* * * * *
Gegen diese Darstellung kann ein Umstand eingewendet werden, nehmlich
der, dass man nicht in der gleichen Weise die rothen Blutkörperchen frei
werden sieht. Die rothen Körperchen gehen indess gewöhnlich sehr
frühzeitig zu Grunde. Sie verlieren zuerst ihren Farbstoff, verkleinern
sich dabei, indem dunkle Körnchen an ihrem Umfange hervortreten (Fig.
63, _a_; 79, _C_), und verschwinden endlich ganz, indem nur diese
Körnchen übrig bleiben[89], welche später resorbirt werden. Der aus den
Körperchen ausgetretene Farbstoff zersetzt sich und verliert nach und
nach sein rothes Colorit. Nur sehr selten erhalten sich die rothen
Körperchen noch in der Erweichungsmasse. In der Regel gehen sie
zu Grunde, und gerade dadurch erklärt sich die auffällige
Eigenthümlichkeit, dass aus dem rothen Thrombus eine gelbweisse
Flüssigkeit entsteht, die das Ansehen und die Farbe, ja sogar zum Theil
die histologische Zusammensetzung von Eiter hat. Auch dafür kann man
ohne besondere Schwierigkeiten die Deutung finden; man muss sich nur
erinnern, wie gering die Widerstandsfähigkeit der rothen Blutkörperchen
gegen die verschiedensten Agentien ist. Wenn man zu einem Blutstropfen
unter dem Mikroskope einen Tropfen Wasser setzt, so sieht man die rothen
Körperchen vor den Augen verschwinden, während die farblosen
zurückbleiben.
[89] Beiträge zur experimentellen Pathologie. II. 12. Archiv I. 245,
383.
Das, was man im gewöhnlichen Sinne eine suppurative Phlebitis nennt, ist
also weder suppurativ, noch Phlebitis, sondern es ist ein Process, der
mit einer Gerinnung, einer Thrombusbildung aus dem Blute beginnt, und
der später die Thromben erweichen macht; die Geschichte des Processes
beschränkt sich zunächst auf die Geschichte des Thrombus. Ich muss aber
gerade hier hervorheben, dass ich nicht, wie man mir hier und da
nachgesagt hat, die Möglichkeit einer wirklichen Phlebitis (oder
Arteriitis) in Abrede stelle, oder dass ich irgend wie gefunden hätte,
es gäbe keine Phlebitis. =Allerdings gibt es eine Phlebitis=[90]. Aber
diese ist eine Entzündung, die wirklich die Wand und nicht den Inhalt
des Gefässes betrifft. An grösseren Gefässen können sich die
verschiedensten Wandschichten (Intima, Media, Adventitia) entzünden und
alle möglichen Formen der Entzündung eingehen, wobei aber das Lumen ganz
intakt bleiben mag. Nach der früheren Auffassung betrachtete man die
innere Gefässhaut wie eine seröse Haut, und wie eine solche leicht
fibrinöse Exsudate oder eiterige Massen hervorbringt, so setzte man
dasselbe bei der inneren Gefässhaut voraus. Ueber diesen Punkt ist seit
Jahren eine Reihe von Untersuchungen angestellt, und ich selbst habe
mich vielfach damit beschäftigt, aber es ist bis jetzt noch keinem
Experimentator, welcher vorsichtig das Blut von dem Einströmen in die
Gefässe abhielt, gelungen, ein Exsudat zu erzeugen, welches in das Lumen
abgesetzt wurde. Vielmehr geht, wenn die Wand sich entzündet, das
»Exsudat« in die Wand selbst; diese verdickt sich, trübt sich, und fängt
möglicherweise späterhin an zu eitern. Ja, es können sich Abscesse
bilden, welche die Wand nach beiden Seiten hin wie eine Pockenpustel
hervordrängen, ohne dass eine Gerinnung des Blutes im Lumen erfolgt.
Andere Male freilich wird die eigentliche Phlebitis (und ebenso die
Arteriitis und Endocarditis) die Bedingung für Thrombose, indem sich auf
der inneren Wand Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst
Ulcerationen bilden, welche für die Entstehung eines Thrombus
Anhaltspunkte bieten. Allein da, wo eine Phlebitis in dem gebräuchlichen
Sinne des Wortes stattfindet, ist die Veränderung der Gefässwand fast
immer eine secundäre, welche sogar verhältnissmässig spät zu Stande
kommt.
