Betrachtet man eine =Niere= im Stadium der fettigen Degeneration, z. B.

im Beginne der Atrophie, welche im Laufe eines der unter dem Namen des

Morbus Brightii zusammengefassten Prozesse eintritt, so findet man die

gewundenen Harnkanälchen der Rinde sehr vergrössert und ihr Epithel

insgesammt fettig degenerirt, so dass man innerhalb der Kanälchen oft

gar nichts weiter erkennt, als eine dicht gedrängte Masse von

Fettkörnern. Wenn man jedoch sehr vorsichtig mikroskopische Schnitte

anfertigt, so sieht man im Anfange die Fettkörnchen noch in einzelnen

Gruppen (als Körnchenzellen oder Körnchenkugeln, Fig. 107); unter

geringem Drucke zerstreut sich aber die Masse so, dass das ganze

Harnkanälchcn mit einem fein emulsiven Inhalte gleichmässig erfüllt

wird. Schon vom blossen Auge vermag man ganz bestimmt die Veränderung zu

erkennen; wenn man einmal gewöhnt ist, solche feineren Zustände genauer

zu sondern, so hat es gar keine Schwierigkeit, einer Niere anzusehen, ob

eine Veränderung ihres Epithels und zwar in dieser bestimmten Art

vorhanden ist. Denn es giebt gar keine Form der Veränderung, welche

damit verglichen werden könnte. Betrachtet man die Oberfläche der Niere,

so wird man wahrnehmen, dass in dem mehr grau durchscheinenden

Grundgewebe, aus welchem die Stellulae Verheyeni (die corticalen Venen)

hervortreten, kleine trübe gelbliche Flecke in der verschiedensten Weise

zerstreut sind, meist nicht als eigentliche Punkte, sondern mehr als

kurze Bogenabschnitte. Das sind immer Theile von Harnkanälchenwindungen,

welche an die Oberfläche treten. Diese gelblichen, opak erscheinenden

Windungen entsprechen fettig degenerirten Harnkanälchen, oder genauer

gesagt, mit fettig degenerirtem Epithel erfüllten Harnkanälchen.

Vergleicht man den Durchschnitt mit der Oberfläche, so sieht man auch an

ihm sehr bestimmt, wie durch die ganze Rinde dieselbe Zeichnung in der

Richtung von der Peripherie bis zur Marksubstanz fortgeht und in

ziemlich regelmässigen Abständen von einander die einzelnen Kegel der

Rindensubstanz umsäumt. Unter dem Mikroskope unterscheidet man in

Schnitten, aus der Nähe der Oberfläche und parallel mit derselben

genommen, sehr leicht die fettig degenerirten Kanäle von den mehr

normalen Kanälen und von den oft unversehrten Glomerulis. Bei

schwächerer Vergrösserung und bei durchfallendem Lichte erscheinen die

Malpighischen Knäuel (Glomeruli) als grosse, helle, kuglige Gebilde,

während die degenerirten gewundenen Harnkanälchen, welche sich

mannichfaltig verschlingen, sich durch ihr trübes, schattiges Aussehen

sowohl vor ihnen, als vor den gestreckten, mehr hellen und

durchscheinenden Kanälchen auszeichnen.

Zugleich ist an einem solchen Objecte sehr schön zu sehen, was übrigens

an allen fettig degenerirten Theilen vorkommt, dass an allen Stellen,

wo wir bei auffallendem Lichte und bei der gewöhnlichen Betrachtung mit

blossem Auge weissliche, gelbliche, oder bräunliche Theile sehen, bei

durchfallendem Lichte, wie wir es meistens bei den Mikroskopen und

besonders bei stärkerer Vergrösserung anwenden, entweder schwarze oder

schwarz-bräunliche, oder wenigstens sehr dunkle, von scharfen Schatten

umgebene Theile erscheinen. Eine Körnchenkugel, die, wenn sie mit

mehreren anderen zusammenliegt, für das blosse Auge eine weisse Trübung

bedingt, wird bei durchfallendem Lichte ein fast schwarzes oder doch

bräunliches Aussehen darbieten. --

Das ist der gewöhnliche Modus, in welchem der Zerfall fast aller der

Theile stattfindet, welche wesentlich aus Zellen bestehen und welche von

Natur viel Flüssigkeit enthalten, z. B. unter den bekannten

pathologischen Producten der Eiter (S. 221, Fig. 75). Es entstehen

zuerst Körnchenkugeln, sodann durch deren Erweichung ein milchiger

Detritus, der resorptionsfähig ist. Sind die Theile mehr trocken und

starr, so dass eine Resorption der Fettmasse weniger leicht vor sich

gehen kann, so bleibt das Fett zuweilen lange in der Form des früheren

Elementes liegen.

