Ziehen wir z. B. aus der Lungenarterie den gewöhnlich sehr derben

Blutstrang heraus, welcher ihr Anfangsstück erfüllt, so kann es sein,

dass an seiner Oberfläche kleine Körner (Fig. 67, _A_) sitzen, Knöpfchen

von weisser Farbe, welche aussehen, wie einzelne Eiterpunkte, oder

welche gar zu mehreren perlschnurartig zusammenhängen. Dieses Vorkommen

ist am häufigsten an denjenigen Orten des Gefässsystems, wo die Zahl der

Körper an sich am grössten ist, daher insbesondere in der Strecke

zwischen der Einmündung des Ductus thoracicus und den Lungencapillaren.

Ziemlich leicht vermag das blosse Auge an dem Abscheiden dieser Massen

das mehr oder weniger reichliche Vorkommen der farblosen Körperchen zu

erkennen. Unter Umständen, wo die Zahl derselben sehr gross wird, sieht

man auch wohl ganze Häufchen, die wie eine Scheide einzelne Abschnitte

des Gerinnsels umlagern. Bringt man ein solches Häufchen unter das

Mikroskop, so sieht man viele Tausende von farblosen Körpern zusammen.

Erfolgt die Gerinnung des Blutes, während dasselbe in Ruhe ist, so tritt

eine andere Erscheinung sehr deutlich hervor, wie man sie in

Aderlass-Gefässen sehen kann. Gerinnt der Faserstoff nicht sehr schnell

oder geradezu langsam, wie bei entzündlichem Blute, so fangen innerhalb

der ruhenden Blutflüssigkeit die Blutkörperchen an, sich vermöge ihrer

Schwere zu senken. Diese Sedimentirung geht bekanntlich so weit, dass,

wenn man frisch gelassenes Blut durch Quirlen seines Faserstoffes

beraubt (defibrinirt), oder durch Zusatz von Mittelsalzen die Gerinnung

hindert oder wenigstens sehr verlangsamt, die Flüssigkeit nach und nach

vollkommen klar wird, indem die Körperchen zu Boden fallen. Wenn wir ein

an farblosen Blutkörperchen reiches Blut defibriniren und stehen lassen,

so bildet sich ein doppeltes Sediment, ein rothes und ein weisses. Das

rothe bildet das tiefste, das weisse das höhere Stratum; letzteres sieht

vollständig so aus, wie wenn eine Lage von Eiter über dem Blute läge.

Wird das Blut nicht defibrinirt, gerinnt es aber langsam, dann kommt die

Senkung nicht vollständig zu Stande, sondern es wird nur der höchste

Theil der Blutflüssigkeit von Körperchen frei; wenn dann späterhin der

Faserstoff gerinnt, so zeigt sich die bekannte Crusta phlogistica, die

=Speckhaut=, und wenn wir nach den farblosen Blutkörperchen suchen, so

finden wir sie als eine besondere Schicht an der unteren Grenze der

Speckhaut. Diese Besonderheit erklärt sich einfach aus dem verschiedenen

specifischen Gewichte, welches die beiden Arten von Blutkörperchen

haben. Die farblosen sind immer leichte, an fester Substanz arme, sehr

zarte Gebilde, während die rothen ein relativ bleiernes Gewicht haben

durch ihren grossen Gehalt an Hämoglobin. Sie erreichen daher

verhältnissmässig sehr schnell den Boden, während die farblosen noch im

Fallen begriffen sind. Wenn man zwei verschieden schwere Substanzen frei

in der Luft herunterfallen lässt, so kommen ja auch bei genügender Höhe

wegen des Widerstandes der Luft die leichteren Körper später am Boden

an.

[Illustration: =Fig=. 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem

hyperinotischem Blute. _a_ das Niveau der Blutflüssigkeit; _c_ die

becherförmige Speckhaut, _l_ die Lymphschicht (Cruor lymphaticus, Crusta

granulosa) mit den körnigen und maulbeerartigen Anhäufungen der

farblosen Körperchen, _r_ der rothe Cruor.]

