ist, die Grenzen zwischen den automatischen und den osmotischen
Veränderungen zu ziehen, so wird man begreifen, mit welchen
Schwierigkeiten das Studium dieser Phänomene umgeben ist. Auch eine
blosse =Schrumpfung durch Exosmose= oder =Schwellung durch Endosmose=,
also ganz physikalische Acte ohne alle Beziehung zum Leben, kann unter
Umständen vorkommen, wo sie den Eindruck der Freiwilligkeit und selbst
der Absichtlichkeit macht. Umgekehrt wieder sind wir bei vielen
automatischen Acten in der That ganz ausser Stande, zu erkennen, ob eine
Absicht bestand, ob der Vorgang auf einer Erregung beruhte, ob demnach
das Element selbst ein reizbares ist und ob der automatische Vorgang als
ein Beweis der Irritabilität der Zelle angesehen werden darf. In dieser
Beziehung haben wir jedoch zwei bestimmte Anhaltspunkte: zunächst den
Nachweis, der zuerst bei den automatischen Pigmentzellen der Froschhaut
geführt wurde, dass die Veränderungen unter dem Nerveneinflusse stehen;
sodann die Thatsache, dass wir durch stärkere Reizmittel, wie
Elektricität, Wärme, Licht, chemische Substanzen automatische Vorgänge
hervorzurufen vermögen. So hat noch kürzlich wieder =Rollett= die
Beobachtung W. =Kühne='s bestätigt, dass die Hornhautkörperchen sich auf
elektrische Schläge zusammenziehen.
Handelte es sich bei diesen Vorgängen nur um befestigte (fixe) Elemente
der Gewebe, so könnte man vielleicht glauben, es werde bei weiterer
Forschung gelingen, überall einen Zusammenhang derselben mit Nerven
aufzufinden. Aber das Vorhandensein automatischer Eigenschaften an losen
und in Flüssigkeiten befindlichen (infusoriellen) Zellen überhebt uns in
dieser Beziehung einer jeden Sorge. Wie schon erwähnt (S. 189), hat
=Wharton Jones= zuerst an den farblosen Blutkörperchen solche Vorgänge
beobachtet. Damit war für Jedermann, der lernen wollte, der Beweis
geliefert, dass es sich um einfache Zellen-Eigenschaften handelte.
Später hat dann v. =Recklinghausen= in der Hornhaut und im Bindegewebe
neben den fixen Elementen auch bewegliche wahrgenommen und zuerst
festgestellt, dass dieselben wirkliche Ortsveränderungen vornehmen, also
wahre =Wanderzellen= sind.
Die von =Waller= und =Cohnheim= gefundene (S. 189) Thatsache, dass die
farblosen Blutkörperchen nicht bloss ihre Gestalt verändern, sondern
auch die Fähigkeit der Ortsveränderung besitzen, so dass sie selbst die
Gefässe verlassen und auf Oberflächen und in Gewebe des Körpers
auswandern, hat es in hohem Maasse erschwert zu erkennen, ob gewisse
mobile Elemente, welche sich im Inneren von Geweben finden, in dieselben
eingedrungene farblose Blutkörperchen oder =mobilisirte= Elemente des
Gewebes selbst sind. So ist eine grosse Verwirrung in der Interpretation
der Thatsachen entstanden, und es ist in der That in vielen Fällen noch
jetzt ganz unmöglich, genau festzustellen, wofür man sich entscheiden
soll. Jeder Einzelne urtheilt unter solchen Verhältnissen mehr nach der
von ihm angenommenen Formel, als nach der wirklichen Beobachtung. Meiner
Erfahrung nach ist es irrig, eine einzige Formel als richtig anzunehmen.
Sowohl im Bindegewebe, als in jungen Epitheliallagen können vorher
befestigte Zellen mobilisirt und ebenso vorher mobile Zellen fixirt
werden. Die Mobilisirung geschieht in Folge von Reizung, und insofern
hat man ein Recht, auch diesen Act als eine Wirkung der Reizbarkeit der
Zellen anzusehen.
