von Gewebs-Umbildungen vor uns: der zuerst entstandene, aus Knorpel oder
Bindegewebe hervorgehende Knochen kann Umbildungen erfahren zu Mark,
dann zu Granulations-Gewebe, und endlich zu fast reinem Eiter. Die
Uebergänge sind hier so allmählich, dass bekanntlich derjenige Eiter,
welcher zunächst auf die Granulation folgt, eine mehr schleimige,
fadenziehende, zähe, cohärente Masse darstellt, welche auch wirklich
Schleimstoff enthält, analog dem Granulations-Gewebe, und welche erst,
je weiter man nach aussen kommt, die Eigenschaften des vollendeten
Eiters zeigt. Der fertige rahmige Eiter der Oberfläche geht gegen die
Tiefe hin nach und nach über in das Pus crudum, den schleimigen, zähen,
nicht maturirten Eiter der tieferen Lagen, und was wir =Maturation=
nennen, beruht nur darauf, dass die schleimige Grundsubstanz des
ursprünglich zähen Eiters, welcher sich seiner Structur nach der
Granulation anschliesst, allmählich in die vollkommen flüssige,
albuminöse Zwischensubstanz des reinen Eiters übergeht. Der Schleim löst
sich auf und die rahmige Flüssigkeit entsteht. =Die Reifung ist
also im Wesentlichen eine Erweichung und Verflüssigung der
Intercellularsubstanz=. So unmittelbar hängen Entwickelung und
Rückbildung, physiologische und pathologische Zustände zusammen.
Das ist ein Theil der normalen und pathologischen Vorgänge, welche wir
bei der Bildung und Umbildung von Knochen erkennen. Man muss daraus
entnehmen, dass es sich hier um eine Reihe von Permutationen oder
Transformationen oder Substitutionen handelt, welche ein Fortschreiten
bald zu einer höheren, bald zu einer niederen Form der Bildung
darstellen, welche aber immerfort continuirlich mit einander
zusammenhängen und welche je nach den Bedingungen, welche auf die Theile
wirken, sich bald so, bald anders gestalten. Wir haben es in der Hand,
ob wir einzelne Theile des Knorpels oder des Periostes bestimmen wollen,
zu ossificiren oder sich in ein weiches Gewebe umzubilden. In dieser
ganzen Reihe steht allein das rothe Mark als der Typus der heterologen
Formen dar, indem es die kleinsten und am wenigsten charakteristischen
Zellen enthält. Das junge Markgewebe entspricht seiner Erscheinung nach
am meisten jenen jungen Entwickelungen, mit welchen alle heterologen,
per secundam intentionem entstehenden Gewebe beginnen, und da es, wie
ich vorhin schon berührte, zugleich den eigentlichen Typus für alle
Granulationen darstellt[283], so kann man sagen, dass, =wo immer
Neubildungen in massenhafter Weise entstehen sollen, auch eine dem Typus
des jungen Markes analoge Substitution (Granulation) erfolgt=, und dass,
gleichviel, welche Festigkeit das alte Gewebe haben mag, =doch immer
eine Proliferation stattfinden kann, welche die Keime für die späteren
Elemente legt=.
[283] Archiv XIV. 59. Geschwülste II. 387.
Einundzwanzigstes Capitel.
Die pathologische, besonders die heterologe Neubildung.
Theorie der substitutiven Neubildung im Gegensatze zu der
exsudativen. Zerstörende Natur der Neubildungen. Homologie und
Heterologie (Malignität). Ulceration. Osteomalacie. Knochenmark und
Eiter. Proliferation und Luxuriation.
Die Eiterung. Verschiedene Formen derselben: oberflächliche aus
Epithel und tiefe aus Bindegewebe, Auswanderung der farblosen
Blutkörperchen. Erodirende Eiterung (Haut, Schleimhaut): Eiter- und
Schleimkörperchen im Verhältniss zum Epithel. Ulcerirende Eiterung.
Lösende Eigenschaften des Eiters.
Zusammenhang der Destruction mit pathologischem Wachsthum und
Wucherung. Uebereinstimmung des Anfanges bei Eiter, Krebs, Sarkom
u. s. w. Mögliche Lebensdauer der pathologisch neugebildeten
Elemente und der pathologischen Neubildungen als ganzer Theile
(Geschwülste).