[90] Gesammelte Abhandlungen 484.
Die jüngsten Theile des Thrombus bestehen immer aus frischerem
Gerinnsel. Die Erweichung, das Schmelzen (=Colliquatio=) beginnt in der
Regel an den ältesten Schichten, so dass also, wenn der Thrombus eine
gewisse Grösse erreicht hat, sich in seiner Mitte oder an seiner Basis
eine mehr oder weniger grosse Höhle findet, die allmählich sich
vergrössert und der Gefässwand näher rückt. Aber in der Regel ist
dieselbe nach oben und häufig auch nach unten durch einen frischeren,
derberen Theil des Gerinnsels wie durch eine Kappe abgeschlossen;
dadurch wird, wie =Cruveilhier= sich ausdrückte, der »Eiter«
sequestrirt und die Berührung des Detritus mit dem circulirenden Blute
gehindert. Nur seitlich oder im Grunde erreicht die Erweichung endlich
die Wand des Gefässes selbst; diese verändert sich, es beginnt eine
Verdickung und zugleich Trübung derselben, und endlich erfolgt selbst
eine Eiterung innerhalb der Wandungen.
Dasselbe, was wir bis jetzt an den Venen betrachtet haben, kommt auch am
Herzen vor. Namentlich am rechten Ventrikel sieht man nicht selten
sogenannte Eitercysten zwischen den Trabekeln der Herzwand. Sie ragen
gegen die Höhle mit rundlichen Knöpfchen hervor und stellen kleine
Beutel dar, welche beim Anschneiden einen weichen Brei enthalten, der
ein vollkommen eiterartiges Ansehen haben kann. Mit diesen Eitercysten,
welche übrigens zuerst die Veranlassung gewesen sind, dass =Piorry=
seine Lehre von der Hämitis und der damit zusammenhängenden Pyämie
aufstellte, hat man sich unendlich viel geplagt und alle nur möglichen
Theorien darüber gemacht, bis endlich die einfache Thatsache herauskam,
dass ihr Inhalt häufig weiter nichts als ein feinkörniger Brei von
eiweissartigen Theilchen ist, der auch nicht die mindeste feinere
Uebereinstimmung mit dem Eiter darbietet. Dies war insofern beruhigend,
als noch keine Beobachtung vorliegt, dass ein Kranker, der solche Säcke
in grösserer Zahl hatte, durch Pyämie zu Grunde gegangen wäre, aber es
hätte denjenigen auffallen sollen, welche so leicht geneigt sind, die
Pyämie mit peripherischen Thrombosen, die doch ganz dasselbe sind, in
Verbindung zu setzen.
Denn natürlich entsteht die Frage, in wie weit durch die Erweichung der
Thromben besondere Störungen im Körper hervorgerufen werden können,
welche man mit dem Namen Pyämie bezeichnen dürfte. Hierauf ist zunächst
zu erwidern, dass allerdings sehr häufig secundäre Störungen veranlasst
werden, aber nicht so sehr dadurch, dass die flüssigen Erweichungsmassen
unmittelbar in das Blut gelangen, als vielmehr dadurch, dass grössere
oder kleinere Stücke von dem centralen Ende des erweichenden Thrombus
abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt und in entfernte Gefässe
eingetrieben werden. Dies gibt den sehr häufigen Vorgang der von mir so
genannten =Embolie=[91], die gröbste Form der im lebenden Körper
vorkommenden =Metastase=.
[91] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 167. Gesammelte Abhandl. 640.
[Illustration: =Fig=. 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben. _c_, _c_'
kleinere, varicöse Seitenäste (Venae circumflexae femoris), mit
autochthonen Thromben erfüllt, welche über die Ostien hinaus in den
Stamm der Cruralvene reichen. _t_, fortgesetzter Thrombus, durch
concentrische Apposition aus dem Blute, entstanden. _t_' Aussehen eines
fortgesetzten Thrombus, nachdem eine Ablösung von Stücken (Embolis)
erfolgt ist.]
