verwickelten Vorgängen des =instinktiven= und =intellektuellen= Lebens,
welche überhaupt die höchste Entwickelung der thierischen Function
darstellen. Wer ist im Stande, den Instinkt oder gar den Verstand
elektrisch zu construiren? oder gar das Bewusstsein als ein Analogon
eines mechanischen Vorganges nachzuweisen? Wie so oft, hat man sich auch
in diesem Falle über die Schwierigkeiten des Einzelnen hinwegzusetzen
gesucht, indem man die Einzelerfahrung verallgemeinerte. So hat noch
neuerlich E. =Hering= das Gedächtniss als eine allgemeine Function der
organisirten Materie dargestellt, und =Wallace= hat den noch weiteren
Schritt gethan, das Bewusstsein als eine allgemeine Eigenschaft der
Substanz anzusprechen. Er ist auf diese Weise, ohne es zu ahnen, nahezu
auf denselben Standpunkt der Naturanschauung gelangt, den vor fast
zweihundert Jahren sein grosser Landsmann =Glisson=, der Erfinder des
Wortes Irritabilität, einnahm, indem er der Substanz überhaupt drei
Functionen beilegte, welche er als perceptiva, appetitiva und motiva
bezeichnete. Leider ist es mit der Generalisation allein nicht gethan;
man muss auch Beweise beibringen. Sonst bedeutet die Generalisation
nichts als das Bestreben, eine Schwierigkeit möglich weit von sich zu
entfernen und dadurch unmerklich zu machen.
Eine Erklärung der organischen Vorgänge lässt sich am wenigsten auf dem
Wege der speculativen Verallgemeinerung gewinnen. Jeder Schritt auf
diesem Wege führt von der Forschung ab. Was uns in der organischen Welt
noththut, ist nicht die Generalisation, sondern vielmehr die
=Localisation=. Das Bewusstsein, das Gedächtniss, das Denken und
Vorstellen überhaupt sind nicht einmal allgemeine Functionen aller
Theile des Körpers. Wie sollten wir zu der Vermuthung kommen, dass auch
die unorganische Substanz daran Antheil hat? Im Laufe von Jahrtausenden
ist man allmählich dahin gekommen, den Nervenapparat als Träger dieser
Functionen zu bestimmen. Nachdem sich zuletzt mehr und mehr die
Aufmerksamkeit auf das Gehirn concentrirt hat, ist ganz folgerichtig die
Frage aufgeworfen worden, welche Theile des Gehirns der »Sitz« der
psychischen Functionen seien, und nachdem auch diese Frage zunächst nur
im groben Sinne behandelt war, ist man endlich im Wege der Histologie zu
den Ganglienzellen gelangt. Hier freilich lassen uns sowohl die
Histologie als das Experiment und die pathologische Beobachtung im
Stiche. Wir können noch nicht sagen, welche Ganglienzellen es sind, die
so merkwürdige Functionen haben, und in welchen ihrer Bestandtheile
dieselben ihre Erklärung finden. Aber dass an gewisse Gruppen von
Hirnelementen die psychische Thätigkeit geknüpft ist, dass innerhalb
dieser Gruppen Ganglienzellen die eigentlich wirksamen Elemente sind,
und dass diese Ganglienzellen gewisse specifische Eigenthümlichkeiten
haben müssen, wodurch sie sich von anderen unterscheiden, daran können
wir nicht wohl zweifeln. Jedoch nur die immer mehr =localisirende=
Untersuchung wird uns dahin führen, diese Eigenthümlichkeiten wirklich
zu ergründen.
