An den meisten Orten liegen darin zahlreiche Arterien, Venen und

Capillaren, und die Einrichtung für die Ernährung ist die

allergünstigste von der Welt. Trotzdem besteht auch hier neben den

Blutgefässen überall eine feinere Einrichtung der Ernährungswege genau

in derselben Art, wie wir sie eben kennen gelernt haben, nur dass, je

nach dem besonderen Bedürfnisse, an einzelnen Theilen eine

eigenthümliche Veränderung der Zellen stattfindet, indem nach und nach

an die Stelle der einfachen Zellennetze und Zellenfasern eine compactere

Bildung tritt, welche durch eine direkte Umwandlung daraus hervorgeht,

das sogenannte =elastische Gewebe=.

[Illustration: =Fig=. 52. Elastische Netze und Fasern aus dem

Unterhautgewebe vom Bauche einer Frau. _a_, _a_ grosse, elastische Körper

(Zellkörper) mit zahlreichen anastomosirenden Ausläufern. _b_, _b_ dichte

elastische Faserzüge, an der Grenze grösserer Maschenräume. _c_, _c_

mittelstarke Fasern, am Ende spiralig retrahirt. _d_, _d_ feinere

elastische Fasern, bei _e_ feinspiralig zurückgezogen. Vergr. 300.]

Wenige Monate, nachdem ich meine ersten Beobachtungen über die Zellen

und Röhrensysteme der Bindesubstanzen mitgetheilt hatte,

veröffentlichte =Donders= seine Beobachtungen über die Umbildung der

Bindegewebszellen in elastische Elemente, -- eine Erfahrung, welche für

die Vervollständigung der Geschichte des Bindegewebes von grosser

Bedeutung geworden ist. Wenn man nehmlich an solchen Punkten untersucht,

wo das Bindegewebe grossen Dehnungen ausgesetzt ist, wo es also eine

grosse Widerstandsfähigkeit besitzen muss, so findet man in derselben

Anordnung und Verbreitung, welche sonst die Zellen und Zellenröhren des

Bindegewebes darbieten, elastische Fasern, und man kann nach und nach

die Umbildung der einen in die anderen so verfolgen, dass es nicht

zweifelhaft bleibt, dass nicht bloss die feineren (=Henle='s sogenannte

Kernfasern, Fig. 20 und 22), sondern auch die gröberen elastischen

Fasern direkt durch eine chemische Veränderung und Verdichtung der Wand

von Bindegewebskörperchen hervorgehen. Da, wo ursprünglich eine

einfache, mit langen Fortsätzen versehene Zelle lag, da sehen wir nach

und nach die Membran nach innen hin an Dicke zunehmen und das Licht

stärker brechen, während der eigentliche Zelleninhalt sich immer mehr

reducirt und endlich verschwindet. Das ganze Gebilde wird dabei

gleichmässiger, gewissermaassen sklerotisch und erlangt gegen Reagentien

eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit, so dass nur die stärksten

Caustica nach längerer Einwirkung dasselbe zu zerstören im Stande sind,

während es den kaustischen Alkalien und Säuren in der bei

mikroskopischen Untersuchungen gebräuchlichen Concentration vollkommen

widersteht. Je weiter diese Umwandlung fortschreitet, um so mehr nimmt

die Elasticität der Theile zu, und wir finden in den Schnitten diese

Fasern gewöhnlich nicht gerade oder gestreckt, sondern gewunden,

aufgerollt, spiralig gedreht oder kleine Zikzaks bildend (Fig. 52, _c_,

_e_). Dies sind die Elemente, welche vermöge ihrer grossen Elasticität

Retractionen derjenigen Theile bedingen, an welchen sie in grösserer

Masse vorkommen, z. B. der Arterien, der elastischen Bänder. Man

unterscheidet gewöhnlich feine elastische Fasern, welche eben die grosse

Verschiebbarkeit besitzen, von den breiteren, welche keine gewundenen

Formen annehmen. Der Entstehung nach scheint indess zwischen beiden

Arten kein Unterschied zu sein; meiner Meinung nach gehen beide aus

Bindegewebszellen hervor und die spätere Anordnung wiederholt die

ursprüngliche Anlage. An die Stelle eines Gewebes, welches aus

Grundsubstanz und einem maschigen, anastomosirenden Zellengewebe

besteht, tritt nachher ein Gewebe, dessen Grundsubstanz durch grosse

elastische Maschennetze mit höchst compacten und derben Fasern

abgetheilt wird.

