Gehen wir nun von den muskulösen Theilen der Gefässe über auf die

=elastischen=, so treffen wir da eine Eigenschaft, welche eine sehr

grosse Bedeutung hat, einerseits für die Venen, deren Thätigkeit an

vielen Stellen nur auf elastische Elemente beschränkt ist, andererseits

für die Arterien, insbesondere die Aorta und ihre grösseren Aeste. Bei

diesen hat die Elasticität der Wandungen den Effect, die Verluste,

welche der Blutdruck durch die systolische Erweiterung der Gefässe

erfährt, auszugleichen und den ungleichmässigen Strom, welchen die

stossweisen Bewegungen des Herzens erzeugen, in einen gleichmässigen

umzuwandeln. Wäre die Gefässhaut nicht elastisch, so würde unzweifelhaft

der Blutstrom sehr verlangsamt werden und zugleich durch die ganze

Ausdehnung des Gefässapparates bis in die Capillaren Pulsation bestehen;

es würde dieselbe stossweise Bewegung, welche im Anfange des

Aortensystems dem Blute mitgetheilt wird, sich bis in die kleinsten

Verästelungen erhalten. Allein jede Beobachtung, welche wir am lebenden

Thiere machen, lehrt uns, dass innerhalb der Capillaren der Strom ein

continuirlicher ist. Diese gleichmässige Fortbewegung wird dadurch

hervorgebracht, dass die Arterien in Folge der Elasticität ihrer

Wandungen den Stoss, welchen sie durch das eindringende Blut empfangen,

mit derselben Gewalt dem Blute zurückgeben, sonach während der Zeit der

folgenden Herz-Diastole einen regelmässigen Fortschritt des Blutes in

der Richtung zur Peripherie hin unterhalten.

Lässt die Elasticität des Gefässes erheblich nach, ohne dass zugleich

das Gefäss starr und unbeweglich wird (Verkalkung, Amyloidentartung), so

wird die Erweiterung, welche das Gefäss unter dem Drange des Blutes

empfängt, nicht wieder ausgeglichen; das Gefäss bleibt im Zustande der

Erweiterung, und es entstehen allmählich die bekannten Formen der

=Ektasie=, wie wir sie an den Arterien als Aneurysmen, an den Venen als

Varicen kennen. Es handelt sich bei diesen Zuständen nicht so sehr, wie

man in neuerer Zeit geschildert hat, um primäre Erkrankungen der innern

Haut, sondern um Veränderungen, welche in der elastischen und muskulären

mittleren Haut vor sich gehen. --

* * * * *

Wenn demnach die muskulösen Elemente der Arterien den gewichtigsten

Einfluss auf das Maass und die Art der Blutvertheilung in den einzelnen

Organen, die elastischen Elemente die grösste Bedeutung für die

Herstellung eines schnellen und gleichmässigen Stromes haben, so üben

sie doch nur eine mittelbare Wirkung auf die Ernährung der ausserhalb

der Gefässe selbst liegenden Theile aus, und wir werden für diese Frage

in letzter Instanz hingewiesen auf die mit =einfacher Membran versehenen

Capillaren=, ohne welche ja nicht einmal die Wandbestandtheile der

grösseren, mit Vasa vasorum versehenen Gefässe sich auf die Dauer zu

ernähren und zu erhalten vermöchten. In den letzten Decennien hat man

sich meist damit beholfen, dass man zwischen dem flüssigen Inhalte des

Gefässes und dem Safte (Parenchymflüssigkeit) der Gewebe

=Diffusionsströmungen= annahm: Endosmose und Exosmose. Die Gefässhaut

galt dabei als eine mehr oder weniger indifferente Membran, welche eben

nur eine Scheidewand zwischen zwei Flüssigkeiten bilde, die mit einander

in ein Wechselverhältniss treten. In diesem Verhältnisse aber würden die

zwei Flüssigkeiten wesentlich bestimmt durch ihre Concentration und ihre

chemische Mischung, so dass, je nachdem die innere oder äussere

Flüssigkeit concentrirter wäre, der Strom der Diffusion bald nach

aussen, bald nach innen ginge, und dass ausserdem je nach den chemischen

Eigenthümlichkeiten der einzelnen Säfte gewisse Modificationen in diesen

Strömen entständen. Im Allgemeinen ist jedoch gerade diese letztere,

mehr chemische Seite der Frage wenig berücksichtigt worden.

