Unter den nekrobiotischen Prozessen ist der unzweifelhaft am weitesten

verbreitete und fast der wichtigste unter allen bekannten cellularen

Störungen die =Fettmetamorphose=[194], oder wie man von Alters her

gewohnt ist zu sagen, die =fettige Degeneration=. Dieser Prozess bringt

eine zunehmende Anhäufung von Fett in den Organen mit sich. Der alte

Begriff der fettigen Degeneration hatte den Sinn, dass man dabei an eine

immer steigende Veränderung der Art dachte, dass zuletzt an die Stelle

ganzer Organtheile reines Fett träte. Es hat sich aber ergeben, dass

dieser alte Begriff, wie er noch jetzt in der pathologischen Sprache

sich vielfach erhalten hat, eine grosse Reihe unter sich vollkommen

verschiedener Vorgänge zusammenfasst, und dass man nothwendig irre gehen

musste, wenn man vom Standpunkte der Pathogenie aus die ganze Gruppe auf

einfache Weise deuten wollte.

[194] Archiv I. 141, 144.

Die Geschichte des Fettes in Beziehung zu den Geweben lässt sich im

Allgemeinen in einer dreifachen Richtung betrachten. Wir finden erstlich

eine Reihe von Geweben im Körper vor, welche als physiologische Behälter

für Fett dienen, und in welchen das Fett als eine Art von nothwendigem

Zubehör enthalten ist, ohne dass jedoch ihr eigener Bestand durch die

Anwesenheit des Fettes irgendwie gefährdet wäre. Im Gegentheil, wir sind

sogar gewöhnt, nach dem Fettgehalt gewisser Gewebe das Wohlsein eines

Individuums zu schätzen und den Grad der andauernden =Füllung der

einzelnen Fettzellen= als Kriterium für den glücklichen Fortgang des

Stoffwechsels überhaupt anzusehen. Dies ist also der gerade Gegensatz zu

den nekrobiotischen Vorgängen, wo der Theil unter der Anhäufung des

Fettes wirklich ganz und gar aufhört zu existiren.

In einer zweiten Reihe stellen die Gewebe keine regelmässigen Behälter

für Fett dar, aber wohl treffen wir in ihnen zu gewissen Zeiten

vorübergehend Fett an, welches nach einiger Zeit wieder aus ihnen

verschwindet, ohne den Theil deshalb in einem veränderten Zustande

zurückzulassen. Das ist der Fall bei der gewöhnlichen Resorption des

Fettes aus dem Darme. Wenn wir Milch trinken, so erwarten wir nach alter

Erfahrung, dass dieselbe vom Darme allmählich in die Milchgefässe

übergehe und von da aus dem Blute zugeführt werde; wir wissen, dass der

Uebergang des Verdauten vom Darm in die Milchgefässe durch das

Darmepithel und die Zotten hindurch erfolgt, und dass das Epithel und

die Zotten einige Stunden nach der Mahlzeit voll von Fett stecken. Von

einer solchen fetthaltigen Zotte oder Epithelzelle setzen wir aber

voraus, dass sie unter natürlichen Verhältnissen endlich ihr Fett

abgeben und nach einiger Zeit wieder vollkommen frei sein werde. Das ist

eine =Fett-Infiltration= von rein transitorischem Charakter. Verzögert

sich die Entleerung des Fettes, bleibt die an sich nur für

vorübergehende Zwecke vorhandene Fettfüllung bestehen, so gibt das eine

=Fett-Retention=.

