Demnach gibt es wohl exsudative Entzündungen der äusseren Haut, der

Schleim-, serösen und synovialen Häute, der Lungen, aber wir kennen

nichts, was damit vergleichbar wäre an Hirn und Rückenmark, an Nerven

und Muskeln, an Milz, Leber, Hoden, Knochen u. s. w. Man muss demnach

zwei ganz und gar ihrer Leistung nach verschiedene Formen von

Entzündungen von einander trennen[245]: nehmlich erstens die =rein

parenchymatöse Entzündung=, wo der Prozess im Inneren des Gewebes und

zwar mit Veränderungen der Gewebselemente selbst verläuft, ohne dass

eine frei hervortretende Ausschwitzung wahrzunehmen ist; zweitens die

=secretorische= (=exsudative=) =Entzündung=, welche mehr den

oberflächlichen Organen angehört, wo vom Blute aus ein vermehrtes

Austreten von wässerigen (serösen) Flüssigkeiten erfolgt, welche die

eigenthümlichen, in Folge der Gewebsreizung gebildeten parenchymatösen

Stoffe mit an die Oberfläche der Organe führen. Allerdings sind diese

beiden Formen hauptsächlich nach den Organen unterschieden, an welchen

die Entzündung vorkommt. Es gibt, wie gesagt, gewisse Organe, welche

unter allen Verhältnissen nur parenchymatös erkranken, andere, welche

fast jedesmal eine oberflächliche exsudative Entzündung erkennen lassen.

Aber die Geschichte der mit freien Oberflächen versehenen Organe lehrt

doch auch, dass dasselbe Gewebe, z. B. eine Schleimhaut, exsudativ und

parenchymatös erkranken kann.

[245] Spec. Pathologie und Therapie. I. 66.

Die Scheidung der Entzündungsformen, welche man gewöhnlich nach dem

Vorgange von =John Hunter= gemacht hat, die in adhäsive und eiterige

Formen, liegt ungleich weiter entfernt. Zunächst handelt es sich immer

darum, zu untersuchen, in wie weit die Gewebe selbst sich verändern und

ihr Product einen degenerativen Character annimmt, oder in wie weit

durch das Durchströmen der Flüssigkeiten der Theil wieder von dem

befreit wird, was er in sich erzeugt hat, wodurch die Degeneration des

Theiles vermieden wird. =Jede parenchymatöse Entzündung hat von

vornherein eine Neigung, den histologischen und functionellen Habitus

eines Organes zu verändern. Jede Exsudation bringt dem Gewebe eine

gewisse Befreiung=: sie entführt ihm einen grossen Theil der

Schädlichkeiten, und das Gewebe erscheint daher verhältnissmässig viel

weniger leidend, viel weniger einer dauerhaften Degeneration ausgesetzt,

als dasjenige, welches der Sitz einer parenchymatösen Erkrankung ist.

Daher ist schon seit alten Zeiten die therapeutische Aufgabe des Arztes

dahin festgestellt worden, bei Entzündungen oberflächlicher Organe die

Secretion (Transsudation, Exsudation) zu befördern, und es kann trotz

der gerade in der neuesten Zeit wieder in größerer Heftigkeit

aufgetauchten Bedenken nicht bezweifelt werden, dass die Secretion nicht

bloss für tiefere Theile, sondern auch für die erkrankte Oberfläche

selbst eine =derivatorische= oder =depuratorische= Bedeutung hat.

Die beiden Grundformen der Entzündung, die parenchymatöse und die

exsudative, können sich mit einander vergesellschaften und eine

combinirte Störung hervorbringen. Allein beide sind ihrem Wesen nach

verschieden. Sagt man statt parenchymatöse Entzündung »entzündliche

Degeneration« und statt exsudativer Entzündung »entzündliche Secretion«,

so stellt sich die Verschiedenheit alsbald in deutlicher Weise dar.

