mehr die Flüssigkeit verdünnt wird, um so mehr vergrössert sich das
Blutkörperchen: es quillt auf und wird blasser. Behandeln wir die unter
der Einwirkung concentrirter Flüssigkeiten verkleinerten Blutkörperchen
mit gewöhnlichem Wasser, so sehen wir, wie die kuglige Form wieder in
die eckige und diese in die scheibenförmige zurückgeht, wie das
Blutkörperchen sich sodann immer mehr wölbt, sich oft ganz sonderbar
gestaltet, und wieder blasser wird. Diese Einwirkung kann man, wenn man
die Verdünnung des Blutes recht vorsichtig eintreten lässt, so weit
treiben, dass die Blutkörperchen kaum noch gefärbt erscheinen, während
sie doch noch sichtbar bleiben. In den gewöhnlichen Fällen, wo man viel
Flüssigkeit auf einmal zusetzt, wird in der Einrichtung des
Blutkörperchens eine so grosse Revolution hervorgebracht, dass alsbald
ein Entweichen des Hämoglobins aus dem Körperchen stattfindet. Wir
bekommen dann ausserhalb der Blutkörperchen eine rothe Lösung, in
welcher die Farbe frei an der Flüssigkeit haftet. Ich hebe diese
Eigenthümlichkeit deshalb hervor, weil sie bei mikroskopischen
Untersuchungen immerfort vorkommt, und weil sie eine der merkwürdigsten
Erscheinungen bei der Bildung pathologischer Pigmentirungen erklärt, wo
wir ein ganz ähnliches Entweichen des gefärbten Inhaltes aus den
Blutkörperchen antreffen (Fig. 63, _a_). Gewöhnlich drückt man sich so
aus, das Blutkörperchen werde aufgelöst, allein es ist eine schon längst
bekannte Thatsache, welche zuerst von =Carl Heinrich Schultz= erkannt
wurde, dass, wenn auch scheinbar gar keine Blutkörperchen mehr in der
Flüssigkeit vorhanden sind, man durch Zufügen von Jodwasser die
Membranen wieder deutlich machen kann. Aus dieser Erfahrung geht hervor,
dass nur der Grad der Aufblähung und die ausserordentliche Verdünnung
der Häute das Sichtbarwerden der Blutkörperchen gehindert hat. Es bedarf
schon sehr stürmischer Einwirkungen durch chemisch differente Stoffe, um
ein wirkliches Zugrundegehen der Blutkörperchen zu Stande zu bringen.
Setzt man unmittelbar, nachdem man die Blutkörperchen mit ganz
concentrirter Salzlösung behandelt hat, Wasser in grosser Menge hinzu,
so kann man es dahin bringen, dass man den Blutkörperchen, ohne dass sie
aufquellen, den Inhalt entzieht, und dass die Membranen oder die
Stromata sichtbar zurückbleiben. Dies ist der Grund gewesen, weshalb
=Denis= und =Lecanu= davon gesprochen haben, dass die Blutkörper Fibrin
enthielten; sie haben geglaubt, indem sie die Körper erst mit Salz und
dann mit Wasser behandelten, Fibrin aus ihnen darstellen zu können.
Dieses sogenannte Fibrin ist aber, wie ich gezeigt habe[45], nichts
Anderes, als eine Zusammenhäufung von Membranen oder, wie man jetzt
sagen würde, von Stromata der Blutkörperchen, aber allerdings bestehen
dieselben aus einer Substanz, die den eiweissartigen Stoffen verwandt
ist und daher, wenn sie in grossen Haufen gewonnen wird, Erscheinungen
darbieten kann, die an Fibrin erinnern. Ob im Uebrigen die rothen
Blutkörperchen, wie neuerlich wieder =Heynsius= gefunden zu haben
glaubt, wirkliches coagulables Fibrin enthalten, ist eine andere Frage,
da sie sich nicht an die Rückstände zersetzter Blutkörperchen anknüpft.
[45] Zeitschrift für rationelle Medicin. 1846. Bd. IV. S. 281.
Gesammelte Abhandl. S. 88.
