Nervenirritabilität. Grosse Bedeutung derselben. Falsche Deutung

derselben als Empfindlichkeit oder als Contractilität. Innervation.

Bewusste und unbewusste Empfindungen. Nervenkraft (Nervenseele,

Neurilität). Specifische Unterschiede der constituirenden Theile

des Nervensystems. Die Leitung der Electricität als Zubehör der

Nervenfasern, die Sammlung (Hemmung, Verstärkung) und Lenkung als

Zubehör der Ganglienzellen. Moderations-Einrichtungen. Instinctives

und intellectuelles Leben. Bewusstsein. Nothwendigkeit einer

histologischen Localisation der nervösen Functionen. Erregung der

Ganglienzellen: verschiedene Energie und verschiedene Combination

(Synergie) derselben. Spannung und Entladung von Ganglienzellen.

Psychologische Auffassung der Affecte und Triebe. Die pathologische

Nervenfunction: quantitative Abweichung (Krampf, Lähmung) und

combinatorische Abweichung (Epilepsie).

Drüsen-Irritabililät. Verschiedene Gruppen von Drüsen je nach dem

Typus der Secretion. Die Drüsen mit persistenten Zellen: Leber,

Nieren. Glykogenie.

Automatische Elemente. Geschichtliches. Sarkode, Protoplasma.

Amöboide Erscheinungen. Bewegliche Zellen. Verwechselungen des

Automatismus mit den Wirkungen physikalischer Osmose (Schrumpfung

und Schwellung). Aeussere Gestaltveränderungen mit Aussenden und

Einziehen von Fortsätzen (Polymorphismus); innere

Molecularbewegung, Vacuolenbildung, Abschnürung von Theilen des

Zellkörpers. Befestigte (fixe) und bewegliche (mobile) Zellen.

Wanderung und Mobilisirung der Zellen. Voracität:

Blutkörperchenhaltige Zellen. Mechanisches Eindringen von fremden

Körpern in Zellen. Der Automatismus als Merkmal der Irritabilität.

Die pathologischen Abweichungen der Function: Mangel (Defect),

Schwächung und Steigerung. Absolute Zurückweisung der Annahme

qualitativer Heterologie.

Wenn man, wie es in den vorhergehenden Capiteln versucht worden ist, die

gesammte histologische Einrichtung des Körpers überblickt, so scheint es

mir, man müsse mit Nothwendigkeit zu demjenigen Schlusse geführt werden,

der, meiner Ansicht nach, als Ausgangspunkt für alle weiteren

Betrachtungen zu dienen hat, welche über Leben und Lebensthätigkeit

angestellt werden, zu dem Schlusse nehmlich, dass jeder Theil des

Körpers eine Mehrheit von kleinen wirkungsfähigen Centren oder Elementen

darstellt, und dass nirgends, soweit unsere Erfahrung reicht, ein

einfacher anatomischer Mittelpunkt existirt, von dem aus die

Thätigkeiten des Körpers in einer erkennbaren Weise geleitet

werden[137]. Schon nach den Erfahrungen des täglichen Lebens, die einem

Jeden fast von selbst zufliessen, ist dies die einzige Deutung, welche

zugleich ein Leben der einzelnen Theile und ein Leben der Pflanze

anzunehmen gestattet. Sie allein setzt uns in den Stand, eine

Vergleichung anzustellen sowohl zwischen dem Gesammtleben des

entwickelten Thieres und dem Einzelleben seiner kleinsten Theile, als

auch zwischen dem Ganzen des Pflanzenlebens und dem Leben der

einzelnen Pflanzentheile. Sie macht es endlich möglich, die

Entwickelungsgeschichte des Eies und des Fötus auf dieselben

Grundgesetze zurückzuführen, welche für das spätere Leben und die

krankhafte Störung Gültigkeit haben. =Und das ist das Hauptkriterium,

nach welchem wir den Werth einer biologischen Theorie beurtheilen

müssen=.

[137] Archiv IV. 376. VIII. 15. IX. 34. Gesammelte Abhandl. 50.