So verhält es sich bei der Fettmetamorphose der =Muskeln=. Betrachtet

man ein von derselben betroffenes Herz, so bemerkt man schon vom blossen

Auge gewisse Veränderungen, nehmlich eine Erschlaffung und Verfärbung

der Substanz. Letztere verliert die rothe Fleischfarbe und wird mehr und

mehr blassgelb. Diese Verfärbung erstreckt sich manchmal über das

gesammte Myocardium. Andermal ist sie jedoch mehr partiell. Sie betrifft

z. B. überwiegend den linken Ventrikel und hier vielleicht besonders die

inneren Lagen. Oder sie findet sich, wie bei maligner Pericarditis[210],

in diffuser Verbreitung in den peripherischen Muskelschichten. Sehr

häufig erkennt man, namentlich an den Papillarmuskeln, kurze, gelbliche,

fast geflechtartig aneinander stossende, die Richtung der Muskelbündel

kreuzende Flecke oder Striche, die gegen die röthliche Farbe des

eigentlichen Muskelfleisches stark abstechen.

[210] Archiv XIII. 266.

Untersucht man die verfärbten Theile mikroskopisch, so zeigen sich im

Innern der Primitivbündel zuerst ganz vereinzelt feine, schwärzlich

aussehende Punkte; diese vermehren und vergrössern sich. Bei einer

gewissen Menge sieht man sie sehr deutlich in Reihen geordnet (Fig.

121), jede Reihe perlschnurförmig. Diese Reihen entstehen dadurch, dass

die Fettkörnchen sich zwischen die Primitivfibrillen einlagern, welche

noch lange neben ihnen fortexistiren. Erst in den höheren Graden der

Veränderung verschwinden die Primitivfibrillen durch Erweichung.

[Illustration: =Fig=. 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in ihren

verschiedenen Stadien. Vergr. 300.]

Das ist die eigentliche Fettmetamorphose der Muskelsubstanz des Herzens,

die sich ganz wesentlich von der Obesität (Polysarcie) des Herzens

unterscheidet, wo dasselbe mit epicardialem und interstitiellem

Fettgewebe überladen wird und letzteres an einzelnen Stellen die Wand so

durchsetzt, dass man kaum noch Muskelmasse wahrnimmt. Zwischen beiden

Zuständen besteht der erhebliche Unterschied, dass bei der

Fettmetamorphose die Züge von wirksamer Substanz (Muskelfasern) durch

Stellen unterbrochen werden, welche für die Action nicht mehr brauchbar

sind, während bei der Obesität die träge Masse des Fettes sich zwischen

die wirksamen Bestandtheile einschiebt und sie, wenigstens zunächst, nur

mechanisch hindert. Bei längerer Dauer dieses Zustandes kommt es

freilich nicht selten vor, dass sich zugleich Fettmetamorphose des

Herzfleisches entwickelt, dass also beide Zustände, der parenchymatöse

und der interstitielle, sich mit einander combiniren. Diese höheren

Grade sind es besonders, welche man, ohne auf das Einzelne Rücksicht zu

nehmen, in früherer Zeit unter dem Namen der =fettigen Degeneration=

zusammenfasste.