Nun lässt sieh nicht in Abrede stellen, dass es gewisse Thatsachen

giebt, welche auf eine andere Weise nicht wohl erklärt werden können,

namentlich wo es sich um sehr grobe Abänderungen in den

Concentrationszuständen der Säfte handelt. Dahin gehört jene Form von

Cataract, welche =Kunde= bei Fröschen künstlich durch Einbringung von

Salz in den Darmkanal oder in das Unterhautgewebe erzeugt hat. Dahin

gehören insbesondere jene Stasen im Gefässapparat, welche =Schuler=[36]

an amputirten Froschschenkeln durch Einwirkung von Salzlösungen

hervorbrachte. Allein in dem Maasse, als man sich beim physikalischen

Studium der Diffusions-Phänomene überzeugt hat, dass die Membran, welche

die Flüssigkeiten trennt, kein gleichgültiges Ding ist, sondern dass die

Natur derselben unmittelbar bestimmend wirkt auf die Fähigkeit des

Durchtritts der Flüssigkeiten, so wird man auch bei der Gefässhaut einen

solchen Einfluss nicht leugnen können. Indess darf man deshalb nicht so

weit gehen, dass man etwa der Gefässhaut die ganze Eigenthümlichkeit des

vasculären Stoffwechsels zuschriebe; am wenigsten darf man daraus

erklären wollen, warum gewisse Stoffe, welche in der Blutflüssigkeit

vertheilt sind, nicht allen Theilen gleichmässig zukommen, sondern an

einzelnen Stellen in grösserer, an anderen in kleinerer Masse, an

anderen gar nicht austreten. Diese Eigenthümlichkeiten hängen offenbar

ab einerseits von den Verschiedenheiten des Druckes, welcher auf der

Blutsäule einzelner Theile lastet, andererseits von den Besonderheiten

der Gewebe; namentlich wird man sowohl durch das Studium der

pathologischen, als besonders durch das Studium der pharmakodynamischen

Erscheinungen mit Nothwendigkeit dazu getrieben, gewisse =Affinitäten=

zuzulassen, welche zwischen bestimmten Geweben und bestimmten Stoffen

existiren, Beziehungen, welche auf chemische Eigenthümlichkeiten

zurückgeführt werden müssen, in Folge deren gewisse Theile mehr befähigt

sind, aus der Nachbarschaft und somit auch aus dem Blute gewisse

Substanzen anzuziehen, als andere.

[36] Würzburger Verhandl. 1854. IV. 248.

Betrachten wir die Möglichkeit solcher Anziehungen etwas genauer, so ist

es von einem besonderen Interesse, zu sehen, wie sich solche Theile

verhalten, die sich in einer gewissen Entfernung vom Gefässe befinden.

Lassen wir auf irgend einen Theil direkt einen bestimmten Reiz

einwirken, z. B. eine chemische Substanz, ich will annehmen, eine kleine

Quantität eines Alkali, so bemerken wir, dass kurze Zeit nachher der

Theil mehr »Ernährungsmaterial« aufnimmt, dass er schon in einigen

Stunden um ein Beträchtliches grösser wird, anschwillt und trübe wird.

