So ergibt sich, dass jede Mahlzeit einen gewissen Reizungszustand in den

Gekrösdrüsen setzt, indem die Chylus-Bestandtheile, die denselben

zugeführt werden, einen physiologischen Reiz für dieselben darstellen.

Die Milch, welche wir trinken, das Fett unserer Suppen, die

verschiedenen, feiner vertheilten Fette und Oele in unseren festeren

Speisen gelangen als kleinste Kügelchen in die Chylusgefässe und

verbreiten sich eben so, wie der Zinnober, in den Drüsen; aber die

kleinsten Fettkörnchen dringen nach einiger Zeit durch die Drüse

hindurch. Für solche Körper besteht also noch eine wirkliche

Permeabilität der Drüsengänge, aber auch sie werden eine Zeit lang

zurückgehalten. Immer dauert es lange, ehe nach einer Mahlzeit die

Gekrösdrüsen das Fett wieder völlig los werden, und es geschieht das

Hindurchschieben der Massen offenbar unter einem verhältnissmässig

grossen Drucke. Dabei beobachtet man zugleich eine Vergrösserung der

Lymphdrüse, und ebenso nach jeder Mahlzeit eine Zunahme in der Zahl der

farblosen Körperchen im Blute, eine =physiologische Leukocytose=, aber

keine Pyämie.

In dem Maasse, als eine =Schwangerschaft= vorrückt, als die Lymphgefässe

am Uterus sich erweitern, als der Stoffwechsel in der Gebärmutter mit

der Entwickelung des Fötus zunimmt, vergrössern sich die Lymphdrüsen der

Inguinal- und Lumbalgegend erheblich, zuweilen so beträchtlich, dass,

wenn wir sie zu einer anderen Zeit fänden, wir sie als entzündet

betrachten würden. Diese Vergrösserung führt dem Blute auch mehr neue

Partikelchen zelliger Art zu, und so steigt von Monat zu Monat die Zahl

der farblosen Körperchen. Zur Zeit der Geburt kann man fast bei jeder

Puerpera, mag sie pyämisch sein oder nicht, in dem defibrinirten Blute

die farblosen Körperchen ein eiterartiges Sediment bilden sehen. Auch

dies ist eine physiologische Form, welche fern davon ist, eine pyämische

zu sein. Wenn man sich aber gerade eine Puerpera aussucht, welche

Krankheits-Erscheinungen darbietet, die mit dem Bilde der Pyämie

übereinstimmen, dann ist nichts leichter, als diese vielen farblosen,

mehrkernigen Zellen zu finden, und sie für jene Eiterkörperchen

auszugeben, welche nach der Voraussetzung gerade die Pyämie constatiren

sollen. Dies sind Trugschlüsse, welche aus unvollständiger Kenntniss des

normalen Lebens und der Entwickelung resultiren. So lange man sich bloss

an die pyämischen Erfahrungen hält, so lange kann dies Alles erscheinen

wie ein grosses und neues Ereigniss, und man kann sich berechtigt

halten, wenn man das Blut einer Wöchnerin untersucht, zu schliessen,

sie habe schon die Pyämie, bevor die pyämischen Symptome auftreten. Aber

man mag untersuchen, wann man will, so wird man stets etwas von

Leukocytose finden, gerade so, wie es schon seit langer Zeit bekannt

ist, dass sich bei Schwangeren sehr gewöhnlich eine Speckhaut bildet,

weil das Blut gewöhnlich mehr von einem langsamer gerinnenden Fibrin

zugeführt bekommt (Hyperinose). Es erklärt sich dies durch den

vermehrten Stoffwechsel und die, entzündlichen Vorgängen so nahe

stehenden Veränderungen im Uterinsystem, welche mit einer gewissen

Reizung der zunächst damit in Verbindung stehenden Lymphdrüsen

vergesellschaftet sind[81].

[81] Verhandl. der Gesellschaft für Geburtshülfe in Berlin. 1848. III.