Sprechen wir nun von Nerven-Irritabilität im Sinne der
Centraleinrichtungen, so ist damit offenbar etwas anderes gemeint, als
wenn wir nur an die Nervenfasern denken. Es ist die =Erregung= der
=Ganglienzellen=, um welche es sich handelt. Diese Erregung kann eine
willkürliche oder unwillkürliche, eine bewusste oder unbewusste, eine
perceptive (sensitive) oder motorische sein, je nachdem diese oder jene
Art von Ganglienzellen dabei betheiligt ist. Manche Verschiedenheiten
der eintretenden Thätigkeiten erklären sich offenbar durch die
=verschiedene Energie= der einzelnen Ganglienzellen: wie wir Bewegungs-
und Empfindungszellen unterscheiden, so können wir auch innerhalb der
Bewegungszellen die den einzelnen muskulösen Apparaten zugehörigen von
einander trennen, und ebenso innerhalb der Empfindungszellen die
gewöhnlichen spinalen Ganglienzellen von den Riech-, Seh- und Hörzellen
u. s. w. des Gehirns sondern. Andere Verschiedenheiten dagegen
resultiren aus der combinirten Erregung und Zusammenwirkung
(=Synergie=) mehrerer, in sich verschiedener Ganglienzellen oder
Ganglienzellen-Gruppen. Jede Reflex-Erregung, jede bewusste und
willkürliche Erregung setzt die gleichzeitige oder doch innerhalb kurzer
Zeiträume auf einander folgende Thätigkeit verschiedener Ganglienzellen
voraus. Für viele Fälle sind wir im Stande, durch eine genaue Analyse
des Vorganges diejenigen Gruppen zu bezeichnen, welche in Wirksamkeit
treten. Aber das eigentliche Wesen der Erregung der einzelnen Zellen
selbst zu erklären, sind wir bis jetzt nicht befähigt.
Bei einer früheren Gelegenheit[147] habe ich darauf aufmerksam gemacht,
dass allerdings auch bei den Erregungsvorgängen der Centren sich
Zustände der =Spannung= und der =Entladung= unterscheiden lassen. »Man
schliesst sich«, sagte ich damals, »mit diesem bildlichen Ausdrucke
sowohl an die Terminologie der Psychologen, als auch an die der Physiker
und Praktiker an, und man gewinnt wenigstens einen, die Thatsachen kurz
bezeichnenden Ausdruck, welcher die Möglichkeit zulässt, ohne sie jedoch
nothwendig zu machen, dass auch die Zustände der Ganglien sich den
bekannten Zuständen elektrischer Theile unterordnen«. Die kleinste
peripherische oder centrale Erregung setzt zunächst eine gewisse Störung
oder Veränderung in dem inneren Zustande einer Ganglienzelle. Diese kann
sich fast unmittelbar auf die Fortsätze derselben fortsetzen und damit
abgeleitet werden. Es kann aber auch eine Hemmung in der Fortleitung des
Stromes eintreten und die Störung für eine gewisse Zeit innerhalb der
Zelle beschränkt bleiben, indem die in ihrer Anordnung oder ihrem
chemischen Verhalten veränderten Theilchen der weiteren Fortsetzung der
Bewegung Hindernisse entgegenstellen. Kommt endlich die Ableitung,
vielleicht in stürmischer Weise, zu Stande, so erscheint die dadurch
hervorgebrachte Leistung als =befreiende That=, welche das leidende
Organ entlastet, Erleichterung und Ausgleichung bringt. Im
psychologischen Sinne entspricht die Störung dem =Affect=, der, indem er
zur Motion drängt, zum =Triebe= wird, und der in der zur Befriedigung
des Triebes führenden =Handlung= seine Lösung findet.
[147] Handb. der spec. Pathologie und Therapie. 1854. I. 17.
