wir die Function hauptsächlich begründet in der feineren Umordnung,
oder, wenn man es schärfer ausdrückt, in feinen räumlichen Veränderungen
der inneren Masse, des Zelleninhaltes oder des Protoplasma. Es ist also
hier der eigentliche Zellkörper in seiner specifischen, inneren
Ausstattung, welcher entscheidet; es handelt sich dabei wenig um die
Membran und, wenigstens in den meisten Fällen, wohl wenig um den Kern.
Das Protoplasma verändert sich unter gewissen Einwirkungen
verhältnissmässig schnell, ohne dass wir jedoch jedesmal von der
Umordnung der einzelnen Inhaltspartikeln morphologisch etwas wahrnehmen
könnten. Höchstens sehen wir als grobes Resultat eine wirkliche
Locomotion einzelner Theile, aber der Hergang lässt sich nicht so weit
für das Verständniss auflösen, dass man daraus einfach beurtheilen
könnte, in welcher Weise diese Locomotion durch die kleinsten
Partikelchen, welche den Zelleninhalt zusammensetzen, bedingt wird.
Wenn in einem Nerven eine Erregung stattfindet, so wissen wir jetzt,
dass damit eine Veränderung seines elektrischen Zustandes verbunden ist,
eine Veränderung, welche nach Allem, was uns über die Erregung der
Elektricität in anderen Körpern bekannt ist, mit Nothwendigkeit bezogen
werden muss auf eine veränderte Stellung, welche die einzelnen Molekeln
zu einander annehmen. Denken wir uns den Axencylinder aus elektrischen
Molekeln zusammengesetzt, so können wir uns vorstellen, dass je zwei
dieser Molekeln in dem Momente der Erregung eine veränderte Stellung zu
einander einnehmen. Von diesen Stellungen der Molekeln sehen wir jedoch
nichts, denn Molekeln sind überhaupt nicht sichtbar. Der Axencylinder
sieht während der Function nicht anders aus, als sonst. Wenn wir einen
Muskel während der Action betrachten, so bemerken wir allerdings, dass
die Zwischenräume, welche zwischen den einzelnen sogenannten Scheiben
liegen (S. 56), kürzer werden, und da wir nun wissen, dass die Substanz
des Muskels aus einer Reihe von kleinen Fibrillen besteht, welche
ihrerseits von Strecke zu Strecke, entsprechend diesen Scheiben,
kleinste Körnchen enthalten, so schliessen wir daraus mit einer gewissen
Sicherheit, dass wirkliche örtliche Verschiebungen der Körnchen gegen
einander stattfinden. Aber diese Verschiebungen können nicht mehr
zurückgeführt werden auf einen sichtbaren oder unmittelbar erkennbaren
Grund. Wir können keine bestimmte chemische Veränderung, keine
Umwandlung der Ernährungszustände der Theile wahrnehmen; wir sehen nur
eine Verrückung, eine Dislocation der Partikeln, von der es freilich
wahrscheinlich ist, dass sie auf einer geringen chemischen Veränderung
der Molekeln beruht.
[Illustration: =Fig=. 106. Bildliches Schema des Zustandes der
Nerven-Molekeln im ruhenden (peripolaren, _A_) und im elektrotonischen
(dipolaren _B_) Zustande des Nerven. Nach =Ludwig= Physiol. I. 103.]
Bei dem Flimmer-Epithel sitzen feine Cilien an der Oberfläche der
Zellen; diese bewegen sich in einer gewissen Richtung und üben in dieser
Richtung auf kleine Theile, welche ihnen nahe kommen, einen
locomotorischen Effect aus. Isoliren wir die einzelnen Zellen, so zeigt
sich, dass eine jede oben einen Saum (Deckel) von einer gewissen Dicke
hat, an welchem kleine haarförmige Verlängerungen hervortreten. Diese
bewegen sich alle in der Art, dass eine Cilie, welche im ruhigen
Zustande ganz gerade steht, sich einbiegt und wieder zurückschlägt. Aber
wir sind ausser Stande, innerhalb der einzelnen Cilien weitere
Veränderungen wahrzunehmen, durch welche die Bewegung vermittelt würde.