Niemand würde so verschiedene Prozesse zusammenwerfen, wenn nicht die

klinische Beobachtung ergäbe, dass beide auf Reize entstehen, also einen

irritativen Anfang haben, dass ferner derselbe Reiz hier eine

Degeneration, dort eine Exsudation hervorruft, und dass endlich in

beiden Fällen, wenn der Theil reichlichere Gefässe und Nerven hat,

Röthe, Hitze und Spannung bemerkbar werden. Erwägt man nun aber

weiterhin, dass weder die eintretende Degeneration, noch die Exsudation

in allen Entzündungen denselben Charakter haben, dass die Degeneration

nutritiv oder formativ, die Exsudation schleimig, serös, fibrinös,

synovial sein kann, so wird leicht ersichtlich, dass in der That die

Bezeichnung der Entzündung eine rein symptomatologische und

prognostische, also klinische ist, und dass es eine ganz falsche und

darum gefährliche Concession ist, im anatomischen Sinne überhaupt von

einer Entzündung kurzweg zu sprechen. Denn mit dieser Concession geräth

man sofort auf den Abweg, eine einheitliche anatomische Definition zu

suchen, und bis jetzt ist noch jeder Versuch, eine solche zu finden,

gescheitert.

Zwanzigstes Capitel.

Die normale und pathologische Neubildung. Geschichte des Knochens.

Die Theorie der continuirlichen Entwickelung im Gegensatze zu der

Blastem- und Exsudattheorie. Das Bindegewebe, seine Aequivalente

und seine Adnexen als gemeinster Keimstock der Neubildungen. Die

Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen Neubildung. Die

Bedeutung der farblosen Blutkörperchen. Die Zellentheilung als

gewöhnlicher Anfang der Neubildungen.

Endogene Bildung. Physaliden. Bruträume. Furchung.

Wachsthumähnliche und zeugungsähnliche Neubildung. Pflanzliche

Analogie.

Verschiedene Richtung der Neubildung. Hyperplasie, directe und

indirecte. Heteroplasie. Die pathologischen Bildungszellen:

Granulation. Verschiedene Grösse und Bildungsdauer derselben.

Darstellung der Knochenentwickelung als einer Musterbildung.

Unterschied von Formation, Transformation und Wachsthum. Das

appositionelle und das interstitielle Wachsthum. Die

Blastemtheorie. Der frische und wachsende Knochen im Gegensatze zu

dem macerirten. Natur des Markes. -- Längenwachsthum der

Röhrenknochen: Knorpelwucherung. Markbildung als

Gewebstransformation: rothes, gelbes und gallertiges, normales,

entzündliches und atrophisches Mark. Tela ossea, verkalkter

Knorpel, osteoides Gewebe. Rachitis. Ossification des Markes. --

Dickenwachsthum der Röhrenknochen. Struktur und Wucherung der

Periostes. Weiches Osteom der Kiefer. Callusbildung nach Fractur.

Knochenterritorien: Caries, degenerative Ostitis.

Knochengranulation. Knocheneiterung. Maturation des Eiters.

Die Granulation als Analogon des Knochenmarkes und als

Ausgangspunkt heteroplastischer Entwickelung.

Es wird nunmehr nothwendig sein, zur genaueren Erläuterung der

=formativen Reizung= zu schreiten und die wesentlichsten Züge aus der

Geschichte der pathologischen Neubildungen zu schildern. Denn schon aus

dem Früheren wird hervorgegangen sein, dass formative Vorgänge nicht

etwa bloss die Grundlage für Geschwulstbildungen im engeren Sinne des

Wortes, sondern auch für viele einfach entzündliche Reizungsprozesse

bilden.

Dass ich die Doctrin vom Blastem in ihren ursprünglichen Grundzügen

gegenwärtig vollständig zurückweise, habe ich wiederholt ausgesprochen.

