_B_. Epithel von grösseren Venen. _a_, _a_ Grössere, granulirte, runde,

einkernige Zellen (farblose Blutkörperchen?). _b_, _b_ Längliche und

spindelförmige Zellen mit getheiltem Kern und Kernkörperchen. _c_

Grosse, platte Zellen mit zwei Kernen, von denen jeder drei

Kernkörperchen besitzt und in Theilung begriffen ist. _d_

Zusammenhängendes Epithel, die Kerne in progressiver Theilung, eine

Zelle mit sechs Kernen. Vergr. 320.]

Die Vertheilung des Blutes im Körper ist zunächst abhängig von der

Vertheilung der Gefässe innerhalb der einzelnen Organe. Indem die

Arterien sich in immer feinere Aeste auflösen, ändert sich allmählich

auch der Habitus ihrer Wandungen, so dass endlich feine Kanäle mit einer

scheinbar so einfachen Wand, wie sie überhaupt im Körper angetroffen

wird, sogenannte Haarröhrchen (Capillaren), daraus hervorgehen.

Histologisch ist dabei Folgendes zu bemerken:

Jede =Arterie= hat verhältnissmässig dicke Wandungen, und selbst an

denjenigen Arterien, die man mit blossem Auge eben noch als feinste

Fädchen verfolgen kann, unterscheidet man mit Hülfe des Mikroskopes

nicht bloss die bekannten drei Häute, sondern noch ausser diesen eine

feine Epithelialschicht, welche die innere Oberfläche bekleidet; sie

pflegt gewöhnlich nicht als eine besondere Haut bezeichnet zu werden.

Die innere und äussere Haut (Intima und Adventitia) sind wesentlich

Bindegewebsbildungen, welche in grösseren Arterien einen zunehmenden

Gehalt an elastischen Fasern erkennen lassen; zwischen ihnen liegt die

verhältnissmässig dicke, mittlere oder Ringfaserhaut, welche als Sitz

der Muskulatur fast den wichtigsten Bestandtheil der Arterienwand

ausmacht. Die Muskulatur findet sich am reichlichsten in den mittleren

und kleineren Arterien, während in den ganz grossen, namentlich in der

Aorta, elastische Blätter den überwiegenden Bestandtheil auch der

Ringfaserhaut ausmachen. An kleinen Arterien bemerkt man bei

mikroskopischer Untersuchung leicht innerhalb dieser mittleren Haut

(vergl. Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 54 _a_) kleine Quer-Abtheilungen,

entsprechend den einzelnen musculösen Faserzellen, welche so dicht um

das Gefäss herumliegen, dass wir Faserzelle neben Faserzelle fast ohne

irgend eine Unterbrechung finden. Die Dicke dieser Schicht kann man

durch die Begrenzung, welche sie nach innen und aussen durch

Längsfaserhäute erfährt, bequem erkennen; das einzige Täuschende sind

runde Zeichnungen, welche man hie und da in der Dicke der Ringfaserhaut,

aber nur am Rande der Gefässe (Fig. 28 _b_, _b_. Fig. 56 _m_, _m_)

erblickt, und welche wie eingestreute runde Zellen oder Kerne aussehen.

Dies sind die im scheinbaren Querschnitte gesehenen Faserzellen oder

deren Kerne. Am deutlichsten aber erkennt man die Lage der Media nach

Behandlung mit Essigsäure, welche in der Flächenansicht des Gefässes

längliche, quergelagerte Kerne in grosser Zahl hervortreten lässt.

[Illustration: =Fig=. 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der

Extensoren einer frisch amputirten Hand. _a_, _a_ Adventitia. _m_, _m_

Media mit starker Muskelhaut, _i_, _i_ Intima, theils mit Längsfalten,

theils mit Längskernen, an dem Seitenaste aus den durchrissenen äusseren

Häuten hervorstehend. Vergr. 300.]

Diese Schicht ist es, welche im Allgemeinen der Arterie ihre

Besonderheit gibt, und welche sie am deutlichsten unterscheidet von den

Venen. Freilich gibt es zahlreiche Venen im Körper, die bedeutende

Muskelschichten besitzen, z. B. die oberflächlichen Hautvenen, besonders

an den Extremitäten, indess tritt doch bei keiner derselben die

Muskelschicht als eine so deutlich abgegrenzte, gleichsam selbständige

Haut hervor, wie die Media der Arterien. Bei den kleineren Gefässen

beschränkt sich dieses Vorkommen einer deutlich ausgesprochenen

Ringfaserhaut wesentlich auf arterielle Gefässe, so dass man sofort

geneigt ist, wo man mikroskopisch einen solchen Bau findet, auch die

arterielle Natur des Gefässes anzunehmen.