174. Gesammelte Abhandl. 760, 777.

Gehen wir einen kleinen Schritt weiter in dies pathologische Gebiet

hinein, so treffen wir leukocytotische Zustände in der ganzen Reihe

aller der Erkrankungen, welche mit Drüsenreizung complicirt sind, und

bei welchen die Reizung nicht zu einer Zerstörung der Drüsensubstanz

führt. Im Verlaufe einer Scrofulosis, bei deren einigermaassen

ungünstigem Verlaufe die Drüsen zu Grunde gehen, sei es durch

Ulceration, sei es durch käsige Eindickung, Verkalkung u. s. f., kann

eine vermehrte Aufnahme von Elementen in das Blut nur so lange

stattfinden, als die gereizte Drüse überhaupt noch leistungsfähig ist

oder existirt; sobald aber die Drüse abgestorben, käsig geworden oder

zerstört ist, so hört auch die Bildung von Lymphzellen und damit die

Leukocytose auf. Jedesmal dagegen, wo eine mehr acute Form von Störung

besteht, welche mit entzündlicher Schwellung der Drüsen verbunden ist,

findet eine Vermehrung der farblosen Körperchen im Blute Statt. So im

Typhus, wo so ausgedehnte markige Schwellungen der Unterleibsdrüsen

auftreten, so bei Krebskranken, wenn Reizung der Lymphdrüsen eintritt,

so im Verlaufe jener Prozesse, welche man als Eruptionen des malignen

Erysipels bezeichnet, und welche so frühzeitig schon mit

Drüsenanschwellung verbunden zu sein pflegen. Das ist der Sinn dieser

Vermehrung der farblosen Elemente, die zuletzt immer zurückführt auf die

vermehrte Entwickelung lymphatischer Gebilde innerhalb der gereizten

Drüsen.

Es ist nun von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, dass man gegenwärtig den

Begriff der Lymphdrüsen ungleich weiter ausdehnt, als es bis vor Kurzem

geschehen ist. Erst die neueren histologischen Untersuchungen haben

gezeigt, dass ausser den gewöhnlichen bekannten Lymphdrüsen, die eine

gewisse Grösse und Selbständigkeit haben, eine grosse Menge von

kleineren Einrichtungen im Körper vorhanden ist, welche ganz denselben

Bau besitzen, welche aber nicht so massenhafte Zusammenordnungen von

lymphatischen Theilen darstellen, wie wir sie in einer Lymphdrüse

finden. Dahin gehören im Besonderen die =Follikel des Darms=, sowohl die

solitären, als die Peyerschen. Ein Peyerscher Haufen ist nichts weiter,

als die flächenartige Ausbreitung einer Lymphdrüse; die einzelnen

Follikel des Haufens entsprechen, ebenso wie die Solitärfollikel des

Digestionstractus, den einzelnen Follikeln einer Lymphdrüse, nur dass

die Darmfollikel, wenigstens beim Menschen, in einfacher, die

Lymphdrüsenfollikel in mehrfacher Lage über einander angeordnet sind.

Die solitären und Peyerschen Drüsen haben also gar nichts gemein mit den

gewöhnlichen (Lieberkühnschen) Drüsen, welche durch offene Mündungen

nach dem Darm hin secerniren; sie haben vielmehr die Stellung und

offenbar auch die Funktion der Lymphdrüsen. Gegen die Darmhöhle hin sind

sie völlig geschlossen, und wenn sie secerniren, so thun sie es nur in

der Richtung der Lymphgefässe, welche aus ihnen hervorgehen. Diese sind

ihre Ausführungsgänge.

In dieselbe Kategorie gehören die analogen Apparate, die wir im oberen

Theile des Digestionstractus in so grossen Haufen zusammengeordnet

finden, wo sie die =Tonsillen=, die =Follikel der Zungenwurzel= und die

grosse =Pharynxdrüse= bilden. Während im Darm die Follikel in einer

ebenen Fläche liegen, findet sich hier die Fläche eingefaltet und die

einzelnen Follikel um die Einfaltung oder Einstülpung herumliegend.