Diese Erfahrungen gelten in gleicher Weise für das gewöhnliche
Nervenleben, wie für das Geistesleben, für die Physiologie, wie für die
Pathologie. Allerdings nehmen die Erscheinungen der Erregung, der
Spannung und der Entladung unter krankhaften Verhältnissen nicht selten
überaus seltsame und selbst wunderbare Formen an. Aber als Regel muss
überall festgehalten werden, dass auch die Erscheinungen des kranken
Nervenlebens =nicht qualitativ verschieden= sind von denen des
gesunden. Kein Nerv, keine Ganglienzelle kann, soviel wir wissen, unter
pathologischen Bedingungen etwas Anderes thun oder leisten, als sie nach
ihren, ein für allemal gegebenen Einrichtungen überhaupt zu thun oder zu
leisten im Stande sind. Ein Tastnerv kann nicht sehen, ein Sehnerv nicht
hören, eine Empfindungszelle nicht bewegen. Zuweilen macht sich freilich
eine starke Neigung der Menschen geltend, den Nerven qualitativ
verschiedene Leistungen zuzuschreiben. Der Mesmerismus hat Manchem den
Glauben beigebracht, man könne mit den Hautnerven, z. B. der
Oberbauchgegend, lesen. Die Tischrücker meinten, mit Empfindungsnerven
Holz bewegen zu können. Alles das sind entweder Betrügereien, oder
Selbsttäuschungen. Die pathologische Nervenfunction ist von der
physiologischen nur dadurch verschieden, dass sie entweder =quantitative
Abweichungen=, oder =ungewöhnliche Combinationen= erfährt.
Die quantitativen Abweichungen ergeben ein Mehr oder Weniger an
Leistung: =Krampf= oder =Lähmung=. Die combinatorischen (synergischen)
Abweichungen zeigen eine Verbindung von nervösen, sei es an sich
physiologischen, sei es quantitativ von den physiologischen
verschiedenen Erscheinungen mit einander. Solcher Art ist die Epilepsie,
bei welcher starke unwillkürliche Contractionen von willkürlichen
Muskeln (Krämpfe) mit Lähmung des Bewusstseins sich combiniren. Diese
Combination ist so auffällig, dass man sich in früheren Zeiten nicht
anders zu helfen wusste, als dass man die Epileptiker Besessene nannte
und irgend einen bösen Geist in sie hineinfahren liess, der mit ihren
Gliedern arbeitete. Eine solche Heterologie der Kräfte existirt nicht.
Was im Epileptiker arbeitet, sind seine eigenen Nerven, und trotz aller
Absonderlichkeit der Leistung ist dieselbe doch in jedem ihrer Theile
eine vorgezeichnete und in diesem Sinne eine physiologische. --
* * * * *
Wenn sowohl bei den Muskeln, als bei den Nerven die Irritabilität eine
so sehr in die Augen springende Eigenschaft ist, dass sie seit langen
Jahren ein Gegenstand anhaltender Untersuchungen gewesen ist, so verhält
es sich wesentlich anders mit der =Drüsen-Irritabilität=.
Begreiflicherweise kann es sich hier nur um die Erregbarkeit der
Drüsenzellen, des specifischen Parenchyms, und nicht um die an sich
unzweifelhafte und gewiss in vielen Fällen sehr wirksame Erregbarkeit
der Muskulatur der Gefässe und Ausführungsgänge der Drüsen handeln. Aber
gerade deshalb ist die Frage eine sehr complicirte, die nur unter
grossen Schwierigkeiten gelöst werden kann. Es kommt hinzu, dass man die
Drüsenfunction noch weniger unter einheitlichen Gesichtspunkten
behandeln kann, wie die Muskel- und Nervenfunction. Denn der Typus der
Drüsenfunction ist in sich ganz verschieden. Eine Reihe sehr wichtiger
Drüsen, insbesondere alle dem Generationssysteme angehörigen, arbeiten
mehr nach dem nutritiven oder formativen Typus; sie müssen, bei der
gegenwärtigen Betrachtung ausgeschieden werden. Wir können hier nur
diejenigen Drüsen besprechen, deren Elemente eine grössere Dauer haben
und demgemäss den Act der Function überleben. Dahin gehören, soweit sich
bis jetzt erkennen lässt, die beiden wichtigsten Drüsen: die =Leber= und
die =Nieren=. Aber auch an ihnen ist es schwer, die Function von der
Nutrition zu scheiden, insofern ihre Function auf Stoffwechsel beruht.
