beantworten, welche sowohl praktisch, als theoretisch sehr wichtig ist,
nehmlich die über den sogenannten =Parasitismus= der Neubildungen[301].
[301] Archiv IV. 390. Spec. Pathol. u. Ther. I. 334. Geschwülste I.
19, 105.
Nach meiner Meinung ist der Gesichtspunkt des Parasitismus, den die
Alten für einen grossen Theil der Neubildungen festhielten, vollkommen
gerechtfertigt. In der That muss jede Neubildung, welche dem Körper
keine brauchbaren Gebilde zuführt, als ein parasitisches Wesen am Körper
betrachtet werden. Erinnere man sich nur, dass der Begriff des
Parasitismus nur graduell etwas Anderes bedeutet, als der Begriff der
Autonomie jedes Theiles des Körpers. Jede einzelne Epithelial- und
Muskelzelle, jedes Knorpel- und Bindegewebskörperchen führt im
Verhältniss zu dem übrigen Körper eine Art von Parasitenexistenz, so gut
wie jede einzelne Zelle eines Baumes im Verhältniss zu den anderen
Zellen desselben Baumes eine besondere, ihr allein zugehörende Existenz
hat und den übrigen Elementen für ihre Bedürfnisse (Zwecke) gewisse
Stoffe entzieht. Der Begriff des Parasitismus, im engeren Sinne des
Wortes, entwickelt sich unmittelbar aus dem Begriffe der Selbständigkeit
der einzelnen Theile. Der Grad der Selbständigkeit der einzelnen Theile
ist aber überaus verschieden. Während gewisse Elemente, z. B. die
Ganglienzellen, sich nur im stetigen Zusammenhange mit dem Körper
erhalten, können andere, wie die Flimmerzellen, die farblosen
Blutkörperchen lange Zeit davon getrennt sein und doch ihre
Eigenschaften bewahren. Wandert ein mobilisirtes Bindegewebskörperchen
aus und siedelt es sich an einem anderen Orte an, so verhält es sich
nahezu, wie ein Entozoon, welches in den Körper eingewandert ist, und es
kann seine neue Existenz, wie das Entozoon, nur begründen, indem es sich
parasitisch von der Nachbarschaft ernährt. Aus dieser Analogie erklärt
es sich, dass ein Entozoon, wie ein Theil des Körpers selbst, sich einem
fremden Organismus einfügen kann, und dass die mehr heterologen
Neubildungen, deren scheinbare Fremdartigkeit so viele Beobachter
irregeführt hat, von Vielen als entozoische Wesen angesprochen worden
sind.
So lange das Bedürfniss der übrigen Theile die Existenz eines Theiles
voraussetzt, so lange dieser Theil in irgend einer Weise den anderen
Theilen nützlich ist, so lange spricht man nicht von einem Parasiten;
man thut dies aber von dem Augenblicke an, wo der Theil dem übrigen
Körper fremd oder schädlich wird. Der Begriff des Parasiten ist daher
nicht zu beschränken auf eine einzelne Reihe von Geschwülsten, sondern
er gehört allen plastischen (formativen) Erzeugnissen an, vor Allem den
heteroplastischen, welche in ihrer weiteren Entwickelung nicht homologe
Producte, sondern Neubildungen hervorbringen, welche für die
Zusammensetzung des Körpers mehr oder weniger ungehörig sind. Ein jedes
ihrer Elemente entzieht dem Körper Stoffe, welche zu anderen Zwecken
gebraucht werden könnten, und da das Neoplasma schon von vornherein
durch seine Bildung (S. 527) normale Theile zerstört hat, da schon seine
erste Entwickelung den Untergang seiner Muttergebilde voraussetzt, so
wirkt es sowohl destructiv im Beginne, als auch räuberisch im Verlaufe.
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Form und Wesen der pathologischen Neubildungen.
Terminologie und Classification der pathologischen Neubildungen.