Früher nannte man gerade die Einfaltungen oder Taschen, wie sie an den

meisten Zungenfollikeln einfach, an den Tonsillen mehrfach und verästelt

vorkommen, Follikel (Bälge), und sah dem entsprechend die Oeffnungen der

Taschen als Drüsenmündungen an. Allein die Taschen sind von einer

Fortsetzung der benachbarten Schleimhaut und deren Epithel continuirlich

ausgekleidet; auch hier haben die eigentlichen, lymphatischen Follikel

keine nach aussen mündenden Ausführungsgänge. Sie liegen unter der

geschlossenen Oberfläche.

In dieselbe Kategorie gehört weiterhin die =Thymusdrüse=, bei welcher

die Anhäufung der Follikel einen noch höheren Grad erreicht, als in den

Lymphdrüsen. Während viele Lymphdrüsen noch einen Hilus haben, wo keine

Follikel liegen, so hört dies in der Thymusdrüse auf. Mit diesem Mangel

eines Hilus hängt zusammen, dass man an der Brustdrüse keine erheblichen

Verbindungen mit Lymphgefässen kennt.

Dahin gehört endlich ein sehr wesentlicher Bestandtheil der Milz,

nehmlich die =Malpighischen oder weissen Körper= (=Follikel=), die bei

verschiedenen Leuten in ebenso verschiedener Menge durch das

Milzparenchym zerstreut sind, wie die solitären und Peyerschen Follikel

im Darm. Auf einem Durchschnitte durch die Milz sehen wir vom Hilus her

die Trabekeln mit den Gefässen gegen die Capsel ausstrahlen, in langen

Zügen von der rothen Milzpulpe umlagert, welche hier und da unterbrochen

wird durch bald mehr bald weniger zahlreiche weisse Körper von grösserem

oder kleinerem Umfange, einzeln oder zusammengesetzt, zuweilen fast

traubenförmig. Der Bau dieser Milzfollikel, welche an den Scheiden

der Arterien sitzen, stimmt in der Hauptsache mit dem der

Lymphdrüsen-Follikel.

Wir können daher diese ganze Reihe von Apparaten als mehr oder weniger

gleichwerthig mit den eigentlichen Lymphdrüsen betrachten; eine

Anschwellung der Milz oder der Darmfollikel wird unter Umständen eine

ebenso reichliche Zufuhr von farblosen Blutkörperchen liefern können,

wie dies bei einer Anschwellung einer Lymphdrüse der Fall ist. Diese

Möglichkeit erklärt es, dass in der Cholera, wo die Veränderung der

solitären und Peyerschen Follikel im Darm besonders hervortritt, während

die Schwellung der übrigen Lymphdrüsen viel weniger ausgebildet ist,

ausserordentlich frühzeitig eine bedeutende Vermehrung der farblosen

Blutkörperchen eintritt[82]. Dies erklärt es ferner, warum bei solchen

Pneumonien, die mit grossen Schwellungen der Bronchialdrüsen verbunden

sind, gleichfalls eine Vermehrung der farblosen Blutkörperchen

stattfindet, welche in anderen Formen der Pneumonie, die nicht mit einer

solchen Schwellung verbunden sind, fehlt. Je mehr die Reizung von der

Lunge auf die Lymphdrüsen übergreift, je reichlicher von der Lunge

schädliche Flüssigkeiten den Drüsen zugeführt werden, um so deutlicher

erleidet das Blut diese besondere Veränderung.

[82] Medic. Reform. 1848. No. 12. u. 15. Gaz. méd. de Paris. 1849.

No. 3.

Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Krankheiten durchmustert, so

lässt sich in der That vom morphologischen Standpunkte aus gar nichts

auffinden, was auch nur entfernt die Annahme eines Zustandes, der Pyämie

zu nennen wäre, rechtfertigte. In den überaus seltenen Fällen, wo Eiter

in Venen durchbricht, können unzweifelhaft dem Blute eiterige

Bestandtheile zugeführt werden, allein hier ist die Einfuhr von Eiter

meist eine einmalige. Der Abscess entleert sich, und ist er gross, so

geschieht eher eine Extravasation von Blut, als dass eine anhaltende

Pyämie zu Stande käme. Vielleicht wird es einmal gelingen, im Verlaufe

eines solchen Vorganges Eiterkörperchen mit bestimmten Charakteren im

Blute aufzufinden; bis jetzt steht aber die Sache so, dass man mit

grösster Bestimmtheit behaupten kann, es sei Niemandem gelungen, mit

Gründen, die auch nur einer milden Beurtheilung genügen könnten, die

Anwesenheit einer morphologischen Pyämie darzuthun. Es muss daher dieser

Name als Bezeichnung für eine durch die Beimischung bestimmter

sichtbarer Gebilde hervorgebrachte Blutveränderung gänzlich aufgegeben

werden.