Eine feinere Untersuchung ergiebt, dass die Elemente selbst solcher

Gewebe, welche in hohem Grade durchsichtig sind, wie die Hornhaut,

reichlich eine körnige, verhältnissmässig trübe Substanz enthalten, die

nicht etwa aus eingedrungenem Alkali, sondern ihrem wesentlichen Theile

nach aus Stoffen besteht, welche den Eiweisskörpern verwandt sind. Die

Beobachtung ergiebt, dass ein solcher Vorgang in allen gefässhaltigen

Theilen mit einer Hyperämie beginnt, so dass der Gedanke nahe liegt, die

Hyperämie oder Congestion sei das Wesentliche und Bestimmende. Wenn wir

aber die feineren Verhältnisse studiren, so ist es schwer zu verstehen,

wie das Blut, welches in den hyperämischen Gefässen ist, es machen soll,

um gerade nur auf den gereizten Theil einzuwirken, während andere

Theile, welche in viel grösserer Nähe an denselben Gefässen liegen,

nicht in derselben Weise getroffen werden. In allen Fällen, in welchen

die Gefässe der Ausgangspunkt von Störungen sind, welche im Gewebe

eintreten, finden sich auch die Störungen am meisten ausgesprochen in

der nächsten Umgebung der Gefässe und in dem Gebiete, welches diese

Gefässe versorgen (=Gefässterritorium=). Wenn wir einen reizenden, z. B.

einen faulenden Körper in ein Blutgefäss stecken, wie dies von mir in

der Geschichte der Embolie in grösserer Ausdehnung festgestellt ist, so

werden nicht etwa die vom Gefässe entfernten Theile der Hauptsitz der

activen Veränderung, sondern diese zeigt sich zunächst an der Wand des

Gefässes selbst und dann an den anstossenden Gewebs-Elementen[37].

Wenden wir aber den Reiz direkt auf das Gewebe an, so bleibt der

Mittelpunkt der Störung auch immer da, wo der Angriffspunkt des Reizes

liegt, gleichviel, ob Gefässe in der Nähe sind oder nicht.

[37] Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. 1856.

S. 294, 337, 456.

Wir werden darauf später noch zurückkommen; hier war es mir nur darum zu

thun, die Thatsache in ihrer Allgemeinheit vorzuführen, um den

gewöhnlichen, eben so bequemen als trügerischen Schluss zurückzuweisen,

dass die (an sich passive) Hyperämie bestimmend sei für die Ernährung

des Gewebes.

Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, um diesen, vom anatomischen

Standpunkte aus vollständig unhaltbaren Schluss zu widerlegen, so haben

wir in dem vorher erwähnten Experiment mit der Durchschneidung des

Sympathicus die allerbequemste Handhabe. Wenn man bei einem Thiere den

Sympathicus am Halse durchschneidet, so bildet sich eine Hyperämie in

der ganzen entsprechenden Kopfhälfte aus: die Gefässe sind stark

erweitert, das Ohr wird dunkelroth und heiss, die Conjunctiva und

Nasenschleimhaut strotzend injicirt. Diese Hyperämie kann Tage, Wochen,

Monate lang bestehen, ohne dass auch nur die mindeste gröbere nutritive

Störung daraus folgt; die Theile sind, obwohl mit Blut überfüllt, so

weit wir dies wenigstens bis jetzt übersehen können, in demselben

Ernährungs-Zustande wie vorher. Wenn wir Entzündungsreize auf diese

Theile appliciren, so ist das Einzige, was wir feststellen können, dass

die Entzündung schneller verläuft, ohne dass sie jedoch an sich oder in

der Art ihrer Producte wesentlich anders wäre als sonst[38].

[38] Handbuch der speciellen Pathologie. I. 151, 247. Gesammelte

Abhandl. S. 319.