Die Consistenz als Eintheilungsprinzip. Vergleich mit einzelnen
Körpertheilen. Histologische Eintheilung. Die scheinbare
Heterologie des Tuberkels, Colloids u. s. f.
Verschiedenheit von Form und Wesen: Colloid, Epitheliom,
Papillargeschwulst, Tuberkel.
Die Papillargeschwülste: einfache (Condylome, Papillome) und
specifische (Zottenkrebs, Blumenkohlgeschwulst).
Der Tuberkel: Infiltration und Granulation. Tuberkelkörperchen. Der
entzündliche Ursprung der Tuberkel. Käsige Pneumonie und
Osteomyelitis. Die Granulie. Entstehung der Tuberkel aus
Bindegewebe. Das miliare Korn und der solitäre Knoten. Die käsige
Metamorphose.
Das Colloid: Myxom. Collonema. Schleim- oder Gallertkrebs.
Die physiologischen Typen der heterologen Neubildungen: lymphoide
Natur des Tuberkels, hämatoide des Eiters, epithelioide des
Krebses, des Cancroids, der Perlgeschwulst und des Dermoids,
bindegewebige des Sarkoms. Heterotopie der Bildung. Der Streit über
die Entstehung des Cancroids und Carcinoms. Infectionsfähigkeit,
nach dem Saftgehalt der specifischen Beschaffenheit und der
Wanderfähigkeit der Elemente. Erregung der Tuberculose durch
regressive Stoffe.
Vergleich der pathologischen Neubildung bei Thieren und Pflanzen.
Schluss.
Der praktische Arzt, welcher mit pathologischen Neubildungen zu thun hat
und dieselben diagnosticiren soll, stellt zunächst die Frage an die
Pathologen, an welchem Punkte eigentlich die Differenzirung der
Neubildungen und damit die Möglichkeit ihrer Diagnose beginne. Mit Recht
genügt es ihm nicht, zu wissen, dass die grosse Mehrzahl der
Neubildungen aus Bindegewebe oder aus Theilen, welche dem Bindegewebe
aequivalent sind, eine kleinere Zahl aus Epithel und lymphatischen
Gebilden hervorgeht, dass die ersten Anlagen für viele Neubildungen
nahezu gleichartig sind, dass im Besonderen die Theilung der Kerne, ihre
Vermehrung, die endliche Theilung der Zellen in fast allen Neubildungen,
in den gut- wie bösartigen, in den hyperplastischen wie
heteroplastischen sich auf dieselbe Weise darstellt. Glücklicherweise
ist aber diese Gleichartigkeit eine vorübergehende; es dauert nicht
lange, bis an jedem einzelnen Gebilde irgend eine charakteristische
Erscheinung hervortritt, wodurch wir in die Lage gesetzt werden, seine
Natur deutlich zu erkennen.
In diesem Punkte, wo es sich um die Kriterien der Neubildungen handelt,
ist freilich auch gegenwärtig eine Einigkeit der Ansichten keinesweges
gewonnen, und auch hier ist es daher meine Aufgabe, zu zeigen, wie ich
zu meinen, zum Theil so abweichenden Ansichten gelangt bin, und aus
welchen Gründen ich mich von dem ausgetretenen Wege entfernen zu müssen
geglaubt habe.
