Die Ossification geschieht hier gerade so, wie wenn sich unter

Entzündungs-Erscheinungen an der Oberfläche des Knochens eine

(periostitische) Knochenlage bildete. Die Osteophyten der inneren

Schädeldecke und der Hirnhäute zeigen dieselbe Entwickelung, wie die

ossificirenden Platten der inneren Haut der Aorta und selbst der Venen.

Ihr erstes Stadium besteht immer in der vermehrten Bildung von

bindegewebigen, sklerosirenden Verdickungen, in welche erst spät die

Ablagerung der Kalksalze erfolgt. Sobald diese wirkliche Ossification

besteht, so können wir gar nicht umhin, den Vorgang als einen aus einer

Reizung der Theile zu neuen, formativen Actionen hervorgegangenen zu

betrachten; er fällt also in den Begriff der Entzündung oder wenigstens

derjenigen irritativen Prozesse, welche einer Entzündung

ausserordentlich nahe stehen.

Gelangt man demnach von beiden Endpunkten des Prozesses aus, sowohl von

der Atheromatie, als von der Ossification, zu demselben Resultate, dass

die Knoten und Buckel, welche im Stadium der Sklerose die innere Fläche

der Gefässe verunstalten, auf einen activen Prozess, auf wirkliche

formative Reizung zurückführen, so kann man den Prozess gewiss nicht

besser bezeichnen, als mit dem Namen der =Endoarteriitis chronica

deformans s. nodosa=. Der an sich passive Charakter des fettigen

Endstadiums (Ausganges) ändert nichts an dem activen, irritativen

Anfangsstadium. Nur muss man sich stets erinnern, dass eine wesentliche

Verschiedenheit zwischen diesem Prozesse und der einfachen fettigen

Degeneration besteht, welche am besten an einem grossen Gefässe, z. B.

der Aorta, zu erkennen ist. Bei der letzteren entsteht an der Oberfläche

der Intima eine ganz leichte Anschwellung, welche sofort mit weggenommen

wird, sobald man einen oberflächlichen Schnitt abträgt; darunter liegt

noch eine starke Lage intacter Intima. Bei der Endoarteriitis dagegen

haben wir im letzten Stadium einen tief unter der oft normalen

Oberfläche liegenden Heerd, welcher später aufbricht, seinen Inhalt

entleert und das =atheromatöse Geschwür= bildet. Dieses entsteht zuerst

als ein feines Loch der Intima, durch welches der dicke, zähe Inhalt des

Atheromheerdes in Form eines Pfropfes an die Oberfläche drängt; nach und

nach entleert sich immer mehr von diesem Inhalte, wird vom Blutstrome

fortgerissen, und zuletzt behalten wir ein mehr oder weniger grosses

Geschwür zurück, welches bis auf die Media gehen kann, ja nicht selten

diese mit betheiligt. Immer handelt es sich also um eine schwere

Erkrankung des Gefässes, welche zu einer eben solchen Destruction führt,

wie sie bei anderen heftigen entzündlichen Prozessen vorkommt.

Wendet man diese Erfahrung auf die Geschichte der =Endocarditis=[240]

an, so findet man die ganze Angelegenheit auch da. Auch an den

Herzklappen gibt es einfach fettige Degenerationen, sowohl an der

Oberfläche, als auch in der Tiefe. Diese verlaufen gewöhnlich so, dass

bei Lebzeiten keine Störung erkennbar wird, und dass wir von unserem

gegenwärtigen Erfahrungs-Standpunkte aus keine gröbere anatomische

Störung angeben könnten, welche die weitere Folge davon wäre. Dagegen

das, was wir Endocarditis nennen, was nachweisbar im Verlaufe des

Rheumatismus entsteht und unzweifelhaft als eine Art von Aequivalent

(Metastase) für den Rheumatismus der peripherischen Theile auftreten

kann, beginnt mit einer Schwellung der erkrankten Stelle selbst. Die

zelligen Elemente nehmen mehr Material auf, die Stelle wird uneben,

höckerig. Verläuft der Prozess mehr langsam, so entsteht entweder eine

Excrescenz (Condylom), oder die Verdickung breitet sich mehr hügelig aus

und wird später der Sitz einer Verkalkung oder wirklichen Verknöcherung.

