Zwischenmasse eigentlich nur bei den peripherischen Nerven zuliess und
sich begnügte, das Neurilem bis auf die Häute des Rückenmarkes und
Gehirnes zurück zu verfolgen, höchstens dass man noch innerhalb der
Ganglien und im Sympathicus ein besonderes Umhüllungsgewebe anerkannte.
Allerdings hatte schon 1810 =Keuffel= die Existenz eines »fibrösen
Gewebes« im Rückenmarke vertheidigt, aber bis auf wenige Ausnahmen
(=Fr=. =Arnold=) hatten alle Anatomen sich gegen diese Auffassung
erklärt. Namentlich im Gehirne deutete man die Zwischensubstanz gerade
als eine wesentlich nervöse Masse. Eine solche erschien in der That so
lange als ein natürliches Desiderat, als man eine directe Uebertragung
der Erregungen von Faser zu Faser zuliess, als man also die
Nothwendigkeit einer wirklichen Continuität der Leitung innerhalb der
Nerven selbst nicht anerkannte. So sprach man beim Gehirne von einer
feinkörnigen, zwischen die Fasern eingeschobenen Masse, welche freilich
keine vollständige Verbindung zwischen den Fasern herstelle, indem sie
eine gewisse Schwierigkeit in der Uebertragung der Erregungen von einer
Faser zur anderen bedinge, welche aber doch eine Leitung zwischen
denselben ermögliche, indem bei einer beträchtlichen Höhe der Erregung
eben auch eine direkte (seitliche) Uebertragung von Faser zu Faser
stattfinden könne. Diese Masse ist jedoch unzweifelhaft nicht nervöser
Natur, und wenn man ihre Beziehung zu den bekannten Gruppen der
physiologischen Gewebe aufsucht, so kann man darüber nicht im Unsicheren
bleiben, dass es sich um eine Art des Bindegewebes handelt, also um ein
Aequivalent desjenigen Gewebes, welches wir bei den Nerven als
Perineurium kennen gelernt haben (S. 273). Allein der Habitus dieser
Substanz ist allerdings sehr weit verschieden von dem, was wir
Perineurium oder Neurilem nennen. Letztere sind verhältnissmässig derbe,
zum Theil sogar harte und zähe Gewebe, während das Interstitialgewebe
der Centren ausserordentlich weich und gebrechlich ist, so dass man nur
mit grosser Schwierigkeit überhaupt dahin kommt, seinen Bau kennen zu
lernen.
[Illustration: =Fig=. 103. Ependyma ventriculorum und Neuroglia vom
Boden des vierten Hirnventrikels. _E_ Epithel, _N_ Nervenfasern.
Dazwischen der freie Theil der Neuroglia mit zahlreichen
Bindegewebszellen und Kernen, bei _v_ ein Gefäss, im Uebrigen zahlreiche
Corpora amylacea, welche bei _ca_ noch isolirt dargestellt sind. Vergr.
300.]
Ich wurde zuerst auf seine Eigenthümlichkeit aufmerksam bei
Untersuchungen, die ich vor 25 Jahren über die sogenannte =innere Haut
der Hirnventrikel= (Ependyma) anstellte[129]. Damals bestand die
Ansicht, welche zuerst durch =Purkinje= und =Valentin=, später
namentlich durch =Henle= geltend geworden war, dass eine eigentliche
Haut in den Hirnventrikeln gar nicht existire, sondern nur ein
Epithelial-Ueberzug, indem die Epithelial-Zellen unmittelbar auf der
Fläche horizontal gelagerter Nervenfasern aufsässen. Diese
Epithelialschicht war es, welche =Purkinje= Ependyma ventriculorum
nannte. Seine Annahme ist freilich von den Pathologen nie getheilt
worden. Die pathologische Anschauung ging ziemlich unbekümmert neben den
histologischen Angaben einher. Indess erschien es doch wünschenswerth,
eine Verständigung zu gewinnen, da in einem bloss epithelialen Ependyma
nicht wohl eine Entzündung vorkommen konnte, wie man sie einer serösen
Haut zuzuschreiben pflegt. Bei meinen Untersuchungen ergab sich nun,
dass allerdings unter dem Epithel der Ventrikel eine Schicht vorhanden
ist, welche an manchen Stellen ganz den Habitus von Bindegewebe, an
anderen jedoch eine so weiche Beschaffenheit besitzt, dass es überaus
schwierig ist, eine Beschreibung von ihrem Aussehen zu liefern. Jede
kleinste Zerrung ändert ihre Erscheinung: man sieht bald körnige, bald