Die Namen, mit denen man die einzelnen Neubildungen zu belegen pflegt,
haben sich, wie man weiss, oft ziemlich zufällig, zum Theil in sehr
willkürlicher Weise gestaltet[302]. Der Versuch, eine regelmässige
Terminologie herzustellen, ist in älterer Zeit eigentlich nur in
Beziehung auf die Consistenz der Geschwülste gemacht worden, indem man
Eintheilungsgründe davon hernahm, dass die Substanz der Neubildung bald
hart, bald weich, flüssig, breiig, gallertartig u. s. f. ist, und danach
die Steatome, die Skirrhen, die Meliceriden, die Atherome u. s. w. von
einander trennte. Es versteht sich von selbst, dass die Begriffe, welche
man jetzt an manche dieser Dinge knüpft, abgethan werden müssen, wenn
man die ursprüngliche Bedeutung jener Bezeichnungen verstehen will. Wenn
man heut zu Tage einen atheromatösen Prozess statuirt, so ist das
etwas, was den Alten ganz fern gelegen hat. Wenn die heutigen
Geschwulstanatomen sich bemühen, ein Steatom zu entdecken, welches eine
feste Fettgeschwulst sein soll, so muss man sich erinnern, dass die
Stearin-Fabrikation zur Zeit, als das Steatom aufkam, noch nicht bekannt
war, und dass die Alten niemals den Gedanken gehabt haben, welcher den
heutigen Geschwulstlehrern nicht aus dem Kopfe will, dass das Steatom
eine Stearin- oder überhaupt eine Fettgewebsgeschwulst sei. Gewöhnlich
meinte man nur eine etwas derbere, »speckige« Geschwulst (S. 433). In
diesem Sinne sprach noch =Bichat= von einem steatomatösen Zustande der
skrofulösen Lymphdrüsen, womit er offenbar dasselbe meinte, was ich den
käsigen Zustand genannt habe.
[302] Geschwülste I. 9.
Die besseren Bezeichnungen, welche man im Anfange dieses Jahrhunderts
einzuführen begann, stützten sich mehr auf Vergleichungen, welche man
zwischen den Neubildungen und einzelnen normalen Theilen oder Geweben
des Körpers machte. Der Ausdruck »Markschwamm« ging ja ursprünglich aus
der Vorstellung hervor, dass die Markschwämme von den Nerven entständen
und sich in ihrer Zusammensetzung wie Nervenmasse verhielten. Diese
Vergleiche sind aber bis in die Neuzeit immer sehr willkürlich gewesen,
weil man sich auf mehr oder weniger grobe Aehnlichkeiten in der äusseren
Erscheinung stützte, ohne die feineren Besonderheiten des Baues und
namentlich die wirklich histologische Zusammensetzung zu würdigen.
Neuerlich hat man, hier und da sogar mit einer grossen Affectation,
angefangen, die normalen Gebilde für eine gewisse Reihe von Neubildungen
als terminologische Anhaltspunkte zu benutzen. Manche legen einen
gewissen Werth darauf und halten es für mehr wissenschaftlich,
Epitheliom zu sagen, wo Andere Cancroid oder Epithelialkrebs sagen. So
hat man in Frankreich bekanntlich sehr viel Gewicht darauf gelegt, die
Sarkome fibroplastische Geschwülste zu nennen, weil man mit =Schwann=
das geschwänzte Körperchen für den Ausgang der Faserbildung im
Bindegewebe hielt, was meiner Ansicht nach (S. 41) ein Irrthum ist.
Allein trotz dieser Verirrungen ist es nothwendig, den histologischen
Gesichtspunkt als den entscheidenden zu betrachten; nur, glaube ich, ist
es von vorn herein nicht anzurathen, dass man von diesem Gesichtspunkte
aus sofort dazu schreitet, für alle Dinge neue Namen zu machen, und
Dinge, welche man seit langer Zeit kennt, durch neue Namen dem
allgemeinen Bewusstsein zu entfremden. Selbst Neubildungen, welche ganz
evident dem Typus irgend eines bestimmten normalen Gewebes folgen, haben
doch meistentheils Eigenthümlichkeiten, wodurch man sie von diesem
Gewebe mehr oder weniger unterscheiden kann, so dass man keinesweges,
wenigstens bei der Mehrzahl, die ganze Neubildung zu sehen braucht, um
zu wissen, dass dies nicht die normale, regelmässige Entwickelung des
Gewebes ist, dass vielmehr in derselben, trotzdem dass sie den Typus
nicht verliert, doch etwas von dem gewöhnlichen Gange homologer
Entwickelung Abweichendes liegt. Auch blieb in der Regel eine gewisse
Zahl von Neubildungen übrig, bei denen man, zum Theil aus Mangel an
bekannten physiologischen Typen, die äussere Erscheinung oder den
klinischen Charakter als Grund der Terminologie beibehielt.