Hat der Prozess einen acuteren Verlauf, so kommt es zu fettiger

Degeneration oder Erweichung, wo die Klappen durch den Blutstrom

zertrümmert werden, Bruchstücke sich ablösen und embolische Heerde an

entfernteren Punkten entstehen (Fig. 82, S. 246).

[240] Wiener medic. Wochenschrift 1858. No. 14.

[Illustration: =Fig=. 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula

mitralis: einfache körnige Anschwellungen (Granulationen), grössere

Hervorragungen (Vegetationen), einzelne zottig, einzelne ästig und

wieder knospend; in allen elastischen Fasern aufsteigend. Vergr. 70.]

Nur auf diese Weise, indem man die Anfänge der Veränderungen beobachtet,

ist es möglich, sichere und für die Praxis brauchbare Urtheile über die

pathologischen Prozesse zu gewinnen. Niemals darf man sich bestimmen

lassen, von der Differenz der klinischen Prozesse ausgehend, die

endlichen Producte derselben als nothwendig verschieden zu betrachten.

Die heftigsten Entzündungsprozesse, welche in ganz kurzer Zeit

verlaufen, können dieselben Ausgänge machen, welche in anderen Fällen

langsamer und ohne Entzündung entstehen.

Ich habe nicht die Absicht, die Reihe der verschiedenen passiven

Störungen, welche möglicherweise im späteren Verlaufe von

Reizungszuständen auftreten können, im Einzelnen zu verfolgen. Wir

würden sonst in der Geschichte fast aller degenerativen Atrophien

analoge Beispiele finden können. Ueberall muss man die Zustände, in

denen ein Theil direkt der Sitz einer solchen Rückbildung wird, von

denjenigen unterscheiden, wo er vorher eine active Veränderung erfuhr.

Das ist die erste Vorbedingung zur vorurtheilsfreien, wirklich

gegenständlichen Erkenntniss der =Entzündung= überhaupt, zu deren

Besprechung wir uns gegenwärtig wenden wollen.

Der Begriff der Entzündung hat sich unter der Einwirkung der

Erfahrungen, von welchen ich schon in dem Vorhergehenden einen gewissen

Theil besprochen habe, wesentlich verändert. Während man noch bis vor

kurzer Zeit gewohnt war, die Entzündung ontologisch, als einen =seinem

Wesen nach= überall gleichartigen Vorgang zu betrachten, so ist nach

meinen Untersuchungen nichts übrig geblieben, als alles Ontologische von

dem Entzündungs-Begriffe abzustreifen, und die Entzündung nicht mehr als

einen seinem Wesen nach von den übrigen verschiedenen Prozess, sondern

nur als eine =dem Verlaufe nach eigenthümliche Form verschiedener

Prozesse= anzusehen[241].

[241] Archiv IV. 280. Spec. Pathol. und Ther. I. 46, 72, 76.

In der Aufstellung der Alten, wie sie uns in den dogmatischen Schriften

=Galen='s erhalten ist, steht bekanntlich unter den vier

Cardinal-Symptomen (calor, rubor, tumor, dolor) die Hitze als das

dominirende da, denn sie ist das Symptom, von welchem der Prozess seinen

Namen bekommen hat. Späterhin ist in dem Maasse, als die Frage von der

thierischen Wärme überhaupt und von der Wärme in pathologischen

Zuständen insbesondere in den Hintergrund trat, immer mehr Gewicht

gelegt worden auf die Röthung, und so ist es geschehen, dass schon im

vorigen Jahrhundert, in der Zeit der mechanischen Theorien, wo

namentlich =Boerhaave= die Entzündung ableitete von der Obstruction der

Gefässe und der damit verbundenen Stasis des Blutes, der Begriff der

Entzündung sich mehr oder weniger an die Gefässe band. Seitdem die

pathologisch-anatomischen Erfahrungen sich ausdehnten, wurde

insbesondere in Frankreich durch =Andral= die Hyperämie als der

nothwendige und regelmässige Ausgangspunkt der Entzündung hingestellt.

