Das ist die parenchymatöse Entzündung, der höchste Grad der nutritiven

Reizung, ein Vorgang, der sich unmittelbar an die Hypertrophie

anschliesst und der nur dadurch, dass in sehr kurzen Zeiträumen die

beträchtlichste Aufnahme von neuem Stoff in die Elemente des Gewebes

stattfindet, die Gefahr des inneren Zerfalls, der nachfolgenden

Degeneration mit sich bringt. Denn obwohl die Elemente als die

eigentlich thätigen, activen Theile die Stoffe an sich ziehen und in

sich aufnehmen, so kann es doch sein, dass sie dieselben

nicht =assimiliren=, dass dieselben keine dem natürlichen

Mischungsverhältnisse des Zellenkörpers homologe Beschaffenheit

erreichen und so die Constitution desselben zerrütten[166]. Der

gewöhnliche Ausgang des Prozesses ist daher die Nekrobiose, wobei

entweder eine direkte Erweichung, oder, was noch häufiger und bei

subacutem und chronischem Verlaufe die Regel ist, Fettmetamorphose

eintritt. Auf den activen Anfang folgt demnach ein passives Ende. Wenn

man den ersteren eine Entzündung nennt, so kann man sagen, es gehe die

parenchymatöse Entzündung in Erweichung oder Fettmetamorphose aus.

Letztere sind spätere Stadien oder Ausgänge der Entzündung.

[166] Archiv XIV. 35.

Die parenchymatösen Entzündungen gehören mit zu den allerhäufigsten

und zugleich schwersten Erkrankungen des Menschen. Sie begleiten[167]

insbesondere die Mehrzahl der von mir so genannten Infectionskrankheiten:

die acuten Exantheme (Scharlach, Pocken), den Typhus, die Puerperal- und

Wundfieber, die phlegmonösen und erysipelatösen Prozesse, viele

Intoxicationen. Nicht selten findet man sie gleichzeitig an zahlreichen

Organen des Körpers, namentlich an den Nieren und der Leber, dem Herzen

und den willkürlichen Muskeln, so jedoch, dass bei einzelnen

Infectionskrankheiten dieses, bei anderen jenes Organ stärker und

häufiger ergriffen zu sein pflegt.

[167] Gesammelte Abhandlungen 701, 703.

Manche haben bezweifelt, ob man in der That ein Recht habe, diese

Vorgänge als Entzündungen und als unmittelbare Wirkungen der

Entzündungsursache anzusehen. Insbesondere ist die Meinung aufgestellt,

die parenchymatösen Veränderungen seien nur die Folge primärer

Veränderungen in dem Interstitialgewebe. An den Nieren z. B. erkranke

das Epithel nur deshalb, weil das umgebende Bindegewebe verändert sei.

