und die =Atonie= der Neueren. Auch hier hat man in den letzten Jahren
fast ausschliesslich den neuristischen Standpunkt eingenommen und den
Tonus als die Folge einer dauernden Innervation gedeutet. Für einzelne
Theile mag dies zutreffen. Aber allgemein betrachtet entsprechen diese
Bezeichnungen den Ernährungszuständen der Gewebe; wie ich ausgeführt
habe[157], bedeutet Tonus in diesem allgemeinen Sinne die nutritive
Spannung (Tension). Daher galt der Tonus als Merkmal eines gesunden,
normalen Zustandes der Theile, wo der günstigen Ernährung auch eine
grosse Leistungsfähigkeit (Kraft) entspricht, während Atonie ausser der
schlechteren Ernährung zugleich die Erschlaffung (Relaxatio) und
Schwäche (Debilitas) bedeutet. Insofern schiebt sich in die Vorstellung
neben dem nutritiven Moment zugleich die Voraussetzung eines
functionellen mit hinein.
[157] Archiv VI. 139. VIII. 27. XIV. 27.
Ungleich dehnbarer ist der zu gewissen Zeiten viel gebrauchte Ausdruck
des =Turgor vitalis=. Obwohl derselbe in vielen Fällen auch nichts
anderes, als die nutritive Fülle eines Theiles bedeutet, so knüpfte sich
doch meistentheils zugleich die Vorstellung von einer stärkeren Füllung
der Gefässe (Hyperämie) daran. Wie bei dem Tonus die Nerven, so traten
bei dem Turgor die Blutgefässe mit in die Betrachtung ein. Auch diese
Betrachtung hat ihre Berechtigung. Denn offenbar ist eine gewisse
Freiheit der Circulation Vorbedingung für eine reichlichere Zufuhr von
Ernährungsmaterial und insofern auch für eine kräftigere Ernährung.
Aber wir haben schon früher gesehen, dass die Gefässfüllung und der
reichere Zustrom von Blut die Ernährung nicht nothwendig bestimmt (S.
158). Auch in gefässlosen Geweben ernähren sich die Elemente; ja sie
leben und erhalten sich in vollständiger Trennung von den Geweben und
von den Gefässen. Nach der alten Vorstellung =wird der Theil ernährt=
und verhält sich dabei mehr oder weniger passiv; die Thätigkeit der
Gefässe bestimmt seine Ernährung. Nach meiner Auffassung =ernährt er
sich=: er verhält sich durchaus activ, und die Thätigkeit der Gefässe
kann nur seine eigene Thätigkeit fördern oder unterstützen. Jede
einzelne Zelle verhält sich, wie eine kleinste Pflanze; sie =wählt= ihr
Ernährungsmaterial aus ihrer Umgebung[158]. Jedes Gewebsstück ernährt
sich, wie die Frucht im Mutterleibe, die wohl an die Gefässe der Mutter
grenzt, aber keinen Zusammenhang mit ihnen hat. Kann man eine grössere
Uebereinstimmung denken, als die blosse Juxtaposition der Frucht im
Mutterleibe mit einer oculirten Knospe? Die Geschichte der
Transplantation von Körpertheilen, wie sie in den jüngsten Tagen bei der
Behandlung von Wunden in immer grösserer Ausdehnung mit dem grössten
Erfolge geübt wird, gibt die schönsten Beispiele für diese
Selbsternährung bloss juxtaponirter Theile.
[158] Archiv IV. 381.