Eilftes Capitel.

Infection und Metastase.

Pyämie und Phlebitis. Capillar-Phlebitis und Stase. Thrombosis:

parietale und obstruirende; adhäsive und suppurative. Puriforme

Erweichung der Thromben: Detritus des Fibrins, Auflösung der rothen

Körperchen. Die wahre und falsche Phlebitis. Eitercysten des

Herzens.

Embolie. Bedeutung der fortgesetzten Thromben. Lungenmetastasen.

Zertrümmerung der Emboli. Verschiedener Charakter der Metastasen.

Endocarditis und capilläre Embolie. Latente Pyämie.

Inficirende Flüssigkeiten. Infectiöse Erkrankung der lymphatischen

Apparate und der Milz, der Secretionsorgane und der Muskeln.

Chemische Substanzen im Blute: Silbersalze, Arthritis,

Kalkmetastasen. Ichorrhämie. Fremde Körperchen in der Blutmischung:

Zellen, Hämatozoen, Pilze, Körner. Pyämie als Sammelname.

Ich habe in dem vorangehenden Capitel die Lehre von der Pyämie in

Beziehung auf die im Blute vorkommenden zelligen Gebilde einer genaueren

Betrachtung unterworfen, weil sich gerade daran die Quelle mancher, auch

für andere Gebiete der Pathologie lehrreicher Irrthümer und eine

richtigere Methode der Beobachtung und Beurtheilung besonders gut

darlegen lässt. Wenn ich nochmals darauf zurückkomme, um die

geschichtliche Entwickelung dieser Lehre und ihre thatsächlichen

Grundlagen zu erörtern, so geschieht es nicht bloss der entscheidenden

Wichtigkeit wegen, welche diese Lehre für die Auffassung der Metastasen

und aller metastasirenden Dyscrasien hat, sondern auch, weil ich mich

berechtigt erachte, gerade in einem Gebiete, in welchem ich viele Jahre

lang mit eigenen Untersuchungen beschäftigt war, ein beglaubigtes

Urtheil aussprechen zu können.

Bis in die neueste Zeit hat man ganz besondere Beziehungen der Pyämie zu

Gefässaffectionen und namentlich zu Gefässentzündungen[83] angenommen.

