gelungen, Krebs auf Thiere zu übertragen[113]. Aber noch ist nicht genau
festgestellt, ob in diesen, verhältnissmässig seltenen und daher noch
nicht über allen Zweifel erhabenen Versuchen die geimpften Krebszellen
selbst weitere Brut aus sich hervorgebracht haben, oder ob sie nur
katalytisch-erregend auf die Gewebstheile einwirkten. Dieses ist erst
durch weitere Untersuchungen festzustellen.
[113] Geschwülste I. 87.
Die neueren Erfahrungen über die =Wanderungen= zelliger Elemente (S.
189) haben überdies eine neue Möglichkeit der Erklärung mancher
Erscheinungen gebracht, welche früher nur durch die Annahme contagiöser
Säfte gedeutet werden konnten. Es ist damit nicht bloss die Auswanderung
von =infectiösen Elementen= in die Nachbarschaft, sondern auch deren
Uebergang in die Circulation und ihre Einwanderung in entfernte Organe
in den Kreis der zulässigen Interpretation eingetreten. Die Bildung von
Metastasen in entfernten Punkten des Körpers, sowie die durch
reichlichere Anwesenheit von Parenchymsäften begünstigte Neigung zur
Infection lässt sich dadurch sehr bequem erklären. Aber man darf um der
Bequemlichkeit der Erklärung willen nicht übersehen, dass der
thatsächliche Nachweis allein eine Entscheidung bringt. Wenn sich im
Umfange eines Tuberkels wieder Tuberkel bilden, welche in einer gewissen
Entfernung von dem ersten liegen, so lässt sich dies so erklären, dass
von dem ersten Heerde Tuberkelzellen ausgewandert seien, welche an den
accessorischen Knoten gekeimt sind. Aber dieselbe Erklärung passt nicht
mehr auf den Fall, den ich mehrmals gesehen habe, dass sich in der Nähe
eines kankroiden Geschwürs des Oesophagus eine multiple Eruption
miliarer Tuberkel auf der Pleura bildet. Hier kommt man nothwendig auf
blosse Stoffe zurück, und man überzeugt sich, dass es eine =doppelte Art
der Infection= gibt: eine =homologe=, wo die Secundärprodukte den
ursprünglichen gleich oder ähnlich, und eine =heterologe=, wo sie davon
verschieden sind.
Auch darf man nicht übersehen, dass ein wirklicher Uebergang geformter
Theile in das Blut nicht nothwendig in denjenigen Organen, zu welchen
diese Theile gelangen, analoge Erkrankungen erzeugen muss, wie an dem
Orte ihrer Bildung bestanden. In dieser Beziehung will ich einen
Zustand erwähnen, welcher in der neueren Zeit mehrfach besprochen worden
ist, die von mir sogenannte =Melanämie=[114]. Es ist dies ein Zustand,
welcher sich am nächsten an die Geschichte der Leukämie anlehnt,
insofern es sich dabei um Elemente des Blutes handelt, welche, wie die
farblosen Körperchen bei der Leukämie, von bestimmten Organen aus in das
Blut gelangen und mit dem Blute circuliren[115]. Die Zahl der bekannten
Beobachtungen darüber ist schon ziemlich gross, man möchte fast sagen,
grösser als vielleicht nothwendig wäre, denn es scheint in der That,
dass hier und da Verwechselungen von Pigment mit cadaverösen
Producten[116] mit untergelaufen sind, welche aus der Geschichte der
Affection wieder hinauszubringen sein dürften. Unzweifelhaft gibt es
aber einen Zustand, in welchem farbige Elemente im Blute vorkommen,
welche in dasselbe nicht hineingehören. Einzelne Beobachtungen solcher
Art finden sich schon seit längerer Zeit[117] und zwar zuerst in der
Geschichte der melanotischen Geschwülste, wo man öfter angegeben hat,
dass in ihrer Nähe schwarze Partikelchen in den Gefässen vorkommen, und
wo man sich dachte, dass hieraus die melanotische Dyscrasie
entstände[118]. Dies ist aber gerade der Fall nicht, den man meint, wenn
man heut zu Tage von Melanämie redet. In den letzten Jahren ist keine
einzige Beobachtung bekannt geworden, welche in Beziehung auf den
Uebergang melanotischer Geschwulsttheile in das Blut einen Fortschritt
darböte.
[114] Gesammelte Abhandlungen 201.
[115] Archiv 1853. V. 85.
[116] Gesammelte Abhandl. 730. Note.