Ich will damit jedoch keineswegs behauptet haben, dass alle Dinge,

welche man gelegentlich elastische Fasern nennt, auf dieselbe Weise

entstehen. Im Netzknorpel wird die Intercellularsubstanz von sehr

starken, rauhen Fasern durchsetzt, welche die gewöhnlich runden Zellen

umziehen, aber weder einen Zusammenhang mit ihnen haben, noch aus ihnen

hervorgehen. Manche neuere Beobachter sind der Meinung, dass in

ähnlicher Weise auch die elastischen Fasern des Bindegewebes Producte

der Intercellularsubstanz seien. Dieses scheint mir unrichtig zu sein.

Allerdings verdichtet sich auch die Intercellularsubstanz des

Bindegewebes an gewissen Orten zu einer homogenen, glasartigen,

=strukturlosen Membran= von ganz ähnlichem Aussehen, wie die elastischen

Fasern. Dahin gehören namentlich die sogenannten =Tunicae propriae= der

Drüsenkanäle, z. B. der Niere, der Schweissdrüsen, für welche die

englische Terminologie den Namen der Basement membranes eingeführt hat.

Dahin scheint auch das Sarkolemm der Muskelprimitivbündel zu zählen zu

sein, welches allerdings den Eindruck einer Zellmembran macht, welches

aber erst im Laufe der späteren Entwickelung mehr hervortritt und

gelegentlich z. B. in den Trichinen-Kapseln eine kolossale Dicke

erreicht. Manche dieser Bildungen hat man, nach Analogie der Chitinhäute

niederer Thiere, als eine Ausscheidung der Zellen, als sogenannte

=Cuticulae= aufgefasst, indess passt diese Bezeichnung nur für solche

Häute, welche nach aussen von den Zellen liegen, nicht für solche,

welche, wie die Tunicae propriae der Drüsenkanäle, nach innen von

denselben sich befinden. Wenn ich daher für die elastischen Membranen

eine Ableitung derselben aus der Intercellularsubstanz zulasse, so halte

ich doch daran fest, dass die eigentlichen elastischen Fasern aus den

Zellkörpern des Bindegewebes entstehen.

Bis jetzt ist nicht mit Sicherheit ermittelt, ob die Verdichtung

(Sklerose) der Zellen bei dieser Umwandlung so weit fortgeht, dass ihre

Leitungsfähigkeit völlig aufgehoben, ihr Lumen ganz beseitigt wird, oder

ob im Innern eine kleine Höhlung übrig bleibt. Auf Querschnitten feiner

elastischer Fasern sieht es so aus, als ob das Letztere der Fall sei,

und man könnte sich daher vorstellen, dass bei der Umbildung der

Bindegewebskörperchen in elastische Fasern eben nur eine Verdichtung und

Verdickung mit gleichzeitiger chemischer Umwandlung an ihren äusseren

Theilen stattfände, schliesslich jedoch ein Minimum des Zellenraumes

übrig bliebe. Was für eine Substanz es ist, welche die elastischen

Theile bildet, ist nicht ermittelt, weil sie absolut unlöslich ist; man

kennt von der chemischen Natur dieses Gewebes nichts, als einen Theil

seiner Zersetzungs-Produkte. Daraus lässt sich aber weder seine

Zusammensetzung, noch seine chemische Stellung zu den übrigen Geweben

beurtheilen.