Diese auch bei mikroskopischer Betrachtung immer noch grösseren

Arterien, die freilich selbst im gefüllten Zustande für das blosse Auge

nur als rothe Fäden erscheinen, gehen nach und nach in kleinere über.

Bei dreihundertmaliger Vergrösserung sehen wir sie sich in Aeste

auflösen, und auch auf diese setzen sich, selbst wenn sie sehr klein (im

vulgären Sinne schon capillar) sind, zunächst die drei Häute noch fort,

Erst an den kleinsten Aesten verschwindet endlich die Muskelhaut, indem

die Abstände zwischen den einzelnen Querfasern immer grösser werden und

zugleich immer deutlicher die innere Haut durch sie hindurchscheint,

deren längsliegende Kerne sich mit denen der mittleren unter einem

rechten Winkel kreuzen (Fig. 28 _D_, _E_). Auch die Adventitia oder

äussere Haut lässt sich noch eine Strecke weit verfolgen (an manchen

Stellen, wie am Gehirn, häufig durch Einstreuung von Fett oder Pigment

deutlicher bezeichnet, Fig. 28 _D_, _E_), bis endlich auch sie sich

verliert und nur die einfache Haar-Röhre übrig bleibt (Fig. 4, _c_). Die

Vermuthung würde also dafür sprechen, dass die eigentlichen

Capillar-Membranen mit der Intima der grösseren Gefässe zu vergleichen

wären, indess haben die neueren Erfahrungen (S. 60) vielmehr die

Anschauung genährt, dass auch die Intima der Arterien in den Capillaren

verschwinde und dass die Epithelialschicht zuletzt allein übrig bleibe.

Ich bemerke dabei ausdrücklich, dass die gewöhnliche Sprache der

Pathologen und noch mehr die der Aerzte den Ausdruck der Capillaren in

einer sehr willkürlichen Weise verwendet, und dass namentlich sehr

häufig Gefässe, die mit blossem Auge noch als Linien, Striche oder Netze

erkannt werden, Capillaren genannt werden. Dies sind jedoch in der Regel

wirkliche Arterien oder Venen: Capillaren im strengen Sinne des Wortes

sind makroskopisch unsichtbar. Man mag nun immerhin auch von =capillaren

Arterien= und =capillaren Venen= sprechen, indess folgen aus einem

solchen Sprachgebrauch leicht grosse Irrthümer, und derselbe ist daher

keineswegs empfehlenswerth. Man muss aber wissen, dass selbst in der

mikrographischen Sprache bis in die neueste Zeit hinein ähnliche

Verwechselungen sehr gewöhnlich waren und dass daraus manche

Missverständnisse sich erklären, welche bei einer strengeren

Terminologie leicht hätten vermieden werden können.

Innerhalb der eigentlich =capillären= Auflösung ist an den Gefässen

weiter nichts bemerkbar, als die früher schon erwähnten Kerne, deren

Längsausdehnung der Längsaxe des Gefässes entspricht, und welche so in

die Gefässwand eingesetzt sind, dass man eine zellige Abtheilung um sie

herum ohne besondere chemische Hülfsmittel nicht weiter zu erkennen

vermag. Die Gefässhaut erscheint hier ganz gleichmässig, absolut homogen

und absolut continuirlich (Fig. 4, _c_). Während man noch vor 20 Jahren

darüber discutirte, ob es nicht Gefässe gäbe, welche keine eigentlichen

Wandungen hätten und nur Aushöhlungen, Ausgrabungen des Parenchyms[30]