Ich muss dies bestimmt in Abrede stellen. Es gibt sehr ausgedehnte

interstitielle Nephritiden, bei denen das Epithel wenig oder gar nicht

verändert wird, und ebenso die allerstärksten parenchymatösen Formen,

bei welchen, wenigstens von Anfang an, das Interstitialgewebe ganz

intact ist. Ich möchte aber rathen, diese Frage überhaupt nicht an den

zusammengesetzten Organen zu studiren. Wählt man ein Organ, wie die

Niere, in welchem ausser dem specifischen Parenchym (den mit Zellen

besetzten Kanälchen) noch interstitielles Gewebe vorhanden ist, so

geräth man in eine eigenthümliche Schwierigkeit, an welcher die von mir

gewählte, in dieser Beziehung nicht ganz glückliche Terminologie die

Schuld trägt. Der von =Erasistratus= herstammende Name des Parenchyms,

als Ausdruck für die Substantia propria, schafft hier einen Gegensatz

zwischen dem epithelialen und dem bindegewebigen Antheil, der an anderen

Organen nicht vorhanden ist. An der Hornhaut nennen wir gerade den

bindegewebigen Antheil Parenchym und trennen von demselben das vordere

und hintere Epithel als besondere Häute. Parenchymatöse Keratitis hat

daher in Beziehung auf das befallene Gewebe einen ganz anderen Sinn, als

parenchymatöse Nephritis. In Beziehung auf den Prozess aber, und darauf

kam es mir für die Terminologie allein an, besteht die vollständigste

Uebereinstimmung, denn es sind in beiden Fällen die Gewebselemente

selbst, welche die Veränderung und zwar eine acute, irritative

Ernährungsstörung erfahren. Zweifelt jemand daran, ob diese wirklich

irritativ sei, so möge er doch die Untersuchung an einfachen Theilen,

wie die Hornhaut, das Bindegewebe, die Knorpel, beginnen. Hier lassen

sich durch mechanische, thermische, chemische Reizung die vollkommensten

Formen der parenchymatösen Entzündung hervorrufen. --

[Illustration: =Fig=. 110. Elemente aus einer von Herrn =Textor= 1851

exstirpirten melanotischen Geschwulst an der Parotis. _A_ Freie Zellen

mit Theilung der Kernkörperchen und Kerne. _B_ Netz der

Bindegewebskörperchen mit Kerntheilung. Vergr. 300.]

* * * * *

An die Vorgänge der nutritiven Reizung schliessen sich sehr oft

unmittelbar die Anfänge =formativer Veränderungen= an. Wenn man nehmlich

an bestimmten Theilen die fortschreitende, sich steigernde Reizung

verfolgt, so sieht man, dass die Elemente oft kurze Zeit, nachdem sie

eine nutritive Vergrösserung erfahren haben, weitere Veränderungen

zeigen, welche nicht mehr der Ernährung angehören. Meist beginnen die

letzteren im Inneren der Kerne[168]. Gewöhnlich ist das Erste, was man

wahrnimmt, dass das Kernkörperchen (Nucleolus) ungewöhnlich gross, in

vielen Fällen etwas länglich, zuweilen stäbchenförmig wird. Dann folgt

als nächstes Stadium, dass das Kernkörperchen eine Einschnürung bekommt,

bisquitförmig wird; etwas später findet man zwei Kernkörperchen. Diese

=Theilung= der Kernkörperchen bezeichnet das bevorstehende Theilen des

Kernes selber. Das folgende Stadium ist dann, dass um einen solchen

getheilten Kernkörper auch eine bisquitförmige Einschnürung und später

eine wirkliche Theilung des Kernes zu Stande kommt, wie wir sie schon

früher bei den farblosen Blut-und Eiterkörperchen gesehen haben (Fig. 8,

_A b_. 65. 72). Hier handelt es sich offenbar um etwas wesentlich

Anderes, als vorhin bei der nutritiven Reizung. Bei der einfachen oder

degenerativen Hypertrophie bleibt, zunächst wenigstens, der Kern ganz

intact; hier dagegen, bei der formativen Reizung, wird der Kern häufig

sehr früh verändert, während der Zellkörper eine relativ geringe

Abweichung erfährt, höchstens dass er grösser wird, woraus wir

schliessen, dass eine gewisse Menge von neuem Inhalt aufgenommen ist.

[168] Ueber die Theilung der Zellenkerne. Archiv XI. 89.

[Illustration: =Fig=. 111. Markzellen des Knochens, _a_ Kleine Zellen

mit einfachen und getheilten Kernen. _b_, _b_ Grosse, vielkernige

Elemente. Vergr. 350. Nach =Kölliker= Mikr. Anat. I. 364. Fig. 113.]