In der Regel bildet bei der Gerinnung im Aderlassblute der weisse Cruor

nicht eine continuirliche, sondern eine unterbrochene Lage, in der

Weise, dass an der unteren Seite der Speckhaut kleine Häufchen oder

Knötchen haften[51]. Daher hat =Piorry=, welcher zuerst diese

Beobachtung machte, aber sie ganz falsch deutete, indem er sie auf eine

Entzündung des Blutes selbst (Haemitis) bezog und darauf die Doctrin der

Pyämie begründete, diese Form von Speckhaut als =Crusta granulosa s.

tuberculosa= bezeichnet. Sie bedeutet nichts weiter, als eine

massenhafte und gruppenweise Anhäufung der farblosen Blutkörperchen

(=Crusta lymphatica=).

[51] Gesammelte Abhandlungen S. 183.

Unter allen Verhältnissen gleicht diese Schicht dem Aussehen nach dem

Eiter, und da nun, wie wir vorher gesehen haben, auch die einzelnen

farblosen Blutkörperchen die Beschaffenheit von Eiterkörperchen

haben[52], so ist es leicht begreiflich, dass man nicht bloss bei einem

gesunden Menschen in die Lage kommen kann, seine farblosen

Blutkörperchen für Eiterkörperchen zu halten, sondern noch mehr bei

Kranken, wo das Blut oder andere Theile voll von diesen Elementen sind.

Die Frage, wie sie wiederholt aufgeworfen ist, liegt sehr nahe, ob die

Eiterkörperchen nicht einfach extravasirte farblose Blutkörperchen

seien, oder umgekehrt, ob die innerhalb der Gefässe gefundenen farblosen

Blutkörperchen nicht von aussen her aufgenommene Eiterkörperchen seien.

Bejaht man diese letztere Frage, so gelangt man auf dem hauptsächlich

durch die französischen Autoren (=Ribes=, =Velpeau=, =Maréchal=)

verfolgten Wege zu der Lehre von der =Eiterresorption=[53]. Nimmt man

dagegen die erstere Auffassung an, so kommt man auf eine Anschauung, wie

sie schon seit Hewson in der englischen Literatur sehr verbreitet ist:

mit der »plastischen Lymphe« treten auch »Lymphkörperchen« aus. Diese

Lehre von der =Lymphexsudation= ist namentlich durch W. =Addison= und

=Paget= vertreten worden, und sie hat neuerlich in Beziehung auf die

farblosen Körperchen sichere thatsächliche Unterlagen erhalten. So sehr

schwanken die herrschenden Lehrsätze. Während vor kaum zwei Decennien

jede auffällige Vermehrung der farblosen Blutkörperchen im Blute den

Verdacht, ja die zuversichtliche Annahme einer purulenten Infection

erregte, so gilt jetzt jede ungewöhnliche Rundzelle an beliebiger Stelle

des Körpers für ein farbloses Blutkörperchen, und wie es damals nöthig

war, der unberechtigten Ausdehnung der Pyämie-Lehre entgegen zu treten,

so muss man jetzt der ungemessenen Erweiterung der Lehre von der

Lymphexsudation Schranken setzen.

[52] Gesammelte Abhandlungen S. 653.

[53] Ebendas. S. 462, 640, 645.