der Organe seien, sowie darüber, ob Gefässe dadurch entstehen könnten,

dass von den alten Lichtungen aus sich neue Bahnen durch

Auseinanderdrängen des benachbarten Parenchyms eröffneten, so ist heut

zu Tage kein Zweifel mehr, dass das menschliche Gefässsystem, mit

Ausnahme der Milz und der mütterlichen Placenta, überall continuirlich

durch Membranen geschlossen ist. An diesen Membranen ist es nicht mehr

möglich, eine Porosität zu sehen. Selbst die feinen Poren, welche man in

der letzten Zeit an verschiedenen anderen Theilen wahrgenommen, haben

bis jetzt an der Gefässhaut kein Analogon gefunden; wenn man von der

Porosität der Gefässwand spricht, so kann dies nur in physikalischem

Sinne von unsichtbaren, eigentlich molekularen Interstitien oder in grob

mechanischem Sinne von wirklichen Continuitätstrennungen geschehen. Eine

Collodiumhaut erscheint nicht homogener, nicht continuirlicher, als die

Capillarhaut. Eine Reihe von Möglichkeiten, die man früher zuliess,

z. B. dass an gewissen Punkten die Continuität der Capillarmembran nicht

bestände, fallen einfach weg. Von einer »Transsudation« oder Diapedese

des Blutes durch die Gefässhaut, ohne Ruptur oder Hiatus derselben, kann

gar nicht weiter die Rede sein. Denn obwohl wir die Rupturstelle oder

Spalte nicht in jedem einzelnen Falle anatomisch nachweisen können, so

ist es doch ganz undenkbar, dass das Blut mit seinen Körperchen anders,

als durch ein Loch in der Gefässwand austreten könne. Dies versteht sich

nach histologischen Erfahrungen so sehr von selbst, dass darüber keine

Discussion zulässig ist.

[30] Um vielfachen, an mich ergangenen Anfragen über die Bedeutung des

Wortes Parenchym zu genügen, verweise ich auf =Galenus= de

temperamentis Lib. II. cap. 3. viscerum propriam substantiam

Erasistratus parenchyma vocat.

Nachdem die Capillaren eine Zeit lang fortgegangen sind, so setzen sich

nach und nach aus ihnen kleine =Venen= zusammen, welche gewöhnlich in

nächster Nähe der Arterien zurücklaufen (Fig. 54, _v_). Nicht ganz

selten wird eine Arterie von zwei Venen begleitet, die zu beiden Seiten

derselben liegen. An den Venen fehlt im Allgemeinen die

charakteristische Ringfaserhaut der Arterien, oder sie ist wenigstens

sehr viel weniger ausgebildet. Dafür trifft man in der Media der

stärkeren Venen derbere Lagen, die sich nicht so sehr durch die

Abwesenheit von Muskel-Elementen, als durch das reichlichere Vorkommen

longitudinell verlaufender elastischer Fasern charakterisiren; je nach

den verschiedenen Localitäten zeigen sie verschiedene Mächtigkeit. Nach

innen folgen dann die weicheren und feineren Bindegewebslagen der

Intima, und auf dieser findet sich wieder zuletzt ein plattes,

ausserordentlich durchscheinendes Epitheliallager, das am Schnittende

sehr leicht aus dem Gefässe hervortritt und oft den Eindruck von

Spindelzellen macht, so dass es leicht verwechselt werden kann mit

spindelförmigen Muskelzellen (Fig. 57). Die kleinsten Venen besitzen ein

ähnliches Epithel, bestehen aber ausserdem eigentlich ganz aus einem mit

Längskernen versehenen Bindegewebe (Fig. 54, _v_).

[Illustration: =Fig=. 57. Epithel der Nierengefässe. _A_. Flache, längs

gefaltete Spindelzellen mit grossen Kernen vom Neugebornen. _B_.

Bandartige, fast homogene Epithelplatte mit Längskernen vom Erwachsenen.

Vergr. 350.]