Was nun die Inhaltssubstanzen der Blutkörperchen anbetrifft, so haben
gerade sie in der neueren Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen durch die
mehr morphologischen Produkte, welche aus ihnen hervorgehen, und welche
in die ganze Anschauung von der Natur der organischen Stoffe eine Art
von Umwälzung gebracht haben. Es handelt sich hier namentlich um
eigenthümliche gefärbte Krystalle, die unter gewissen Verhältnissen aus
dem Blutfarbstoffe entstehen, und durch deren Beobachtung zuerst die
Ansicht von der Nichtkrystallisirbarkeit der eiweissartigen Stoffe
widerlegt worden ist. Sie besitzen übrigens nicht bloss ein grosses
chemisches, sondern auch ein sehr erhebliches praktisches Interesse. Wir
kennen bis jetzt schon drei verschiedene Arten von gefärbten
=Krystallen=, für welche das Hämoglobin gemeinschaftliche Quelle ist.
[Illustration: =Fig=. 62. Hämatoidin-Krystalle in verschiedenen Formen
(Archiv f. path. Anat. Bd. I. Taf. III. Fig. 11). Vergr. 300.]
Der ersten Form, welche ich zuerst genauer kennen lehrte, habe ich den
Namen =Hämatoidin= gegeben[46]. Es ist dies eins der häufigsten
Umwandlungs-Produkte, welches innerhalb des Körpers spontan aus Hämatin
entsteht, und zwar oft so massenhaft, dass man es mit blossem Auge
wahrnehmen kann. Seine Krystalle erscheinen in ihrer ausgebildeten Form
als schiefe rhombische Säulen von schön gelbrother, bei dickeren Stücken
von intensiv rubinrother Farbe; sie stellen eine der schönsten
Krystallformen dar, die wir überhaupt kennen. Auch in kleinen Tafeln
finden sie sich nicht selten, manchmal ziemlich ähnlich den Formen der
Harnsäure. In der Mehrzahl der Fälle sind die Krystalle sehr klein,
nicht bloss makroskopisch unerkennbar, sondern selbst für die
mikroskopische Betrachtung etwas difficil. Man muss ein scharfer
Beobachter oder speciell darauf vorbereitet sein, sonst bemerkt man
häufig nichts weiter an den Stellen, wo dieses feine Hämatoidin liegt,
als eckige Körner oder kleine Striche oder scheinbar gestaltlose
Klümpchen. Erst wenn man genauer zusieht, lösen sich die Körner oder
Striche in kurze rhombische Säulen, die Klümpchen in Aggregate von
Krystallen auf.
[46] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1847. I. 391.
Das Hämatoidin kann als das regelmässige typische Endglied der
Umbildungen des Hämatins an Stellen des Körpers betrachtet werden, wo
grössere Mengen von Blut liegen bleiben (stagniren). Ein apoplectischer
Heerd des Gehirns heilt in der Regel so, dass ein grosser Theil des
Blutes in diese Krystallisation übergeht, und wenn wir vielleicht 10
Jahre nachher bei der Autopsie eine gefärbte Narbe an dieser Stelle
finden, so können wir fast mit Gewissheit darauf rechnen, dass die Farbe
von Hämatoidin abhängt. Wenn eine junge Dame menstruirt und die Höhle
des Graafschen Follikels, aus welchem das Ei ausgetreten ist, sich mit
coagulirtem Blute füllt, so geht das Hämatin allmählich in Hämatoidin
über, und wir treffen später an der Stelle, wo das Ei gelegen war, einen
mennig- oder zinnoberfarbenen Fleck, als letztes Denkmal des
Ereignisses. Auf diese Weise können wir rückwärts die Zahl der
apoplectischen Anfälle zählen, oder berechnen, wie oft ein junges
Mädchen menstruirt war. Jede Extravasation kann ihr kleines Contingent
von Hämatoidin-Krystallen zurücklassen, und diese, wenn sie einmal
gebildet sind, bleiben als vollständig widerstandsfähige, compacte
Körper im Innern der Organe beliebig lange Zeit liegen.
[Illustration: =Fig=. 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des
Gehirns (Archiv Bd. I. S. 401. 454. Taf. III. Fig. 7). _a_ in der
Entfärbung begriffene, körnig gewordene Blutkörperchen. _b_ Zellen der
Neuroglia, zum Theil mit körnigem und krystallinischem Pigment versehen.
