Es handelt sich dann also wesentlich darum, für die einzelnen Dyscrasien

Ausgangspunkte, =Localisationen= zu suchen, die bestimmten Gewebe oder

Organe zu finden, von denen aus das Blut die besondere Störung erfährt.

Ich will gern gestehen, dass es in vielen Dyscrasien bis jetzt nicht

möglich gewesen ist, diese Gewebe oder Organe aufzufinden. In vielen

anderen ist es aber gelungen, wenn man auch nicht bei jedem derselben

erklären kann, in welcher Weise das Blut dabei verändert wird. Jedermann

kennt jenen merkwürdigen Zustand, welchen man ungezwungen auf eine

Dyscrasie beziehen kann, den scorbutischen Zustand, die Purpura, die

Petechial-Dyscrasie. Vergeblich sieht man sich jedoch nach

entscheidenden Erfahrungen darüber um, welcher Art die Dyscrasie, die

Blutveränderung ist, wenn Scorbut oder Purpura sich zeigt. Das, was der

Eine gefunden hat, hat der Andere widerlegt, ja es hat sich ergeben,

dass zuweilen in der Mischung der gröberen Bestandtheile des Blutes gar

keine Veränderung eingetreten war. Es bleibt hier also ein Quid ignotum,

und man wird es gewiss verzeihlich finden, wenn wir nicht sagen können,

woher eine Dyscrasie kommt, deren Wesen wir überhaupt nicht kennen. Auch

schliesst die Erkenntniss der Art der Blutveränderung nicht die Einsicht

in die Bedingungen der Dyscrasie in sich, und eben so wenig findet das

Umgekehrte Statt. Bei der hämorrhagischen Diathese wird man es immerhin

als einen wesentlichen Vortheil betrachten müssen, dass wir in einer

Reihe von Fällen auf ihren Ausgangspunkt in einem bestimmten Organe

hinweisen können, z. B. auf die Milz oder die Leber[41]. Es handelt sich

jetzt zunächst darum, zu ermitteln, welchen Einfluss die Milz oder die

Leber auf die besondere Mischung des Blutes ausüben. Wüssten wir genau,

wie das Blut durch die Einwirkung dieser Organe verändert wird, so wäre

es vielleicht nicht schwer, aus der Kenntniss des kranken Organs auch

sofort abzuleiten, wie das Blut beschaffen sein wird. Aber es ist doch

schon wesentlich, dass wir über das blosse Studium der Blutveränderungen

hinausgekommen und auf bestimmte Organe geführt worden sind, in welchen

die Dyscrasie wurzelt.

[41] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 246.

So muss man consequent schliessen, dass, wenn es eine syphilitische

Dyscrasie gibt, in welcher das Blut eine virulente Substanz führt, diese

Substanz nicht dauerhaft in dem Blute enthalten sein kann, sondern dass

ihre Existenz im Blute gebunden sein muss an das Bestehen localer

Heerde, von wo aus immer wieder neue Massen von schädlicher Substanz

eingeführt werden in das Blut[42]. Folgt man dieser Bahn, so gelangt man

zu dem schon erwähnten und gerade für die praktische Medicin äusserst

wichtigen Gesichtspunkte, dass jede dauerhafte Veränderung in dem

Zustande der circulirenden Säfte, welche nicht unmittelbar durch

äussere, von bestimmten Atrien aus in den Körper eindringende

Schädlichkeiten bedingt wird, von einzelnen Organen oder Geweben

abgeleitet werden muss; es ergibt sich weiter die Thatsache, dass

gewisse Gewebe und Organe eine grössere Bedeutung für die Blutmischung

haben, als andere, dass einzelne eine nothwendige Beziehung zu dem Blute

besitzen, andere nur eine zufällige.

[42] Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie. 1858. XV. 217.

Geschwülste II. 476.

