Wenn Jemand =Silbersalze= gebraucht, so erfolgt ein Eindringen derselben

in die Gewebe; wenden wir sie nicht in eigentlich ätzender, zerstörender

Weise an, so gelangt das Silber in einer Verbindung, deren Natur bis

jetzt nicht hinreichend bekannt ist, in die Gewebstheile und erzeugt an

der Applicationsstelle, wenn es lange genug angewendet wird, eine

Farbenveränderung. Ein Kranker, welchem in der Klinik des verstorbenen

v. =Gräfe= eine Lösung von Argentum nitricum zu Umschlägen auf das Auge

verordnet war, gebrauchte als gewissenhafter Patient das Mittel vier

Monate lang; das Resultat davon war, dass seine Conjunctiva ein intensiv

bräunliches, fast schwarzes Aussehen annahm. Bei Untersuchung eines

ausgeschnittenen Stückes derselben fand ich, dass eine Aufnahme des

Silbers in die Substanz erfolgt war, so zwar, dass an der Oberfläche das

ganze Bindegewebe eine leicht gelbbraune Farbe besass, in der Tiefe aber

nur in den feinen elastischen Fasern oder Körperchen des Bindegewebes

die Ablagerung stattgefunden hatte; die eigentliche Grund- oder

Intercellularsubstanz war vollkommen frei geblieben. -- Ganz ähnliche

Ablagerungen geschehen auch in entfernteren Organen bei innerem

Gebrauche des Mittels. Die anatomische Sammlung des pathologischen

Instituts enthält das sehr seltene Präparat von den Nieren eines

Menschen, welcher wegen Epilepsie lange Argentum nitricum innerlich

genommen hatte. Da zeigt sich an den Malpighischen Knäulen der Niere, wo

die Transsudation der Flüssigkeiten geschieht, eine schwarzblaue Färbung

der ganzen Gefässhaut, welche sich auf diesen Punkt der Rinde beschränkt

und in ähnlicher, obwohl schwächerer Weise nur wieder auftritt in der

Zwischensubstanz der Markkanälchen. In der ganzen Niere sind also ausser

denjenigen Theilen, welche den eigentlichen Ort der Absonderung

ausmachen, nur die verändert, welche der letzten Capillarauflösung in

der Marksubstanz entsprechen. -- Von der bekannten Silberfärbung der

äusseren Haut brauche ich hier nicht zu sprechen.

Ein anderes Beispiel bietet uns die =Gicht=. Untersuchen wir den

Gelenktophus eines Arthritikers, so finden wir ihn zusammengesetzt aus

sehr feinen, nadelförmigen, krystallinischen Abscheidungen, aus

harnsaurem Natron bestehend, zwischen denen höchstens hier und da ein

Eiter- oder Blutkörperchen liegt. Hier handelt es sich also, wie bei dem

Silbergebrauch, um eine körperliche Substanz, welche in der Regel durch

die Nieren abgeschieden wird, und zwar nicht selten so massenhaft, dass

schon innerhalb der Nieren selbst Niederschläge sich bilden, und

namentlich in den Harnkanälchen der Marksubstanz grosse Krystalle von

harnsaurem Natron sich anhäufen, zuweilen bis zu einer Verstopfung der

Harnkanälchen. Wenn jedoch diese Secretion nicht regelmässig vor sich

geht, so erfolgt zunächst eine Anhäufung der harnsauren Salze im Blute,

wie dies durch eine sehr bequeme Methode von =Garrod= nachgewiesen

worden ist. Dann beginnen Ablagerungen an anderen Punkten, nicht durch

den ganzen Körper, nicht an allen Theilen gleichmässig, sondern an

bestimmten Punkten und nach gewissen Regeln. Ganz ähnliche Ablagerungen

von harnsauren Salzen, und zwar in den Bindegewebskörperchen und den

Lymphgefässen des Bauchfells kann man nach den experimentellen

Untersuchungen von =Zalesky= und =Chrzonszczewski= erzeugen, wenn man

bei Vögeln die Ureteren unterbindet.

