Dieser Fall ist in der neueren Zeit von einer Reihe von Beobachtern

beschrieben worden, insbesondere hat man im Inneren kernhaltiger Zellen

neben dem Kerne das Vorkommen neuer Furchungselemente und wirklicher

Zellen angeführt. So ist namentlich die Bildung von Schleim- und

Eiterkörperchen im Inneren von noch existirenden Epithelialzellen von

=Remak=, =Buhl=, =Eberth= und =Rindfleisch= geschildert worden. Hier

würde also nicht die ganze Mutterzelle in Tochterzellen übergehen,

sondern nur ein Theil ihres Inhaltes, und zwar nach Einigen, nachdem

eine Kerntheilung voraufgegangen, nach Anderen ohne dieselbe,

unmittelbar. Die so gebildeten Zellen würden dann durch Eröffnung der

Mutterzelle (=Dehiscenz=) austreten und frei werden können. Auch hier

ist die Entscheidung sehr schwer, da manche Beobachtungen zugleich die

Bildung von Bruträumen schildern, andere an die Geschichte der

sogenannten Blutkörperchen-haltenden Zellen (S. 361) erinnern, von denen

man auch früher annahm, dass die Blutkörperchen in ihnen entständen,

während ich vielmehr ein späteres Eintreten der Blutkörperchen in

präexistirende Zellen nachgewiesen habe[262].

[262] Archiv IV. 515. V. 405.

Ist es demnach nothwendig, vor Feststellung bestimmterer Formeln noch

weitere und mehr ausgedehnte Beobachtungen abzuwarten, so kann es doch

nicht zweifelhaft sein, dass neue Elemente aus alten nur auf zwei Weisen

entstehen können: entweder =fissipar=, oder =endogen=. Auch in dieser

Beziehung ist es erfreulich, dass sich die pathologische

Entwickelungsgeschichte sowohl mit der physiologischen, als auch mit der

botanischen in Einklang befindet. Gerade in der Botanik sind diese zwei

Weisen längst anerkannt. =Theilung entspricht bei den Pflanzen am

gewöhnlichsten dem Wachsthume, endogene Bildung oder Neubildung im

engsten Sinne entspricht der Zeugung, der geschlechtlichen

Fortpflanzung=. Und so liessen sich auch in der Pathologie sehr wohl

zwei gesonderte Typen der Neoplasie unterscheiden: der =Wachsthumstypus=

und der =Zeugungstypus=.

Der wesentliche Unterschied in den einzelnen zelligen Entwickelungen in

Beziehung auf das Resultat ist der, dass in einer Reihe von Neubildungen

die Theilungen mit einer gewissen Regelmässigkeit vor sich gehen, so

dass die Producte der Theilung von Anfang an eine völlige

Uebereinstimmung mit den Muttergebilden zeigen und die jungen Gebilde zu

keiner Zeit erheblich von den Mutterelementen abweichen. Solche Vorgänge

bezeichnet man im gewöhnlichen Leben meistentheils als Hypertrophien;

ich hatte zur genaueren Bezeichnung den Namen der =Hyperplasien= dafür

vorgeschlagen, da es sich dabei nicht um eine Zunahme der Ernährung

bestehender Theile, sondern um die Bildung wirklich neuer Elemente

handelt (S. 90), demnach kein trophischer (nutritiver), sondern ein

plastischer (formativer) Vorgang vorliegt.