Es werden Stoffe in die Drüsenzellen aufgenommen, in denselben verändert
und von denselben in diesem veränderten Zustande ausgeschieden. Nichts
ist in dieser Beziehung so charakteristisch, wie die =Glykogenie= in der
Leber. Aus differenten Stoffen, wie aus den Arbeiten =Bernard='s
hervorgeht, selbst aus stickstoffhaltigen, entsteht in den Leberzellen
eine stickstofflose Substanz, das Glykogen; dieses wird in Zucker
übergeführt und letzterer in die Blutgefässe ausgeschieden und durch die
Lebervenen dem allgemeinen Kreislaufe zugeleitet. Mannichfache Reize,
mögen sie nun durch Innervation oder durch den Contact scharfer, durch
das Blut zugeführter Stoffe hergestellt werden, erregen diese Thätigkeit
der Leberzellen und steigern die Zuckerzufuhr zum Blute.
Auch in dieser Form hat die Drüsenthätigkeit Manches an sich, wodurch
sie den Ernährungsvorgängen nahe tritt, und es lässt sich begreifen,
dass die Lehre von der functionellen Reizbarkeit nach dieser Seite hin
wenig ausgebildet ist. Wahrscheinlich würde sie auch jetzt noch
wesentlich auf muskulöse und nervöse Theile beschränkt geblieben sein,
wenn nicht in ziemlich unerwarteter Weise ihr aus dem Gebiete der
scheinbar trägen Einzelzellen eine sehr reiche Verstärkung an positiven
Erfahrungen zugeflossen wäre. Diese war von um so grösserer Bedeutung,
als hier zuerst =automatische= Vorgänge bekannt wurden, welche in der
augenfälligsten Weise von allem Nerveneinflusse frei sind.
Die Reihe dieser Entdeckungen wurde eingeleitet durch eine schnell
steigende Zahl von Beobachtungen auf dem Felde der Botanik und der
Zoologie, welche zum Theil jenes Grenzgebiet betrafen, welches =Häckel=
seitdem unter der Bezeichnung des =Protistenreiches= abgeschieden hat.
Indess lieferten auch unzweifelhaft einzellige Pflanzen, zumal Algen,
welche frei im Wasser leben, und isolirte Pflanzentheile, wie die
Sporen, sehr wichtige Anhaltspunkte. Daran schlossen sich neue
Erfahrungen über die automatische Substanz niederer Wasserthiere,
namentlich über die sogenannte =Sarkode= der Süsswasserpolypen durch
=Ecker=, sowie über die contractile Substanz der Polythalamien durch
M. =Schultze= und der Radiolarien durch =Häckel=. Seit diesen Autoren
ist allmählich der Name =Protoplasma= in einer solchen Ausdehnung für
diese Substanzen gebräuchlich geworden, dass man sich des Bedenkens
allerdings nicht entschlagen kann, dass derselbe weit über das Maass
eines wissenschaftlichen Verständnisses hinaus in Anwendung gebracht
wird. Immerhin kann man zugestehen, dass er bei diesen niederen
Organismen eine höhere Berechtigung hat. Wenn bei den durch =de Bary=
und W. =Kühne= genauer bekannt gewordenen Myxomyceten diese Substanz
nicht bloss der Bewegung dient, sondern auch in sich neue Gewebselemente
erzeugt, so trifft die Bezeichnung gewiss in hohem Maasse zu. Noch mehr
würde dies der Fall sein, wenn jener neu entdeckte Organismus, welcher
den Boden des atlantischen Oceans überzieht, der Bathybius, in der That
keine zellige Organisation erreichte, sondern, wie =Huxley= beschreibt,
auf einer niederen Stufe der Differenzirung stehen bliebe. Für die
vergleichende Physiologie ist jedoch am meisten entscheidend gewesen die
Kenntniss eines bis in die neueste Zeit hinein den Infusorien
zugerechneten Wesens, der Amoebe, deren sehr einfache Organisation und
eben so einfache Lebensthätigkeit sie gewissermaassen als den Prototyp
des Automatismus erscheinen liess. So ist es gekommen, dass die
Gesammtheit der hier in Betracht kommenden Erscheinungen den Namen der
=amöboiden= erhalten hat.