Die entgegenstehende Auffassung, welche noch vor Kurzem mit einer

gewissen Energie heraustrat, diejenige, welche im Nervensystem den

eigentlichen Mittelpunkt des Lebens sieht, hat die überaus grosse

Schwierigkeit vor sich, dass sie in demselben Apparate, in welchen sie

die Einheit verlegt, die gleiche Zerspaltung in unzählige, einzelne

Centren wiederfindet, welche der übrige Körper darbietet, und dass sie

an keinem Punkte des Nervensystems den wirklichen Mittelpunkt

aufzuweisen vermag, von welchem, als von einem bestimmenden, alle Theile

derselben beherrscht würden.

Man hat gut reden, dass das Nervensystem die Einheit des Körpers

bewirke, insofern allerdings kein anderes System vorhanden ist, welches

sich einer so vollkommenen Verbreitung durch die verschiedensten

peripherischen und inneren Organe erfreut. Allein selbst diese weite

Verbreitung, selbst die vielfachen Verbindungen, die zwischen den

einzelnen Theilen des Nervenapparates bestehen, sind keinesweges

geeignet, um ihn als einfaches Centrum aller organischen Thätigkeiten

erscheinen zu lassen. Wir haben im Nervenapparate bestimmte kleine,

zellige Elemente gefunden, welche als Mittelpunkte der Bewegung dienen,

aber wir finden nicht Eine einzelne Ganglienzelle, von welcher alle

Bewegung in letzter Instanz ausginge; die verschiedensten einzelnen

motorischen Apparate stehen auch mit den verschiedensten einzelnen

motorischen Ganglienzellen in Beziehung. Allerdings sammeln sich die

Empfindungen an bestimmten Ganglienzellen, allein auch hier finden wir

keine einzelne Zelle, welche etwa als Centrum aller Empfindung

bezeichnet werden könnte, sondern wieder sehr viele kleinste Centren.

Die Neuristen (ich wähle diese Bezeichnung der Kürze wegen für die

Anhänger der, am meisten in gewissen neuropathologischen Werken

niedergelegten Ansicht von der dominirenden Bedeutung des Nervensystems)

haben sich ihre Sache dadurch leicht gemacht, dass sie nachzuweisen

versuchten, wie alle Lebensthätigkeit vom Nervensystem aus angeregt,

alle einzelnen Lebensverrichtungen durch Nerveneinfluss (=Innervation=)

hervorgerufen würden. Dass von diesem Standpunkte aus die Geschichte der

Eizelle und aller ihrer Tochterelemente bis zu dem Zeitpunkte hin, wo

Nerven existiren, einfach bei Seite geschoben werden muss, liegt auf der

Hand. Dass auch im entwickelten Individuum die Lebensvorgänge aller

derjenigen Theile, in denen wir bis jetzt noch keine Nerven kennen, --

ich erwähne nur die Knorpel, die Linse, den Glaskörper, -- als nicht

vorhanden betrachtet werden müssen, bedarf keines Beweises. Aber wenn

man auch annehmen wollte, wozu die ungeahnten Entdeckungen der letzten

Jahre im Gebiete der feinsten Anatomie der Nerven einen scheinbaren

Grund darbieten, dass es bei weiterer Forschung gelingen werde, in allen

Theilen des ausgewachsenen Körpers Nerven aufzufinden, so sind wir doch

noch fern davon, beweisen zu können, dass jeder einzelne Theil von

diesen Nerven beeinflusst wird. Die blosse Existenz eines Nerven beweist

doch noch nicht, dass er eine Einwirkung auf seine Nachbarschaft

ausübt. Die Enden des Geruchsnerven treten, wie wir sahen (S. 289), bis

zwischen die Epithelzellen der Regio olfactoria, aber sie »riechen«

eben, und es wäre kühn, wenn man sofort annehmen wollte, dass sie

ausserdem das benachbarte Epithel innerviren.