An ihre Stelle tritt die sehr einfache Lehre von der =continuirlichen

Entwickelung der Gewebselemente aus einander=. Es handelt sich also für

die einzelnen Fälle vielmehr darum, den besonderen Modus zu erkennen,

nach welchem die verschiedenartigen Gewebe entstehen, und an bestimmten

Beispielen die einzelnen Möglichkeiten kennen zu lernen, welche in

Beziehung auf die Richtung dieser Entwickelung überhaupt bestehen.

Meine ersten Erfahrungen, auf Grund deren ich anfing, die herrschende

Doctrin vom Blastem und Exsudat in Beziehung auf daraus hervorgehende

Neubildungen zu bezweifeln, datiren von Untersuchungen über die

=Tuberkeln=[246]. Ich fand nehmlich, dass die jungen Tuberkel in

verschiedenen Organen, insbesondere in Lymphdrüsen, in den Hirnhäuten

und in den Lungen zu keiner Zeit ein erkennbares Exsudat, sondern zu

jeder Zeit während ihrer Bildung organisirte Elemente enthalten, ohne

dass je an ihnen oder vor ihnen ein Stadium des Amorphen, Gestaltlosen

zu beobachten ist. Insbesondere erkannte ich, dass die Entwickelung in

den Lymphdrüsen bei den bekannten scrofulösen Anschwellungen mit einer

Neubildung beginnt und dass die ersten Zustände, welche man antrifft,

vollkommen mit denjenigen übereinstimmen, welche man sonst mit dem Namen

der Hypertrophie bezeichnete: Kerne und Zellen finden sich in reicher

Masse, zerfallen späterhin und geben das Material zu der endlichen

Anhäufung käsiger Substanz. Eine solche Erfahrung, wonach ein

hypertrophirendes (genauer gesagt: hyperplastisches) Gewebe in seiner

späteren Zeit ein vollkommen abweichendes, krankhaftes Product liefert,

erschien um so bedeutungsvoller, als ich eine ganz ähnliche Reihe von

Entwickelungen gleichzeitig bei der Untersuchung einer ganz differenten

Bildung erkannte, nehmlich bei der sogenannten =Typhusmasse=[247].

Damals herrschte ganz allgemein die Ansicht der Wiener Schule, dass bei

den Abdominaltyphen ein eiweissartiges Exsudat von weicher

Beschaffenheit in die Darmwand abgesetzt würde, und dass dadurch

Schwellungen von markigem, medullärem Aussehen entständen. Ich fand

dagegen, dass, gleichviel ob ich die Typhusmasse in den Lymphdrüsen des

Gekröses oder an den Follikeln der Peyerschen Haufen untersuchte, zu

keiner Zeit irgend ein bildungsfähiges Exsudat vorhanden war, sondern

stets eine unmittelbare Fortbildung von den präexistirenden zelligen

Elementen der Drüsen, der Follikel und des Bindegewebes zu der typhösen

Substanz stattfinde.

[246] Würzb. Verhandl. 1850. I. 80. II. 70. III. 98.

[247] Ebendas. I. 86.

Diese Erfahrungen berechtigten natürlich noch nicht, eine allgemeine

Umänderung der bestehenden Doctrin vorzunehmen, denn organische Elemente

entstehen an zahllosen Punkten, an denen damals wenigstens zellige

Elemente als normale Bestandtheile überhaupt ganz unbekannt waren, und

es schien daher kaum eine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die,

dass durch eine Art von Generatio aequivoca aus Blastemmasse neue Keime

gebildet würden. Die einzigen Orte, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit

ausser den Drüsen eine Entwickelung neuer Elemente von den alten

Elementen aus hätte erschlossen werden können, waren die Oberflächen des

Körpers mit ihren Epithelial-Formationen. So geschah es, dass meine

Untersuchung über die Natur der Bindegewebs-Substanzen, auf welche ich

früher wiederholt eingegangen bin, eine entscheidende wurde. Von dem

Augenblicke an, wo ich behaupten konnte, dass es fast keinen Theil des

Körpers gibt, welcher nicht zellige Elemente besitzt, wo ich zeigen

konnte, dass die Knochenkörperchen wirkliche Zellen sind, dass das

Bindegewebe an verschiedenen Orten eine bald grössere, bald geringere

Zahl wirklich zelliger Elemente führe[248], da waren auch überall Keime

erkannt für eine mögliche Entwickelung neuer Gewebe. Thatsächliche

Nachweise für eine solche Entwickelung brachte ich alsbald in meinen

Arbeiten über parenchymatöse Entzündung[249] und über ein cystoides

Enchondrom[250], denen später eine ganze Reihe weiterer

Special-Untersuchungen sich angeschlossen hat. Je mehr die Zahl der

Beobachter wuchs, um so häufiger hat es sich bestätigt, dass eine grosse

Zahl der verschiedensten Neubildungen, welche im Körper entstehen, aus

dem Bindegewebe und seinen Aequivalenten hervorgeht. Daran schloss sich

unmittelbar das Gebiet der lymphatischen Gebilde und der mit ihnen

zusammenhängenden farblosen Blutkörperchen, deren Bedeutung für die

Neubildung von Manchen sehr hoch veranschlagt wird. Endlich sind zu

erwähnen jene pathologischen Neubildungen, welche den Epithelformationen

angehören, sowie diejenigen, welche mit den höher organisirten

thierischen Geweben, z. B. den Gefässen, den Nerven, zusammenhängen.

Erwägt man, dass die lymphatischen Einrichtungen ihrerseits mit dem

Bindegewebe nahe Beziehungen haben, so wird man noch jetzt nicht

fehlgehen, wenn man mit geringen Einschränkungen =an die Stelle der

plastischen Lymphe, des Blastems der Früheren, des Exsudates der

Späteren das Bindegewebe mit seinen Aequivalenten und Adnexen als den

hauptsächlichen Keimstock des Körpers setzt=, und davon die Entwickelung

der meisten neugebildeten Theile ableitet[251].

[248] Würzb. Verhandl. II. 150, 154.

[249] Archiv IV. 284, 304, 312.

[250] Archiv V. 216, 239.

[251] Spec. Pathologie und Ther. I. 330, 333. Archiv VIII. 415.

Wenn wir ein bestimmtes inneres Organ nehmen, z. B. das Gehirn oder die

Leber, so konnte, so lange als man innerhalb des Gehirnes nichts weiter

als Nervenmasse sah, in der Leber nichts weiter als Gefässe und

Leberzellen zuliess, eine Neubildung ohne Dazwischenkommen eines

besonderen Bildungsstoffes kaum gedacht werden. Denn davon war es ja

leicht, sich zu überzeugen, dass in der Regel in der Leber die

Neubildungen nicht von den Leberzellen oder den Gefässen ausgehen. Dass

in der Hirnsubstanz die Nerven nicht als solche die Neubildungen

hervorbringen, und dass die Markschwämme nicht wuchernde Nervenmasse

sind, sondern aus zelligen Elementen anderer Art bestehen, das hätte man

wissen sollen seit dem Augenblicke, wo das Mikroskop auf die

Untersuchung der Gewebe angewendet worden ist. Aber ich habe erst

nachweisen müssen, dass es Bindegewebszellen in der Leber und

interstitielle Gliazellen im Gehirne gibt, welche Aequivalente der

gewöhnlichen Bindegewebskörperchen sind. In der That erscheint uns, wie

zuerst =Reichert= hervorgehoben hat, der Grundstock des Körpers

zusammengesetzt aus einer mehr oder weniger continuirlichen Masse von

bindegewebsartigen Bestandtheilen, an und in welche an gewissen Punkten

andere Dinge, wie Epithel, Muskeln, Gefässe und Nerven, eingesetzt sind.

Innerhalb dieses mehr oder weniger zusammenhängenden Gerüstes ist es, wo

nach meinen Untersuchungen die Mehrzahl der Neubildungen vor sich geht,

und zwar nach demselben Gesetze, nach welchem die embryonale

Entwickelung geschieht.