Aber freilich bedarf auch die Ernährungsthätigkeit bestimmter
Erregungsmittel. Ohne diese bleibt ein lebender Theil inmitten der
grössten Fülle von Ernährungsstoffen träge und unthätig. Die =nutritiven
Reize= sind keineswegs immer Nahrungsstoffe: ein grosser Theil
derjenigen Substanzen, welche wir Genussmittel nennen, reizt die Gewebe
zu stärkerer Ernährung. Vermehrte Function, mechanische und chemische
Einwirkungen der verschiedensten Art haben vermehrte Aufnahme von
Nahrungsstoffen im Gefolge[159]. Wie das Licht auf die Pflanzengewebe,
so wirkt mechanische Bewegung auf viele Thiergewebe reizend ein. Auch
der Nerveneinfluss darf hier nicht ausgeschlossen werden, aber man soll
nur nicht im Sinne der Neuristen die gesammte Ernährung als eine
Wirkung =trophischer Nerven= betrachten. Ein grosser Theil der
Ernährungsvorgänge hat mit Nerven nicht das Mindeste zu thun. Wo aber
die Ernährung durch Innervation bestimmt wird, da hat die letztere nur
einen modificirenden Einfluss auf die auch ohne sie vorhandene
Ernährung. Wie die Muskelirritabilität allein es erklärt, dass die
Innervation des Muskels eine Contraction zum Gefolge hat, so erklärt die
nutritive Erregbarkeit der einzelnen Theile, dass der Einfluss
trophischer Nerven die Aufnahme und Assimilation der Nahrungsstoffe
anregen kann.
[159] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 338.
Es ist aber für die pathologische Auffassung äusserst wichtig zu wissen,
dass ein Theil, der in Folge seiner Energie und in Folge einer Reizung
eine grosse Quantität von Material in sich aufnimmt, deshalb nicht
nothwendiger Weise in einen dauerhaften Zustand der Vergrösserung zu
gerathen braucht, sondern dass im Gegentheile gerade unter solchen
Verhältnissen oft eine nachträgliche Störung in der inneren Einrichtung
hervortritt, welche den Bestand des Theiles in Frage stellt und welche
der nächste Grund wird für den Untergang desselben. Jedes Gewebe besitzt
erfahrungsgemäss nur gewisse Möglichkeiten und Grade der Vergrösserung,
innerhalb deren es im Stande ist, sich regelmässig zu conserviren; wird
dieser Grad, und namentlich schnell, überschritten, so sehen wir immer,
dass für das weitere Leben des Theiles Hindernisse erwachsen, und dass,
wenn der Prozess besonders acut von Statten geht, eine Schwächung des
Theiles bis zu vollständigem Vergehen desselben eintritt.
Vorgänge dieser Art bilden schon einen Theil jenes Gebietes, das man in
der gewöhnlichen Sprache der =Entzündung= zurechnet[160]. Eine Reihe von
entzündlichen Vorgängen stellt in ihrem ersten Anfange gar nichts
weiter dar, als eine vermehrte Aufnahme von Material in das Innere der
Zellen, welche ganz derjenigen ähnlich sieht, welche bei einer einfachen
Hypertrophie stattfindet. Wenn wir z. B. die Geschichte der Bright'schen
Krankheit in ihrem gewöhnlichen Verlaufe betrachten, so ergibt sich,
dass das Erste, was man überhaupt in einer solchen Niere wahrnehmen
kann, darin besteht, dass im Innern der gewundenen und im Uebrigen noch
ganz intacten Harnkanälchen der Rinde die einzelnen Epithelialzellen,
welche schon normal ziemlich gross sind, sich weiter vergrössern. Aber
sie werden nicht bloss sehr gross, sondern sie erscheinen auch zugleich
sehr trübe, indem in das Innere der Zellen überall eine reichlichere
Masse von eiweissartigem, körnigem Material eintritt. Das ganze
Harnkanälchen wird durch diese Schwellung der Zellen breiter, und es
erscheint schon für das blosse Auge als ein gewundener, weisslicher,
opaker Zug. Isoliren wir die einzelnen Zellen, was ziemlich schwierig
ist, da die Cohäsion derselben schon zu leiden pflegt, so sehen wir sie
erfüllt mit einer körnigen Masse, welche scheinbar nichts anderes
enthält, als dieselben Körnchen, die auch normal im Inneren der
Drüsenzellen vorhanden sind. Ihre Anhäufung wird um so dichter, je
energischer und acuter der Prozess vor sich geht; ja, allmählich wird
selbst der Kern undeutlich. Dieser Zustand von =trüber Schwellung=, wie
ich ihn genannt habe, ist an vielen gereizten Theilen der Ausdruck der
nutritiven Irritation. Er begleitet eine gewisse Form der sogenannten
Entzündung, und macht einen nicht geringen Theil desjenigen aus, was man
seit alten Zeiten als =Entzündungsgeschwulst= (Tumor inflammatorius)
bezeichnete.