Die Gewebselemente des menschlichen Körpers, welche einer Mobilisirung
unterliegen, gehören, abgesehen von den lymphatischen und Blutzellen,
ausschliesslich der Gruppe der bindegewebigen und epithelialen
Formationen an. Für viele dieser Elemente ist mit dieser Erkenntniss
erst die Möglichkeit gegeben, ihnen überhaupt eine Function in dem
strengen Sinne des Wortes zuzuschreiben. Nach ihrer Mobilisirung
verhalten sie sich, wie die Amoebe und andere ähnliche Sonderorganismen,
die =Häckel= in der Klasse der =Moneren= vereinigt hat. Sie erscheinen
als vollständig individualisirte, wenigstens zeitweise gänzlich freie
und abgesonderte Körper, welche den Gedanken der Zellen-Individualität
im höchsten Maasse veranschaulichen.
Es ist endlich noch eine besondere Eigenschaft zu besprechen, welche aus
dem bisher mitgetheilten als eine einfache Consequenz folgt; das ist die
=Voracität= dieser Elemente (S. 101, 189). Sie »fressen« allerlei Dinge,
auch vollständig unverdauliche und nicht assimilirbare. Auch in dieser
Beziehung gleichen sie vielen niederen Organismen. Namentlich durch
=Ehrenberg= waren die sogenannten Färbungen der Infusorien mit
Farbstofftheilchen, namentlich mit Indigo und Carmin in Gebrauch
gekommen; es sollte damit gezeigt werden, dass diese »Thiere« Mund,
Magen und After besässen, also eine vollkommene Organisation hätten.
Genauere Beobachtungen haben auch für die Infusorien gelehrt, dass
diese Argumentation falsch war; sie haben im Gegentheil gezeigt, dass
manche Wesen an jeder beliebigen Stelle ihrer Oberfläche andere Körper
aufnehmen, in ihr Inneres pressen und, in verschiedener Weise verändert,
wieder auswerfen können, ohne dass sie Mund, Magen oder After besitzen.
Für die Lehre vom Menschen trat diese Frage zuerst in einer
entscheidenden Weise in den Vordergrund bei Gelegenheit der sogenannten
=blutkörperchenhaltigen= Zellen. Schon als ich meine ersten
Beobachtungen über die Entstehung der pathologischen Pigmente
veröffentlichte[152], musste ich mich gegen die damals von =Kölliker=
und =Ecker= vertheidigte Hypothese erklären, welche dahin ging, dass
unter gewissen Verhältnissen Haufen von Blutkörperchen sich
zusammenballten und daraus Zellen entständen. Andererseits hatten
=Rokitansky= und =Engel= für pathologische, =Gerlach= und =Schaffner=
für physiologische Verhältnisse die Möglichkeit aufgestellt, dass in
gewöhnlichen Zellen nachträglich eine Neubildung von rothen
Blutkörperchen stattfinde, dass also diese Zellen Mutterzellen für Blut
darstellten. Ich wies nach[153], dass es sich hier um das Eindringen
präexistirender Blutkörperchen in präexistirende Zellen, also um
keinerlei Art von Neubildung, sondern nur um die Incorporirung von
Blutkörperchen in andere Zellen handle, und da diese Zellen, wenigstens
zum Theil, persistiren und aus den Blutkörperchen Pigment hervorgeht, um
eine secundäre Pigmentbildung in Gewebselementen. Obwohl ich schon
damals auf die Analogie dieser Vorgänge mit dem »Fressen« der mundlosen
Infusorien hinwies, so hielt ich doch das Eindringen der Blutkörperchen
in die Zellen für einen mechanischen Act, welcher durch die Gewalt des
extravasirenden Blutes hervorgebracht werde. Ich dachte mir, dass das
aus Gefässrupturen austretende Blut durch Rupturen der Wand in Zellen
eindringe und hier liegen bleibe.
[152] Archiv 1847. I. 381, 451.
[153] Archiv 1852. IV. 515. 1853 V. 405.