Die Einseitigkeit, mit welcher diese Ansicht noch bis in unsere Zeit

festgehalten ist, war zum grossen Theile eine Nachwirkung der

=Broussais='schen Anschauung, welche in der pathologisch-anatomischen

Richtung zur Geltung gekommen ist. Die Hyperämie trat allmählich an die

Stelle aller übrigen wesentlichen Symptome.

Eine Aenderung der Doctrin im grossen Style hat eigentlich nur die

Wiener Schule versucht, indem sie, wiederum vom anatomischen Standpunkte

aus, an die Stelle der Entzündungs-Symptome das Entzündungsproduct

setzte. Das, was sie ihren Erfahrungen gemäss zunächst im Auge hatte,

und worin sie das Wesen der Entzündung suchte, war das Product, welches

man, allerdings entsprechend den überlieferten Vorstellungen, als ein

nothwendig aus den Gefässen hervorgegangenes, als Exsudat bezeichnete.

In der alten Classification der Symptome entsprach dem Exsudate der

Wiener ungefähr das Symptom des Tumors, und man könnte daher sagen,

dass, wie früher der Calor und dann der Rubor, so hier der Tumor in den

Vordergrund getreten sei. -- Nur in der mehr speculativen Anschauung der

Neuropathologen wird bekanntlich der Dolor als die wesentliche und

ursprüngliche Veränderung in dem Entzündungsacte betrachtet.

Es kann kein Zweifel sein, dass von diesen verschiedenen Aufstellungen

die anatomische Lehre der Wiener Schule die richtigste sein würde, wenn

sich nachweisen liesse, dass bei jeder Entzündung, wie es gegenwärtig in

die Sprache der meisten Aerzte übergegangen ist, ein Exsudat stattfände,

dass der Tumor wesentlich durch dieses Exsudat bedingt sei, und

namentlich, dass dieses Exsudat als ein constantes, typisches, und der

Fibrin-Gehalt desselben als ein Kriterium der entzündlichen Natur

desselben betrachtet werden dürfe.

Schon in den früheren Capiteln habe ich zu zeigen gesucht, wie erheblich

der Begriff des Exsudates geschmälert werden muss, und wie wesentlich

bei dem Auftreten von Stoffen, welche wir allerdings als aus den

Gefässen hervorgegangen und zu den früheren Gewebstheilen hinzugekommen

betrachten müssen, die activen Beziehungen der Gewebselemente selbst in

Frage kommen. Vieles ist, wie wir sahen, nicht ein aus den Gefässen

durch den Blutdruck hervorgepresstes, also passives Exsudat, sondern

vielmehr, wenn ich mich so ausdrücken soll, ein Educt oder Extract aus

den Gefässen in Folge der Thätigkeit, der activen Anziehung der

Gewebselemente selbst.

Dasjenige, von dem, wie ich glaube, ausgegangen werden muss bei der

Betrachtung der Entzündung, der Punkt, in dem ich auch die Aufstellung

von =Broussais= und =Andral= für am meisten berechtigt erachte, ist der

Begriff des =Reizes=. Wir können uns keine Entzündung denken ohne

Entzündungsreiz, und es fragt sich zunächst, in welcher Weise man sich

diesen Reiz vorzustellen habe?