Allein die neuere Forschung hat auf diesem Felde überaus glückliche

Erfolge gehabt, indem sie zu einer genaueren Beobachtung der

=Lebenserscheinungen der farblosen Blutkörperchen= geführt hat. Schon

=Wharton Jones= hatte spontane Gestaltveränderungen dieser Gebilde

beschrieben, wobei sie nach Art gewisser niederer pflanzlicher und

thierischer Organismen Fortsätze aus sich hervortreiben und wieder

zurückziehen. Weitere Untersuchungen haben bestätigt, dass in der That

sehr lebhafte =Bewegungen= an den Körpersubstanz der farblosen

Blutkörperchen vorkommen, die man in gewissem Sinne als Contractionen

bezeichnen kann, wenngleich dieser Ausdruck, den wir bisher gewohnt

waren, nur auf die in ganz bestimmter Richtung geschehende

Zusammenziehung muskulöser Theile zu beziehen, leicht zu

Missverständnissen Veranlassung geben kann. =Häckel= sah sodann die

farblosen Blutkörperchen niederer Thiere Farbstoffkörperchen in sich

aufnehmen; v. =Recklinghausen= wies dasselbe für die Wirbelthiere nach

und lehrte damit ein wichtiges Mittel kennen, die Zellen durch Aufnahme

von gefärbten Theilen gleichsam zu markiren. Endlich beobachteten

=Waller= und =Cohnheim= die =Auswanderung= der farblosen Blutkörperchen

aus den Gefässen lebender Thiere auf die Oberflächen und in die Gewebe

der Umgebung bei anhaltender Fixirung bestimmter Stellen unter dem

Mikroskope.

Auf diese Weise ist gerade an einer Art von Elementen, welche früher

kaum der Aufmerksamkeit des Arztes werth erschienen, eine Fülle der

wichtigsten Lebensthätigkeiten, ja eine Freiheit und Selbständigkeit

dieser Thätigkeiten dargethan worden, welche die farblosen

Blutkörperchen zu einem der günstigsten Objecte für die Demonstration

vitaler Vorgänge und zugleich zu einem der bedeutungsvollsten

Ausgangspunkte pathologischer Studien erheben. Als ich vor nunmehr 25

Jahren den Satz aussprach: »Ich vindicire für die farblosen

Blutkörperchen eine Stelle in der Pathologie«[54], da hatte ich freilich

noch keine Ahnung von den weitaussehenden Consequenzen, welche sich an

diesen Versuch geknüpft haben. Denn man kann schon jetzt sagen, dass die

cellulare Doctrin nirgends eine so unzweifelhafte Bedeutung erlangt hat,

als durch die immer zahlreicheren Erfahrungen über diese früher so

vernachlässigten Gebilde.

[54] Med. Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preussen. 1846.

September. No. 36.

Neuntes Capitel.

Blutbildung und Lymphe.

Wechsel und Ersatz der Blutbestandtheile. =Die rothen Körperchen=.

Hinfälligkeit derselben. Theilung derselben bei Embryonen.

Zerbröckelung bei ungünstigen Einwirkungen. Ersatz aus der Lymphe.

Das =Fibrin=. Die Lymphe und ihre Gerinnung. Nichtgerinnung des

Capillarblutes in der Leiche. Das lymphatische Exsudat. Fibrinogene

Substanz. Speckhautbildung. Lymphatisches Blut, Hyperinose,

phlogistische Krase. Locale Fibrinbildung. Fibrintranssudation.

Fibrinbildung im Blute.

Die =farblosen Blutkörperchen= (Lymphkörperchen). Ihre Vermehrung

bei Hyperinose und Hypinose (Erysipel, Pseudoerysipel, Typhus).

Leukocytose und Leukämie. Die lienale und lymphatische Leukämie.

=Milz=- =und Lymphdrüsen= als hämatopoëtische Organe. Structur der

Lymphdrüsen. Rinden- und Marksubstanz. Das eigentliche Parenchym

derselben: Follikel (Markstränge), Reticulum, Lymphsinus.

Parenchymzellen (Lymphdrüsenkörperchen) und ihr Verhältniss zu

Lymph- und farblosen Blutkörperchen. Diagnose und Abstammung der

letzteren. -- Bau der Milz. Siebförmige Einrichtung der Gefässwände

in der Pulpa. -- Umbildung farbloser Blutkörperchen in farbige. Ort

derselben. Das rothe Knochenmark.

=Lymphgefässe=. Zusammenhang mit dem Röhrensystem des Bindegewebes.

Bau der grösseren Lymphgefässe: Contraktilität und Klappen

derselben. Lymphcapillaren (Lymphgefäss-Wurzeln): einfache

Epithel-Wand. Bedeutung der Bindegewebskörperchen und der Lymphe

überhaupt. Recrementitielle und plastische Natur der Lymphe.