Wir können aber noch mehr zugestehen. Selbst wenn dargethan würde, dass

jeder einzelne, noch so kleine Theil des Körpers innervirt wird, so

folgt daraus noch keineswegs, dass in dieser Innervation das ganze Leben

der Theile enthalten ist. Die Blutkörperchen sind gewiss ohne irgend

eine direkte Verbindung mit Nervenfasern, sowohl die rothen, als die

farblosen; nichtsdestoweniger kann man sich vorstellen, dass von den

Nerven aus auf sie eine Einwirkung, etwa eine elektrische, ausgeübt

werde. Allein hören die Blutkörperchen auf zu leben, wenn wir sie diesen

Einwirkungen entziehen? Respiriren nicht die rothen Blutkörperchen auch

ausserhalb des Körpers? Fahren die farblosen nicht unter dem Mikroskope

fort sich zu bewegen? =Der Gedankengang der Neuristen ist ein

vollständig mythologischer=. Wie sie heute die Gewebe des Körpers im

Verhältnisse zu dem Nervensystem betrachten, so betrachteten die

Naturvölker die lebenden Individuen im Verhältnisse zu der Sonne, und

gewiss mit eben so viel Recht. Wärme und Licht sind die »belebenden«

Faktoren der Welt. Leben ist ohne Licht und Wärme unmöglich. Das Calidum

innatum der altgriechischen Philosophen führte ganz consequent zu der

Sonne hin. Sollen wir nun aber dabei stehen bleiben, dass jede unserer

Lebensverrichtungen von der Sonne abhängig sei? Dass, weil die Sonne

eine nothwendige Vorbedingung alles Lebens ist, auch das ganze Leben

nichts als Sonnenwirkung sei? Ein solcher Sonnendienst wäre jedenfalls

dem Nervendienste noch vorzuziehen, denn wir gewinnen hier wenigstens

eine andere Einheit, als in dem Nerven=system=.

Denn das Nervensystem ist eben ein System, d. h. ein aus vielen

wirkenden Theilen zusammengesetztes Ganzes. Wenn wir zunächst aus ihm

das Rückenmark als den für die gewöhnlichen Lebensvorgänge des

Wirbelthierkörpers am meisten bestimmenden Theil auslösen, so wird

niemand leugnen können, dass wir hier eine Art von Mittelpunkt (genauer

Mittelglied) finden, zu dem zahllose Ströme hingehen und von dem eben so

zahllose Ströme ausgehen. Aber sicherlich ist dieser Mittelpunkt kein

einheitlicher im philosophischen Sinne, und unsere Neuristen übersehen

nur zu leicht, dass selbst materiell hier jene Einheit nicht zu finden

ist, welche sie suchen. Man kann das Rückenmark in eine gewisse Zahl von

Abschnitten zerlegen, von denen jeder einzelne gewisse peripherische

Theile innervirt und auch noch nach der Zerlegung zu innerviren

fortfährt. Aber mit jedem Schnitte durch das Rückenmark schaffen wir uns

ein getrenntes »System«, eine immer grössere Zahl gesonderter

»Mittelpunkte«.

Mit dem Gehirn ist es nicht anders. Die Anatomie »zerlegt« es in eine

grosse Zahl besonderer Provinzen mit specifischer Thätigkeit, von denen

jede ihr eigenes Leben lebt, und in diesen Provinzen kommen wir endlich

auf jene Milliarde kleinster Heerde oder Elemente, welche wir vor Kurzem

zum Gegenstande unserer Betrachtung gemacht haben. Nirgends in der

körperlichen Einrichtung ist hier eine wirkliche Einheit, und selbst der

Lebensknoten (noeud vital) von =Flourens= hilft uns nicht über die

materielle Schwierigkeit hinweg. Denn er beweist nur, dass gewisse, für

das Collectivleben des Körpers unentbehrliche Functionen, namentlich die

Thätigkeit des Vagus, auf eine gewisse =Gruppe= von Ganglienzellen

zurückgeführt werden kann.

