Die farblosen Blutkörperchen sind zum Verwechseln den Eiterkörperchen

ähnlich, so dass, wenn man in einem mikroskopischen Objecte solche

Elemente antrifft, man nie ohne Weiteres mit Sicherheit angeben kann, ob

man es mit farblosen Blutkörperchen oder mit Eiterkörperchen zu thun

hat[75]. Früherhin hatte man vielfach die Ansicht, dass die

Bestandtheile des Eiters im Blute präexistirten, dass der Eiter nur eine

Art von Secret aus dem Blute sei, wie etwa der Harn, und dass er auch,

wie eine einfache Flüssigkeit, in das Blut zurückkehren könne. Diese

Ansicht erklärt die Auffassung, welche in der Lehre von der sogenannten

=physiologischen Eiterresorption=, d. h. der Resorption von Eiter zum

Zwecke der Heilung, sich so lange erhalten hat.

[75] Archiv I. 242. Gesammelte Abhandl. 161, 223, 645.

Man stellte sich vor, dass der Eiter von einzelnen Punkten her, an

welchen er abgelagert war, wieder in das Blut aufgenommen werden könne,

und dass dadurch eine günstige Wendung in der Krankheit eintrete,

insofern der aufgenommene Eiter endlich aus dem Körper entfernt werde.

Man erzählte, dass bei Kranken mit Eiter im Pleurasacke die Krankheit

sich durch eiterigen Harn oder eiterigen Stuhlgang entscheiden könne,

ohne dass ein Durchbruch des Eiters von der Pleura her in den Darm oder

die Harnwege vorhergegangen sei. Man liess also die Möglichkeit zu, dass

durch die circulirenden Flüssigkeiten Eiter in Substanz aufgenommen und

weggeführt werden könnte. Späterhin, als die Lehre von der purulenten

Infection mehr und mehr aufkam, hat man diesen (vorausgesetzten) Fall

unter dem Namen der physiologischen Eiterresorption von der

pathologischen unterschieden, und es blieb nur fraglich, wie man die

erstere in ihrem günstigen und die letztere in ihrem malignen Verlaufe

sich erklären sollte. Diese Angelegenheit erledigt sich einfach dadurch,

dass =Eiter als Eiter nie resorbirt wird=. Es gibt keine Form, in der

Eiter in Substanz auf dem Wege der Resorption verschwinden könnte;

immer sind es die flüssigen Theile des Eiters, welche aufgenommen

werden, und daher lässt sich dasjenige, was man Eiterresorption nennt,

auf folgende zwei Möglichkeiten zurückführen:

Im einen Falle ist der Eiter mit seinen Körperchen zur Zeit der

Resorption mehr oder weniger intact vorhanden. Dann wird natürlich in

dem Maasse, als Flüssigkeit verschwindet, der Eiter dicker werden. Es

ist dies die allbekannte =Eindickung= (=Inspissation=) des Eiters,

wodurch dasjenige erzeugt wird, was die Franzosen »pus concret«

nennen[76]. Dieses stellt eine dicke Masse dar, welche die

Eiterkörperchen in einem geschrumpften Zustande enthält, nachdem nicht

bloss die Flüssigkeit zwischen den Eiterkörperchen (das Eiterserum),

sondern auch ein Theil der Flüssigkeit, die sich in den Eiterkörperchen

befand, verschwunden ist.

[76] Archiv I. 175, 181.

[Illustration: =Fig=. 72. Eiter. _A_. Eiterkörperchen, _a_ frisch, _b_

mit etwas Wasserzusatz, _c_-_e_ nach Essigsäure-Behandlung, der Inhalt

klar geworden, die in der Theilung begriffenen oder schon getheilten

Kerne sichtbar, bei _e_ mit leichter Depression der Oberfläche. _B_.

Kerne der Eiterkörperchen bei Gonorrhoe: _a_ einfacher Kern mit

Kernkörperchen, _b_ beginnende Theilung, Depression des Kerns, _c_

fortschreitende Zweitheilung, _d_ Dreitheilung. _C_. Eiterkörperchen in

dem natürlichen Lagerungsverhältniss zu einander. Vergr. 500.]

