nichts, als junges Epithel. Einen Schritt weiter und man könnte sagen,
die Eiterkörperchen wären weiter nichts, als junge Schleimkörperchen.
Das ist etwas irrthümlich. Man kann nicht behaupten, dass eine Zelle,
die bis zu dem Punkte eines sogenannten Schleimkörperchens als
sphärisches Gebilde sich erhalten hat, noch im Stande wäre, die typische
Form des Epithels anzunehmen, welches an der Stelle existiren sollte;
eben so wenig ist es sicher, dass ein Eiterkörperchen, nachdem es sich
regelmässig ausgebildet hat und lose geworden ist, sich wieder in einen
Entwickelungsgang hineinzubegeben vermöchte, der ein relativ bleibendes
Element des Körpers herzustellen im Stande wäre. Die Elemente, aus denen
die Entwickelung neuer Gewebe überhaupt erfolgt, sind junge Formen,
indifferente Bildungszellen (S. 493), aber sie sind keine eigentlichen
Eiterkörperchen. Im Eiter beginnt jede neue Zelle sehr früh ihren Kern
zu theilen; nach kurzer Zeit erreicht die Kerntheilung einen hohen Grad,
ohne dass die Zelle selbst weiter wächst. Im Schleim pflegen die Zellen
einfach zu wachsen und zum Theil sehr gross zu werden, ohne ihre Kerne
zu theilen, aber sie überschreiten nicht gewisse Grenzen, und namentlich
nehmen sie keine typische Gestalt an. Im Epithel dagegen fangen die
Elemente schon sehr früh an, ihre besondere Gestalt zu zeigen, denn,
»was ein Haken werden soll, das krümmt sich beizeiten.« Die
allerjüngsten Elemente, welche unter pathologischen Verhältnissen
gebildet werden, kann man aber nicht Epithelzellen nennen, wenigstens
sind sie noch keine typischen Epithelzellen, sondern auch sie sind
indifferente Bildungszellen, welche auch zu Schleim- oder
Eiterkörperchen werden könnten. Eiter-, Schleim- und Epithelialzellen
sind also pathologisch äquivalente Theile, welche einander wohl
substituiren, aber nicht für einander functioniren können.
Schon hieraus folgt, dass der gesuchte Unterschied zwischen Schleim und
Eiter, für dessen Auffindung man im vorigen Jahrhunderte Preise
aussetzte, eigentlich nicht gefunden werden konnte, und dass die
»Proben« immer unzureichend sein mussten, insofern die Entwickelungen
auf der Schleimhaut nicht, immer den rein purulenten, den rein mucösen
oder den rein epithelialen Charakter haben, vielmehr in der grossen
Mehrzahl der Fälle ein gemischter Zustand existirt. Fast jedesmal, wenn
auf einer grossen Schleimhaut, wie auf den Harn- oder Geschlechtswegen,
ein katarrhalischer Prozess sich entwickelt, erscheinen Eiterkörperchen,
aber die Secretion derselben findet irgendwo ihre Grenze, von wo an nur
Schleimkörperchen abgesondert werden, und auch die Absonderung der
Schleimkörperchen geht irgendwo wieder in vermehrte Epithelbildung über.
Diese Art von Eiterung wird natürlich immer das Resultat haben, dass an
Stellen, wo sie eine gewisse Höhe erreicht, die natürlichen Decken der
Oberfläche nicht zu Stande kommen, oder wo diese eine gewisse Festigkeit
haben, dass sie abgehoben und zerstört werden. Eine Pustel an der Haut
zerstört die Epidermis, und insofern können wir auch diesen Formen der
Eiterung einen degenerativen Charakter beimessen.
[Illustration: =Fig=. 145. Eiterige Granulation aus dem
Unterhautgewebe des Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens, _a_
Bindegewebskörperchen, _b_ Vergrösserung der Körperchen mit Theilung der
Kerne, _c_ Theilung der Zellen (Granulation), d Entwickelung der
Eiterkörperchen. Vergr. 300.]