Das Gesetz von der Uebereinstimmung der embryonalen und pathologischen

Entwickelung ist, wie bekannt, schon von =Johannes Müller=, der auf den

Untersuchungen von =Schwann= fortbaute, formulirt worden. Allein damals

setzte man den Inhalt eines Ovulums (Fig. 7) dem Blasteme gleich; man

dachte nicht daran, dass alle Entwickelung im Ei innerhalb der gegebenen

Grenzen der Zelle geschieht, sondern man schloss einfach, dass im Eichen

eine gewisse Menge von bildungsfähigem Stoffe gegeben sei, welcher

vermöge einer ihm innewohnenden Eigenthümlichkeit, vermöge einer

organisatorischen Kraft oder, vom Standpunkte der »höheren« Anschauung

aus, durch eine organisatorische Idee getrieben, sich in diese oder jene

besondere Form umgestalte. Wenn es auch nicht richtig ist, was am

schärfsten von =Remak= behauptet worden ist, dass auch die

Dotterfurchung und die daraus hervorgehende Bildung der Primordialzellen

auf dem Hineinwachsen und Verschmelzen von Membranscheidewänden in das

Innere des Eies beruht, so handelt es sich doch auch innerhalb der

Dottermasse nicht um eine freie organisatorische Bewegung, sondern um

fortgehende Theilungsacte eines ursprünglich einfachen Elementes. Es

folgt daraus, dass eine Vergleichung der freien plastischen Exsudate

oder des pathologischen Blastems mit den Inhalts- oder Protoplasmamassen

des Eies an sich unzulässig ist. Wo wir beim Embryo wirklich geformte

Elemente, Zellen, finden, da sind diese auch von einem präexistirenden

Elemente, einer Zelle ausgegangen. Eine Uebereinstimmung der embryonalen

und der pathologischen Neubildung kann daher nur dann behauptet werden,

wenn auch in der Pathologie jede neue Entwickelung auf vorhandene Zellen

als Ausgangspunkte zurückgeführt werden kann.

Der in der neuesten Zeit vielfach behauptete Punkt, in wie weit

ausgewanderte farblose Blutkörperchen oder Lymphkörperchen die Keime für

allerlei Neubildungen werden können, ändert in diesen Anschauungen

nichts Wesentliches. Beim Frosche, an welchem die Mehrzahl der diese

Auswanderung betreffenden Untersuchungen angestellt worden sind, müssen

die Lymphkörperchen bei dem Fehlen der Lymphdrüsen direkt aus dem

Bindegewebe abgeleitet werden, und wenn sie später der Ausgangspunkt für

Neubildungen werden, so unterscheidet sich diese Neubildung von der

früher von mir gelehrten nur dadurch, dass sie nicht an Ort und Stelle,

sondern an einer mehr oder weniger von dem Entstehungsorte dieser

Keimzellen entfernten Orte stattfindet. Beim Menschen und den höheren

Wirbelthieren, welche ausgebildete Lymphdrüsen besitzen, wäre in diesen

eine permanente Brutstätte neuer Keimzellen anzunehmen, indess gehen

auch die Lymphdrüsen, so weit wir wissen, embryologisch aus

proliferirendem Bindegewebe hervor. Es kann sich daher im Principe nur

darum handeln, festzustellen, auf welche Weise die Bildung der neuen

Elemente in dem Keimgewebe stattfindet.

[Illustration: =Fig=. 132. Zellen aus der mittleren Substanz des

Intervertebralknorpels eines Erwachsenen. Intracapsuläre

Zellenvermehrung. Vergr. 300.]