Erst =Preyer= hat bei direkter Beobachtung unter dem Mikroskop gefunden,
dass manche bewegliche Zellen, z. B. farblose Blutkörperchen, unter
Umständen rothe Blutkörperchen umfassen, in ihr Inneres hineinpressen
und in sich aufnehmen. In besonders ausgezeichneter Weise ist später
dargethan worden, dass dieselben Farbstoffkörner, welche die Infusorien
»fressen«, von farblosen Blutkörperchen und anderen Zellen gleichfalls
aufgenommen werden: Indigo, Carmin, Zinnober werden auf diese Weise
incorporirt, und manche Zellen zeigen eine ungemein grosse Gefrässigkeit
für derartige fremde, gleichviel ob verdauliche und veränderliche oder
unverdauliche und unveränderliche Körper. Kohlenstückchen werden auf
diese Weise von Schleimkörperchen der Luftwege mit grosser Leichtigkeit
aufgenommen (S. 15, Fig. 8, _B b_).
Dass es sich bei diesem »Fressen« nicht einfach um Ernährung handelt,
habe ich schon früher bemerkt (S. 101). Aber ich muss auch davor warnen,
jedes Eindringen von fremden Körpern in das Innere von Zellen als das
Resultat automatischer Bewegungen anzusehen. Unzweifelhaft gibt es auch
Incorporirungen fremder Körper, wobei das incorporirende Element sich
ganz passiv verhält. Ein mikroskopisches Kohlensplitterchen kann vermöge
der Schärfe und Spitzigkeit seiner Ecken gewiss ebenso gut in eine Zelle
hineindringen, wie ein scharfes Instrument in den Körper. Kleine
Entozoen und Pilze dringen vermöge ihrer eigenen Thätigkeit, mag diese
nun in selbständigen Bewegungen, oder in fortschreitendem Wachsthum und
Absorption entgegenstehender Widerstände beruhen, in das Innere von
Gewebselementen ein; ja sie können dieselben gänzlich erfüllen und die
specifische Substanz verdrängen oder aufzehren. Wir wissen dies nicht
nur von den Trichinen, welche in Muskelfasern einwandern, sondern auch
von Pilzen und Vibrionen, die in pflanzliche und thierische Zellen
eindringen und sich darin vermehren.
Diese Anführungen werden genügen, um zur Vorsicht in der Deutung der
Beobachtungen aufzufordern. Veränderungen, welche dem Anscheine nach
vollständig unter einander übereinstimmen, kommen auf ganz verschiedene
Weise zu Stande. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bleiben, dass die
Voracität der Elemente, gleich der Migration und dem Polymorphismus
derselben, als Ergebniss ihrer Thätigkeit und als Merkmal ihrer
Irritabilität wirklich existirt. Alle diese Erscheinungen gehören
demselben Gebiete an, -- einem Gebiete, welches ich mit dem Namen des
=Automatismus= bezeichne, und dessen Kenntniss vielleicht als das
wichtigste Ergebniss der auf das Einzelleben bezüglichen Forschungen der
Neuzeit bezeichnet werden darf. Die Zahl der functionell activen
Elemente des Körpers ist dadurch auf das Aeusserste vermehrt worden.
Auch auf diesem Gebiete, wie auf dem aller anderen functionellen Theile,
beschränkt sich die pathologische Störung auf das Quantitative. Nirgends
gibt es qualitative Abweichungen. Die Function ist da oder sie ist nicht
da; ist sie da, so ist sie entweder verstärkt oder geschwächt. Das gibt
die drei Grundformen der Störung: =Mangel= (=Defect=), =Schwächung= und
=Verstärkung der Function=. Eine andere Function, als die
physiologische, wohnt auch unter den grössten pathologischen Störungen
keinem Elemente des Körpers bei. Der Muskel empfindet nicht, der Nerv
bewegt keinen Knochen, der Knorpel denkt nicht. Auch hier ist es nur die
oft höchst sonderbare und complicirte Synergie verschiedener Theile oder
gar die Combination activer und passiver Zustände, welche eine scheinbar
quantitative Abweichung ergeben. Aber eine wissenschaftliche Analyse
wird und muss jedesmal ergeben, dass auch die ungewöhnlichste Krankheit
keine neue Form, keine eigentliche Heterologie der Function mit sich
bringt.