Ich komme also mit den Alten darin überein, dass ich eine Verunreinigung

(=Infection=) des Blutes durch verschiedene Substanzen (=Miasmen=)

zulasse, und dass ich einem grossen Theile dieser Substanzen

(=Schärfen=, =Acrimonien=) eine reizende Einwirkung auf einzelne Gewebe

zuschreibe. Ich gestehe auch zu, dass bei acuten Dyscrasien diese Stoffe

im Blute selbst eine fortschreitende Zersetzung (=Fermentation=,

=Zymosis=) erzeugen können, obwohl ich nicht weiss, ob dies in allen

Fällen, die man so deutet, richtig ist. Aber sicher ist es, dass diese

Zymosis ohne neue Zufuhr sich nicht =dauerhaft= erhält, und dass jede

anhaltende Dyscrasie eine erneuerte Zufuhr schädlicher Stoffe in das

Blut voraussetzt.

Achtes Capitel.

Das Blut.

Morphologische (anatomische) und chemische Veränderungen des Blutes

(Dyscrasien).

Faserstoff. Fibrillen desselben. Vergleich mit Schleim und

Bindegewebe. Homogener gallertiger Zustand.

Rothe Blutkörperchen. Kern, Membran und Inhalt derselben. Gestalt

bei den verschiedenen Wirbelthieren: diagnostische Schwierigkeiten.

Zusammensetzung des Zellkörpers: Hämatin, Hämoglobin. Stroma.

Veränderungen der Farbe und der Gestalt. Blutkrystalle (Hämatoidin,

Hämin, Hämatokrystallin).

Farblose Blutkörperchen. Numerisches Verhältniss. Struktur.

Vergleich mit Eiterkörperchen. Klebrigkeit und Agglutination

derselben. Specifisches Gewicht. Crusta granulosa. Diagnose von

Eiter- und farblosen Blutkörperchen. Die Lehren von der

Eiterresorption und von der Lymphexsudation. Lebenseigenschaften

der farblosen Körperchen: Bewegung, Aufnahme anderer Körper,

Auswanderung. Bedeutung dieser Erfahrungen für die cellulare

Doctrin.

Wenn man die verschiedenen krankhaften Veränderungen des Blutes

(=Dyscrasien=) in Beziehung auf Werth und Quelle ansieht, so lassen sich

von vornherein zwei grosse Kategorien von dyscrasischen Zuständen

unterscheiden, je nachdem nehmlich abweichende morphologische

Bestandtheile im Blute enthalten sind, oder die Abweichung eine mehr

chemische ist und an den flüssigen Bestandtheilen sich findet. Dabei

versteht es sich aber wohl von selbst, dass in der Regel die

morphologischen (anatomischen) Dyscrasien nicht ohne chemische Dyscrasie

verlaufen und umgekehrt: unsere Methoden der Blutuntersuchung sind aber

noch so unvollkommen, dass wir uns in der Regel an die eine oder andere

Möglichkeit halten müssen. Ebenso ist es klar, dass die morphologischen

Veränderungen der Blutmischung entweder durch Veränderungen der

natürlichen Elemente (Blutkörperchen) oder durch Hinzufügung fremder,

der Blutmischung normal nicht zukommender Theile bedingt sein können.

Einer der flüssigen Stoffe des Blutes, der Faserstoff (=Fibrin=), hat

häufig als ein morphologischer oder doch als ein fester Bestandtheil des

Blutes gegolten, weil er vermöge seiner Gerinnbarkeit sehr bald, nachdem

das Blut aus dem lebenden Körper entfernt ist, eine sichtbare Form

annimmt. Diese Auffassung ist auch in der neueren Zeit noch vielfach in

der Praxis festgehalten worden, wie sie denn traditionell in der Medicin

seit langer Zeit bestanden hat, insofern man fibrinarmes Blut als

=dissolutes= zu bezeichnen und die Qualität des Blutes viel weniger nach

den Blutkörperchen, als nach dem Fibringehalt zu schätzen pflegte. Eine

solche Trennung des Faserstoffes von den flüssigen Bestandtheilen des

Blutes hat insofern einen wirklichen Werth, als derselbe eben so, wie

die Blutkörperchen, eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist, so einzig