In einer anderen Reihe macht sich die Entwickelung so, dass allerdings

auch Theilungen stattfinden, dass aber diese sich sehr schnell

wiederholen und immer kleinerere Elemente hervorbringen. Diese werden

zuweilen am Ende so klein, dass sie an die Grenze der Zellen überhaupt

herangehen (=Granulation=). Die Vermehrung der Zellen kann an diesem

Punkte aufhören. Die einzelnen neuen Elemente fangen dann an, wieder zu

wachsen, sich zu vergrössern, und unter Umständen kann auch hier wieder

ein analoges Gebilde erzeugt werden, wie das, von welchem die

Entwickelung ausgegangen war. Dies ist eine Hyperplasie, die auf einem

Umwege, =per secundam intentionem=, zu Stande kommt (S. 98). In diese

Kategorie würden auch diejenigen Neubildungen zu setzen sein, welche aus

ausgewanderten farblosen Blutkörperchen oder mobilisirten

Bindegewebskörperchen (S. 359) hervorgehen.

Sehr häufig schlagen jedoch die jungen, kleinen Elemente einen anderen

Gang der Entwickelung ein und es beginnt eine =heterologe

Entwickelung=[263].

[263] Würzburger Verhandl. I. 136.

An den jungen Elementen können dabei wiederum Theilungen eintreten, doch

ist es sehr gewöhnlich, dass zunächst, während die Zellen wachsen, nur

die Kerne sich sehr vermehren, immer zahlreicher und mit

fortschreitender Theilung immer kleiner werden. Das sieht man am besten

bei farblosen Blut- und Eiterkörperchen, wo sehr schnell eine Theilung

der Kerne stattfindet, gewöhnlich so, dass die ursprünglich einfachen

Kerne sofort in eine grössere Zahl kleinerer zerlegt werden, welche

Anfangs noch zusammenhalten. Bei den farblosen Blutkörperchen innerhalb

des Blutes ist es sehr unwahrscheinlich, beim Eiter nach den

Untersuchungen von =Stricker= allerdings wahrscheinlich, dass der

Kerntheilung eine wirkliche Zellentheilung folgt; in anderen

Neubildungen tritt dieser Fall gewöhnlich ein. Nur lässt, wie schon

erwähnt, die vollständige Theilung, oder wenn man will, die Furchung der

Elemente oft lange auf sich warten, und das Zwischenstadium der blossen

Kerntheilung besteht daher häufig überwiegend lange und mit einer

gewissen Selbständigkeit.

Bei der endogenen Neubildung endlich tritt die =Heterologie= meist von

Anfang an hervor, indem die in der Mutterzelle erzeugten Elemente in der

Regel klein, scheinbar indifferent und zu abweichender Entwickelung

geneigt sind. Bei den Perlgeschwülsten habe ich besonders dargethan, wie

aus Bindegewebskörperchen Perlen und Zapfen von epidermoidalen Zellen

entstehen[264].

[264] Archiv VIII. 409. Taf. IX. Fig. 3-4.

Abgesehen von denjenigen Neubildungen, welche durch regelmässige

Theilung der Elemente =unmittelbar= zur Hyperplasie führen, wird also

der normale Zustand zunächst unterbrochen durch einen Zwischenzustand,

wo das Gewebe wesentlich verändert erscheint, ohne dass man sofort im

Anfange des Prozesses erkennen kann, ob daraus eine gut- oder bösartige,

eine homologe oder heterologe Entwickelung hervorgehen wird. Es ist dies

ein Stadium scheinbar absoluter Indifferenz[265], welches ich als

=Granulationsstadium= bezeichne. In demselben kann man es den einzelnen

Elementen durchaus nicht ansehen, welcher Bedeutung sie eigentlich sind;

sie verhalten sich, wie die sogenannten Bildungszellen des Embryo,

welche auch im Anfange ganz gleich aussehen, gleichviel ob ein Muskel-

oder ein Nervenelement oder was sonst daraus hervorgehen wird.

Nichtsdestoweniger halte ich es für wahrscheinlich, dass feinere innere

Verschiedenheiten wirklich bestehen, die schon im Voraus die späteren

Umbildungen bis zu einem gewissen Maasse bedingen, nicht

Verschiedenheiten, welche bloss Potentia in der Bildungszelle vorhanden

wären, sondern wirklich materielle Verschiedenheiten, welche aber so

fein sind, dass wir sie bis jetzt nicht darthun können.