Der Eiter besteht seinem Haupttheile nach aus kleinen, farblosen

Rundzellen, welche im gewöhnlichen Zustande eine dicht an der anderen

liegen (Fig. 72, _C_.) und zwischen welchen sich eine geringe Masse von

Intercellularflüssigkeit (=Eiterserum=) befindet. Die Eiterkörperchen

selbst enthalten gleichfalls eine grosse Menge von Wasser und sind

deshalb von sehr geringem, specifischem Gewichte; fast jeder Eiter, mag

er auch im frischen Zustande sehr dick aussehen, hat doch einen so

grossen Antheil von Wasser, dass er bei der Eindampfung viel mehr

verliert, als eine entsprechende Quantität von Blut. Letzteres macht nur

deshalb den Eindruck der grösseren Wässrigkeit, weil es sehr viel freie

intercellulare, aber relativ wenig intracellulare Flüssigkeit besitzt,

während umgekehrt beim Eiter mehr Wasser innerhalb der Zellen, weniger

ausserhalb derselben befindlich ist. Wenn nun eine Resorption

stattfindet, so verschwindet zunächst der grösste Theil der

intercellularen Flüssigkeit und die Eiterkörperchen rücken näher

aneinander; bald verschwindet aber auch ein Theil der Flüssigkeit aus

den Zellen selbst, und in demselben Maasse werden diese kleiner,

unregelmässiger, eckiger, höckriger, bekommen die allersonderbarsten

Formen, liegen dicht aneinander gedrängt, brechen das Licht stärker,

weil sie mehr feste Substanz enthalten, und sehen gleichmässiger aus

(Fig. 73).

[Illustration: =Fig=. 73. Eingedickter, käsiger Eiter. _a_ die

geschrumpften, verkleinerten, etwas verzerrten und mehr homogen und

solid aussehenden Körperchen. _b_ ähnliche mit Fettkörnchen. _c_

natürliches Lagerungsverhältniss zu einander. Vergröss. 300.]

Diese Art der Eindickung ist keineswegs ein so seltener Vorgang, wie man

oft annimmt, sondern im Gegentheil ausserordentlich häufig, und fast

noch mehr wichtig als häufig. Es ist dies nehmlich einer von den

Vorgängen, die man in der neueren Zeit alle unter den Begriff des

Tuberkels subsumirt hat, und von denen namentlich durch =Reinhardt=

gezeigt ist, dass sie zu einem sehr beträchtlichen Theile wirklich auf

Eiter, also auf Entzündungsproduct zurückzuführen sind. Späterhin werden

wir sehen, dass diese Erfahrungen zu falschen Schlüssen über den

Tuberkel selbst verwerthet worden sind; aber dass durch Inspissation

Entzündungsproducte in Dinge, die man, wenn auch fälschlich, Tuberkel

nennt, umgewandelt werden können, ist unzweifelhaft. Gerade in der

Geschichte der Lungentuberculose spielt dieser Act eine sehr grosse

Rolle. Man denke sich die Lungenalveolen mit Eiter vollgestopft und

lasse nun Alveole für Alveole die Inspissation ihres Inhaltes eingehen,

so bekommt man jene käsigen Hepatisationen, welche man gewöhnlich unter

dem Namen der =Tuberkel-Infiltration= schildert.

Diese unvollständige Resorption, wo nur die flüssigen Bestandtheile

resorbirt werden, lässt die Masse der festen Bestandtheile als Caput

mortuum, als abgestorbene, nicht mehr lebensfähige Masse in dem Theile

liegen[77]. Ich habe daher dem Vorgange den Namen der =käsigen

Metamorphose= (Tyrosis) beigelegt. Eine solche Art von Eindickung ist

es, welche in grossem Maassstabe bei der unvollständigen Resorption

pleuritischer Exsudate eintritt, wo sehr grosse Lager von bröckliger

Substanz im Pleurasacke zurückbleiben; ebenso im Umfange der Wirbelsäule

bei Spondylarthrocace, in kalten, zumal parostealen Abscessen u. s. w.