Endlich in einer dritten Reihe werden die Gewebe von Prozessen

getroffen, welche zur =fettigen Nekrobiose= führen. Diese hat man in

neuerer Zeit häufig als eigenthümlich pathologische betrachtet. Allein,

wie sich überall gezeigt hat, dass die pathologischen Prozesse keine

specifischen sind, dass vielmehr für sie Analogien in dem normalen Leben

bestehen, so kann man sich auch überzeugen, dass die nekrobiotische

Entwickelung von Fett ein ganz regelmässiger, typischer Vorgang an

gewissen Theilen des gesunden Körpers ist, ja, dass wir sie sogar in

sehr grobem Style im physiologischen Leben antreffen. Die wichtigsten

Typen für dieses Verhältniss haben wir einerseits in der Secretion der

Milch, des Hautschmeeres, des Ohrenschmalzes u. s. w., andererseits in

der Bildung des Corpus luteum im Eierstocke. An allen diesen Theilen

geht eine Fettentwickelung genau in der Weise vor sich, wie wir sie bei

der nekrobiotischen Fettmetamorphose unter krankhaften Bedingungen

antreffen; was wir Hautschmeer, Milch oder Colostrum nennen, das sind

die Analoga für die pathologischen Fettmassen, welche aus der fettigen

Erweichung hervorgehen. Wenn Jemand statt in der Milchdrüse im Gehirn

Milch fabricirt, so gibt dies eine Form der Hirnerweichung; das Product

kann morphologisch vollständig übereinstimmen mit dem, was in der

Milchdrüse ganz normal gewesen wäre. Hier ist aber der grosse

Unterschied, dass, während in der Milchdrüse die zu Grunde gehenden

Zellen sich ersetzen durch neue nachrückende Elemente, der Zerfall der

Elemente in einem Organe, welches nicht zum Nachrücken eingerichtet ist,

zu einem dauerhaften Verluste führt. Derselbe Prozess, welcher an einem

Orte die glücklichsten, ja die süssesten Resultate liefert, bringt an

einem anderen einen schmerzlichen und bitteren Schaden mit sich.

Betrachten wir diese drei verschiedenen physiologischen Typen nach

einander. Im ersten Falle finden wir die Anfüllung der Zellen mit Fett

in der Weise, dass am Ende jede einzelne Zelle ganz und gar voll von

Fett steckt. Das gibt den Typus des sogenannten =Fettzellgewebes= oder

kurzweg =Fettgewebes=, wie es namentlich in der Unterhaut (Tela

subcutanea) in so grosser Masse vorkommt, wo es einerseits die

Schönheit, namentlich der weiblichen Form, andererseits die

pathologischen Zustände der Obesität oder Polysarcie bedingt. Ebenso

bildet das Fettgewebe das gewöhnliche, schon seit mythologischen Zeiten

so berühmte gelbe Knochenmark (Medulla ossium). Ueberall besteht das

Fettgewebe aus einer meist geringen Menge von Intercellularsubstanz und

aus Fettzellen. Letztere besitzen immer eine Membran und einen fettigen

oder öligen Inhalt. Das Fett erfüllt den inneren Raum so vollständig,

die Membran ist so ausserordentlich dünn, zart und gespannt, dass man

gewöhnlich gar nichts weiter sieht, als den Fetttropfen, und dass bis in

die neueste Zeit noch immer darüber discutirt worden ist, ob die

Fettzellen wirkliche Zellen seien. Es ist in der That sehr schwer, sich

davon deutlich zu überzeugen, allein wir haben sehr schöne Hülfsmittel

in dem Verlaufe der natürlichen Prozesse. Wenn Jemand magerer wird, so

schwindet das Fett allmählich, die Membran verliert von ihrer Spannung,

sie erscheint nicht mehr so dünn und zart und tritt um so schärfer

hervor, je kleiner die innere Fettmasse wird. Sie ist dann deutlich vom

Fetttropfen abgesetzt. Innerhalb der Zelle liegt ein erkennbarer Kern

(Fig. 114, _A_, _a_). Es ist hier also eine wirkliche, vollständige Zelle

mit Kern und Membran vorhanden, an welcher aber der eiweissartige Inhalt

fast ganz und gar durch das aufgenommene Fett verdrängt worden ist.