Zusammengesetzte Natur der grösseren Geschwulstknoten und miliarer
Charakter der eigentlichen Heerde. Bedingungen des Wachsthums und
der Recidive: Contagiosität der Neubildungen, Bedeutung der
Elementar-Anastomosen und der Wanderzellen. Die Cellularpathologie
im Gegensatze zur Humoral- und Neuropathologie. Allgemeine
Infection des Körpers. Parasitismus und Autonomie der Neubildungen.
Im vorigen Capitel habe ich die Hauptpunkte in der Geschichte der
Neubildungen erörtert. Es erhellt daraus, dass nach meiner Auffassung
jede Art von Neubildung, insofern sie präexistirende zellige Elemente
als ihren Ausgangspunkt voraussetzt und an die Stelle derselben tritt,
auch nothwendig mit einer völligen Veränderung (Alteration) des
gegebenen Körpertheiles verbunden sein muss. Es lässt sich nicht mehr
eine Hypothese der Art vertheidigen, wie man sie früher vom
Gesichtspunkte der plastischen Stoffe aus festhielt, dass sich =neben=
die vorhandenen Elemente des Körpers ein Rohstoff lagere, welcher aus
sich durch eine Art von Urzeugung ein neues Gewebe erzeugt und so einen
reinen Zuwachs für den Körper liefern würde. Wenn es richtig ist, dass
jede Neubildung aus bestimmten Elementen hervorgeht und dass in der
Regel Theilungen der Zellen das Mittel der Neubildung sind, so versteht
es sich natürlich von selbst, dass, =wo eine Neubildung stattfindet, in
der Regel auch gewisse Gewebselemente des Körpers aufhören müssen zu
existiren=. Selbst ein Element, das sich einfach theilt und aus sich
zwei neue, ihm gleiche Elemente erzeugt, hört damit auf zu sein,
wenngleich das Gesammtresultat nur die scheinbare Apposition eines
Elementes ist. Dies gilt für alle Formen von Neubildungen, so für die
gutartigen, wie für die bösartigen, und man kann daher in einem gewissen
Sinne sagen, dass =überhaupt jede Art von Neubildung destructiv ist,
dass sie etwas vom Alten zerstört=. Allein wir sind bekanntlich gewöhnt,
die Zerstörungen nach dem Effect zu beurtheilen, der für die gröbere
Anschauung hervortritt, und wenn man von destruirenden Bildungen
spricht, so meint man zunächst nicht diejenigen, wobei das Resultat der
Neubildung ein Analogon der alten Bildung darstellt, sondern irgend ein
mehr oder weniger von dem ursprünglichen Typus des Theiles abweichendes
Erzeugniss. Dieser Gesichtspunkt ist es, den ich früher schon (S. 92)
bei der Classification der pathologischen Neubildungen hervorgehoben
habe. Aus ihm ergibt sich ein vernünftiger, den Thatsachen
entsprechender Scheidungsgrund aller =Neubildungen in homologe und
heterologe=.
Heterolog dürfen wir nicht nur die malignen, degenerativen Neoplasmen
nennen, sondern wir müssen jedes Gewebe so bezeichnen, welches von dem
anerkannten Typus des Ortes abweicht, während wir homolog alles das
nennen werden, was, obwohl neu gebildet, doch den Typus seines
Mutterbodens reproducirt. Wir finden z. B., dass die so überaus häufige
Art der Uterus-Geschwülste, welche man als fibröse oder fibroide
bezeichnet, ihrer ganzen Zusammensetzung nach denselben Bau hat, wie die
Wand des »hypertrophischen« Uterus, indem sie nicht nur aus fibrösem
Bindegewebe mit Gefässen, sondern auch aus Muskelfasern besteht. Ich
habe sie daher Myom oder Fibromyom genannt[284]. Die Geschwulst kann
bekanntlich so gross werden, dass sie nicht bloss den Uterus in allen
seinen Functionen auf das Aeusserste beeinträchtigt, sondern auch durch
Druck auf die Nachbartheile den allerübelsten Einfluss ausübt. Trotzdem
wird sie immer als ein homologes Gebilde gelten müssen. Dagegen können
wir nicht umhin, von einer heterologen Bildung zu sprechen, sobald durch
einen Vorgang, der vielleicht in seinem Anfange eine einfache Vermehrung
der Theile auszudrücken scheint, ein Resultat gewonnen wird, welches von
dem ursprünglichen Zustande des Ortes wesentlich verschieden ist. Ein
Katarrh z. B. in seiner einfachen Form kann eine Vermehrung der zelligen
Elemente an der Oberfläche mit sich bringen, ohne dass die neuen Zellen
wesentlich verschieden sind von den präexistirenden. Untersucht man eine
Vagina mit ausgesprochenem Fluor albus (Leukorrhoe), so ist kein
Zweifel, dass die Zellen des Fluor albus den Zellen des Vaginalepithels
sehr nahe stehen, obgleich sie nicht mehr ganz die typische Gestalt des
Pflasterepithels bewahren. Je weniger sie sich aber zu den typischen
Formen des Ortes entwickeln, um so mehr werden sie functionsunfähig. Sie
sind beweglich auf einer Oberfläche, wo sie eigentlich festhaften
sollten; sie fliessen herunter (Katarrh) und erzeugen Resultate, welche
mit der Integrität der Theile unverträglich sind.