streifige, bald netzförmige oder wie sonst geartete Substanz. Anfangs
glaubte ich mich beruhigen zu dürfen bei dem Nachweise, dass hier
überhaupt ein dem Bindegewebe analoges Gewebe existire und eine Haut zu
constatiren sei. Allein, je mehr ich mich mit der Untersuchung derselben
beschäftigte, um so mehr überzeugte ich mich, dass keine eigentliche
Grenze zwischen dieser Haut und den tieferen Gewebslagen bestehe, und
dass man nur in uneigentlichem Sinne von einer Haut sprechen könne, da
man doch bei einer Haut voraussetzt, dass sie von der Unterlage mehr
oder weniger verschieden und trennbar sei. Im Groben lässt sich freilich
nicht selten eine solche Trennung auch hier vornehmen, aber im Feineren
ist es durchaus nicht möglich. Man sieht, wenn man die Oberfläche irgend
eines Durchschnittes der Ventrikelwand bei stärkerer Vergrösserung
einstellt, zunächst an der Oberfläche ein bald mehr, bald weniger gut
erhaltenes Epithel (Fig. 103, _E_). Im günstigsten Falle trifft man
Cylinder-Epithel mit Cilien, welches sich wenigstens ursprünglich durch
die ganze Ausdehnung der Höhle des Rückenmarkes (Centralkanal) und des
Hirnes (Ventrikel) erstreckt. Unter dieser Lage folgt eine bald mehr,
bald weniger reine Schicht von bindegewebsartiger Structur, welche auf
den ersten Blick gegen die Tiefe hin allerdings scharf abgesetzt
erscheint, denn schon mit blossem Auge, namentlich nach Behandlung mit
Essigsäure, erkennt man sehr deutlich eine äussere, graue und
durchscheinende Lage, während die tiefere Schicht weiss aussieht. Dieses
weisse Aussehen rührt daher, dass hier markhaltige Nervenfasern liegen,
zunächst der Oberfläche einzelne, dann immer mehrere und dichter
gedrängte, in der Regel der Oberfläche parallel (Fig. 103, _N_). So kann
es allerdings scheinen, als sei hier eine besondere Haut, die man von
den letzten Nervenfasern abtrennen könnte. Vergleicht man nun aber damit
die Masse, welche zwischen den Nervenfasern selbst liegt, so zeigt sich
keine wesentliche Verschiedenheit; es ergibt sich vielmehr, dass die
oberflächliche Schicht weiter nichts ist, als der über die
Nervenelemente hinaus zu Tage gehende Theil des Zwischengewebes, welches
überall zwischen den Elementen vorhanden ist, und welches nur hier in
seiner Reinheit zur Erscheinung kommt[130]. Es ist also das Verhältniss
ein continuirliches.
[129] Zeitschrift für Psychiatrie. 1846. Heft 2. 242. Gesammelte
Abhandlungen 885.
[130] Archiv 1854. VI. 138.
Es erhellt aus dieser Darstellung, dass es ein ganz müssiger Streit war,
wenn man Jahre lang darüber discutirte, ob die Haut, welche die
Ventrikel auskleide, eine Fortsetzung der Arachnoides oder der Pia mater
oder ob sie eine eigene Haut sei. Es ist, streng genommen, gar keine
Haut vorhanden, sondern es ist die Oberfläche des Organs selbst, welche
unmittelbar zu Tage geht. Auch an dem Gelenkknorpel müssen wir es als
einen müssigen Streit bezeichnen, welche Art von Haut den Knorpel
überzieht, da der Knorpel selbst bis an die Oberfläche des Gelenkes
herantritt. In gleicher Weise geht auch nichts von der Arachnoides,
nichts von der Pia mater auf die Oberfläche der Ventrikel: die letzte
Ausbreitung, welche diese Häute nach innen aussenden, ist die Tela
(Velum) chorioides mit den Plexus chorioides. Ueber diese hinaus findet
sich kein seröser Ueberzug mehr, welcher die innere Fläche der
Hirnhöhlen auskleidet. Aus diesem Grunde kann man die Zustände der
Hirnhöhlen nicht vollkommen vergleichen mit den Zuständen der
gewöhnlichen serösen Säcke. Es kann allerdings an der Tela chorioides
oder den Plexus eine Reihe von Erscheinungen auftreten, welche parallel
stehen den Störungen anderer seröser Häute, aber nie findet dies ganz in
derselben Art an der Ventrikeloberfläche des Gehirns selbst statt.