Degeneration im gewöhnlichen Sinne tritt jedoch erst dann ein, wenn
tiefere Theile befallen werden. Diese tiefere, eigentlich ulcerative
Eiterbildung geschieht regelmässig im =Bindegewebe= oder seinen
Aequivalenten[291]. An ihm erfolgt zuerst eine Vergrösserung der Zellen
(Bindegewebskörperchen), die Kerne theilen sich und wuchern eine Zeit
lang excessiv. Auf dieses erste Stadium folgen dann sehr bald Theilungen
der Elemente selbst. Im Umfange der gereizten Stellen, wo vorher
einzelne Zellen lagen, findet man späterhin doppelte und mehrfache, aus
denen sich gewöhnlich eine Neubildung homologer Art (hyperplastisches
Bindegewebe) gestaltet. Nach innen hin dagegen, wo schon vorher die
Elemente stark mit Kernen gefüllt werden, treten bald Haufen von kleinen
Zellen auf, welche anfangs noch in den Richtungen und Formen liegen, wie
die früheren Bindegewebskörperchen. Etwas später findet man hier
rundliche Heerde oder diffuse »Infiltrationen«, innerhalb deren das
Zwischengewebe äusserst spärlich ist und in dem Maasse, als die
Zellenanhäufung sich weiter ausbreitet, immer mehr verzehrt oder
erweicht wird. Einen wie grossen Antheil an diesen Vorgängen die
Einwanderung farbloser Blutkörperchen aus den Gefässen hat, muss noch
genauer festgestellt werden. Manche neueren, ziemlich einseitigen
Auffassungen haben von offenbar falschen Voraussetzungen aus das
Ergebniss der experimentellen Untersuchungen irrthümlich gedeutet.
Indess ist dies um so mehr verzeihlich, da auch wir, indem wir nur der
Proliferation gedachten, früher eben so einseitig waren. Für die spätere
Geschichte der suppurativen Prozesse kommt übrigens wenig darauf an, ob
man die neuen Zellen der Wucherung oder der Wanderung zuschreibt.
[291] Archiv IV. 312. VIII. 415. XIV. 58. Spec. Pathol. u. Ther. I.
330, 337.
Finden diese Prozesse an einer unversehrten Oberfläche statt, so sieht
man zuweilen das Epithellager noch ganz zusammenhängend über die
gereizte und etwas geschwollene Stelle hinweglaufen. Auch die äusserste
Lage der Intercellularsubstanz erhält sich oft noch lange Zeit, während
alle tieferen Theile des Bindegewebes schon mit Eiterkörperchen erfüllt,
»infiltrirt« oder »abscedirt« sind. Endlich berstet die Oberfläche oder
sie wird auch ohne Berstung direkt transformirt in eine weiche,
zerfliessende Masse. Diese Formen geben nach und nach die sogenannten
=Granulationen=, welche immer aus einem Gewebe bestehen, wo in eine
schwache Quantität von weicher Intercellularsubstanz mehr oder weniger
zahlreiche, wenigstens in dem eigentlich wuchernden Stadium der
Granulationen runde Elemente eingesetzt sind. Je weiter wir gegen die
Oberfläche kommen, um so mehr zeigen die Zellen, welche in der Tiefe
mehr einkernig sind, Theilungen der Kerne und an der letzten Grenze kann
man sie nicht mehr von Eiterkörperchen unterscheiden. Es pflegt dann
eine Ablösung des Epithels stattzufinden, und endlich kann es sein, dass
die Grundsubstanz zerfliesst und die einzelnen Elemente sich frei
ablösen. Bleibt die Wucherung oder Auswanderung der Zellen reichlich, so
bricht die Masse fortwährend auf, die Elemente schütten sich auf der
Oberfläche aus, und es findet eine Zerstörung statt, welche immer tiefer
in das Gewebe eingreift und immer mehr Elemente auf die Oberfläche
wirft. Das ist das eigentliche =Geschwür=.