Dieses sogenannte Fettzellgewebe ist eine Form des Bindegewebes (S. 47),

und wenn es sich zurückbildet, so sieht man sehr deutlich, dass es

metaplastisch in Binde- oder Schleimgewebe[195] übergeht, indem zwischen

den Zellen wieder eine grössere Menge von faserig-schleimiger

Intercellularsubstanz zum Vorscheine kommt (Fig. 114, _A_, _b_, _B_).

[195] Archiv XVI. 15. Geschwülste I. 399.

[Illustration: =Fig=. 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das

gewöhnliche Unterhautgewebe, mit Fettzellen, etwas Zwischengewebe und

bei _b_ Gefässschlingen; _a_ eine isolirte Fettzelle mit Membran, Kern

und Kernkörperchen. _B_ Atrophisches Fett bei Phthisis. Vergröss. 300.]

[Illustration: =Fig=. 115. Interstitielle Fettwucherung (Mästung) der

Muskeln. _f_, _f_ Reihen von interstitiellen Fettzellen; _m_, _m_, _m_

Muskelprimitivbündel. Vergr. 300.]

Fettgewebe ist es, welches nicht bloss unter Umständen Polysarcie und

Obesität hervorbringt, indem immer grössere Massen von Bindegewebe in

die Fettfüllung hineingezogen werden, sondern welches auch die Grundlage

aller anomalen Fettgebilde ist. Die einzelnen Formen dieser Gebilde,

namentlich die wirklichen Fettgeschwülste (Lipome), unterscheiden sich

unter einander nur durch die grössere oder geringere Masse von

interstitiellem, zwischen den Läppchen der Fettzellen gelegenen

Bindegewebe, von welchem ihre grössere oder geringere Consistenz

abhängt[196]. -- Dasselbe Fettgewebe ist es auch, welches unter

krankhaften Verhältnissen in einer Reihe von solchen Fällen auftritt,

welche man nach alter Tradition fettige Degeneration nennt. Namentlich

die =fettige Degeneration der Muskeln= stellt in vielen Fällen nichts

weiter dar, als eine mehr oder weniger weit fortgeschrittene

Entwickelung von Fettzellgewebe zwischen den Muskelprimitivbündeln. Es

ist dies ein ähnlicher Vorgang, wie wir ihn bei der Mästung von Thieren

finden, wie ihn z. B. jede Ochsenzunge sehr schön zeigt, und wie manche

einfach gemästete Muskeln auch beim Menschen ihn darbieten. Zwischen die

einzelnen Muskelprimitivbündel schieben sich Fettzellen ein, welche

natürlich streifenweise nach dem Verlauf der Muskelfasern liegen;

letztere können sich dabei erhalten. Die Grundlage der Entwickelung ist

hier das interstitielle Bindegewebe, an welchem es mir zuerst mit

Bestimmtheit gelang, den Uebergang der Bindegewebskörperchen in

Fettzellen zu beobachten[197]. Bei dieser sogenannten Fettdegeneration

der Muskeln kann es, namentlich im Anfange der Entwickelung und bei

grosser Regelmässigkeit derselben, vorkommen, dass ganz einfache Reihen

hinter einander liegender Fettzellen mit den Reihen der Muskel-Elemente

abwechseln (Fig. 115). In diesem Falle, wo die Primitivbündel durch die

Fettzellen auseinander gedrängt werden und gewöhnlich in Folge ihrer

Anhäufung die Circulation im Muskel beeinträchtigt, das Fleisch also

blass wird, sieht es für das blosse Auge oft so aus, als sei gar kein

Muskelfleisch mehr vorhanden. Untersucht man z. B. an einer

Unterextremität, welche in Folge einer Ankylose des Knie's lange

unbewegt geblieben ist, die Gastroenemii, so findet man zuweilen nur

eine gelbliche, kaum streifig aussehende Masse ohne jedes fleischige

Ansehen, allein bei feinerer Untersuchung zeigt sich, dass die an sich

erhaltenen Primitivbündel noch immer durch das Fett hindurchgehen.