Das interstitielle Gewebe der Centralorgane des Nervensystems bildet
demnach an der Oberfläche der Hirnhöhlen, und, wie ich sofort hinzufüge,
auch des Centralkanals des Rückenmarks eine hautartige Schicht, welche
continuirlich in die Zwischenmasse, den eigentlichen Kitt, welcher die
Nervenmasse zusammenhält, übergeht. Obwohl zu der grossen Klasse der
Gewebe der Bindesubstanz gehörig (S. 40), zeigt es doch so wesentliche
Eigenthümlichkeiten, dass ich mich veranlasst sah, ihm den neuen Namen
der =Neuroglia= (Nervenkitt) beizulegen[131]. Die Ansicht, dass es sich
um ein Aequivalent des Bindegewebes handele, ist in der neueren Zeit
fast von allen Seiten recipirt worden, allein über die Art seiner
Zusammensetzung und über die Ausdehnung, in welcher man die einzelnen im
Gehirn und Rückenmark vorkommenden Elemente dieser Substanz zuzurechnen
hat, sind die Meinungen noch getheilt. Schon als ich meine ersten
weitergehenden Untersuchungen über diese Theile anstellte, ergab es
sich, dass gewisse sternförmige Elemente, welche in der Mitte des
Rückenmarks, im Umfange des nachher genauer constatirten Centralkanals,
in dem von mir so genannten =centralen Ependymfaden=[132] vorkommen, und
welche bis dahin als Nervenzellen betrachtet worden waren, unzweifelhaft
der Neuroglia angehörten. Es ist späterhin, namentlich durch die
Dorpater Schule unter =Bidder=, eine Reihe von Untersuchungen publicirt
worden, in denen man die Mehrzahl aller Zellen des Rückenmarks diesem
Bindegewebe zugerechnet hat. =Bidder= selbst fasste zuletzt alle Zellen,
welche in der hinteren Hälfte des Rückenmarkes vorkommen, also auch
wirkliche Ganglienzellen, als Bindegewebskörper auf. Auf der anderen
Seite leugnete =Jacubowitsch= früher, dass überhaupt im Hirn oder
Rückenmark irgendwo zellige Theile des Bindegewebes vorkommen; das
freilich auch von ihm als Bindesubstanz aufgefasste Zwischengewebe
schilderte er als eine ganz amorphe, fein granulirte oder netzartige
Masse, welche durchaus nirgend geformte Theile mit sich führe. Zwischen
diesen Extremen, so glaube ich, ist es empirisch vollkommen
gerechtfertigt, die Mitte zu halten. Es kann meiner Ueberzeugung nach
nicht bezweifelt werden, dass die grossen Elemente, welche in den
hinteren Körnern des Rückenmarks enthalten sind, Nervenzellen sind,
allein auf der anderen Seite muss ebenso bestimmt behauptet werden,
dass, wo Neuroglia vorkommt, dieselbe stets eine gewisse Zahl von
zelligen, ihr gehörigen Elementen enthält. An der Oberfläche der
Hirnventrikel kommen gewöhnlich der Oberfläche parallel liegende
Spindelzellen vor, ähnlich, wie man sie in anderen Bindegewebsarten
findet, bald kleinere, bald grössere; macht man schräge Schritte, so
geben sie sich oft als sternförmige Elemente zu erkennen (Fig. 103).
[131] Gesammelte Abhandl. 890
[132] Archiv VI. 137.
[Illustration: =Fig=. 104. Elemente der Neuroglia aus der weissen
Substanz der Grosshirnhemisphäre des Menschen. _a_ freie Kerne mit
Kernkörperchen, _b_ Kerne mit körnigen Resten des bei der Präparation
zertrümmerten Zellenparenchyms, _c_ vollständige Zellen. Vergr. 300.]