und allein in dem Blute und den ihm zunächst stehenden Säften sich

findet, dass man ihn in der That mehr mit den Blutkörperchen in

Zusammenhang bringen kann, als mit dem Blutwasser (Serum). Betrachtet

man das Blut in Beziehung auf seine eigentlich specifischen Theile,

durch welche es Blut ist und durch welche es sich von anderen

Flüssigkeiten unterscheidet, so kann man nicht umhin anzuerkennen, dass

auf der einen Seite die rothen, hämatinhaltigen Körperchen, auf der

anderen Seite das Fibrin der Intercellular-Flüssigkeit (Liquor

sanguinis, Plasma) es sind, in welchen die Unterschiede am meisten

hervortreten.

[Illustration: =Fig=. 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute. _a_

Feine, _b_ gröbere und breitere Fibrillen; _c_ in das Gerinnsel

eingeschlossene rothe und farblose Blutkörperchen. Vergr. 280.]

Betrachten wir daher zunächst diese specifischen Bestandtheile etwas

näher. Die morphologische Schilderung des Faserstoffes ist

verhältnissmässig schnell gemacht. Untersuchen wir ihn, wie er im

Blutgerinnsel vorkommt, so finden wir ihn fast immer in der Form, wie

ihn =Malpighi= beschrieben hat und von welcher er den Namen trägt, der

fibrillären. Die geronnene Substanz zeigt wirkliche Fasern von etwas

zackiger Gestalt, welche sich vielfach durchsetzen und dadurch äusserst

feine Geflechte, zarte Maschennetze bilden. Die Fasern sind in den

einzelnen Fällen von sehr verschiedener Breite. Gewöhnlich sind sie

sehr fein; zuweilen finden sich aber ungleich breitere, fast bandartige,

welche viel glatter sind, sich aber im Uebrigen ziemlich auf dieselbe

Weise durchsetzen und verschlingen. Es sind dies Eigenthümlichkeiten,

über deren Bedeutung bis jetzt ein sicheres Urtheil noch nicht gewonnen

ist. Ich finde solche Verschiedenheiten ziemlich häufig, bin jedoch

nicht im Stande, die Bedingungen dafür anzugeben. Betrachtet man einen

Blutstropfen während der Gerinnung, so sieht man überall, wie zwischen

den Blutkörperchen feine Fibrin-Fäden anschiessen. In dem Coagulum

finden sich daher die morphologischen Elemente in den Maschenräumen des

entstandenen Netzwerkes (Fig. 59, _c_), rings umschlossen und zuweilen

nicht wenig verdrückt durch die Fasern desselben.