Selbst in diesem Falle, wo das Fett eine bedeutende Erschwerung für den

Muskelgebrauch bildet, sind die Muskelprimitivbündel doch noch vorhanden

und in gewisser Weise wirkungsfähig. Es unterscheidet sich daher dieser

Prozess wesentlich von der Nekrobiose, wo das Primitivbündel als solches

zu Grunde geht. Denn er stellt eine rein interstitielle

Fettgewebsbildung dar, wobei gewöhnliches Bindegewebe in Fett übergeht,

und man sollte daher lieber den Ausdruck der fettigen Degeneration

vermeiden, welcher so leicht missverstanden werden kann.

[196] Geschwülste I. 368.

[197] Archiv VIII. 538. Ueber die Bildung der Fettzellen im

Knochenmark und im Unterhautgewebe vergl. meine Untersuchungen über

die Entwickelung des Schädelgrundes 49.

Diese Form kommt besonders am Herzen ziemlich häufig vor und kann, wenn

sie eine grosse Ausdehnung erreicht, erhebliche Störungen der

Bewegungsfähigkeit des Herzfleisches hervorbringen. Aber ihrem

pathologischen Werthe nach steht sie tief unter der eigentlichen

Fettmetamorphose, obwohl diese hinwiederum im äusserlich sichtbaren

Resultat nicht entfernt ihr gleichkommt. Das, was die alten Anatomen als

Fettherzen beschrieben haben, waren meistentheils nur fettig

durchwachsene Herzen; was man dagegen heut zu Tage meint, wenn man von

einer eigentlichen fettigen Degeneration (Metamorphose) des Herzens

spricht, das ist nicht dieses Fettwerden des Herzens, dieses

Durchwachsen seines Fleisches mit Fettzellen, sondern es ist vielmehr

die wirkliche im Innern des Fleisches vor sich gehende Umsetzung der

Substanz (Fig. 25, _d_. 121), auf welche ich noch zurückkommen werde. In

dem letzteren Falle liegt das Fett in, im ersteren zwischen den

Primitivbündeln. --

* * * * *

Die zweite Reihe von Vorgängen, welche ich aufstellte, ist die

=transitorische Anfüllung= gewisser Organe mit Fett, wie wir sie im

Wesentlichen bei der Digestion antreffen. Hat Jemand eine fettige

Substanz genossen, und ist diese in den Zustand der Emulgirung

übergeführt, so finden wir, dass, wenn sie in das obere Ende des Jejunum

gelangt, zum Theil schon im Duodenum, die Zotten der Schleimhaut

weisslich, trübe und dicker werden. Die feinere Untersuchung ergibt,

dass sie mit sehr feinen, kleinsten Fettkörnchen erfüllt werden, welche

viel feiner sind, als wir sie in irgend einer künstlichen Emulsion

herstellen können. Diese Körnchen, welche sich schon im Chymus finden,

berühren zuerst das Cylinderepithel, mit welchem jede einzelne Darmzotte

umgeben ist. An der Oberfläche jeder Epithelzelle findet sich aber, wie

von =Kölliker= zuerst bemerkt ist, ein eigenthümlicher Saum, welcher,

wenn man die Zelle von der Seite her betrachtet, feine, senkrechte

Strichelchen erkennen lässt; von der Oberfläche aus gesehen, erscheint

die Zelle sechseckig und mit vielen kleinen Punkten besetzt, wie

getüpfelt (Vergl. das Epithel der Gallenblase Fig. 15, sowie Fig. 116,

_A_). =Kölliker= hat die Vermuthung aufgestellt, dass diese kleinen

Striche und Punkte feinen Porenkanälchen entsprächen, und dass die

Resorption so vor sich ginge, dass die kleinen Partikelchen des Fettes

durch diese feinen Poren an der Oberfläche der Epithelzellen aufgenommen

würden. Der Gegenstand liegt indess so sehr an der Grenze unserer

optischen Apparate, dass es bis jetzt nicht möglich gewesen ist, eine

vollkommene Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Striche wirklich feinen