Wir haben schon gesehen, dass im Allgemeinen eine Reizung in drei

verschiedenen Richtungen eintreten kann, dass sie nehmlich entweder eine

functionelle, oder eine nutritive, oder eine formative sein kann. Dass

bei der Entzündung functionelle Reize in Betracht kommen, dafür spricht

schon der Umstand, dass alle neueren Schulen wenigstens darin

übereingekommen sind, dass zu den vier charakteristischen Symptomen der

Alten noch die =Functio laesa= hinzugefügt werden müsse. Ist bei der

Entzündung die Function wirklich gestört, so setzt dies eben voraus,

dass der Entzündungsreiz in der Zusammensetzung des Theiles

Veränderungen bedingt haben muss, welche die zur Function verwendbaren

Theile der Gewebselemente getroffen haben, dass also die functionsfähige

Substanz nicht mehr unversehrt ist. Niemand wird erwarten, dass ein

Muskel, der entzündet ist, sich normal contrahirt; jeder setzt voraus,

dass die contractile Substanz des Muskels durch die Entzündung gewisse

Veränderungen erfahren hat. Niemand wird erwarten, dass eine entzündete

Drüsenzelle normal secerniren könne, sondern man betrachtet eine Störung

(Hemmung und Aenderung) der Secretion als nothwendige Folge der

Entzündung. Niemand wird annehmen, dass eine entzündete Ganglienzelle

oder ein entzündeter Nerv seine Verrichtungen ausüben, wie sonst, dass

sie auf Reize normal reagiren können. Unseren allgemeinsten Erfahrungen

nach schliessen wir in solchen Fällen mit Nothwendigkeit, dass

Veränderungen in der Zusammensetzung der zelligen Theile eingetreten

sein müssen, welche die natürliche Functionsfähigkeit derselben

alteriren. Solche Veränderungen können die Folgen einer übermässigen

Function sein; treten sie aber auf Reize ein, die nicht gross genug

sind, um die Theile sofort zu zerstören oder ihre Functionsfähigkeit zu

erschöpfen, so müssen es nothwendiger Weise entweder nutritive oder

formative Reize gewesen sein. Und in der That bestätigt sich dieser

Schluss bei der Entzündung. Man findet heut zu Tage die Ansicht schon

ziemlich verbreitet, dass es sich bei der Entzündung im Grossen um eine

Veränderung in dem Ernährungsacte handle, wobei man die Ernährung

freilich als das die formativen und nutritiven Vorgänge gemeinschaftlich

Umfassende nimmt, oder, wie ich es früher[242] ausdrückte: So lange auf

ein Irritament nur functionelle Störungen zu beobachten sind, so lange

spricht man von Irritation; werden neben den functionellen Störungen

nutritive bemerkbar, so nennt man es Entzündung.

[242] Spec. Pathologie und Ther. I. 72.

Will man also von einem Entzündungsreize sprechen, so kann man sich

darunter füglich nichts Anderes denken, als dass durch irgend eine für

den Theil, welcher in Reizung geräth, äussere Veranlassung, entweder

direkt von aussen, oder vom Blute, oder möglicher Weise von einem Nerven

her, die Mischung oder Zusammensetzung des Theiles Aenderungen erleidet,

welche zugleich seine Beziehungen zur Nachbarschaft ändern und ihn in

die Lage setzen, aus dieser Nachbarschaft, sei es ein Blutgefäss oder

ein anderer Körpertheil[243], eine grössere Quantität von Stoffen an

sich zu ziehen, aufzusaugen und je nach Umständen umzusetzen. Jede Form

von Entzündung, welche wir kennen, findet darin ihre natürliche

Erklärung. Jede kommt darauf hinaus, dass sie als Entzündung beginnt von

dem Augenblicke an, wo diese vermehrte Aufnahme von Stoffen in das

Gewebe erfolgt und die weitere Umsetzung dieser Stoffe eingeleitet wird.

[243] Archiv XIV. 29.