[160] Archiv IV. 277, 314, 316.
[Illustration: =Fig=. 107. Abschnitt eines gewundenen Harnkanälchens aus
der Rinde der Niere bei Morbus Brightii. _a_ die ziemlich normalen
Epithelien, _b_ Zustand trüber Schwellung, _c_ beginnende fettige
Metamorphose und Zerfall. Bei _b_ und _c_ grössere Breite des Kanals.
Vergr. 300.]
Zwischen diesen schon degenerativen Vorgängen und der einfachen
Hypertrophie finden sich gar keine erkennbaren Grenzen. Wir können von
vornherein nicht sagen, wenn wir einen solchen vergrösserten, mit
reichlicherem Inhalte versehenen Theil antreffen, ob er sich noch
erhalten oder ob er zu Grunde gehen wird, und daher ist es für den
Anatomen, wenn er gar nichts über den Prozess weiss, durch den etwa eine
solche Veränderung eingetreten ist, in vielen Fällen ausserordentlich
schwierig, die einfache Hypertrophie von derjenigen Form der
entzündlichen Prozesse zu scheiden, welche wesentlich mit einer
Steigerung der Ernährungs-Aufnahme beginnt[161].
[161] Archiv 1852. IV. 263. (Aus einer Vorlesung von 1847).
Auch bei diesen Vorgängen ist es nicht wohl möglich, den einzelnen
Elementen die Fähigkeit abzustreiten, von sich aus auf eine Anregung,
die ihnen direct zukommt, eine vermehrte Stoff-Aufnahme stattfinden zu
lassen; mindestens widerstreitet es allen Erfahrungen, anzunehmen, dass
eine solche Aufnahme das Resultat einer besonderen Innervation sein
müsse. Nehmen wir einen nach allen Beobachtungen ganz nervenlosen Theil,
z. B. die Oberfläche eines Gelenkknorpels. Hier können wir, wie dies
schon vor einer Reihe von Jahren durch die schönen Experimente von
=Redfern= dargethan ist, durch direkte Reize Vergrösserungen der Zellen
hervorbringen. Dasselbe beobachtet man im spontanen Ablaufe
pathologischer Vorgänge. So zeigen sich nicht selten hügelartige
Erhebungen der Knorpel-Oberfläche; wenn wir solche Stellen mikroskopisch
untersuchen, so finden wir, wie ich in einem früheren Capitel an einem
Rippenknorpel zeigte (S. 26, Fig. 14), dass die Zellen, welche sonst
ganz feine, kleine, linsenförmige Körper darstellen, zu grossen, runden
Elementen anschwellen, und in dem Maasse, als sie mehr Material in sich
aufnehmen, ihre Grenzen hinausschieben, so dass endlich die ganze Stelle
sich höckerig über die Oberfläche erhebt. Nun gibt es aber in dem
Gelenkknorpel gar keine Nerven; die letzten Ausstrahlungen derselben
liegen in dem Marke des zunächst anstossenden Knochens, welches von der
gereizten Stelle der Oberfläche durch eine 1/2-1 Linie dicke, intacte
Zwischenlage von Knorpelgewebe getrennt sein kann. Es wäre nun gewiss
ausser aller Erfahrung, wenn man sich vorstellen sollte, dass ein Nerv
von dem Knochenmarke aus eine specielle Action auf diejenigen Zellen der
Oberfläche ausüben könne, welche der Punkt der Reizung gewesen sind,
ohne dass die zwischen dem Nerven und der gereizten Stelle gelegenen
Knochen- und Knorpelzellen gleichzeitig getroffen würden. Wenn wir
durch einen Knorpel einen Faden ziehen, so dass weiter nichts, als ein
traumatischer Reiz stattfindet, so sehen wir, wie alle Zellen, welche
dem Faden anliegen, sich vergrössern durch Aufnahme von mehr Material.