Auch die eigentlich cellulare Erforschung der automatischen Vorgänge
begann bei niederen Thieren. In immer steigender Zahl wurden
=bewegliche Elemente= im Innern des Körpers bei Cephalopoden,
Crustaceen, Würmern u. s. f. aufgefunden. Bei den Wirbelthieren
begannen, wie ich schon früher (S. 64, 189) erwähnt habe, die
Beobachtungen mit dem Studium der Flimmerzellen, der Pigmentzellen und
der farblosen Blutkörperchen, denen sich endlich durch die Entdeckung
=von Recklinghausen='s die, trotz aller meiner Anstrengungen bis dahin
von Vielen kaum noch als Elemente anerkannten Bindegewebskörperchen,
sowie die Eiterkörperchen anschlossen.
[Illustration: =Fig=. 107, I. Automatische Zellen aus Hydrocele
lymphatica, durch Punction entleert. Man sieht theils einzelne
haarförmige, theils gedrängte büschelige Fortsätze. Der Zelleninhalt
(Protoplasma) feinkörnig; in einzelnen Zellen kleine (schwärzliche)
Fettkörnchen, in zweien Vacuolen. Vergr. 300.]
Manche der hier in Frage kommenden Erscheinungen waren allerdings schon
länger bekannt, aber anderen Reihen von Vorgängen angeschlossen. Ich
selbst hatte sie in höchst charakteristischer Weise an zwei
verschiedenen Arten von Elementen gesehen und gezeichnet, nehmlich an
Exsudatzellen und an Knorpelkörperchen[148]. Indess war damals die
Neigung, alle Veränderungen der Zellen auf Exosmose und Endosmose
zurückzuführen, so vorherrschend, dass ich im Zweifel geblieben war, ob
ich nicht Erscheinungen der =Schwellung= und =Schrumpfung= vor mir
hätte, welche durch bloss mechanische Einwirkung von Flüssigkeiten
verschiedener Concentration herbeigeführt wurden. Die zum Theil sehr
auffälligen osmotischen Veränderungen[149] der Zellen entsprechen zum
Theil dem, was ich an einer anderen Stelle (S. 174, Fig. 61, _e_-_h_) von
den rothen Blutkörperchen beschrieben habe, gehen jedoch noch darüber
hinaus und sie konnten wohl als Grund der grössten Formveränderungen
angesehen werden. Die neueren Beobachter sind gerade im Gegentheil so
sehr von der Allgegenwart und Allwirkung des Protoplasma überzeugt, dass
manche von ihnen auch alle diese, der wahren Osmose angehörigen
Erscheinungen mit zu den Wirkungen des Protoplasma rechnen. Wie mir
scheint, wird noch manche Arbeit dazu gehören, diese zwei Reihen, die
active und die passive, auseinanderzulösen.
[148] Archiv 1863. Bd. XXVIII. S. 237.
[149] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. Bd. IV. S. 278.
Gesammelte Abhandl. S. 86. Archiv 1847. I. 105. III. 237.
[Illustration: =Fig=. 107, II. Automatische Zellen aus frisch
exstirpirtem Enchondrom: körniger Zellkörper, grosser Kern mit je zwei
Nucleoli. _a_ Zelle mit homogenen verzweigten Ausläufern nach zwei
Richtungen, _b_ mehrfache feine Reiser neben den grossen, zum Theil
körnigen Ausläufern. Vergr. 300.]