Sechzehntes Capitel.
Nutritive und formative Reizung. Neubildung und Entzündung.
Nutritive Reizbarkeit. Genauere Definition der Ernährung.
Hypertrophie und Hyperplasie. Atrophie, Aplasie und Nekrobiose als
Formen des Schwundes (Phthisis): regressive Processe. Wesen der
Ernährung: Aufnahme und Aneignung der Stoffe durch eigene
Thätigkeit. Crudität und Assimilation. Fixirung der Stoffe:
Gegensatz zu todten und schlecht ernährten Theilen; Resorption und
Kachexie. Gute Ernährung. Strictum et laxum, Tonus und Atonie,
Kraft und Schwäche. Turgor vitalis. Nutritive Reize: trophische
Nerven. Krankhafte Hypertrophie: parenchymatöse Entzündung; trübe
Schwellung. Niere, Knorpel, Haut, Hornhaut. Die neuropathologische
und die humoralpathologische Doctrin. Parenchymatöse Schwellung.
Nutritive Restitution und Nekrobiose. Stadien der parenchymatösen
Entzündung. Active Natur dieses Processes.
Formative Reizbarkeit. Theilung der Kernkörperchen und Kerne
(Nucleation): vielkernige Elemente, Riesenzellen (Knochenmark,
Myeloidgeschwulst, lymphatische Neubildungen). Formative
Muskelreizung im Vergleich zum Muskelwachsthum. Neubildung der
Zellen durch Theilung (fissipare Cellulation): Knorpel, epitheliale
und bindegewebige Neubildung. Wucherung (Proliferation).
Auswanderung der farblosen Blutkörperchen und aus ihnen
hervorgehende Organisation. Die plastischen (histogenetischen)
Stoffe; der Bildungstrieb. Negation der extracellulären Neubildung
und der Bildungsstoffe. Die Neubildung als Thätigkeit der Zellen.
Formative Reize. Die humoralpathologische und neuropathologische
Doctrin.
Entzündliche Reizung, Entzündung. Neuroparalytische Entzündung
(Vagus, Trigeminus); Lepra anaesthetica. Prädisposition und
neurotische Atrophie. Die Entzündung als Collectivvorgang.
Während die functionelle Reizbarkeit, deren Wirkungen wir im vorigen
Capitel besprochen haben, den Lieblingsgegenstand der Studien unserer
Physiologen darstellt und daher im Laufe der letzten Jahrzehnte fast
ausschliesslich von ihnen verfolgt worden ist, so ist das Gebiet der
=nutritiven Reizbarkeit= noch gegenwärtig vielmehr der pathologischen
Untersuchung vorbehalten geblieben, und manche sehr wichtige Seite der
Betrachtung hat sich deshalb lange der allgemeinen Aufmerksamkeit
entzogen. Es war dies der Grund, weshalb ich schon früher, im fünften
und sechsten Capitel, die Ernährung zum Gegenstande einer besonderen
Erörterung gemacht habe. Auf diese Erörterung kann ich mich hier
beziehen. Man wird danach leicht ersehen, dass ich unter der Bezeichnung
der nutritiven Reizbarkeit die Fähigkeit der einzelnen Theile verstehe,
auf bestimmte Erregungen mehr oder weniger viel Stoff in sich
aufzunehmen und festzuhalten. Ich kann sogleich hinzusetzen, dass mit
einer solchen vermehrten Aufnahme in das Innere der Elemente die
wichtigsten jener Prozesse beginnen, welche das Gebiet der
pathologischen Anatomie ausmachen.
Ein Theil, der sich ernährt, kann sich dabei entweder beschränken auf
die einfache Erhaltung seiner Masse, oder er kann, wie wir besonders in
pathologischen Fällen sehen, eine grössere oder geringere Masse von
Material in sich aufnehmen, als im gewöhnlichen Laufe der Dinge
geschehen wäre. In welcher Weise oder in welcher Masse aber auch die
Aufnahme erfolgen mag, so bleibt doch die Zahl der histologischen
Elemente vor und nach einer bloss nutritiven Erregung sich gleich.