Nach der gewöhnlichen Vorstellung, wo man den Eiter aus einem beliebigen
Exsudat ableitete, war diese Art von Ulceration gar nicht recht
begreiflich; man sah sich immer genöthigt, eine besondere Art der
Umwandlung des Gewebes neben der Eiterung anzunehmen, und man kam
endlich dahin, dem Eiter eine Fähigkeit der chemischen Lösung
zuzuschreiben. Aber auf chirurgischem Wege hat man sich schon lange auf
das Mannichfachste überzeugt, dass flüssiger Eiter nicht schmelzend
einwirkt. Man hat in Eiterhöhlen Knochen hineingesteckt, sie wochenlang
darin liegen lassen, und wenn man sie nachher hervorlangte und wog, so
waren sie eher schwerer geworden durch Aufnahme flüssiger Substanz; es
hatte sich aber kein Erweichungszustand gebildet, ausser dem durch
Fäulniss bedingten. Nur die Granulationen und ähnliche wuchernde Gewebe
»fressen« wirklich den Knochen an (S. 521). In wie weit bei der Eiterung
das Gewebe durch eine wirkliche Auflösung zerstört wird, das hängt
hauptsächlich davon ab, ob die Grundsubstanz, welche die jungen Elemente
umgibt, vollkommen flüssig wird. Behält sie eine gewisse Consistenz, so
beschränkt sich der Prozess auf die Hervorbringung von Granulationen,
und diese können eben so gut hervorgehen aus einer intacten, wie aus
einer vorher verletzten Oberfläche. In der Chirurgie nimmt man häufig
an, dass die Granulationen sich stets auf der Oberfläche eines
Substanzverlustes bilden, allein sie gehen jedesmal direkt aus dem
Gewebe hervor. Sie entstehen unmittelbar in dem Knochen, ohne dass an
demselben ein Substanzverlust vorherging. Ebenso direkt in der Cutis
unter intacter Epidermis, ebenso an Schleimhäuten. Erst in dem Maasse,
als sie sich entwickeln, verliert die Oberfläche ihren normalen
Charakter.
Jede solche Entwickelung, gleichviel ob sie am Epithel oder am
Bindegewebe erfolgt, geschieht heerdweise[292], und zwar genau so, wie
an der Grenze des Ossificationsrandes des Knochens, wo jene mächtigen
Gruppen von Knorpelzellen liegen (Fig. 113, I. 134, _p_), welche einer
einzigen früheren Knorpelzelle entsprechen. Es handelt sich dabei in der
That um Vorgänge, welche in gewöhnlichen Erscheinungen des Wachsthums
ihr Analogen finden. Wie ein Knorpel, wenn er nicht verkalkt, z. B. in
der Rachitis, endlich so beweglich wird, dass er seine Function als
Stützgebilde nicht mehr erfüllen kann, so schwindet überall unter der
Entwickelung der Granulation und Eiterung allmählich die Festigkeit des
Gewebes. Damit verbindet sich sehr gewöhnlich eine Lockerung des
Zusammenhanges, eine Erweichung, endlich eine Schmelzung des Gewebes. So
verschieden also scheinbar diese Vorgänge der Destruction von den
Vorgängen des Wachsthums sind, so fallen sie doch an einem gewissen
Punkte vollständig damit zusammen. =Es gibt ein Stadium, wo man nicht
mit Sicherheit entscheiden kann, ob es sich an einem Theile um
einfache Vorgänge des Wachsthums oder um die Entwickelung einer
heteroplastischen, zerstörenden Form handelt=.
[292] Spec. Pathologie und Therapie. I. 337.
[Illustration: =Fig=. 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei
Carcinoma mammae. _a_ Bindegewebskörperchen, _b_ Theilung der Kerne, _c_
Theilung der Zellen, _d_ reihenweise Anhäufung der Zellen, _e_
Vergrösserung der jungen Zellen und Bildung der Krebsheerde (Alveolen),
_f_ weitere Vergrösserung der Zellen und der Heerde. _g_ Dieselbe
Entwickelung auf dem Querschnitt. Vergr. 300.]