Namentlich seitdem man sich genöthigt sah, die Ansicht aufzugeben,

wonach die Eitermasse, welche man in der Vene zu sehen glaubte, durch

eine Oeffnung der Wand oder eine klaffende Lichtung in dieselbe

eingedrungen (absorbirt) sein sollte, kehrte man zu der von =John

Hunter= begründeten Lehre von der Phlebitis[84] zurück. Viele

betrachteten dem entsprechend den Eiter als ein Absonderungsproduct der

Gefässwand. Die Beweise für diese Ansicht waren aber schwer zu liefern,

nachdem man durch die Erfahrung belehrt war, dass eine primär eiterige

Venenentzündung nicht vorkomme, sondern dass, wie zuerst von

=Cruveilhier= mit Bestimmtheit nachgewiesen ist, im Anfange jeder

sogenannten Phlebitis oder Arteriitis immer ein Blutgerinnsel innerhalb

des Gefässes gebildet wird. Aber =Cruveilhier= selbst war durch diese

Erfahrung so sehr überrascht worden, dass er eine Theorie daran knüpfte,

welche gegenwärtig kaum noch begreiflich ist. Er schloss nämlich aus der

Unmöglichkeit, in der er sich befand, zu erklären, warum die Entzündung

der Venen mit Gerinnung des Blutes anfange, dass überhaupt jede

Entzündung in einer Gerinnung von Blut bestände. Die Unmöglichkeit, die

Phlebitis zu erklären, schien beseitigt dadurch, dass die Gerinnung des

Blutes innerhalb der Gefässe zu einem allgemeinen Gesetze der

Entzündungslehre erhoben und auch die gewöhnliche Entzündung auf eine

Phlebitis im Kleinen, die von ihm sogenannte Capillarphlebitis, bezogen

wurde. Diese Capillarphlebitis war nahezu identisch mit der in der

deutschen Pathologie gebräuchlichen Stase; der abweichende Ausdruck des

französischen Forschers erklärt sich nur dadurch, dass er sich eine

eigenthümliche Ansicht über die Existenz besonderer, kleinster Venen in

den Theilen gebildet hatte, auf welche er nicht bloss die Ernährung,

sondern auch die Bildung von Cysten, Tuberkeln, Krebs, kurz aller

wichtigeren anatomischen Prozesse zurückführte. Diese Art zu denken

blieb aber der grossen Mehrzahl der gelehrten und noch mehr der

ungelehrten Aerzte so vollständig fremd, dass die einzelnen

Schlussthesen von =Cruveilhier=, die man in seiner Formulirung in die

Wissenschaft aufnahm, ganz und gar missverstanden wurden.

[83] Gesammelte Abhandlungen S. 636.

[84] Ebendas. S. 458.

Freilich hatte er in dem einen Punkte Recht, der auch seitdem mehr und

mehr anerkannt worden ist, dass der sogenannte Eiter in den Venen nie

zuerst an der Wand liegt, sondern immer zuerst in der Mitte eines schon

vor ihm vorhandenen Blutgerinnsels auftritt, welches den Anfang des

Prozesses überhaupt bezeichnet. Aber er fand für diese vortreffliche

Beobachtung keine richtige Erklärung. Er stellte sich vor, dass die

Eitersecretion von den Wandungen des Gefässes aus stattfinde, dass aber

der Eiter nicht an der Wand liegen bleibe, sondern vermöge der

»Capillarität« sofort bis in die Mitte des Coagulums wandere. Es war das

eine sehr sonderbare Theorie, die sich auch dann nur annähernd begreift,

wenn man erwägt, dass in jener Zeit der Eiter noch für eine einfache

Flüssigkeit (Solution) gehalten wurde. Erkennt man in dem Eiter ein

flüssiges oder, genauer gesagt, ein =bewegliches Gewebe=, dessen

wesentlicher Bestandtheil Zellen, also feste Theile sind, so fällt jene

Deutung in sich selbst zusammen.

Allein trotz der falschen Deutung bleiben doch die Thatsachen stehen,

gegen die sich auch heute nichts vorbringen lässt, dass als erste

Erscheinung des örtlichen Vorganges, bevor etwas von Entzündung an der

Gefässwand zu sehen ist, sich ein Blutgerinnsel findet, und dass etwas

später inmitten dieses Gerinnsels sich eine Masse zeigt, welche ihrem

Aussehen und ihrer Consistenz nach von dem Gerinnsel verschieden ist,

dagegen mehr oder weniger Aehnlichkeit mit Eiter darbietet.

[Illustration: =Fig=. 78. Thrombose der Vena saphena. _S_ Vena saphena,

_T_ Thrombus: _v_, _v_' klappenständige (valvuläre) Thromben, in der

Erweichung begriffen und durch frischere und dünnere Gerinnselstücke

verbunden; _C_, der fortgesetzte über die Mündung des Gefässes in die

Vena curalis _C_' hineinragende Pfropf.]