Dies sind ganz andere Formen der Metastase, als die, welche wir bei der

Embolie kennen gelernt haben. Dass die Veränderungen, welche in der

Nierensubstanz durch die Aufnahme von Silber vom Magen her erfolgen,

mit dem übereinstimmen, was man von Alters her in der Pathologie

Metastase genannt hat, ist nicht zweifelhaft. Es ist dies ein

materieller Transport von einem Orte zum andern (vom Magen zur Niere),

wo an diesem zweiten Orte dieselbe Substanz, wenn auch etwas verändert,

liegen bleibt, welche vorher an dem anderen vorhanden war, und wo das

Secretionsorgan in sein Gewebe Partikelchen des Stoffes aufnimmt.

Dasselbe wiederholt sich in der Geschichte aller jener Metastasen, bei

denen im Blute selbst nur gelöste Stoffe und nicht Partikelchen von

sichtbarer, mechanischer Art (Körner, Körperchen) sich finden. Denn auch

das harnsaure Natron im Blute des Arthritikers kann man so wenig direkt

sehen, als die Silbersalze; man müsste sie denn erst durch chemische

Prozesse sammeln.

In dieselbe Kategorie gehört eine neue, freilich sehr seltene Art von

Metastase, welche ich beschrieben habe. Bei massenhafter Resorption von

Kalksalzen aus den Knochen, insbesondere bei ausgedehnter

Geschwulstbildung (Knochenkrebs), wird in der Regel die Knochenerde

massenhaft durch die Nieren ausgeschieden, so dass sich Sedimente im

Harne bilden. Die Kenntniss dieser Erscheinung hat sich von der

berühmten Frau =Supiot= her aus dem vorigen Jahrhundert in der

Geschichte der Osteomalacie erhalten. Aber diese regelrechte Abscheidung

der Kalksalze wird nicht selten durch Störungen der Nierenfunction in

derselben Weise alterirt, wie bei Arthritis die Abscheidung des

harnsauren Natrons; dann entstehen ebenso Metastasen von Knochenerde,

aber an anderen Punkten, namentlich den Lungen und dem Magen. Die Lungen

verkalken bisweilen in grossen Bezirken, ohne dass die Permeabilität der

Respirationswege leidet; die erkrankten Theile sehen wie feiner

Badeschwamm aus. Die Magenschleimhaut erfüllt sich in ähnlicher Weise

mit Kalksalzen, so dass sie sich wie ein Reibeisen anfühlt und unter dem

Messer knirscht, ohne dass die Magendrüsen unmittelbar daran betheiligt

werden; sie stecken nur in einer starren Masse, und es mag sogar noch

eine Secretion aus ihnen erfolgen[99].

[99] Archiv VIII. 103. IX. 618.

Diese Art von Metastasen, wo bestimmte Substanzen, aber nicht in einer

palpablen Form, sondern in Lösung in die Blutmasse gelangen, muss

jedenfalls für die Deutung des Complexes von Zuständen, welche man in

den Begriff der Pyämie zusammenfasst, wohl berücksichtigt werden. Ich

sehe wenigstens keine andere Möglichkeit der Erklärung für gewisse mehr

diffuse Prozesse, die nicht in der Form der gewöhnlichen umschriebenen

Metastasen auftreten. Dahin gehört die allerdings seltene metastatische

Pleuritis, welche ohne metastatischen Abscess in der Lunge sich

entwickelt, die scheinbar rheumatische Gelenkaffection, bei der man an

den Gelenken keinen bestimmten Heerd findet, die diffuse gangränöse

Entzündung des Unterhautgewebes, welche nicht wohl gedacht werden kann,

ohne dass man auf eine mehr chemische Art der Infection zurückgeht. Hier

handelt es sich, wie man bei der Pocken- und der Leicheninfection sieht,

um eine Uebertragung von =verdorbenen, ichorösen Säften= auf den Körper,

und man muss eine Dyscrasie (=ichoröse Infection=, =Ichorrhämie=)

zulassen, wo in acuter Weise diese in den Körper gelangte ichoröse

Substanz an den Organen, welche eine besondere Prädilection oder

Affinität dazu haben, ihre Wirkung entfaltet[100].

[100] Gesammelte Abhandl. 702. Verh. der Ges. für Geburtsh. 1865.