_c_ Pigmentkörner. _d_ Hämatoidin-Krystalle. _f_ verödetes Gefäss, sein
altes Lumen mit körnigem und krystallinischem rothen Pigment erfüllt.
Vergr. 300.]
Theoretisch besitzt das Hämatoidin noch ein besonderes Interesse
dadurch, dass es eine Reihe von Eigenschaften darbietet, welche es als
den einzigen, bis jetzt bekannten, mit dem Gallenfarbstoffe
(Cholepyrrhin, Bilirubin) verwandten Stoff im Körper erscheinen lassen.
Durch direkte Behandlung mit Mineralsäuren oder nach vorherigem
Behandeln und Aufschliessen desselben vermittelst Alkalien
bekommt man dieselbe oder eine ganz ähnliche Reihe der schönsten
Farben-Veränderungen, wie man sie durch Behandlung mit Salpetersäure an
dem Gallenfarbstoff erzielt. Andererseits lässt sich durch Chloroform
aus der Galle ein krystallisirbarer Farbstoff extrahiren, welcher die
grösste Uebereinstimmung mit dem Hämatoidin darbietet. Man kann daher
nicht zweifeln, dass das letztere mit Gallenfarbstoff sehr nahe verwandt
ist. Da man auch aus anderen Gründen vermuthen muss, dass die gefärbten
Theile der Galle Umsetzungsprodukte des Blutroths sind, so ist mit dem
von mir nachgewiesenen pathologischen Vorgange zugleich eine wichtige
Aufklärung für einen der bedeutendsten Secretionsvorgänge des Körpers
geliefert, und manche dunkle Beobachtung der Vorzeit in ein neues Licht
gestellt. Wenn im Innern von Extravasaten eine gelblich-rothe Substanz
entsteht, welche man wirklich als eine neugebildete Art von
Gallenfarbstoff bezeichnen kann, so versteht man leicht jene sonderbaren
Farbenhöfe um gequetschte und ekchymotische Stellen, jene
eigenthümlichen gelblichen und bräunlichen Färbungen alter Blutmassen,
welche den Grund zu der antiken Lehre von der =Atra bilis= und den
=melancholischen= Processen abgegeben haben.
[Illustration: =Fig=. 64. Hämin-Krystalle, künstlich aus menschlichem
Blute dargestellt. Vergr. 300.]
Die zweite Art von Krystallen, welche aus Hämoglobin hervorgehen, wurde
später entdeckt; sie sind denen des Hämatoidins sehr ähnlich,
unterscheiden sich aber dadurch, dass sie nicht als spontanes Produkt im
Körper vorkommen, sondern künstlich dargestellt werden müssen. Sie haben
eine mehr dunkel bräunliche Farbe, stellen gewöhnlich platte rhombische
Tafeln mit spitzeren Winkeln dar, sind gegen Reagentien ausserordentlich
widerstandsfähig und zeigen bei der Einwirkung der Mineralsäuren den
eigenthümlichen Farbenwechsel nicht, welcher das Hämatoidin
charakterisirt. Sie haben von ihrem Entdecker, =Teichmann=, den Namen
des =Hämin='s bekommen, doch ist er in der neuesten Zeit selbst darüber
zweifelhaft geworden, ob es nicht eine Art von Hämatin selbst
(salzsaures Hämatin) sei. Pathologisch hat das Hämin bis jetzt gar kein
Interesse, dagegen hat es eine sehr grosse Bedeutung gewonnen für die
gerichtliche Medicin dadurch, dass die Herstellung seiner Krystalle in
der letzten Zeit als eines der sichersten Mittel für die Erkennung von
Blutflecken angewendet worden ist. Ich selbst bin in forensischen Fällen
in der Lage gewesen, solche Proben mit sehr entscheidendem Erfolge zu
machen. Zu diesem Zwecke mengt man am besten getrocknetes Blut in
möglichst dichtem Zustande mit trockenem, krystallisirtem und
gepulvertem Kochsalz, bringt dann auf diese trockene Mischung Eisessig
(Acetum glaciale) und dampft bei Kochhitze ab. Ist dies geschehen, so
findet man da, wo vorher die Blutreste oder die zweifelhafte
hämatinhaltige Substanz waren, die Häminkrystalle. Es ist dies eine
Reaction, die mit zu den sichersten und zuverlässigsten gehört, die wir
überhaupt kennen. Denn es ist keine andere Substanz bekannt, welche eine
solche Umbildung erleidet, als das Hämatin. Diese Probe ist ferner