In allen diesen Fällen ist die Resorption, sobald die Flüssigkeit

verschwunden ist, zu Ende. Darin beruht die schlimme Bedeutung dieser

Vorgänge. Die festen Theile, welche nicht resorbirt werden, bleiben

entweder als solche liegen, oder sie können später erweichen, werden

aber dann gewöhnlich nicht mehr Object der Resorption, sondern es geht

meist aus ihnen eine Ulceration hervor. Auf alle Fälle ist das, was

resorbirt wurde, kein Eiter, sondern eine einfache Flüssigkeit, welche

überwiegend viel Wasser, etwas Salze und sehr wenig eiweissartige

Bestandtheile enthalten mag, und es kann kein Zweifel sein, dass hier

eine der unvollständigsten Formen der Resorption vorliegt.

[77] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 282-284. Archiv XXXIV. 69.

Geschwülste II. 593.

[Illustration: =Fig=. 74. Eingedickter, zum Theil in der Auflösung

begriffener, hämorrhagischer Eiter aus Empyem. _a_ die natürliche Masse,

körnigen Detritus, geschrumpfte Eiter- und Blutkörperchen enthaltend.

_b_ dieselbe Masse, mit Wasser behandelt; einzelne körnige, entfärbte

Blutkörperchen sind deutlich geworden. _c_ und _d_ nach Zusatz von

Essigsäure. Vergr. 300, bei _d_ 520.]

Die zweite Form von Eiterresorption ist diejenige, welche den

günstigsten Fall constituirt, wo der Eiter wirklich verschwindet und

nichts Wesentliches von ihm übrig bleibt. Aber auch hier wird der Eiter

nicht als Eiter resorbirt, sondern er macht vorher eine fettige

Metamorphose durch; jede einzelne Zelle lässt fettige Theile in sich

frei werden, zerfällt, und zuletzt bleibt nichts weiter übrig, als die

Fettkörner und die Zwischenflüssigkeit. Dann ist also überhaupt keine

Zelle und kein Eiter mehr vorhanden; an ihre Stelle ist eine emulsive

Masse, eine Art von Milch getreten, welche aus Wasser, etwas

eiweissartigen Stoffen und Fett besteht, und in welcher man sogar

mehrfach Zucker nachgewiesen hat, so dass dadurch eine noch grössere

Analogie mit wirklicher Milch entsteht. Diese =pathologische Milch= ist

es, welche nachher zur Resorption gelangt, also wieder kein Eiter,

sondern Fett, Wasser oder Salze[78].

[78] Archiv I. 182.

[Illustration: =Fig=. 75. In der fettigen Rückbildung (Fettmetamorphose)

begriffener Eiter. _a_ beginnende Metamorphose. _b_ Fettkörnchenzellen

mit noch deutlichen Kernen. _c_ Körnchenkugel (Entzündungskugel). _d_

Zerfall der Kugel. _e_ Emulsion, milchiger Detritus. Vergr. 350.]

Das sind die Vorgänge, welche man »physiologische Eiterresorption«

nennen kann, eine Resorption, wo nicht Eiter als solcher resorbirt wird,

sondern entweder nur seine flüssigen Bestandtheile, oder die durch eine

innere Umwandlung bedeutend veränderte Substanz.

Es gibt nun allerdings einen Fall, wo Eiter in Substanz das Object nicht

gerade einer Resorption, aber wenigstens einer =Intravasation= werden

und wo dieser intravasirte Eiter innerhalb der Gefässe fortbewegt werden

kann, der nehmlich, wo ein Blutgefäss verletzt oder durchbrochen wird,

und durch die Oeffnung Eiter in sein Inneres gelangt. Es kann ein

Abscess an einer Vene liegen, die Wand derselben durchbrechen, und

seinen Inhalt in ihre Lichtung entleeren[79]. Noch leichter geschieht

ein solcher Uebergang an Lymphgefässen, welche in offene Abscesse

münden. Es fragt sich also nur, in wieweit man berechtigt ist, diesen

Fall als einen häufigen zu setzen. Für die Venen hat man seit Decennien

diese Möglichkeit ziemlich beschränkt; von einer Resorption des Eiters

in Substanz durch dieselben ist man mehr und mehr zurückgekommen, aber

von der Resorption durch Lymphgefässe spricht man noch ziemlich häufig,

und man hat in der That manche Veranlassung dazu.