Hat man sich mit den einzelnen morphologischen Elementen des Blutes und

den besonderen Eigenthümlichkeiten derselben bekannt gemacht, so ist das

Nächste die Frage nach der Entstehung derselben.

Aus den Erfahrungen über die erste Entwickelung der Blutelemente lassen

sich wesentliche Rückschlüsse machen auf die Natur der Veränderungen,

welche unter krankhaften Verhältnissen in der Blutmasse stattfinden.

Früher betrachtete man das Blut mehr als einen in sich abgeschlossenen

Saft, welcher allerdings gewisse Beziehungen nach aussen habe, aber doch

in sich selbst eine wirkliche Dauer besitze; man nahm deshalb an, dass

sich auch besondere Eigenschaften dauerhaft daran erhalten, ja viele

Jahre hindurch fortbestehen könnten. Natürlich durfte man dabei den

Gedanken nicht zulassen, dass die Bestandtheile des Blutes vergänglicher

Natur seien, und dass neue Elemente hinzukämen, welche alte, verloren

gegangene ersetzten. Denn die Dauerhaftigkeit eines Theiles als solchen

setzt entweder voraus, dass er in seinen Elementen dauerhaft ist, oder

dass die Elemente innerhalb des Theiles immerfort neue erzeugen, welche

alle Eigenthümlichkeiten der alten erben. Für das Blut müsste man also

entweder annehmen, seine Bestandtheile wären wirklich durch Jahre

fortbestehend und könnten Jahre lang dieselben Veränderungen bewahren,

oder man müsste sich denken, dass das Blut von einem Theilchen auf das

andere etwas übertrüge, in der Art, dass von einem mütterlichen

Bluttheilchen auf ein töchterliches etwas Hereditäres fortgepflanzt

würde. Von diesen Möglichkeiten ist die erstere gegenwärtig gänzlich

unhaltbar. Es denkt im Augenblick wohl Niemand daran, dass die einzelnen

Bestandtheile des Blutes eine Dauer von vielen Jahren haben. Dagegen

lässt sich die Möglichkeit nicht von vorn herein zurückweisen, dass

innerhalb des Blutes die Elemente eine Fortpflanzung erfahren, und dass

sich von Element zu Element gewisse erbliche Eigenthümlichkeiten

übertragen, welche zu einer gewissen Zeit im Blute eingeleitet sind.

Allein mit einer gewissen Zuverlässigkeit kennen wir solche

Erscheinungen der Fortpflanzung des Blutes nur aus einer früheren Zeit

des embryonalen Lebens. Hier scheint es nach Beobachtungen, die erst in

der neuesten Zeit von =Remak= und =Metschnikow= wiederum bestätigt sind,

dass die vorhandenen Blutkörperchen sich direkt theilen, in der Art,

dass in einem Körperchen, welches in der ersten Zeit der Entwickelung

sich als kernhaltige Zelle darstellt, zuerst eine Theilung des Kernes

eintritt (Fig. 60, _c_), dass dann die ganze Zelle sich einkerbt und

nach und nach wirkliche Uebergänge zu einer vollständigen Theilung

erkennen lässt. In dieser frühen Zeit ist es daher allerdings zulässig,

das Blutkörperchen als den Träger von Eigenschaften zu betrachten,

welche sich von der ersten Reihe von Zellen auf die zweite, von dieser

auf die dritte u. s. f. fortpflanzen.