deshalb ausserordentlich wichtig, weil sie auch auf ganz minimale Mengen
anwendbar ist; nur darf die Menge nicht über eine zu grosse Fläche
verbreitet sein. Die Probe würde also nur schwer anwendbar sein, wenn es
sich um ein Tuch handelte, welches in eine dünne, wässerige, mit Blut
gefärbte Flüssigkeit getaucht war. Aber ich habe an dem Rocke eines
Ermordeten, an dessen Aermel Blut gespritzt war, und wo einzelne
Blutstropfen nur eine Linie im Durchmesser hatten, aus solchen Flecken
noch zahllose Häminkrystalle darstellen können, natürlich
mikroskopische[47]. In Fällen, wo die gewöhnliche chemische Probe wegen
der geringen Menge absolut fehlschlagen müsste, sind wir noch im Stande,
Hämin zu gewinnen. Bei so wenig Masse ist die Grösse der Krystalle
freilich auch nur sehr geringfügig; wir finden dann, wie beim
Hämatoidin, kleine, mit spitzen Winkeln versehene, intensiv braun
gefärbte Nadeln.
[47] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1857. XII. 337.
Die dritte Substanz, welche in diese Reihe hineingehört, ist das früher
sogenannte =Hämatokrystallin=, über dessen Entdeckung die Gelehrten
streiten, weil es eben stückweis gefunden worden ist. Die erste
Beobachtung darüber ist von =Reichert= an Extravasaten im Uterus des
Meerschweinchens gemacht, in einem Präparate, das, wie ich denke, schon
in Spiritus gelegen hatte. Seine Beobachtung wurde besonders dadurch
bedeutungsvoll, dass er an diesen Krystallen nachwies, dass sie sich in
gewisser Beziehung wie gewöhnliche eiweissartige Substanzen verhielten,
indem sie unter der Wirkung gewisser Agentien grösser, unter der anderer
kleiner würden, ohne dabei ihre Form zu verändern, -- eine Erscheinung,
welche man bis dahin an Krystallen noch nicht kannte. Später sind diese
Krystalle wieder entdeckt worden von =Kölliker=; =Funke=, =Kunde= und
namentlich =Lehmann= haben sie genauer untersucht. Es hat sich
herausgestellt, dass bei verschiedenen Thierklassen dieselben sehr
verschieden sind, indessen hat sich bis jetzt ein bestimmter Grund dafür
und eine Ansicht über die Constanz ihrer Zusammensetzung nicht gewinnen
lassen. Beim Menschen sind es ziemlich grosse Krystalle. Man hat anfangs
geglaubt, sie kämen nur an dem Blute gewisser Organe, namentlich der
Milz, vor, allein es hat sich ergeben, dass sie aus jedem Blute, nur in
gewissen Krankheits-Prozessen leichter, gewonnen werden können. In
einzelnen sehr seltenen Fällen kommt es vor, dass man sie im Blut von
Thier-Leichen schon gebildet findet. Diese Krystalle sind sehr leicht
zerstörbar; sowohl wenn sie eintrocknen, als wenn sie feucht oder durch
irgend ein flüssiges Medium berührt werden, gehen sie zu Grunde; man
beobachtet sie daher nur in gewissen Uebergangsstadien, welche gerade
getroffen werden müssen, bei der Zerstörung von Blutkörperchen. Die gut
ausgebildeten Formen beim Menschen bilden vollkommen rechtwinklige
Tafeln oder Säulen; aber sehr oft sind sie äusserst klein und man sieht
nur einfache Spiesse, welche in grossen Massen an gewissen Stellen in
das Object hineinschiessen. Dabei haben sie die Eigenthümlichkeit, dass
sie sich immer noch verhalten, wie das Hämatin selbst, indem sie durch
Sauerstoff hellroth, durch Kohlensäure dunkelroth werden. Lange stritt
man darüber, ob die ganze Masse der Krystalle aus Farbstoff bestehe,
oder ob der Farbstoff nur eine Tränkung an sich farbloser Krystalle
bilde; gegenwärtig ist man darin übereingekommen, das Hämatokrystallin
als identisch mit dem Hämoglobin anzuerkennen. Es versteht sich demnach
für die Beurtheilung der Krystalle von selbst, dass die Farbe durchaus
charakteristisch ist, und dass sie mit der gewöhnlichen Blutfarbe
unmittelbar zusammenfällt.
