Bringt man Jodlösung auf eine ganz anämische Rindensubstanz, so

erscheinen gewöhnlich zuerst rothe Punkte, welche den Glomerulis

entsprechen, auch wohl feine Striche, den Arteriae afferentes angehörig.

Nächstdem, wenn die Erkrankung recht stark ist, sieht man auch innerhalb

der Markkegel rothe, parallele Linien, welche sehr dicht liegen. Das

sind die Arteriolae rectae[219]. Die Erkrankung der Arterien wird

zuweilen so stark, dass man nach Anwendung des Reagens eine deutliche

Uebersicht des Gefässverlaufes bekommt, wie wenn man eine sehr

vollständige künstliche Injection vor sich hätte. Allein gerade bei

diesen Nieren ist eine Injection nicht ganz ausführbar. Auch die

feineren Mittel, welche wir für Injectionen anwenden, sind viel zu grob,

um durch die verengten Gefässe hindurch zu gelangen. Untersucht man

einen solchen Glomerulus mikroskopisch, so sieht man, dass von da, wo

sich die zuführende Arterie auflöst, die Schlinge nicht mehr die feine,

zarte Röhre ist, wie sonst; vielmehr erscheinen alle einzelnen Schlingen

innerhalb der Capsel als compacte, fast solide Bildungen. Da nun gerade

diese Theile es sind, welche offenbar die eigentlichen Secretionspunkte

der Harnflüssigkeit darstellen, so begreift es sich, dass in solchen

Fällen Störungen in der Ausscheidung des Harnes stattfinden müssen. Wir

haben leider bis jetzt keine vollständig ausreichenden Analysen, allein

es scheint, dass viele Fälle von Albuminurie, welche mit erheblicher

Verminderung der Harnstoff-Ausscheidung verbunden sind, gerade mit

diesen Zuständen zusammenhängen, und dass die Abscheidung um so mehr

sinkt, je intensiver die Erkrankung wird. Diese Fälle compliciren sich

sehr häufig mit Anasarka und Höhlenwassersucht und können im vollsten

Maasse die Symptome der Brightschen Erkrankung liefern. Sie

unterscheiden sich aber wesentlich von der einfach entzündlichen Form

der Brightschen Krankheit, welche ich als =parenchymatöse Nephritis=

bezeichne, dadurch, dass bei letzterer die Erkrankung nicht so sehr an

den Glomerulis oder den Arterien, als an dem Epithel der Niere haftet,

und dass die Veränderung oft lange Zeit an dem Epithel verläuft, während

die Glomeruli selbst in solchen Fällen noch intact erscheinen können, wo

kaum noch Epithel in den Kanälchen vorhanden ist. Hiervon ist wieder

eine dritte, =indurative= Form zu unterscheiden, wo überwiegend das

=interstitielle Gewebe= sich verändert, wo Verdickungen um die Capseln

und die Harnkanälchen entstehen, Abschnürungen, Verschrumpfungen zu

Stande kommen und dadurch mechanische Hemmungen des Blutstromes

hervorgebracht werden, welche natürlich mit Secretionsveränderungen

zusammenfallen müssen.

[219] Archiv XII. 318.

Es ist sehr wichtig, dass man diese Verschiedenheiten, welche in dem

Bilde einer scheinbar einzigen Krankheit zusammengefasst werden,

auseinanderlöse, weil sich daraus erklärt, dass die Erfahrungen der

einen Reihe sich nicht ohne weiteres auf die anderen Reihen anwenden

lassen, und dass weder die physiologischen Consequenzen, noch die

therapeutischen Maximen in diesen Zuständen gleich sein können. Dabei

darf aber nicht übersehen werden, dass jene drei verschiedenen Formen

keinesweges immer rein vorkommen, dass vielmehr häufig zwei von ihnen,

zuweilen alle drei in derselben Niere gleichzeitig bestehen, und dass

die eine Erkrankungsform lange bestehen kann, um sich endlich mit einer

der anderen oder beiden zu compliciren. Dies kommt offenbar am

häufigsten in der Reihenfolge vor, dass die amyloide Degeneration sich

zu einer längere Zeit bestehenden einfach-parenchymatösen oder

interstitiellen Nephritis im Stadium des Marasmus hinzugesellt.