Die Reizung, welche der Faden hervorbringt, erstreckt sich nur bis auf
eine gewisse Entfernung in den Knorpel hinein, während die weiter
abliegenden Zellen durchaus unberührt bleiben. Solche Erfahrungen können
nicht anders gedeutet werden, als dass der Reiz in der That auf die
Theile einwirkt, welche er trifft; es ist unmöglich, zu schliessen, dass
er auf irgend einem, der Doctrin vielleicht mehr entsprechenden Wege
durch einen sensitiven Nerven zum Rückenmark geleitet und dann erst
wieder durch Reflex auf die Theile zurückgeleitet werde.
Freilich sind wenige Gewebe im Körper so vollständig nervenlos, wie der
Knorpel; allein auch dann, wenn man die nervenreichsten Theile verfolgt,
zeigt es sich überall, dass die Ausdehnung der Reizung oder, genauer
gesagt, die Ausdehnung des Reizungsheerdes keinesweges der Grösse eines
bestimmten Nerventerritoriums entspricht, sondern dass in einem sonst
normalen Gewebe die Grösse des Heerdes wesentlich correspondirt mit der
Ausdehnung der localen Reizung. Wenn wir das Experiment mit dem Faden an
der =Haut= machen, so wird durch denselben eine ganze Reihe von
Nerventerritorien durchschnitten. Es werden aber keinesweges die ganzen
Territorien der Nerven, welche an dem Faden liegen, in denselben
krankhaften Zustand versetzt, sondern die nutritive Reizung beschränkt
sich auf die nächste Umgebung des Fadens. Kein Chirurg erwartet bei
solchen Operationen, dass etwa alle Nerventerritorien, welche der Faden
kreuzt, in ihrer ganzen Ausdehnung erkranken. Ja, man würde sich in
hohem Grade über die Natur beklagen müssen, wenn jede Ligatur, jedes
Setaceum über die Grenzen, welche es zunächst berührt, hinaus auf die
ganze Ausbreitung der Nervenbezirke, welche es durchsetzt, einen
Entzündung erregenden Einfluss ausübte. An der =Hornhaut= lässt sich
dies Verhältniss sehr klar verfolgen: an Stellen, wo keine Gefässe mehr
hinreichen, liegen noch Nerven; sie besitzen eine netzförmige Anordnung
und lassen kleinere Gewebsbezirke zwischen sich, welche frei von Nerven
sind. Wenden wir nun irgend ein Reizmittel direkt auf die Hornhaut an,
z. B. eine glühende Nadel oder Lapis infernalis, so entspricht der
Bezirk, welcher dadurch in krankhafte Thätigkeit versetzt wird,
keinesweges einer Nervenausbreitung. Es kam einmal vor, als Hr.
=Friedr=. =Strube= unter meiner Anleitung seine Untersuchungen über die
Hornhaut machte[162], dass die Aetzung bei einem Kaninchen gerade einen
stärkeren Nervenfaden traf, allein die Erkrankung fand sich nur in der
nächsten Umgebung dieser Stelle, keinesweges im ganzen Gebiete des
Nerven.
[162] =Fr=. =Strube.= Der normale Bau der Cornea und die
pathologischen Abweichungen in demselben. Inaug. Diss. Würzb.
1851. S. 23.
Man kann also, auch wenn man Erfahrungen, wie ich sie vom Knorpel
angeführt habe, nicht gelten lassen will, durchaus nicht umhin,
zuzugeben, dass die Erscheinungen der Reizung an nervenhaltigen Theilen
keine anderen sind, als an nervenlosen, und dass der nächste Effect
wesentlich darauf beruht, dass die umliegenden Elemente sich
vergrössern, anschwellen, und wenn es ihrer viele sind, dadurch eine
Geschwulst des ganzen Theiles entsteht. Das ist es, was man beobachtet,
wenn man irgendwo einen Ligaturfaden durch die Haut hindurchzieht.