XVII. 23.

Allerdings ist es sehr schwer, gegenwärtig genau anzugeben, welcher

Natur die sogenannten ichorösen Säfte sind. Insbesondere lässt sich die

Möglichkeit nicht verkennen, dass mit den Flüssigkeiten allerlei feste

Theile in die Circulation gelangen, und es mag sein, dass in vielen

Fällen diese festen Theile eine grössere Bedeutung haben, als die blosse

Flüssigkeit. Diese, der =Blutmischung fremden Körperchen= können

wiederum sehr verschiedener Natur sein. In manchen Fällen liegt es nahe,

an =wirkliche Zellen= zu denken, welche von einem Orte des Körpers aus

in die Gefässe aufgenommen werden. Nachdem =Saviotti= selbst eine

Pigmentzelle aus dem Bindegewebe der Froschschwimmhaut in ein Gefäss hat

einwandern sehen, lassen sich ähnliche Vorgänge leicht in grosser Zahl

denken. Daran schliesst sich das Vorkommen =fremder Organismen= im

Blute. Bei verschiedenen Wirbelthieren kennt man =Hämatozoen=, welche

offenbar von aussen her in die Gefässe dringen und im Blute circuliren.

Beim Menschen ist ausser dem in Aegypten vorkommenden Distomum

haematobium wenig Genaueres bekannt, und es ist namentlich zu erwähnen,

dass die Einwanderung der Trichinen, soweit sich übersehen lässt, in der

Regel nicht durch die Gefässe, sondern direkt durch die Gewebe und

Höhlen des Körpers erfolgt[101]. Anders verhält es sich dagegen mit

einer Reihe jener kleinsten Organismen, die unter den Namen von

Vibrionen, Bakterien, Micrococcus aufgeführt werden, und die in der

neueren Literatur überwiegend als =pflanzliche= Organismen betrachtet

werden. Sie haben eine um so grössere Bedeutung, als sie eine grosse

Zahl maligner Prozesse am Menschenleibe, namentlich die fauligen und

brandigen, bewirken und sich den ichorösen Säften vielfach zumischen.

Auch finden sie sich bei Leichen sehr häufig in inneren Gefässen des

Körpers, und man hat sie im Blute lebender Menschen und Thiere

nachgewiesen. Direkte Injectionen von Sporen eines grösseren

Fadenpilzes, des Aspergillus, welche =Grohe= in die Gefässe lebender

Thiere veranstaltete, haben überdies gelehrt, dass in den

verschiedensten Theilen die Sporen keimten und »metastatische Heerde«

hervorbrachten. -- Erinnert man sich endlich daran, dass nach den

Untersuchungen v. =Recklinghausen='s, welche seitdem vielfach wiederholt

worden sind, unlösliche Körnchen von Farbstoff, welche in die Höhlen

oder Gefässe von Thieren eingespritzt werden, von den farblosen

Blutkörperchen und anderen Gewebselementen aufgenommen und von ihnen auf

ihren Wanderungen mit fortgetragen werden, so erschliesst sich hier noch

ein reiches Gebiet möglicher Veränderungen des menschlichen Körpers,

deren genauere Analyse uns erst gestatten wird, zu entscheiden, wie viel

von der schädlichen Eigenschaft der ichorösen Säfte körperlichen

Beimischungen, wie viel chemischen Stoffen zuzuschreiben ist. Immerhin

können wir vor der Hand die ichoröse Infection als ein besonderes Glied

neben der Leukocytose und Embolie festhalten.

[101] Archiv XVIII. S. 535. Die Lehre von den Trichinen. 3. Aufl.

Berlin 1866. S. 32.

Bevor wir jedoch dieses Capitel schliessen, müssen wir noch eine

wichtige Bemerkung in Beziehung auf die sogenannte Pyämie hinzufügen. Es

kommt nicht selten vor, dass im Laufe desselben Krankheitsfalles die

drei verschiedenen, von uns betrachteten Veränderungen oder wenigstens

zwei derselben neben einander bestehen. Es kann eine Vermehrung der

farblosen Körperchen (Leukocytose) der Art stattfinden, dass man an die

morphologische Pyämie glauben möchte. Dies wird jedenfalls immer

stattfinden, wenn der Prozess mit ausgedehnter Reizung von Lymphdrüsen

verbunden war. Man kann ferner Thrombenbildung und Embolie mit

metastatischen Heerden finden. Es kann endlich zugleich eine Aufnahme

von ichorösen oder fauligen Säften statthaben (Ichorrhämie, Septhämie).