In manchen Fällen beschränken sich die Veränderungen auf diese Reihe von

Umbildungen, als deren Schluss die Theilung des Kernes zu betrachten

ist. Diese kann sich wiederholen, so dass 3, 4 Kerne und mehr entstehen

(Fig. 16, _b_, _c_, _d_). So kommt es, dass wir zuweilen Zellen finden,

nicht bloss unter pathologischen Verhältnissen, sondern auch nicht

selten bei ganz normaler Entwickelung, welche 20-30 Kerne und noch mehr

besitzen. Im Marke der Knochen, namentlich bei jungen Kindern, finden

sich umfangreiche Gebilde, welche ganz voller Kerne stecken, und in

welchen die Kerne zuweilen so gross werden, wie die ganze ursprüngliche

Zelle. =Robin=, der sie zuerst auffand, aber ihre zellige Natur nicht

erkannte, nannte sie aus letzterem Grunde vielkernige Platten (plaques à

plusieurs noyaux) und neuerlichst Markplatten (myéloplaxes). Indess sind

es wirkliche, vergrösserte Zellen. Aber sie sind nicht auf das

Knochenmark beschränkt, sondern sie finden sich, besonders unter

pathologischen Verhältnissen, an den verschiedensten Orten. Eine Reihe

solcher Beispiele habe ich früher[169] zusammengestellt und durch

Abbildungen erläutert, darunter auch das von =Frey= hervorgehobene,

jedoch nicht ganz richtig gedeutete Vorkommen solcher Gebilde in

Lymphdrüsen. Dieselben Bildungen kommen besonders in manchen

Geschwülsten so massenhaft vor, dass man in England danach eine

besondere Geschwulst-Species unterscheidet, welche nach dem Vorschlage

von =Paget= als =Myeloid-Tumor= (Markgeschwulst) in die Classification

aufgenommen ist. Der jüngere =Nélaton= hat sie später als Tumeur à

myéloplaxes wieder beschrieben. Ich kann eine besondere Species von

Geschwulst darin nicht erkennen; es sind in der Regel sarcomatöse

Formen[170]. Jede ausschliessliche Beziehung zum Knochenmark muss diesen

Zellen abgesprochen werden. Denn sie finden sich auch in Geschwülsten

der Weichtheile, die gar nichts mit Knochen zu thun haben, und,

wenngleich weniger gross, in lymphatischen Neubildungen, z. B. beim

Typhus, bei Tuberkulose, bei der Perlsucht des Rindviehs[171]. Ich habe

daher denselben den allgemeinen Namen der =Riesenzellen= (cellulae

giganteae) beigelegt (S. 95, Fig. 31).

[169] Archiv XIV. 46.

[170] Geschwülste II. 209, 316, 337.

[171] Ebendas. II. S. 618, 637, 638, 672, 746.