[117] Herr Dr. =Stiebel= sen. in Frankfurt a. M. macht mich darauf
aufmerksam, dass er schon in einer Recension von =Schönlein='s
klinischen Vorträgen (in =Häser='s Archiv) das Vorkommen von
Pigmentzellen im Blute besprochen habe.
Anm. der zweiten Aufl.
[118] Geschwülste II. 285.
Die erste Beobachtung derjenigen Reihe, welche ich im engeren Sinne als
Melanämie bezeichne, ist von =Heinrich Meckel= bei einer Geisteskranken
gemacht worden, kurze Zeit, nachdem ich die Leukämie beschrieben hatte.
Er fand, dass auch hier die Milz in einem sehr erheblichen Maasse
vergrössert, aber zugleich mit schwarzem Pigment durchsetzt war, und er
leitete daher die Veränderung im Blute von einer Aufnahme farbiger
Partikelchen aus der Milz ab. Die nächste Beobachtung habe ich selbst
gemacht[119], und zwar in einer Richtung, die nachher sehr fruchtbar
geworden ist, bei einem Intermittenskranken, welcher lange Zeit mit
einem beträchtlichen Milztumor behaftet war; ich fand in seinem
Herzblute =pigmentirte Zellen= (Fig. 85). =Meckel= hatte nur freie
Pigmentkörner und Schollen gesehen. Die von mir gefundenen Zellen hatten
vielfache Aehnlichkeit mit farblosen Blutkörperchen; es waren
sphärische, manchmal aber auch mehr längliche, kernhaltige Elemente,
innerhalb deren sich mehr oder weniger grosse, schwarze Körner fanden.
Auch in diesem Falle bestätigte sich das Vorkommen einer grossen
schwarzen Milz. Seit jener Zeit ist durch =Meckel= selbst, sowie durch
eine Reihe von anderen Beobachtern in Deutschland, zuletzt durch
=Frerichs=, in Italien durch =Tigri=, die Aufmerksamkeit auf diese
Zustände immer mehr gelenkt worden. =Tigri= hat die Krankheit geradezu
nach der schwarzen Milz als Milza nera bezeichnet, während nach der
Ansicht von =Meckel=, welche durch =Frerichs= an Ausdehnung gewonnen
hat, es vielmehr eine Form der schwereren Intermittenten wäre, welche
auf diese Weise zu erklären sein sollte.
[119] Archiv 1848. II. 594.
[Illustration: =Fig=. 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen (vgl.
Archiv für pathol. Anatomie und Physiologie. Bd. II. Fig. 8). Farblose
Zellen von verschiedener Gestalt, mit schwarzen, zum Theil eckigen
Pigmentkörnern erfüllt. Vergr. 300.]
=Meckel= suchte den Grund der schweren Zufälle darin, dass die Elemente,
welche in's Blut gelangen, sich an gewissen Orten in den feineren
Capillarbezirken anhäuften und hier Stagnation und Obstruction
erzeugten. So namentlich in den Capillaren des Gehirns, wo sie sich nach
Art der Emboli an den Theilungsstellen festsetzen und bald
Capillarapoplexien, bald die comatösen und apoplektischen Formen der
schweren Wechselfieber bedingen sollten. =Frerichs= hat noch eine andere
Art der Verstopfung hinzugefügt, die der feinen Lebergefässe, welche
endlich zur Atrophie des Leberparenchyms Veranlassung geben soll.
Es würde demnach hier eine ausserordentlich wichtige Reihe von
Secundärzufällen existiren, die direkt von der Dyscrasie abhängig wären.
Leider kann ich selbst wenig darüber sagen, da ich seit meinem ersten
Falle nicht wieder in der Lage war, etwas Aehnliches zu beobachten. Ich
habe wohl schwarze Milzen, sowie Lebern mit schwarzem Pigment im
interstitiellen Gewebe gefunden, aber keine Melanämie und keine
melanämische Embolie. Ich kann also auch nicht mit Sicherheit über den
Werth der Beziehungen urtheilen, welche man aufgestellt hat über den
Zusammenhang der secundären Veränderungen mit der Blutverunreinigung.