[79] Gesammelte Abhandl. 666.

Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob der Eiter in Lymphgefässe

wirklich von aussen hereinkommt, oder, was Andere annehmen, ob er durch

Entzündung in den Lymphgefässen entsteht; schliesslich ist die Frage

immer die, in wie weit ein mit Eiter gefülltes Lymphgefäss im Stande

ist, eine Entleerung seines Inhaltes in den circulirenden Blutstrom zu

Stande zu bringen und die eigentliche Pyämie zu setzen. Eine solche

Möglichkeit muss in der Regel geleugnet werden, und zwar aus einem sehr

einfachen Grunde. Alle Lymphgefässe, welche in der Lage sind, eine

solche Aufnahme zu erfahren, sind peripherische, mögen sie von

äusserlichen oder innerlichen Theilen entspringen, und sie gelangen erst

nach einem längeren Laufe allmählich zu den Blutgefässen. Bei allen

finden sich Unterbrechungen durch Lymphdrüsen; und seitdem man weiss,

dass die Lymphgefässe durch die Drüsen nicht als weite, gewundene und

verschlungene Kanäle hindurchgehen (S. 208), sondern, nachdem sie sich

in feine Aeste aufgelöst haben, in Räume eintreten, welche zum grossen

Theil mit zelligen Elementen gefüllt sind, so ist es an sich fraglich,

ob Eiterkörperchen eine Lymphdrüse passiren können.

Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt, und doch übersieht man ihn

sonderbarer Weise gewöhnlich, obwohl die tägliche Erfahrung des

praktischen Arztes Material genug zu seiner Erledigung bietet. =Frey=

glaubt neuerlichst nach den Resultaten künstlicher Injectionen

schliessen zu können, dass auch Zellen durch die Lymphdrüsen hindurch

fliessen könnten. Indess stimmt dies wenig mit der Erfahrung am

Lebenden, welche vielmehr eine Hemmung körperlicher Partikeln in den

Lymphdrüsen lehrt. Wir haben ein sehr hübsches Experiment in der Sitte

unserer niederen Bevölkerung, sich die Arme oder auch wohl andere Theile

tättowiren zu lassen. Wenn ein Handwerker oder ein Soldat auf seinen Arm

eine Reihe von Einstichen machen lässt, die zu Buchstaben, Zeichen oder

Figuren geordnet werden, so wird fast jedesmal bei der grossen Zahl der

Stiche ein Theil der oberflächlichen Lymphgefässe verletzt. Es ist ja

gar nicht anders möglich, als dass, wenn man durch Nadelstiche ganze

Hautbezirke umgrenzt, wenigstens einzelne Lymphgefässe getroffen werden.

Darauf wird eine Substanz eingeschmiert, welche in der Körperflüssigkeit

unlöslich ist, Zinnober, Kohlenpulver oder dergl., und welche, indem sie

in den Theilen liegen bleibt, eine dauerhafte Färbung derselben bedingt.

Allein bei dem Einstreichen gelangt ein gewisser Theil der Partikelchen

in Lymphgefässe, wird trotz seiner Schwere vom Lymphstrome fortbewegt

und gelangt bis zu den nächsten Lymphdrüsen wo er abfiltrirt wird. Man

sieht nie, dass sich Partikeln bis über die Lymphdrüsen hinaus bewegen

und an entferntere Punkte gelangen, dass sie sich etwa im Parenchym

innerer Organe ablagern. Immer in der nächsten Drüsenreihe und zwar in

der den eintretenden Lymphgefässen zugewendeten Rindenschicht derselben

bleibt die Masse stecken. Untersucht man die infiltrirten Drüsen, so

überzeugt man sich leicht, dass die Grösse vieler der abgelagerten

Partikelchen geringer ist, als die Grösse auch des kleinsten

Eiterkörperchens.