Diese Auffassung nähert sich bis zu einem gewissen Maasse, wie man

leicht sieht, derjenigen, welche man vom Standpunkte der vasculären

Theorie aus behauptet hat, wonach man als unmittelbare Folge der

Hyperämie das Exsudat betrachtet und annimmt, dass die Entzündung, wenn

sie declarirt sei, durch die Anwesenheit eines der natürlichen Mischung

des Theiles mehr oder weniger fremdartigen Stoffes sich charakterisire.

Es fragt sich nur, ob wirklich die Hyperämie die Einleitung und zwar die

nothwendige Einleitung zu diesen Vorgängen bilde.

Wäre die Entzündung nothwendig gebunden an die Hyperämie, so würde es

begreiflicher Weise unmöglich sein, von Entzündungen in Theilen zu

sprechen, welche nicht überall in einer unmittelbaren Beziehung zu

Gefässen stehen. Wir könnten uns nicht vorstellen, dass eine Entzündung

in einer gewissen Entfernung von einem Gefässe geschähe. Es würde

vollständig unmöglich sein, von einer Hornhautentzündung zu sprechen

(abgesehen vom Rande der Hornhaut), von einer Knorpelentzündung

(abgesehen von den zunächst an den Knochen stossenden Theilen), von

einer Entzündung der inneren Sehnensubstanz. Vergleichen wir aber die

Vorgänge in solchen Theilen mit den gewöhnlichen, so stellt sich

unzweifelhaft heraus, dass dieselben Vorgänge der Entzündung in allen

diesen Theilen vorkommen können, und dass die Veränderungen der

gefässhaltigen sich in keiner Weise nothwendig von denen der gefässlosen

unterscheiden.

Man darf aber deshalb nicht behaupten, dass die Entzündung an allen

Theilen gleich, dass sie demnach als ein einheitlicher Vorgang

aufzufassen sei. Allerdings bedingt die Existenz von Gefässen und der

Reichthum an Gefässen grosse Verschiedenheiten in den auf gewisse Reize

eintretenden Veränderungen. Das Auftreten von Exsudaten ist in hohem

Maasse abhängig von der Art der Vascularisation eines Theiles. Die

gefässlose Intima einer Arterie oder Vene liefert kein Exsudat, obwohl

sie einer Serosa so ähnlich ist, dass die Schule =Bichat='s sie nicht

bloss für eine Serosa erklärte, sondern ihr auch dieselben

Erkrankungsmöglichkeiten zuschrieb, wie sie an den serösen Häuten

bekannt sind. Ebenso wenig exsudirt der Gelenkknorpel an seiner

Oberfläche; findet sich ein Exsudat in einer Gelenkhöhle, so stammt es

von der Synovialis, welche reichlich Gefässe führt.

Wie bekannt, hat man aber auch in der Auffassung der entzündlichen

Exsudate insofern Concessionen machen müssen, als man manchen Prozess

Entzündung genannt hat, welcher durch die Art des sogenannten Exsudates

sich wesentlich von anderen unterscheidet. Wenn man von

Schleimhaut-Entzündungen spricht, so denkt man in der Regel doch nicht

daran, dass die Schleimhaut ein fibrinöses Exsudat liefern wird. Wir

kennen wohl Schleimhäute, wo fibrinöse Exsudate häufig sind, z. B. die

Schleimhaut der Respirationsorgane. Aber wir wissen auch, dass auf der

Schleimhaut des Digestionstractus freie fibrinöse Exsudate fast gar

nicht vorkommen, dass sie höchstens die schlimmeren, namentlich die

brandigen und specifischen Formen begleiten. Wenn man von einer

Laryngitis spricht, so setzt man nicht sogleich einen Croup voraus. Bei

einer Cystitis erwartet man nicht, die innere Fläche der Blase von

einer fibrinösen Schicht überzogen zu finden. In der ganzen Reihe der

sogenannten gastrischen Entzündungen finden wir namentlich im Anfange

des Prozesses fast nichts weiter, als eine reichliche Absonderung von

Schleim. Wenn wir also diese catarrhalischen Entzündungen noch

Entzündungen nennen, wenn wir sie nicht ganz aus der Reihe der

Entzündungen herauswerfen wollen, wozu kein Grund vorliegt, so müssen

wir zugestehen, dass ausser dem fibrinösen Exsudate in Entzündungen ein

schleimiges Exsudat bestehen kann, und dass die Entzündungen mit

schleimigem Exsudate eine eigene, gewissen Organen zukommende Kategorie

bilden. Denn bekanntlich finden wir sie nicht an allen Geweben des

Körpers, sondern fast nur an Schleimhäuten.