[Illustration: =Fig=. 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse. _a_,

_b_, _b_ Gefässe mit stark verdickter, glänzender, infiltrirter Wand. _c_

Eine Lage von Fettzellen im Umfange der Drüse. _d_, _d_ Follikel mit dem

feinen Reticulum und Corpora amylacea. Vergr. 200. Vergl. Würzb.

Verhandl. Bd. VII. Taf. III.]

[Illustration: =Fig=. 126. Einzelne Corpora amylacea in verschiedenen

Grössen und zum Theil eingebrochen, aus der Drüse in Fig. 125. Vergr.

350.]

Unter den vielen Organen, welche der Amyloid-Erkrankung unterliegen,

sind ferner die =Lymphdrüsen= zu erwähnen[220]. Sie verhalten sich

ähnlich wie die Milz. Es verändern sich einerseits die kleinen Arterien,

andererseits die wesentliche Drüsensubstanz, das Parenchym, d. h. die

feinzellige Masse, welche die Follikel erfüllt. Wie wir früher erwähnten

(S. 207, Fig. 70), so liegen unter der Capsel der Drüse folliculäre

Bildungen, und diese setzen sich wieder aus einem feinen Maschennetz

zusammen, in welchem jene kleinen Zellen der Drüse aufgehäuft sind, von

denen wir vermuthen, dass sie die Ausgangspunkte für die Entwickelung

der Blutkörperchen darstellen. Die Arterien verlaufen zunächst in den

Septa der Follikel und lösen sich hier in Capillaren auf, welche die

Follikel umspinnen und von da in das Innere der Follikel selbst

eindringen. Die amyloide Erkrankung der Lymphdrüsen besteht nun

einerseits darin, dass diese Arterien dicker und enger werden und

weniger Blut zuleiten, andererseits darin, dass die kleinen Zellen

innerhalb der einzelnen Maschenräume der Follikel in Corpora amyloidea

übergehen, und dass nachher anstatt vieler Zellen in jeder Masche des

Follikels eine einzige grosse blasse Scholle angetroffen wird. Dadurch

gewinnt die Drüse schon für das blosse Auge das Aussehen, als wenn sie

mit kleinen Wachspunkten durchsprengt wäre, und bei der mikroskopischen

Untersuchung erscheint es wie ein dichtes Strassenpflaster, welches die

ganze Inhaltmasse zusammensetzt.

[220] Würzb. Verhandl. VII. 222.

Ueber die Bedeutung dieser Veränderungen lässt sich empirisch nicht viel

aussagen, allein, wenn gerade der Follikel-Inhalt das Wesentliche bei

einer Lymphdrüse ist, wenn von hier aus die Entwickelung der neuen

Bestandtheile des Blutes erfolgt, so muss man wohl schliessen, dass die

Erkrankung der Lymphdrüsen und der Milz, wo nicht selten gleichfalls die

Follikel getroffen werden, für die Blutbildung direct einen

nachtheiligen Einfluss haben müsse, dass es sich also nicht um

weitliegende Wirkungen handele, sondern dass direct die Blutbildung eine

Abänderung erleiden und Zustände der Anämie (Anaemia lymphatica =Wilks=)

nachfolgen müssen. Auch kann für den Lymphstrom eine Hemmung und dadurch

wieder Mangel an Resorption, Neigung zu Hydrops u. s. w. entstehen.

Wenden wir auf die Durchschnitte solcher Drüsen Jod an, so färben sich

alle erkrankten Theile roth, während alles Uebrige, was der normalen

Struktur entspricht, einfach gelb wird. Die Kapsel, welche aus

Bindegewebe besteht, die fibrösen Balken oder Scheidewände zwischen den

Follikeln, das feine Netz, welches die einzelnen Corpora amyloidea

auseinanderhält, endlich diejenigen Follikel, welche normale Zellen

enthalten, bleiben gelb. Alle anderen Theile nehmen schon für das blosse

Auge das jodrothe Aussehen an. Bringen wir unter dem Mikroskop

Schwefelsäure dazu, so werden diese Stellen dunkel röthlichbraun,

violettroth und, trifft man es glücklich, rein blau; sind noch

albuminöse Partikelchen dazwischen, so erscheint eine grüne oder

braunrothe Farbe.