Diese in sich verschiedenen Zustände können sich compliciren, fallen

aber darum nicht nothwendig zusammen. Will man daher den Begriff der

Pyämie festhalten, so kann man es am Besten für solche Complicationen

thun; nur muss =man nicht einen einheitlichen Mittelpunkt in einer

eiterigen Infection des Blutes suchen=, sondern die Bezeichnung als

einen Sammelnamen für mehrere, ihrem Wesen und ihrem Ausgangspunkte nach

verschiedenartige Vorgänge betrachten.

Zwölftes Capitel.

Theorie der Dyscrasien.

Abhängigkeit der Dyscrasien und ihrer Dauer von der Zufuhr der

Stoffe. Bösartige Geschwülste: Krebs-Dyscrasie. Locale und

allgemeine Contagion durch infectiöse Parenchym-Säfte. Bedeutung

der Zellen für die Dissemination und Metastase. Natur der

virulenten Substanzen. Regressive Stoffe als Mittel der Infection:

Rotz, Syphilis, Tuberkel. Impfungen. Wanderung infectiöser

Elemente. Homologe und heterologe Infection.

Melanämie. Beziehung zu melanotischen Geschwülsten und

Intermittens. Abhängigkeit von Milzfärbung.

Die rothen Blutkörperchen. Entstehung. Die melanösen Formen.

Chlorose. Lähmung der respiratorischen Substanz: Kohlenoxyd.

Blutgifte, Toxicämie.

Verschiedene Entstehung der Dyscrasien.

Im Vorhergehenden haben wir nicht nur körperliche Theile, sondern auch

chemische Stoffe als Vermittler von Dyscrasien kennen gelernt und

gefunden, dass diese Dyscrasien eine bald längere, bald kürzere Dauer

haben, je nachdem die Zufuhr jener Theile oder Stoffe kürzere oder

längere Zeit andauert. Kommen wir nunmehr kurz zu der Frage zurück, ob

neben diesen Formen noch irgend eine Art von Dyscrasie nachweisbar ist,

bei der =das Blut als der dauerhafte Träger= bestimmter Veränderungen

erscheint, so müssen wir diese Frage entschieden verneinen.

Je deutlicher nachweisbar eine wirkliche Verunreinigung des Blutes mit

bestimmten, seiner Mischung fremdartigen Stoffen ist, um so

regelmässiger pflegt der Verlauf der dadurch hervorgerufenen

Krankheitsprozesse ein relativ acuter zu sein. Man denke an Vergiftungen

und acute Exantheme. Dagegen dürften gerade jene Krankheits-Formen, bei

denen man sich am liebsten, namentlich über die Mangelhaftigkeit der

therapeutischen Erfolge, damit tröstet, dass es sich um eine tiefe und

unheilbare, chronische Dyscrasie handele, wohl am wenigsten in einer

zugleich ursprünglichen und anhaltenden Veränderung des Blutes beruhen;

gerade bei ihnen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um

ausgedehnte und dauerhafte Veränderungen gewisser Organe oder einzelner

Theile. So ist es mit Krebs, Tuberculose, Aussatz, Hämorrhaphilie. Ich

kann nicht behaupten, dass ein völliger Abschluss der Untersuchungen in

Beziehung auf eine dieser Krankheiten vorläge; ich kann nur sagen, dass

jedes Mittel der mikroskopischen und chemischen Analyse bis jetzt

fruchtlos angewendet worden ist auf die hämatologische Erforschung des

Wesens dieser Prozesse, dass wir dagegen bei allen wesentliche

Veränderungen kleinerer oder grösserer Complexe von Organen oder

Organtheilen nachweisen können, und dass die Wahrscheinlichkeit, auch

hier die dauerhafte Dyscrasie als eine secundäre, abhängig von

bestimmten organischen Punkten, zu erkennen, mit jedem Tage zunimmt.