[265] Spec. Pathol. u. Ther. I. 331. Geschwülste I. 89.

Nur bei der embryonalen Entwickelung kennt man seit Jahren eine

Erscheinung, welche bestimmt darauf hindeutet, dass solche

Verschiedenheiten der Bildungszellen bestehen: die verschiedenen

Abtheilungen des Eies machen verschieden schnell ihre Bildung durch, und

namentlich diejenigen Theile, welche zu den höheren Organen bestimmt

sind, durchlaufen mit viel grösserer Schnelligkeit die einzelnen

Stadien, als diejenigen, welche für die niedrigeren Gewebe angelegt

werden. Auch in der Grösse der Elemente scheinen Verschiedenheiten zu

bestehen. In ähnlicher Weise sieht man häufig auch bei pathologischen

Bildungen Verschiedenheiten in Beziehung auf die Zeitdauer. Jedesmal,

wenn die Entwickelung der Elemente schnell erfolgt, muss man eine mehr

oder weniger heterologe Entwickelung fürchten. Eine homologe,

direct-hyperplastische Bildung setzt immer eine gewisse Langsamkeit der

Vorgänge voraus; in der Regel bleiben die Elemente dabei grösser, und

die Theilungen schreiten nicht bis zur Entstehung ganz kleiner Formen

vor.

So überaus einfach ist diese Entwickelungsgeschichte in der Natur und in

der Doctrin, aber allerdings schwierig ist sie in der Demonstration an

den einzelnen Orten. Diejenigen Theile, welche scheinbar für die

Untersuchung am allerbequemsten liegen sollten, und bei denen in der

That schon vor ein Paar Decennien =Henle= ganz nahe an die Entdeckung

einer solchen Entwickelung herangestreift war, sind die Epithelien.

Hier, wo an der Oberfläche einer Haut eine oft so reichliche

Entwickelung stattfindet, sollte man meinen, müsste es überaus leicht

sein, dieselbe an den einzelnen Elementen genau zu verfolgen. =Henle=

hat bekanntlich zu zeigen gesucht, dass die Schleimkörperchen, ja manche

Formen, welche schon dem Eiter angehören, an der Oberfläche der

Schleimhäute neben dem Epithel in der Art producirt werden, dass

zwischen den Anlagen beider Reihen keine eigentliche Differenz zu

erkennen ist, dass also gewissermaassen die Schleimkörperchen als

verirrte oder nicht zu Stande gekommene Epithelialzellen, als

missrathene Söhne erscheinen, welche durch eine frühe Störung in ihrer

weiteren Entwickelung gehindert wurden, aber eigentlich angelegt waren,

um Epithelialelemente zu werden. Unglücklicherweise hatte man damals und

noch lange nachher die Vorstellung, dass die normale Entwickelung des

Epithels eben auch aus einem Blastem erfolge. Man stellte sich vor, dass

an der Oberfläche jeder Schleimhaut, ja an der Oberfläche der Cutis aus

den Gefässen, die an die Oberfläche treten, zuerst eine plastische

Substanz transsudire, in und aus welcher sich die Elemente bildeten. Man

blieb nach dem Vorgange von =Schwann= bei dem Schema von =Schleiden= (S.