In allen Fällen beginnt die Erkrankung der Lymphdrüsen in den cortikalen

Follikeln auf derjenigen Seite, wo die zuführenden Lymphgefässe in die

Drüse eintreten; von da schreitet sie nach und nach gegen die

Marksubstanz fort, ohne diese jedoch für gewöhnlich zu erreichen. In

dieser Weise verändert sich eine Drüse nach der anderen und zwar in der

Reihenfolge, dass zuerst die mehr peripherischen leiden und dann eine

nach der anderen der in der Richtung des Lymphstromes auf einander

folgenden Drüsen. Aber besonders bemerkenswerth ist es, dass diese Art

der Veränderung sich nicht allgemein an allen peripherischen Lymphdrüsen

findet, sondern nur an gewissen Stellen oder in gewissen Provinzen des

lymphatischen Systemes. Sucht man dafür einen Grund, so ergibt sich als

Regel, dass in der Gegend, wo die Wurzeln der zu den erkrankten

Lymphdrüsen hingehenden Lymphgefässe liegen, eine chronische Erkrankung,

meist eine alte Eiterung stattfindet. Meine Erfahrungen betreffen

überwiegend Fälle von langdauernder Caries und Nekrose der Wirbel- und

Schenkelknochen, wo die Lumbal- und Inguinaldrüsen die hauptsächlich

leidenden waren.

Der Gang der amyloiden Erkrankung[221] entspricht demnach in

vielen Stücken demjenigen, welchen wir bei den secundären

Lymphdrüsen-Anschwellungen der Skrofulösen, Krebsigen, Typhösen

beobachten. Drüse nach Drüse wird getroffen, und in der einzelnen Drüse

Follikel nach Follikel, jedoch immer so, dass die Richtung des

Lymphstromes die Priorität der Erkrankung bestimmt. Hier lässt sich der

Schluss kaum ablehnen, dass die Lymphgefässe die Conductoren des

Prozesses sind. Ihre Wandungen sind nicht erkrankt; ist der Inhalt, den

sie führen, ein veränderter? Vergeblich habe ich mich bemüht, in den

erkrankten Knochen selbst amyloide Substanz zu finden. Es bleibt also

unentschieden, ob eine solche Substanz den Drüsen zugeführt und in sie

abgesetzt wird, oder ob irgend ein anderer Stoff zugeleitet wird,

welcher das Drüsengewebe erst zu der selbständigen Erzeugung der

Substanz oder zu ihrer Aufnahme aus dem Blute veranlasst. Vorläufig ist

es wahrscheinlicher, dass der Drüse durch die Lymphe nur eine Anregung

in dem letzteren Sinne zukommt, zumal da die Erkrankung der in die Drüse

eingehenden Arterien im Sinne der ersteren Möglichkeit nicht leicht zu

erklären sein würde.

[221] Archiv VIII. 364.

Unter den übrigen Prozessen sind es namentlich die =Tuberkulose= und die

=Syphilis=, welche sich in ihren späteren Stadien sehr häufig mit weit

ausgedehnter Amyloid-Erkrankung compliciren. Am meisten ist dies bei

der constitutionellen Lues der Fall, so dass einzelne Beobachter zu der

Vorstellung gekommen waren, die Produkte der secundären Syphilis seien

jederzeit »speckige«. Zu einer solchen Auffassung konnte schon der

Sprachgebrauch verführen, indem bekanntlich seit langer Zeit die

speckigen Infiltrationen, der speckige Geschwürsgrund als besondere

Eigenthümlichkeiten secundär-syphilitischer Prozesse angegeben wurden.