Der Modus dieser Neubildung ist, so viel bekannt, ein doppelter. In der

Regel handelt es sich um =einfache Theilung=, wie wir sie schon bei

Gelegenheit der Reizung besprochen haben (S. 386). Wir sehen dann die

ganze Reihe von Veränderungen von der Theilung des Kernkörperchens und

des Kernes bis zur endlichen Theilung der ganzen Zelle. Wenn ein

epitheliales Element zwei Kerne bekommt, sich darauf theilt, und dieses

sich wiederholt, so kann daraus durch fortgehende Wiederholung eine

grosse Zahl neuer Elemente hervorgehen. Bekommt Jemand durch

fortgesetzte Reibung der Haut eine Reizung, und wird der Reiz bis zu

einem gewissen Grade gesteigert, so wird sich das Epithel verdicken, und

wenn die Wucherung sehr stark ist, so kann sie zu grossen,

geschwulstartigen Bildungen sich erheben. Dies geschieht durch

fortschreitende Zelltheilung. Denselben Modus der Entwickelung, welchen

Epithelialschichten darbieten, treffen wir auch im Inneren der Organe.

Im Knorpel, wo das einfache zellige Element in eine Kapsel

eingeschlossen ist, tritt endlich an die Stelle desselben eine Anhäufung

zahlreicher Elemente, von denen jedes wiederum eingeschlossen wird in

eine besondere, neugebildete Kapsel, während die ganze Gruppe von der

vergrösserten, ursprünglichen Kapsel (der früher fälschlich sogenannten

Mutterzelle) umgeben ist. Am Bindegewebe kann jede neue Zelle, welche

aus der Theilung hervorgegangen ist, sofort eine neue Schicht

Intercellularsubstanz bilden. Das ist also ein an sich sehr einfacher

Modus, der jedoch, da er an verschiedenartigen Geweben vorkommt, sehr

verschiedene Resultate bringen kann.

Es gibt aber noch eine andere Reihe von Neubildungen im Körper, welche

freilich viel weniger gut gekannt sind, und deren Vorgang sich bis jetzt

nicht mit eben so grosser Sicherheit übersehen lässt. Es sind das

Vorgänge, wo im Inneren von präexistirenden Zellen =endogene=

Neubildungen eintreten.

Eine dieser Veränderungen ist folgende: In einer einfachen Zelle bildet

sich ein blasiger Raum, der gegenüber dem etwas trüben, gewöhnlich

leicht körnigen Inhalte der Zelle ein sehr klares, helles, homogenes

Aussehen darbietet. Derselbe unterscheidet sich von einer blossen

Vacuole (S. 357) dadurch, dass er eine besondere Hülle besitzt und nicht

einen einfachen Tropfen darstellt[252]. Auf welche Weise diese Räume,

welche ich unter dem Namen der =Physaliden=[253] zusammenfasse,

entstehen, ist noch nicht ganz sicher. Die grösste Wahrscheinlichkeit

ist dafür, dass bei gewissen Formen gleichfalls Kerne der Ausgangspunkt

dieser Bildungen sind. Man sieht nehmlich neben den physaliphoren Zellen

andere mit 2 Kernen, manche, wo der eine Kern schon etwas grösser und

heller erscheint, aber doch immer noch mit kernartiger Beschaffenheit.

Weiterhin wird dieser helle Kern zu einer Blase von solcher Grösse, dass

die Zelle allmählich fast ganz davon erfüllt wird und ihr alter Inhalt

mit dem andern Kerne nur noch wie ein kleiner Anhang an der Blase

erscheint[254]. So weit ist der Vorgang ziemlich einfach. Allein neben

diesen zunehmenden und die Zelle erfüllenden Blasen trifft man andere,

wo im Inneren der Blasen wieder Elemente zelliger Art eingeschlossen

sind. So ist es ziemlich häufig in Krebsgeschwülsten, aber auch in

normalen Theilen, z. B. in der Thymusdrüse[255]. Diese Form scheint nur

so gedeutet werden zu können, dass in besonderen blasigen Räumen, die

ich deshalb =Bruträume= genannt habe[256], im Inneren von zelligen

Elementen neue Elemente ähnlicher Art sich entwickeln. Obwohl ich

ähnliche Formen auch bei entzündlichen Zuständen z. B. in dem Epithel

des Herzbeutels bei Pericarditis gesehen habe[257], und obwohl manche

neuere Beobachtungen sich dem anzureihen scheinen, so ist dies doch ein

für die Gesammtfrage der Neubildung untergeordnetes Verhältniss, welches

mehr für einzelne Fälle Werth hat.