Ein ganz ähnlicher Bau, wie wir ihn früher vom Bindegewebe kennen
gelernt haben, insbesondere ähnliche Elemente mit einer weichen,
feinfaserigen oder netzförmigen Intercellularsubstanz finden sich auch
zwischen den Nervenfasern des Hirns und Rückenmarks vor, aber sie sind
so weich und gebrechlich, dass man meist nur Kerne wahrnimmt, die in
gewissen Abständen in der Masse zerstreut sind. Wenn man aber genau
sucht, so kann man selbst an frischen Objecten regelmässig einzelne
weiche, zellige Körper erkennen, welche einen feinkörnigen Leib und
grosse, granulirte Kerne mit Kernkörperchen besitzen und als rundliche
oder linsenförmige, häufig mit feinen Fortsätzen versehene Gebilde in
einer allerdings nicht sehr beträchtlichen Menge zwischen den
Nervenelementen liegen. An gewissen Stellen ist es freilich bis jetzt
unmöglich gewesen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen beiden
Geweben, so namentlich an der Oberfläche des kleinen Gehirns zwischen
den Körnern, welche ich vorher (S. 313) schilderte, und welche mit
grossen Ganglienzellen zusammenhängen, einerseits und den Elementen des
Bindegewebes andererseits. Namentlich wenn man die Theile aus dem
Zusammenhange gerissen sieht, so kann man nicht leicht einen Unterschied
machen; eine bestimmte Deutung ist nur so lange möglich, als man sie in
ihrer natürlichen Lage übersieht.
Wie in allen Geweben der Bindesubstanz, so liegen auch hier die Elemente
(Glia-Zellen) in einer Intercellularsubstanz, welche je nach den
einzelnen Orten in sehr verschiedener Mächtigkeit auftritt. Im
Allgemeinen ist die gliöse Intercellularsubstanz weich, aber, wie wir
schon bei der Betrachtung des Ependyms sahen (S. 317), sie bietet sehr
verschiedene Grade der Festigkeit und der inneren Zusammensetzung dar.
Obwohl sie frisch fast überall eine mehr gleichmässige, mit feinen
Pünktchen oder Körnchen versehene, weiche und gebrechliche Masse
darstellt, die deshalb von Einigen geradezu als eine Art von Protoplasma
angesprochen wird, so zeigt sie doch auch ohne besondere
Vorbereitung an manchen Stellen eine faserige, mehr oder weniger der
Intercellularsubstanz des Bindegewebes analoge Beschaffenheit. Erhärtet
man sie vorsichtig durch chemische Mittel, so tritt überall eine
feinfaserige Einrichtung hervor. Diese Fäserchen sind von äusserster
Zartheit, so dass es in der grauen Substanz noch nicht gelungen ist, sie
überall von den reiserförmigen Fortsätzen der Ganglienzellen (S. 307) zu
unterscheiden, ja dass Einzelne sogar einen Zusammenhang zwischen beiden
angenommen haben. Diese Schwierigkeit ist namentlich dadurch bedingt,
dass die gliösen Fäserchen an zahlreichen Stellen ein feines Netzwerk
bilden, welches sich den Hirnzellen so eng anschliesst, dass man Mühe
hat, die Ausläufer dieser Zellen, welche gleichfalls fibrillär sind, von
den intercellularen Fibrillen zu trennen. Verhältnissmässig am nächsten
unter den Geweben der Bindesubstanz steht das Schleimgewebe.
Gewiss ist es von erheblicher Wichtigkeit zu wissen, dass in allen
nervösen Theilen, sowohl den centralen, als den peripherischen, ausser
den eigentlichen Nervenelementen noch ein zweites Gewebe vorhanden ist,
welches sich anschliesst an die grosse Gruppe von Bildungen, welche den
ganzen Körper durchziehen, und welche wir in den früheren Capiteln als
Gewebe der Bindesubstanz kennen gelernt haben. Spricht man von
pathologischen oder physiologischen Zuständen des Hirns oder
Rückenmarks, so handelt es sich zunächst immer darum, zu erkennen, in
wieweit dasjenige Gewebe, welches getroffen ist, welches leidet oder
erregt ist, nervöser (parenchymatöser, specifischer) oder gliöser
(interstitieller) Art ist. Für die Deutung krankhafter Processe
gewinnen wir so von vornherein die wichtige Scheidung der Affectionen
der Nerven, des Hirns und Rückenmarks in interstitielle und
parenchymatöse [nervöse][133], und die Erfahrung lehrt, dass gerade das
interstitielle Gewebe einer der häufigsten Sitze krankhafter
Veränderung, z. B. fettiger Degeneration, Induration, Proliferation ist.