Sieht man sich nun die fibrinösen Exsudate etwas genauer an, so kann gar

kein Zweifel sein, dass sie in diesem Punkte von den schleimigen nicht

verschieden sind. Wir kennen nehmlich keinesweges an allen Punkten des

Körpers fibrinöse Exsudate; wir kennen z. B. keine Form von exsudativer

Encephalitis, welche fibrinöses Exsudat liefert. Eben so wenig ist eine

Form von Hepatitis bekannt, wobei fibrinöse Exsudate in der Leber

vorkämen. Es gibt wohl eine Entzündung des Leberüberzuges

(Perihepatitis), so gut wie eine Entzündung des Gehirnüberzuges

(Arachnitis), wobei Fibrin frei hervortreten kann, aber nie hat Jemand

bei einer eigentlichen Hepatitis oder Encephalitis Fibrin angetroffen.

Ebensowenig gibt es bei den gewöhnlichen Entzündungen des Herzfleisches

(Myocarditis) Fibrin.

Andererseits ist es sicher, dass man, von bestimmten Voraussetzungen

ausgehend, Fibrin-Exsudate an vielen Punkten vermuthet hat, wo sie in

der That gar nicht zu sehen sind. Wenn man den Eiter aus einem

fibrinösen Exsudat hat hervorgehen lassen, und wenn man demnach an allen

Stellen, wo Eiter auftritt, ein fibrinöses Exsudat als den Ausgangspunkt

betrachtet hat, so gehört doch eben keine grosse Beobachtungsgabe dazu,

um sich zu überzeugen, dass dies ein Irrthum ist. Man nehme eine

beliebige Ulcerationsfläche, wische den Eiter ab und fange das auf, was

nun »ausschwitzt«, so wird man entweder seröse Flüssigkeit oder Eiter

haben, aber man wird nicht sehen, dass sich die abgewischte Fläche mit

einem Fibrin-Gerinnsel überzieht. Beschränkt man sich auf diejenigen

Theile, wo Entzündungen mit wirklichem, unzweifelhaftem fibrinösen

Exsudate vorkommen, so ist dies eine nahezu ebenso beschränkte

Kategorie, wie die der schleimigen Entzündungen. Hier stehen in erster

Linie die eigentlichen serösen Häute, welche gewöhnlich schon bei

leichtem Entzündungsreiz Fibrin hervorbringen, in zweiter Linie gewisse

Schleimhäute, an welchen die fibrinösen Entzündungen in einer grossen

Zahl von Fällen unverkennbar als eine Steigerung aus schleimigen

hervorgehen. Ein gewöhnlicher Croup tritt in der Regel nicht von

vornherein als fibrinöser Croup auf; anfangs, zu einer Zeit, wo die

Gefahr schon eine sehr beträchtliche sein kann, findet sich oft nichts

weiter, als eine schleimige oder schleimig-eiterige Pseudomembran. Erst

nach einer gewissen Zeit setzt die fibrinöse Exsudation in der Weise

ein, dass wir an derselben Pseudomembran die Uebergänge verfolgen

können, so dass eine gewisse Stelle deutlich Schleim, eine andere

deutlich Fibrin enthält, während an einer dritten Stelle nicht mehr zu

sagen ist, ob der eine oder das andere vorhanden ist. Hier treten also

beide Stoffe wiederum als Substitute für einander auf. Wo der

entzündliche Reiz grösser ist, sehen wir Fibrin, wo er geringer ist,

Schleim vorkommen.