Diese Frage ist namentlich genauer zu discutiren bei der Lehre von der

Verbreitung der bösartigen Geschwülste[102], bei denen man sich ja auch

so häufig damit hilft, die Bösartigkeit als im Blute wurzelnd zu denken,

so dass das Blut die Localaffectionen hervorbringe. Und doch ist es

gerade im Verlaufe dieser Bildungen verhältnissmässig am leichtesten,

einen anderen Modus der Verbreitung zu zeigen, sowohl in der nächsten

Nachbarschaft der Erkrankungsstelle, als auch an entfernten Organen. Es

ergibt sich, dass ein Umstand die Möglichkeit der Ausbreitung solcher

Prozesse besonders begünstigt, nehmlich =der Reichthum an

Parenchym-Säften= in dem pathologischen Gebilde[103]. Je trockener eine

Neubildung ist, um so weniger besitzt sie im Allgemeinen die Fähigkeit

der Infection, sei es näherer, sei es entfernterer Orte. Das Cancroid,

die Perlgeschwulst, selbst der Tuberkel stecken die Nachbarschaft leicht

an, während die entfernten Organe häufig gar nicht erkranken: das

Carcinom, das Sarcom, der Rotz, selbst specifischer Eiter machen sehr

leicht örtliche und zugleich allgemeine Ansteckung.

[102] Geschwülste I. 41, 70, 126.

[103] Handb. der spec. Pathologie und Ther. I. 340.

Der Modus der Verbreitung selbst entspricht bei dem Krebs in der Regel

ganz dem, was wir früher betrachteten. Am leichtesten findet eine

Leitung innerhalb der Lymphbahnen und ein Ergreifen der Lymphdrüsen

statt; erst nach und nach treten an entfernteren Stellen Prozesse

ähnlicher Art auf. Oder der Prozess greift auch hier zunächst auf die

Venenwandungen über, diese werden wirklich krebsig, und nach einer

gewissen Zeit wächst entweder der Krebs direkt durch die Wand hindurch

in das Gefäss hinein und schreitet hier fort, oder es bildet sich an

diesem Punkte ein Thrombus, welcher den Krebspfropf mehr oder weniger

umhüllt, und in welchen die krebsige Masse hineinwächst[104]. Wir haben

also hier in zwei Richtungen die Möglichkeit für eine Verbreitung, aber

nur in einer Richtung die Möglichkeit eines sofortigen Ueberganges

körperlicher Theile in das Blut, nehmlich nur in dem Falle, dass Venen

durchbrochen werden. Eine Resorption von Krebszellen durch Lymphgefässe

gehört keineswegs unter die Unmöglichkeiten, aber jedenfalls ist so viel

sicher, dass nicht eher eine allgemeine Verbreitung derselben

stattfinden kann, ehe die Lymphdrüsen nicht ihrerseits durch und durch

krebsig umgewandelt sind, und dieselben krebsigen Massen von ihnen aus

in abgehende Gefässe hineinwuchern. Nie kann ein peripherisches

Lymphgefäss einfach, wie die Flüssigkeit, so auch die Zellen des Krebses

bis zum Blute fortschwemmen; das ist nur denkbar und möglich an den

Venen. Allein auch hier verhält es sich so, dass eine Wahrscheinlichkeit

dafür, dass häufige Verbreitungen durch losgelöste Krebszellen

stattfinden, durchaus nicht vorliegt, aus dem einfachen Grunde, weil die

Metastasen des Krebses den Metastasen, die wir bei der Embolie kennen

gelernt haben, sehr häufig nicht entsprechen. Die gewöhnliche Form der

metastatischen Verbreitung beim Krebs entspricht vielmehr der Richtung

zu den Secretionsorganen. Die Lunge erkrankt bekanntlich viel seltener

durch Krebs, als die Leber, nicht nur nach Magen- und Uteruskrebs,

sondern auch nach Brustkrebs, welcher doch zunächst Lungenkrebs erzeugen

müsste, wenn es etwas Körperliches wäre, welches fortgeleitet würde,

stagnirte und die neue Eruption bedingte.

[104] Archiv I. 112. Gesammelte. Abhandl. 551. Geschwülste I. 43.