Untersucht man am folgenden Tage die nächste Umgebung des Fadens, so
sieht man die active Vergrösserung der zelligen Elemente, ganz
unbeschadet der Gefäss- oder Nervenverbreitungen, welche vorhanden sind.
Es liegt hier, wie man sieht, ein wesentlicher Unterschied vor von
denjenigen Ansichten, welche man gewöhnlich über die nächsten
Bedingungen dieser Schwellungen aufgestellt hatte. Nach dem alten Satze:
Ubi stimulus, ibi affluxus, dachte man sich gewöhnlich, dass das
Nächste, welches einträte, die vermehrte Zuströmung des Blutes sei,
welche von den Neuropathologen wieder zurückgeführt wurde auf die
Erregung sensitiver Nerven, und dass dann die unmittelbare Folge der
vermehrten Zuströmung eine vermehrte Ausscheidung von Flüssigkeit sei,
welche das Exsudat constituire, das den Theil erfüllt.
In den ersten schüchternen Versuchen, welche ich machte, diese
Auffassung zu ändern, habe ich deshalb auch noch den Ausdruck des
=parenchymatösen Exsudates= gebraucht[163]. Ich hatte mich nehmlich
überzeugt, dass an vielen Stellen, wo eine Schwellung erfolgt war,
absolut nichts weiter zu sehen war, als die bekannten Theile des
Gewebes (Parenchym). An einem Gewebe, welches aus Zellen besteht, sah
ich auch nach der Schwellung (Exsudation) nur Zellen, an Geweben mit
Zellen und Intercellularsubstanz nur Zellen und Intercellularsubstanz,
-- die einzelnen Elemente allerdings grösser, voller, mit einer Menge
von Stoff erfüllt, mit welcher sie nicht hätten erfüllt sein sollen,
aber kein Exsudat in der Weise, wie man sich dasselbe bis dahin dachte,
frei oder in den Zwischenräumen des Gewebes. Alle Masse war innerhalb
der Elemente, im eigentlichen Parenchym des Organes enthalten. Das war
es, was ich mit dem Ausdrucke des parenchymatösen Exsudates sagen
wollte, und wovon ich den Namen der parenchymatösen Entzündung
ableitete. Allerdings ist dieser Name schon vor mir gebraucht worden,
aber in einem anderen Sinne, als der war, den ich meinte, und der
seitdem gangbarer geworden ist, als es nothwendig war. Ich sprach von
Exsudat, insofern damals (1846) alle im Laufe krankhafter Vorgänge an
die Oberfläche oder in das Innere der Theile tretenden Stoffe unter
diesem Namen zusammengefasst wurden. Indess schon sehr frühzeitig führte
ich diese Art der Exsudate auf Abweichungen der Ernährungsströme
(Osmose) zurück. Nachdem ich später die nutritive Activität der
organischen Elemente, die Ansaugung der Flüssigkeiten durch die Zellen
als das Entscheidende kennen gelernt hatte, erschien der Ausdruck
Exsudat allerdings ganz ungenau, und ich habe längst aufgehört, ihn für
diese Zustände zu gebrauchen. =Parenchymatöse Schwellung= drückt das
Besondere derselben vollständig aus. Dieser Ausdruck besagt, dass eine
besondere Form der Reizung besteht, welche von anderen Formen bestimmt
unterschieden werden muss, insofern hier die einmal gegebenen
constituirenden Elemente des Gewebes eine grössere Masse von Stoff in
sich aufnehmen, sich dadurch vergrössern und anschwellen, während
ausserhalb dieser vergrösserten Elemente weiter nichts vorhanden ist. Es
handelt sich dabei also um eine Art von =acuter Hypertrophie mit Neigung
zur Degeneration=.
[163] Archiv IV. 261, 274.