Nur das möchte ich hervorheben, dass alle Thatsachen, welche man in
Bezug auf diese Zustände kennt, darauf hinweisen, dass die
Verunreinigung des Blutes von einem bestimmten Organe ausgeht, dass dies
Organ, wie bei den farblosen Blutkörperchen, gewöhnlich die Milz ist,
dass aber selbst diejenigen Beobachter, welche das im Blute enthaltene
Pigment an entfernten Punkten in den Gefässen stocken lassen, daraus nur
mechanische Störungen ableiten, aber nicht melanotische
Secundärgeschwülste. Dass die schwere Intermittens, wie =Griesinger=
meinte, an die Melanämie geknüpft sei, ist entschieden unrichtig, und
wenn, wie ich finde, das schwarze Pigment in den melanämischen Lebern
constant in den Bindegewebskörperchen der portalen Scheiden liegt, so
ist damit noch lange nicht dargethan, dass diese Körperchen selbst
eingewandert sind. --
* * * * *
Ich habe im Verlaufe meiner Darstellung bis jetzt kaum etwas von den
Veränderungen der =rothen Körperchen= des Blutes erwähnt, nicht etwa,
weil ich sie für unwesentliche Bestandtheile hielte, sondern weil bis
jetzt über ihre Veränderungen ausserordentlich wenig bekannt ist. Die
Geschichte der rothen Blutkörperchen ist immer noch mit einem
geheimnissvollen Dunkel umgeben, da eine völlige Sicherheit über die
Entstehung dieser Elemente auch gegenwärtig noch nicht gewonnen ist.
Ihre Entstehung aus farblosen Zellen, so bestimmt wir sie auch
voraussetzen müssen, ist beim geborenen Menschen nicht regelmässig zu
verfolgen. Dass die gewöhnlichen farblosen Blutkörperchen über das
Stadium hinaus zu sein scheinen, wo ihre Neubildung zu rothen Körperchen
noch eintritt, habe ich schon erwähnt (S. 213); ob jedoch im Chylus oder
in der Lymphe selbst, in der Milz oder im Knochenmark schon solche
Umbildungen geschehen, ist erst genauer festzustellen. Nur bei
Froschblut ist es v. =Recklinghausen= in seiner »Zuchtkammer« auch
ausserhalb des Körpers gelungen, eine allmähliche Umbildung farbloser
Blutkörperchen in rothe zu beobachten. Für den Menschen ist diese
Erfahrung nicht ohne Weiteres zu verwerthen. Wir wissen von ihm nur so
viel mit Bestimmtheit, wie ich schon früher (S. 172) hervorhob, dass die
ersten rothen Blutkörperchen aus embryonalen Bildungszellen des Eies
ebenso direkt hervorgehen, wie alle übrigen Gewebe sich aus denselben
aufbauen. Wir wissen ferner, dass in den ersten Lebensmonaten auch des
menschlichen Embryo Theilungen der rothen Blutkörperchen stattfinden,
wodurch eine Vermehrung derselben im Blute selbst hervorgebracht wird.
Allein nach dieser Zeit ist, ganz vereinzelte Beobachtungen über das
Vorkommen kernhaltiger Blutkörperchen (S. 205) abgerechnet, Alles
dunkel, und zwar fällt dieses Dunkel ziemlich genau zusammen mit der
Periode, wo die Blutkörperchen im menschlichen und Säugethier-Blute
aufhören, Kerne zu zeigen. Wir können nur sagen, dass gar keine
Thatsache bekannt ist, welche für eine fernere selbständige Entwickelung
oder für eine Theilung der rothen Körperchen im Blute selbst spräche;
Alles deutet mit Wahrscheinlichkeit auf eine Zufuhr hin. Selbst
G. =Zimmermann=, welcher annahm, dass kleine bläschenförmige Körperchen
im Blute vorkämen, welche in demselben nach und nach durch
Intussusception wüchsen und endlich zu rothen Blutkörperchen würden,
leitete jene bläschenförmigen Körperchen aus dem Chylus ab.