Die eben geschilderte Art der Entwickelung ist aber nicht etwa dem Eiter
als solchem eigenthümlich, sondern sie findet sich in ähnlicher Weise
bei jeder heteroplastischen Entwickelung; die ersten Veränderungen,
welche wir bei der Eiterung durch Proliferation constatiren, finden sich
genau ebenso bei jeder Art von Heteroplasmen bis zu den äussersten
malignen Formen hin[293]. Die erste Entwickelung des Sarkoms, des
Krebses und Cancroids zeigt dieselben Stadien: man muss nur weit genug
in der Entwickelungs-Geschichte zurückgehen, dann stösst man auch
zuletzt immer auf ein Stadium, wo man in den tieferen und jüngeren
Schichten indifferente Zellen antrifft, welche erst durch spätere
Differenzirung je nach den Besonderheiten der Reizung den einen oder den
anderen Typus annehmen. Man kann daher auch im Grossen die Geschichte
der meisten Neubildungen, die ihrem Haupttheile nach aus Zellen
bestehen, gleichviel welches Muttergewebe sie haben, unter einen ganz
gleichen Gesichtspunkt bringen. Die Form, unter welcher der Krebs
schliesslich ulcerirt, hat mit der eiterigen Ulceration eine so grosse
Aehnlichkeit, dass man seit langer Zeit beide Dinge als gleichartige
betrachtet hat; schon im Alterthum stellte man die fressende Form der
Eiterung, die sogenannten Schanker (Cancer) in Parallele mit der
krebsigen »Eiterung« oder Verjauchung.
[293] Geschwülste I. 74, 89.
Wesentlich verschieden gestalten sich aber die einzelnen Neubildungen in
einer späteren Epoche ihrer Ausbildung dadurch, dass ihre Elemente eine
sehr verschiedene Entwickelungshöhe erreichen, oder anders ausgedrückt,
dass die Zeitdauer, für welche ihre Elemente angelegt werden, =das
mittlere Lebensalter der einzelnen Elemente=[294], ausserordentlich
verschieden ist. Im dritten Capitel (S. 67) habe ich diese Art der
Betrachtung eingehend dargelegt und namentlich den Unterschied der
Dauer- und Zeitgewebe ausführlich erörtert. Aber auch die Zeitgewebe
(Telae temporariae) haben Elemente von sehr verschiedener Lebensdauer.
Wenn wir an einem Punkte, wo Eiterung stattgefunden hat, einen Monat
später untersuchen, so können wir, auch wenn der Eiter scheinbar immer
noch vorhanden ist, nicht mehr darauf rechnen, in dem Heerde unversehrte
Eiterkörperchen zu finden. Eiter, der Wochen und Monate lang irgendwo
gesteckt hat ist genau genommen kein Eiter mehr; es ist zerfallene
Masse, Detritus, aufgelöste Bestandtheile, welche durch fettige
Metamorphose, faulige Umsetzung, Kalkablagerung und dergleichen mehr
verändert sind. Dagegen kann ein Krebsknoten Monate lang bestehen und
dann noch sämmtliche Elemente unversehrt enthalten. Wir können also mit
Bestimmtheit sagen, dass ein krebsiges Element längere Zeit zu existiren
vermag, als ein eiteriges, gerade so, wie die Schilddrüse länger
existirt, als die Thymusdrüse, oder wie einzelne Theile des
Sexualapparates auch im Laufe des gesunden Lebens frühzeitig zu Grunde
gehen, während andere sich das ganze Leben hindurch erhalten (S. 73). So
ist es auch bei pathologischen Neubildungen. Zu einer Zeit, wo gewisse
Arten von Elementen schon lange ihren Rückbildungsgang angetreten haben,
fangen andere erst an, ihre volle Entwickelung zu machen. Bei manchen
Neubildungen beginnt die Rückbildung verhältnissmässig so frühzeitig, ja
sie stellt so sehr den gewöhnlichen Befund dar, dass die
besten Untersucher die Rückbildungsstadien für die eigentlich
charakteristischen angesehen haben. Bei dem Tuberkel hatten bis zu
meinen Untersuchungen eigentlich alle neueren Beobachter, welche sich
ex professo mit dem Studium desselben befasst haben, sein
Rückbildungsstadium für das eigentlich typische, das Ende für den Anfang
genommen und daraus Schlüsse auf die Natur des ganzen Vorganges gezogen,
welche man mit demselben Rechte auch auf die Rückbildungsstufen von
Eiter und von Krebs hätte anwenden können[295].