Ein besonderes charakteristisches Beispiel solcher Entzündung mag
folgender Fall zeigen. Es war dies eines der auffälligsten Beispiele,
welche mir vorgekommen sind. Es handelte sich dabei um eine sogenannte
Keratitis. Bei einem Kranken des Herrn =von Gräfe= fand nach heftiger
diffuser phlegmonöser Entzündung der Extremitäten eine äusserst
schnelle entzündliche Trübung der Hornhaut statt. Als mir die Hornhaut
übergeben wurde, schien es mir, als ob sie in ihrer ganzen Dicke
undurchsichtig und geschwollen wäre. Die Gefässe des Randes waren stark
mit Blut gefüllt. Als ich aber die Hornhaut durch einen senkrechten
Schnitt in zwei Hälften zerlegte, und parallel der Schnittfläche
verticale Durchschnitte führte, so ergab sich alsbald, schon bei
schwacher Vergrösserung, dass die Trübung keinesweges gleichmässig durch
die ganze Ausdehnung der Hornhautschnitte ging, sondern sich auf eine
bestimmte Zone beschränkte. Diese Zone ist so charakteristisch in
Beziehung auf die verschiedenen möglichen Deutungen, dass der Fall, wie
ich glaube, ein ganz besonderes Interesse für die Prüfung der Theorie
darbietet.
[Illustration: =Fig=. 108. Parenchymatöse Keratitis. Durchschnitt durch
die Hälfte der Cornea. _A_, _A_ vordere (äussere), _B_, _B_ hintere
(innere) Seite der Hornhaut. _C_, _C_ die getrübte Zone mit
vergrösserten Hornhautkörperchen. Vergr. 18.]
Es zeigte sich nämlich, dass die Trübung unmittelbar vom Rande der
Hornhaut begann, und zwar nur an der hinteren (inneren) Seite, dicht an
der Descemetschen Haut, da wo sich die Iris anschliesst. Von da stieg
die Trübung fast treppenförmig in dem Hornhautschnitt nach vorne hinauf
bis in einige Entfernung von der äusseren Oberfläche. Ohne letztere zu
erreichen, ging sie gleichmässig bis zur Mitte der Hornhaut fort, um auf
der anderen Seite in ähnlicher Weise wieder herunterzugehen. So bildete
sich ein trüber Bogen durch die ganze Ausdehnung des Hornhautschnittes
hindurch, welcher die äussere (vordere) Oberfläche nirgends erreichte
und auch die mittleren Theile der hinteren Fläche frei liess. Denkt man
sich die Ernährung der Hornhaut ausgehend vom Humor aqueus, so passt
diese Form der Trübung nicht, denn man müsste vielmehr erwarten, dass
dann zunächst die (innerste) hinterste Schicht in ihrer ganzen
Ausdehnung verändert würde.[164] Handelte es sich umgekehrt um eine
Einwirkung von aussen, so müsste die Trübung in den äussersten Schichten
liegen. Hinge die Trübung wesentlich ab von den Gefässen, so würden wir,
da die Gefässe nur am Rande und mehr an der vorderen Fläche liegen, hier
die Haupt-Erkrankung haben erwarten können. Gingen endlich die
Veränderungen von den Nerven aus, so würden wir eine netzförmige
Verbreitung, aber nicht einen Bogen in dem Durchschnitt finden.
[164] Archiv IV. 285. XIV. 53.
