der Tuberkel, aber sie

ist einerseits nicht der nothwendige Ausgang, denn es gibt seltene

Fälle, wo die Tuberkel durch vollständige fettige Metamorphose

resorptionsfähig werden; andererseits kommt dieselbe käsige Metamorphose

anderen Formen von zelligen Neubildungen zu: der Eiter kann käsig

werden, ebenso der Krebs und das Sarkom, die syphilitische

Gummigeschwulst, die Typhusmasse. Diese allgemeine Möglichkeit[320] kann

man daher nicht wohl als das Kriterium für die Beurtheilung eines

bestimmten Gebildes, wie des Tuberkels hinstellen; vielmehr gibt es

gewisse Stadien der Rückbildung desselben, wo man sich sagen muss, dass

es nicht immer möglich ist, ein Urtheil zu fällen. Legt einem jemand

eine Lunge, mit käsigen Massen durchsprengt, vor, und fragt: ist das

Tuberkel oder nicht? so wird man häufig nicht genau sagen können, was

die einzelnen Massen ursprünglich gewesen sind. Es gibt Zeiten in der

Entwickelung, wo man mit Bestimmtheit das Entzündliche und das

Tuberkulöse von einander trennen kann; endlich aber kommt eine Zeit, wo

sich beide Producte mit einander vermischen, und wo, wenn man nicht

weiss, wie das Ganze entstanden ist, man kein Urtheil mehr abgeben kann

über das, was es bedeutet. Auch mitten in Krebsknoten können käsige

Stellen vorkommen, welche gerade so aussehen, wie Tuberkel. Noch

=Lebert= beschrieb dies als ein Vorkommen von Tuberkel in Krebs. Ich

habe dargethan, dass es die Krebs-Elemente sind, welche in diese käsige

Masse übergehen[321]. Wenn wir aber nicht mit Bestimmtheit aus der

Entwickelungsgeschichte wüssten, dass die Zellen des Krebses sich

Schritt für Schritt verändern, und dass in der Mitte des Krebses sich

keine Tuberkeln bilden, so würden wir aus dem blossen Befunde in vielen

Fällen durchaus nicht ein Urtheil fällen können.

[320] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. III. 99. Spec. Pathologie und

Therapie. I. 282, 284. Geschwülste II. 624.

[321] Archiv I. 172.

Ueberwindet man diese Schwierigkeiten, welche in der äusseren

Erscheinung der Bildung liegen, und welche den Beobachter nicht bloss

irre führen gegenüber der groben Erscheinung, sondern auch gegenüber der

feineren Zusammensetzung, so bleibt für die Orientirung kein anderer

Anhaltspunkt, als dass man nachsucht, welchen Typus der Entwickelung

die einzelnen Neubildungen während der Stadien ihrer wirklichen Bildung,

nicht während der Stadien ihrer Rückbildung zeigen. Man kann das Wesen

des Tuberkels nicht studiren von dem Zeitpunkte an, wo er käsig geworden

ist, denn von da an gleicht seine Geschichte vollkommen der Geschichte

des käsig werdenden Eiters; man muss dies vorher thun, wo er wirklich

wuchert.

So müssen wir auch für die anderen Neubildungen die Zeit von ihrer

ersten Entstehung bis zu ihrer Akme studiren und zusehen, mit welchen

normalen physiologischen Typen sie übereinstimmen. Mit anderen Worten,

=man muss sie genetisch erforschen=. Dann ist es allerdings möglich, mit

den einfachen Principien der histologischen Classification auszukommen,

welche ich früher ausgeführt habe (S. 86). =Auch die heterologen Gewebe

haben physiologische Typen=[322].

[322] Spec. Pathologie und Therapie. I. 9, 334.