[284] Archiv VI. 553. Geschwülste III. 97.
Im engeren Sinne des Wortes destruirend sind allerdings nur heterologe
Neubildungen. Die homologen können per accidens sehr nachtheilig werden,
aber sie haben doch nicht den eigentlichen, im groben und traditionellen
Sinne destruirenden oder malignen Charakter. Dagegen haftet
jeder Art von Heterologie, zumal wenn sie sich nicht auf die
alleroberflächlichsten Theile bezieht, eine gewisse Malignität
an. Trotzdem sollte man nicht übersehen, dass selbst die
Oberflächen-Affectionen, auch wenn sie sich nur auf die äusserste
Epithelial-Lage beschränken, allmählich einen sehr nachtheiligen
Einfluss ausüben können. Man denke nur an den Fall, dass eine grosse
Schleimhautfläche immerfort secernirt, dass auf ihr fortwährend
heterologe Producte erzeugt werden, die nicht zu bleibendem Epithel
werden, sondern immerfort von der Schleimhaut herunter fliessen. Die
durch die Ablösung der deckenden Elemente entstehende Erosion verbindet
sich hier mit der Blennorrhoe, der Anämie, der Neuralgie u. s. f.
Viel klarer stellt sich dieser nachtheilige Einfluss heraus, sobald man
jene gröbere Destruction ins Auge fasst, welche das Motiv für Ulceration
und Höhlenbildung im Innern der Theile wird. Es sieht wie ein
Widerspruch aus, dass ein Prozess, der neue Elemente hervorbringt,
zerstöre, allein dieser Widerspruch ist doch eben nur ein
oberflächlicher. Wenn man sich denkt, dass in einem Theile, der vorher
fest war, ein Gewebe neu gebildet wird, welches beweglich, in seinen
einzelnen Theilen verschiebbar ist, so wird das natürlich immer eine
wesentliche Aenderung in der Brauchbarkeit des Theiles mit sich bringen.
Die einfache Umwandlung des Knochens in Mark (S. 502) kann die Ursache
werden für eine grosse Fragilität der Knochen, und die =Osteomalacie=
beruht ihrem Wesen nach auf gar nichts Anderem, als darauf, dass
compacte Knochensubstanz in Mark umgewandelt wird[285]. Eine excessive
Markraumbildung rückt allmählich vom Innern des Knochens an die
Oberfläche vor, beraubt den Knochen seiner Festigkeit, erzeugt ein an
sich ganz normales, aber für die nothwendige Festigkeit der Theile
unbrauchbares Gewebe und bereitet so die Zerstörung des Zusammenhanges
mit einer gewissen Nothwendigkeit vor. Das Mark ist ein ausserordentlich
weiches Gewebe, das in jenen Zuständen, wo es roth und zellenreich oder
atrophisch und gallertig ist, fast flüssig wird. Die Thierärzte sprechen
daher geradezu von einer »Markflüssigkeit« als einer besonderen
Krankheitsform. Von dem Mark zu den vollkommen flüssigen Geweben ist ein
kleiner Schritt, und die Grenzen zwischen Mark und Eiter lassen sich
manchmal mit Sicherheit überhaupt gar nicht feststellen. Eiter ist für
uns ein junges Gewebe, welches allmählich unter rapider Vermehrung der
Zellen alle feste Intercellularsubstanz auflöst. Eine einzige
Bindegewebszelle mag in kürzester Zeit einige Dutzend Eiterzellen
produciren, denn der Eiter hat einen reissend schnellen
Entwickelungsgang[286]. Aber das Resultat ist für den Körper nutzlos,
die =Proliferation wird Luxuriation=[287]. Die Eiterung ist ein
Consumtions-Vorgang, durch welchen überflüssige Theile erzeugt werden,
welche nicht die Consolidation, die dauerhafte Beziehung zu einander und
zur Nachbarschaft gewinnen, welche für das Bestehen des Körpers
nothwendig ist.