Man spricht immer noch von einem Tuberkel, und der altgriechische Name,
den =Fuchs= dafür wieder einzuführen versucht hat, Phyma, ist ein so
unbestimmter, so leicht auf jedes »Gewächs« anwendbarer[303], dass er
keine grosse Zustimmung gefunden hat. Manche andere Namen hat man in der
letzten Zeit in einer immer grösseren Ausdehnung gebraucht, welche auch
nichts weiter als Lückenbüsser sind, z. B. den des =Colloids=. Dieser
Name ist im Anfange unseres Jahrhunderts von =Laennec= erfunden worden
für eine Form von Geschwulst, welche er der Consistenz nach als analog
dem halberstarrten Tischlerleim (Colla) bezeichnete; in ihrer recht
entwickelten Form stellt sie eine halb zitternde Gelatine von farblosem
oder leicht gelblichem Aussehen dar, welche im Ganzen den Eindruck einer
fast strukturlosen Beschaffenheit macht. Während man sich früherhin
vollkommen befriedigt erklärte, wenn man Zustände dieser Art als
gallertartige, gelatinöse bezeichnete, so ist es manchen Neueren als ein
Beweis höherer Einsicht erschienen, wenn sie statt Gallertgeschwulst
oder Gallertmasse Colloidgeschwulst oder Colloidmasse sagten. Aber man
muss ja nicht glauben, dass diejenigen, welche diese Bezeichnungen am
meisten im Munde führen, damit etwas anderes ausdrücken wollen, als was
die meisten Anderen einfach Gallertgeschwulst oder Gallerte oder Sulze
kurzweg nennen. Es ist damit gerade wie zu den Zeiten =Homer='s mit dem
Kraut [Griechisch: Môly], welches in der Sprache der Götter so genannt
ward, anders aber von den Menschen[304]. Es ist daher sehr rathsam, dass
man diese eigentlich nichtssagenden und nur hochtönenden Ausdrücke nicht
unnöthiger Weise ausbreite, und dass man sich daran gewöhne, mit jedem
Ausdrucke etwas Präcises zu sagen. Wenn man also wirklich prätendirt,
histologische Eintheilungen zu machen, so darf man nicht mehr für jede
Gallertgeschwulst den Ausdruck Colloid in Anwendung bringen, der
überhaupt keinen histologischen Werth hat, sondern eben nur ein äusseres
Aussehen ausdrückt, welches die allerverschiedenartigsten Gewebe unter
Umständen annehmen können. =Laennec= selbst hat in einer etwas
verderblichen Weise die Bahn gebrochen, indem er von einer colloiden
Umwandlung fibrinöser Exsudate der Pleura gesprochen hat.
[303] Archiv XXXIV. 21. Geschwülste I. 9. II. 560.
[304] Odyss. X. 305. Anmerkung des Stenographen.
Die Hauptschwierigkeit, welche sich hier ergibt, beruht darin, dass man
keinen Unterschied zwischen =der blossen Form und dem Wesen= zu finden
weiss. Man darf die Form nur da als entscheidendes Kriterium für die
Diagnose verschiedener Neubildungen zulassen, wo sie eben auch mit einer
wirklichen Eigenartigkeit des Gewebes zusammenhängt und nicht bloss aus
zufälligen Eigenthümlichkeiten des Ortes oder der Lagerung resultirt.
Will man z. B. den Namen des Colloids anwenden, so kann man zwei Wege
einschlagen. Man kann entweder damit nichts weiter als eine besondere
Art des Aussehens bezeichnen, und dann wird man allerdings verschiedene
Geschwülste bekommen können, welche durch den adjectivischen Zusatz
»colloid« von anderen Geschwülsten derselben Art unterschieden werden
mögen. Man kann also sagen: Colloidkrebs, Colloidsarkom, Colloidfibrom.