Der Neurismus führt daher zu dem ersehnten Ziele nicht. Man muss alsdann

über das Körperliche hinaus gehen und mit dem alten =Georg Ernst Stahl=

in den Hafen des =Animismus= einlaufen. Nur die immaterielle Seele

bietet die Möglichkeit einer wirklichen Einheit. Aber diese Wirklichkeit

ist nur eine gedachte. Sie ist nicht mehr Gegenstand der

naturwissenschaftlichen Beobachtung, der Messung, des Experiments. Auch

genügt die Eine Seele nicht zur Erklärung des Lebens der einzelnen

Theile. Man muss dann noch einen Schritt weiter rückwärts machen und mit

=Paracelsus= und =van Helmont= jedem einzelnen Theile seine besondere

Seele, seinen =Archaeus= sichern. Wie man von der Gehirnseele zu der

Rückenmarksseele gelangt ist, so kommt man bei der heutigen Kenntniss

der Dinge nothwendig zu einer oder eigentlich zu zahllosen

=Zellenseelen=. Die Eizelle nimmt diese Seele von der Mutter mit und

überträgt sie auf die unendliche Brut von neuen Zellen, welche sie

ihrerseits hervorbringt, bis dieselbe sich in den Ganglienzellen des

neuen Gehirns wieder zu einer Gehirnseele entfaltet.

Man bewegt sich hier in einem Kreise. Wie man es auch anfängt, um zur

Einheit zu gelangen, immer langt man wieder bei der Vielheit an. Sind

das Lebensprincip und die Seele identisch, so ist auch die Seele in

jedem einzelnen Theile. Die Erfahrungen des Nervenlebens gestatten es am

allerwenigsten, das Lebensprincip auf eine einzelne Stelle zu

localisiren. Alle Thätigkeiten, welche vom Nervensystem ausgehen, und

gewiss sind es sehr viele, lassen uns nirgends anders eine Einheit

erkennen, als in unserem eigenen Bewusstsein[138]; eine anatomische oder

physiologische Einheit ist wenigstens bis jetzt nirgends nachweisbar.

Und, wie gesagt, könnte man wirklich in dem Nervensystem mit seinen

zahlreichen einzelnen Centren den Mittelpunkt aller organischen

Thätigkeit nachweisen, so würde man damit nicht gewonnen haben, was man

sucht, die einfache Einheit. Macht man sich die Gründe klar, die uns zu

dem Aufsuchen einer solchen Einheit veranlassen, so kann es nicht

zweifelhaft sein, dass wir durch die geistigen Phänomene unseres Ichs

immerfort irre geführt werden in der Deutung der organischen Vorgänge.

Da wir uns selbst als etwas Einfaches und Einheitliches fühlen, so

folgern wir, dass von diesem selben Einheitlichen alles Andere bestimmt

werden müsse.

[138] Gesammelte Abhandl. 14, 16. Archiv VII. 18.

Man verfolge aber doch einmal die Entwickelung einer bestimmten Pflanze

von ihrem ersten Keime bis zu ihrer höchsten Entfaltung; hier trifft man

eine ganz analoge Reihe von organischen Vorgängen, wie bei der

Entwickelung eines Thieres, ohne dass man auch nur vermuthen könnte, es

bestände eine solche Einheit, wie wir sie unserem Bewusstsein nach in

uns voraussetzen. Niemand ist im Stande gewesen, ein Nervensystem bei

den Pflanzen zu zeigen; nirgend hat man gefunden, dass von einem

einzigen Punkte aus die ganze entwickelte Pflanze beherrscht werde. Alle

heutige Pflanzenphysiologie beruht auf der Erforschung der

Zellenthätigkeit, und wenn man sich immer noch sträubt, dasselbe Princip

auch in die thierische Oekonomie einzuführen, so ist, wie ich glaube,

gar keine andere Schwierigkeit da, als die, dass man die ästhetischen

und moralischen Bedenken nicht zu überwinden vermag.

Es kann natürlich an diesem Orte unsere Sache nicht sein, diese Bedenken

zu widerlegen oder zu zeigen, wie sie sich vermitteln liessen; ich

hatte nur zu zeigen, wie sowohl die Physiologie, als die Pathologie, die

uns zunächst interessirt, überall auf dasselbe cellulare Princip

zurückführt, und wie dieses Princip überall den einheitlichen

Auffassungen widerstreitet, welche man vom neuristischen Standpunkte aus

behauptet. Es ist dies im Grunde kein neuer und ungewöhnlicher Gedanke.