Allein in dem Blute des entwickelten Menschen, ja selbst im Blute

des Fötus der späteren Schwangerschaftsmonate sind solche

Theilungs-Erscheinungen nicht mehr bekannt, und keine einzige von den

Thatsachen, welche man aus der Entwickelungsgeschichte beizubringen

vermag, spricht dafür, dass in dem entwickelten Blute eine Vermehrung

der zelligen Elemente durch direkte Theilung oder irgend eine andere im

Blute selbst gelegene Neubildung stattfinde. Man weiss wohl, dass unter

gewissen Verhältnissen, z. B. bei Einwirkung von Harnstoff und manchen

Salzen, die rothen Blutkörperchen sich einschnüren und endlich in Stücke

zerfallen oder einzelne, meist rundliche Stückchen (Körnchen) von sich

abschnüren, allein diese Stückchen, welche noch G. =Zimmermann= als die

ersten Anfänge neuer Blutkörperchen betrachtete, sind nichts anderes,

als Trümmer. So lange man die Möglichkeit als erwiesen betrachtete, dass

aus einem einfachen Cytoblastem durch direkte Ausscheidung differenter

Materien Zellen entständen, so lange konnte man auch in der

Blutflüssigkeit sich neue Niederschläge bilden lassen, aus denen Zellen

hervorgingen. Allein auch davon ist man zurückgekommen. Alle

morphologischen Elemente des Blutes, wie sie auch beschaffen sein mögen,

leitet man gegenwärtig von Orten ab, welche ausserhalb des Blutes

liegen. Ueberall geht man zurück auf Organe, welche mit dem Blute nicht

direkt, sondern vielmehr durch Zwischenbahnen in Verbindung stehen. Die

Hauptorgane, welche in dieser Beziehung in Frage kommen, sind die

lymphatischen. Die =Lymphe= ist die Flüssigkeit, welche, während sie dem

Blute gewisse Stoffe zuführt, die von den Geweben kommen, zugleich die

körperlichen Elemente mit sich bringt, aus welchen die Zellen des Blutes

sich fort und fort ergänzen.

In Beziehung auf zwei Bestandtheile des Blutes dürfte es kaum

zweifelhaft sein, dass diese Anschauung eine vollkommen berechtigte ist,

nehmlich in Beziehung auf den Faserstoff und die farblosen

Blutkörperchen. Was den =Faserstoff= anbetrifft, dessen morphologische

Eigenschaften ich im vorigen Capitel besprach, so ist es eine sehr

wesentliche und wichtige Thatsache, dass derjenige Faserstoff, welcher

in der Lymphe circulirt[55], gewisse Verschiedenheiten darbietet von dem

Faserstoffe des Blutes, welchen wir zu Gesicht bekommen, wenn wir

Extravasate oder aus der Ader gelassenes Blut betrachten. Der Faserstoff

der Lymphe hat die besondere Eigenthümlichkeit, dass er unter den

gewöhnlichen Verhältnissen innerhalb der Lymphgefässe weder im Leben

noch nach dem Tode gerinnt, während das Blut in manchen Fällen schon

während des Lebens, regelmässig aber nach dem Tode gerinnt, so dass die

Gerinnungsfähigkeit dem Blute als eine regelmässige Eigenschaft

zugeschrieben wird. In den Lymphgefässen eines todten Thieres oder einer

menschlichen Leiche findet man keine geronnene Lymphe, dagegen tritt die

Gerinnung alsbald ein, sobald die Lymphe mit der äusseren Luft in

Contact gebracht oder von einem erkrankten Organe her verändert wird.

[55] Gesammelte Abhandl. S. 105.

Allerdings zeigt sich auch innerhalb der Gefässe einer Leiche am Blute

eine sehr auffällige und schwer zu erklärende Verschiedenheit. Während

das Blut des Herzens und der grösseren Gefässe nach dem Tode gerinnt, so

=bleibt das Capillarblut flüssig=. Sonderbarerweise übersieht man diese

wichtige Erscheinung fast immer, so wichtig sie auch für die Deutung des

örtlichen Verhaltens der Färbung der Gefässe, insbesondere der

postmortalen Ortsveränderungen, Senkungen u. s. w. des Blutes ist. Aber

das Capillarblut der Leiche unterscheidet sich dadurch von der Lymphe,

dass es auch nicht mehr gerinnt, wenn es aus den Capillaren entleert und

der Luft ausgesetzt wird.