Indess scheint mir diese Beobachtung nicht richtig gedeutet zu sein. Die
von =Zimmermann= beschriebenen Gebilde sind offenbar Bruchstücke alter
Blutkörperchen (S. 193), wie sie =Wertheim= neuerlich nach Verbrennungen
gesehen haben will. Ausserdem finden sich nicht selten ungewöhnlich
kleine Blutkörperchen auch im frischen Blute (Fig. 61, _h_), allein wenn
man sie genauer untersucht, so ergibt sich an ihnen eine
Eigenthümlichkeit, welche an jungen (embryonalen) Formen nicht bekannt
ist, nehmlich dass sie ausserordentlich resistent gegen die
verschiedensten Einwirkungen sind. An sich sehen sie schön dunkelroth
aus, sie haben eine gesättigte, manchmal fast schwarze Farbe; behandelt
man sie mit Wasser oder Säuren, welche die gewöhnlichen rothen
Körperchen mit Leichtigkeit auflösen, so sieht man, dass eine ungleich
längere Zeit vergeht, bevor sie verschwinden. Setzt man zu einem Tropfen
Blut viel Wasser hinzu, so sieht man sie nach dem Verschwinden der
übrigen Blutkörperchen noch längere Zeit übrig bleiben. Diese
Eigenthümlichkeit stimmt am meisten überein mit Veränderungen, welche in
solchem Blute eintreten, welches in Extravasaten oder innerhalb der
Gefässe lange Zeit in Stase sich befunden hat. Hier führt diese
Veränderung unzweifelhaft zu einem Untergang der Körper, und es kann
daher mit grosser Wahrscheinlichkeit auch für das circulirende Blut
geschlossen werden, dass diese kleinen Körperchen nicht junge, in der
Entwickelung begriffene, sondern im Gegentheil alte, im Untergang
begriffene Formen darstellen. Ich stimme daher im Wesentlichen mit der
Auffassung von =Karl Heinrich Schultz= überein, welcher diese Körper
unter dem Namen von =melanösen= Blutkörperchen beschrieben hat und sie
für die Vorläufer der »Blutmauserung« ansieht, für Körperchen, welche
sich vorbereiteten zu den eigentlich excrementiellen Umsetzungen.
In manchen Zuständen wird die Zahl dieser Elemente ungeheuer gross. Bei
recht gesunden Individuen findet man sehr wenig davon, nur im
Pfortaderblut glaubt =Schultz= immer viele dieser Körperchen gesehen zu
haben. Sicher ist es aber, dass es krankhafte Zustände gibt, wo ihre
Menge so gross wird, dass man fast in jedem Blutstropfen eine kleinere
oder grössere Zahl davon antrifft. Diese Zustände lassen sich jedoch bis
jetzt nicht in bestimmte Kategorien bringen, weil die Aufmerksamkeit
darauf wenig rege gewesen ist. Man findet sie in leichten Formen von
Intermittens, bei Cyanose nach Herzkrankheiten, bei Typhösen, bei den
Infectionsfiebern der Operirten und im Laufe epidemischer Erkrankungen,
immer jedoch in solchen Krankheiten, welche mit einer schnellen
Erschöpfung der Blutmasse einhergehen und zu kachectischen und
anämischen Zuständen führen. In der Regel sieht solches Blut sehr dunkel
aus und nimmt selbst beim Stehen an der Luft oder beim Zusatze von
Neutralsalzen nicht jene hochrothe Farbe an, welche das normale Blut so
sehr auszeichnet. Auch vom klinischen Gesichtspunkte aus besteht für die
Mehrzahl dieser Krankheitszustände die Wahrscheinlichkeit eines
reichlichen Zugrundegehens von Blutbestandtheilen innerhalb der
Blutbahn. --
* * * * *
Ausser diesen Veränderungen kennen wir mit Bestimmtheit noch eine andere
Reihe, wo es sich um quantitative Veränderungen in der Zahl der Körper
handelt. Diese Zustände, deren Hauptrepräsentant die =Chlorose= ist,
zeigen eine gewisse Aehnlichkeit mit jenen, welche mit Vermehrung der
farblosen Blutkörperchen einhergehen, mit der Leukämie im engeren Sinne
und den bloss leukocytotischen Zuständen. Die Chlorose unterscheidet
sich aber dadurch von ihnen, dass die Zahl der zelligen Körperchen im
Blute überhaupt geringer ist. Während in der Leukämie gewissermaassen an
die Stelle der rothen Körperchen farblose treten und eine Verminderung
der Zahl der zelligen Elemente im Blute nicht zu Stande kommt, ja
zuweilen sogar eine Art von Plethora lymphatica dadurch bedingt wird, so
vermindern sich bei der Chlorose die Elemente beider Gattungen, ohne
dass das gegenseitige Verhältniss der farbigen zu den farblosen in einer