Aehnlich gestaltet sich das Verhältniss bei Verkrümmungen. Ich wähle ein

bestimmtes Beispiel: die Muskelverhältnisse eines Mannes mit

Kypho-Skoliose. Hier fand sich der Longissimus dorsi an der Stelle,

wo er über die Biegung hinweglief, in eine platte, dünne, blassgelbliche

Masse umgewandelt. An einer Stelle war er bis auf eine membranöse Lage

geschwunden und das rothe Aussehen fehlte ganz und gar; nach unten hin

dagegen war der Muskel vielmehr aus abwechselnden rothen und gelben

Längsstreifen zusammengesetzt. Letzteres Aussehen zeigen die meisten

fettig degenerirten Muskeln, welche sich bei Verkrümmungen der Glieder,

z. B. bei Klumpbildungen an den unteren Extremitäten, finden. Hier

ergibt sich in der Regel, dass, entsprechend den gelben Streifen, nicht

so sehr eine wirkliche Umänderung der Muskelsubstanz besteht, sondern

dass vielmehr eine interstitielle Entwickelung von Fettgewebe eintritt.

Dieses liegt in Reihen zwischen den Primitivbündeln; dadurch wird eine

für das blosse Auge gelbliche Färbung erzeugt, welche der rothen

Streifung des eigentlichen Muskelfleisches sehr ähnlich ist. Es verhält

sich dabei genau so, wie in dem früheren Falle (S. 407, Fig. 115), wo

wir zwischen je zwei Primitivbündeln eine Reihe von Fettzellen trafen;

das Gelbe, was man dort sehen konnte, war nicht veränderte

Muskelsubstanz, sondern das Fett, welches zwischen der Muskelsubstanz

gewachsen war. Bei unserem Skoliotischen besteht aber neben der

interstitiellen Fettgewebsbildung eine parenchymatöse Degeneration der

eigentlichen Substanz: auch das Muskelfleisch selbst ist fettig

entartet. Diese Combination ist jedoch nur an den unteren Theilen des

Muskels zu sehen, während der Abschnitt, welcher unmittelbar an der

stärksten Ausbiegung des Brustkorbes lag und die grösste Spannung

erduldet hatte, vom blossen Auge gar kein Muskelfleisch mehr erkennen

lässt. Mikroskopisch findet man hier dicht neben einzelnen Muskelfasern,

welche noch deutlich quergestreift sind, zahlreiche andere, welche stark

mit Fett durchsetzt sind.

Die partielle Fettmetamorphose des Muskelfleisches erscheint also unter

zwei Formen, der =fleckigen= und der =streifigen=: in der ersten Form

wird der Muskel in seinem Verlaufe durch degenerirte Stellen

unterbrochen, so dass dasselbe Bündel theils degenerirt, theils sich in

seiner Integrität erhält; in der anderen Form dagegen folgt die

Veränderung den Bündeln, welche in ihrer ganzen Ausdehnung die

Veränderung eingehen. Hier können demnach normale und degenerirte Bündel

neben einander liegen, miteinander abwechseln. Dieser partiellen

Fettmetamorphose steht die allgemeine gegenüber, welche sich gerade am

Herzen nicht selten vorfindet, und welche einen der schwersten

Krankheitszustände begründet. Gerade hier ist unsere Kenntniss im Laufe

der letzten Jahre sehr vorgerückt, indem nicht nur die acuten

Fettmetamorphosen nach manchen Vergiftungen, z. B. Phosphor, sondern

auch die sehr ähnlichen Formen nach Infectionskrankheiten, namentlich

Typhus, Puerperalfieber, Ichorrhaemie zu den häufigeren Vorkommnissen

gehören. Die peripherischen Muskeln nehmen bald mehr, bald weniger an

diesen Veränderungen Theil, jedoch ist ihre Betheiligung selten eine so

starke, wie die des Herzfleisches. --

[Illustration: =Fig=. 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_

Fettmetamorphose der Muskelzellen in der Ringfaserhaut. _B_ Bildung von

Fettkörnchenzellen in den Bindegewebskörperchen der Intima. Vergröss.

300.]