Allein ich habe dargelegt[222], dass ein wesentlicher Unterschied

zwischen den gummösen, im alten Sinne speckigen Producten der Syphilis

und den amyloiden, im neueren Sinne speckigen Entartungen besteht, dass

die letzteren erst in der Tertiär-oder genauer Quaternärperiode

aufzutreten pflegen, und dass sie überhaupt nicht der Syphilis als

solcher, sondern vielmehr der Kachexie angehören. Aber gerade für die

Geschichte der syphilitischen Kachexie sind sie von der allergrössten

Bedeutung, da nur durch ihre Kenntniss manche Eigenthümlichkeiten dieses

Zustandes verständlich geworden sind.

[222] Archiv XV. 232. Geschwülste II. 417, 471.

Ueberaus merkwürdig ist es, dass gerade zwei Organe, von deren Bedeutung

man überaus wenig weiss, die aber gewissermaassen instinctiv der Gruppe

der sogenannten Blutdrüsen zugerechnet worden sind, nehmlich die

=Schilddrüse= (Glandula thyreoidea) und die =Nebennieren=

verhältnissmässig häufig an der Amyloid-Erkrankung theilnehmen. Auch ist

es gewiss merkwürdig, dass an den letzteren gerade die sogenannte Rinde,

welche in der Struktur mit der Schilddrüse in so vielen Stücken

übereinstimmt, ausgesetzt ist, während die Marksubstanz, welche einen

mehr gliösen Bau hat, fast ganz verschont bleibt, -- ein Umstand, der

insofern bemerkenswerth ist, als selbst bei der stärksten

Amyloiderkrankung der Rindensubstanz keine Broncefärbung der Haut

eintritt. An beiden Organen sind es gleichfalls die kleinen Arterien,

von welchen die Veränderung ausgeht; später setzt sie sich auf die

Capillaren fort, und nicht selten wird sie so stark, dass die ganze

Substanz schon für das blosse Auge ein wächsernes Aussehen annimmt. --

* * * * *

Schon früher (S. 438, 440) erwähnte ich, dass die amyloide Erkrankung in

mehrfacher Beziehung Aehnlichkeit mit der einfachen =Verkalkung=

(kalkigen Degeneration) habe. Man muss sich aber wohl hüten, in den

Fehler zu verfallen, der so häufig begangen ist, dass man Verkalkung und

Verknöcherung identificirt. Verknöcherung ist ein activer, progressiver

Prozess; Verkalkung dagegen kann ein im hohen Grade passiver,

regressiver Prozess sein und eine wirkliche Atrophie[223] oder eine

blosse Versteinerung todter Theile[224] darstellen. Will man zwischen

Ossification und Verkalkung unterscheiden, so genügt es nicht, das

endliche Resultat im Auge zu behalten. Ein Theil wird nicht

regelmässiger Knochen dadurch, dass ein Gewebe, in welchem sternförmige

Zellen vorhanden sind, in seine Grundmasse Kalk aufnimmt; es kann

trotzdem nichts weiter als verkalktes Bindegewebe sein. Wenn wir von

Ossification reden, so setzen wir immer voraus, dass dieselbe durch

einen activen Vorgang, eine Reizung hervorgerufen ist. Diese wirkt aber

nicht so, dass ein schon existirendes Gewebe einfach dadurch, dass es

Kalksalze aufnimmt, die Knochenform anzieht. Vielmehr wird das Gewebe

selbst durch die Reizung verändert, noch bevor es die Kalksalze

aufnimmt, entweder so, dass nur seine Grundsubstanz dichter und

homogener wird (=sklerosirt=, =cartilaginescirt=), oder so, dass eine

Proliferation der Zellen voraufgeht und die Verkalkung an wirklich

neugebildetem Gewebe geschieht. =Dasselbe Gewebe kann daher einfach

verkalken und wirklich verknöchern=.

[223] Spec. Pathologie und Ther. I. 307.

[224] Verh. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.

So gibt es an den =Gefässen= Verkalkungen und Ossificationen. In alter

Zeit hat man, namentlich an den Arterien, Alles Ossificationen genannt.