bestimmten Weise gestört würde. Es setzt dies eine verminderte Bildung
überhaupt voraus, und wenn man schliessen darf (wie ich allerdings
glaube, dass man kaum anders kann), dass auch die rothen Körperchen von
Elementen der Milz und der Lymphdrüsen herstammen, so würde Alles darauf
hindeuten, dass in der Chlorose eine verminderte Bildung von Zellen
innerhalb der Blutdrüsen stattfinde. Die Leukämie erklärt sich natürlich
viel einfacher, insofern wir hier Repräsentanten der zelligen Elemente
im Blute finden, und wir uns denken können, dass ein Theil der Elemente,
anstatt in rothe umgewandelt zu werden, seine Entwickelung ganz als
farblose fortsetzt. In der Geschichte der Chlorose dagegen waltet noch
viel Dunkel, da wir ein primäres Leiden der Blutdrüsen mit Bestimmtheit
nicht nachweisen können. Die anatomischen Erfahrungen deuten darauf hin,
dass die chlorotische Störung schon sehr frühzeitig angelegt wird. Man
findet gewöhnlich die Aorta und die grösseren Arterien, häufig das Herz
und den Sexualapparat mangelhaft gebildet, was auf eine congenitale oder
doch in früher Jugend erworbene Disposition schliessen lässt. Wenn diese
Disposition in der Regel erst zur Pubertätszeit wirkliche Störungen von
pathologischem Werthe hervorbringt, so würde es doch irrig sein, wenn
man deshalb die Disposition leugnen wollte. Meine Ansicht geht sogar
dahin, dass diese Disposition unheilbar ist, wenngleich sie durch
zweckmässige Behandlung, insbesondere diätetische Pflege latent gemacht
werden kann. --
* * * * *
Endlich muss hier noch eine dritte Reihe von Zuständen erwähnt werden,
diejenige nehmlich, wo die innere Beschaffenheit der Blutkörperchen
Veränderungen erfahren hat, ohne dass dadurch ein bestimmter
morphologischer Effect hervorgebracht würde. Hier handelt es sich
wesentlich um Functionsstörungen, welche wahrscheinlich mit feineren
Veränderungen der Mischung zusammenhängen, also Veränderungen der
eigentlichen =respiratorischen Substanz=. So gut nehmlich, wie wir bei
den Muskeln die Substanz des Primitivbündels, die compacte Masse des
Syntonins oder Myosins als contractile Substanz erfinden, so erkennen
wir im Inhalte des rothen Blutkörperchens die eigentlich functionirende,
respiratorische Substanz. Sie erfährt unter gewissen Verhältnissen
Veränderungen, welche sie ausser Stand setzen, ihre Function
fortzuführen, eine Art von Lähmung, wenn man will. Dass etwas der Art
vorgegangen ist, ersieht man daraus, dass die Körperchen nicht mehr im
Stande sind, Sauerstoff aufzunehmen, wie man dieses experimentell
unmittelbar erhärten kann. Dass es sich dabei aber um molekulare
Veränderungen in der Mischung handelt, dafür haben wir bequeme
Anhaltspunkte in der Wirkung solcher giftiger Substanzen, welche schon
in minimaler Menge das Hämoglobin so verändern, dass es in eine Art von
Paralyse versetzt wird. Es sind dies die =Blutgifte= im engeren Sinne
des Wortes, bei denen nicht bloss, wie bei den meisten Giften, die
schädliche Substanz durch das Blut hindurchgeht, um zu anderen Theilen
z. B. zu Ganglienzellen, Drüsenzellen, zu gelangen, sondern bei denen
das Blut selbst in seinen specifischen Elementen den Hauptangriff
zu erfahren hat. Hierher gehört ein Theil der flüchtigen
Wasserstoffverbindungen, z. B. Arsenikwasserstoff, Cyanwasserstoff;
ferner nach =Hoppe-Seyler='s und =Bernard='s Untersuchungen das
Kohlenoxydgas, von dem verhältnissmässig kleine Mengen ausreichend sind,
um die respiratorische Fähigkeit der Körperchen zu vernichten. Analoge
Zustände sind schon früherhin vielfach beobachtet worden im Verlaufe
anderer Infectionskrankheiten, z. B. der typhoiden Fieber, wo die
Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen, in dem Maasse abnimmt, als die
Krankheit einen schweren acuten Verlauf gewinnt. Mikroskopisch sieht man
aber ausser einzelnen melanösen Körperchen fast gar nichts, nur das
chemische Experiment und die grobe Wahrnehmung vom blossen Auge zeigen
die veränderte Beschaffenheit an. Man kann daher sagen, dass in diesem
Gebiete der =Toxicämie= das Meiste noch zu machen ist. Wir haben mehr
Anhaltspunkte, als Thatsachen.