[285] Archiv IV. 307. V. 491.
[286] Archiv I. 240.
[287] Spec. Pathologie und Ther. I. 331.
Untersuchen wir nun zunächst eben die =Geschichte der Eiterung=, so
ergibt sich sofort, dass wir verschiedene Wege der Eiterbildung
unterscheiden müssen, je nachdem nehmlich die Elemente des Eiters mit
den farblosen Blutkörperchen identisch sind und unmittelbar aus dem
Blute auswandern, oder von den Elementen der örtlichen Gewebe neu
erzeugt werden. Als solche Matrices des Eiters können bezeichnet werden
sowohl die erste von uns betrachtete Art von Geweben, die =der
Epithelformation=, als auch die zweite, die =der Bindesubstanz=[288]. Ob
es auch eine Eiterung gibt, die aus einem Gewebe der dritten Reihe
hervorgeht, aus Muskeln, Nerven, Gefässen u. s. f., das ist insofern
zweifelhaft, als man natürlich die Bindegewebs-Elemente, welche in die
Zusammensetzung der grösseren Gefässe, Muskel-und Nervenmassen eingehen,
von den eigentlich muskulösen, nervösen und vasculösen (capillären)
Elementen ausscheiden muss. Nun haben freilich zuverlässige Beobachter,
wie C. O. =Weber=, auch für diese Gewebe das Bestehen einer aus ihrem
Parenchym hervorgehenden Eiterung beschrieben, indess kann ich darüber
nichts Bestimmtes aussagen. Die Regel ist jedenfalls auch für diese
Gewebe die =interstitielle Eiterung= (Fig. 144).
[288] Archiv XIV. 58. XV. 530.
[Illustration: =Fig=. 144. Interstitielle eiterige Muskelentzündung
bei einer Puerpera _m m_ Muskelprimitivfasern, _i i_ Entwickelung
von Eiterkörperchen aus der Wucherung der Körperchen des
Zwischen-Bindegewebes. Vergr. 280.]
Die Frage von der Eiterbildung ist im Laufe der Zeit ziemlich complicirt
geworden. Während die neueren Beobachter viele Jahre lang es als
selbstverständlich ansahen, dass die Eiterkörperchen aus dem Exsudate
durch Urzeugung hervorgingen, stellten zuerst einzelne Untersucher, wie
=William Addison= und =Gustav Zimmermann=, die Meinung auf, dass der
Eiter wesentlich auf ausgetretene farblose Blutkörperchen
(Lymphkörperchen) zurückzuführen sei. =Benno Reinhardt= zeigte dagegen,
dass in dem Wundsecrete allerdings während der ersten Stunden die
vorkommenden Zellen mit den gleichzeitig im Blute vorkommenden farblosen
Blutkörperchen übereinstimmen, dass diess jedoch später nicht mehr der
Fall sei. Allein auch er liess diese späteren Eiterkörperchen aus dem
Exsudate entstehen. Nachdem ich jedoch dasjenige, was er für die
Anfänge der jungen Eiterkörperchen ansah, vielmehr für spätere
Producte, welche innerhalb alter Körperchen entstanden sind, erklären
musste[289], und allmählich die Entstehung von Eiterkörperchen aus
anderen Gewebselementen erkannte, so muss ich daran festhalten, dass
nicht alle Elemente, welche sich irgendwo im Eiter finden, aus dem Blute
stammen. Ich meinerseits habe nie daran gezweifelt, dass farblose
Blutkörperchen in Exsudate übergehen[290]. Indess haben erst die
Untersuchungen von =Waller= und namentlich von =Cohnheim= gezeigt, in
wie grossem Maasse dies der Fall ist. Letzterer hat ausserdem durch
direkte Beobachtung am Mesenterium des Frosches gefunden, dass das
Austreten der farblosen Blutkörperchen nicht durch passive Exsudation,
sondern durch active Auswanderung, und zwar überwiegend durch die
Wandungen kleinerer Venen erfolgt, und wenngleich diese Thatsache von
manchen Gegnern geradezu in Abrede gestellt ist, so kann doch über ihre
Richtigkeit nach dem, was ich selbst gesehen habe, nicht der mindeste
Zweifel sein.
[289] Archiv X. 183.
[290] Archiv I. 246.