Elastische Fasern finden sich überaus verbreitet in der äusseren Haut

(=Cutis=), namentlich in den tieferen Schichten der eigentlichen

Lederhaut; sie bedingen hauptsächlich die ausserordentliche Resistenz

dieses Theiles, die sich auch nach dem Tode erhält und von der die Güte

der Schuhsohlen und anderer, starker Abnutzung ausgesetzter, aus Leder

gefertigter Geräthe abhängt. Die verschiedene Festigkeit der einzelnen

Schichten der Haut beruht wesentlich auf ihrem grösseren oder geringeren

Gehalt an elastischen Fasern. Den oberflächlichsten Theil der Cutis

dicht unter dem Rete Malpighii bildet der Papillarkörper, worunter man

nicht nur die Papillen selbst, sondern auch eine Lage von flach

fortlaufender Cutissubstanz mit kleinen Bindegewebskörperchen zu

verstehen hat. In die Papillen selbst steigen nur feine elastische

Fasern und zwar in Bündelform auf. In der Basis der Papillen erscheinen

dann zuerst feine und enge Maschennetze (Fig. 17, _P_, _P_), welche nach

der Tiefe zu mit dem sehr dicken und groben elastischen Netz

zusammenhängen, welches den mittleren, am meisten festen Theil der Haut,

die eigentliche =Lederhaut= (Derma) durchsetzt. Darunter folgt endlich

ein noch gröberes Maschennetz innerhalb der weniger dichten, aber

immerhin noch sehr soliden, unteren Schicht der Cutis, welche endlich in

das Fett- oder Unterhautgewebe (die =Unterhaut=) übergeht.

Wo eine solche Umwandlung der Bindegewebskörperchen in elastisches

Gewebe stattgefunden hat, da trifft man manchmal fast gar keine

deutlichen Zellen mehr. So ist es nicht bloss an der Cutis, sondern auch

namentlich an gewissen Stellen der mittleren Arterienhaut, namentlich

der Aorta. Hier wird das Netz von elastischen Fasern so überwiegend,

dass es nur bei grosser Sorgfalt möglich ist, hier und da feine zellige

Elemente dazwischen zu entdecken. In der Cutis dagegen findet man neben

den elastischen Fasern eine etwas grössere Menge von kleinen Elementen,

die ihre zellige Natur noch erhalten haben, allerdings in äusserst

minutiöser Grösse, so dass man danach besonders suchen muss. Sie liegen

gewöhnlich in den Räumen, welche von den grossmaschigen Netzen der

elastischen Fasern umgrenzt werden; sie bilden hier entweder ein

vollkommen anastomotisches, kleinmaschiges System, oder sie erscheinen

auch wohl als mehr gesonderte, rundlich-ovale Gebilde, indem die

einzelnen Zellen nicht deutlich mit einander in Verbindung stehen. Dies

ist namentlich in dem Papillarkörper der Haut der Fall, der sowohl in

seiner ebenen Schicht, als in den Papillen zahlreiche kernhaltige Zellen

führt, im geraden Gegensatze zu der zugleich mehr gefässarmen

eigentlichen Lederhaut. Es bedarf der Papillarkörper einer ungleich

zahlreicheren Menge von Gefässen, da diese zugleich das

Ernährungsmaterial für das ganze, über der Papille liegende und für sich

gefässlose Oberhautstratum liefern müssen. Trotz der verhältnissmässigen

Grösse dieser Gefässe bleibt doch nur eine kleine Menge Ernährungssaft

der Papille als solcher zur Disposition. Jeder Papille entspricht daher

ein gewisser Abschnitt der darüber liegenden Oberhaut, welcher mit der

Papille zusammen einen einzigen =vasculären oder Ernährungsbezirk=

darstellt. Innerhalb dieses Bezirkes zerfällt sowohl die Oberhaut, als

auch die Papille als solche wieder in so viele Elementar-

(histologische) Territorien, als überhaupt Elemente (Zellen) darin

vorhanden sind.

[Illustration: =Fig=. 53. Injectionspräparat von der Haut, senkrechter

Durchschnitt. _E_ Epidermis, _R_ Rete Malpighii, _P_ die Hautpapillen

mit den auf- und absteigenden Gefässen (Schlingen). _C_ Cutis. Vergr.

11.]