In Beziehung auf die Natur dieser Fasern können wir hervorheben, dass es

histologisch nur noch zweierlei Arten von Fasern gibt, welche mit ihnen

eine nähere Aehnlichkeit darbieten[43]. Die eine Art kommt in einer

Substanz vor, welche sonderbarer Weise eine gewisse Verbindung zwischen

den ältesten kraseologischen Vorstellungen und den modernen bildet,

nehmlich im Schleim (S. 65). In der hippokratischen Medicin fällt der

Blutfaserstoff noch unter den Begriff des =Phlegma= (=Mucus=), und die

antike Lehre von dem phlegmatischen Temperament würde in moderner Formel

ganz wohl als fibrinöse Krase übersetzt werden können. In der That, wenn

wir den Schleim mit dem Faserstoff vergleichen, so müssen wir

zugestehen, dass eine grosse formelle Uebereinstimmung in ihrer

Gerinnung besteht. Wie das Fibrin, bildet auch der Schleim, zumal bei

Zusatz von Wasser oder organischen Säuren, Fasern und Häute, welche

unter einander zu oft sehr sonderbaren Figuren zusammentreten. Dass auch

in der Absonderung von Schleim und Faserstoff gewisse Beziehungen

bestehen, werden wir später darlegen. -- Die andere Substanz, welche

hierher gehört, ist die Intercellularsubstauz des Bindegewebes, der

leimgebende Stoff, das Collagen (Gluten der Früheren), und es ist gewiss

interessant, sich daran zu erinnern, dass noch im vorigen Jahrhundert,

ja hier und da noch in dem gegenwärtigen, die Speckhaut des Blutes als

Gluten bezeichnet wurde. Die Fibrillen des Bindegewebes verhalten sich

nur insofern anders, als die des Faserstoffes, als sie in der Regel

nicht netzförmig, sondern parallel verlaufen; im Uebrigen sind sie den

Fibrin-Fasern in hohem Maasse ähnlich. Die Intercellularsubstanz des

Bindegewebes stimmt auch darin mit dem Faserstoff überein, dass ihr

Verhalten gegen Reagentien sehr analog ist. Wenn wir diluirte Säuren,

namentlich die gewöhnlichen Pflanzensäuren oder auch schwache

Mineralsäuren darauf einwirken lassen, so quellen sie auf und unter den

Augen verschwinden die Fasern, so dass wir nicht mehr sagen können, wo

sie bleiben. Die Masse schwillt auf, es verschwindet jeder Zwischenraum,

und es sieht aus, als ob die ganze Masse ein continuirliches, vollkommen

homogenes Gewebsstück bildete. Waschen wir dasselbe langsam aus,

entfernen wir die Säure wieder, so lässt sich, wenn die Einwirkung keine

zu concentrirte war, wieder der faserige Zustand herstellen. Es ist dies

Verhalten bis jetzt noch unerklärt, und gerade deshalb hatte die Ansicht

=Reichert='s, welche ich früher (S. 41, 141) erwähnte, etwas

Bestechendes, dass die Substanz des Bindegewebes eigentlich homogen und

die Fasern nur eine künstliche Bildung oder eine optische Täuschung

seien, indessen isoliren sich beim Faserstoff noch viel deutlicher als

beim Bindegewebe die einzelnen Fibrillen so vollständig, dass ich nicht

umhin kann, zu sagen, dass ich die Trennung in einzelne Fäserchen für

wirklich bestehend und nicht bloss für künstlich und eben so wenig für

eine Täuschung des Beobachters halte.

[43] Gesammelte Abhandl. S. 137.

Eine fernere Uebereinstimmung ist die, dass sowohl beim Fibrin, als beim

Bindegewebe jedesmal vor dem Stadium des Fibrillären ein Stadium des

Homogenen oder Gallertigen liegt. Betrachtet man die Gerinnung

fibrinöser Flüssigkeiten, so sieht man nicht etwa von vornherein Fasern

entstehen, sondern die ganze Flüssigkeit »gesteht« zuerst zu einer ganz

gleichmässigen Masse, welche zuweilen so fest ist, dass man sie in einem

Stücke aufheben kann. Erst aus dieser homogenen Gallerte scheiden sich

die Fasern aus, mit deren Bildung die Zusammenziehung des Gerinnsels,

die eigentliche Coagulation auftritt[44]. In ähnlicher Weise erscheint

auch die Intercellularsubstanz des Bindegewebes zuerst bei ihrer Bildung

als homogene Intercellularsubstanz (Schleim); erst nach und nach sieht

man sich Fibrillen, wenn ich mich so ausdrücken darf, ausscheiden oder,

wie man gewöhnlich sagt, differenziren. Die Bildung der Fasern, die

=Fibrillation= lässt sich daher recht wohl mit der Krystallisation

vergleichen, und in der That gibt es auch unter den anorganischen

Stoffen gewisse Analogien. Manche Niederschläge von Kalksalzen oder

Kieselsäure sind ursprünglich vollkommen gelatinös und amorph; nach und

nach scheiden sich aus ihnen solide Körner und Krystalle aus.

[44] =Froriep='s Neue Notizen 1845. Sept. No. 769. Gesammelte

Abhandlungen. S. 59, 65.