Diese Verhältnisse erleiden keine wesentliche Aenderung, wenn auch die

einzelnen Theile des Gefässapparates die äusserste Vergrösserung

erfahren. Am besten sieht man dies bei der =Schwangerschaft=, wo nicht

bloss am Uterus, sondern auch an der Scheide, an den Tuben und

Eierstöcken, sowie an den Mutterbändern sowohl die grossen und kleinen

Arterien und Venen, als auch die Capillaren eine so beträchtliche

Erweiterung zeigen, dass das übrige Gewebe, trotzdem dass es sich

gleichfalls nicht unerheblich vergrössert, dadurch wesentlich in den

Hintergrund gedrängt wird. Indess eignen sich doch gerade Theile des

puerperalen Geschlechtsapparates vortrefflich dazu, das Verhältniss der

Gewebs-Elemente zu den Gefässbezirken zu übersehen. An den Fimbrien der

Tuben sieht man innerhalb der Schlingennetze, welche die sehr weiten

Capillaren gegen den Rand hin bilden, immer noch eine grössere Zahl von

grossen Bindegewebszellen zerstreut, von denen nur einzelne den Gefässen

unmittelbar anliegen. In den Eierstöcken, besonders aber an den Alae

vespertilionum findet man ausserdem sehr schön ein Verhältniss, welches

sich an den Anhängen des Generations-Apparates öfter wiederholt, ähnlich

dem, wie wir es beim Scrotum betrachtet haben (S. 137); die Gefässe

werden nehmlich von ziemlich beträchtlichen Zügen glatter Muskeln

begleitet, welche nicht ihnen angehören, sondern nur dem Gefässverlaufe

folgen und zum Theil die Gefässe in sich aufnehmen. Es ist dies ein

äusserst wichtiges Element, insofern die Contractionsverhältnisse jener

Ligamente, welche man gewöhnlich nicht als muskulös betrachtet,

keinesweges bloss den Blutgefässen zuzuschreiben sind, wie erst

neuerlich =James Traer= nachzuweisen gesucht hat; vielmehr gehen

reichliche Züge von Muskeln mitten durch die Ligamente fort, welche in

Folge davon bei der menstrualen Erregung in gleicher Weise die

Möglichkeit zu Zusammenziehungen darbieten, wie wir sie an den äusseren

Abschnitten der Geschlechtswege mit so grosser Deutlichkeit wahrnehmen

können. An der weiblichen Scheide habe ich im Prolapsus auf mechanische

oder psychische Erregungen eben so starke Querrunzelungen auftreten und

bei Nachlass derselben wieder verschwinden sehen, wie es am männlichen

Scrotum bekannt ist. --

Wenn man nun die Frage aufwirft, welche Bedeutung die einzelnen Elemente

der Gefässe in dem Körper haben, so versteht es sich von selbst, dass

für die gröberen Vorgänge der Circulation die contractilen Elemente die

grösste Bedeutung haben, dass aber auch die elastischen Theile und die

einfach permeablen homogenen Häute auf viele Vorgänge einen bestimmenden

Einfluss ausüben[31]. Betrachten wir zunächst die Bedeutung der

=muskulösen Elemente= und zwar an denjenigen Gefässen, welche

hauptsächlich damit versehen sind, an den Arterien.

[31] Man vergleiche für die Special-Behandlung der hierher gehörigen

Fragen den Abschnitt über die örtlichen Störungen des Kreislaufes in

dem von mir herausgegebenen Handbuche der speciellen Pathologie und

Therapie. Erlangen, 1854. I. 95 ff.

Wenn eine Arterie irgend eine Einwirkung erfährt, welche eine

Zusammenziehung ihrer Muskeln hervorruft, so wird natürlich das Gefäss

sich verengern müssen, da die contractilen Zellen der Media ringförmig

um das Gefäss herumliegen; die Verengerung kann erfahrungsgemäss unter

Umständen bis fast zum Verschwinden des Lumens gehen. Die natürliche

Folge wird dann sein, dass in den betreffenden Körpertheil weniger Blut

gelangt. Wenn also eine Arterie auf irgend eine Weise einem

pathologischen Irritans zugänglich, oder wenn sie auf physiologischem

Wege excitirt und zur Thätigkeit angeregt wird, so kann diese Thätigkeit

nur darin bestehen, dass ihre Lichtung enger und die Blutzufuhr

erschwert wird. Man könnte freilich, nachdem man die Muskel-Elemente der

Gefässwandungen erkannt hat, den alten Satz wieder aufnehmen, dass die

Gefässe, wie das Herz, eine Art von rhythmischer, pulsirender, oder gar

peristaltischer Bewegung erzeugten, welche im Stande wäre, die

Fortbewegung des Blutes direct zu fördern, so dass eine arterielle

Hyperämie durch eine vermehrte selbständige Pulsation (Propulsion) der

Gefässe hervorgebracht würde.