Hier bezeichnet colloid weiter nichts, als gallertig oder sulzig. Will
man dagegen einen bestimmten Begriff von dem Wesen, der chemischen oder
physicalischen Besonderheit der Colloidsubstanz oder der morphologischen
Natur des Colloidgewebes haben, so kann man nicht zwei genetisch,
chemisch und morphologisch ganz verschiedene Producte, wie das
Schilddrüsen-Colloid[305] und den Colloidkrebs, zusammen bringen.
[305] Geschwülste III. 27.
Eine grosse Menge von Geschwülsten bringt, wenn sie an der Oberfläche
sitzen, Wucherungen der Oberfläche mit sich, welche, je nach der Natur
der Oberfläche, in Form von Zotten, Papillen oder Warzen hervortreten
(Fig. 93, 131). Man kann alle diese Geschwülste unter einem Namen
zusammenfassen und sie Papillome nennen, allein die Geschwülste, welche
diese Form haben, sind oft toto coelo von einander verschieden[306].
Während der eine Fall eine wahre hyperplastische Entwickelung
darstellt[307], so finden wir in einem anderen im Grunde dieser Zotten,
da, wo sie auf der Haut oder Schleimhaut aufsitzen, irgend eine
besondere Art von Geschwulst. In manchen Fällen sind selbst die Zotten
mit dieser Geschwulstmasse gefüllt. Dies ist ein sehr wesentlicher
Unterschied. An einem =breiten Condylom= (Schleimtuberkel oder Plaque
muqueuse von =Ricord=) findet man unter der an sich noch glatten
Oberhaut die Papillen sich vergrössernd und endlich in ästige Figuren
auswachsend, so dass sie förmliche Bäume darstellen. Diese Form des
Condyloms kann aber verbunden sein mit einer =krebsigen= Entwickelung.
An der Haut geschieht das verhältnissmässig weniger häufig, als an
manchen Schleimhäuten. Hier kann es kommen, dass wirklicher Krebs in den
Zotten sitzt. Es ist dies ja an sich nicht auffällig. Die Papille
besteht aus Bindegewebe, wie die Haut, auf welcher sie sitzt; es kann
also innerhalb der Papillen vom Bindegewebe (Stroma) aus eine
Entwickelung von Krebsmasse stattfinden, wie von dem Bindegewebe der
Haut. Nun lässt sich andererseits nicht leugnen, dass diese Besonderheit
der Oberflächen-Bildung sehr häufig gewisse Eigenthümlichkeiten des
Verlaufes erklärt, wodurch eine Papillärgeschwulst von derselben Art von
Geschwulst, welche nicht papillär ist, sich auffallend unterscheidet.