Vom Schleime wissen wir aber, dass er im Blute nicht präexistirt, wie

das Fibrin. Wenn auch eine Schleimhaut unglaublich grosse Massen von

Schleim in kurzer Zeit hervorbringen kann, so sind dieselben doch

Producte der Schleimhaut selbst; sie wird nicht vom Blute aus mit

Schleim durchdrungen, sondern das Mucin, der eigenthümliche Schleimstoff

ist ein Erzeugniss der Haut (S. 66), und dieses wird durch die vom Blute

aus durchquellende (trans- und exsudirende) Flüssigkeit mit an die

Oberfläche geführt. Im Anschlusse an diese Erfahrung habe ich, wie ich

früher andeutete (S. 197), auch versucht, die Ansicht umzukehren, welche

man über die Entstehung des Fibrins zu haben pflegt[244]. Während man

bis jetzt die Fibrinausscheidung als eine eigentliche Transsudation aus

der Blutflüssigkeit, das Exsudat als das hervortretende Plasma

betrachtete, so habe ich die Deutung aufgestellt, dass auch das Fibrin

häufig ein Localproduct derjenigen Gewebe sei, an welchen und in welchen

es sich findet, und dass es in derselben Weise an die Oberfläche

gebracht werde, wie der Schleim der Schleimhaut. Ich habe damals schon

gezeigt, wie man auf diese Weise am besten begreift, dass in dem Maasse,

als an einem bestimmten Gewebe die Fibrinproduction steigt, auch dem

Blute mehr Fibrin zugeführt wird, und dass die fibrinöse Krase eben so

gut ein Product der localen Erkrankung ist, wie die fibrinöse Exsudation

das Product der localen Stoffmetamorphose. Nie ist man im Stande

gewesen, so wenig als man direct durch Druckveränderung aus dem Blute

Schleim an einem Orte hervorbringen kann, welcher nicht selbst Schleim

producirt, durch Veränderung im Blutdrucke aus den Capillaren des

lebenden Thieres Fibrin hervorzupressen; was durchdringt, sind immer nur

die serösen Flüssigkeiten.

[244] Spec. Pathologie und Ther. I. 75. Gesammelte Abhandlungen

135-37. Archiv XIV. 36.

Ich halte demnach dafür, =dass es in dem gewöhnlichen Sinne überhaupt

kein entzündliches Exsudat gibt=, sondern dass das Exsudat, welches wir

im Laufe entzündlicher Reizungen antreffen, sich zusammensetzt

einerseits aus dem Material, welches durch die veränderte Haltung in dem

entzündeten Theile selbst erzeugt wurde, andererseits aus der

transsudirten Flüssigkeit, welche aus den Gefässen stammt. Diese kann

ihrerseits sehr verschieden sein. Manchmal ist sie rein serös

(hydropisch), andermal enthält sie zahlreiche rothe Blutkörperchen und

muss daher geradezu als hämorrhagisch bezeichnet werden, andermal

endlich finden sich in ihr grössere oder kleinere Mengen von farblosen

Blutkörperchen. Besitzt daher ein Theil eine grosse Menge besonders

oberflächlicher Gefässe, so wird er auch ein reichliches Exsudat geben

können, wobei die vom Blute transsudirende Flüssigkeit ausser den aus

dem Blute selbst gelieferten Bestandtheilen die besonderen Producte des

Gewebes (Mucin, Fibrin, Paralbumin, zellige Elemente u. s. w.) mit an

die Oberfläche führen kann. Hat dagegen der Theil keine Gefässe oder

keine freie Oberfläche, so wird es auch kein Exsudat geben, sondern der

ganze Vorgang beschränkt sich darauf, dass im Gewebe selbst die

besonderen Veränderungen vor sich gehen, die durch den entzündlichen

Reiz angeregt worden sind.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 44 / 54 段