Dadurch unterscheidet sich die einfache Hypertrophie von der Hyperplasie
(numerischen oder adjunctiven Hypertrophie), mit welcher sie im äusseren
Effect oft eine so grosse Aehnlichkeit hat (S. 90, Fig. 29, _B_). Solche
einfache Hypertrophien beobachten wir an den Muskeln, den Nerven (S.
275), den Epithelien, insbesondere den Drüsenzellen, den Zellen des
Bindegewebes, am häufigsten des Fettgewebes. Eine Steigerung der
natürlichen, =adäquaten= Reize bedingt sehr leicht eine derartige
Vergrösserung der Elemente. Ein Muskel, der gegen grössere Widerstände
zu arbeiten hat, bekommt dickere Primitivbündel; das Epithel einer
Niere, welche mehr Harnstoff abzusondern hat, vergrössert sich. Daher
haben diese Hypertrophien häufig eine =compensatorische= Bedeutung. Das
Herz wird hypertrophisch, wenn die arterielle Blutbahn kleiner wird; die
eine Niere wird hypertrophisch, wenn die andere schrumpft.
Ebenso unterscheidet sich die einfache =Atrophie= sowohl von der
Aplasie, der ursprünglichen Mangelhaftigkeit in der Bildung einzelner
Theile, als auch von der Nekrobiose (numerischen oder degenerativen
Atrophie), welche eine wirkliche Zerstörung und Detritusbildung bedingt
(S. 335). Seit alter Zeit hat man diese drei, in sich verschiedenen
Zustände ganz gewöhnlich unter demselben Namen zusammengefasst: die
Bezeichnung des =Schwundes= oder der =Schwindsucht= (Phthisis, Phthoe,
Tabes), obwohl häufiger in dem Sinne eines allgemeinen, den ganzen
Körper betreffenden Prozesses angewendet, hat doch bis in die neueste
Zeit auch als Ausdruck für locale Prozesse gedient, z. B. Phthisis
bulbi, testiculi. Will man sich jedoch das Verständniss der krankhaften
Vorgänge sichern, so muss man nothwendig die drei Vorgänge aus einander
halten[154]. Denn es liegt auf der Hand, dass eine mangelhafte Bildung
und Entwickelung ganz andere Bedingungen und ein ganz anderes Wesen hat,
als eine mangelhafte Erhaltung eines im Uebrigen regelmässig gebildeten
und entwickelten Theiles. Letztere stellt immer einen =Rückgang=
(regressiven Prozess) dar. Insofern stimmt sie überein mit der
Nekrobiose, welche den Rückgang in seiner schlimmsten Form ausdrückt.
Aber die Nekrobiose ist eine Art des örtlichen Sterbens; der davon
befallene Theil stirbt definitiv ab, und er kann nur wieder ersetzt
werden durch einen regenerativen Prozess der Neubildung, während der
atrophische Theil trotz seines verschlechterten Zustandes persistirt,
sich erhält und bei Verbesserung dieses Zustandes im Wege der einfachen
Ernährung reparirt oder =restaurirt= wird. Derselbe Theil, oder sagen
wir noch genauer, dasselbe Element kann im Laufe der Zeit in immer
wechselnder Weise bald normal ernährt werden, bald atrophisch und
hypertrophisch werden, wie das Beispiel der Muskeln vortrefflich lehrt.
Grundbedingung ist jedoch, dass das Element überhaupt vorhanden ist und
dass trotz alles Wechsels die erhaltende Thätigkeit nicht aufhört.
[154] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 304.