Der gereizte Muskel zeigt ganz ähnliche Formen[172]. Während für

gewöhnlich die quergestreiften Muskeln in gewissen Abständen mit Kernen,

jedoch nicht sehr reichlich, versehen sind, so finden wir, wenn wir

einen Muskel in der Nähe einer gereizten Stelle, z. B. einer Wunde,

einer Aetzungs- oder Geschwürsfläche, einer Trichine untersuchen, dass

in den Primitivbündeln eine Vermehrung der Kerne vor sich geht. Zuerst

bemerkt man Kerne mit zwei Kernkörperchen; dann kommen eingeschnürte,

dann getheilte Kerne (vgl. Fig. 25, _b_, _c_. 26, _B_, _C_), und so geht

es fort, bis wir an einzelnen Stellen, wo die Theilungen massenhaft

geschehen sind, ganze Gruppen von Kernen neben einander, oder ganze

Reihen derselben hinter einander finden (Fig. 112). In den

ausgesprochenen Fällen dieser Art nimmt die Zahl der Kerne so sehr zu,

dass man auf den ersten Blick kaum noch Muskeln zu sehen glaubt, und

dass Bruchstücke der Primitivbündel die grösste Aehnlichkeit darbieten

mit jenen Plaques à plusieurs noyaux im Knochenmark. Diese excessive

Vermehrung der Kerne, =Nucleation=[173] ist etwas ganz Eigenthümliches,

welches schon an den Anfang einer wirklichen Neubildung anstreift,

obwohl die Neubildung im gewöhnlichen Sinne sich nicht auf einzelne

Theile der Zellen beschränkt. Aber gerade für die Muskeln ist es sehr

wichtig, dass genau dieselbe Beschränkung bei der ersten embryonalen

Bildung, im Laufe des ersten Wachsthums der Muskelprimitivbündel

stattfindet. Denn dies ist der Modus, wie der Muskel ursprünglich

wächst. Wenn man einen wachsenden Muskel verfolgt, so sieht man

dieselbe Theilung der Kerne; nachdem Gruppen und Reihen von Kernen in

ihm entstanden sind, so schieben sich diese beim Wachsen durch immer

reichlichere Zwischenmasse allmählich aus einander. Obwohl nun ein

Längenwachsthum an dem pathologisch gereizten Muskel nur dann mit

Sicherheit demonstrirt werden kann, wenn der Muskel zugleich ausgedehnt

wird, wie dies durch die Spannung unterliegender Geschwülste, am Herzen

durch Widerstände der Circulation geschieht, so müssen wir doch die

vollkommene Analogie mancher krankhaften Reizungsvorgänge am Muskel mit

den natürlichen Wachsthumsvorgängen als eine sichere Thatsache

festhalten. Denn der bildende Akt des wirklichen Wachsthums beginnt mit

einer Vermehrung der Centren, und als solche müssen, wie schon vor

langer Zeit =John Goodsir= gezeigt hat, die Kerne in Beziehung auf die

Zellen betrachtet werden[174].

[172] Archiv IV. 313. XIV. 51. Taf. I. Fig. 3 _c_.

[173] Archiv XIV. 62.

[174] Archiv IV. 383. IX. 43. XIV. 32.

[Illustration: =Fig=. 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln des

Oberschenkels im Umfange einer Krebsgeschwulst. Bei _A_ ein

Primitivbündel, dessen Querstreifung nicht überall ausgeführt worden

ist, mit seinem natürlichen, spindelförmigen Ende _f_, und mit

beginnender Kernvermehrung. _B_ Starke Kernwucherung. Vergröss. 300.]

Geht man nun einen Schritt weiter in der Betrachtung dieser Vorgänge, so

kommen wir an die =Neubildung der Zellen selbst (Cellulation)=. Nachdem

die Wucherung der Kerne stattgefunden hat, so kann allerdings, wie wir

gesehen haben, die Zelle als zusammenhängendes Gebilde sich noch

erhalten, allein die Regel ist doch, dass schon nach der ersten

Kerntheilung die Zellen selbst der Theilung verfallen, und dass nach

einiger Zeit zwei, dicht neben einander liegende, durch eine mehr oder

weniger gerade Scheidewand getrennte, je mit einem besonderen Kern

versehene Zellen gefunden werden (Fig. 9, _b_, _b_). =Fissipare= Bildung

ist der regelmässige Modus der Vermehrung organischer Elemente. Die

beiden durch die Theilung entstandenen Zellen können später auseinander

rücken, wenn es ein Gewebe ist, welches Intercellularsubstanz erzeugt

(Fig. 9, _c_, _d_), oder dicht aneinander liegen bleiben, wenn es sich um

ein bloss aus Zellen bestehendes Gewebe handelt (Fig. 29, _C_). Bei

weiterem Verlaufe kann eine immer fortgehende Theilung der Zellen

stattfinden und zu dem Entstehen grosser Zellengruppen aus ursprünglich

einfachen Elementen führen (Fig. 14. 23).

Am bequemsten übersieht man dies am wachsenden oder gereizten Knorpel.

Durch die fortgesetzte Theilung der ursprünglich einfachen Knorpelzellen

entstehen anfangs kleine Häufchen verhältnissmässig kleiner Zellen.

Letztere vermehren sich von Neuem fissipar, die Häufchen werden grösser.