Wenn man seit Jahrtausenden von einem Leben der einzelnen Theile

spricht, wenn man den Satz zulässt, dass unter krankhaften Verhältnissen

ein Absterben einzelner Theile, eine Nekrose, ein Brand eintreten kann,

während das Ganze noch fortexistirt, so geht daraus hervor, dass etwas

von unserer Art zu denken in der allgemeinen Auffassung längst gegeben

war. Nur ist man sich darüber nicht vollkommen klar geworden. Spricht

man von einem Leben und Sterben der einzelnen Theile, so muss man auch

wissen, worin das Leben und Sterben sich äussert, wodurch sie wesentlich

charakterisirt sind.

Das Charakteristicum des Lebens finden wir in der =Thätigkeit=, und zwar

einer Thätigkeit, zu der jeder einzelne Theil je nach seiner

Eigenthümlichkeit etwas Besonderes beiträgt, innerhalb deren er aber

auch immer etwas besitzen muss, welches mit dem Leben der übrigen Theile

übereinstimmt. Wäre dies nicht der Fall, so würden wir keine

Berechtigung haben, das Leben als etwas Gleichartiges, als eine

gemeinsame Eigenschaft alles Organischen zu betrachten.

Diese Thätigkeit (Action) des Lebens geht, so viel wir wenigstens

beurtheilen können, nirgends, an keinem einzigen Theile durch eine ihm

etwa von Anfang an zukommende und ganz in ihm abgeschlossene Ursache vor

sich, sondern überall sehen wir, dass eine gewisse =Erregung= dazu

nothwendig ist. Jede Lebensthätigkeit setzt eine Erregung, wenn man

will, eine =Reizung= voraus. Diese besteht in einer =passiven=

Veränderung (passio, pathos), welche das lebende Element durch eine

äussere Einwirkung erfährt, welche aber nicht so gross ist, dass die

wesentliche Einrichtung des Elementes dadurch gestört wird. Auf diese

passive Veränderung (Irritamentum) folgt ein =activer Vorgang=, eine

=positive Leistung= des Elementes selbst, von der wir annehmen, dass sie

aus den lebendigen Eigenschaften des Elementes als ein selbständiges

Ereigniss folge. Daher erscheint uns die =Erregbarkeit= der einzelnen

Theile als das Kriterium, wonach wir beurtheilen, ob der Theil lebe oder

nicht lebe[139].

[139] Archiv IV. 285. VIII. 37. IX. 51. XIV. 1.

Ein abgestorbener Theil zeigt allerdings auch anatomisch häufig grosse

Veränderungen. Ich habe in dieser Beziehung zwei grössere Gruppen

unterschieden. In der einen Gruppe, welche die =Nekrobiose=[140]