11) stehen, dass sich zuerst Kerne (Cytoblasten) in einer Flüssigkeit

bilden und erst später Membranen an dieselben sich anlegen. Gegenwärtig,

so viel auch die verschiedenen Oberflächen der Haut, der Schleimhäute

und der serösen Häute untersucht sind, hat man sich überall

unzweifelhaft überzeugt, dass die epithelialen Elemente mindestens bis

unmittelbar an die Oberfläche des Bindegewebes reichen und nirgends eine

Stelle ist, wo zwischen Bindegewebe und Epithel freie Kerne, Blastem

oder Flüssigkeit existirte, dass vielmehr an vielen Orten gerade die

tiefsten Schichten diejenigen sind, welche die am dichtesten gedrängten

Zellen enthalten. Hätte man damals, als =Henle= seine Untersuchungen

machte, gewusst, dass hier normal kein Blastem existirt, keine

Entwickelung de novo geschieht, sondern dass die vorhandenen

Epithelzellen von alten Epithelialzellen oder vom Bindegewebe darunter

oder von ausgewanderten Zellen sich entwickeln müssen, so würde er

gewiss zu dem Schlusse gekommen sein, dass die Schleim- und

Eiterkörperchen, welche nicht von einer ulcerirenden Oberfläche

abgesondert werden, aus präexistirenden Elementen hergeleitet werden

müssen.

So nahe war man damals schon der richtigen Erfahrung. Allein die

Blastemtheorie beherrschte die Geister, und wir Alle standen unter ihrer

Einwirkung. Auch erschien es unmöglich, überall im Inneren der Gewebe

die erforderlichen Vorgebilde aufzuweisen. Erst durch den Nachweis

zelliger Elemente im Bindegewebe wurde ein überall vorhandenes

Keimgewebe aufgewiesen, von dem an den verschiedensten Organen

gleichartige Entwickelungen ausgehen können. Jetzt, wo wir wissen, dass

Bindegewebe oder demselben äquivalente Gewebe im Gehirne, in der Leber,

in den Nieren, im Muskelfleische, im Knorpel, der Haut u. s. f.

existiren, jetzt hat es natürlich keine Schwierigkeit mehr, zu

begreifen, dass in allen diesen scheinbar so verschiedenartigen Organen

dasselbe pathologische Product entstehen kann. Man braucht dazu

keineswegs irgend ein specifisches Blastem, welches in alle diese Theile

abgelagert wird, sondern nur einen gleichartigen Reiz für das

Bindegewebe verschiedener Orte.

Was nun das Specielle dieser Lehre anbetrifft, so will ich zunächst ein

concretes Beispiel der normalen Entwickelung vorführen, welches

vielleicht am besten geeignet sein wird, ein Bild der oft so

verwickelten Vorgänge zu geben, um welche es sich bei dieser

=Gewebs-Formation und Transformation= handelt. Ich wähle dasjenige, an

welchem an sich der Gang der Entwickelung am besten bekannt ist, und

welches zugleich seiner besonderen Einrichtung wegen am wenigsten

Missdeutungen zulässt, nehmlich die Bildung und das Wachsthum der

=Knochen=. Diese Organe sind zu hart und dicht, als dass man noch von

Blastem und Exsudat in ihrem eigentlichen Parenchyme oder, wie man nach

dem Vorgange von =Clopton Havers= lange Zeit gethan hat, von einer

Zwischenlagerung des Ernährungssaftes zwischen die Theilchen des

Knochens reden könnte. Das Wachsthum der Knochen bietet uns zugleich

unmittelbar Vergleichungen für alle die verschiedenen Neubildungen,

welche innerhalb der Knochen unter krankhaften Verhältnissen vor sich

gehen können, denn jede Art von Neubildung findet in der normalen

Entwickelung des Knochens gewisse Paradigmen vor.

Bekanntlich wächst jeder grössere Knochen in zwei Richtungen. Am

einfachsten ist dies bei den Röhrenknochen, welche allmählich sowohl

länger als dicker werden. Das Längenwachsthum erfolgt hier zu einem

grossen Theile aus Knorpel, das Dickenwachsthum aus Periost

(Bindegewebe). Allein auch ein platter Knochen z. B. am Schädel ist

einerseits durch knorpelartige Theile (Synchondrosen) oder deren

Aequivalente (Nähte), andererseits durch Häute, welche mit dem Perioste

übereinstimmen (Pericranium, Dura mater oder Endocranium), bekleidet.