[Illustration: =Fig=. 65. Farblose Blutkörperchen aus einer Vena
arachnoidealis eines Geisteskranken. _A_. Frisch, _a_ in ihrer
natürlichen Flüssigkeit, _b_ in Wasser untersucht. _B_. Nach Behandlung
mit Essigsäure: _a_-_c_ einkernige, mit immer grösserem, granulirtem und
schliesslich nucleolirtem Kern. _d_ einfache Kerntheilung. _e_ weitere
Kerntheilung. _f_-_h_ Dreitheilung des Kerns in allmähligem Fortschreiten.
_i_-_k_ vier und mehr Kerne. Vergr. 280.]
Kehren wir jetzt zu den natürlichen morphologischen Elementen des
Blutes zurück, so treffen wir als ferneren Bestandtheil die =farblosen
Körperchen= [Lymphkörperchen des Blutes, Leukocyten =Robin='s][48]. Sie
kommen im Blute des gesunden Menschen in verhältnissmässig kleiner Zahl
vor. Man rechnet ungefähr auf 300 rothe Körperchen 1 farbloses. Wie sie
sich gewöhnlich im Blute finden, stellen sie sphärische Körperchen dar,
welche in der Regel etwas grösser, zuweilen etwas kleiner oder auch eben
so gross, wie die rothen Blutkörperchen sind, von denen sie sich aber
auffallend durch den Mangel jeder Färbung und durch ihre vollkommen
kugelige Gestalt unterscheiden. In einem Blutstropfen, der zur Ruhe
gelangt, pflegen sich die rothen Körperchen in Reihen von der bekannten
Form der Geldrollen, mit ihren flachen Scheiben an einander,
zusammenzulegen (Fig. 61, _d_); in den Zwischenräumen derselben bemerkt
man hier und da ein blasses sphärisches Gebilde, an dem man zunächst,
wenn das Blut ganz frisch ist, nichts weiter erkennen kann, als eine
leicht höckerig oder uneben aussehende Oberfläche. Lässt man Wasser
hinzutreten, so sieht man, dass das Körperchen aufquillt; in dem Maasse,
als es mehr Wasser aufnimmt, erscheint zuerst deutlich eine Membran,
dann sieht man einen allmählich klarer hervortretenden körnigen Inhalt
und zuletzt einen oder mehrere Kerne. Die scheinbar homogene Kugel
verwandelt sich auf diese Art nach und nach in ein zartwandiges, oft so
brüchiges Gebilde, dass bei unvorsichtiger Einwirkung des Wassers die
äusseren Theile anfangen zu zerfallen oder geradezu bersten und im
Innern ein leicht körniger Inhalt erkennbar wird, welcher sich mehr und
mehr lockert und innerhalb dessen ein einziger, gewöhnlich in der
Theilung begriffener oder mehrere Kerne erscheinen. Das Sichtbarwerden
der letzteren ist viel schneller zu erlangen, wenn man das Object mit
Essigsäure behandelt, welche die Membran durchscheinend macht, den
trüben Inhalt klärt und den Kern gerinnen und schrumpfen lässt. Die
Kerne erscheinen dann als scharf und dunkel contourirte Körper, seltener
einfach, meist mehrfach, je nach den Umständen. Kurz, wir bekommen in
der Mehrzahl der Fälle auf diese Weise ein Object zu sehen, wie es
=Güterbock= zuerst als die gewöhnliche Erscheinung der Eiterkörperchen
kennen gelehrt hat.
[48] Gesammelte Abhandlungen. S. 212.