Kanälen entsprechen, oder ob es sich vielmehr, wie =Brücke= annimmt, um

eine Zusammensetzung des ganzen oberen Saumes aus Stäbchen oder

Säulchen, ähnlich den Flimmerhaaren, handelt. Ich bin durch meine

Untersuchungen auch mehr zu letzterer Ansicht disponirt worden, zumal da

an denselben Orten die vergleichende Histologie wirkliches

Flimmerepithel als Aequivalent nachweist. Jedenfalls ist soviel sicher,

dass einige Zeit nach der Digestion das Fett nicht mehr aussen an den

Zellen liegt, sondern sich innen in ihnen findet, und zwar zuerst am

äusseren (freien) Ende derselben; dann rücken seine Körnchen nach und

nach weiter und gehen in den Zellen nach innen, und zwar so deutlich

reihenweise, dass es den Eindruck macht, als gingen feine Kanäle durch

die ganze Länge der Zellen selbst hindurch (Fig. 116, _C_, _a_). Allein

auch das ist eine Frage, welche mit unseren optischen Apparaten nicht so

bald gelöst werden dürfte. Genug, die grobe Thatsache bleibt stehen,

dass das Fett durch die Zellen geht und zwar in der Weise, dass

anfänglich nur der äussere Theil derselben damit erfüllt ist, dann eine

Zeit kommt, wo sie ganz voll von Fett sind, etwas später die äussere

Partie wieder ganz frei wird, während die innere noch etwas enthält, bis

endlich alles Fett spurlos aus den Zellen verschwindet. Auf diese Weise

kann man den allmählichen Fortgang von Stunde zu Stunde verfolgen.

Nachdem das Fett bis in die innere Spitze der Zellen hineingerückt ist,

so beginnt es, in das sogenannte Parenchym der Zotte überzugehen (Fig.

116, _C_). Ob die Epithelzellen, wie zuerst von =Heidenhain= behauptet

worden ist, an ihrem unteren (centralen) Ende unmittelbar mit feinsten

Ausläufern der Bindegewebskörperchen der Zotte zusammenhängen, ist noch

streitig, jedoch durch =Eimer='s sorgsame Untersuchung zu höchster

Wahrscheinlichkeit geführt.

[Illustration: =Fig=. 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale

Darmzotten des Menschen aus dem Jejunum, bei _a_ das zum Theil noch

ansitzende Cylinderepithel mit dem feinen Saum und Kernen; _c_ das

centrale Chylusgefäss, _v_, _v_ Blutgefässe; im übrigen Parenchym die

Kerne des Bindegewebes und der Muskeln. -- _B_ Zotten im Zustande der

Contraction vom Hund. -- _C_ Menschliche Darmzotte während der

Chylus-Resorption, _D_ bei Chylus-Retention: an der Spitze ein grosser,

aus einer krystallinischen Hülle austretender Fetttropfen. Vergr. 280.]

Es ist höchst schwierig, mit Sicherheit über diese feinsten

Einrichtungen der Gewebssubstanz zu urtheilen. In der Regel finden wir

innerhalb der Zotten das Netz der Blutgefässe etwas unter der Oberfläche

(Fig. 116, _A_, _v_, _v_), dagegen in der Axe eine ziemlich weite, stumpf

endigende Höhlung, den Anfang des Chylusgefässes, soweit es bis jetzt

mit Sicherheit erkennbar ist (Fig. 116, _A_, _c_). An der Peripherie der

Zotten hat =Brücke= eine Lage von Muskeln entdeckt, welche für die

Digestion von grosser Bedeutung ist, insofern dadurch ein Heranziehen

der Zottenspitze gegen ihre Basis, eine Verkürzung möglich ist, wie man

sehr leicht sehen kann. Wenn man Zotten vom Darme eines eben getödteten

Thieres abschneidet, so sieht man unter dem Mikroskop, dass sie sich

zusammenziehen, sich runzeln, dicker und kürzer werden (Fig. 116, _B_).