Gerade so verhält es sich mit den Drüsenzellen, von welchen wir gar
nicht zweifelhaft sein können, dass sie einen bestimmten locomotorischen
Effect haben. Denn nachdem =Ludwig= durch die Untersuchung der
Speicheldrüsen gezeigt hat, dass der Druck des ausströmenden Speichels
grösser ist, als der Druck des zuströmenden Blutes, so bleibt nichts
anderes übrig, als zu schliessen, dass die Drüsenzellen einen bestimmten
motorischen Effect auf die Flüssigkeit ausüben; die Secret-Masse wird
mit einer bestimmten Gewalt hervorgetrieben, welche nicht von dem
Blutdruck oder einer besonderen Muskel-Action, sondern von der
specifischen Energie der Zellen als solcher ausgeht. =Engelmann= glaubt
neuerlich sogar an den Hautdrüsen des Frosches eine selbständige, von
den Muskeln unabhängige Zusammenziehung beobachtet zu haben. Allein an
einer Drüsenzelle, während sie fungirt, können wir eben so wenig einen
eigenthümlichen, materiellen Vorgang innerhalb der constituirenden
Theilchen wahrnehmen, wie an den Nerven, den Muskeln oder dem
Flimmer-Epithel.
Diese Thatsachen werden wesentlich verstärkt dadurch, dass wir
wahrnehmen, wie gerade die functionellen Fähigkeiten der einzelnen
Theile eine gewisse Störung erfahren durch eine längere Dauer der
Verrichtung. An allen Theilen treten gewisse Zustände der =Ermüdung=
auf, Zustände, wo der Theil nicht mehr im Stande ist, dasjenige Maass
von Bewegung von sich ausgehen zu lassen, welches bis dahin an ihm zu
bemerken war. Allein um wiederum in den leistungsfähigen Zustand zu
kommen, bedürfen diese Theile keineswegs immer einer Ernährung, einer
Aufnahme von Nahrungsstoff: die blosse Ruhe reicht aus, um innerhalb
einer gewissen Zeit die Möglichkeit einer neuen Thätigkeit
herbeizuführen. Ein Nerv, den wir aus dem Körper herausgeschnitten haben
und zum Experiment verwenden, wird nach einer gewissen Zeit
leistungsunfähig; wenn man ihn unter günstigen Verhältnissen, welche
seine Austrocknung hindern, liegen lässt, so wird er allmählich wieder
leistungsfähig. Diese =functionelle Restitution=, welche ohne
eigentliche Ernährung stattfindet und aller Wahrscheinlichkeit nach
darauf beruht, dass die Molekeln, welche aus ihrer gewöhnlichen Lagerung
herausgetreten sind, allmählich wieder in dieselbe zurückkehren, können
wir an verschiedenen Theilen hervorrufen durch gewisse Reizmittel. Nach
der Auffassung der Neuristen würden diese Mittel nur auf die Nerven und
erst vermittelst der Nerven auf die anderen Theile einwirken; allein
gerade hier haben wir einige Thatsachen, welche sich nicht wohl anders
deuten lassen, als dass in der That eine Wirkung auf die Theile selbst
stattfindet.
Wenn wir eine einzelne Flimmerzelle nehmen, sie, ganz vom Körper
isolirt, frei schwimmen lassen und abwarten, bis vollkommene Ruhe
eingetreten ist, so können wir die eigenthümliche Bewegung ihrer Cilien
wieder hervorrufen, wenn wir eine kleine Quantität von Kali oder Natron
der Flüssigkeit zufügen, eine Quantität, welche nicht so gross ist, dass
ätzende Effecte auf die Zelle hervorgebracht werden, welche aber genügt,
um, indem ein Theil davon in die Zelle eindringt, eine gewisse
Veränderung an ihr zu erzeugen. Es ist aber besonders interessant, dass
die Zahl der fixen Substanzen, durch welche wir das Flimmer-Epithel
reizen können, sich auf diese beiden beschränkt. Daraus erklärt es sich,
dass =Purkinje= und =Valentin=, welche zuerst und zwar sogleich in sehr
ausgedehnter Weise Experimente über die Flimmerbewegung anstellten,
nachdem sie mit einer sehr grossen Zahl von Substanzen experimentirt
und, wer weiss was Alles versucht hatten, mechanische, chemische und
elektrische Reize, zuletzt zu dem Schlusse kamen, es gebe überhaupt kein
Reizmittel für die Flimmerbewegung. Ich hatte das Glück, zufällig auf
die eigenthümliche Thatsache zu stossen, dass Kali und Natron solche
Reizmittel seien[145]. Neuerlich hat W. =Kühne= entdeckt, dass unter den
gasförmigen Substanzen sich noch ein mächtiger Erreger der
Flimmerbewegung findet, nehmlich der Sauerstoff, während Kohlensäure und
Wasserstoff dieselbe hemmen. Gewiss können wir hier keinen
Nerveneinfluss mehr zu Hülfe rufen; derselbe erscheint um so weniger
zulässig, als nach bekannten Erfahrungen die Flimmerbewegung im todten
Körper sich noch zu einer Zeit erhält, wo andere Theile schon zu faulen
angefangen haben. Ich sah die Flimmer-Epithelien der Stirnhöhlen und der
Trachea in menschlichen Leichen noch 36 bis 48 Stunden post mortem in
vollständiger Thätigkeit, zu einer Zeit, wo jede Spur von Erregbarkeit
in den übrigen Theilen längst verschwunden war.