Die Frage von der Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit der farblosen
Blutkörperchen mit den Eiterkörperchen beschäftigt noch immerfort die
Beobachter, und die Ansichten über die Beziehung der farblosen
Blutkörperchen zu der Pyämie und zu der Pyogenesis werden wahrscheinlich
noch eine Reihe von Jahren gebrauchen, ehe sie so weit geklärt sind,
dass nicht immer wieder einseitige Rückfälle eintreten. Es ist nehmlich
allerdings sehr trügerisch, dass man in manchem Blut Körperchen findet,
welche nur einen einzigen, und zwar grossen, nicht selten mit einem
Kernkörperchen versehenen Kern haben, während man in anderem Blut nur
mehrkernige Körperchen antrifft. Da nun diese letzteren die grösste
Aehnlichkeit mit Eiterkörperchen haben, so ist es solchen Beobachtern,
welche durch Zufall früher im normalen Blut nur einkernige Körperchen
getroffen hatten, nicht zu verdenken, wenn sie in einem neuen Falle, wo
sie mehrkernige sehen, glauben, sie hätten etwas wesentlich Anderes vor
sich, nehmlich Eiterkörperchen im Blute, und es handle sich um Pyämie.
Allein sonderbarer Weise bilden die einkernigen die Ausnahme und man
kann lange suchen, ehe man ein Blut findet, wo alle Körperchen nur einen
Kern besitzen. Das nebenstehende Object (Fig. 66) ist von einem Blute,
in welchem fast lauter einkernige Elemente und zwar in überaus grosser
Menge existirten; es fand sich bei einem Manne, welcher an den Blattern
gestorben war, und bei welchem zugleich eine höchst auffällige acute
Hyperplasie der Bronchialdrüsen bestand.
[Illustration: =Fig=. 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser
Leukocytose. _a_ freie oder nackte Kerne. _b_, _b_ farblose Zellen mit
kleinen, einfachen Kernen. _c_ grössere, farblose Zellen mit grossen
Kernen und Kernkörperchen. Vergr. 300.]
Nun könnte man glauben, dass dies wesentlich verschiedene Qualitäten von
Blut seien. Dagegen muss bemerkt werden, dass allerdings in den Fällen,
wo die eine oder andere Art von farblosen Zellen massenhaft existirt,
man eine pathologische Erscheinung vor sich hat, während bei geringer
Zahl derselben nur ein früheres oder späteres Entwickelungsstadium der
Elemente vorliegt. Denn ein und dasselbe Blutkörperchen kann im Verlaufe
seiner Lebensgeschichte einen und mehrere Kerne haben, indem der
einfache in ein früheres, die mehrfachen in ein späteres Lebensstadium
fallen. Bei demselben Individuum sieht man in kurzer Zeit, oft schon in
Stunden den Wechsel eintreten, so dass in einem Blute, welches vorher
nur einkernige Körperchen hatte, sich später mehrkernige finden, -- ein
Beweis von der raschen Veränderung, welcher diese Gebilde unterworfen
sind[49]. --
[49] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846. No. 35.
Gesammelte Abhandl. S. 162, sowie 650.
[Illustration: =Fig=. 67. _A_. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie,
den Endästen derselben entsprechend, bei _a_, _a_ mit grösseren Platten
von leukocytotischen Haufen besetzt, bei _b_, _b_, _b_ mit analogen
Körnern. Natürliche Grösse.
_B_. Ein Stück eines solchen Korns oder Haufens, aus dichtgedrängten
farblosen Blutkörperchen bestehend. Vergr. 280.]