Den Bau der Hornhaut habe ich schon früher (S. 125) besprochen. Ich
führte an, dass er im Allgemeinen blätterig (lamellös) sei, dass aber
die Blätter nicht wirklich getrennt seien, sondern vielmehr unter
einander zusammenhingen, indem eine überall continuirliche Grund- oder
Intercellularsubstanz durch regelmässige Lagen von Zellen
(Hornhautkörperchen) in parallele Schichten abgetheilt würde. Der
vorliegende Fall zeigt also auch darin eine Besonderheit, dass die
Trübung nicht in denselben Schichten (Blättern, Lamellen) blieb, sondern
dass sie, indem sie sich von einem Blatte zum anderen fortsetzte, eines
nach dem anderen wieder verliess, um in das nächst höhere oder tiefere
fortzugehen. Woraus bestand nun aber die, zugleich mit Anschwellung der
Hornhaut verbundene Trübung oder kurzweg, die =trübe Schwellung=? Etwa
in der Art, wie man sich dies früher meist vorstellte, aus einem
zwischen die Hornhautblätter ergossenen, einem sogenannten
interstitiellen Exsudate? Im Gegentheil, bei stärkerer Vergrösserung
zeigte sich sofort, was man übrigens bei jeder Form von Keratitis
constatiren kann, dass die Veränderung wesentlich an den Körpern oder
Zellen der Hornhaut bestand. In dem Maasse, als man sich von aussen oder
innen her der getrübten Stelle näherte, sah man die kleinen und schmalen
Elemente der normalen Theile immer grösser und trüber werden. Zuletzt
fanden sich an ihrer Stelle starke, fast kanalartige Züge oder
Schläuche. Während diese Vergrösserung der Elemente, diese, wie gesagt,
=acute Hypertrophie= erfolgt, wird zugleich der Inhalt der Zellen
trüber, und diese Opacität des Inhaltes ist es, welche wiederum die
Trübung der ganzen Haut bedingt. Die eigentliche Grund- oder
Intercellularsubstanz kann dabei vollkommen frei sein. Die Trübung
hinwiederum war durch die Anwesenheit feiner Körnchen bedingt, welche
zum Theil fettiger Natur waren, so dass der Prozess schon einen
degenerativen Charakter anzunehmen schien. Ich würde auch gar kein
Bedenken getragen haben, zu glauben, dass hier eine Zerstörung der
Hornhaut wirklich eingeleitet war, allein Herr =von Gräfe=[165]
versicherte mich, dass nach seiner Erfahrung eine solche Keratitis sich
bei glücklichem Verlaufe wieder zurückbilden könne. In der Sache liegt
auch durchaus nichts, was dieser Möglichkeit widerstreitet; da die
Zellen noch existiren und nur ihr veränderter Inhalt durch Resolution
und Resorption weggeschafft werden muss, so kann ja eine vollständige
Restitution eintreten.
[165] A. v. =Gräfe= gehörte im Jahre 1858, als ich diese Vorträge
hielt, zu meinen fleissigsten Zuhörern. Ich war ebenso überrascht,
als gerührt, als ich in diesen Tagen in einem Exemplare der
Cellular-Pathologie aus seinem Nachlasse noch die von seiner Hand
geschriebenen Notizen fand, in denen er den Gang der Vorträge für
sich verzeichnet hatte.
[Illustration: =Fig=. 109. Parenchymatöse Keratitis (vergl. Fig. 108)
bei stärkerer Vergrösserung. Bei _A_ die Hornhautkörperchen in fast
normaler Weise, bei _B_ vergrössert, bei _C_ und _D_ noch stärker
vergrössert und zugleich getrübt. Vergröss. 350.]
Gerade dieser Gesichtspunkt der =einfach nutritiven
Restitutionsfähigkeit= so veränderter Gewebe ist es, der für die
praktische Auffassung eine sehr grosse Bedeutung hat. Hier, wo weiter
nichts vorgegangen ist, als dass die Elemente vermöge ihrer Activität
eine grössere Masse von Stoff in sich aufgehäuft haben, hier kann
möglicher Weise auch der Ueberschuss von Stoff wieder entfernt werden,
ohne dass die Elemente angegriffen werden. Die Elemente können einen
Theil dieses Inhaltes umsetzen, in lösliche Stoffe verwandeln
(Resolution), und das Material kann in dieser löslichen Form auf
demselben Wege, auf dem es gekommen, wieder verschwinden (Resorption).
Die Structur des Gewebes im Grossen bleibt dabei dieselbe; es ist nichts
Neues oder Fremdartiges zwischen die Theile eingeschoben; das Gewebe
bleibt in seiner natürlichen Anlage und in seiner ursprünglichen
Zusammensetzung unverändert.