Es versteht sich von selbst, dass die Erkrankungen dieses
interstitiellen Gewebes ganz denen anderer Bindegewebsmassen gleichen,
dass also auch Gehirn, Rückenmark und Nerven dieselben Arten von
Veränderung erfahren können, die an der Haut, der Cornea, dem
interstitiellen Gewebe der Leber oder Nieren vorkommen.
[133] Entwickelung des Schädelgrundes 96, 100.
Innerhalb der Neuroglia verlaufen die Gefässe, welche daher von der
Nervenmasse fast überall ausser ihrer Adventitia (Lymphscheide) noch
durch ein leichtes Zwischenlager getrennt sind und nicht in
unmittelbarem Contact mit derselben sich befinden. Die Neuroglia
erstreckt sich in der besonders weichen Form, welche sie an den
Central-Organen, besonders am Gehirne hat, nur noch auf diejenigen
Theile, welche als direkte Verlängerungen der Hirnsubstanz betrachtet
werden müssen, nehmlich auf einige höhere Sinnesnerven. Der Olfactorius
und Acusticus zeigen noch dieselbe Beschaffenheit der Zwischenmasse,
während in den übrigen Theilen, selbst schon im Opticus, eine zunehmende
Masse eines derberen Gewebes auftritt, welches den Charakter des
Perineuriums annimmt.
Perineurium und Neuroglia sind also äquivalente Theile, nur dass die
letztere eine weiche, markige, gebrechliche, fast schleimige
Beschaffenheit hat, während das erstere sich den fibrösen Theilen
anschliesst. Das Neurilem aber verhält sich zum Perineurium, wie die
Hirn- und Rückenmarkshäute zu der Neuroglia.
Ueberall, wo Neuroglia vorhanden ist, zeigt sich noch eine ganz
besondere Eigenthümlichkeit, welche sich bis jetzt weder chemisch noch
physikalisch deuten lässt; überall da können nehmlich jene
eigenthümlichen Körper vorkommen, welche schon durch ihren Bau an die
Körner der Pflanzenstärke erinnern und deshalb von ihrem Entdecker,
=Purkinje=, den Namen der =Corpora amylacea= (Fig. 103, _a_) erhielten.
Durch ihre chemische Reaction stellen sie sich den pflanzlichen
vollständig an die Seite. Am meisten ausgedehnt und am mächtigsten
liegen sie im Ependyma der Hirnventrikel und des Spinalkanals, und zwar
um so reichlicher, je grösser die Dicke der Ependymaschicht ist. Man
findet sie gewöhnlich an manchen Stellen nur vereinzelt, an anderen
dagegen nimmt ihre Zahl so sehr zu, dass die ganze Dicke des Ependyms
davon in einer solchen Weise eingenommen ist, dass es aussieht, als wenn
man ein Pflaster vor sich hätte. Die Corpora amylacea treten aber
merkwürdiger Weise auch unter pathologischen Verhältnissen häufig in
grösser Menge auf, wenn durch eine krankhafte Störung die Masse der
Neuroglia im Verhältnisse zur Nervensubstanz zunimmt, z. B.
nach Processen der Atrophie (S. 278). Bei der Tabes dorsualis, wie man
früher sagte, der gelatinösen oder grauen Atrophie einzelner
Rückenmarksstränge, wie ich den Zustand genannt habe[134], findet man in
dem Maasse, als die Atrophie fortschreitet, als die Nerven untergehen,
in gewissen Richtungen, z. B. in den hinteren Strängen, meist zunächst
an der hinteren Spalte keilförmige Züge, in welchen die bis dahin weisse
Substanz von aussen her grau und durchscheinend wird. Es sieht dann aus,
als entstände neue graue Substanz. Diese Umwandlung kann fortschreiten
und geht gewöhnlich in der Weise fort, dass der Keil immer höher und
höher steigt und zugleich an Breite zunimmt. In seinen Grenzen schwindet
nun allmählich die ganze markhaltige Substanz; man findet keine
deutlichen Nerven an diesen Stellen mehr; dagegen durchsetzt sich die
Neuroglia sehr häufig mit einer massenhaften Anhäufung von Corpora
amylacea.