Auch an der Wand der =Arterien= kommt Fettmetamorphose vor. Zuweilen

geschieht sie an den Faserzellen der Muskelhaut (Fig. 122, _A_); in

diesem Falle hat sie eine grosse Bedeutung für die Bildung von

Erweiterungen und Zerreissungen der Gefässe. Noch häufiger ist sie an

der Intima (Fig. 122, _B_). An der Aorta, der Carotis, den Hirnarterien

sieht man oft mit blossem Auge ganz oberflächliche Veränderungen der

inneren Haut in der Art, dass kleine weissliche oder gelbliche Flecke

von rundlicher oder eckiger Gestalt, manchmal mehr zusammenhängend, über

die Fläche etwas hervortreten. Schneidet man an solchen Stellen ein, so

findet man, dass die Veränderung in der innersten (oberflächlichsten)

Schicht der Intima liegt. Sie darf mit dem eigentlichen atheromatösen

Zustande nicht verwechselt werden. Nimmt man eine solche Stelle unter

das Mikroskop, so ergibt sich, dass eine Fettmetamorphose der

Bindegewebs-Elemente der Intima stattgefunden hat. Da diese

Bindegewebs-Elemente sternförmige, ästige Zellen sind, so zeigt sich

begreiflicherweise nicht die gewöhnliche Form der Körnchenzellen,

sondern man sieht feine, oft sehr lange, an einzelnen Stellen spindel-

oder sternförmig anschwellende Körper, welche ganz mit Fettkörnchen

erfüllt sind, während dazwischen noch intacte Intercellularsubstanz sich

befindet. Die zelligen Elemente des Bindegewebes gehen hier in ihrer

Totalität die Veränderung ein. Selbst die feinsten Ausläufer der Zellen

zeigen noch perlschnurförmig angeordnete Fettkörnchen. Später erweicht

die Zwischenmasse, die zelligen Theile fallen auseinander, der Blutstrom

reisst die Fettpartikelchen mit sich. So entstehen an der Oberfläche des

Gefässes unebene Stellen, welche so lange, als der Prozess

fortschreitet, anschwellen, später usurirt werden und leicht sammetartig

aussehen, ohne dass es ein Geschwür im eigentlichen Sinne des Wortes

gibt. Es ist dies eine besondere Form der =fettigen Usur=[211]. Sie

kommt auch an vielen anderen Theilen vor, so an den Gelenkknorpeln,

selbst an der Oberfläche von Schleimhäuten, z. B. des Magens (=Fox=).

[211] Gesammelte Abhandlungen 494, 503.

Diese oberflächliche, zur einfachen Usur führende Veränderung

unterscheidet sich wesentlich von der sogenannten atheromatösen

Degeneration. Denn bei dieser tritt ein ähnlicher Vorgang der

Fettmetamorphose in der Tiefe ein: die tiefsten Lagen der Intima

gerathen zuerst in die Fettmetamorphose, und erst zuletzt wird die

Oberfläche erreicht. Mit eintretender Erweichung der Grundsubstanz

entsteht der =atheromatöse Heerd=, der eine breiige Masse enthält,

ähnlich dem Atherom der äusseren Haut, wo die Vermischung von Schmeer

mit Epidermis einen Brei abgibt. Was wir an dem Atherom der Arterie

finden, ist die Mischung des fettigen Detritus der Zellen mit erweichter

Gewebssubstanz, und da diese Masse abgeschlossen unter der Oberfläche

liegt, so gibt es eine Art von Heerd, gleichsam einen Abscess. Erst bei

vorgeschrittener Erweichung reisst die Oberfläche ein, es treten Theile

aus der Höhle in das Gefäss, und hinwieder Theile aus dem Blute gehen

aus dem Lumen des Gefässes in die Atheromhöhle hinein. Auf diese Weise

entstehen =Zerstörungen=, =Destructionen=, in letzter Instanz das

=atheromatöse Geschwür=: ein Geschwür, welches den gewöhnlichen Arten

von Ulceration sehr nahe steht, aber eben nur der fettigen Metamorphose

seine Entstehung verdankt. Es ist ein Product des Heerdes, allein es

enthält nichts mehr von geformten Elementartheilen, höchstens etwas

krystallinisches Cholestearin (Fig. 129). Wir haben es dann recht

eigentlich mit einem zerstörenden und ulcerirenden Vorgang zu thun.

Nur in solchen Theilen, wo, wie in der Milchdrüse, in den Schmeerdrüsen,

neue Elemente nachwachsen, kann der Prozess der Fettmetamorphose längere

Zeit bestehen, ohne zu einem vernichtenden Gesammtresultate zu führen.