Man kann daher Knorpel-und Periost-Wachsthum an jedem Knochen

unterscheiden. Danach ergibt sich das Schema der Entwickelung des

Röhrenknochens, wie es schon bei =Havers= sich findet, dass die neuen

Knochenschichten die alten incapsuliren, und dass jede jüngere Schicht

nicht bloss weiter, sondern auch länger ist, als die nächst ältere. Denn

das Periostwachsthum rückt immer mehr gegen die Enden vor, insofern sich

immer neue Abschnitte von Perichondrium in Periost verwandeln, je weiter

die Ossification gegen die Enden fortschreitet; der mittlere Theil des

Diaphysenknorpels wird schon sehr frühzeitig ganz in Knochen

umgewandelt, und hört damit im Allgemeinen auf, aus sich selbst

fortzuwachsen. Die Enden des Diaphysenknorpels und die noch ganz

knorpelige Epiphyse dagegen wachsen immer noch in die Dicke. Während

hier Theile, welche vorher entweder Bindegewebe oder Knorpel waren, in

Knochen umgesetzt werden, geht innerhalb des Knochens die Entwickelung

des Markes vor sich. Der ursprüngliche Knochen ist ganz dicht, eine sehr

feste, relativ compacte Masse. Späterhin schwindet die Knochenmasse

immer mehr, ein Theil nach dem anderen von ihr löst sich in Mark auf,

und es entsteht endlich die Markhöhle, welche sich nicht etwa darauf

beschränkt, so gross zu werden, wie die ursprüngliche Knochen-Anlage

war, sondern welche diese Anlage bedeutend überschreitet und in die

später apponirten, aus Knorpel und Periost entstandenen Schichten

übergreift. Demnach besteht die Bildung des Knochens, ganz im Groben

aufgefasst, nicht bloss in der allmählichen Apposition von immer neuen

Knochenlagen vom Perioste und Knorpel her, sondern auch in der

fortwährenden Ersetzung der innersten Lagen des Knochengewebes durch

Markmassen.

Es ist für die vorliegende Darstellung gleichgültig, ob die

Bildungsvorgänge am Knochen auch zugleich für das Wachsthum desselben

entscheidend sind oder nicht. Indess verknüpfen sich beide Fragen in

sehr inniger Weise und gerade in diesem Augenblicke hat die Verknüpfung

beider eine erhebliche praktische Bedeutung gewonnen durch den Streit

über das sogenannte =interstitielle Wachsthum=. Dieser Streit ist

hauptsächlich hervorgerufen worden durch die einseitige Formulirung,

welche namentlich =Flourens= der Lehre von der Knochenbildung gegeben

hatte, wonach ausser durch Apposition und Juxtaposition nirgends eine

Zunahme an Knochen stattfinden sollte. So sehr ich in der Hauptsache mit

dieser Formulirung übereinstimmte, so habe ich doch vor der

Einseitigkeit gewarnt und darauf hingewiesen, dass man damit nicht

auskomme, und dass namentlich für gewisse Knochen, z. B. für den

Unterkiefer, die Appositionslehre ausser Stande sei, eine ausreichende

Erklärung zu bieten[266]. Hier wird man im Gegensatze zu der bloss

äusserlichen Anbildung der neuen Substanz zu der Annahme eines inneren

Wachsthumes des alten Gewebes genöthigt. Seitdem hat diese Auffassung

durch =Strassmann=, =Rich=. =Volkmann= und =Hüter= weitere thatsächliche

Unterlagen gewonnen, und =Julius Wolff= hat sie allmählich bis zu einer

vollständigen Negation der Appositionsdoctrin ausgebildet.

[266] Archiv XIII. 350.