Man kann also immerhin den Namen der Fibrillen für die gewöhnliche

Erscheinungsform des Faserstoffes beibehalten, aber man muss sich dabei

erinnern, dass diese Substanz ursprünglich in einem homogenen, amorphen,

gallertartigen Zustande existirte, und wieder in denselben übergeführt

werden kann. Diese Ueberführung geschieht nicht nur künstlich, sondern

sie macht sich auch auf natürlichem Wege im Körper selbst, so dass an

Stellen, wo vorher Fibrillen vorhanden waren, später der Faserstoff

wieder homogen angetroffen wird. Die Coagula der Aneurysmen, manche

Thromben der Venen werden allmählich in homogene, knorpelartig dichte

Massen verwandelt. --

[Illustration: =Fig=. 60. Kernhaltige Blutkörperchen von einem

menschlichen, sechs Wochen alten Fötus. _a_ Verschieden grosse, homogene

Zellen mit einfachen, relativ grossen Kernen, von denen einzelne leicht

granulirt, die meisten mehr gleichmässig sind, bei * ein farbloses

Körperchen. _b_ Zellen mit äusserst kleinen, aber scharfen Kernen und

deutlich rothem Inhalte. _c_ Nach Behandlung mit Essigsäure sieht man

die Kerne zum Theil geschrumpft und zackig, bei mehreren doppelt; bei *

ein granulirtes Körperchen. Vergr. 280.]

* * * * *

Was nun den zweiten specifischen Antheil des Blutes betrifft, die

=Blutkörperchen=, so habe ich schon hervorgehoben (S. 12), dass

gegenwärtig ziemlich alle Histologen darüber einig sind, dass die

farbigen Blutkörperchen des Menschen und der Säugethiere im erwachsenen

Zustande keine Kerne besitzen. Ihre zellige Natur könnte daher in

Zweifel gezogen werden, wenn wir nicht wüssten, dass sie zu gewissen

Zeiten der embryonalen Entwickelung (Fig. 60) je einen Kern besitzen.

Mehrere neuere Beobachter, namentlich =Brücke=, leugnen jedoch auch die

Existenz einer Membran an ihnen, so dass man versucht ist, auf jene

ältere Bezeichnung der Blutkörner zurückzukommen, welche auch auf

blosse Concretionen chemischer oder mechanischer Art anwendbar ist.

Indess erscheint im Bewusstsein der heutigen Zeit, wie wir sahen (S.

16), die Membranlosigkeit an sich als kein Grund, die zellige Natur

eines organischen Elements in Abrede zu stellen, und da in den früheren

Monaten des Embryolebens die rothen Blutkörperchen nicht nur genetisch

aus unzweifelhaften Bildungszellen durch fortschreitende Umbildung

hervorgehen, sondern auch unter Umständen eben solche Membranen zeigen

(Fig. 60, _a_ u. _c_), wie sie an anderen Zellen nachweisbar sind, so

wird man unbedenklich aussagen können, dass die rothen Blutkörperchen

des Menschen sowohl in der späteren Zeit der fötalen Entwickelung, als

namentlich in der Zeit nach der Geburt einfache kernlose Zellen sind.

[Illustration: =Fig=. 61. Menschliche Blutkörperchen vom Erwachsenen.

_a_ das gewöhnliche, scheibenförmige rothe, _b_ das farblose

Blutkörperchen, _c_ rothe Körperchen, von der Seite und auf dem Rande

stehend gesehen. _d_ rothe Körperchen in Geldrollenform

zusammengeordnet. _e_ zackige, durch Wasserverlust (Exosmose)

geschrumpfte rothe Körper. _f_ geschrumpfte rothe Körper mit hügeligem

Rand und einer kernartigen Erhebung auf der Fläche der Scheibe. _g_ noch

dichtere Schrumpfung. _h_ höchster Grad der Schrumpfung (melanöse

Körperchen). Vergr. 280.]

Ganz abweichend von allen anderen Zellen ist die Gestalt derselben beim

Menschen und den Säugethieren. Sie stellen nehmlich platte, scheiben-

oder tellerförmige Bildungen mit zweiseitiger centraler Depression dar.