[252] Archiv III. 199.

[253] Entwickelung des Schädelgrundes 58.

[254] Archiv I. 130.

[255] Archiv III. 197, 222.

[256] Ebendas. III. 217.

[257] Archiv III. 223.

[Illustration: =Fig=. 133. Endogene Neubildung: blasentragende Zellen

(Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines Neugebornen neben

epithelioiden Zellen: im Innern einer Blase mit doppeltem Contour, die

ihrerseits noch von einem zellenartigen Saume umgeben ist, liegt eine

vollständige Kernzelle. _B C_ Krebszellen (vergl. Archiv f. path. Anat.

Bd. I. Taf. II. und Bd. III. Taf. II.) _B_ eine mit doppeltem Kerne,

eine zweite mit Kern und kleiner Physalide; _C_ eine mit einer fast die

ganze Zelle füllenden Physalide und eine andere, wo die Physalide (der

Brutraum) noch wieder eine vollständige Kernzelle umschliesst. Vergr.

300.]

Ausser dieser endogenen Neubildung in besonderen, physaliphoren Zellen

finden sich nicht selten Erscheinungen, welche sich mehr den

gewöhnlichen Furchungserscheinungen des Eies anzuschliessen

scheinen[258], deren Grenzen aber gegen die aus blosser Theilung oder

aus Physaliden hervorgegangenen Neubildungen sich nur schwer feststellen

lassen. Denn sehr häufig sieht man in demselben Objecte diese

verschiedenen Dinge neben einander. Am deutlichsten erkennt man solche

Neubildungen an sehr vergrösserten Zellen, deren Kerne sich zuerst in

prodigiöser Weise vermehren (S. 383), und an denen sich später um jeden

Kern eine besondere Abtheilung des Zelleninhaltes besonders abgegrenzt

zeigt. Namentlich geschieht das an der Oberfläche von Riesenzellen,

während im Inneren manchmal keine Zellenbildung, manchmal wieder solide

oder blasige Gebilde zu bemerken sind. Bei den Krebsen sind

Beobachtungen der Art schon ziemlich alt[259], indess waren sie wenig

genau. Bestimmtere Untersuchungen über den Gang der Neubildung habe ich

zuerst an den Perlgeschwülsten (Cholesteatomen) des Menschen[260] und an

der Franzosenkrankheit (Perlsucht) des Rindviehes[261] gemacht. Hier

erhält sich in der That die alte Zellmembran noch längere Zeit, so dass

die Bildung als eine wirklich endogene erscheint. Andermal dagegen geht

die äussere Membran des Muttergebildes früh verloren, und es entsteht

sofort eine grosse Gruppe einfach zusammenliegender, noch die Form der

Mutterzelle bewahrender Tochterzellen, wo also die ursprüngliche Membran

entweder sich auflösen oder zur Bildung der secundären Membranen der

Tochterzellen verbraucht werden muss. In diesen Fällen ist es schwer,

eine Grenze zwischen endogener Neubildung und Theilung zu ziehen, und

man kann eben so wohl den ursprünglich endogenen Anfang des Prozesses,

als die =verspätete= Theilung für die Bezeichnung massgebend sein

lassen. Unzweifelhaft endogen ist der Vorgang nur dann, wenn das schon

fertige neue Element (Tochterzelle) in die Substanz des alten

(Mutterzelle) eingeschlossen ist.

[258] Archiv XIV. 46.

[259] Archiv I. 107.

[260] Archiv VIII. 410. Taf. IX. Fig. 2-11.

[261] Würzb. Verhandl. VII. 143. Archiv XIV 47. Geschwülste II. 745.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 45 / 54 段