Meiner Meinung nach ist dies eine eben so grosse Einseitigkeit, wie die

frühere, und namentlich für die pathologische Auffassung der

Knochenbildung hat sie schon jetzt zu wirklichen Irrungen geführt. Aber

auch für die physiologische Bildungsgeschichte hat die neue Lehre nicht

einen so grossen Werth, wie ihr =Wolff= zuschreibt. Nichtsdestoweniger

sind wichtige Theile des Knochenwachsthumes ohne sie gänzlich

unverständlich. Es war dies die Veranlassung, weshalb die Berliner

medicinische Fakultät im Jahre 1868 die Preisfrage stellte, auf welche

Weise das interstitielle Wachsthum sich vollziehe und namentlich, ob

dasselbe mehr von der Zunahme der Knochenkörperchen oder mehr von der

Zunahme der Intercellularsubstanz oder beider abhängig sei. =Carl

Ruge=[267] hat diese Frage durch sehr mühsame Versuche mit Zählung und

Messung der Knochenkörperchen und ihrer Entfernungen von einander

dahin entschieden, dass es sich hauptsächlich um Zunahme der

Intercellularsubstanz handelt, welche allerdings im Laufe des Lebens

eine merkliche Grösse erreicht, dass dagegen Form und Grösse der

Knochenkörperchen sich nur wenig ändert, und dass nur in den ersten

Zeiten des Lebens mit Wahrscheinlichkeit eine Vermehrung der

Knochenkörperchen durch Theilung angenommen werden könne. Es wird

nunmehr erst für jeden einzelnen Knochen empirisch festgestellt werden

müssen, wie viel zu seiner Gesammtausbildung das appositionelle und wie

viel das interstitielle Wachsthum beiträgt. Jedenfalls schafft das

erstere die eigentlichen Grundlagen des Knochens, innerhalb deren sich

erst die weiteren Prozesse vollziehen. Diese letzteren werden jedoch

durch das interstitielle Wachsthum keinesweges gedeckt; vielmehr bilden

die von mir in bestimmter Weise dargelegten Vorgänge der Metaplasie oder

Transformation ein ebenso grosses als wichtiges Gebiet.

[267] Archiv XLIX. 237.

Bei der Deutung der Knochengeschichte war lange Zeit die Blastemtheorie

entscheidend. Schon =Havers= und =Duhamel=, welche im 17. und 18.

Jahrhunderte vortreffliche Untersuchungen über die Knochenbildung

gemacht haben, gingen von der Voraussetzung aus, dass ein

eigenthümlicher Succus nutritius abgesondert werde, aus welchem die

neuen Massen entständen. Die Mark-Entwickelung dachte man sich als eine

durch Resorption erfolgende Bildung von Höhlen, in welche erst ein

klebriger Saft und dann eine fettige Masse secernirt werde, Höhlen,

welche von der Markhaut umkleidet würden, und deren Inhalt dem Alter des

Individuums nach verschiedenartig sei. Wie ich indess schon früher

hervorgehoben habe, so finden sich in den Räumen des Knochens keine

Säcke, sondern ein continuirliches Gewebe, das =Mark= (Medulla), welches

die Markräume und Markhöhlen ganz und gar ausfüllt, wie der Glaskörper

die Höhle des Augapfels, und welches zur Bindesubstanz gehört, obwohl es

vom gewöhnlichen Bindegewebe erheblich verschieden ist. Es handelt sich

also, wie man aus dieser einfachen Thatsache ersieht, in der ganzen

Bildungsgeschiche des Knochens um =Substitutionen von Geweben=. Wie

Knochengewebe aus Periost und Knorpel gebildet wird, so entsteht Mark

aus Knochengewebe und Knorpel, und die Entwickelung eines Knochens

besteht nicht bloss in der Bildung von Knochengewebe, sondern sie setzt

voraus, dass die Reihe der Transformationen über das Stadium des

Knöchernen hinausgehe, und dass Mark entstehe. Das Mark würde also als

das physiologische Ende der Knochenorgan-Bildung zu betrachten sein,

wenn nicht auch der Fall vorkäme, dass aus Mark wieder Knochengewebe

erzeugt wird.