[Illustration: =Fig=. 76. Durchschnitt durch die Rinde einer

Axillardrüse bei Tättowirung der Haut des Arms. Man sieht von der Rinde

her ein grosses eintretendes Gefäss, das sich leicht schlängelt und in

feine Aeste auflöst. Ringsumher Follikel, die grossentheils mit

Bindegewebe gefüllt sind. Die dunkle feinkörnige Masse stellt den

abgelagerten Zinnober dar. Vergr. 80.]

In dem Object, nach welchem die beigegebene Zeichnung (Fig. 76)

angefertigt wurde, ist zufälliger Weise der Punkt getroffen, wo das

Lymphgefäss in die Drüse eintritt, und von wo es zunächst innerhalb der

Bindegewebsbalken, welche sich von der Capsel aus zwischen die Follikel

erstrecken, schraubenförmig fortgeht, um sich in seine Aeste aufzulösen.

Da, wo diese in die benachbarten, hier freilich zum grossen Theile mit

Bindegewebe erfüllten (indurirten) Follikel übergehen, haben sie die

ganze Masse des Zinnobers ausgeschüttet, so dass dieser noch zum Theil

innerhalb der Zwischenbalken (Trabekel) liegt, zum Theil jedoch in die

Follikel selbst eingedrungen ist. Das Präparat stammt von dem Arme eines

Soldaten, der sich 1809 die Figuren hatte einreiben lassen, und dessen

Tod fast 50 Jahre später erfolgt ist. Weiter als bis in die äussersten

Rindenschichten ist nichts gekommen; schon die nächste Follikelreihe

enthält nichts mehr. Die Partikelchen sind aber so klein und der

Mehrzahl nach im Verhältnisse zu den Zellen der Drüse so fein, dass sie

mit Eiterkörperchen gar nicht verglichen werden können. Wo solche

Körnchen nicht durchgehen, wo so minimale Partikelchen eine Verstopfung

machen, da würde es etwas kühn sein, zu denken, dass die relativ grossen

Eiterkörperchen durchkommen könnten.

[Illustration: =Fig=. 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Armes,

gefüllte Reticulum aus einer Axillardrüse (Fig. 76). _a_ ein Theil eines

interfolliculären Balkens mit einem Lymphgefässe; _b_, ein in den

Follikel tretender stärkerer Ast; _c_, _c_ die anastomosirenden,

kernhaltigen Netze; die dunklen Körner sind Zinnoberpartikelchen. Vergr.

300.]

Allerdings kann man sich noch auf eine Eigenschaft der Eiterkörperchen

berufen, auf welche zuerst v. =Recklinghausen= die allgemeine

Aufmerksamkeit gerichtet hat; ich meine ihre Fähigkeit zu Gestalt- und

Ortsveränderungen. Man kann die Möglichkeit nicht bestreiten, dass eine

Zelle, welche feine Fortsätze aussenden und allmählich ihren ganzen

Körper in diese Fortsätze nachziehen kann, sich durch so feine

Oeffnungen hindurchzwängen mag, dass sie in ihrer gewöhnlichen Gestalt,

bei ihrem gewöhnlichen Durchmesser immer von denselben angehalten werden

würde. Und so könnte ein »contraktiles« Eiterkörperchen aus dem Gewebe

in ein Lymphgefäss kriechen, mit der Lymphe in eine Lymphdrüse geflösst

werden und hier durch die engen Spalten hindurchkriechen, um in dem

austretenden Lymphgefässe wieder zum Vorschein zu kommen. Das ist

denkbar, aber die Erfahrung spricht dagegen. Die Lymphdrüsen filtriren

die Eiterkörperchen ab.