[134] Archiv VIII. 143, 540. X. 102. XLVIII. 520.
[Illustration: =Fig=. 105. Durchschnitt des Rückenmarkes bei partieller
(lobulärer) grauer oder gelatinöser Atrophie (Degeneration). _f_ Fissura
longitudinalis posterior, _s_, _s_ hintere, _m_, _m_ vordere Nervenwurzeln,
in Verbindung mit der grauen Substanz der Hörner. In _A_ geringere, in
_B_ ausgedehnte Atrophie, die sich in den Hintersträngen um die
Mittelspalte _f_, und bei _l_ in den Seitensträngen zeigt. Natürliche
Grösse.]
Trotz dieser Massenhaftigkeit ist es für die Betrachtung mit dem blossen
Auge ganz unmöglich, irgend etwas von der Anwesenheit der Corpora
amylacea wahrzunehmen. Man sieht weder die einzelnen Körper, welche
niemals zu einer makroskopischen Grösse anwachsen, noch ihre Haufen.
Denn die Körper sind so wenig lichtbrechend, dass ihre Anwesenheit sich
durch keine gröbere Eigenschaft oder Wirkung bemerkbar macht. Sie lassen
sich daher nur durch das Mikroskop diagnosticiren.
Nirgends im Körper hat man bis jetzt ein vollständiges Analogon dieser
Art von Bildungen gefunden. Nur in denjenigen Theilen, welche bei der
embryonalen Entwickelung als direkte Ausstülpungen aus der Hirnsubstanz
hervorgehen, nehmlich in den höheren Sinnesorganen, wo ursprünglich eine
gewisse Quantität von Centralnervenmasse in Sinneskapseln eintrat,
namentlich in dem Acusticus, Olfactorius, Opticus, in der Cochlea und
Retina kommen zuweilen Corpora amylacea vor, doch ist bis jetzt die
chemische Reaction an denen der Retina nicht gelungen. Auch bei Thieren
fehlt es bis jetzt fast ganz an analogen Beobachtungen, und erst in der
letzten Zeit hat =Bütschli= bei der Gregarine, einer entozoischen
Monere, ähnliche Körper aufgefunden. Sehr bemerkenswerth ist der
Umstand, dass auch der Neugeborne noch nirgends Corpora amylacea
besitzt, ja dass sie selbst bei der so häufigen congenitalen grauen
Atrophie der Rückenmarksstränge fehlen. Ihre Entwickelung beginnt erst
in einer späteren Zeit des Lebens, und man wird daher um so eher
geneigt, sie für ein pathologisches Produkt zu halten, als ihre Zahl und
selbst ihr zeitliches Erscheinen sehr wesentlich durch das Auftreten
pathologischer Prozesse bestimmt wird. Nichtsdestoweniger sind sie bei
Erwachsenen so constant, dass man sie als einen typischen Bestandtheil
der Neuroglia betrachten muss.
Isolirt man solche Körper, so zeigen sie in jeder Beziehung eine so
vollständige Analogie mit pflanzlicher Stärke, dass schon lange, bevor
es mir gelang[135], die Analogie der chemischen Reaction zu finden,
wegen der morphologischen Aehnlichkeit die Bezeichnung der Corpora
amylacea eingeführt war. Freilich hat man von manchen Seiten die
chemische Uebereinstimmung der thierischen und pflanzlichen
Amyloidkörper bezweifelt; namentlich hatte =Heinrich Meckel= grosse
Bedenken dagegen, indem er vielmehr eine Beziehung der ersteren zu
Cholestearin annahm. In der neueren Zeit ist aber selbst von Botanikern
vom Fach die Sache untersucht worden, und jeder, der sich genauer damit
beschäftigte, hat bis jetzt dieselbe Ueberzeugung gewonnen, welche ich
aussprach. =Nägeli= erklärt die Körper des Gehirns für ganz veritable
Stärke.