So einfach diese Auffassung ist, so gibt sie doch ein anderes Bild für

das Wachsthum und die Geschichte des Knochens, als das hergebrachte.

Früher ist man fast immer auf dem Standpunkte des reinen Osteologen

stehen geblieben; man hat den =macerirten= Knochen genommen, ihn frei

von allen Weichtheilen betrachtet und danach die Prozesse construirt. Es

ist aber nothwendig, dass man diese an dem feuchten, lebendigen, sei es

gesunden, sei es kranken Knochen verfolge, und dass man das

Knochengewebe nicht bloss aussen aus den wuchernden Schichten des

Knorpels und Periostes, sondern auch innerhalb der Marksubstanz sich

gestalten lässt, als das äussere Entwickelungsprodukt in dieser Reihe,

wenn auch nicht als das edelste. Als den wichtigsten und eigentlich

entscheidenden Gesichtspunkt, durch den die ganze Knochenangelegenheit

eine andere Gestaltung annimmt, betrachte ich dabei eben den, dass das

Knochengewebe bei der Markbildung nicht einfach aufgelöst wird und an

seine Stelle ein beliebiges Exsudat oder Blastem tritt, sondern dass

auch die Auflösung der Knochensubstanz eine Transformation von Gewebe

(Metaplasie S. 70) ist und dadurch erfolgt, dass Knochengewebe sich in

eine Gewebsmasse (Mark) umbildet, die nicht mehr im Stande ist, die

Kalksalze zurückzuhalten[268].

[268] Archiv V. 428, 440, 445, 453. XIII. 332. Entwickelung des

Schädelgrundes 26-38.

Fragt man nun, wo kommen die neuen Gewebs-Elemente her, welche mitten in

der Tela ossea entstehen? wie kann in der Mitte der compacten Rinde des

Knochens ein Krebsknoten sich bilden oder ein Eiterheerd? so antworte

ich ganz einfach: sie entstehen ebenso, wie in der natürlichen, normalen

Entwickelung des Knochens das Mark entsteht. Es gibt keine Stelle, wo

zuerst Knochengewebe sich auflöst, dann ein Exsudat erfolgt, dann eine

Neubildung geschieht, sondern es geht das vorhandene Gewebe unmittelbar

in das kommende über. Das vorhandene Knochen- oder Markgewebe ist die

Matrix für das nachfolgende Krebsgewebe, die Zellen des Krebses sind

unmittelbare Abkömmlinge von den Zellen des Knochens oder des Markes.

Betrachten wir den Gang der Knochenbildung etwas specieller, so zeigt

sich, dass, wie wir dies zum Theil schon früher erörtert haben, der

Knorpel sich in der Weise zur Ossification anschickt, dass die

Knorpelelemente anfangs grösser werden, dass sie sich dann theilen, und

zwar zuerst die Kerne, nachher die Zellen selbst, dass diese Theilungen

sehr schnell weiter gehen, so dass immer grössere Gruppen von Zellen

entstehen, und dass in einer verhältnissmässig kurzen Zeit an die Stelle

jeder einzelnen Zelle eine im Verhältnisse sehr grosse Zellengruppe

(Fig. 113, I.) tritt. Schon im ersten Capitel (S. 8) hatte ich erwähnt,

wie die Knorpelzelle sich von den meisten anderen Zellen dadurch

unterscheidet, dass sie eine besondere Kapselmembran erzeugt, in welcher

sie eingeschlossen ist. Diese Kapselmembran bildet bei der Theilung

ihrer Inhaltszellen innere Scheidewände zwischen denselben[269], neue

Umhüllungen der jungen Elemente, so jedoch, dass auch die colossalen

Gruppen von Zellen, welche aus je einer ursprünglichen Zelle

hervorgehen, noch von der sehr vergrösserten Mutterkapsel eingeschlossen

sind (Fig. 132).

[269] Archiv III. 221.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 46 / 54 段