Es ist allerdings eine einzige Thatsache bekannt, welche eine wirkliche

rhythmische Bewegung der Arterienwandungen beweist; =Schiff= hat

dieselbe zuerst an dem Ohre der Kaninchen beobachtet. Allein sie

entspricht keineswegs dem Rhythmus der bekannten Arterien-Pulsation; ihr

einziges Analogen findet sich in den Bewegungen, welche schon früher von

=Wharton Jones= an den Venen der Flughäute von Fledermäusen entdeckt

worden waren, aber diese gehen in einer äusserst langsamen und ruhigen

Weise vor sich. Ich habe diese Erscheinung an Fledermäusen studirt und

mich überzeugt, dass der Rhythmus weder mit der Herzbewegung, noch mit

der respiratorischen Bewegung zusammenfällt; es ist eine ganz

eigenthümliche, verhältnissmässig nicht sehr ausgiebige Contraction,

welche in ziemlich langen Pausen, in längeren als die Circulation, in

kürzeren als die Respiration, erfolgt[32]. Auch die Zusammenziehungen

der Arterien am Kaninchenohr sind ungleich langsamer, als die Herz- und

Respirations-Bewegungen.

[32] Mein Archiv XXVII. S. 224.

Unzweifelhaft sind dies selbständige Pulsationen der Gefässe, aber sie

lassen sich nicht in der Weise verwerthen, dass die frühere Ansicht von

dem localen Zustandekommen der mit den Herzbewegungen isochronischen

Pulsation dadurch gestützt werden könnte. Die Beobachtung ergiebt

vielmehr, dass die Muskulatur eines Gefässes auf jeden Reiz, der sie in

Action setzt, sich zusammenzieht, dass aber diese Zusammenziehung sich

nicht in peristaltischer Weise fortpflanzt, sondern sich auf die

gereizte Stelle beschränkt, höchstens sich ein wenig nach beiden Seiten

darüber hinaus erstreckt, und an dieser Stelle eine gewisse Zeit lang

anhält. Je muskulöser das Gefäss und je direkter der Reiz ist, um so

dauerhafter und ergiebiger wird die Contraction, um so stärker die

Hemmung, welche die Strömung des Blutes dadurch erfährt. Je kleiner die

Gefässe sind, je mehr vorübergehend der Reiz war, um so schneller sieht

man dagegen auf die Contraction eine Erweiterung folgen, welche aber

nicht wiederum von einer Contraction gefolgt ist, wie es für das

Zustandekommen einer Pulsation nothwendig wäre, sondern welche mehr oder

weniger lange fortbesteht. Diese Erweiterung ist nicht eine active,

sondern eine passive, hervorgebracht durch den Druck des Blutes auf die

(durch die erste Contraction) ermüdete, weniger Widerstand leistende

Gefässwand.

Untersucht man nun die Erscheinungen, welche man gewöhnlich unter dem

Namen der =activen Hyperämien oder Congestionen= zusammenfasst[33], so

kann kein Zweifel darüber sein, dass die Muskulatur der Arterien

wesentlich dabei betheiligt ist. Sehr gewöhnlich handelt es sich dabei

um Vorgänge, wo die Gefässmuskeln gereizt wurden, wo aber der

Contraction alsbald ein Zustand der Relaxation folgt, wie er in gleich

ausgesprochener Weise sich an den übrigen Muskeln selten vorfindet, ein

Zustand, der offenbar eine Art von Ermüdung oder Erschöpfung ausdrückt,

und der um so anhaltender zu sein pflegt, je energischer der Reiz war,

welcher einwirkte. An kleinen Gefässen mit wenig Muskelfasern sieht es

daher öfters so aus, als ob die Reize keine eigentliche Verengerung

hervorriefen, da man überaus schnell eine Erschlaffung und Erweiterung

eintreten sieht, welche längere Zeit andauert und ein vermehrtes

Einströmen des Blutes möglich macht.

[33] Handbuch der spec. Path. I. 141.

Diese selben Vorgänge der Relaxation können wir experimentell am

leichtesten herstellen dadurch, dass wir die Gefässnerven eines Theiles

durchschneiden, während wir die Verengerung (abgesehen von den Methoden

der direkten Reizung) in sehr grosser Ausdehnung erzeugen, indem wir die

Gefässnerven einem sehr energischen Reiz unterwerfen. Dass man diese Art

von Verengerung so spät kennen gelernt hat, erklärt sich daraus, dass

die Nervenreize sehr gross sein müssen, indem, wie =Claude Bernard=

gezeigt hat, nur starke elektrische Ströme dazu ausreichen. Andererseits

sind die Verhältnisse nach Durchschneidung der Nerven an den meisten

Theilen so complicirt, dass die Erweiterung und Durchschneidung der

Gefässnerven der Beobachtung sich entzogen hat, bis gleichfalls durch

=Bernard= der glückliche Punkt entdeckt und in der Durchschneidung der

sympathischen Nerven am Halse der Experimentation ein zuverlässiger und

bequemer Beobachtungsort erschlossen wurde.