Was nun die Lymphe anbetrifft, so muss ich noch immer an der Anschauung

festhalten, dass in derselben kein fertiges Fibrin enthalten ist,

sondern dass dies erst fertig wird, sei es durch den Contact mit der

atmosphärischen Luft, sei es unter abnormen Verhältnissen durch die

Zuführung veränderter Stoffe, oder durch den Contact mit besonderen

Substanzen. Die normale Lymphe führt eine Substanz, welche sehr leicht

in Fibrin übergeht, und, wenn sie geronnen ist, sich vom Fibrin kaum

unterscheidet, welche aber, so lange sie im gewöhnlichen Laufe des

Lymphstromes sich befindet, nicht als eigentlich fertiges Fibrin

betrachtet werden kann. Es ist dies eine Substanz, welche ich lange,

bevor ich auf ihr Vorkommen in der Lymphe aufmerksam geworden war, in

verschiedenen Exsudaten constatirt hatte, namentlich in pleuritischen

Flüssigkeiten[56].

[56] Archiv 1847. I. 572. Gesammelte Abhandl. 104, 516.

In manchen Formen der Pleuritis bleibt das Exsudat lange flüssig, und da

kam mir vor einer Reihe von Jahren der besondere Fall vor, dass durch

eine Punction des Thorax eine Flüssigkeit entleert wurde, welche

vollkommen klar und flüssig war, aber kurze Zeit, nachdem sie entleert

war, in ihrer ganzen Masse mit einem Coagulum sich durchsetzte, wie es

oft genug in Flüssigkeiten aus der Bauchhöhle gesehen wird. Nachdem ich

dieses Gerinnsel durch Quirlen aus der Flüssigkeit entfernt und mich von

der Identität desselben mit dem gewöhnlichen Faserstoff überzeugt hatte,

zeigte sich am nächsten Tage ein neues Coagulum, und so auch in den

folgenden Tagen. Diese Gerinnungsfähigkeit dauerte 14 Tage lang, obwohl

die Entleerung mitten im heissen Sommer stattgefunden hatte. Es war dies

also eine von der gewöhnlichen Gerinnung des Blutes wesentlich

abweichende Erscheinung, welche sich nicht wohl begreifen liess, wenn

wirkliches Fibrin als fertige Substanz darin enthalten war, und welche

darauf hinzuweisen schien, dass erst unter Einwirkung der

atmosphärischen Luft Fibrin entstünde aus einer Substanz, welche dem

Fibrin allerdings nahe verwandt sein musste, aber doch nicht wirkliches

Fibrin sei. Ich schlug darum vor, dieselbe als =fibrinogene= Substanz zu

trennen, und nachdem ich später darauf gekommen war, dass es dieselbe

Substanz ist, welche wir in der Lymphe finden, so konnte ich meine

Ansicht dahin erweitern, dass auch in der Lymphe der Faserstoff nicht

fertig enthalten sei.

Dieselbe Substanz, welche sich von dem gewöhnlichen Fibrin dadurch

unterscheidet, dass sie eines mehr oder weniger langen Contactes mit der

atmosphärischen Luft bedarf, um coagulabel zu werden, findet sich unter

gewissen Verhältnissen auch im Blute der peripherischen Venen vor, so

dass man auch durch eine gewöhnliche Venaesection am Arme Blut bekommen

kann, welches sich vom gewöhnlichen Blute durch die Langsamkeit seiner

Gerinnung unterscheidet. =Polli= hat die so gerinnende Substanz

=Bradyfibrin= (langsames Fibrin) genannt. Solche Fälle kommen besonders

vor bei entzündlichen Erkrankungen der Respirationsorgane und geben am

Häufigsten Veranlassung zur Bildung einer =Speckhaut= (Crusta

phlogistica). Es ist bekannt, dass die gewöhnliche Crusta phlogistica

bei pneumonischem oder pleuritischem Blut um so leichter eintritt, je

wässeriger die Blutflüssigkeit ist, je mehr die Blutmasse an festen

Bestandtheilen verarmt ist, aber es ist wesentlich dabei, dass auch das

Fibrin langsam gerinnt. Wenn man mit der Uhr in der Hand den Vorgang

controlirt, so überzeugt man sich, dass bei der Crustenbildung eine sehr

viel längere Zeit vergeht, als bei der gewöhnlichen Gerinnung. Von

dieser häufigen Erscheinung, wie sie sich bei der gewöhnlichen

Crustenbildung der entzündlichen Blutmasse findet, zeigen sich nun

allmähliche Uebergänge zu einer immer längeren Dauer des

Flüssigbleibens.