Eine Einrichtung dieser Art, wodurch in den Lymphdrüsen der offene Strom

der Flüssigkeit unterbrochen und die gröberen Partikelchen in einer ganz

mechanischen Weise zurückgehalten werden, lässt begreiflicher Weise

nicht leicht eine andere Form der Lymphresorption von der Peripherie her

zu, als die von einfachen Flüssigkeiten. Freilich würde man falsch

gehen, wenn man die Thätigkeit der Lymphdrüsen darauf beschränken

wollte, dass sie, wie Filtren, zwischen die Abschnitte der Lymphgefässe

eingeschoben sind. Offenbar haben sie noch eine andere Bedeutung, indem

die Drüsensubstanz unzweifelhaft von der flüssigen Masse der Lymphe

gewisse Bestandtheile anzieht, in sich aufnimmt, zurückhält und dadurch

auch die chemische Beschaffenheit der Flüssigkeit alterirt, so dass

diese um so mehr verändert aus der Drüse hervortritt, als zugleich

angenommen werden muss, dass die Drüse gewisse Bestandtheile an die

Lymphe abgibt, welche vorher in derselben nicht vorhanden waren.

Ich will hier nicht auf minutiöse Verhältnisse eingehen, da die

Geschichte jeder =bösartigen Geschwulst= die besten Beispiele für diesen

Satz liefert. Wenn eine Achseldrüse krebsig wird, nachdem die Milchdrüse

vorher krebsig erkrankt war, und wenn längere Zeit hindurch bloss die

Achseldrüse krank bleibt, ohne dass die folgende Drüsenreihe oder irgend

ein anderes Organ vom Krebs befallen wird, so können wir uns dies nicht

anders vorstellen, als dass die Achseldrüse die schädlichen, von der

Milchdrüse her aufgenommenen Bestandtheile sammelt, dadurch eine Zeit

lang dem Körper einen Schutz gewährt, am Ende aber insufficient wird, ja

vielleicht späterhin selbst eine neue Quelle selbständiger Infection für

den Körper darstellt, indem von den kranken Theilen der Drüse aus die

weitere Verbreitung des giftigen Stoffes stattfinden kann. Ebenso

lehrreiche Beispiele liefert die Geschichte der =Syphilis=, wo der Bubo

eine Zeit lang eine Ablagerungsstätte des Giftes werden kann, so dass

die übrige Oekonomie in einer verhältnissmässig geringen Weise afficirt

wird. Wie =Ricord= zeigte, findet sich die virulente Substanz gerade im

Innern der eigentlichen Drüsensubstanz, während der Eiter im Umfange des

Bubo frei davon ist; nur so weit als die Theile mit der zugeführten

Lymphe in Contact kommen, nehmen sie den virulenten Stoff in sich auf.

Wenden wir diese Erfahrungen auf die Eiterresorption an, so kann man

selbst in dem Falle, dass wirklich Eiter in Lymphgefässe gelangt,

durchaus nicht als nächste und nothwendige Folge davon eine Inficirung

des Blutes durch eiterige Bestandtheile erschliessen; vielmehr wird

wahrscheinlich innerhalb der Drüse eine Retention der Eiterkörperchen

stattfinden, und auch die Flüssigkeiten, welche durch die Drüse hindurch

gelangen, werden während des Durchganges einen grossen Theil ihrer

schädlichen Eigenschaften verlieren. Secundäre Drüsen-Anschwellungen

treten in verschiedenen Formen nach peripherischen Infectionen auf. Wie

will man sie anders erklären, als dadurch, dass jede inficirende

(miasmatische) Substanz, welche als eine wesentlich fremdartige oder,

wenn ich mich so ausdrücken soll, feindselige für den Körper zu

betrachten ist, indem sie in die Substanz der Drüse eindringt, von den

Zellen der Drüse angesogen wird und daran jenen Zustand von mehr oder

weniger ausgesprochener Reizung hervorbringt, der sehr häufig bis zur

wirklichen Entzündung der Drüse sich steigert? Wir werden noch später

auf den Begriff der Reizung etwas genauer zurückkommen, und ich will

hier nur so viel hervorheben, dass nach meinen Untersuchungen =die

Reizung der Lymphdrüsen darin besteht, dass dieselben in eine vermehrte

Zellenbildung gerathen, dass ihre Follikel sich vergrössern und nach

einiger Zeit viel mehr Zellen enthalten als vorher=.