Nachdem wir so die verschiedenen festen Bestandtheile kurz gemustert
haben, welche sich in dem geronnenen Blute finden, haben wir noch einige
Worte hinzuzufügen in Beziehung auf die gröberen Verhältnisse, welche
sie unter einander darbieten. Gewöhnlich nimmt man an, dass von den
morphotischen Bestandtheilen nur zwei der groben Beobachtung mit blossem
Auge zugänglich werden, nehmlich die rothen Blutkörperchen, als
Hauptbestandtheil des Cruors, und das Fibrin, welches bei Gelegenheit
eine Speckhaut bilden kann, dass dagegen die farblosen Elemente ohne
besondere Hülfsmittel in keiner Weise wahrzunehmen seien. Dies ist eine
Vorstellung, welche nothwendig berichtigt werden muss. Die farblosen
Körper machen sich, wo sie in grösserer Menge vorhanden sind, für das
geübtere Auge bei der Trennung der Blutbestandtheile, namentlich wenn
während der Gerinnung Bewegung vorhanden ist, sehr deutlich geltend; sie
zeigen eine Eigenthümlichkeit, die man insbesondere kennen muss, wenn es
sich um die Kritik des Leichenbefundes handelt, und deren
Nichtkenntniss zu grossen Irrthümern geführt hat. Sie besitzen nehmlich,
wie dies schon in den älteren Discussionen zu Tage getreten ist, welche
=Ascherson= mit E. H. =Weber= gehabt hat, eine besondere Klebrigkeit
(Viscosität), so dass sie mit Leichtigkeit an einander haften, sich auch
unter Umständen an anderen Theilen festsetzen, wo die rothen Körperchen
diese Erscheinung nicht darbieten. Die Neigung, an anderen Theilen
anzukleben, ist besonders dann sehr deutlich, wenn zugleich ihrer
mehrere unter einander in die Lage kommen, gegenseitig mit einander zu
verkleben. So geschieht es ausserordentlich leicht, dass in einem Blute,
in welchem an sich eine Vermehrung an farblosen Körpern besteht,
Agglutinationen derselben vor sich gehen, sobald der Druck, unter
welchem das Blut fliesst, nachlässt; in jedem Gefässe, wo sich die
Strömung verlangsamt, wo eine Abschwächung des Druckes stattfindet, kann
eine solche Agglutination der Körperchen geschehen[50].
[50] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1847. No. 4.
Gesammelte Abhandl. S. 183.
[Illustration: =Fig=. 68. Capillargefäss aus der Froschschwimmhaut. _r_
der centrale Strom der rothen Körperchen. _l_, _l_, _l_ die träge,
peripherische Schicht des Blutstromes mit den farblosen Blutkörperchen.
Vergr. 300.]
Die Klebrigkeit der farblosen Blutkörperchen hat überdies den Effect,
dass, wie =Ascherson= dargethan hat, bei der gewöhnlichen Strömung des
Blutes durch die Capillargefässe die farblosen Körperchen sich
gewöhnlich etwas langsamer fortbewegen, als die rothen, und dass,
während die rothen mehr im Centrum des Capillargefässes in einem
continuirlichen Strome schwimmen, am Umfange ein verhältnissmässig
grosser Raum bleibt, innerhalb dessen sich die farblosen Körperchen, und
zwar oft so ausschliesslich, bewegen, dass =Weber= zu dem Schlusse kam,
es stecke jedes Capillargefäss in einem Lymphgefässe, innerhalb dessen
die farblosen Blut- oder Lymphkörperchen schwömmen. Allein es kann
darüber gar kein Zweifel sein, dass es sich meist um einfache Kanäle
handelt, in welchen die farblosen Körperchen den Wandungen näher liegen,
als die rothen. Hier ist es, wo man, während die Hauptmasse der
Körperchen sich fortbewegt, einzelne für einen Augenblick festsitzen,
dann sich losreissen und wieder langsam fortgehen sieht, so dass der
Name der =trägen Schicht= für diesen Theil des Blutstromes ein
vollkommen recipirter geworden ist.
Diese beiden Eigenthümlichkeiten, dass bei einer Abschwächung des
Blutstromes die Körperchen an den Wandungen des Gefässes stellenweise
haften bleiben, gewissermaassen an ihnen ankleben, und dass sie unter
einander zu grösseren Klumpen sich zusammenballen, haben zusammen die
Wirkung, dass, wenn im Blute viele farblose Körper vorhanden sind und
der Tod, wie in den gewöhnlichen Fällen, unter einer allmählichen
Abschwächung der Triebkraft erfolgt, in den verschiedensten Gefässen die
farblosen Körper sich zu kleinen Haufen zusammenballen und in der Regel
am Umfange des späteren Blutgerinnsels liegen bleiben.