[145] Archiv VI. 133.
Aehnlich verhält es sich mit den übrigen erregbaren Theilen,
insbesondere mit den Muskeln, an denen W. =Kühne= diese Verhältnisse mit
so grosser Umsicht untersucht hat. Fast überall zeigt sich, dass gewisse
Erregungsmittel leichter als andere wirken, und dass manche gar nicht im
Stande sind, einen erheblichen Effect hervorzubringen. Fast überall
ergeben sich =specifische Beziehungen=. Wenn wir die Drüsen ins Auge
fassen, so ist es eine bekannte Thatsache, dass es specifische
Substanzen gibt, wodurch wir im Stande sind, auf die eine Drüse zu
wirken, nicht auf die anderen, die specifische Energie einer Drüse zu
treffen, während die übrigen unbetheiligt bleiben. Bei den Drüsen lässt
sich freilich ungleich schwieriger die Wirkung der Nerven ausschliessen,
als beim Flimmer-Epithel, allein wir haben gewisse Versuche, wo man nach
Durchschneidung aller Nerven, z. B. an der Leber, durch Injection
reizender Substanzen in das Blut im Stande gewesen ist, eine vermehrte
Absonderung des Organes hervorzurufen, indem man Stoffe anwandte, welche
erfahrungsmässig zu dem Organe eine nähere Beziehung haben.
Am meisten hat sich, wie bekannt, diese Discussion in neuerer Zeit
concentrirt auf die Frage von der Muskel-Irritabilität, eine Frage,
welche gerade deshalb so schwierig gewesen ist, weil sie von =Haller=
mit einer grossen Exclusion eben auf dieses einzelne Gebiet beschränkt
wurde. =Haller= kämpfte aufs Aeusserste dagegen, dass irgend ein anderer
Theil ausser den Muskeln irritabel sei; sonderbarer Weise kämpfte er
sogar gegen die Irritabilität von solchen Theilen, welche, wie die
feinere Untersuchung der Späteren gezeigt hat, Muskel-Elemente
enthalten, z. B. die mittlere Haut der Gefässe. Ja, er gebrauchte
ziemlich energische Ausdrücke, wo er die von Anderen schon damals
behauptete Erregbarkeit der Gefässe zurückwies. Ich habe schon angeführt
(S. 129), dass wir gerade in dem Gefäss-Apparate grosse Abschnitte
finden, z. B. am meisten ausgesucht an den Nabelgefässen des
Neugebornen, in denen massenhafte Anhäufungen von Musculatur, aber keine
Spur von Nerven erkennbar sind. Trotzdem besteht daran Irritabilität in
einem hohen Maasse; wir können Zusammenziehungen der Muscularis
mechanisch, chemisch und elektrisch herbeiführen. Ebenso verhält es
sich mit vielen anderen kleinen Gefässen, welche keineswegs in der
Weise, wie dies die Neuropathologen annehmen müssen, in allen
Abschnitten Nervenfasern zeigen. Auch hier können wir an jedem einzelnen
Punkte, wo Muskeln existiren, unmittelbar die Contraction hervorrufen.
Die Erledigung der Frage von der Muskel-Irritabilität ist in der neueren
Zeit besonders dadurch gefördert worden, dass man durch die Anwendung
bestimmter Gifte, namentlich des Worara-(Curare-)Giftes dahin gelangt
ist, die Nerven bis in ihre letzten, dem Versuche zugänglichen
Endigungen zu lähmen, und zwar so, dass nicht wohl noch der Einwand
erhoben werden kann, dass die Erregbarkeit der letzten Endigungen der
Nerven in dem Muskel erhalten sei. Die Lähmung des Worara-Giftes
beschränkt sich vollständig auf die Nerven, während die Muskeln ebenso
vollständig reizbar bleiben. Während man die stärksten elektrischen
Ströme auf den Nerven vergebens einwirken lässt, ohne irgend etwas von
Bewegung hervorzubringen, so genügen die kleinsten mechanischen,
chemischen oder elektrischen Reize, um den betreffenden Muskel in
Erregung zu versetzen.