Endlich wachsen auch die neugebildeten Zellen durch Intussusception

neuer Stoffe und zuletzt werden sie grösser, als die ursprünglichen

Zellen, von denen sie ausgegangen sind. Es war dies der Punkt, wo ich

zuerst auf die Uebereinstimmung des thierischen Wachsthums mit dem

pflanzlichen aufmerksam wurde[175], und von wo aus ich allmählich das

Gesetz der continuirlichen Entwickelung (S. 24) durch immer mehr

ausgedehnte Untersuchungen aufbauen konnte.

[175] Archiv (1849) III. 220. Einheitsbestrebungen in der

wissenschaftlichen Medicin. Berlin 1849 S. 35. Gesammelte

Abhandl. 43. Archiv XIV. 38.

[Illustration: =Fig=. 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden

Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes. Längsschnitt. _a_ Die zum

Theil einfachen, zum Theil in die Wucherung eintretenden Knorpelelemente

an der Epiphysengrenze. _b_ Die durch wiederholte Theilung einfacher

Zellen entstandenen Zellengruppen. _c_ Die durch Wachsthum und

Vergrösserung der einzelnen Zellen bedeutend entwickelten Zellengruppen

gegen den Verkalkungsrand der Diaphyse hin; die Intercellularsubstanz

immer spärlicher. _d_ Durchschnitt eines Blutgefässes. Vergröss. 150.]

Der plastische Vorgang ist natürlich am einfachsten zu übersehen in

Geweben, welche ganz und gar aus Zellen bestehen, daher am besten am

Epithel. Er ist hier um so mehr charakteristisch, als wenigstens die

geschichteten Epithelien fort und fort in der Neubildung begriffen sind

und in ausgezeichnetem Sinne abfällige Gewebe (S. 70) darstellen. Das

Haar wächst, indem immer neue Elemente an seiner Zwiebel gebildet

werden, welche die älteren vor sich her schieben; das Nagelblatt wird

durch immer neuen Nachwuchs vom Falze her über das Nagelbett

fortgedrängt (S. 34); die Epidermis selbst regenerirt sich fortwährend

aus den oberen Lagen des Rete Malpighii. Aehnlich verhält es sich mit

den lymphatischen Drüsen, deren Zellen immer neu entstehen und als

vollständig getrennte Elemente sich von einander scheiden.

Ungleich verwickelter sind die Verhältnisse in bindegewebigen Theilen,

wo die neuen Zellen um sich wieder Intercellularsubstanz ausscheiden und

diese oft so reichlich wird, dass die Zellen dadurch ganz in den

Hintergrund der Betrachtung gedrängt werden. Bis zu dem Augenblicke, wo

ich die Struktur des Bindegewebes kennen lehrte, richtete

sich daher auch die Aufmerksamkeit fast ausschliesslich auf die

Intercellularsubstanz oder, wie man oft sagte, auf die Fasern, und die

wunderbarsten Theorien der Neubildung bauten sich auf dieser

missverstandenen Interpretation der Gewebsstruktur auf. In Wahrheit geht

die Bildung des Bindegewebes ebenso durch Vermehrung der Zellen vor

sich, wie die der epithelialen Formationen, und in günstigen Objecten

kann man sogar die Reihen der jungen Elemente weit sicherer wahrnehmen,

da sie durch die Intercellularsubstanz festgehalten und gleichsam

eingemauert sind. An der Stelle einzelner Spindelzellen sieht man dann

zuweilen lange Reihen semmelförmig an einander gereihter Rundzellen; ja

in einzelnen Fällen findet man im Anschlusse an einen Grundstock von

Spindelzellen zahlreiche ausstrahlende Reihen von jungen, theils

länglichen, theils rundlichen Zellen, welche die junge Brut des durch

die Reizung veränderten Nachbargewebes darstellen (Fig. 113, II.). Je

langsamer und anhaltender die Vermehrung erfolgt, um so mehr überzeugend

sind die Objecte, und daher eignen sich Geschwulsttheile dazu im Ganzen

mehr, als entzündliche Neubildungen.