Die =Unterhaut= (tela subcutanea) besteht an den meisten Stellen des

Körpers keineswegs, wie man noch jetzt so häufig hört, aus Zellgewebe,

sondern aus Fettgewebe (panniculus adiposus). Sie verhält sich in dieser

Beziehung ganz ähnlich, wie an sehr vielen Orten das =subseröse= Gewebe,

welches gleichfalls eine vorwiegende Neigung zur Fettabsetzung erkennen

lässt. Die subpericardialen, subpleuralen, subperitonäalen,

subsynovialen Schichten sind bei gut genährten Personen mehr oder

weniger vollständig aus Fettgewebe gebildet. Wesentlich verschieden

verhält sich das =submucöse= Gewebe, welches wohl gelegentlich wahres

Fettgewebe ist, jedoch meist aus loserem Bindegewebe, seltener aus

Schleimgewebe besteht. Ihnen am nächsten steht unter den subcutanen

Lagern die Unterhaut des Scrotum (=Tunica dartos=), welche überdies noch

dadurch ein besonderes Interesse darbietet, dass sie ausnehmend reich an

Gefässen und Nerven ist, ganz entsprechend der besonderen Bedeutung

dieses Theiles, und dass sie ausserdem eine grosse Masse von organischen

Muskeln und zwar von jenen kleinen Hautmuskeln besitzt, die ich früher

erwähnt habe (S. 58). Letztere sind die eigentlich wirksamen Elemente

der contractilen Tunica dartos. Gerade hier, wo man früher auf

contractiles Zellgewebe zurückgegangen war, ist die Menge der kleinen

Hautmuskeln überaus reichlich; die kräftigen Runzelungen des

Hodensackes entstehen einzig und allein durch die Contraction dieser

feinen Bündel, welche man namentlich nach Carminfärbung sehr leicht von

dem Bindegewebe unterscheiden kann. Es sind Fascikel von ziemlich

gleicher Breite, meist breiter, als die Bindegewebsbündel; die einzelnen

Elemente sind in ihnen in Form von langen glatten Faserzellen

zusammengeordnet. Jedes Muskel-Fascikel zeigt, wenn man es mit

Essigsäure behandelt, in regelmässigen Abständen jene eigenthümlichen,

langen, häufig stäbchenartigen Kerne der glatten Muskulatur, und

zwischen denselben eine streifige Abtheilung nach den einzelnen Zellen,

deren Inhalt ein leicht körniges Aussehen hat. Das sind die Runzler des

Hodensackes (=Corrugatores scroti=). Daneben finden sich in der überaus

weichen Haut auch noch eine gewisse Zahl von feinen elastischen

Elementen und in grösserer Menge das gewöhnliche weiche, lockige

Bindegewebe mit einer grossen Zahl verhältnissmässig umfangreicher,

spindel- und netzförmiger, schwach granulirter Kernzellen.

[Illustration: =Fig=. 54. Schnitt aus der Tunica dartos des Scrotums.

Man sieht nebeneinander parallel eine Arterie (_a_), eine Vene (_v_) und

einen Nerven (_n_); erstere beide mit kleinen Aesten. Rechts und links

davon organische Muskelbündel (_m_, _m_) und dazwischen weiches

Bindegewebe (_c_, _c_) mit grossen anastomosirenden Zellen und feinen

elastischen Fasern. Vergr. 300.]