Unter den automatischen Veränderungen der Zellen sind folgende vier zu
nennen:
1) Die =äussere Gestaltveränderung=, insbesondere das =Aussenden= und
=Einziehen von Fortsätzen=. Nirgends habe ich dies in so grosser, ja,
ich kann wohl sagen, ungeheurer Ausdehnung gesehen, wie an jungen
Knorpelzellen, namentlich an Enchondromzellen. =Grohe= hat es in
gleicher Weise constatirt. Hier sah ich (Fig. 107, II.) von Zellen,
welche, so lange sie in ihren Capsein enthalten waren, eine
rundlich-kugelige Gestalt besassen, allmählich Fortsätze ausgehen, die
als ganz feine Reiserchen begannen. Nach und nach verlängerten sie sich,
sendeten neue Reiser und Aeste aus, schoben sich immer weiter und weiter
hinaus und wurden so lang, dass man sie nicht auf einmal im
Gesichtsfelde des Mikroskopes übersehen konnte. Aus einer kugeligen oder
linsenförmigen Zelle wurde so ein Gebilde, welches einer vielstrahligen
Ganglienzelle glich. Auch darin zeigt sich eine gewisse Uebereinstimmung
mit den Bewegungen niederster Organismen, dass die ausstrahlende
Substanz anfangs homogen, später in dem Maasse, als der Zellkörper sich
mehr in die Fortsätze hineinschiebt, körnig ist. An kleineren Rundzellen
(Fig. 107, I.) treten die Ausläufer bald in feinen Büscheln, bald in
Form einzelner Haare oder Cilien zu Tage. Bei weiterer Beobachtung habe
ich an pathologischen Knorpelzellen auch wahrgenommen, wie der
Zellkörper mehr und mehr in Fortsätze sich auflöste und dem entsprechend
sich, fast bis zur Unkenntlichkeit, verschmächtigte (Fig. 107, III. _a_
u. _c_). Ja, ich sah schliesslich die einzelnen Fortsätze sich einander
nähern, in einander fliessen und sich gleichsam organisch mit einander
verbinden, wie es ganz ähnlich an den sogenannten Pseudopodien der
Polythalamien und Radiolarien beobachtet wird.
[Illustration: =Fig=. 107, III. Aus derselben Geschwulst, wie Fig. 107,
II. Die automatischen Zellen noch mehr in Fortsätze aufgelöst, letztere
viel mehr verästelt. Der Zellkörper fast verschwunden. Vergr. 300.]
In ähnlicher Weise, wie dieses Ausstrahlen der Fortsätze geschieht,
erfolgt auch das Einziehen derselben. Einer nach dem andern verkürzt
sich, zieht sich allmählich in den Zellkörper zurück und verschwindet.
Die Zelle nimmt schliesslich wieder ihre rundliche Form an, ja nicht
selten wird diese so auffällig kugelig und zugleich die Dichtigkeit des
Gebildes so gross, dass schon daran der »Contractions«-Zustand erkannt
werden kann.
So auffällig diese Vorgänge sind, so muss ich doch betonen, dass ganz
ähnliche durch abwechselnde Einwirkung concentrirter und diluirter
Flüssigkeiten hervorgebracht werden können, zumal wenn ungleich dichte
Mischungen auf die Zellen einwirken. Durch concentrirte Salz- oder
Zuckerlösungen kann man das Zurückgehen der Fortsätze leicht bewirken,
wie man umgekehrt durch verdünnte alkalische Lösungen zuweilen recht
ausgezeichnete Fortsatzbildungen hervorrufen kann.
2) =Das Auftreten von Molecularbewegung= im Innern des Zellkörpers
(Protoplasma's). Diese Erscheinung ist zuerst (1845) von =Reinhardt= an
Eiterkörperchen, sodann von =Remak= an Schleimkörperchen gesehen und von
mir genauer beschrieben worden[150]. Sie lässt sich durch einen Wechsel
in den Concentrationszuständen mit Leichtigkeit herbeiführen. Erst sehr
viel später ist die allgemeine Aufmerksamkeit für dieses Phänomen durch
=Brücke= erregt worden, der darin einen besonderen vitalen Act sieht. Es
lässt sich dies nicht ganz in Abrede stellen, insofern manche
automatischen Vorgänge, z. B. die Aussendung von Fortsätzen mit einer
moleculären Vibration beginnen, indess darf man doch nicht so weit
gehen, jede Art der intracellularen Molecularbewegung als vital
anzusehen.