Es ist dies ein Ereigniss, welches wir hier nur kurz berühren können. An
den peripherischen Venen geht die Gefahr hauptsächlich von den kleinen
Aesten aus. Gar nicht selten werden diese mit Gerinnselmasse ganz
erfüllt. So lange indess der Thrombus sich nur in dem Aste selbst
befindet, so lange ist für den Körper keine besondere Gefahr vorhanden:
das Schlimmste ist, dass sich ein Abscess bildet, in Folge einer Peri-
oder Mesophlebitis, der sich nach aussen öffnet. Allein die meisten
Thromben der kleinen Aeste beschränken sich nicht darauf, bis an die
Mündung derselben in den nächsten Stamm vorzudringen; gewöhnlich lagert
sich an das Ende des Thrombus immer neue Gerinnselmasse Schicht um
Schicht aus dem Blute ab, der Thrombus setzt sich über das Ostium des
Astes hinaus in den nächsten Stamm in der Richtung des Blutstromes fort,
wächst in Form eines dicken Cylinders weiter und wird immer grösser und
grösser. Bald steht dieser =fortgesetzte= Thrombus (Fig. 80, _t_) in gar
keinem Verhältnisse mehr zu dem ursprünglichen (=autochthonen=) Thrombus
(Fig. 80, _c_), von dem er ausgegangen ist[92]. Der fortgesetzte
Thrombus kann die Dicke eines Daumens haben, der ursprüngliche die einer
Stricknadel. Von dem ganz kleinen Pfropf einer Vena lumbalis kann z. B.
ein Gerinnsel, so dick, wie die letzte Phalanx des Daumens, sich in die
Cava fortsetzen.
[92] =Froriep='s Notizen. 1846. Januar. No. 794. Gesammelte
Abhandlungen 225, 232.
Diese fortgesetzten Pfröpfe bringen die eigentliche Gefahr mit sich; an
ihnen erfolgt die Abbröckelung, welche zu secundären Verschliessungen
entfernter Gefässe führt. Hier ist der Ort, wo durch das
vorüberströmende Blut grössere und kleinere Partikeln abgerissen werden
(Fig. 80, _t_'). Durch das ursprünglich verstopfte Gefäss strömt
überhaupt kein Blut, da ist die Circulation gänzlich unterbrochen; aber
in dem grösseren Stamme, durch welchen das Blut immer noch fortgeht, und
in welchen die fortgesetzten Thrombuszapfen hineinragen, kann der
Blutstrom kleinere oder grössere Bruchstücke lostrennen, mitschleppen
und in das nächste Arterien- oder Capillarsystem festkeilen.
So erklärt es sich, dass in der Regel alle Thromben in der Peripherie
des Körpers, wenn überhaupt eine Embolie von ihnen ausgeht, secundäre
Verstopfungen und Metastasen in der Lunge erzeugen. Ich habe lange
Zweifel getragen, die metastatischen Entzündungen der Lunge sämmtlich
als embolische zu betrachten, weil es sehr schwer ist, die Gefässe in
den kleinen metastatischen Heerden zu untersuchen, aber ich überzeuge
mich immer mehr von der Nothwendigkeit, diese Art der Entstehung als die
Regel zu betrachten. Wenn man eine grössere Zahl von Fällen statistisch
vergleicht, so zeigt sich, dass jedesmal, wo Metastasen in den Lungen
vorkommen, auch Thrombose gewisser peripherischer Gefässe besteht. Wir
hatten z. B. vom Herbst 1850 bis zum März 1858 eine ziemlich grosse
Puerperalfieber-Epidemie in der Charité. Dabei stellte sich heraus,
dass, so mannichfaltig die Formen der Erkrankung auch waren, doch alle
diejenigen Fälle, in welchen Metastasen in den Lungen gefunden wurden,
auch mit Thrombose im Bereiche des Beckens oder der unteren Extremitäten
verlaufen waren. Bei den Lymphgefäss-Entzündungen fehlten die
Lungenmetastasen[93]. Solche statistischen Resultate haben eine gewisse
zwingende Nothwendigkeit, selbst wo der strenge anatomische Nachweis
fehlt.
[93] Monatsschrift für Geburtskunde. XI. 413.
[Illustration: =Fig=. 81. Embolie der Lungenarterie. _P_ Mittelstarker
Ast der Lungenarterie. _E_ der Embolus, auf dem Sporn der sich
theilenden Arterie reitend. _t_, _t_' der einkapselnde (secundäre)
Thrombus: _t_ das Stück vor dem Embolus, bis zu dem nächst höheren
Collateralgefäss _c_ reichend; _t_' das Stück hinter dem Embolus, die
abgehenden Aeste _r_, _r_' grossentheils füllend und zuletzt konisch
endigend.]