Wenn daher die so lange streitige Frage dahin entschieden ist, dass es
wirklich eine eigenthümliche Muskel-Irritabilität gibt, welche an der
Muskelsubstanz als solcher haftet, so ist das Ergebniss doch praktisch
nicht von so grosser Bedeutung, wie man hätte erwarten können. Denn
thatsächlich sind fast alle Muskelbewegungen, welche die Physiologie und
die Pathologie kennen, durch Nerveneinwirkung hervorgerufen: eine
wirkliche =Selbstbewegung= der Muskeln findet nur in ganz anomalen
Fällen statt. Nichtsdestoweniger ist es für das Urtheil von höchster
Wichtigkeit zu wissen, dass die Bewegung als solche eine Function des
Muskels ist, und dass der Nerv nichts anderes thut, als den Anstoss zu
dem in der Muskelsubstanz schon vorbereiteten Vorgange zu geben. Die
Natur dieses Vorganges ist nicht abhängig von der Eigenthümlichkeit der
Nerveneinwirkung, sondern einzig und allein von der Eigenthümlichkeit
der Muskelsubstanz.
Die Neuristen haben jedoch aus derartigen Thatsachen, wie sie auch in
der Reihe der secretorischen Vorgänge in ähnlicher Weise vorkommen,
weitgehende Schlüsse in Beziehung auf die absolute Abhängigkeit der
vitalen Vorgänge von Innervation gezogen. Dies ist in keiner Weise
anzuerkennen. Man kann die Nerven eines Muskels oder einer Drüse
zerschneiden und den Zusammenhang der Organe mit den Centren aufheben,
ohne dass deshalb die Fähigkeit des Muskels zur Contraction oder die der
Drüse zur Secretion aufhört. Ja man kann den Muskel oder die Drüse aus
dem Körper herausschneiden, sie definitiv dem Organismus entfremden,
ohne dass zunächst die Eigenschaften der Contraction oder Secretion
dadurch geändert werden. Wollte man sich hier selbst darauf beziehen,
dass in den ausgeschnittenen Muskeln oder Drüsen noch Nerven-Enden
vorhanden seien, so hat dieses an sich hinfällige Argument schon deshalb
keine Bedeutung, weil die neuristische Doctrin nur dann einen
theoretischen Werth besitzt, wenn sie den Nervenapparat in seinem
Zusammenhange, in seiner sogenannten Einheit in Rechnung stellen kann,
keineswegs aber, wenn sie mit einzelnen peripherischen Abschnitten von
Nerven arbeitet. Denn diese letzteren sind vielmehr als vorzügliche
Beispiele für das Leben der einzelnen Theile, also für die cellulare
Anschauung zu betrachten.
Ich gestehe demnach die hohe Dignität des Nervenapparates und der an ihm
geschehenden Vorgänge vollständig zu; ja ich gehe so weit, zu sagen,
dass in dem gewöhnlichen Gange des menschlichen Lebens die Mehrzahl der
Einzelvorgänge im Körper durch Nerveneinwirkung hervorgerufen oder
geleitet wird. Wenn daraus jedoch in keiner Weise gefolgert werden darf,
dass diese Einzelvorgänge selbst bloss passive Veränderungen der
innervirten Theile sind, so darf noch weniger die Meinung zugelassen
werden, als sei die Nerventhätigkeit keine cellulare, und als müsse die
=Nerven-Irritabilität= als das eigentliche Wesen des Lebens angesehen
werden. Betrachten wir diese viel besprochene Eigenschaft daher etwas
näher:
Die Lehre von der Irritabilität der Nerven beruht zunächst auf der
Erfahrung, dass irgend eine Verletzung oder Reizung derselben Schmerz
erzeugt oder wenigstens empfindlich ist. Genau genommen ist diese
=Empfindlichkeit= eben das, was man die Irritabilität genannt hat; man
reizte die verschiedensten Gewebe, um zu sehen, ob sie irritabel seien,
und beurtheilte ihre Irritabilität wesentlich danach, ob auf die Reizung
Schmerzempfindung eintrete oder nicht. In diesem beschränkten Sinne
würde Nerven-Irritabilität die Eigenschaft bedeuten, zu den
Centralorganen gehende und dort zum Bewusstsein kommende, durch äussere
Reize hervorgerufene Vorgänge zu bewirken. Allein diese Vorgänge
stellen nur die eine, nehmlich die =recipirende= Seite der
Nerventhätigkeit dar; die andere, die im gewöhnlichen Sinne =active=
oder =motorische= Seite, wird dabei gar nicht berührt. Die Anhänger der
Nerven-Irritabilität haben daher nicht gezögert, auch diese Seite mit in
ihre Betrachtungen hineinzuziehen; ja, es hat nicht lange gedauert, bis
man daraus geradezu die Hauptsache gemacht hat. So kam es, dass schon
=Haller= Irritabilität und Contractilität verwechselte, und dass er die
Irritabilität gewisser Theile leugnete, weil sie sich auf Reize nicht
contrahiren wollten.