umfasst, gehen dem Absterben schon gewisse Veränderungen der organischen

Einrichtung voraus, welche zu einer Zerstörung, häufig zu einer

wirklichen Zertrümmerung (=Detritus=) der Elemente führen. Am Schlusse

des Processes findet sich der organische Theil gar nicht mehr vor: es

ist ein Defect vorhanden. In der anderen Gruppe, welche die eigentliche

=Nekrose= liefert, stirbt der Theil ab, ohne dass seine äussere

Erscheinung eingreifende Veränderungen erfährt; relative Integrität der

Form ist das unterscheidende Merkmal. Freilich kann der nekrotische

Theil nachher wesentliche Veränderungen erfahren, aber dieses sind

=cadaveröse= Veränderungen, und ihr Eintritt kann sich verhältnissmässig

sehr lange verzögern. An Hartgebilden, namentlich Knochen, ist dies

hinreichend bekannt; dasselbe gilt aber auch für Weichgebilde und selbst

für ganz zarte, mindestens für die erste Zeit nach ihrem Absterben. Ob

ein Nerv lebe oder todt sei, das können wir unmittelbar, durch seine

anatomische Betrachtung, keineswegs mit Sicherheit erkennen, wir mögen

ihn nun mikroskopisch oder makroskopisch untersuchen. In der äusseren

Erscheinung, in den gröberen Einrichtungen, die wir mit unseren

Hülfsmitteln entziffern können, ist, wenn wir frisch abgestorbene Nerven

in Betracht ziehen, keine Möglichkeit gegeben, eine solche

Unterscheidung zu machen. Ob ein Muskel lebt oder abgestorben ist,

können wir anatomisch kaum beurtheilen, da wir die Muskelstructur noch

erhalten finden an Theilen, welche schon seit Jahren abgestorben sind.

Ich habe in einem Kinde, welches bei einer Extrauterinschwangerschaft 30

Jahre im Leibe seiner Mutter gelegen hatte, die Structur der Muskeln so

intact gefunden, wie wenn das Kind eben erst ausgetragen gewesen

wäre[141]. =Czermak= hat Theile von Mumien untersucht und an ihnen eine

Reihe von Geweben gefunden, welche so vollständig erhalten waren, dass

man sehr wohl hätte auf den Schluss kommen können, diese Theile wären

aus einem lebenden Körper hergenommen. Der Begriff des Todten, des

Abgestorbenen, Nekrotischen beruht ja eben darauf, dass wir bei und

trotz der Erhaltung der Form nicht mehr die Erregbarkeit finden[142]. Am

deutlichsten hat sich diese Erfahrung gerade in der neueren Zeit bei den

Untersuchungen über die feineren Eigenschaften der Nerven gezeigt. Erst

nachdem man auch am sogenannten ruhenden Nerven durch die Untersuchungen

du =Bois-Reymond='s eine Thätigkeit kennen gelernt, nachdem man

eingesehen hat, dass auch in dem ruhenden Nerven fortwährend elektrische

Vorgänge stattfinden, dass er fortwährend eine Wirkung auf die

Magnetnadel ausübt, kann man mit Sicherheit durch das physikalische

Experiment beurtheilen, wann der Nerv todt ist. Denn sowie der Tod

eingetreten ist, hören jene Eigenschaften auf, welche untrennbar mit dem

Leben des Nerven verbunden sind.

[140] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 273, 279, 306.

[141] Würzb. Verhandl. I. 104. Gesammelte Abhandl. 791.

[142] Spec. Pathologie und Therapie. I. 279

Diese Eigenschaft der Erregbarkeit, welche wir an einzelnen Theilen in

einer so ausgesprochenen und so evident nachweisbaren Weise finden,

tritt immer mehr zurück, je niedriger organisirt der Theil ist, und am

wenigsten sicher sind unsere Kriterien an den Geweben, welche die

Bindegewebsformation umfasst. Hier sind wir in der That häufig in

grosser Verlegenheit, zu entscheiden, ob ein Theil lebt oder ob er schon

abgestorben ist. Es erklärt sich diese Schwierigkeit aus dem Umstande,

dass diese Gewebe in der Regel ihrer Hauptmasse nach aus

Intercellularsubstanz bestehen, und dass, wenn wir sie auf

ihre Erregbarkeit prüfen wollen, nur die verhältnissmässig

kleinen und spärlichen Zellen in Betracht kommen. =Nirgends ist

Intercellularsubstanz erregbar=. Es ist dies eine überaus wichtige

Erfahrung, welche sowohl für die physiologische Deutung der Gewebe, als

auch für die Lehre =von dem Leben der einzelnen Theile als einer

ausschliesslich cellularen= Eigenschaft von grösster Bedeutung ist.

Früher hat man immer mit dem ganzen Gewebe experimentirt; erst in der

neuesten Zeit hat man angefangen, auch die experimentelle Forschung auf

die mikroskopischen Elemente zu richten, und es hat sich auch bei den

Geweben der Bindesubstanz ergeben, dass ihre Zellen, z. B. auf

elektrische Reizung erregbar sind.