Jemand kann einen Blasenkrebs, wenn derselbe einfach in der Wand sitzt,
sehr lange tragen, ohne dass in der Art der Absonderung, welche mit dem
Harn entleert werden muss, andere Veränderungen zu bestehen brauchen,
als die eines einfachen Katarrhs. Sobald dagegen eine Zottenbildung an
der Oberfläche stattfindet, so ist nichts gewöhnlicher, als dass sich
Hämaturie damit complicirt, aus dem einfachen Grunde, weil jede Zotte
auf der Harnblasenwand nicht mit einem festen Epidermisstratum überzogen
wird, sondern unter einem losen Epithel fast frei zu Tage liegt. In das
Innere der Zotten treten grosse Gefässschlingen ein, welche bis an die
äusserste Oberfläche reichen; jede erhebliche mechanische Einwirkung
gibt daher ein Moment für Hyperämie und Berstung der Zotten ab. Eine
krampfhafte Zusammenziehung der Harnblase treibt, indem die Fläche, auf
welcher die Zotten aufsitzen, sich verkürzt, das Blut in die
Zottenspitzen, und wenn nun noch die mechanische Friction der Flächen
hinzukommt, so ist nichts leichter, als dass eine bald mehr bald weniger
beträchtliche Blutung erfolgt. Damit aber eine solche Blutaustretung zu
Stande komme, ist es durchaus unnöthig, dass die Papillargeschwulst
krebsig ist. Ich habe Fälle gesehen, wo Jahre lang von Zeit zu Zeit
heftige und schliesslich unstillbare Blutungen eintraten, unter denen
die Kranken endlich anämisch zu Grunde gingen, und wo nicht die Spur von
einer krebsigen Infiltration des Grundes oder der Zotten existirte,
sondern wo es eine ganz einfache Papillargeschwulst war, eine gutartige
Bildung, welche an der Oberfläche der Haut mit Leichtigkeit hätte
abgeschnitten oder abgebunden werden können, welche aber bei der
Verborgenheit des Sitzes hier eine Reihe von Erscheinungen mit sich
brachte, die man bei Lebzeiten nicht anders, als auf eine wirklich
bösartige Neubildung zu beziehen wusste.
[306] Würzburger Verhandl. I. 107.
[307] Geschwülste I. 334.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den viel besprochenen
=Blumenkohl-Geschwülsten=[308], wie sie sowohl an der Oberfläche der
Genitalien des Mannes, als auch der Frau vorkommen. Bei dem Manne, wo
diese Papillärgeschwülste, ausgehend vom Praeputium, die Corona glandis
umkränzen, sind sie meistentheils von einer sehr dicken Epidermis-Lage
überzogen, so dass sie auch bei der Ulceration kaum eine erhebliche
Absonderung liefern. Bei der Frau dagegen, wo die Geschwulst am Collum
uteri, einem sehr gefässreichen, mit einem schwachen Epithelstratum
überzogenen, von Natur mit einem reichen Papillarlager versehenen Theile
sich findet, bedingt sie meistentheils sehr frühzeitig starke
Transsudationen und bei Gelegenheit hämorrhagiscbe Austretungen von
fleischwasserartiger oder wirklich rother, cruenter Flüssigkeit. Bei
diesen Formen ist man häufig im Zweifel gewesen, um was es sich handelt.
Ich habe es erlebt, dass ein renommirter Chirurg in die Klinik von
=Dieffenbach= kam, welcher eben einen Penis wegen »Carcinom« amputirte,
und dass der fremde Chirurg nachher erklärte, es sei ein einfaches
Condylom gewesen. Hinwiederum habe ich Fälle untersucht, wo man Jahre
lang an diesen Dingen herumkurirt hat, als ob es syphilitische Condylome
wären, weil die äussere Erscheinung so überaus analog und es so überaus
schwierig ist, das Kriterium zu ermitteln, welches genau die
Entscheidung gibt, ob die Bildung nur der Oberfläche angehört, oder ob
sie complicirt ist mit der Erkrankung des unterliegenden Gewebes. Es
gibt allerdings heute sehr viele Anatomen und Chirurgen, welche die
Vorstellung haben, dass auch an der Oberfläche ähnliche Bildungen
wachsen könnten, wie sie im Innern vorkommen, dass z. B. eine
Zottengeschwulst krebsig genannt werden müsse, wenn sie von Krebszellen
wie von einem Epithel überzogen sei, ohne dass im Innern der Zotten
irgend eine Entwickelung von Krebsmasse sich zeigte. In der That findet
man zuweilen Zotten, welche ganz dünn sind und kaum so viel Bindegewebe
enthalten, dass die in ihnen aufsteigenden Gefässe noch eingehüllt sind,
in ein dickes Lager von Zellen eingeschlossen, welche durch die
Unregelmässigkeit ihrer Gestalt, die Grösse ihrer Kerne, die
Entwickelung der einzelnen Elemente mehr den Habitus des Krebses, als
den des Epithels darbieten. Aber ich muss bekennen, dass ich mich bis
jetzt nicht habe überzeugen können, dass Krebszellen an der freien
Oberfläche von Häuten entstehen könnten, dass sie einfach aus Epithel
hervorgingen; vielmehr glaube ich nach Allem, was ich gesehen habe, dass
man eine ganz strenge Scheidung machen muss zwischen den Fällen, wo
Zellenmassen, sie mögen noch so reichlich und sonderbar gestaltet sein,
frei auf einer an sich intacten Grundsubstanz aufsitzen, und denjenigen,
wo die Zellen im Parenchym der Theile selbst sich bildeten.