Die grössere oder geringere Masse von Blut, welche einen Theil

durchströmt, ist also nicht als die einfache Ursache der Veränderung

seiner Ernährung zu betrachten. Es besteht wohl kein Zweifel darüber,

dass ein Theil, der sich in Reizung befindet und gleichzeitig mehr Blut

empfängt als sonst, auch mit grösserer Leichtigkeit mehr Material aus

dem Blute anziehen kann, als er sonst gekonnt haben würde oder als er

können würde, wenn sich die Gefässe in einem Zustande von Verengerung

und verminderter Blutfülle befänden. Wollte man gegen meine Auffassung

einwenden, dass bei hyperämischen Zuständen locale Blutentziehungen oft

die günstigsten Effecte hervorbringen, so ist das kein Gegenbeweis. Denn

es versteht sich von selbst, dass wir es einem Theile, dem wir das

Ernährungsmaterial abschneiden oder verringern, schwerer machen,

Material aufzunehmen, aber wir können ihn nicht umgekehrt dadurch, dass

wir ihm mehr Ernährungsmaterial darbieten, sofort veranlassen, mehr in

sich aufzunehmen; das sind zwei ganz verschiedene und auseinander zu

haltende Dinge. So nahe es auch liegt, und so gerne ich auch zugestehe,

dass es auf den ersten Blick etwas sehr Ueberzeugendes hat, aus der

günstigen Wirkung, welche die Abschneidung der Blutzufuhr auf die

Hemmung eines Vorganges hat, der unter einer Steigerung derselben

entsteht, auf die Abhängigkeit jenes Vorganges von dieser Steigerung der

Zufuhr zu schliessen, so meine ich doch, dass die praktische Erfahrung

nicht in dieser Weise gedeutet werden darf. Es kommt nicht so sehr

darauf an, dass, sei es in dem Blute als Ganzem, sei es in dem

Blutgehalte des einzelnen Theiles, eine quantitative Zunahme erfolgt, um

ohne Weiteres in der Ernährung des Theiles eine gleiche Zunahme zu

setzen, sondern es kommt meines Erachtens darauf an, dass entweder

besondere Zustände des Gewebes (Reizung) bestehen, welche die

Anziehungsverhältnisse desselben zu bestimmten Stoffen ändern, oder dass

besondere Stoffe (=specifische Substanzen=) in das Blut gelangen, auf

welche bestimmte Gewebe oder Theile von Geweben eine besondere Anziehung

ausüben.