Die Art der metastatischen Verbreitung macht es vielmehr wahrscheinlich,

dass die Uebertragung häufig durch Flüssigkeiten erfolgt, und dass diese

die Fähigkeit besitzen, eine Ansteckung zu erzeugen, welche die

einzelnen Theile zur Reproduction derselben Masse bestimmt, die

ursprünglich vorhanden war. Man denke sich nur einen ähnlichen Prozess,

wie wir ihn bei den Pocken im Grossen haben. Der Pockeneiter, direkt

übertragen, leitet allerdings den Prozess ein, aber das Contagium ist

auch flüchtig, und es kann Jemand eiterige Pusteln auf der Haut

bekommen, nachdem er nur infecte Luft geathmet hat. Einigermaassen

ähnlich scheint es sich auch in den Fällen zu verhalten, wo im Laufe

heteroplastischer Prozesse Dyscrasien zu Stande kommen, welche ihre

neuen Eruptionen nicht an Punkten machen, welche nach der Richtung des

Lymph- oder Blutstromes ihnen zunächst ausgesetzt sein würden, sondern

an entfernten Punkten. Wie sich das Silbersalz nicht in den Lungen

ablagert, sondern hindurchgeht, um sich erst in den Nieren oder der Haut

niederzuschlagen, so kann ein contagiöser Saft von einer Krebsgeschwulst

durch die Lungen gehen, ohne diese zu verändern, während er doch an

einem entfernteren Punkte, z. B. in den Knochen eines weit abgelegenen

Theiles, bösartige Veränderungen erweckt.

Damit ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass auch

zellige Elemente als Träger der contagiösen Stoffe auftreten. Wenn man

die eigenthümlichen Eruptionen betrachtet, welche bei Magenkrebs am

Netz, am Gekröse und an anderen Orten des Bauchfells auftreten, so wird

es allerdings sehr viel leichter, dieselben durch das zufällige Ablösen,

Heruntergleiten, Liegenbleiben und so zu sagen Keimen von krebsigen

Zellen von der Oberfläche des Magens zu erklären, als sie auf

abgesonderte Flüssigkeiten zu beziehen[105]. Denn diese secundären

Peritonäal-Krebse bieten in Beziehung auf Vielfachheit, Form und Sitz

der Heerde die grösste Aehnlichkeit mit den contagiösen

Schimmelkrankheiten (Mykosen) der Haut dar, wo, z. B. bei Porrigo

(Favus, Tinea), bei Pityriasis versicolor, die sich ablösenden und

heruntergleitenden Sporen zuweilen am Rumpfe eine lange Reihe von

Eruptionen bilden. Aber auch bei dieser =Dissemination= von Krebs ist es

noch nicht erwiesen, dass es die etwa losgelösten Zellen selbst sind,

welche aus sich, durch neue Proliferation, die secundären Knoten

erzeugen; vielmehr dürfte auch ihnen nur eine contagiöse, katalytische

Einwirkung auf die Gewebe zuzuschreiben sein, etwa wie dem Samen

(Sperma) in Beziehung auf das Ei[106]. Soweit meine Beobachtung

reicht, gehen die jungen Geschwulst-Elemente in allen solchen

Secundär-Eruptionen aus dem Gewebe des angesteckten Ortes hervor.

Deshalb habe ich geschlossen[107], dass die =locale Contagion=, welche

sich von der ersten Erkrankungsstelle zunächst in der Nachbarschaft

ausbreitet, durch Säfte erfolgen müsse, welche in die gesunden Gewebe

eindringen, sie katalytisch erregen und zu neuer selbständiger Wucherung

antreiben. Dies wäre eine =humorale Infection=, die doch nichts mit dem

Blute zu thun hat, sondern, wie bei einem Erysipelas migrans, von einem

Elemente direkt auf das andere fortschreitet, übertragen wird.

[105] Geschwülste I. 54.

[106] Gesammelte Abhandl. 41, 51, 53. Handb. der spec. Pathol. II.

411.

[107] Archiv 1853. V. 245.