Wenn man nun weiter analysirt, was man unter Erregbarkeit verstehen

soll, so ergibt sich alsbald, dass damit die Eigenschaft der lebenden

Theile gemeint ist, vermöge welcher sie auf äussere Einwirkung in

Thätigkeit gerathen. Es sind aber die verschiedenen Thätigkeiten, welche

auf irgend eine äussere Einwirkung hervorgerufen werden können,

wesentlich dreierlei Art[143]; und ich halte es für sehr wichtig, dass

man diesen Punkt für die Gruppirung physiologischer und pathologischer

Vorgänge bestimmt ins Auge fasse, um so mehr, als er gewöhnlich nicht

mit besonderer Deutlichkeit hervorgehoben zu werden pflegt.

[143] Archiv XIV. 13.

Entweder nehmlich handelt es sich bei dem Hervorrufen einer bestimmten

Thätigkeit um die Verrichtung, oder um die Erhaltung, oder um die

Bildung eines Theiles: =Function=, =Nutrition=, =Formation=. Darnach

lassen sich sämmtliche physiologischen und pathologischen

Elementar-Vorgänge in drei grosse Gruppen zerlegen: functionelle,

nutritive (trophische) und formative (plastische). Allerdings lässt sich

nicht leugnen, dass an gewissen Punkten die Grenzen zwischen diesen

verschiedenen Vorgängen verschwinden, dass insbesondere zwischen den

nutritiven und den formativen Vorgängen, und ebenso zwischen den

functionellen und den nutritiven Uebergänge bestehen, allein in dem

eigentlichen Akt unterscheiden sie sich doch ganz wesentlich, und die

inneren Veränderungen, welche der einzelne erregte Theil erleidet, je

nachdem er nur fungirt, oder sich ernährt, oder der Sitz besonderer

Bildungsvorgänge wird, sind erheblich verschieden[144]. Das Resultat der

Erregung, oder wenn man will, der Reizung eines lebenden Theiles kann

also je nach Umständen ein bloss functioneller Vorgang sein, oder es

kann eine mehr oder weniger starke Ernährung des Theiles eingeleitet

werden, ohne dass nothwendig die Function gleichzeitig erregt wird, oder

es kann endlich ein Bildungsvorgang einsetzen, welcher mehr oder weniger

viele neue Elemente schafft. Diese Verschiedenheiten werden in dem

Maasse deutlicher, als die einzelnen Gewebe des Körpers mehr geeignet

sind, dem einen oder dem anderen Erregungszustande zu entsprechen.

[144] Spec. Pathol. und Ther. I. 272. Archiv VIII. 27.

Wenn wir von =Verrichtungen= der Theile sprechen, so reducirt sich bei

einer guten Zahl von Geweben die wahre Function auf ein Minimum. Wir

wissen im Ganzen sehr wenig zu sagen von der eigentlichen Function (im

höheren Sinne des Wortes) bei fast allen Geweben der Bindesubstanz, bei

der grössten Zahl der Epithelial-Elemente. Wir können wohl sagen, was

sie für einen Nutzen haben, aber sie erschienen bis vor Kurzem immer

mehr als relativ träge Massen, welche weniger der eigentlichen Function

dienen, sondern vielmehr als Stützen für den Körper, als Decken für die

Oberflächen, unter Umständen verbindend oder vermittelnd oder trennend,

aber wesentlich =passiv= wirkend. Anders dagegen verhält es sich mit

denjenigen Theilen, welche durch die Eigenthümlichkeit ihrer inneren

Einrichtung einer schnelleren Veränderung zugänglich sind: den Nerven,

den Muskeln und einzelnen anderen Gebilden, z. B. unter den epithelialen

den Drüsenzellen, dem Flimmer-Epithel. Am frühesten hat

begreiflicherweise die Erregbarkeit der Nerven die Aufmerksamkeit auf

sich gezogen, und so ist es gekommen, dass viele Jahre hindurch der

Begriff der Irritabilität sich ausschliesslich an die Nerven knüpfte,

ein Umstand, der das Aufkommen des Neurismus in hohem Maasse begünstigt

hat.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 31 / 54 段