Das weiche Bindegewebe verhält sich daher, abgesehen von den in dasselbe

eingelagerten, dem Bindegewebe als solchem nicht angehörigen Theilen

(Gefässen, Nerven, Muskeln, Drüsen), wie das harte: überall ein Netz

verzweigter und unter einander anastomosirender Zellen in einer, grossen

Schwankungen der Consistenz und der inneren Zusammensetzung

unterworfenen Grundsubstanz. Um jedoch die grosse Verschiedenheit der

Ansichten, die noch immer über diesen schwierigen Gegenstand besteht,

nicht zu verschweigen, so wollen wir hier erwähnen, dass eine grosse

Zahl auch der neuesten Beobachter nicht bloss die zellige, sondern sogar

die körperliche Natur der von mir beschriebenen Bindegewebszellen oder

Bindegewebskörperchen, sowie aller der ihnen aequivalenten Gebilde

(Knochen-, Hornhaut-, Sehnen-Körperchen) geradezu in Abrede stellt, und

an die Stelle derselben blosse Zwischenräume, Aushöhlungen oder Lücken

(Lacunen) setzt, welche sich zwischen den Bündeln oder Lamellen des

Gewebes an den Punkten finden sollen, wo die Bündel oder Lamellen nicht

vollständig mit einander in Berührung kommen. Die Erfahrung, dass die

Bindegewebsmassen, welche an die Oberfläche treten, an verschiedenen

Orten mit einer derberen, mehr homogenen, zuweilen elastischen oder

glasartigen Haut oder Schicht (Tunica propria S. 134) bedeckt sind, ist

zu Hülfe genommen worden, um zu erklären, dass auch jene Zwischenräume,

Aushöhlungen oder Lücken von wirklichen Membranen umgrenzt sein könnten,

ohne dass diese Membranen einem Zellkörper zugehörten. Selbst der

Umstand, dass ich auf verschiedene Weise sowohl aus dem Binde- und

Schleimgewebe, als auch aus Knochen und anderen Hartgebilden verästelte

Körper isolirt habe, eine Erfahrung, welche durch zahlreiche andere

Untersucher, wie =Fel=. =Hoppe=, =His=, =Kölliker=, H. =Müller=,

=Leydig=, v. =Hessling=, A. =Förster= bestätigt ist, hat den Kritikern

nicht genügt; man hat dagegen erklärt, dass auch eine blosse Lücke, die

von Membranen umgrenzt sei, sich durch Auflösen der umliegenden Substanz

isoliren lasse. Man übersah dabei, dass aus frischen Geweben die

Isolations-Methode nicht bloss Membranen, sondern wirkliche Körper mit

solidem Inhalt liefert. Solche Widersprüche lassen sich durch blosse

Debatten und Reden überhaupt nicht zum Schweigen bringen. Hier kann nur

die eigene Erfahrung genügen, sobald sie mit philosophischem Sinne, mit

genauer Berücksichtigung der Histogenie und in möglich grösster

Ausdehnung über das gesammte Gebiet der thierischen Organisation

ausgeführt wird. Sicherlich gibt es Bindegewebslager und

Bindegewebsbündel, deren oberflächlichste Schicht durch spätere

Differenzirung eine hautartige Verdichtung erfahren hat, und welche also

eine Art von Hülle oder Scheide besitzen, aber eben so sicher ist es,

dass dies keine allgemein-gültige Erfahrung ist, und dass, selbst wenn

sie allgemein wäre und wenn sie auch für die inneren Einrichtungen des

weichen und harten Bindegewebes, der Knochen und Sehnen Gültigkeit

hätte, daraus doch weiter nichts folgen würde, als dass auch die

Bindegewebs-, Knochen- und Sehnenkörperchen sich, wie die

Knorpelkörperchen, mit einer besondern =Kapselmembran= umgeben könnten.

Nachdem selbst so hartnäckige Opponenten, wie =Henle=, zugestanden

haben, dass im Innern jener sogenannten Lücken sehr häufig Kerne, Inhalt

(Protoplasma), ja wirkliche Zellen zu finden seien, so bewegt sich der

Streit nur noch um die Formel, nicht mehr um die Thatsachen. Meiner

Anschauung genügt das Zugeständniss, dass in diesen Geweben, namentlich

im Bindegewebe, verzweigte und zusammenhängende Röhrchen und Canälchen

existiren, welche sich an gewissen Knotenpunkten zu grösseren Lacunen

sammeln, und dass diese Röhrchen, Canälchen und Lacunen von zelligen

Theilen erfüllt sind, welche sowohl bei der ersten Anlage des Gewebes

vorhanden sind, als sich durch das ganze Leben des Individuums erhalten

können[28].

[28] Archiv f. path. Anat. u. Phys. XVI. 1.

Diese persistirenden Zellen des Bindegewebes hat man früher völlig

übersehen, indem man als die eigentlichen Elemente des Bindegewebes die

Fibrillen desselben betrachtete. Wie wir schon früher (S. 41) gesehen

haben, so liegen diese Fibrillen in der Regel in Bündeln zusammen.