Die einzelnen Zellen gehen aber auch da unter, sie lösen sich in

derselben Weise zu einem Detritus, wie bei der pathologischen

Fettmetamorphose. Diese stellt daher unter allen Verhältnissen, sowohl

physiologisch, wie pathologisch, eine Nekrobiose dar. Wenn die Milch-

und Schmeersekretion, die ihrem Wesen nach nekrobiotische Absonderungen

sind, trotz dieses Charakters Monate lang, ja die letztere das ganze

Leben lang fortbestehen können, so ist dies eben nur möglich, weil sie

an Drüsen mit stetigem Nachwuchse neuer Elemente sich vollstrecken. Hört

an der Milchdrüse, wie es nicht selten geschieht, die Bildung neuer

Zellen in den Terminalbläschen auf, so atrophirt die Drüse und sie wird

dauernd unbrauchbar für die Secretion.

Achtzehntes Capitel.

Amyloide Degeneration. Verkalkung.

Die amyloide (speckige oder wächserne) Degeneration. Regionäres

Auftreten derselben. Verschiedene Natur der Amyloidsubstanzen:

Glykogen (Leber), Corpora amylacea (Hirn, Lungen, Prostata) und

eigentliche Amyloid-Entartung. Verlauf der letzteren. Beginn der

Erkrankung an den feinen Arterien. Wachsleber. Knorpel.

Dyscrasischer (constitutioneller) Charakter der Krankheit:

functionelle Störungen. Darm. Niere: die drei Formen der

Bright'schen Krankheit (amyloide Degeneration, parenchymatöse und

interstitielle Nephritis). Lymphdrüsen: consecutive Anämie. Gang

der Erkrankung. Beziehung zu Knochenkrankheiten und Syphilis.

Amyloide Erkrankung der Schilddrüse und der Nebennieren.

Verkalkung (Versteinerung, Petrification). Unterschied von

Verknöcherung. Verkalkung der Arterien, des Bindegewebes, der

Knorpel. Haut- oder Knochenknorpel (osteoides Bindegewebe).

Concentrisch geschichtete Kalkkörper (Concretionen). Versteinerung:

Lithopädion. Verkalkung todter Theile: Eingeweidewürmer,

Ganglienzellen des Gehirns bei Commotion, käsige und thrombotische

Massen.

Unter den passiven Prozessen, welche zur Degeneration und damit zur

Verminderung oder Vernichtung der Functionsfähigkeit führen, stehen, wie

wir oben hervorhoben, die nekrobiotischen, mehr oder weniger

erweichenden, bei welchen ein Theil der Gewebselemente ganz verschwindet

und aufgelöst wird, denjenigen gegenüber, bei welchen bald für das

blosse Auge und das Tastgefühl, bald bloss für das bewaffnete Auge eine

Verdichtung, eine Vermehrung der festen Substanz des leidenden Organs

stattfindet. Ich meine damit jedoch nicht jene eigentliche Induration,

welche vielmehr auf einer Vermehrung der constituirenden Bestandtheile

des Gewebes beruht, sondern eine wirklich degenerative Veränderung, bei

welcher die zunehmende Dichtigkeit durch ungehörige, der Zusammensetzung

des Gewebes fremdartige Bestandtheile erfolgt. Unsere Kenntniss in

dieser Richtung ist in neuerer Zeit sehr wesentlich gefördert worden,

insofern ein Prozess, dessen Natur früher theils ganz unklar, theils nur

wenig untersucht war, mehr und mehr unseren Untersuchungen zugänglich

geworden ist, so dass er schon jetzt ein wichtiges Gebiet der Pathologie

der kachektischen Zustände ausmacht. Es ist dies der von Einigen als

=speckig=, von Anderen als =wächsern= bezeichnete Zustand, dem ich den

Namen des =amyloiden= beigelegt habe.