So bereitwillig ich diese Thatsache anerkenne, so sehr muss ich doch
davor warnen, alle Rundzellen, welche im Eiter oder überhaupt in
Exsudaten oder Secreten vorkommen, für ausgewanderte farblose Körperchen
oder gar für Lymphkörperchen zu halten. Schon früher (S. 211) habe ich
auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, welche zwischen den Rundzellen
der Lymphdrüsen, der Lymphflüssigkeit und des Blutes bestehen; hier muss
ich hinzufügen, dass eine vorurtheilsfreie Untersuchung der Exsudat-und
Secretzellen fernere und erhebliche Unterschiede vieler derselben von
den Lymph- und farblosen Blutkörperchen ergibt. Auch haben sich andere
Untersucher der neuesten Zeit in immer grösserer Zahl davon überzeugt,
dass Eiterkörperchen durch Proliferation von Gewebselementen entstehen
können. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Arten von Zellen zu
ziehen, ist gegenwärtig um so weniger möglich, als sich nicht leugnen
lässt, dass auch die ausgewanderten farblosen Blutkörperchen weitere
Veränderungen erfahren, wodurch sie von den gewöhnlichen, im Blute
selbst enthaltenen farblosen Rundzellen verschieden werden.
So lange die Eiterung eine blosse oberflächliche ist, so erfolgt sie
natürlich auch ohne erheblichen Substanzverlust, mit einfacher Erosion,
ohne Geschwürsbildung. Dies ist aber jedesmal der Fall, wo der Eiter in
der Tiefe, namentlich im Bindegewebe entsteht. Die Sache gestaltet sich
dabei gerade umgekehrt, wie man früher annahm, wo man dem Eiter direkt
schmelzende Eigenschaften zuschrieb. =Der Eiter ist nicht das
Schmelzende, sondern das Geschmolzene, d. h. das transformirte Gewebe=.
Ein Theil wird weich, er schmilzt ein, indem er eitert, aber es ist
nicht der fertige Eiter, welcher diese Erweichung bedingt, sondern
umgekehrt, er ist es, welcher durch die Umwandlung des Gewebes
hervorgebracht wird.
Oberflächliche Eiterung sehen wir alle Tage sowohl an der =äusseren
Haut=, als an manchen Schleim- und serösen Häuten. Am besten kann man
sie da beobachten, wo im normalen Zustande geschichtetes Epithel
vorhanden ist. Verfolgt man die Eiterung auf der äusseren Haut, wenn sie
ohne Geschwürsbildung geschieht, so findet man regelmässig, dass sie an
dem Rete Malpighii geschieht. Sie besteht theils in der Auswanderung
farbloser Blutkörperchen, theils in einer Wucherung der Zellen mit
Entwickelung neuer Elemente. In dem Maasse, als die Eiterung
fortschreitet, bildet sich eine Ablösung der härteren Epidermislage,
welche in Form einer Blase, einer Pustel erhoben wird. Der Ort, wo die
Eiterung hauptsächlich erfolgt, entspricht den oberflächlichen Schichten
des Rete, welche schon im Uebergange zur Epithelbildung begriffen sind;
zieht man die Haut der Blase ab, so bleiben diese auch gewöhnlich an der
Oberhaut sitzen. Gegen die tieferen Lagen hin kann man bemerken, wie die
zelligen Elemente, welche ursprünglich einfache Kerne haben, sich
theilen, die Kerne reichlicher werden, an die Stelle einzelner Zellen
mehrere treten, deren Kerne sich ihrerseits wieder theilen. Gewöhnlich
hat man sich auch hier damit geholfen, dass man angenommen hat, es würde
zuerst ein amorphes Exsudat gesetzt, welches den Eiter in sich erzeuge,
und bekanntlich sind viele von den Untersuchungen über die Entwickelung
des Eiters gerade an solchen Flüssigkeiten gemacht worden. Es war sehr
begreiflich, dass so lange, als man die discontinuirliche Zellenbildung
überhaupt nicht bezweifelte, man ohne Weiteres die jungen Zellen als
freie Neubildungen ansah und sich dachte, dass in der Flüssigkeit Keime
entständen, welche, allmählich zahlreicher werdend, den Eiter lieferten.
Aber die Sache ist die, dass je länger die Eiterung dauert, um so
zuverlässiger eine Reihe von Zellen des Rete nach der anderen in den
Prozess hineingezogen wird, und dass, während die Blase sich abhebt, die
Masse der in die Höhle hineingelangenden Zellen immer grösser wird. Wenn
eine Pockenpustel sich bildet, so ist zuerst ein Tröpfchen klarer
Flüssigkeit vorhanden, aber darin entsteht nichts; die Flüssigkeit
lockert nur die Nachbartheile auf.