Viele der Neueren dagegen haben geleugnet, dass dieselbe überhaupt an

den Gefässen vorkomme. Faktisch kommt sowohl Ossification vor, als auch

blosse Verkalkung, oder, wie ich nach Art der Paläontologen sagen will,

=Petrification=. Letztere ist an den peripherischen Arterien

verhältnissmässig am häufigsten und wird hier gewöhnlich als ein Merkmal

des atheromatösen Prozesses betrachtet. Dies ist jedoch nicht richtig,

denn der atheromatöse Prozess hat seinen Sitz in der Intima der

Arterien. Fühlt man dagegen die Radialarterie hart und höckerig, erkennt

man an der Cruralis oder Poplitaea starre Wandungen, so kann man

ziemlich sicher schliessen, dass diese Verhärtung ihren Sitz in der

Media hat. In diesem Falle trifft die Verkalkung wirklich die

Muskelelemente; die Faserzellen der Ringfaserhaut werden in Kalkspindeln

verwandelt. Die Kalkmasse kann allerdings auch noch die Nachbartheile

überziehen; die innere Haut aber bleibt dabei möglicherweise ganz

intact. Dieser Prozess ist daher mehr verschieden von dem, welchen man

atheromatös nennt, als eine Periostitis von einer Erkrankung des

Knochengewebes. Die einfache Verkalkung hat gar keinen nothwendigen

Zusammenhang mit einer Entzündung der Arterie; sie kommt am

gewöhnlichsten unter Verhältnissen vor, wo überhaupt eine Neigung zu

Verkalkungen eintritt, daher namentlich im höheren Lebensalter. Das ist

wenigstens mit Sicherheit zu sagen, dass noch kein Stadium dieser

Veränderungen bekannt ist, welches der Entzündung parallel stände.

Schon vor langer Zeit habe ich gezeigt[225], dass an Stellen, wo kein

wirklicher Knorpel präexistirt, bei der wahren Ossification schon vor

der Ablagerung der Kalksalze ein Gewebe vorhanden zu sein pflegt,

welches im Wesentlichen alle Bestandtheile des späteren Knochens, sowohl

die Körperchen, als die Intercellularsubstanz enthält, nehmlich ein

=osteoides Bindegewebe=[226], und dass dieses dadurch zu Knochengewebe

wird, dass es Kalksalze in seine Intercellularsubstanz aufnimmt. Aber,

wie erwähnt, entweder ist dieses Bindegewebe neugebildetes, oder es

erfährt vor der Verkalkung eine besondere, progressive Veränderung,

indem seine Grundsubstanz sich verdichtet und verdickt,

=sclerosirt=[227]. Dieses veränderte Bindegewebe, der Hautknorpel der

früheren Autoren, besser =Knochenknorpel= genannt, gibt zum Theil

Chondrin, zum Theil wirklichen Leim. Man kann daher sagen, dass erst das

metamorphosirte Bindegewebe wirklich zu Knochen verkalkt, während eine

einfache Verkalkung des gewöhnlichen Bindegewebes nie Knochen liefert,

sondern immer nur verkalktes Bindegewebe. Solche Zustände kommen an der

Dura mater nicht selten vor, wo sie jedoch nicht mit den noch weit

häufigeren Osteomen[228] zu verwechseln sind; sie finden sich an den

Lungen, der Schleimhaut des Magens, der Keilbeinhöhlen[229].

[225] Archiv I. 136. Würzb. Verhandl. II. 158.

[226] Archiv V. 439. Geschwülste I. 463, 472.

[227] Archiv V. 443, 455.

[228] Geschwülste II. 92.

[229] Archiv VIII. 103. IX. 618. Entwickelung des Schädelgr. 41.

Taf. IV. Fig. 19.

[Illustration: =Fig=. 127. Verkalkung des Gelenkknorpels am unteren Ende

des Femur von einem alten Manne. Anfangs körnige, später homogene

Erfüllung der Capsularsubstanz mit Kalksalzen bei Erhaltung der

Knorpelkörperchen. Vergr. 300.]

In noch viel auffälligerer Weise, als am Bindegewebe, zeigt sieh die

Verschiedenheit zwischen Verkalkung und Verknöcherung an den =Knorpeln=.