Der Name der speckigen Veränderung ist hauptsächlich durch die Wiener

Schule wieder mehr in Gebrauch gekommen. Denn er ist nicht erst in

neuerer Zeit erfunden worden; im Gegentheil, er ist als Bezeichnung für

ein festes, derbes, gleichmässiges Aussehen der Theile in der Medicin

ziemlich alt. Wir finden ihn seit Jahrhunderten, und Speckgeschwülste

(Steatome, Tumores lardacei) haben noch in der Neuzeit ihre Rolle

gespielt[212]. Allein der Ausdruck der speckigen Veränderung, wie er

jetzt gebraucht wird, hat weder mit dem Alterthum, noch mit der

Geschwulstlehre, noch überhaupt mit Neubildung von Gewebsbestandtheilen

etwas zu thun; er bezieht sich vielmehr auf gewisse Veränderungen oder

Degenerationen von Organen, welche die Alten, die, wie ich glaube,

bessere Speckkenner waren, als die jetzigen Wiener, schwerlich mit einem

solchen Namen belegt haben würden. Das Aussehen solcher Organe nehmlich,

welche nach Wiener Anschauungen speckig aussehen sollen, gleicht nach

nördlichen Begriffen vielmehr dem Wachs. Daher habe ich schon seit

langer Zeit, wie die Edinburger Schule, den Ausdruck der wächsernen

Veränderung dafür gebraucht. Sieht man eine Leber oder eine Lymphdrüse

in recht ausgeprägten Zuständen dieser Art an, so ist das, was am

meisten für das blosse Auge auffällt, das blasse, durchscheinende, aber

zugleich matte Aussehen, welches die Schnittflächen darbieten: die

natürliche Farbe der Theile ist mehr oder weniger verloren, so dass ein

Anfangs mehr graues, später vollkommen farbloses Material die Theile zu

erfüllen scheint. Die durchscheinende Beschaffenheit, welche das Gewebe

hat, lässt indess das Roth der Gefässe und die natürliche Färbung der

Nachbartheile durchschimmern, so dass die veränderten Stellen in

einzelnen Organen mehr gelblich, röthlich oder bräunlich aussehen. Die

sogenannte Speckmilz sieht geradezu schinkenartig aus. Es ist dies aber

nicht eine der abgelagerten Substanz zukommende, sondern nur eine durch

sie hindurchschimmernde Farbe. Zugleich pflegen sich die betroffenen

Organe zu vergrössern und sowohl absolut, als specifisch schwerer zu

werden. Auf Durchschnitten sehen manche von ihnen so matt aus und

zugleich sind sie so dicht, dass ihr Aussehen an dasjenige von gekochten

oder geräucherten Theilen erinnert.

[212] Geschwülste I. 13, 325, 365.

Die ersten Anhaltspunkte für die genauere Deutung der Substanz, welche

man früher bald für eine eigenthümliche Fettmasse, bald für Eiweiss oder

Fibrin, bald endlich für Colloid nahm, wurden durch die Anwendung des

Jods auf die thierischen Gewebe gewonnen. Noch in demselben Jahre

(1853), in dem ich die eigenthümliche Jodreaction an den Corpora

amylacea der Nervenapparate, welche ich früher schilderte (S. 325),

entdeckt hatte, stiess ich auf ein anderes Organ, nehmlich die Milz und

zwar auf einen Zustand derselben, in welchem ihre Follikel

(Malpighischen Körper) in ihrer Totalität in eine blasse,

durchscheinende, wachsartige Masse umgewandelt waren. Ich nannte diesen

Zustand wegen des eigenthümlichen, an gekochten Sago erinnernden

Aussehens der entarteten Follikel =Sagomilz=. Auch hier fand sich eine

Substanz, welche sowohl durch Jod für sich, als durch Jod und

Schwefelsäure eine pflanzlichen Stärke- und Cellulose-Bildungen ähnliche

Reaction ergab. Und hier war dieses Vorkommen noch viel mehr

interessant, da es sich um eine unzweifelhaft krankhafte Erscheinung

handelte, von der ich schon durch frühere Erfahrungen wusste, dass sie

mit Zuständen der Kachexie, mit Erkrankungen der Leber und Nieren

verbunden war[213].

[213] Archiv VI. 268. Gaz. hebdom. de méd. et de chirurg. 1853.

p. 161. (Sitzung der Acad. des sc. vom 5. Dec. 1853).