[Illustration: =Fig=. 113, II. Mikroskopischer Schnitt aus einem

Myxosarcom des Oberkiefers. Reihenweise Proliferation der Zellen mit

Ausscheidung hyaliner Intercellularsubstanz. Vergr. 350.]

Den Vorgang der Zellenvermehrung nenne ich =Wucherung=,

=Proliferation=[176]. Was im wachsenden Körper als Ausdruck eines

unbekannten, von der Befruchtung her fortdauernden, =immanenten= Reizes,

den ich den =Wachsthumsreiz= nennen will, erfolgt, das tritt im

erwachsenen Körper als das Resultat einer direkten Reizung der Gewebe

ein. Kehren wir z. B. auf den Fall zurück, welchen wir vorhin

betrachteten, dass ein einfach mechanischer Reiz durch das Einziehen

eines Fadens in die Theile gesetzt wird, so beschränkt sich in der Regel

die eintretende Schwellung nicht einfach auf die Vergrösserung der

bestehenden Elemente (nutritive Reizung), sondern es finden Theilungen

und Vermehrungen derselben statt (formative Reizung). Im Umfange eines

Fadens, welchen wir durch die Haut ziehen, zeigt sich gewöhnlich schon

am zweiten Tage eine Reihe von jungen Elementen[177]. Dieselbe

Veränderung kann man durch einen chemischen Reiz hervorbringen. Wenn man

z. B. ein Kauter an die Oberfläche eines Theiles applicirt, so ist das

Nächste, dass die Zellen anschwellen, aber alsbald beginnen bei

regelmässigem Fortgange der Reizung die Elemente sich zu theilen und es

tritt eine mehr oder weniger reichliche Wucherung der Zellen ein.

[176] Spec. Pathol. und Ther. I. 330.

[177] Archiv XIV. 61.

Ein Umstand erschwert das Studium dieser Neubildungs-Vorgänge in hohem

Maasse. Es ist dies die =Auswanderung der farblosen Blutkörperchen=,

welche selbst in das Innere von Geweben in grösserer Zahl eindringen und

sich hier mit den Elementen der Gewebe mischen. In manchen Fällen ist es

unmöglich zu erkennen, was ausgewandert und was neugebildet ist. Viele

der neueren Beobachter, welche sich nur vorübergehend mit Forschungen

dieser Art beschäftigt haben, sind daher auf den schon von

G. =Zimmermann= aufgestellten Satz zurückgekommen, dass alle Neubildung

von den farblosen Blutkörperchen ausgehe. Einige haben das Wachsthum der

epithelialen Gewebe auf Wanderzellen zurückgeführt; andere haben das

Bindegewebe, die Muskeln und Nerven daraus hervorgehen lassen. Diese

Einseitigkeit ist, wie zum Theil schon durch umständliche, unter allen

Cautelen vorgenommene Untersuchungen festgestellt ist, durchaus

irrthümlich. Sie ist weder für die epitheliale, noch für die

bindegewebigen Theile zulässig. Wie im Knorpel, bei dem meines Wissens

noch niemand die jungen Elemente auf farblose Blutkörperchen gedeutet

hat, die alten Zellen (=Mutterzellen=) sich theilen und neue Zellen

(=Tochterzellen=) hervorbringen, unter deren Erzeugung sie selbst

aufhören zu existiren, so bringen auch die Bindegewebskörperchen durch

progressive Theilung neue Brut hervor. Die epithelialen Zellen erleiden,

wie =Eberth=, F. =Hoffmann= und =Heiberg= gezeigt haben, nicht selten

eigenthümliche Gestaltveränderungen, partielle Verlängerungen und

Auswüchse, ehe sich ihre Theile von einander trennen. An Hornhautzellen

hat =Stricker= vor der Theilung mancherlei amöboide Erscheinungen

wahrgenommen, welche der Mobilisirung dieser Elemente entsprechen. Von

den Blutcapillaren weiss man schon seit langer Zeit, namentlich durch

=Kölliker= und =Joseph Meyer=, dass von ihnen zunächst Fortsätze

aussprossen, welche Kerne erhalten, zellig werden und endlich neue

Capillaren herstellen.