[308] Würzb. Verhandl. I. 109. Gesammelte Abhandlungen 1020.
[Illustration: =Fig=. 147. Senkrechter Durchschnitt durch ein
beginnendes Blumenkohlgewächs des Collum uteri (Cancroid). An der noch
intacten Oberfläche sieht man die ziemlich grossen Papillen des Os uteri
von einem gleichmässigen geschichteten Epitheliallager umhüllt. Die
Erkrankung beginnt erst jenseits der Schleimhaut in dem eigentlichen
Parenchym des Cervix, wo grosse, rundliche oder unregelmässige
Zelleneinsprengungen (Alveolen) das Gewebe durchsetzen. Vergr. 150.]
Immer entscheidet sich, so viel ich wenigstens weiss, der Werth einer
Bildung nach dem Verhältnisse des unterliegenden Gewebes oder des
Zottengewebes selbst; und nur dann kann man eine Bildung als Cancroid
oder Carcinom ansprechen, wenn neben der Entwickelung an der Oberfläche
auch in der Tiefe oder in den Zotten selbst die besonderen Veränderungen
vorhanden sind, welche eben diese Art von Bildung charakterisiren. Ich
glaube daher, dass alle jene äusserlichen Formverschiedenheiten eben nur
dazu dienen können, einzelne Arten derselben Geschwulst, aber
keinesweges verschiedene Geschwülste von einander zu sondern. Es gibt
Bindegewebsgeschwülste (Fibrome) der Oberfläche, die in Form von
einfachen Knoten auftreten, andere welche in Form von Warzen und
Papillargeschwülsten sich zeigen[309]. Ebenso gibt es Krebs- und
Cancroidbildungen, welche die Blumenkohlform annehmen, und andere, die
es nicht thun.
[309] Geschwülste I. 320, 340.
In Beziehung auf das Verhältniss von Form und Wesen gibt es eine andere,
ganz cardinale Frage, die im Interesse der Menschheit bald zu einer
gewissen Einmüthigkeit geführt werden sollte, nehmlich die: was man
eigentlich unter einem =Tuberkel= zu verstehen habe. Dieselben
Schwierigkeiten, welche ich eben bei den Papillargeschwülsten
schilderte, finden sich beim Tuberkel in noch verstärktem Maasse
wieder[310]. Die Alten haben den Namen Tuberkel eingeführt einfach nach
der äusseren Form des Gebildes. Man hat jedes Ding Tuberkel genannt,
welches in Form eines Knötchens hervortrat. Wie bekannt, ist es gar
nicht so lange her, dass man nicht im Mindesten sorgfältig in der
Anwendung dieses Ausdruckes war. Man sprach von Tubercula carcinomatosa,
scirrhosa, man unterschied Tubercula scrofulosa und syphilitica, eine
Sprechweise, welche zum Theil noch jetzt in Frankreich erhalten ist. Es
war mit dem Tuberkel, wie mit dem Krebs, bei dem man sich von Alters her
ja auch nicht etwa auf die eigentliche Geschwulst beschränkte; vielmehr
rechnete man Noma (Cancer aquaticus) eben so gut dahin, wie Schanker
(Cancer syphiliticus).
[310] Geschwülste II. 621.