Der dickere Rand erscheint daher als ein dunkler gefärbter Ring, die

dünnere Mitte als eine ganz schwach gefärbte Fläche. Bei Vögeln,

Amphibien und Fischen, bei welchen sich der kernhaltige Zustand während

des ganzen Lebens erhält, findet sich zugleich eine ovale Gestalt, die

übrigens merkwürdigerweise auch bei dem Lama und Kameel vorkommt. Der

allerniederste Fisch, der Amphioxus, hat überhaupt keine Blutkörperchen

und beim Leptocephalus bleiben sie ungefärbt. Bei keinem anderen Gewebe

sind die Verschiedenheiten der Elemente bei verschiedenen Thieren so

gross, wie gerade bei den rothen Blutkörperchen, und man sollte daher

ungemein vorsichtig sein, aus Erfahrungen, welche nur für die

Blutkörperchen einer Gattung Gültigkeit haben, allgemeine Formeln

abzuleiten. Andererseits sind nur ausnahmsweise die Blutkörperchen einer

Gattung mit so charakteristischen Eigenthümlichkeiten ausgestattet,

dass man daraus diagnostische Unterschiede abzuleiten vermöchte.

Namentlich vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus wäre es im höchsten

Grade erwünscht, wenn ein sicheres Merkmal nachgewiesen würde, wodurch

die Blutkörperchen des Menschen von denen der Säugethiere unterschieden

werden könnten. Allein alle Versuche, ein solches zu finden, sind bis

jetzt fruchtlos gewesen. Das einzige, an sich nicht einmal

durchgreifende Merkmal, dass die Blutkörperchen des Menschen etwas

grösser sind, als die der meisten Säugethiere, ist in der Regel nicht

verwerthbar, da man es in forensischen Fällen meist mit altem und häufig

sogar mit getrocknetem Blute zu thun hat.

Der eigentliche Zellkörper der rothen Blutkörperchen besteht aus einer

ziemlich zähen Masse, an welcher die Farbe haftet. Letztere erscheint

unter dem Mikroskope bei den einzelnen Körperchen als eine mehr

gelbliche, sogar leicht ins Grünliche spielende. Gewöhnlich bezeichnet

man in der Kürze die gefärbte Substanz als =Hämatin=, Blutfarbstoff.

Allein der rothe Zellkörper ist keine einfache chemische Substanz, und

das, was man Hämatin nennt, bildet eben nur einen Theil davon; einen wie

grossen Theil, lässt sich bis jetzt noch gar nicht ermitteln. Was sonst

noch innerhalb des Blutkörperchens enthalten ist, das gehört wesentlich

der chemischen Untersuchung an, und diese ergiebt in den verschiedenen

Wirbelthierklassen und Gattungen ebenso gut chemische, wie

morphologische Verschiedenheiten. Beim Menschen nahm man früher neben

dem Hämatin gewöhnlich noch eine besondere Substanz, das Globulin an;

gegenwärtig betrachtet man als die Hauptmasse des rothen Zellkörpers das

=Hämoglobin=, aus welchem erst durch Zersetzung das Hämatin selbst und

verschiedene andere, namentlich eiweissartige Stoffe entstehen. Dieses

Hämoglobin ist nach der Annahme =Rollett='s in einem schwammigen

=Stroma= enthalten, welches möglicherweise noch wieder aus verschiedenen

stickstoffhaltigen Stoffen besteht. Man beobachtet dasselbe an

gefrorenem Blute, bei welchem das Hämoglobin die Blutkörperchen verlässt

und an das Serum tritt. Ob wirkliches Protoplasma und damit eine wahre

Contraktilität an den rothen Körperchen vorhanden ist, lässt sich nach

den heutigen Erfahrungen noch nicht mit Sicherheit aussagen.