[294] Archiv I. 194, 222. Spec. Pathol. u. Ther. I. 332.
[295] Würzb. Verhandl. I. 84. II. 72. Archiv XXXIV. 69.
Wir vermögen bis jetzt mit vollkommener Sicherheit für wenige Elemente
in Zahlen anzugeben, welche mittlere Lebensdauer ihnen zukommt. Offenbar
existiren hier ähnliche Schwankungen, wie bei den normalen Organen.
Allein unter allen pathologischen Neubildungen mit flüssiger
Intercellularsubstanz gibt es keine einzige, welche sich dauerhaft zu
erhalten vermöchte, keine einzige, deren Elemente zu bleibenden
Bestandtheilen des Körpers werden und so lange existiren könnten, wie
das Individuum. Es könnte dies allerdings insofern zweifelhaft
erscheinen, als manche Arten von malignen Geschwülsten viele Jahre
hindurch bestehen und das Individuum sie von dem Zeitpunkte an, wo sie
sich entwickeln, bis zu seinem vielleicht sehr spät erfolgenden Tode
behält. =Allein man muss die Geschwulst als Ganzes von den einzelnen
Theilen derselben unterscheiden=. Innerhalb einer Krebsgeschwulst, die
viele Jahre lang besteht, sind es nicht dieselben Elemente, welche so
lange bestehen; vielmehr erfolgt eine oft sehr zahlreiche Succession
immer neuer Bildungen. Diese Bildungen können innerhalb der Grenzen des
Gesammtgebildes liegen, so dass dieses gleichsam von innen heraus immer
mehr »auswächst« und anschwillt. Am besten sieht man dies bei Polypen,
welche daher auch schon seit alten Zeiten als ein Mustergebilde für die
eigentlich parasitischen Gewächse angesehen worden sind. Aber für die
Mehrzahl der Neubildungen, namentlich der im Inneren der Organe
auftretenden, gilt diese Erfahrung nur im geringen Umfange. Die erste
Entwickelung einer Geschwulst oder eines Abscesses geschieht hier an
einem bestimmten Punkte, aber ihr weiteres Wachsthum besteht in der
Regel nicht darin, dass aus diesem Punkte heraus immer neue
Entwickelungen geschehen, oder dass hier eine Intussusception von
Stoffen stattfindet, welche zu einer dauerhaften Entfaltung des Ganzen
nach ausserhalb verarbeitet werden. Vielmehr bilden sich im Umfange des
ersten Heerdes neue kleine, accessorische Heerde, welche, indem sie sich
vergrössern, sich dem ersten anschliessen und so nach und nach eine
immer weiter gehende Vergrösserung des einmal bestehenden Knotens
setzen[296]. Liegt die Geschwulst an der Oberfläche eines Organs, so
zeigt sich auf dem Durchschnitte eine halbkreisförmige Zone jüngster
Substanz an der Peripherie des Knotens; liegt sie inmitten eines Organs,
so bilden die neuen Appositionen eine sphärische Schale um das ältere
Centrum. Untersuchen wir eine Geschwulst, nachdem sie vielleicht ein
Jahr lang bestanden, so ergibt sich gewöhnlich, dass in der Mitte die
zuerst gebildeten Elemente gar nicht mehr vorhanden sind. Hier finden
wir die Elemente zerfallen, durch fettige Prozesse aufgelöst. Liegt die
Geschwulst an einer Oberfläche, so besitzt sie, oft in der Mitte ihrer
Hervorragung eine nabelförmige Einziehung, und das nächste Stück
darunter stellt eine dichte Narbe dar, welche nicht mehr den
ursprünglichen Charakter der Neubildung an sich trägt. Diese
rückgängigen Formen habe ich zuerst beim Krebs beschrieben, besonders an
der Leber, der Lunge und dem Darm, wo sie leicht zu constatiren
sind[297].