In die Lungen-Arterie dringen die eingeführten Thrombusstücke je nach
ihrer Grösse verschieden weit ein. Gewöhnlich setzt sich ein solches
Stück da fest, wo eine Theilung des Gefässes stattfindet (Fig. 81, _E_),
weil die abgehenden Gefässe zu klein sind, um das Stück noch
einzulassen. Bei sehr grossen Stücken werden schon die Hauptäste der
Lungen-Arterie verstopft, und es tritt augenblickliche Asphyxie ein;
ganz kleine Stücke gehen bis in die feinsten Arterien hinein und
erzeugen von da aus die kleinsten, zuweilen miliaren Entzündungen des
Parenchyms[94]. Für die Deutung dieser kleinen, oft sehr zahlreichen
Heerde muss ich eine Vermuthung erwähnen, welche mir erst bei meinen
späteren Untersuchungen gekommen ist, von welcher ich aber kein Bedenken
trage, sie für eine unabweisliche auszugeben. Ich glaube nehmlich, dass,
wenn ein grösseres Thrombusstück an einem bestimmten Punkte einer
Arterie eingekeilt ist, hier noch eine weitere Zertrümmerung durch den
andringenden Blutstrom stattfinden kann, so dass die Partikelchen,
welche durch die Zertrümmerung des grossen Pfropfes entstehen, in die
kleinen Aeste geführt werden, in welche sich das Gefäss auflöst. So
allein scheint sich die Thatsache zu erklären, dass man oft im Bezirke
einer und derselben grösseren Arterie eine grosse Menge von kleinen
Heerden derselben Art und desselben Alters findet.
[94] Gesammelte Abhandlungen 285 ff.
Alles das hat mit der Frage, ob im Blute Eiter ist oder nicht, gar nicht
das Mindeste zu thun. Es handelt sich dabei um ganz andere Körper, um
Theile von Gerinnseln in einem mehr oder weniger veränderten Zustande;
je nachdem diese Veränderung den einen oder den anderen Charakter
angenommen hat, kann auch die Natur der Prozesse, welche sich in Folge
der Verstopfung bilden, sehr verschieden sein. Ist z. B. an dem
ursprünglichen Orte eine faulige oder brandige Erweichung des
Gerinnsels eingetreten, so wird auch die Metastase einen fauligen oder
brandigen Charakter annehmen, gerade so, wie dies bei einer Inoculation
des fauligen oder brandigen Stoffes der Fall sein würde. Umgekehrt kommt
es vor, dass die secundären Störungen, ähnlich denen am Orte der
Lostrennung, sehr günstig verlaufen, indem der Embolus, wie der
Thrombus, sich organisirt und Bindegewebe bildet.
[Illustration: =Fig=. 82. Ulceröse Endocarditis mitralis. _a_ die
freie, glatte Oberfläche der Mitralklappe, unter welcher die
Bindegewebs-Elemente vergrössert und getrübt, das Zwischengewebe dichter
sind. _b_ eine stärkere hügelige Schwellung, bedingt durch zunehmende
Vergrösserung und Trübung des Gewebes. _c_ eine schon in Erweichung und
Zertrümmerung übergegangene Schwellungsstelle. _d_, _d_ das noch wenig
veränderte Klappengewebe in der Tiefe, mit zahlreichen, gewucherten
Körperchen. _e_, _e_ der Beginn der Vergrösserung, Trübung und Wucherung
der Elemente. Vergr. 80.]
[Illustration: =Fig=. 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der
Milzarterie nach Endocarditis (Vgl. Gesammelte Abhandlungen zur wiss.
Medicin 1856. S. 716). 83. Gefässe eines Penicillus bei 10maliger
Vergrösserung, um die Lage der verstopfenden Emboli in dem
Arteriengebiete zu zeigen. 84. Eine kurz vor ihrer Theilung und in den
nächst abgehenden Aesten mit Bruchstücken der feinkörnigen Embolusmasse
(vergl. Fig. 82, _c_) gefüllte Arterie. Vergr. 300.]