[150] Zeitschrift für rationelle Medicin 1846. IV. 278. Ges. Abh.
S. 86.
[Illustration: =Fig=. 107, IV. Eiterkörperchen des Frosches im Humor
aqueus nach v. Recklinghausen. (Mein Archiv 1863. Bd. XXVIII. Taf. II.
Fig. 1.). Vergr. 350. Fig. 1-7. Formen, welche dasselbe Körperchen der
Reihe nach innerhalb fünf Minuten annahm. Fig. 17-18. Dasselbe
Körperchen, mit Vacuolen besetzt.]
3) =Die Bildung von Vacuolen= im Protoplasma. Schon seit langer Zeit
sind aus Pflanzenzellen und aus niederen Thieren inmitten der körnigen
Substanz ihres Körpers helle, blasenförmige Räume bekannt. Aehnliche
kommen auch in Zellen der höheren Thiere und des Menschen vor. Jedoch
scheide ich diejenigen, welche von einer besonderen Haut umkleidet sind
(Physaliden), ausdrücklich aus. Die genauere Beobachtung Vacuolen
tragender Rundzellen (Fig. 107, I. Fig. 107, IV. 17 u. 18) ergibt, dass
die hellen Räume manchmal einfach leere oder eigentlich von Wasser
eingenommene Stellen, Wassertropfen innerhalb des sogenannten
Protoplasmas sind, andermal dagegen von einer zähen, in Wasser schwerer
löslichen und zuweilen in Form hyaliner Tropfen aus den Zellen
austretenden Substanz erfüllt sind. In beiden Fällen wird durch
concentrirtere Medien, namentlich Salzlösungen die Erscheinung
aufgehoben. Ebenso kann man sie jedoch auch durch Maceration der Zellen
in verdünnten alkalischen Salzlösungen künstlich erzeugen. Auch hier
muss man daher sehr vorsichtig sein in der Deutung.
4) =Die Abschnürung einzelner Theile des Zellkörpers=. Es ist dies eine
ähnliche Erscheinung, wie wir sie bei den rothen Blutkörperchen
besprochen haben (S. 193, 266). Im Zusammenhange mit automatischen
Bewegungen hat sie schon Boner[151] beobachtet; später ist sie von
=Beale=, =Stricker= und Anderen als ein häufigeres Phänomen nachgewiesen
worden.
[151] J. H. =Boner= Die Stase. Inaug. Diss. Würzburg 1856. S. 7.
Diese verschiedenen Erscheinungen, welche nicht selten neben, sehr oft
kurz nach einander an einer und derselben Zelle auftreten, verändern das
Aussehen derselben so auffällig, dass es häufig unmöglich ist, ohne
unmittelbare Beobachtung des Vorganges sich von der Identität der
Zellindividuen zu überzeugen. Es sind in der That proteusartige
Metamorphosen. Allerdings kann man sie sämmtlich, wie es jetzt
gewöhnlich geschieht, auf Contraction beziehen. Indess haben sie doch
fast durchweg gewisse Eigenthümlichkeiten, welche ihre Veränderungen von
den eigentlichen Contractionsveränderungen unterscheiden: diese
Veränderungen erfolgen nehmlich mit =grosser Langsamkeit=, man kann fast
sagen, Trägheit, aber zugleich nicht in einer vorgezeichneten Form oder
Ordnung, wie die Bewegung muskulöser oder flimmernder Elemente, sondern
mit dem =Anscheine der Freiheit und Willkür= und daher zuweilen auch der
=Absichtlichkeit=.