[296] Archiv V. 238. Geschwülste I. 50, 98.
[297] Archiv I. 184-92.
Immer kann man sich überzeugen, dass, =was man eine Geschwulst nennt und
als eine Einheit betrachtet, vielmehr eine Vielheit, eine oft unzählbar
grosse Summe von vielen kleinen miliaren Heerden ist=, von denen jeder
einzelne zurückgeführt werden muss auf einzelne oder wenige
Mutter-Elemente. Indem in dieser Weise die Bildungen fortschreiten,
gleichviel ob Eiter oder Tuberkel oder Krebs, so setzen sich immer neue
Zonen von jungen Heerden an die alten an, und wir werden, wenn wir
überhaupt die Entwickelungsgeschichte solcher Neoplasmen verfolgen
wollen, mit grosser Sicherheit darauf rechnen können, dass in der
äussersten Umgebung die jungen, im Centrum die alten Theile liegen. =Nun
erstreckt sich aber die Zone der letzten Erkrankung gewöhnlich um ein
Bedeutendes über die mit blossem Auge erkennbare Zone der Veränderung
hinaus=. Wenn man irgend eine wuchernde Geschwulst von zelligem
Charakter untersucht, so findet man oft 3-5 Linien weit über die
scheinbare Grenze der Geschwulst hinaus die Gewebe schon erkrankt und
die Anlage einer neuen Zone gegeben. Liegt die Neubildung in einem
Theile, dessen Gewebe in gewissen Richtungen der Erkrankung sehr viel
leichter zugänglich sind, so wird begreiflich die junge Masse keine
eigentliche Zone oder Schale um den alten Heerd bilden, sondern sich
vielleicht strangförmig in jenen Richtungen fortsetzen. Das ist die
Hauptquelle für die örtlichen Recidive nach der Exstirpation, denn diese
kommen dadurch zu Stande, dass die für das blosse Auge nicht erkennbare
Zone, sowie die nächsten hinderlichen Momente weggefallen sind, zu
wachsen anfängt. Es geschieht hier keine neue Ablagerung vom Blut aus,
sondern es sind die schon in dem benachbarten Gewebe vorhandenen,
neugebildeten Keime, welche in derselben Weise, wie das sonst geschehen
sein würde, oder auch wohl noch schneller ihre weitere Entwickelung
durchmachen[298].
[298] Geschwülste I. 46.
Diese Erfahrung halte ich deshalb für ausserordentlich wichtig, weil sie
uns zeigt, dass alle diese Bildungen einen =contagiösen Habitus= an sich
haben. Solange, als man sich dachte, dass die einmal gegebene Masse nur
von sich aus wuchere, so lange konnte es natürlich scheinen, als habe
man weiter keine andere Aufgabe, als der Geschwulst die weitere Zufuhr
abzuschneiden. Aber es wird offenbar in dem Heerde selbst ein
contagiöser Stoff gebildet, und wenn die zunächst an den
Erkrankungsheerd anstossenden Elemente, welche durch Anastomosen mit den
erkrankten Elementen in Verbindung stehen, gleichfalls die heterologe
Wucherung eingehen, so kann man sich die Sache wohl nicht anders denken,
als dass die Erkrankung genau ebenso erfolgt, wie die Erkrankung der
nächsten Lymphdrüsen, welche in der Richtung des von der erkrankten
Stelle ausgehenden Lymphstromes liegen. Je mehr Anastomosen die Theile
besitzen, um so leichter erkranken sie, und umgekehrt. An dem Knorpel
sind die malignen Erkrankungen so selten, dass man in der Regel annimmt,
er sei ganz und gar unfähig dazu. So findet man zuweilen an einem
Gelenke über sarkomatösen oder carcinomatösen Geschwülsten nur noch den
Knorpelüberzug erhalten, während alles andere zerstört ist. So sehen
wir, dass die fibrösen Theile, welche reich sind an elastischen
Elementen, z. B. die Fascien, sehr wenig Disposition zu contagiöser
Erkrankung haben, ja lange Zeit als Isolatoren krankhafter Prozesse
dienen. Dagegen, je weicher ein Grundgewebe ist, je besser die Leitung
stattfinden kann, um so sicherer können wir erwarten, dass bei
Gelegenheit in dem Theile neue Erkrankungsheerde auftreten werden. Ich
habe deshalb geschlossen, dass die Infection von dem bestehenden Heerde
auf die anastomosirenden Nachbarelemente unmittelbar durch kranke Säfte
übertragen wird, =ohne Dazwischenkunft von Gefässen und Nerven=[299].