Was wir direkt beobachten können, sind gewisse =Veränderungen der Farbe

und Gestalt=, welche durch äussere Agentien hervorgerufen werden. Da

das Hämoglobin Sauerstoff, Kohlenoxyd und Stickoxyd absorbirt,

wahrscheinlich auch Kohlensäure aufnimmt, so ist es leicht begreiflich,

dass dadurch die Farbe der Blutkörperchen und damit die des Blutes im

Ganzen geändert wird. Noch viel auffälliger ist die Farbenveränderung

durch stärkere chemische Körper, namentlich die intensiv grüne durch

Schwefelwasserstoff und die schwärzliche oder bräunliche (atrabiläre)

durch organische und mineralische Säuren und Alkalien. Manche dieser

Farbenveränderungen erfolgen ohne erhebliche Gestaltveränderungen;

andere, wie die der stärkeren chemischen Körper, unter schneller

Zerstörung der Blutkörperchen. Dabei ist es jedoch, namentlich auch für

forensische Untersuchungen, von grosser Wichtigkeit, dass gerade

kaustische Alkalien (Natron, Kali), =concentrirt= angewendet, die

Blutkörperchen erhalten, während, diluirt angewendet, sie dieselben

schnell zerstören. -- Die meisten Gestaltveränderungen erfolgen unter

der Einwirkung von chemischen Lösungen, welche den Blutkörperchen Wasser

entziehen; in Folge davon schrumpfen sie und erleiden sie eigenthümliche

Gestaltsveränderungen, die sehr leicht Irrthümer herbeiführen können.

Dies sind nicht unwichtige Verhältnisse, auf die ich deshalb noch mit

ein paar Worten eingehen will.

Wenn ein rothes Blutkörperchen dadurch einem Wasserverluste ausgesetzt

ist, dass eine stärker concentrirte Flüssigkeit auf dasselbe einwirkt,

so bemerkt man zuerst, dass in dem Maasse, als Flüssigkeit exosmotisch

austritt, an der Oberfläche des Körperchens kleine Hervorragungen

entstehen, welche anfangs sehr zerstreut liegen, sich bald an dem Rande,

bald auf der Fläche finden und im letzteren Falle zuweilen täuschend

einem Kerne ähnlich sehen (Fig. 61, _e_, _f_). Dies ist die Quelle für die

irrthümliche Annahme von Kernen, welche man so viel beschrieben hat.

Beobachtet man ein Blutkörperchen unter Einwirkung concentrirter Medien

längere Zeit, so treten immer mehr Höcker hervor und das Körperchen wird

in seinem Flächendurchmesser kleiner. Dabei bilden sich immer deutlicher

kleine Falten und Höcker an der Oberfläche: das Körperchen wird zackig,

sternförmig, eckig (Fig. 61, _g_). Solche zackigen Körper sieht man

jeden Augenblick, wenn man Blut untersucht, welches eine Zeit lang an

der Luft gewesen ist. Denn schon die blosse Verdunstung erzeugt diese

Veränderung. Sehr schnell können wir sie hervorbringen, wenn wir die

Mischung des Serums durch Zusatz von Salz oder Zucker ändern. Dauert die

Wasser-Entziehung fort, so verkleinert sich das Körperchen noch mehr;

endlich wird es wieder rund und glatt (Fig. 61, _h_), vollkommen

sphärisch, und zugleich erscheint seine Farbe viel saturirter; der

Inhalt sieht ganz dunkel schwarzroth aus. Es lässt sich daraus eine

nicht uninteressante Thatsache erschliessen, nehmlich die, dass die

Exosmose wesentlich eine Wasser-Entziehung ist, wobei vielleicht dieser

oder jener andere Stoff, z. B. Salz, mit austritt, wobei aber die

wesentlichen Bestandtheile zurückbleiben können. Das Hämoglobin

insbesondere folgt dem Wasser nicht; das Blutkörperchen hält dasselbe

zurück, so dass in dem Maasse, als viel Flüssigkeit verloren geht,

natürlich das Hämoglobin im Innern dichter werden muss.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 16 / 54 段