Offenbar erfolgt dadurch ein Druck in der Richtung von aussen nach

innen, welcher die Fortbewegung der aufgenommenen Säfte befördert. So

weit wäre die Sache ziemlich klar, allein was das noch übrig bleibende

Parenchym für einen Bau hat, ist äusserst schwer zu sehen. Ausser der

Muskellage bemerkt man noch kleinere Kerne, welche, wie ich schon vor

Jahren hervorhob, hin und wieder ziemlich deutlich in feinen zelligen

Elementen eingeschlossen sind. Diese Parenchymzellen anastomosiren unter

sich und mit dem centralen Chylusgefässe. Bei der Resorption sieht es

aus, als ob das Fett, welches in den Zotten immer weiter nach innen

dringt, das ganze Parenchym erfüllte, jedoch ergibt eine feinere

Untersuchung, zumal an weniger stark gefüllten Zotten, dass das Fett auf

prädestinirten Strassen, nehmlich durch die Bindegewebskörperchen,

seinen Weg verfolgt[198]. So gelangt es endlich in das centrale

Chylusgefäss. Von hier beginnt der regelmässige Strom des Chylus.

[198] Ich habe mich neuerlichst durch die Untersuchung von

Querschnitten chylusgefüllter Zotten beim Menschen überzeugt, dass

das Fett nicht discret im Parenchym, sondern heerdweise im Innern

besonderer kleiner (Zellen?) Räume liegt.

Anm. zur zweiten Auflage (1859).

Am wenigsten verständlich ist in diesem Hergange die Aufnahme des Fettes

in die Epithelialzellen. Zu wiederholten Malen ist daher die Meinung

aufgetaucht, dass hier gröbere Oeffnungen, wirkliche Stomata existiren.

Insbesondere hat diese Frage in der neueren Zeit durch =Letzerich= eine

besondere Bedeutung erlangt. Er richtete die Aufmerksamkeit auf gewisse,

schon längere Zeit bekannte Elemente, die sogenannten =Becherzellen=. Es

sind dies offene Zellen von fast trichterförmiger Gestalt, welche

gewöhnlich in gewissen Entfernungen von einander zwischen den

gewöhnlichen Cylinderzellen des Darmepithels zerstreut vorkommen. Ich

sah sie am Darm eines Hingerichteten, der ganz frisch untersucht wurde.

=Letzerich= glaubt in ihnen die eigentlichen Aufnahme-Organe des Fettes

zu erkennen. Diese Meinung ist unzweifelhaft irrig. Das von mir vorher

Angeführte ist mit grösster Bestimmtheit zu sehen: =jede Epithelzelle

ist fähig, Fett aufzunehmen=, und ich möchte eher sagen, die

Becherzellen seien es am wenigsten. Das mechanische Problem ist damit

wenig gefördert, indess wird man schwerlich bei dem gegenwärtigen Stande

unserer Kenntnisse noch auf blosse Druckverhältnisse zurückgehen können.

Aller Wahrscheinlichkeit »fressen« die Zellen das Fett, und es handelt

sich um einen der an die Thätigkeit der Elemente geknüpften

automatischen Vorgänge (S. 360), bei welchen das Protoplasma betheiligt

ist.

Jedenfalls setzt der Vorgang eine emulsive Beschaffenheit des Fettes

voraus, welches überall in feinster Zertheilung durch die Gewebstheile

hindurchdringt. In dem regelmässigen Gange sind es so ausserordentlich

zarte Partikeln, dass, wenn man frischen, noch warmen Chylus untersucht,

man fast nichts von körperlichen Theilen darin erkennen kann[199].