Von diesen Erfahrungen ausgehend, habe ich mich bemüht, die Lehre von

der Phlebitis ihrem grössten Theile nach überhaupt aufzulösen, indem

ich für das Mystische, welches in =Cruveilhier='s Deutung lag, einfach

den Ausdruck der Thatsachen einsetzte. Die Entzündung als solche ist

nicht an Gerinnung gebunden; im Gegentheil hat sich herausgestellt, dass

die Lehre von der Stase auf vielfachen Missverständnissen beruhe[85]. Es

kann Entzündung bestehen bei vollkommen offenem Strome des Blutes

innerhalb der Gefässe des afficirten Theiles. Lassen wir also die

Entzündung überhaupt bei Seite, und halten wir uns einfach an die

Gerinnung des Blutes, an die Bildung des Gerinnsels (Thrombus). Alsdann

scheint es am meisten entsprechend, den ganzen Vorgang in dem Ausdrucke

der =Thrombose= zusammenzufassen. Ich habe vorgeschlagen[86], diesen

Ausdruck zu substituiren für die verschiedenen Namen von Phlebitis,

Arteriitis u. s. w., insoweit es sich nehmlich wirklich um eine an =Ort

und Stelle= geschehende Gerinnung des Blutes handelt.

[85] Handb. der spec. Pathol. und Ther. I. 53. J. H. Boner Die Stase

nach Experimenten an der Froschschwimmhaut. Würzburg 1856.

[86] Handbuch der spec. Path. I. 159.

Untersucht man die Geschichte dieser Thromben, so ergibt sich, dass

dieselben in den Capillaren fast gar nicht vorkommen, sondern sich auf

die Venen, die Arterien und das Herz beschränken, so zwar, dass auch die

kleinsten Venen und Arterien davon beinahe ganz frei bleiben. Die

Mehrzahl der Thromben entsteht ursprünglich als =wandständige= (

=parietale=), während neben ihnen der Strom des Blutes noch fortgeht;

sie sind sämmtlich zu erklären aus örtlichen Veränderungen der

Gefässwand und des Blutstromes, jedoch können zu dieser Erklärung auch

allgemeine Veränderungen des Blutes oder der Blutströmung herangezogen

werden, insofern sie auf das örtliche Verhalten des Blutstromes Einfluss

ausüben. Selten finden sich gleich von vornherein =total verstopfende=

(=obstruirende=) Thromben, bei denen der Blutstrom gänzlich unterbrochen

ist; wo sie vorkommen, ohne dass besondere chemische Stoffe durch

Einspritzung, Aetzung u. s. f. eingewirkt haben, da ist gewöhnlich schon

vor der Thrombose ein Stillstand des Blutes (durch Ligatur, Compression)

eingetreten und die Gerinnung ist als die natürliche Folge der

Stagnation anzusehen.

In vielen Thromben kommt es überhaupt niemals zu der sogenannten

Eiterbildung. Im Gegentheil, es entsteht aus dem Gerinnsel ein

Bindegewebs-Pfropf, gewöhnlich mit Pigment (Hämatoidin), zuweilen mit

Gefässen. Dies hat man die =adhäsive= Phlebitis oder Arteriitis genannt.

Bei der sogenannten =suppurativen= Phlebitis, der eigentlich

gefürchteten Form, findet sich allerdings eine eiterartige Masse, allein

diese stammt nicht von der Wand, sondern sie entsteht direkt durch eine

Umwandlung zuerst der centralen Gerinnselschichten selbst, und zwar

durch eine Umwandlung chemischer Art, wobei in ähnlicher Weise, wie man

dies durch langsame Digestion von geronnenem Fibrin künstlich erzeugen

kann, das Fibrin in eine feinkörnige Substanz zerfällt, und die ganze

Masse in =Detritus= übergeht[87]. Es ist dies eine wirkliche Erweichung

und Rückbildung der organischen Substanz: die Fäden des Fibrins

zertrümmern in Stücke, diese wieder in kleinere und so fort, bis man

nach einer gewissen Zeit fast die ganze Masse zusammengesetzt findet aus

kleinen, feinen, blassen Körnern (Fig. 79 _A_). In Fällen, wo das

Gerinnsel aus verhältnissmässig reinem Fibrin bestand, z. B. in

parietalen Herzthromben, sieht man manchmal fast gar nichts weiter, als

diese Körnchen.

[87] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. V. 226. Gesammelte

Abhandlungen S. 95, 104, 328, 524.