Prüft man diesen Satz in Beziehung auf die humoralpathologische

Auffassung der Krankheiten, so ergiebt sich sofort, wie weit ich davon

entfernt bin, die Richtigkeit der humoralen Deutungen im Allgemeinen zu

bestreiten. Vielmehr hege ich die feste Ueberzeugung, dass besondere

Stoffe, welche in das Blut gelangen, einzelne Theile des Körpers zu

besonderen Veränderungen induciren können, indem sie in dieselben

aufgenommen werden vermöge der =specifischen Anziehung der einzelnen

Gewebe zu einzelnen Stoffen=[39]. Wir wissen, dass eine Reihe von

Substanzen existirt, welche, wenn sie in den Körper gebracht werden,

ganz besondere Anziehungen zum Nervenapparate darbieten, ja dass es

innerhalb dieser Reihe wieder Substanzen gibt, welche zu ganz bestimmten

Theilen des Nervenapparates nähere Beziehungen haben, einige zum Gehirn,

andere zum Rückenmark, zu den sympathischen Ganglien, einzelne wieder zu

besonderen Theilen des Gehirns, Rückenmarks u. s. w. Ich erinnere hier

an Morphium, Atropin, Worara, Strychnin, Digitalin. Andererseits nehmen

wir wahr, dass gewisse Stoffe eine nähere Beziehung haben zu bestimmten

Secretionsorganen, dass sie diese Secretionsorgane mit einer gewissen

Wahlverwandtschaft durchdringen, dass sie in ihnen abgeschieden werden,

und dass bei einer reichlicheren Zufuhr solcher Stoffe ein Zustand der

Reizung in diesen Organen stattfindet. Dahin gehören Harnstoff,

Kochsalz, Canthariden, Cubeben. Allein nothwendig setzt diese Annahme

voraus, dass die Gewebe, welche eine besondere Wahlverwandtschaft zu

besonderen Stoffen haben sollen, überhaupt existiren: eine Niere, die

ihr Epithel verliert, büsst damit auch ihre Secretionsfähigkeit für die

specifischen Stoffe ein. Jene Annahme setzt ferner voraus, dass die

Gewebe sich in ihrem natürlichen Zustande befinden: weder die kranke,

noch die todte Niere hat mehr die Affinität zu besonderen Stoffen,

welche die lebende und gesunde Drüse besass. Die Fähigkeit, bestimmte

Stoffe anzuziehen und umzusetzen, kann höchstens für eine kurze Zeit in

einem Organe erhalten, welches nicht mehr in einer eigentlich lebenden

Verfassung bleibt. Wir werden daher am Ende immer genöthigt, die

einzelnen Elemente als die wirksamen Factoren bei diesen Anziehungen zu

betrachten. Eine Leberzelle kann aus dem Blute, welches durch das

nächste Capillargefäss strömt, bestimmte Substanzen anziehen, aber sie

muss eben zunächst vorhanden und sodann ihrer ganz besonderen

Eigenthümlichkeit mächtig sein, um diese Anziehung ausüben zu können.

Wird das vitale Element verändert, tritt eine Krankheit ein, welche in

der molekularen, physikalischen oder chemischen Eigenthümlichkeit

desselben Veränderungen setzt, so wird damit auch seine Fähigkeit

geändert, diese besonderen Anziehungen auszuüben.

[39] Handb. der spec. Path. und Ther. I. 276.

Betrachten wir dies Beispiel noch genauer. Die Leberzellen stossen fast

unmittelbar an die Wand der Capillaren, nur geschieden durch eine dünne

und vielleicht nicht einmal continuirliche Schicht einer feinen

Bindegewebslage. Wollten wir uns nun denken, dass die Eigenthümlichkeit

der Leber, Galle abzusondern, bloss darin beruhte, dass hier eine

besondere Art der Gefäss-Einrichtung wäre, so würde dies in der That

nicht zu rechtfertigen sein. Aehnliche Netze von Gefässen, welche zu

einem grossen Theile venöser Natur sind, finden sich an manchen anderen

Orten z. B. an den Lungen. Die Eigenthümlichkeit der Gallenabsonderung

hängt offenbar ab von den Leberzellen, und nur so lange als das Blut in

nächster Nähe an Leberzellen vorüberströmt, besteht die besondere

Stoffanziehung, welche die Thätigkeit der Leber charakterisirt.

Enthält das Blut freies Fett, so nehmen nach einiger Zeit die

Leberzellen Fett in kleinen Partikelchen auf; wenn der Zufluss fortgeht,

so wird auch das Fett in den Zellen reichlicher und es scheidet sich

nach und nach in grösseren Tropfen innerhalb derselben ab (Fig. 29, _B_,

_b_). Was wir beim Fett wirklich sehen, das müssen wir uns bei vielen

anderen Substanzen, die sich in gelöstem Zustande befinden, denken,

z. B. bei vielen metallischen Giften, die wir auf chemischem Wege aus

dem Gewebe darstellen können. Immer aber wird es für die Aufnahme

solcher Stoffe wesentlich sein, dass in der Leber Zellen in einem ganz

bestimmten Zustande vorhanden sind; werden sie krank, entwickelt sich in

ihnen ein Zustand, welcher mit einer wesentlichen Veränderung ihres

Inhaltes verbunden ist, z. B. eine Atrophie, welche endlich das

Zugrundegehen der Theile bedingt, dann wird damit auch die Fähigkeit des

Organs, Stoffe aufzunehmen und abzuscheiden, insbesondere Galle zu

bilden, immer mehr beschränkt werden. Wir können uns keine Leber denken

ohne Leberzellen; diese sind, soviel wir wissen, das eigentlich

Wirksame, da selbst in Fällen, wo der Blutzufluss durch Verstopfung der

Pfortader beschränkt ist[40], Galle, wenn auch vielleicht nicht in

derselben Menge, abgesondert wird.