Im Verhältnisse zu diesen Vorgängen geschieht dann auch eine Vermehrung

der farblosen Elemente im Blute. Jede bedeutende acute Drüsenreizung hat

eine schnelle Zunahme der Lymphkörperchen im Blute zur Folge; jede

Krankheit, welche Drüsenreizung mit sich bringt, wird daher auch den

Effect haben, das Blut mit grösseren Mengen von farblosen Blutkörperchen

zu versehen, mit anderen Worten, einen leukocytotischen Zustand zu

setzen. Hat man nun schon im Voraus die Ansicht, es sei Eiter resorbirt

worden, und der Eiter sei die Ursache der eingetretenen Störungen, so

ist nichts leichter, als Zellen im Blute nachzuweisen, welche wie

Eiterkörperchen aussehen, oft in so grosser Menge, dass man ihre

Zusammenhäufungen (Fig. 67) in der Leiche wie kleine Eiterpunkte mit

blossem Auge sehen kann, oder dass sie grosse, zusammenhängende oder

körnige Lager an der unteren Seite der Speckhaut des Aderlassblutes

bilden (Fig. 69). Scheinbar ist dieser Beweis so überzeugend als

möglich. Man hat die Voraussetzung, dass Eiter in's Blut gelangt sei;

man untersucht das Blut und findet wirklich Elemente, die vollkommen

aussehen wie Eiterkörperchen, und zwar in sehr grosser Zahl. Selbst wenn

man zugesteht, dass farblose Blutkörperchen wie Eiterkörperchen aussehen

können, ist doch der Schluss sehr verführerisch, wie man ihn zu

wiederholten Malen in der Geschichte der Pyämie gemacht hat, dass die im

Blute aufgefundenen Zellen ihrer grossen Menge wegen doch nicht als

farblose Blutkörperchen angesehen werden könnten, sondern

Eiterkörperchen sein müssten. Diesen Schluss machte vor Jahren =Bouchut=

bei Gelegenheit einer Pariser Epidemie von Puerperal-Fieber, welches er

damals für eine Pyämie hielt, neuerlichst aber auf Grund derselben

Beobachtung für eine acute Leukämie erklärte. Das ist ferner derselbe

Schluss, den =Bennett= in der zwischen uns viel discutirten

Prioritätssache gemacht hat, da er einen Fall von unzweifelhafter

Leukämie einige Monate früher beobachtete, ehe ich meinen ersten Fall

sah, und da er aus der »unerhört« grossen Zahl der farblosen Körperchen

den Schluss zog, es handele sich um eine »Suppuration des Blutes«[80].

Freilich war dieser Schluss nicht originell, sondern basirte sich auf

die früher (S. 188) erwähnte Hämitis von =Piorry=, der sich dachte, dass

das Blut selbst sich entzünde und in sich Eiter erzeuge, was man nachher

in der Wiener Schule =spontane= Pyämie oder =Eitergährung= genannt hat.

[80] Vergl. über die Prioritätsfrage mein Archiv V. 45, 77. VII. 174,

565.

Alle diese Irrthümer sind hervorgegangen aus dem Umstande, dass man eine

so ungeheuer grosse Zahl von farblosen Blutkörperchen fand. Heutzutage

ist dieser Befund eben so einfach vom Standpunkte der Hämatopoëse aus zu

erklären, wie er früher allein erklärlich schien vom Standpunkte der

Pyämie aus. Die Reizung der Lymphdrüsen erklärt ohne alle Schwierigkeit

die Vermehrung der farblosen, eiterähnlichen Zellen im Blute, und zwar

in allen Fällen, nicht bloss in denen, wo man eine Pyämie erwartete,

sondern auch in denen, wo man sie nicht erwartete, wo jedoch das Blut

dieselbe Masse von farblosen Körperchen zeigt, wie in der eigentlichen,

dem klinischen Begriffe entsprechenden Pyämie.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 21 / 54 段