Allein jede Störung, welche in dem Resorptionsgeschäfte stattfindet und

längere Zeit hindurch das Fortrücken hindert, bedingt ein

Zusammenfliessen der Fettpartikeln; innerhalb der Gewebe, in welchen die

Fett-=Retention= erfolgt, scheiden sich alsdann immer grössere

Fettkörner ab, und diese fliessen endlich zu ganz grossen Tropfen

zusammen. Solche finden wir sowohl in den Epithelialzellen, als auch

innerhalb des Zottengewebes, namentlich in dem centralen Chylusgefässe,

und es kommt vor, dass das Ende des letzteren sich erweitert, kolbig

ausgedehnt wird, und dass die Anhäufung von Fett darin so beträchtlich

wird, dass man sie schon mit blossem Auge erkennt[200]. =Lieberkühn=

hielt diesen Zustand für den Ausdruck eines normalen Verhältnisses, und

nannte die Ausweitungen Ampullen. Ich habe gezeigt, dass dieselben eine

rein pathologische Bedeutung haben, und dass auch die von E. H. =Weber=

bemerkte Scheidung in einen dunklen und hellen Theil (Fig. 116, _D_) nur

auf einer Trennung des Fetttropfens in eine feste Rinde und einen

flüssigen und nach Berstung der Rinde austretenden Inhalt beruht.

Nirgends sieht man diese Zustände auffälliger und häufiger, wie in der

Cholera, wo schon 1837 durch =Böhm= gute Schilderungen davon geliefert

worden sind. Sie bedeuten im Allgemeinen die Hemmung des Lymphstromes

durch die Respirations- und Circulationsstörungen. Da bekanntlich die

Cholera-Anfälle überwiegend häufig in der Digestionsperiode eintreten

und mit grossen Hemmungen des Respirationsgeschäftes verlaufen, welche

sich durch den ganzen Venenapparat geltend machen, so müssen sie

natürlich auch auf den Chylusstrom zurückwirken. So erklärt sich die

colossale Anstauung (Retention) von Fett in den Zotten. Dies ist also,

wenn man will, schon ein pathologischer Zustand, aber derselbe beruht

nur auf einer vorübergehenden Hemmung und wir haben allen Grund

anzunehmen, dass, wenn der Chylusstrom wieder frei wird, auch diese

grösseren Fetttropfen allmählich wieder beseitigt werden. Damit kommen

wir auf andere Gebiete, wo die Grenze zwischen Physiologie und

Pathologie sich sehr schwer ziehen lässt. Ein solcher Fall findet sich

namentlich an der Leber.

[199] Archiv I. 152, 162, 262. Beiträge zur exper. Pathologie. Heft

II. 72. Gesammelte Abhandl. 139.

[200] Würzb. Verhandl. IV. 354. Gesammelte Abhandlungen 732.

Seit alter Zeit weiss man, dass die =Leber= dasjenige Organ ist, welches

überwiegend leicht in einen Zustand sogenannter fettiger Degeneration

geräth, und schon lange hat man gerade die Kenntniss dieses Zustandes

auf dem Wege populärer Experimentation verwerthet. Die Geschichte der

Gänseleberpasteten beweist dies in der angenehmsten Weise. Obgleich

=Lereboullet= in Strassburg behauptete, dass die Fettlebern der

gemästeten Gänse physiologische seien, die sich von den pathologischen,

welche man nicht isst, sondern nur beobachtet, wesentlich unterschieden,

so muss ich doch bekennen, dass ich bis jetzt ausser Stande gewesen bin,

einen Unterschied zwischen physiologischen und pathologischen Fettlebern

zu entdecken; ich meine vielmehr, dass gerade, indem man die Identität

beider zulässt, der einzig richtige Gesichtspunkt auch für die

pathologische Fettleber gewonnen wird. Wir kennen nehmlich eine

Thatsache, welche gleichfalls zuerst von =Kölliker= beobachtet worden

ist, dass nehmlich bei saugenden Thieren regelmässig einige Stunden nach

der Digestion eine Art von Fettleber physiologisch vorkommt. Wenn man

von demselben Wurfe von Thieren die einen hungern, die andern saugen

lässt, so haben diejenigen, welche gesogen haben, ein Paar Stunden

nachher eine Fettleber, die anderen nicht. Diese erscheint ganz blass,

wenn auch nicht so weiss, wie eine Gänseleber.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 38 / 54 段