Das Aeusserste dieser Art, was bis jetzt bekannt ist, geschah in einem

Falle, den =Polli= beobachtete. Bei einem an Pneumonie leidenden,

rüstigen Manne, welcher im Sommer, zu einer Zeit, welche gerade nicht

die äusseren Bedingungen für die Verlangsamung der Gerinnung darbietet,

in die Behandlung kam, gebrauchte das Blut, welches aus der geöffneten

Ader floss, acht Tage, ehe es anfing zu gerinnen, und erst nach 14 Tagen

war die Coagulation vollständig. Es fand sich dabei auch die andere, von

mir am pleuritischen Exsudat beobachtete Erscheinung, dass im

Verhältniss zu dieser späten Gerinnung eine ungewöhnlich späte

Zersetzung (Fäulniss) des Blutes stattfand.

Da nun Erscheinungen dieser Art überwiegend häufig bei Brustaffectionen

beobachtet werden, so überwiegend, dass man seit langer Zeit die

Speckhaut als Corium pleuriticum bezeichnet hat, so scheint daraus mit

einer gewissen Wahrscheinlichkeit hervorzugehen, dass das

Respirationsgeschäft einen bestimmenden Einfluss hat auf das Vorkommen

oder Nichtvorkommen der fibrinogenen Substanz im Blute. Jedenfalls setzt

sich die Eigenthümlichkeit, welche die Lymphe besitzt, unter Umständen

auf das Blut fort, so dass entweder das ganze Blut daran Antheil nimmt,

und zwar um so mehr, je grössere Störungen die Respiration erleidet,

oder dass neben dem gewöhnlichen, schnell gerinnenden Stoffe ein

langsamer gerinnender gefunden wird. Oft bestehen nehmlich zwei Arten

von Gerinnung in demselben Blute neben einander, eine frühe und eine

späte, namentlich in den Fällen, wo die direkte Analyse eine Vermehrung

des Faserstoffes, eine =Hyperinose= (=Franz Simon=) ergibt. Diese

hyperinotischen Zustände führen also darauf hin, dass bei ihnen eine

vermehrte Zufuhr von Lymphflüssigkeit zum Blute stattfindet, und dass

die Stoffe, welche sich nachher im Blute finden, nicht ein Product

innerer Umsetzung desselben sind, dass also die letzte Quelle des

Fibrins nicht im Blute selbst gesucht werden darf, sondern an jenen

Punkten, von welchen die Lymphgefässe die vermehrte Fibrinmasse

zuführen.

Zur Erklärung dieser Erscheinungen habe ich eine etwas kühne Hypothese

gewagt, welche ich jedoch für vollkommen discussionsfähig erachte,

nehmlich die, =dass das Fibrin, wenn es im Körper ausserhalb des Blutes

vorkommt, nicht immer als eine Abscheidung aus dem Blute zu betrachten

ist, sondern häufig als ein Local-Erzeugniss=, und ich habe versucht,

eine wesentliche Veränderung in der Auffassung der sogenannten

phlogistischen Krase in Beziehung auf die Localisation derselben

einzuführen[57]. Während man früher gewöhnt war, die veränderte Mischung

des Blutes bei der Entzündung als ein von vorn herein bestehendes und

namentlich durch primäre Vermehrung des Faserstoffes bezeichnetes Moment

zu betrachten, so habe ich vielmehr die Krase als ein von der localen

Entzündung abhängiges Ereigniss entwickelt. Gewisse Organe und Gewebe

besitzen an sich in höherem Grade die Eigenschaft, Fibrin zu erzeugen

und das Vorkommen von grossen Massen von Fibrin im Blute zu begünstigen,

während andere Organe ungleich weniger dazu geeignet sind.

[57] Handbuch der spec. Pathologie u. Therapie. 1854. I. 75.

Gesammelte Abhandlungen. 135.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 18 / 54 段