Die Erfahrungen von der Auswanderung der farblosen Blutkörperchen, weit

entfernt, die von mir vertretene Grundanschauung von der cellularen

Ableitung der neuen Zellen, den Grundsatz: Omnis cellula e cellula (S.

24) zu erschüttern, haben vielmehr denselben nur gestützt. Manche

irrthümliche Deutung ist dadurch corrigirt worden, aber das cellulare

Princip hat eine wesentliche Verstärkung erfahren. Mag ein grosser Theil

der Exsudatzellen direkt aus dem Blute stammen, mögen sich diese Zellen,

wie =Stricker= angiebt, im Exsudate weiter theilen und vermehren,

immerhin stammt die junge Brut von früheren Zellen ab. Die plastischen

Exsudate sind nicht mehr im alten Sinne plastisch (S. 23), und es ist

nicht das freie Plasma oder Fibrin, welches durch organische

Krystallisation neue Zellen liefert, nicht die Intercellularsubstanz,

welche, wie noch =Schwann= vom Knorpel lehrte, als Cytoblastem die

jungen Elemente aus sich hervorbringt, sondern es ist die Zellsubstanz

selbst, das Protoplasma der Neueren, woraus im Wege der fortschreitenden

Proliferation die organischen Einheiten neu geschaffen werden. Der

=Bildungstrieb= (nisus formativus), die =plastische Kraft= (vis

plastica) haftet an den schon existirenden Elementen, nicht an dem

freien Blastem, dem Succus nutritius.

Sonderbarerweise behaupten Einzelne, meine ganze Theorie der Neubildung

sei auf das Bindegewebe gebaut; nur aus ihm hätte ich die neuen Elemente

hervorgehen lassen. Zu keiner Zeit habe ich solche Vorstellungen gehegt.

Ich habe zu allen Zeiten die formativen Eigenschaften der

Epithelialformationen anerkannt; ich habe zuerst die mit Kernvermehrung

einhergehenden Reizungsprocesse an den Muskelprimitivbündeln und den

Capillaren beschrieben[178]; ja ich habe zu einer Zeit, wo die farblosen

Blutkörperchen noch sehr missachtet waren, die Organisation des Thrombus

auf sie bezogen[179]. Es liegt mir daher sehr fern, in irgend einer

Weise den erfreulichen Fortschritten unseres positiven Wissens mich

neidisch entgegenstellen zu wollen; im Gegentheil, ich begrüsse jede

neue Entdeckung auf diesem Gebiete als eine neue Waffe zur Vertheidigung

meiner Grundanschauung.

[178] Archiv XIV. 51.

[179] Gesammelte Abhandlungen 327.

Um nicht missverstanden zu werden, will ich sogleich hinzusetzen, dass

diese Grundanschauung durchaus verträglich ist mit der Aufstellung

verschiedener Arten von Zellenbildung (Cytogenesis), vorausgesetzt, dass

es Zellsubstanz ist, welche das Material dazu liefert. Es ist keineswegs

nöthig, dass jede Neubildung mit Theilung anhebt; wir werden später

sehen, dass auch die endogene Zellbildung innerhalb gewisser Grenzen

zulässig erscheint. Ein wirklicher Gegensatz würde erst entstehen, wenn

=extracelluläre Neubildung= irgendwo vorkäme. Da dies für den

menschlichen Körper von niemand mehr behauptet wird, so liegt wenigstens

für jetzt kein Grund zur Unruhe vor.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 36 / 54 段