Fassen wir nun das, was wir über das Blut vorgeführt haben, kurz
zusammen, so ergiebt sich in Beziehung auf =die Theorie der Dyscrasien=,
dass entweder Substanzen in das Blut gelangen, welche auf die zelligen
Elemente desselben schädlich einwirken und dieselben ausser Stand
setzen, ihre Function zu verrichten, oder dass von einem bestimmten
Punkte aus, sei es von aussen, sei es von einem Organe aus, Stoffe dem
Blute zugeführt werden, welche von dem Blute aus auf andere Organe
nachtheilig einwirken, oder endlich dass die Bestandtheile des Blutes
selbst nicht in regelmässiger Weise ersetzt und nachgebildet werden.
Nirgends in dieser ganzen Reihe finden wir irgend einen Zustand, welcher
darauf hindeutete, dass eine =dauerhafte= Fortsetzung von bestimmten,
einmal eingeleiteten Veränderungen =im Blute selbst= sich erhalten
könnte, dass also eine permanente Dyscrasie möglich wäre, ohne dass neue
Einwirkungen von einem bestimmten Atrium oder Organe aus auf das Blut
stattfinden. In jeder Beziehung stellt sich uns das Blut dar als ein
abhängiges und nicht als ein unabhängiges oder selbständiges Fluidum;
die Quellen seines Bestandes und Ersatzes, die Anregungen zu seinen
Veränderungen liegen nicht in ihm, sondern ausser ihm. Daraus folgt
consequent der auch für die Praxis ausserordentlich wichtige
Gesichtspunkt, dass es sich bei allen Formen der Dyscrasie darum
handelt, ihren örtlichen Ursprung, ihre (in Beziehung auf das Blut
selbst) äussere Veranlassung aufzusuchen. --
Dreizehntes Capitel.
Das peripherische Nervensystem.
Der Nervenapparat. Seine prätendirte Einheit.
Die Nervenfasern. Peripherische Nerven. Fascikel, Primitivfaser.
Perineurium und Neurilem. Schwann'sche Scheide. Axencylinder
(electrische Substanz). Markstoff (Myelin), Protagon, Phosphor der
Nervensubstanz. Marklose und markhaltige Fasern. Uebergang der
einen in die anderen: Hypertrophie des Opticus. Verschiedene Breite
der Fasern.
Die peripherischen Nervenendigungen. Vater'sche (Pacini'sche) und
Tastkörper. Marklose Fasern der Haut mit Endigung im Rete.
Unterscheidung von Gefäss-, Nerven- und Zellenterritorien in der
Haut. Endkolben der Schleimhautnerven. Höhere Sinnesorgane: Riech-,
Geschmacks- und Hörzellen. Retina: nervöse und bindegewebige
Theile. Arbeitsnerven: Muskel-Endplatten, Verbindung der Nerven mit
Drüsen- und anderen Zellen.
Die Theilung der Nervenfasern. Das electrische Organ der Fische.
Die Muskelnerven. Weitere Betrachtung über Nerventerritorien.
Nervenplexus mit ganglioformen Knoten. Darmschleimhaut. Gefässe.
Plexus myentericus.
Irrthümer der Neuropathologen.
Nachdem wir die humoralpathologischen Gesichtspunkte in der Betrachtung
der Dyscrasien erörtert haben, so dürfte es nicht bloss dem historischen
Rechte nach, sondern auch der Wichtigkeit des Gegenstandes nach gerathen
sein, nunmehr die Grundlagen der solidarpathologischen Doctrin in ihrer
modernen Gestalt als Neuropathologie zu prüfen. Wenden wir uns daher
jetzt zu der =Einrichtung des Nervenapparates=.
Die überwiegende Masse des Nervenapparates besteht aus =faserigen
Bestandtheilen=. Diese sind es auch, auf welche sich fast alle die
feineren, physiologischen Entdeckungen beziehen, welche die letzten
Jahrzehnte gebracht haben, während der andere, der Masse nach viel
kleinere Theil des Nerven-Apparates, die =graue= oder =gangliöse=
Substanz, bis jetzt selbst der histologischen Untersuchung
Schwierigkeiten entgegengestellt hat, welche noch lange nicht überwunden
sind, so dass die experimentelle Erforschung dieser Substanz kaum in
Angriff genommen werden konnte. Es wird freilich oft behauptet, man
wisse gegenwärtig viel von dem Nervensystem, aber unsere Kenntniss
beschränkt sich grossentheils auf die weisse Substanz, den faserigen
Antheil, während wir leider eingestehen müssen, dass wir über die, ihrer
functionellen Bedeutung nach offenbar viel höher stehende, graue
Substanz in vielen Beziehungen immer noch sowohl anatomisch, als
namentlich physiologisch in grosser Unsicherheit uns bewegen.