[40] Würzb. Verhandl. (1855). VII. 21.

Diese Erfahrung hat gerade an der Leber einen besonderen Werth, weil die

Stoffe, welche die Galle zusammensetzen, bekanntlich nicht im Blute

präformirt sind, wir also nicht einen Vorgang der einfachen Abscheidung,

sondern einen Vorgang der wirklichen Bildung für die Bestandtheile der

Galle in der Leber voraussetzen müssen. Diese Frage hat noch an

Interesse gewonnen durch die bekannte Beobachtung von =Bernard=, dass an

dieselben zelligen Elemente auch die Eigenschaft der Zuckerbildung

gebunden ist, welche in so colossalem Maassstabe dem Blute einen Stoff

zuführt, der auf die inneren Umsetzungs-Prozesse und auf die

Wärmebildung den entschiedensten Einfluss hat. Sprechen wir also von

Leberthätigkeit, so kann man in Beziehung sowohl auf die Zucker-, als

auf die Gallenbildung darunter nichts anderes meinen, als die Thätigkeit

der einzelnen Elemente (Zellen), und zwar eine Thätigkeit, die darin

besteht, dass sie aus dem vorüberströmenden Blute Stoffe anziehen, diese

Stoffe in sich umsetzen und dieselben in dieser umgesetzten Form

entweder an das Blut wieder zurückgeben, oder in Form von Galle den

Gallengängen überliefern.

Ich verlange nun für die Cellularpathologie nichts weiter, als dass

diese Auffassung, welche für die grossen Secretions-Organe nicht

vermieden werden kann, auch auf die kleineren Organe und auf die

Elemente angewendet werde, dass also einer Epithelzelle, einer

Linsenfaser, einer Knorpelzelle bis zu einem gewissen Maasse gleichfalls

die Möglichkeit zugestanden werde, aus den nächsten Gefässen, wenn auch

nicht immer direkt, sondern oft durch eine weite Transmission, je nach

ihrem besonderen Bedürfnisse, gewisse Quantitäten von Material zu

beziehen, und nachdem sie dasselbe in sich aufgenommen haben, es in sich

weiter umzusetzen, so zwar, dass entweder die Zelle für ihre eigene

Entwickelung daraus neues Material schöpft (=Assimilation=), oder dass

die Substanzen im Innern sich aufhäufen, ohne dass die Zelle davon

unmittelbar Nutzen hat (=Retention=), oder endlich, dass nach der

Aufnahme selbst ein Zerfallen der Zelleneinrichtung geschehen, ein

Untergang der Zelle eintreten kann (=Necrobiose=). Auf alle Fälle

scheint es mir nothwendig zu sein, dieser =specifischen Action der

Elemente=, gegenüber der specifischen Action der Gefässe, eine

überwiegende Bedeutung beizulegen, und das Studium der localen Prozesse

seinem wesentlichen Theile nach auf die Erforschung dieser Art von

Vorgängen zu richten. --

* * * * *

Mit diesen Ergebnissen können wir uns zu einer Kritik der

humoralpathologischen Systeme wenden, welche seit langer Zeit auf das

Studium der sogenannten =edleren Säfte=, gewissermaassen auf die Lehre

von der Ernährung im Grossen begründet wurden. Fasst man zunächst das

Blut in seiner normalen Wirkung auf die Ernährung ins Auge, so handelt

es sich dabei nicht so wesentlich um seine Bewegung, um das Mehr oder

Weniger von Zuströmen, sondern um seine innere Zusammensetzung. Bei

einer grossen Masse von Blut kann die Ernährung leiden, wenn die

Zusammensetzung desselben nicht dem natürlichen Bedürfnisse der Theile

entspricht; bei einer kleinen Masse von Blut kann die Ernährung

verhältnissmässig sehr günstig vor sich gehen, wenn jedes einzelne

Partikelchen des Blutes das günstigste Verhältniss der Mischung

besitzt.