Diese Gruppe von Prozessen muss um so mehr losgelöst werden von der
gewöhnlichen Geschichte der Pyämie, als dieselben Vorgänge sich jenseits
der Lunge, auf der linken Seite des Stromgebietes wiederfinden; oft mit
demselben Verlaufe, mit demselben Resultate, nur noch weniger abhängig
von einer ursprünglichen Phlebitis. So bildet die =Endocarditis= nicht
selten den Ausgangspunkt ähnlicher Metastasen[95]. Auf einer Herzklappe
geschieht eine Ulceration, nicht durch Eiterbildung, sondern durch
acute oder chronische Erweichung; zertrümmerte Partikeln der
Klappenoberfläche oder der auf dieser Oberfläche abgesetzten
Parietalthromben werden vom Blutstrome fortgerissen und gelangen mit ihm
an entfernte Punkte. Die Art der Verstopfung, welche diese Trümmer
erzeugen, ist ganz ähnlich der, welche die Bruchstücke von Venenthromben
machen, aber beide haben nicht genau dieselbe chemische Beschaffenheit.
Auch begünstigt ihre Kleinheit und Mürbigkeit das Eindringen in die
kleinsten Gefässe in hohem Maasse. Daher findet man nicht ganz selten in
kleinen mikroskopischen Gefässen, welche mit blossem Auge gar nicht mehr
zu verfolgen sind, die Verstopfungsmasse, gewöhnlich bis zu einer
Theilungsstelle und noch etwas darüber hinaus. Diese Masse zeigt häufig
eine körnige Beschaffenheit, jedoch nicht den groben Detritus, wie an
der Vene, sondern eine ganz feine und zugleich sehr dichte Körnermasse;
chemisch hat sie die für die Untersuchung überaus bequeme Eigenschaft,
dass sie gegen die gewöhnlichen Reagentien sehr widerstandsfähig ist und
sich dadurch von anderen Dingen leicht unterscheidet. Dies gibt die
=Capillarembolie=[96], eine der wichtigsten Formen der Metastase,
welche häufig kleine Heerde in der Niere, in der Milz und im
Herzfleische selbst hervorbringt, unter Umständen plötzliche
Verschliessungen von Gefässen im Auge oder Gehirn bedingt und je nach
Umständen zu metastatischen Heerden oder zu schnellen Functionsstörungen
(Amaurose, Apoplexie) Veranlassung gibt. Auch hier kann man sich
deutlich überzeugen, dass in frischen Fällen die Gefässwand an der
embolischen Stelle ganz intakt ist; ja es würde hier die Lehre von der
Phlebitis nicht mehr zureichen, indem dies überhaupt keine Venen, ja
nicht einmal Gefässe sind, welche noch Vasa vasorum besitzen, und von
welchen man annehmen könnte, dass von der Wand her eine Secretion nach
innen ginge. Hier bleibt nichts übrig, als die Verstopfungsmasse als
eine primär innen befindliche, die von den Zuständen der Wand in keiner
Weise abhängig ist, anzuerkennen.
[95] Archiv 1847. I. 338 ff.
[96] Gesammelte Abhandl. 711. Archiv IX. 307. X. 179.
Diese Darstellung wird hoffentlich dargethan haben, dass die Doctrin der
Pyämie von zwei wesentlichen Irrthümern ausgegangen ist: einmal, dass
man Eiterkörperchen im Blute zu finden glaubte, wo man nur die farblosen
Elemente des Blutes selbst vor sich hatte; andermal, dass man Eiter in
Gefässen zu sehen glaubte, wo nichts weiter als Erweichungsprodukte des
Fibrins und der Blutkörperchen vorhanden waren. Wir haben gefunden, dass
allerdings diese letztere Reihe die wichtigste Quelle für Metastasen
abgibt. Nun ist aber nach meiner Meinung die Geschichte derjenigen
Prozesse, die man unter dem Namen der Pyämie zusammengefasst hat, mit
der Darstellung dieser Vorgänge (Leukocytose, Thrombose, Embolie) nicht
zu Ende. Freilich, wenn der Prozess ganz rein verläuft, so dass sich von
dem ersten Orte der Störung (Venenthrombose, Endocarditis u. s. w.) nur
gröbere Massen ablösen und Verstopfung machen, so kommt in vielen Fällen
der eigentliche Prozess nur durch die Metastase zur Beobachtung. Es gibt
Fälle, welche so latent verlaufen, dass die ursprünglichen Ausgänge
vollkommen übersehen werden, und dass der erste Schüttelfrost, dessen
Eintritt den Kranken und den Arzt aufmerksam macht, schon die beginnende
Entwickelung der metastatischen Prozesse anzeigt. Für gewöhnlich muss
man aber noch ein anderes Moment in Betracht ziehen, welches weder für
die gröbere, noch für die feinere anatomische Untersuchung direkt
zugänglich ist; das sind gewisse =Flüssigkeiten=, welche an sich
gleichfalls keine unmittelbare und nothwendige Beziehung zum Eiter als
solchem, sondern offenbar sehr verschiedene Beschaffenheit und Ableitung
haben.