Allerdings ist die Frage, welches die eigentlich infectiöse

(=virulente=) Substanz sei, und namentlich, ob sie an zellige Elemente

oder besondere Organismen gebunden oder als ein bloss chemischer Stoff

anzusehen sei, eine überaus schwierige, und nichts berechtigt uns, sie

für alle infectiösen Prozesse in gleicher Weise zu behandeln. Denn es

ist durchaus nicht nöthig, dass dieselbe Erklärung für Pocken gilt, wie

für Scharlach oder wie für Rotz oder wie für Syphilis. Würde dargethan,

dass der Krebs sich nur durch Zellen fortpflanzte, so folgte daraus noch

nicht, dass es bei Tuberkel ebenso sein müsse. Nirgends ist die

Generalisation bedenklicher, als gerade hier. Auch muss ich darauf

aufmerksam machen, dass selbst da, wo die Infection an Zellen oder

Organismen geknüpft ist, noch nicht dargethan ist, dass diese Zellen

oder Organismen selbst das Schädliche sind; es kann sehr wohl sein, dass

die Zellen erst die schädliche Substanz absondern, etwa wie die

Gährungspilze den Alkohol[108].

[108] Berliner Klinische Wochenschrift 1871. No. 10.

In der That hat das genauere Studium der infectiösen Krankheiten

gelehrt, dass selbst =zerfallende, regressive Substanzen= (Detritus) der

Träger der Ansteckung sein können[109]. Ich habe dies zuerst für den

Rotz[110] nachgewiesen. Für die Syphilis hat =Michaelis= einen ähnlichen

Nachweis versucht, und die neueren Experimentatoren sind wenigstens

sehr getheilter Ansicht[111]. In grosser Ausdehnung hat sich eine

ähnliche, zuerst von =Dittrich= vermutungsweise aufgestellte Ansicht in

der Lehre von der Tuberkulose Anerkennung verschafft, seitdem man

dieselbe im Wege der =Impfung= (Inoculation) bei Thieren studirt hat.

Nachdem zuerst =Villemin= positive Resultate erlangt hatte, indem er

Tuberkelsubstanz auf Thiere übertrug, und damit die Ansteckungsfähigkeit

des Tuberkels erwiesen schien, hat eine Reihe späterer Experimentatoren,

insbesondere =Cohnheim= und =Fränkel= dargethan, dass die Fähigkeit,

Tuberkel hervorzurufen, nicht an Tuberkelstoff geknüpft ist, sondern

dass die Inoculation von zerfallendem Eiter, ja die blosse Einbringung

von reizenden Körpern, welche chronische Eiterung mit nekrobiotischem

Zerfall hervorrufen, genügt, um eine bald örtliche, bald allgemeine

Tuberkulose zu erzeugen. Ja, Versuche von =Carl Ruge=[112] an

Meerschweinchen haben gelehrt, dass die Einbringung fremder Körper,

z. B. von Korkstückchen in die Bauchhöhle, auch dann Tuberkulose

hervorbringen kann, wenn weder Eiter, noch Käse, sondern nur chronische

Entzündung entsteht. Nichtsdestoweniger wird man kaum fehlgehen, wenn

man den käsigen Stoffen, mögen sie nun aus Eiter oder aus Tuberkel

entstanden sein, eine höhere Fähigkeit, die tuberkulöse Infection

hervorzubringen, zuschreibt.

[109] Geschwülste I. 111.

[110] Spec. Pathologie und Therapie 1855. II. 411.

[111] Geschwülste I. 112. II. 474.

[112] C. =Ruge= Einige Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Inaug.

Diss. Berlin 1869. S. 26.

Muss man daher zugestehen, dass selbst der Detritus organisirter Gewebe

oder zelliger Theile infectiöse Eigenschaften besitzen kann, so wird man

sich der Erwägung nicht verschliessen können, dass auch Secretstoffe,

mögen sie nun, wie die Samenfäden, durch den Untergang von Zellen

freigeworden sein, oder mögen sie, als recrementitielle Stoffe von den

noch fortbestehenden Zellen ausgeschieden sein, infectiös werden können.

Wenn eine Krebszelle in eine Lymphdrüse geführt wird, so könnte durch

die von ihr gelieferten Stoffe auch den Drüsenzellen ein specifischer

Reiz übertragen werden, welcher dieselben bestimmt, nicht bloss zu

wachsen und sich zu vermehren, wie bei einer gewöhnlichen Reizung,

sondern auch wirklich krebsig zu werden. In der That lassen sich bei

secundärem Krebs der Lymphdrüsen Uebergänge zwischen Drüsen- und

Krebszellen vielfach wahrnehmen.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 24 / 54 段