Die blosse Ablagerung von Kalksalzen in die Substanz des Knorpels ist

nichts weniger als eine Verknöcherung[230], obwohl man noch heutigen

Tages diese zwei Dinge immerfort mit einander verwechselt. Die einfache

Verkalkung erfolgt bei der gewöhnlichen Bildung wachsender und sich

entwickelnder Knochen =vor= der wirklichen Verknöcherung, worauf wir

später zurückkommen werden. Aber sie findet sich nicht bloss an solchem

Knorpel, der in der typischen Entwickelung des Skeletts dazu bestimmt

ist, in Knochen aufzugehen, sondern auch an den sogenannten permanenten

Knorpeln. Man trifft sie in dem Gelenkknorpel älterer Leute, also an

Theilen, welche normal nicht zur Ossification bestimmt sind, gar nicht

selten, und zwar am gewöhnlichsten in der tiefen Zone derselben, welche

unmittelbar der Terminallamelle des Knochens aufliegt. Hier lagern sich

die Kalksalze häufig zuerst in die dicke Kapselsubstanz ab, welche die

Knorpelzellen umgibt, und durchdringen erst später die eigentliche

Intercellularsubstanz, lassen aber die Knorpelzellen selbst frei. Wie

überall, so geschieht die Ablagerung auch hier Anfangs in der Art, dass

die Kalktheilchen als feinste Körnchen in der noch erkennbaren

organischen Grundsubstanz erscheinen. Nach und nach werden sie dichter,

das Grundgewebe verschwindet endlich vor den Augen und eine ganz

homogene, krystallartige Masse tritt an seine Stelle. Beschränkt sich

der Prozess auf die Kapseln der Knorpelkörperchen, so sieht es aus, als

wenn Nüsse mit dicker Schale und rundlicher oder rundlich eckiger Höhle

in der Grundsubstanz zerstreut lägen (Fig. 127). Nimmt auch die

Grund-oder Intercellular-Substanz an der Verkalkung Antheil, so

verschwindet die Grenze zwischen ihr und der Kapselsubstanz; es entsteht

eine ganz gleichmässige, harte Masse, in welcher, entsprechend den

früheren Knorpelzellen, rundliche oder leicht eckige Höhlen liegen. Löst

man die Kalksalze mit Säuren auf, so hat man wieder den Knorpel in

seiner gewöhnlichen Form. Dabei ist zu bemerken, dass es ein, freilich

sehr lange Zeit hindurch geglaubter Irrthum war, als man annahm, dass

auch aus fertigem Knochengewebe, wenn es durch Säuren seiner Salze

beraubt würde, wieder Knorpel dargestellt werden könne.

[230] Archiv V. 420, 429.

Diese einfache Knorpel-Verkalkung hat die grösste Uebereinstimmung mit

der Infiltration von harnsaurem Natron, wie sie bei der Gicht

(S. 251) vorkommt. Nur erscheint das harnsaure Natron stets in

fein-krystallinischen Formen und seine Theilchen vereinigen sich nicht

zu dichten, glas- oder elfenbeinartigen Massen, wie kohlensaurer und

phosphorsaurer Kalk, sondern bilden eine bröckelige, losere, tuffartige

Masse (Tophus). Das ist aber unzweifelhaft, dass sowohl die Kalk- als

die Natronsalze aus dem Blute abgelagert werden, dass es sich also um

eine Infiltration oder Incrustation handelt. Diese kann, wie wir sahen

(S. 252), eine metastatische sein.

Die Ablagerung der Kalksalze geschieht aber auch häufig in Form

besonderer =Kalkkörper= oder =Concretionen=, welche einen geschichteten

Bau haben, den Stärkekörnern ähnlich sind und sich zwischen den

Gewebselementen oder in den Cavitäten oder den Kanälen des Körpers,

z. B. in den Harnkanälchen, im Gehirne finden. In der Prostata kommen

amylacische und verkalkte, lamellöse Concretionen nicht selten in einer

und derselben Drüse neben einander vor. Hier scheint es sogar, dass

amylacische Körper verkalken. Ganz bestimmt habe ich dies bei

Amyloidsubstanz der Leber beobachtet[231]. Indess sind dies seltene

Verbindungen; in der Regel besteht die amyloide Entartung, so viele

Vergleichungen mit der Verkalkung sie auch zulässt, für sich.