Der Grundfehler in dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man von
ganz falschen Einheiten ausging. Man hatte keine einheitlichen Elemente
und demgemäss auch keine einheitlichen Vorgänge. Man verwechselte zuerst
Nerventhätigkeit und =Innervation=. Es liegt auf der Hand, dass
Innervation nur diejenige Nerventhätigkeit bezeichnen kann, welche auf
andere, =nicht nervöse= Theile gerichtet ist, also z. B. die Erregung
der Muskel-oder Drüsenelemente zur Thätigkeit. Nun ist es freilich
möglich, dass diese Thätigkeit ihrem Wesen nach identisch ist mit
derjenigen, welche im Nerven selbst stattfindet, also etwa elektrisch
ist, und man kann sich vorstellen, dass von den Nervenenden die
elektrische Bewegung sich wirklich direkt auf die Muskel- oder
Drüsensubstanz überträgt. Aber selbst wenn dies allgemein richtig wäre,
was erst zu beweisen ist, so würde daraus doch nicht hervorgehen, dass
die Thätigkeit des Nerven, insofern sie Elektricität hervorbringt, in
irgend einer Weise gebunden ist an die Möglichkeit, dieselbe an
bestimmte andere Theile des Körpers abzugeben und in diesen besondere
Thätigkeitsäusserungen hervorzurufen. Ein ganz isolirter und aus dem
Körper entfernter Nerv kann gereizt und in Thätigkeit gesetzt werden.
Ueberdiess passt die Formel der Innervation nur für diejenigen Nerven,
welche ich (S. 294) Arbeitsnerven genannt habe; sie ist ganz unbrauchbar
für die Empfindungsnerven, welche zu Ganglienzellen gehen und gerade in
der Erregung dieser letzteren ihre hauptsächliche »Thätigkeit«
entfalten.
Hier stossen wir auf ein neues Hinderniss. Die Neuristen knüpften die
(wenn ich so sagen darf, =rückläufige=) Irritabilität an =bewusste=
Empfindungen, namentlich an Schmerzäusserungen. Allein wir wissen, dass
das Bewusstsein nur einem Theile derjenigen Empfindungen zukommt,
welche dem Gehirn zuströmen, dass es dagegen an sich gänzlich fremd ist
allen denjenigen Empfindungen, welche dem Rückenmark und dem spinalen
Abschnitte des Gehirns angehören, und noch mehr jenen Perceptionen, um
nicht zu sagen, Empfindungen, welche nur die Ganglien des Sympathicus
berühren. Erst seitdem das Gebiet der Reflexvorgänge genauer studirt
ist, hat man begriffen, dass nicht alle Bewegungserscheinungen, welche
auf Reizung von Empfindungsnerven eintreten, Schmerzäusserungen sind,
man müsste denn auch einen unbewussten Schmerz annehmen. Wollte man dies
aber thun, was in einer gewissen Weise berechtigt wäre, so würde man
doch sofort in einen Wirbel gerathen, der schliesslich zur Aufstellung
eines =unbewussten Bewusstseins= führen müsste. Ein solches ist freilich
in der sogenannten Rückenmarksseele gleichsam personificirt schon
geschaffen worden; indess müsste man noch einen Schritt weiter gehen,
und eine besondere Nervenseele wählen, wenn man einmal für alle Theile
sich die spiritualistische Erklärungsform sichern wollte.
Diese Nervenseele oder, wie die mehr naturphilosophischen Neuristen
sagten, diese =Nervenkraft= (Neurilität =Lewes=) müsste
nothwendigerweise jedem nervösen Theile oder Elemente zugeschrieben
werden, und Irritabilität würde alsdann bedeuten die Fähigkeit des
Theiles oder Elementes, diese Seele oder Kraft in Thätigkeit zu setzen.