Schon bei der Betrachtung der Lymphveränderungen habe ich hervorgehoben
(S. 226), dass Flüssigkeiten, welche von Lymphgefässen aufgenommen
wurden, innerhalb der Lymphdrüsen-Filtren nicht nur von körperlichen
Theilen befreit, sondern auch von der Substanz der Drüse zum Theil
angezogen und zurückgehalten werden, so dass sie in derselben eine
Wirksamkeit entfalten können. Aehnliche Einwirkungen scheinen auch über
die Drüsen hinaus stattzufinden. Wo primär durch Venen die Resorption
erfolgt[97], wo also überhaupt keine Drüsen zu passiren sind, da muss
natürlich jedesmal eine Wirkung in die Ferne (eine =Metastase=)
eintreten. Hierher gehört vor Allem eine Reihe von eigenthümlichen
Erscheinungen, welche sich als constantes Element durch alle infectiösen
Prozesse hindurchziehen. Das sind einerseits die Veränderungen, welche
die lymphatischen und lymphoiden Drüsen, nicht sowohl am Orte der
primären Affection, als vielmehr im Körper überhaupt erleiden können,
andererseits die Veränderungen, welche die Secretionsorgane darbieten,
durch welche die Stoffe ausgeschieden werden sollen[98].
[97] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 297. Gesammelte Abhandl.
698.
[98] Gesammelte Abhandlungen 701.
Man hat eine Zeit lang geglaubt, dass der =Milztumor= für den Typhus
pathognomonisch sei, indem er den Drüsenanschwellungen im Mesenterium
parallel gehe. Allein eine genauere Beobachtung lehrt, dass eine grosse
Reihe von fieberhaften Zuständen, welche einen mehr oder weniger
typhoiden Verlauf machen und den Nervenapparat so afficiren, dass ein
Zustand der Depression an den wichtigsten Centralorganen zu Stande
kommt, mit Milzschwellungen auftreten. Die Milz ist ein ausserordentlich
empfindliches Organ, das nicht nur beim Wechselfieber und Typhus,
sondern auch (mit Ausnahme der eigentlichen Vergiftungen) bei den
meisten anderen Prozessen schwillt, in denen eine reichliche Aufnahme
von schädlichen, inficirenden Stoffen in das Blut erfolgte. Allerdings
muss die Milz immer in ihrer nahen Verwandtschaft zum Lymphapparate
betrachtet werden, aber ihre Erkrankungen stehen ausserdem gewöhnlich in
einem sehr direkten Verhältnisse zu analogen Erkrankungen der wichtigen
Nachbardrüsen, insbesondere der =Leber= und der =Nieren=. Bei den
meisten Infectionszuständen zeigen diese drei Apparate correspondirende
Vergrösserungen, welche mit wirklichen Veränderungen im Innern verbunden
sind, die jedoch selbst bei der mikroskopischen Untersuchung scheinbar
nichts Bemerkenswertes darbieten, so dass das grobe Resultat für das
blosse Auge, die starke Schwellung, für den Beobachter viel mehr
auffällig ist. Bei umsichtiger Vergleichung findet sich indess ziemlich
viel, so dass wir mit Bestimmtheit sagen können, dass die Drüsenzellen
schnell verändert werden und frühzeitig an den Elementen, durch welche
die Secretion geschehen soll, eine Störung sich einstellt. Aehnlich
verhält es sich mit den =quergestreiften Muskeln= und namentlich mit dem
=Herzen=, dessen Veränderungen für die Erklärung der Symptome von
höchster Bedeutung sind.
Ich werde darauf zurückkommen, da es mir nützlicher erscheint, zunächst
auf ein Paar gröbere Beispiele einzugehen, welche die Möglichkeit einer
unmittelbaren Anschauung solcher, aus dem Blute in die Theile
eindringender und sich darin absetzender Stoffe gewähren.