Die wahre Ernährung ist also unter allen Verhältnissen auf die Erhaltung
des Theils gerichtet, und begreiflicherweise kann sie nur ein Mehr oder
Weniger normaler Vorgänge darstellen. Sie besteht nicht etwa in einer
blossen Aufnahme, auch nicht in einem blossen Stoffwechsel, der sich aus
Aufnahme und Abgabe zusammensetzt, sondern ganz wesentlich in der
=Aneignung= der Stoffe. Bei letzterer ist wiederum zweierlei zu
unterscheiden. Zunächst die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die
besondere Substanz des Parenchyms, die sogenannte =Assimilation=. Wenn
wir in der Nahrung auch die mannichfaltigsten Stoffe, selbst
Parenchymsubstanz geniessen, so gelangen doch höchstens das Wasser und
einige Stoffe von mehr indifferenter Art, niemals die specifische
Parenchymsubstanz als solche vollständig präparirt vom Magen oder vom
Blute aus in die Gewebe[155]. Es genügt nicht, Blutwurst zu essen, um
Blutkörperchen zu erzeugen, oder Hühnereier, um Markstoff in die Nerven
absetzen zu lassen; ehe aus Fleisch wieder Fleisch, aus genossener Leber
wieder Leber wird, müssen die daraus entstandenen Verdauungsstoffe
(Peptone) erst wieder einer chemischen Umsetzung unterliegen, und die
Ernährungs-=Thätigkeit= besteht gerade zu einem wesentlichen Theile
darin, dass die in noch =crudem= Zustande aufgenommene Substanz in
wirkliche Gewebssubstanz umgewandelt wird. Dies kann ganz und gar
innerhalb der Zellen geschehen; sehr häufig, insbesondere bei allen mit
Intercellularsubstanz versehenen Geweben, ist die Assimilation erst
vollendet, wenn die neu entstandene Substanz in die Umgebung der Zellen
=abgesondert= ist. Bindegewebe (leimgebendes Gewebe) kann nicht einfach
dadurch restaurirt werden, dass wir Leim, etwa in Form einer Brühe,
geniessen. Dieser Leim geht, wie das genossene Eiweiss, zum grösseren
Theile in Harnstoff über, ohne wieder zu eigentlichem Gewebsmaterial
verwendet zu sein. Die Ernährung der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
haben wir uns vielmehr so zu denken, dass aus einem Theile der Peptone
neues Bluteiweiss gebildet wird, dass sodann von diesem ein Theil in die
Bindegewebskörperchen aufgenommen und umgesetzt wird, und dass endlich
dieser umgesetzte, leimartige Stoff aus den Körperchen in die
Intercellularsubstanz ausgeschieden wird. Die assimilirende Thätigkeit
ist daher keineswegs eine so einfache, wie man sie sich häufig denkt.
[155] Vgl. meinen Vortrag über Nahrung- und Genussmittel (Sammlung
gemeinverst. wiss. Vorträge Serie II. Heft 48. S. 22. Berlin
1868.)
Zweitens gehört jedoch zu der Ernährung die =Fixirung= der aufgenommenen
und assimilirten Stoffe. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, diese
Stoffe an dem Orte, wohin sie zur Bewahrung des Status quo gehören, auch
festzuhalten, sie dem Spiele des Stoffwechsels, insbesondere der
Exosmose zu entziehen. Hämoglobin ist eine in Wasser lösliche Substanz.
Es genügt, Blutkörperchen in eine grosse Menge von Wasser zu versetzen,
um sie auf dem Wege der Exosmose gänzlich »auszulaugen«. Dass eine
ähnliche Auslaugung nicht schon durch das Blutwasser (Liquor sanguinis)
geschehe, wird nicht bloss durch die concentrirtere Mischung desselben
gehindert, sondern auch durch die Constitution der lebenden
Blutkörperchen selbst. =Rollett= hat gezeigt, dass man durch Frost in
kürzester Zeit die Blutkörperchen in dem gewöhnlichen Blutwasser zur
vollständigsten Auslaugung bringen kann. Dasselbe geschieht auch im
Körper überall, wo die Blutkörperchen absterben; die todten Körperchen
lassen das Blutroth fahren, und dieses vertheilt sich alsbald mit dem
Blutwasser in die umgebenden Theile. So entstehen die cadaverösen
Färbungen der Leichen und die eigenthümlichen Farben des Brandes beim
Lebenden; so kommen jene sonderbaren Entfärbungen der Blutkörperchen in
Extravasaten und Thromben zu Stande, welche wir früher besprochen haben
(S. 240, Fig. 79, _C_).