[Illustration: =Fig=. 79. Puriforme Detritus-Masse aus erweichten

Thromben. _A_ die verschieden grossen, blassen Körner des zerfallenden

Fibrins. _B_ Die bei der Erweichung freiwerdenden, zum Theil in der

Rückbildung begriffenen farblosen Blutkörperchen, _a_ mit mehrfachen

Kernen, _b_ mit einfachen, eckigen Kernen und einzelnen Fettkörnchen,

_c_ kernlose (pyoide) in der Fettmetamorphose. _C_ In der Entfärbung

begriffene und zerfallende Blutkörperchen. Vergr. 350.]

Das Mikroskop löst also die Schwierigkeiten sehr einfach auf, indem es

nachweist, dass diese Masse, welche wie Eiter aussieht, kein Eiter ist.

Denn wir verstehen unter Eiter eine wesentlich mit zelligen Elementen

versehene Flüssigkeit. Ebenso wenig wie wir uns Blut ohne Blutkörperchen

denken können, ebenso wenig existirt Eiter ohne Eiterkörperchen. Wenn

wir hier aber eine Flüssigkeit finden, welche nichts weiter als eine mit

Körnern durchsetzte Masse darstellt, so mag diese ihrem äusseren Habitus

nach immerhin wie Eiter aussehen; nie darf man sie aber als wirklichen

Eiter deuten. =Es ist eine puriforme Substanz, aber keine purulente=.

Meistentheils aber erscheint neben diesen Körnern eine gewisse Zahl von

anderen Bildungen, z. B. wirklich zellige Elemente (Fig. 79, _B_). Diese

sind meist rund (sphärisch), seltener eckig, und enthalten in einer fein

granulirten Substanz einen, zwei und mehr Kerne. Sie besitzen demnach in

der That eine grosse Uebereinstimmung mit Eiterkörperchen, und wenn sehr

oft in ihnen Fettkörnchen vorkommen, welche darauf hindeuten, dass es

sich hier um ein Zerfallen (Necrobiose) handelt, so kommt, wie wir

gesehen haben (S. 222), dasselbe ja auch an Eiterkörperchen vor. Wenn

daher in solchen Fällen, wo die Menge des Detritus ganz überwiegend ist,

kein Zweifel sein kann über das, was vorliegt, so können in anderen

erhebliche Bedenken bestehen, ob nicht doch wirklicher Eiter vorhanden

sei. Diese Bedenken lassen sich auf keine andere Weise lösen, als durch

die Geschichte des Thrombus. Nachdem wir früher schon gesehen haben,

dass farblose Blutkörperchen und Eiterkörperchen formell völlig mit

einander übereinstimmen, so dass wirkliche Scheidungen zwischen ihnen

unmöglich sind, so kann natürlich an einem Punkte, wo wir in einem

Blutgerinnsel runde, farblose Zellen finden, die Frage, ob diese Zellen

farblose Blutkörperchen sind, nur dadurch gelöst werden, dass ermittelt

wird, ob die Körperchen schon in dem Thrombus vor der Erweichung

vorhanden waren, oder ob sie erst bei derselben darin entstanden oder

sonst wie hineingelangt sind. Es ergibt aber die Verfolgung der Vorgänge

mit grosser Bestimmtheit, dass die Körperchen vor der Erweichung

präexistiren, und wenn auch die Möglichkeit zugelassen werden muss, dass

noch nach der Bildung des Thrombus farblose Blutkörperchen in denselben

hineinkriechen, so ist dies doch nicht die Ursache der Erweichung, und

noch weniger liegt ein Grund vor, anzunehmen, dass dieselben erst mit

dem Eintritte der Erweichung entstehen oder in das Gerinnsel

hineingelangen. Schon bei Untersuchung ganz frischer Thromben[88] findet

man an manchen Stellen farblose Blutkörperchen in grossen Massen

angehäuft; wenn später der Faserstoff zerfällt, so werden sie in solcher

Zahl frei, dass der Detritus fast so zellenreich wie Eiter ist. Es

verhält sich mit diesem Vorgange, wie wenn ein mit körperlichen Theilen

ganz durchsetztes Wasser gefroren ist und dann einer höheren Temperatur

ausgesetzt wird; beim Schmelzen des Eises müssen natürlich die

eingeschlossenen Körper wieder zum Vorschein kommen.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 22 / 54 段