[Illustration: =Fig=. 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner

Gefässe aus der Schwimmhaut des Frosches. Copie nach =Wharton Jones=.]

Mag die Erweiterung des Gefässes, oder, mit anderen Worten, die

Relaxation der Gefässmuskeln unmittelbar durch eine Lähmung der Nerven,

durch eine Unterbrechung oder Hemmung des Nerveneinflusses

hervorgebracht sein, oder mag sie die mittelbare Folge einer

vorausgegangenen Reizung sein, welche eine Ermüdung setzte, in jedem

Falle ist sie bedingt durch eine Art von Paralyse der Gefässwand. Active

Hyperämie ist daher insofern eine falsche Bezeichnung, als der Zustand

der Gefässe dabei ein vollständig passiver ist. Alles, was man auf die

dabei vorausgesetzte Activität der Gefässe gebaut hat, ist, wenn nicht

gerade auf Sand gebaut, doch äusserst unsicher; alle weiteren Schlüsse,

die man daraus gezogen hat in Beziehung auf die Bedeutung, welche die

Thätigkeit der Gefässe für die Ernährungs-Verhältnisse der Theile selbst

haben sollte, fallen in sich selbst zusammen.

Wenn eine Arterie wirklich in Action ist, so macht sie keine Hyperämie;

im Gegentheil, je kräftiger sie agirt, um so mehr bedingt sie Anämie des

Theils, oder, wie ich es bezeichnet habe, Ischämie[34]. Die geringere

oder grössere Thätigkeit der Arterie bestimmt das Mehr oder Weniger von

Blut, welches in der Zeiteinheit in einen gegebenen Theil einströmen

kann. =Je thätiger das Gefäss, um so geringer die Zufuhr=. Haben wir

aber eine Reizungs-Hyperämie, d. h. eine vermehrte Zufuhr durch ermüdete

und daher passiv erweiterte Arterien, so kommt es therapeutisch gerade

darauf an, die Gefässe in einen Zustand von Thätigkeit zu versetzen, in

welchem sie im Stande sind, dem andrängenden Blutstrome Widerstand

entgegenzusetzen. Das leistet uns der sogenannte =Gegenreiz=, ein

höherer Reiz an einem schon gereizten Theile, welcher die erschlaffte

Gefässmuskulatur zu dauernder Verengerung anregt, dadurch die Blutzufuhr

verkleinert und die Regulation der Störung vorbereitet. Gerade da, wo am

meisten die Reaction, d. h. die regulatorische Thätigkeit in Anspruch

genommen wird, da handelt es sich darum, jene Passivität zu überwinden,

welche die (sogenannte active) Hyperämie unterhält.

[34] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. I. 122.

Längere Zeit hindurch betrachtete man es als unmöglich, dass die

Strömung in erweiterten Gefässen eine beschleunigte sei. Man bezog sich

auf die bekannte hydraulische Erfahrung, dass die Stromschnelligkeit in

einer erweiterten Röhre ab-, in einer verengerten zunehme. Allein man

übersah dabei, dass es sich am Gefässapparat nicht um einfache Röhren,

sondern um ein System communicirender Röhren handelt, und dass

keineswegs gleiche Mengen von Blut in der Zeiteinheit in jeden einzelnen

Theil dieses Systems einströmen. Die hydraulischen Verhältnisse sind

ganz verschieden, je nachdem wir den Stamm sei es der Aorta, sei es der

Lungenarterie oder irgend einen mehr peripherischen Arterienast ins Auge

fassen. Eine Verengerung des Stammes der Aorta oder der Lungenarterie

wird sicherlich die Beschleunigung des Blutstroms an der verengten

Stelle, eine Erweiterung die Verlangsamung desselben zur Folge haben.

Wenn aber ein arterieller Ast im Bein oder in der Lunge sich verengert,

so wird das an der Verengerungsstelle in seiner Fortbewegung

beeinträchtigte Blut mit grösserer Kraft den collateralen Aesten

zuströmen und hier sich einen leichteren Abfluss eröffnen. Wir finden

dann neben der Ischämie das, was ich die =collaterale Fluxion= genannt

habe[35]. --

[35] Handb. der spec. Pathol. u. Ther. I. 122, 129, 142, 173.

* * * * *

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 14 / 54 段