Ein Colloid, wenn man wirklich darunter versteht, was =Laennec= gemeint

hat, eine gallertartige organisirte Neubildung, muss nothwendig irgend

einen Typus der Bildung besitzen, welcher irgendwo oder irgend einmal im

gewöhnlichen Körper vorkommt. In der That gibt es eine Reihe von

Geschwülsten, die man zum Colloid gerechnet hat, welche vollkommen die

Structur des Nabelstranges haben, und welche, wie dieser Theil, in ihrer

Intercellularsubstanz wesentlich Schleim enthalten. Nachdem ich das

Gewebe des Nabelstranges und der analogen Theile Schleimgewebe genannt

hatte, so war es für mich ein sehr einfacher Schritt, diese Geschwülste

=Schleimgeschwülste=, Myxome zu nennen[323]. Eine der am meisten

ausgezeichneten Myxomformen stellt die sogenannte Blasen- oder

Hydatidenmole (Mola vesiculosa s. hydatidosa) dar. Aber das Vorkommen

des Myxoms beschränkt sich nicht auf die Zeit der intrauterinen

Entwickelung. Indem wir Geschwülste mit dem Gewebstypus des

Nabelstranges mitten im erwachsenen Körper nachweisen, so ist das

Auffallende der Erscheinung nicht vermindert, aber es ist für dieselben

ein im Körper normaler Typus gewonnen. Ein kopfgrosses Myxom des

Oberschenkels bleibt immerhin eine sehr merkwürdige Erscheinung. Eine

andere Form von Colloid, oder wie unser =Müller= gesagt hat,

=Collonema=, stellt sich dar als ödematöses Bindegewebe. Wir finden

nichts weiter, als ein sehr weiches Gewebe, welches von einer

eiweisshaltigen Flüssigkeit durchtränkt ist. Eine solche Geschwulst

können wir nicht von den Bindegewebsgeschwülsten im Ganzen trennen; wir

mögen sie als gallertartiges oder ödematöses oder sklerematöses Fibrom

bezeichnen, aber es besteht kein Grund, sie unter dem Namen von

Collonema für das Denken ganz fremdartig zu gestalten. So finden wir

ferner gewisse Formen von Krebs, wo das Stroma, statt einfach aus

Bindegewebe zu bestehen, aus demselben Schleimgewebe besteht, welches

wir in einer einfachen Schleimgeschwulst antreffen[324]. Dies können wir

einfach einen =Schleimkrebs= (Gallert- oder Colloidkrebs) nennen. Damit

wissen wir genau, was wir vor uns haben. Wir wissen, es ist ein Krebs,

aber sein Grundgewebe ist verschieden durch seinen Schleimgehalt und

seine gallertige Beschaffenheit von dem gewöhnlichen Fasergewebe des

Krebsgerüstes.

[323] Archiv XI. 281. Geschwülste I. 396.

[324] Würzb. Verhandlungen II. 318.

Fassen wir nun nochmals den Tuberkel in's Auge, so würde derselbe

allerdings etwas vollständig Abnormes sein, wenn die Corpuscules

tuberculeux ihn ursprünglich und wesentlich constituirten; vergleicht

man aber die Zellen, welche, wie ich nachgewiesen habe, die eigentlichen

Constituentien des Kornes sind, mit normalen Geweben des Körpers, so

ergibt sich die vollständigste Uebereinstimmung zwischen ihnen und den

Elementen der =Lymphdrüsen= (S. 210, Fig. 71). Diese Analogie ist nicht

zufällig und gleichgültig, denn seit alter Zeit weiss man ja, dass die

Lymphdrüsen besonders dazu geneigt sind, eine käsige Veränderung

einzugehen, und schon lange hat man davon gesprochen, dass eine

lymphatische Constitution zu Prozessen dieser Art disponire[325]. Aus

allen diesen Gründen habe ich den Tuberkel nicht als eine, seiner

Entwickelung nach dem Körper gänzlich fremdartige Bildung sui generis

betrachten können, sondern ihn als eine wesentlich =lymphoide=

Neubildung der grösseren Gruppe der Lymphome[326] angereiht.