Freilich sind die Nerven oft die besten Leiter für die Fortpflanzung von
contagiösen Neubildungen, aber nicht als Nerven, sondern als Theile mit
weichem Zwischengewebe (Perineurium).
[299] Archiv V. 246. Spec. Pathol. u. Ther. I. 339. Geschwülste I. 51.
Hier ergibt sich die Bedeutung der anastomosirenden Elemente des
Gewebes, der Werth der Cellular-Theorie für die Deutung der Prozesse auf
das Augenscheinlichste. Man kann, wenn man einmal diese Art der Leitung
kennen gelernt hat, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersehen,
wohin in gewissen Theilen mit bekannter Art der Leitung die Richtung der
Erkrankung gehen werde, und wo die grössere oder geringere Gefahr liegt.
Auch wird es begreiflich, dass die Gefahr nicht bloss nach der Natur des
Krankheitsprozesses, sondern auch nach der anatomischen Einrichtung des
befallenen Organes verschieden gross ist, und dass derselbe Prozess an
verschiedenen Organen, ganz abgesehen von der functionellen Bedeutung
der letzteren, einen ganz verschiedenen Werth hat. Es ist bis jetzt
unerweislich, ob in derselben Weise, wie die Infection der Nachbartheile
wahrscheinlich geschieht, nehmlich durch Saftleitung, auch die Infection
entfernter Theile zu Stande kommt, ob namentlich das Blut von dem Heerde
aus etwas Schädliches aufnimmt und einem entfernten Orte zuleitet. Ich
muss bekennen, dass ich in Beziehung auf die Einzelheiten dieses
Vorganges keine hinreichend beweisenden Thatsachen kenne, und dass ich
die Möglichkeit zugeben muss, dass die Verbreitung durch Gefässe
möglicher Weise auf einer Zerstreuung von Zellen aus den Geschwülsten
selbst beruhen mag. Indessen gibt es auch hier viele Thatsachen, welche
für die Infection durch wirklich losgelöste Zellen sehr wenig sprechen,
z. B. den Umstand, dass gewisse Prozesse gegen den Lauf der
Lymphströmung fortschreiten, dass nach einem Brustkrebs eine Erkrankung
der Leber stattfindet, während die Lunge frei bleibt. Hier scheint es
ziemlich wahrscheinlich zu sein, dass Säfte aufgenommen werden, welche
die weitere Verbreitung bedingen (S. 257). Natürlich schliesst die
Contagion durch inficirende Säfte die Möglichkeit einer Contagion durch
=Seminien= im zelligen Sinne nicht aus. Ich habe schon früher Thatsachen
mitgetheilt[300], welche für eine =Dissemination= durch Zellen sprechen,
und seitdem wir die automatischen Bewegungen vieler thierischer Elemente
kennen gelernt haben (S. 353), ist diese Möglichkeit noch näher
getreten. Indess muss man sich ja hüten, nicht exclusiv zu sein. Gerade
die neuesten Erfahrungen über die Impfbarkeit des Tuberkels haben
gelehrt, dass es zur Hervorrufung neuer Tuberkel keiner wirklich
tuberkulösen und selbst keiner lebenden Zellen bedarf, sondern dass
allerlei regressive Stoffe diese Fähigkeit in hohem Maasse an sich
haben.
[300] Geschwülste I. 54.