Bald nachher hat =Heinr=. =Meckel= Untersuchungen über die

»Speckkrankheit« veröffentlicht, welche das Vorkommen dieser Substanz

namentlich in der Niere, der Leber und dem Darme schilderten. Ja, es

stellte sich bald heraus, dass ein solcher Stoff bei der Erkrankung der

verschiedensten thierischen Theile, in den Lymphdrüsen, in der ganzen

Ausdehnung des Digestionstractus, an den Schleimhäuten der Harnorgane,

endlich sogar in der Substanz der Muskelapparate, im Herzen, im Uterus,

in der Schilddrüse und Nebenniere, sowie im Inneren von Knorpeln

vorkommen kann[214]. Merkwürdigerweise begrenzt sich jedoch das Gebiet

der amyloiden Veränderung ganz überwiegend auf ein gewisses Feld,

nehmlich auf die Organe des Unterleibes. Am Gehirne und den sonstigen

Organen des Kopfes ist sie nie beobachtet worden; am Halse sind es nur

die Schilddrüse und der Oesophagus, welche daran leiden; in der Brust

sind in ganz seltenen Fällen das Herz, etwas häufiger die Speiseröhre,

niemals die Lungen betheiligt. Die Krankheit hat daher einen so

auffallend =regionären= Charakter, dass wir kaum irgend eine Analogie

dafür in der Pathologie anführen können.

[214] Archiv VI. 416. VIII. 140, 364. XI. 188. XIV. 187. Würzb.

Verhandl. VII. 222.

Betrachtet man die Substanzen im Thierkörper, welche Jodreaction geben,

genauer, so ergiebt sich, dass mehrere ähnliche, aber nicht identische

Körper unterschieden werden müssen. Zuerst nehmlich der von =Bernard= in

der Leber und anderen, namentlich embryonalen Geweben aufgefundene

Stoff, welcher so leicht in Zucker übergeht und welcher den Namen

=Glykogen= oder =Zoamylon= erhalten hat. Dieser gibt mit Jodlösungen

eine eigenthümliche weinrothe Färbung, die durch Schwefelsäure dunkelt,

aber nicht in Blau übergeht. Beim Erwachsenen finde ich eine solche

Substanz nur selten, z. B. in dem Epithel des Urogenital-Apparates und

in den Knorpelzellen.

Ganz verschieden davon ist die Substanz, welche mehr der eigentlichen

Stärke (Amylon) der Pflanzen analog ist und auch in der Form ihrer

Abscheidungen mit den pflanzlichen Stärkekörnern eine überraschende

Aehnlichkeit darbietet, denn ganz regelmässig erscheint sie in mehr oder

weniger rundlichen oder ovalen, concentrisch geschichteten Bildungen. In

diese Reihe gehören vor Allen die =Corpora amylacea= des Nervenapparates

(Fig. 103, _c a_). Diese bleiben immer mikroskopische Gebilde. In anderen

Organen kommen jedoch geschichtete Amylacea von sehr beträchtlicher

Grösse vor; ihr Durchmesser kann so erheblich werden, dass man sie vom

blossen Auge leicht erkennt. Dahin gehört namentlich ein Theil der

geschichteten Körper, wie sie fast bei jedem erwachsenen Manne in der

Prostata sich finden, wo sie unter Umständen so sehr anwachsen, dass sie

die sogenannten Prostata-Concretionen bilden. Ebenso sind hierher zu

zählen die seltenen, ähnlich gebildeten Körper, welche zuerst

=Friedreich= in manchen Zuständen der Lunge nachgewiesen hat.

[Illustration: =Fig=. 123. Geschichtete Prostata-Amylacea

(Concretionen): _a_ längliches, blasses, homogenes Körperchen mit einem

kernartigen Körper. _b_ Grösseres, geschichtetes Körperchen mit blassem

Centrum. _c_ Noch grösseres, mehrfach geschichtetes Gebilde mit

gefärbtem Centrum. _d_, _e_ Körper mit zwei und drei Centren. _d_ stärker

gefärbt. _f_ Grosse Concretion mit schwarzbraunem, grossem Centrum.

Vergr. 300.]

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 40 / 54 段