Aber gewiss ist es ein gewagter und nichts weniger als berechtigter
Schritt, allen nervösen Theilen die gleiche Kraft zuzuschreiben. In der
That ist noch niemand so weit gegangen, neben der Gehirnseele und der
Rückenmarksseele auch noch besondere Ganglien- und Nervenseelen
aufzustellen. Das allgemeine Zugeständniss, dass es nervöse Theile gibt,
die nicht einmal das »unbewusste Bewusstsein« besitzen, dass also
=innerhalb des Nervensystems specifische Unterschiede zwischen den
constituirenden Elementen vorhanden sind=, reicht aus, um es
verständlich zu machen, warum man mit der Annahme einer einfachen
Nervenkraft nicht ausreicht. Man mag dieselbe nun spiritualistisch oder
materialistisch construiren, man mag sie Anima oder Elektricität nennen,
man ist ausser Stande, nach dem Stande unserer Kenntnisse damit alle
functionellen Erscheinungen zu erklären. Daher muss man sich dazu
verstehen, die Nervenfasern und die Nervenzellen nicht einfach zu
identificiren.
Alles, was wir über elektrische Vorgänge an Nerven wissen, bezieht sich
auf Nervenfasern und zwar wesentlich auf =Leitung= (Conduction) der
Elektricität in denselben. Indess darf man deshalb nicht so weit gehen,
die Nervenfasern nur als Conduktoren der Elektricität aufzufassen, denn
es ist leicht ersichtlich, dass, wenn von dem peripherischen Ende eines
durchschnittenen Nerven aus durch direkte Reizung Bewegungen inducirt
werden können, dies nur geschieht, indem der gereizte Nerv in sich
Elektricität =hervorbringt=. Auch die Nervenfasern sind also functionell
reizbar. Aber ich gestehe hier, wie bei der Muskel-Irritabilität zu,
dass dies ein anomaler Fall ist, der im gewöhnlichen Leben selten
vorkommt, und dass man daher als die eigentlichen =Erreger= der
elektrischen Strömungen die Ganglienzellen anzusehen hat. Ob jedoch die
Vorgänge im Innern dieser Zellen selbst elektrische sind, das ist bis
jetzt nicht bekannt. Gewiss liegt es nahe, zu vermuthen, dass auch in
den Ganglienzellen selbst elektrische Vorgänge stattfinden, ja Manches
spricht dafür, dass diese Zellen die Fähigkeit besitzen, diese Vorgänge
zu modificiren, d. h. abzulenken, zu verstärken und zu schwächen. Die
empfindenden Nervenfasern sind fast durchgehends an ihren peripherischen
Enden mit Nervenzellen in Verbindung, so dass jede von aussen
eintretende Veränderung (Reizung) erst die Nervenzelle passiren muss,
ehe sie in die eigentliche Nervenfaser übergeht und zu den centralen
Ganglienzellen geleitet wird. Auch die motorischen Nervenfasern laufen
kurz vor ihrem Ende vielfach in besondere gangliöse Apparate aus,
gleichwie sie an ihrem Ursprunge aus Ganglienzellen hervorgehen. Welche
andere Bedeutung können diese Zellen haben, als die einer =Sammlung= der
in den Nerven geschehenden Bewegung, welche einerseits die Möglichkeit
einer verschiedenen =Ablenkung= des Nervenstromes (Direction,
Derivation), andererseits die Möglichkeit einer zeitweisen
=Abschwächung= und =Hemmung= desselben und dann einer nachfolgenden
=Verstärkung= mit vielleicht explosiver Wirkung gewährt? Gleichwie
früher das Studium der Reflexvorgänge, so führt gegenwärtig die sich
immer mehr ausdehnende Kenntniss der von mir so genannten
=Moderations-Einrichtungen= im Nervensystem[146], wofür zuerst der
Vagus, dann der Splanchnicus, schliesslich selbst das Gehirn so
ausgezeichnete experimentelle Beispiele geliefert haben, mit
Nothwendigkeit auf Ganglienzellen und nicht auf Nervenfasern zurück.
Erscheinungen, wie die des Elektrotonus, sind im lebenden Organismus
nicht bekannt. Trotzdem lassen die Vorgänge der Reflexion und
Derivation, der Hemmung und Verstärkung eine Interpretation im Sinne der
elektrischen Theorie zu.
[146] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. 1854. I. 19.