Ganz ebenso verhält es sich an den =Schleimhäuten=. Wir haben keine
einzige Schleimhaut, die nicht unter Umständen puriforme Elemente
liefern könnte. Allein auch hier zeigt sich eine grosse Verschiedenheit.
Eine Schleimhaut ist um so weniger im Stande, ohne Ulceration Eiter zu
produciren, je einfacher, je weniger geschichtet ihr Epithel ist. Alle
Schleimhäute mit Cylinderepithel sind weniger geeignet, nicht
ulcerativen Eiter zu erzeugen, als solche mit Pflasterepithel; das, was
an ihnen erzeugt wird, ergibt sich, auch wenn es ein ganz eiteriges
Aussehen hat, bei genauer Untersuchung häufig nur als hyperplastisches
Epithel. Die Darmschleimhaut, namentlich die des Dünndarms, erzeugt fast
nie Eiter ohne Geschwürsbildung. Die Schleimhaut des Uterus, der Tuben,
die manchmal mit einer dicken Masse von ganz puriformem Aussehen
überzogen ist, sondert fast immer nur Epithelelemente ab, während wir an
anderen Schleimhäuten, wie an der Urethra, massenhafte Absonderungen von
Eiter sehen, z. B. in Gonorrhöen (Fig. 72), ohne dass auch nur die
mindeste Geschwürsbildung an der Oberfläche vorhanden wäre. Sind
mehrfach geschichtete Zellen-Lagen da, so können die oberen eine Art von
Schutz für die tieferen bilden, deren Wucherung eine Zeit lang gesichert
wird.
Der Eiter wird entweder durch nachdrängende Eitermasse endlich
weggeschoben, oder es erfolgt, wie es gewöhnlich der Fall ist,
gleichzeitig eine Transsudation von Flüssigkeit, welche die Eiterzellen
von der Oberfläche entfernt, gerade so, wie bei der Samensecretion die
Epithelial-Elemente der Samenkanälchen die Spermatozoen liefern, und
ausserdem eine Flüssigkeit transsudirt, welche dieselben fortträgt. Aber
die Spermatozoen entstehen nicht in der Flüssigkeit, sondern diese ist
nur das Vehikel ihrer Fortbewegung (S. 39). Auf ähnliche Weise sehen wir
häufig Flüssigkeiten an der Körperoberfläche exsudiren, ohne dass
dieselben als Bildungsorte für Zellen betrachtet werden könnten. Findet
gleichzeitig eine vermehrte Epithelbildung an der Oberfläche statt, so
werden auch die durch das Transsudat losgelösten Bestandtheile nur
wucherndes Epithel darstellen; wurde Eiter gebildet, so wird auch die
Flüssigkeit Eiterkörperchen enthalten.
Wenn man =Eiter=-, =Schleim=- und =Epithelialzellen= mit einander
vergleicht, so ergibt sich, dass allerdings zwischen Eiterkörperchen und
Epithelialzellen eine Reihe von Uebergängen oder Zwischenstufen besteht.
Neben ausgebildeten, mit mehrfachen glatten, nicht nucleolirten Kernen
versehenen Eiterkörperchen (Fig. 8, _A_. 72) finden sich sehr gewöhnlich
etwas grössere, runde, granulirte Zellen mit einfachen gleichfalls
granulirten Kernen und sehr deutlichen Kernkörperchen, die sogenannten
=Schleimkörperchen= (Fig. 8, _B_); etwas weiter sehen wir vielleicht
noch grössere Elemente von typischer Gestalt und mit einfachen grossen
Kernen: diese nennen wir Epithelialzellen. Letztere sind platt oder
eckig oder cylindrisch, je nach dem Orte von bestimmter typischer
Beschaffenheit, während Schleim- und Eiterkörperchen durchweg
ausgezeichnete =Rundzellen= (Kugeln, Globuli) sind. Schon aus diesem
Umstande erklärt es sich, dass, während die Epithelzellen, die sich
gegenseitig decken und aneinander schliessen, eine nicht unbeträchtliche
Festigkeit des Zusammenhanges besitzen, die lose aneinander gelagerten,
sphärisch gestalteten Schleim- und Eiterkörperchen eine sehr grosse
Verschiebbarkeit haben und leicht vom Orte gerückt werden, was natürlich
um so leichter geschieht, wenn gleichzeitig mit ihrer Anhäufung eine
reichlichere Transsudation von Flüssigkeit erfolgt.