Betrachtet man das Blut als Ganzes gegenüber den anderen Theilen, so ist

es das Gefährlichste, was man thun kann, das, was zu allen Zeiten die

meiste Verwirrung geschaffen hat, anzunehmen, dass man es hier mit einem

constanten, in sich unabhängigen Fluidum zu thun habe, von dem die

grosse Masse der übrigen Gewebe mehr oder weniger direkt abhängig sei.

Die meisten humoralpathologischen Sätze stützen sich auf die

Voraussetzung, dass gewisse Veränderungen, welche im Blute eingetreten

sind, mehr oder weniger dauerhaft seien, und gerade da, wo diese Sätze

praktisch am einflussreichsten gewesen sind, in der Lehre von den

=chronischen Dyscrasien=, pflegt man sich vorzustellen, dass die

Veränderung des Blutes eine continuirliche sei, ja, dass durch Vererbung

von Generation zu Generation eigenthümliche Veränderungen in dem Blute

übertragen werden und sich erhalten können.

Das ist meiner Meinung nach der Grundfehler, der eigentliche Angelpunkt

der Irrthümer. Nicht etwa, dass ich bezweifelte, dass eine veränderte

Mischung des Blutes anhaltend bestehen, oder dass sie sich von

Generation zu Generation fortpflanzen könnte, aber es scheint mir

unlogisch, zu glauben, dass sie sich =im Blute selbst= fortpflanzen und

dort erhalten kann, dass das Blut als solches der Träger der Dyscrasie

ist.

Meine cellularpathologischen Anschauungen unterscheiden sich darin von

den humoralpathologischen wesentlich, dass ich das Blut nicht als einen

dauerhaften und in sich unabhängigen, aus sich selbst sich

regenerirenden und sich fortpflanzenden Saft, sondern als ein in einer

constanten Abhängigkeit von anderen Theilen befindliches flüssiges

Gewebe betrachte. Man braucht nur dieselben Schlüsse, die man für die

Abhängigkeit des Blutes von der Aufnahme neuer Ernährungsstoffe vom

Magen her allgemein zulässt, auch auf die Untersuchung der Abhängigkeit

desselben von den Geweben des Körpers selbst anzuwenden. Wenn man von

einer Säuferdyscrasie spricht, so wird Niemand die Vorstellung haben,

dass Jeder, der einmal betrunken gewesen ist, eine permanente

Alkoholdyscrasie besitzt, sondern man denkt sich, dass, wenn immer neue

Mengen von Alkohol eingeführt werden, auch immer neue Veränderungen des

Blutes eintreten, so dass die Veränderung am Blute so lange bestehen

muss, als die Zufuhr von neuen schädlichen Stoffen geschieht, oder als

in Folge früherer Zufuhr einzelne Organe in einem krankhaften Zustande

verharren. Wird kein Alkohol mehr zugeführt, werden die Organe, welche

durch den früheren Alkoholgenuss beschädigt waren, zu einem normalen

Verhalten zurückgeführt, so ist kein Zweifel, dass damit die

Säuferdyscrasie zu Ende ist. Dieses Beispiel, angewendet auf die

Geschichte der übrigen Dyscrasien, erläutert ganz einfach den Satz,

=dass jede dauernde Dyscrasie abhängig ist von einer dauerhaften Zufuhr

schädlicher Bestandtheile von gewissen Punkten (Atrien oder Heerden)

her=. Wie eine fortwährende Zufuhr von schädlichen Nahrungsstoffen eine

dauerhafte Entmischung des Blutes setzen kann, eben so vermag die

dauerhafte Erkrankung eines bestimmten Organs dem Blute fort und fort

kranke Stoffe zuzuführen.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 15 / 54 段