[135] Archiv VI. 135, 416. VIII. 142.
Morphologisch erscheinen sie entweder als ganz runde, regelmässig
geschichtete Körper, oder das Centrum sitzt etwas seitlich, oder es sind
Zwillingskörper; meist sehen sie mehr homogen, blass, mattglänzend, wie
fettartig aus. Behandelt man sie mit Jod, so färben sie sich
blassbläulich oder graublau, wobei freilich die richtige Concentration
des Reagens sehr viel ausmacht. Setzt man hinterher Schwefelsäure zu, so
bekommt man bei regelrechter Einwirkung, am besten bei sehr langsamer
Einwirkung des Reagens ein schönes Blau. Wirkt Schwefelsäure stark ein,
so erhält man eine violette, schnell braunroth oder schwärzlich werdende
Färbung, welche von der Färbung der Nachbartheile sich auf das
Entschiedenste absetzt, denn diese werden gelb oder höchstens gelbbraun.
Mit den Corpora amylacea darf eine in ihrer Nachbarschaft häufig
vorkommende und in morphologischer Beziehung ihnen sehr nahe stehende
Art von Bildungen nicht verwechselt werden, nehmlich die Körner des
=Gehirnsandes=. Am längsten kennt man dieselben aus der Basis der Zirbel
(Conarium, Glandula pinealis), wo sie in einem grösseren Häufchen, dem
von den Gebrüdern =Wenzel= sogenannten Acervulus zu liegen pflegen.
Jedoch sind sie manchmal durch einen grossen Theil der Substanz der
Zirbel zerstreut. Nächstdem fand man sie in den Plexus choroides,
namentlich in dem sogenannten Glomus, wo sie pathologisch zuweilen
gleichfalls grosse Haufen bilden. Ich habe indess gezeigt, dass sie auch
an zahlreichen anderen Stellen der Hirnhäute, und zwar sowohl der Pia,
als der Dura mater, unter pathologischen Verhältnissen in Lymphdrüsen
und an serösen Häuten vorkommen[136]. Jedenfalls finden sie sich
physiologisch niemals im Innern der nervösen Theile; ihr Vorkommen ist
streng gebunden an die Häute. Diese =Sandkörper= (Corpora arenacea)
bestehen, wie die Corpora amylacea, aus concentrischen Schichten, aber
sie werden sehr schnell der Sitz einer Kalkablagerung, welche sie
allmählich ganz und gar durchdringt. Löst man die Kalksalze durch
Säuren, so bleibt ein streifiges Gerüst einer lamellären organischen
Substanz, welche niemals Jod- oder Jod-Schwefelsäure-Reaction gibt. Auch
ihre beträchtliche Grösse, welche schnell makroskopisch wird, gestattet
leicht ihre Unterscheidung von den Corpora amylacea. Dagegen kommen sie
darin mit den letzteren überein, dass sie beim Neugebornen noch nicht
vorhanden sind, sondern sich erst im Laufe des extrauterinen Lebens
entwickeln.
[136] Würzburger Verhandl. I. 144. II. 53. VII. 228. Geschwülste II.
107.
Fünfzehntes Capitel.
Leben der Elemente. Thätigkeit und Reizbarkeit.
Das Leben der einzelnen Theile. Die Einheit der Neuristen. Einwände
dagegen. Mythologische Natur der neuristischen Lehren. Animismus:
Archaeus, Zellenseele. Das Bewusstsein. Die Thätigkeit der
einzelnen Theile. Begriff der Reizung: Passion und Action. Die
Erregbarkeit (Reizbarkeit) als allgemeines Kriterium des Lebens.
Partieller Tod: Nekrobiose und Nekrose. Nichterregbarkeit der
Intercellularsubstanz.
Verrichtung, Ernährung und Bildung als allgemeine Formen der
Lebensthätigkeit. Verschiedenheit der Reizbarkeit je nach diesen
Formen.
Functionelle Reizbarkeit. Nerv, Muskel, Flimmerepithel, Drüsen.
Ermüdung und functionelle Restitution. Reizmittel. Specifische
Beziehung derselben. Muskelirritabilität. Geringer praktischer
Werth derselben.