Wenn wir den Eiter betrachten, so brauche ich nur an das zu erinnern,

womit ich mich mehrere Capitel hindurch beschäftigt habe, nehmlich an

die Frage von der Trennbarkeit der Pyämie von der Leukocytose. In den

farblosen Blutkörperchen haben wir so vollständig den Eiterkörperchen

analoge Bildungen erkannt, dass Viele geglaubt haben, wenn sie farblose

Blutkörperchen im Blute fanden, Eiterkörperchen zu sehen, während Andere

vielmehr in den Elementen des Eiters durchweg farblose Blutkörperchen

wiederzufinden meinten. Beide Reihen haben den gleichen Typus der

Bildung. Man kann daher sagen, dass der Eiter eine =hämatoide= Form

habe, ja man kann den alten Satz aufwärmen, dass der Eiter das Blut der

Pathologie sei. Will man aber einen Unterschied suchen, will man in den

einzelnen Fällen sagen, was Eiter- und was Blutkörperchen sei, so hat

man kein anderes Kriterium, als zu entscheiden, ob die Zelle in der

gewöhnlichen Weise und an dem natürlichen Orte des farblosen

Blutkörperchens entstanden ist, oder auf andere Weise, an einem anderen

Orte, wo sie nicht zu entstehen hat.

[325] Würzb. Verhandlungen III. 102. Spec. Pathol. und Ther. I. 346.

[326] Geschwülste II. 557.

Innerhalb der pathologischen Neubildungen gibt es eine grosse Kategorie,

deren natürliches Paradigma das Epithel ist, wenn man will,

=Epitheliome=. Allein der Ausdruck des Epithelioms, welcher von

=Hannover= für einen kleinen Theil dieser Epithel führenden Geschwülste,

für die sogenannten Cancroide vorgeschlagen wurde, ist deshalb für die

besondere Art von Geschwulst, welche er damit bezeichnen wollte,

vollständig unzulässig, weil sie nicht die einzige Geschwulst ist, deren

Elemente den epithelialen Habitus an sich tragen. Man kann das

Epitheliom =Hannover='s von anderen Geschwülsten nicht dadurch

unterscheiden, dass seine Elemente den Habitus von Epithel hätten und

andere nicht. Ich will gar nicht davon sprechen, dass es eine grosse

Reihe unzweifelhaft epithelialer Geschwulstbildungen gibt, welche nichts

als örtliche Wucherungen des präexistirenden Epithels darstellen. Dahin

gehören das Atherom, die drüsigen Hyperplasien der Brust, des Magens.

Aber auch scheinbar ganz fremdartige Neubildungen besitzen denselben

Typus der Elemente. Die Geschwulst, welche =Müller= Cholesteatom,

=Cruveilhier= Tumeur perlée genannt hat, was ich durch Perlgeschwulst

(Margaritoma) übersetzt habe, diese Geschwulst hat genau denselben

epithelialen Bau, wie das Cancroid, welches =Hannover= Epitheliom

genannt hat, ja das gewöhnliche Cancroid erzeugt in sich sehr

gewöhnlich kleine Perlknoten in oft erstaunlich grosser Menge[327].

Allein beide unterscheiden sich sehr wesentlich. Nie hat man bis jetzt

Perlgeschwülste gesehen, welche, nachdem sie an einem Orte bestanden

hatten, an entfernten Orten Recidive gemacht und sich wie bösartige

Geschwülste verhalten hätten; immer fand nur im nächsten Umfange der

Geschwulst eine weitere, aber überaus langsame Entwickelung statt. Das

Epitheliom dagegen, oder wie man besser sagt, der Epithelialkrebs oder

das Cancroid, besitzt eine sehr ausgesprochene Malignität, nicht nur die

Recidivfähigkeit in loco, sondern auch die Vervielfältigung in distans.

In manchen Fällen werden fast alle Organe des Körpers metastatisch mit

Cancroidmassen erfüllt[328].

[327] Med. Reform 1849. No. 51. S. 271. Archiv III. 221. VIII. 397.

[328] Gaz. méd. de Paris. 1855. Avril. No. 14. p. 208.

[Illustration: =Fig=. 149. Verschiedene Krebszellen, zum Theil in

fettiger Metamorphose, polymorph, mit Kernvermehrung. Vergr. 300.]

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 52 / 54 段