[231] Geschwülste II. 430.

Dass die Theile, welche verkalken, eine besondere Anziehung auf die im

Blute oder in den Säften vorhandenen Kalksalze ausüben müssen, lässt

sich nicht abweisen. Es ist dies aber kein besonderer Lebensact, denn

die Verkalkung erfolgt überall auf dieselbe Art. Die geologische

Versteinerung ist der pathologischen ganz gleich. Todte Theile verkalken

und versteinern im menschlichen Körper, wie in den Schichten des

Erdkörpers; ja es ist dies sogar eine der gewöhnlichsten Arten der

Veränderung, welche abgestorbene Theile von geringerem Umfange im Körper

erfahren[232]. Am auffälligsten zeigt dies die Geschichte der

sogenannten Lithopädien, sowie die Petrification abgestorbener

Eingeweidewürmer, am häufigsten der Cysticerken. Bei den Trichinen

trifft die Verkalkung gewöhnlich nur die Kapsel, während das Thier

innerhalb derselben noch lebendig bleibt; doch gibt es auch Fälle, wo

die Thiere in der noch unverkalkten Kapsel absterben und versteinern.

Bei abgestorbenen Leber-Echinokokken habe ich sämmtliche jungen Thiere

versteinert gesehen, während die Kapseln und die Mutterblasen unversehrt

waren. Ganz besonders interessant ist die isolirte Verkalkung von

Ganglienzellen des Gehirnes nach Commotion, die ich vor einiger Zeit

nachgewiesen habe[233]. Auch blosse organische Massen, z. B. alte

Thromben, nekrobiotische Gewebstheile, z. B. die käsigen,

tuberkelartigen Residuen, verkalken auf dieselbe Weise.

[232] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. I. 253.

[233] Archiv L. 304.

Aus diesen Beispielen geht hervor, dass nicht jeder Theil beliebig

verkalkt, sondern dass er sich dazu in besonderen Verhältnissen befinden

muss. Ist er nicht abgestorben, so geht doch eine chemische Veränderung,

häufig eine physiologische Schwächung voraus. Dies gilt namentlich für

den Fall, wo die Zellen eines Theiles, und nicht etwa, wie bei dem

Knochen, nur die Intercellularsubstanz, verkalken. Sind die zelligen

Elemente eines Gewebes verkalkt, so ist es eine träge Masse geworden,

welche für die Zwecke, denen es eigentlich dienen sollte, unbrauchbar

ist. Es ist gleichsam zur Ruhe gebracht, beigesetzt.

Und so ist die einfache Verkalkung ein im hohen Maasse passiver Vorgang,

der das Wesen und die Bedeutung der indurirenden passiven Prozesse

besonders gut erläutert. --

Neunzehntes Capitel.

Gemischte, activ-passive Prozesse. Entzündung.

Fettmetamorphose als Entzündungs-Ausgang. Unterschied zwischen

primärer (einfacher) und secundärer (entzündlicher)

Fettmetamorphose. Nieren, Muskeln.

Atheromatöser Prozess der Arterien. Atheromatie und Ossification

als Folgen der Arteriosklerose. Entzündlicher Charakter der

letzteren: Endoarteriitis chronica deformans s. nodosa. Bildung der

Atheromheerde. Cholestearin-Abscheidung. Ossification. Ulceration.

Analogie mit der Endocarditis.

Die Entzündung. Die vier Cardinalsymptome und deren Vorherrschen in

den einzelnen Schulen. Die thermische und vasculäre Theorie, die

neuropathologische, die Exsudatlehre. Entzündungsreiz. Functio

laesa. Die Entzündung in gefässlosen und in gefässhaltigen Theilen.

Das Exsudat als Folge der Gewebsthätigkeit: Schleim und Fibrin. Die

Entzündung als zusammengesetzter Reizungsvorgang. Parenchymatöse

und exsudative (secretorische) Form. Klinische und anatomische

Bedeutung der Entzündung. Irrthum von der einheitlichen Natur der

Entzündungs-Vorgänge. Multiplicität der entzündlichen Prozesse.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 42 / 54 段