Wenn der Blutfarbstoff eben seiner Farbe wegen ein besonders günstiges
Object für diese Betrachtung ist, so haben wir ein anderes, welches
wegen der grossen Häufigkeit und der bedeutenden Wirkungen seiner
Exosmose der Aufmerksamkeit in noch weit höherem Maasse würdig ist. Das
ist das Wasser. Bei Gelegenheit einer Erörterung der käsigen
Metamorphose habe ich die Frage des Stoffwechsels im Todten des Weiteren
besprochen[156] und namentlich auch den schnellen Wasserverlust
hervorgehoben, von welchem todte Theile im Körper betroffen werden (S.
220). Das Welken der Blätter, die Krustenbildung und Mumification
äusserer, die Schrumpfung, der Collapsus innerer thierischer Theile,
welche abgestorben sind, stehen auf einer Linie. Dürres Laub,
geschrumpfte Zellen sind vollkommene Analoga.
[156] Verhandl. der Berliner med. Gesellschaft. 1865-66. S. 245.
Der Umstand, dass die aus den Zellen austretenden Stoffe oft nach kurzer
Zeit gänzlich verschwinden, hat zu der in früherer Zeit ganz allgemeinen
Annahme geführt, es handle sich hier wesentlich um =Resorption=. Allein
das Dürrwerden der Blätter, die Mumification brandiger Glieder beruhen
auf Wasserverdunstung und nicht auf Resorption. Ueberdiess ist die
Resorption, wo sie eintritt, z. B. bei den käsigen Umwandlungen, nur ein
secundärer Act. Es war daher allerdings richtiger, als man das Wesen des
Vorganges in einer vermehrten =Exosmose= suchte. Aber die Exosmose setzt
einen Austausch von Stoffen voraus; überdiess erfolgt sie durch die
Force majeure der ausserhalb der Zelle befindlichen Stoffe. Davon ist
hier gar nicht die Rede. Der Wasseraustritt aus todten Theilen geschieht
auch da, wo gar kein Austausch vorhanden ist, wo gar keine durch
Concentration oder Mischung ausgezeichnete Intercellularflüssigkeit
vorhanden ist. Der eigentliche Grund liegt in der Unfähigkeit der todten
Elemente, ihre Bestandtheile noch festzuhalten.
Das, was an todten Theilen im Extrem hervortritt, findet sich bei der
Atrophie in geringerem Grade. Wenn ein atrophirender Nerv sein Myelin
verliert, wenn eine Pigmentzelle ihr Pigment einbüsst, so braucht sie
noch nicht todt zu sein oder zu sterben. Aber ihre innere Festigkeit ist
erschüttert, die Solidität des inneren Baues ist beeinträchtigt, und die
Folge ist eine =Verkleinerung mit Verschlechterung der Constitution=.
Das ist das, was die Alten zum Theil mit dem Ausdrucke der
=Kachexie= (Habitus malus) bezeichneten, und was in der antiken
solidarpathologischen Lehre vom =Laxum et strictum= einen verständlichen
Ausdruck gefunden hat. Denn es liegt auf der Hand, dass dem welken und
schlaffen Zustande der Atrophie der derbe und straffe Zustand der guten
Ernährung und noch mehr der wahren Hypertrophie gegenübersteht. Hier ist
nicht bloss eine reichlichere Aufhäufung wohl assimilirten Stoffes,
sondern auch eine stärkere Fixirung desselben vorhanden. Nirgends ist
dies deutlicher erkennbar, als an den Muskeln, an welche sich daher auch
die technische Sprache lange angeschlossen hat. Die =straffe Faser= der
früheren Autoren ist zunächst die gut genährte Muskelfaser (das
Primitivbündel) und erst weiterhin jede andere Faser.