Trennt man die einzelnen Theile des Bindegewebes von einander, so

erscheinen kleine Bündel von welliger Form und streifigem, fibrillärem

Aussehen. Die Vorstellung von =Reichert=, dass dieses Aussehen nur

durch Faltenbildung bedingt würde, darf in der Ausdehnung, wie sie

aufgestellt wurde, nicht angenommen werden; man muss vielmehr neben den

Fibrillen eine gleichmässige Grundmasse, eine Art von Kittsubstanz

zulassen, welche die Fibrillen innerhalb des Bündels zusammenhält. Nach

den Untersuchungen von =Rollett= scheint dies nicht selten auch im

wahren Bindegewebe Mucin zu sein. Indess ist dies eine Frage von

untergeordneter Bedeutung, in so fern es ganz und gar unzulässig ist,

die der Intercellularsubstanz angehörenden Fibrillen des Bindegewebes

als eigentliche organische Elemente zu betrachten. Dagegen ist es

äusserst wichtig, zu wissen, dass überall, wo lockeres Bindegewebe sich

findet, in der Unterhaut, im Zwischenmuskel-Gewebe, in den serösen

Häuten, dasselbe durchzogen ist von meist anastomosirenden Zellen,

welche auf Längsschnitten parallele Reihen, auf Querschnitten Netze

bilden und welche in ähnlicher Weise die Bündel des Bindegewebes von

einander scheiden, wie die Knochenkörperchen die Lamellen der Knochen,

oder wie die Hornhautkörperchen die Blätter der Hornhaut.

Neben ihnen finden sich überall die mannichfachsten Gefässverästelungen,

und zwar namentlich so viele Capillaren, dass eine besondere

Leitungs-Einrichtung des Gewebes selbst geradezu unnöthig erscheinen

könnte. Allein dieser Schluss ist nur bei oberflächlicher Betrachtung

richtig. Eine genauere Erwägung ergiebt, dass auch diese Gewebe, so

günstig ihre Capillarbahnen liegen, einer Einrichtung bedürfen, welche

die Möglichkeit darbietet, dass =eine Special-Vertheilung der

ernährenden Säfte auf die einzelnen zelligen Bezirke in gleichmässiger

und dem jeweiligen Bedürfnisse entsprechender Weise stattfinde=. Erst

wenn man die Aufnahme des Ernährungsmaterials als eine Folge der

Thätigkeit (Anziehung) der Gewebs-Elemente selbst auffasst, begreift

man, dass die einzelnen Bezirke nicht jeden Augenblick der

Ueberschwemmung vom Blute aus preisgegeben sind, dass vielmehr das in

dem Blute dargebotene Material nur nach dem wirklichen Bedarf in die

Theile aufgenommen und den einzelnen Bezirken in verschiedenem Maasse

zugeführt wird. So erklärt es sich auch, dass unter normalen

Verhältnissen der eine Theil nicht durch die anderen in seinem Bestande

wesentlich benachtheiligt wird.

Auf diese Weise erscheint die Ernährung in einer unmittelbaren Beziehung

zu dem Leben der einzelnen Theile, dessen Fortdauer trotz der durch die

Thätigkeit und die Verrichtungen des Theiles eintretenden Veränderungen

ja eben nur möglich ist durch eine mit Wechsel der Stoffe verbundene

Erhaltung und Ernährung der natürlichen Zusammensetzung. Diese Erhaltung

setzt aber ihrerseits bleibende regulatorische Einrichtungen in jedem

einzelnen Theile voraus, in der Art, dass der Theil für sich eine

bestimmende Einwirkung auf Abgabe und Aufnahme von Stoffen ausübt, in

ähnlicher Weise, wie dies auch bei den Theilen der Pflanze stattfindet.

Denn der Begriff der =Vegetation= beherrscht dieses ganze Gebiet des

thierischen Lebens. Schon die erste Darstellung, welche ich von den

Ernährungseinheiten und Krankheitsheerden des menschlichen Körpers

gegeben habe[29], stützte sich wesentlich auf den Parallelismus, der

durch das ganze Gebiet des Organischen geht, und jede weitere Forschung

hat diese Anschauung nur bestärkt. Die einzelne Zelle innerhalb eines

Gewebes wird nicht ernährt, sondern =sie ernährt sich=, d. h. sie

entnimmt den Ernährungsflüssigkeiten, welche sich in ihrer Umgebung

befinden, den für sie erforderlichen Theil. Sowohl quantitativ, als

qualitativ ist die Ernährung daher ein Ergebniss der Thätigkeit der

Zelle, wobei sie natürlich abhängig ist von Quantität und Qualität des

ihr erreichbaren Ernährungsmaterials, aber keineswegs in der Art, dass

sie genöthigt wäre, aufzunehmen, was und wie viel ihr zufliesst.

Gleichwie die einzelne Zelle eines Pilzes oder einer Alge aus der

Flüssigkeit, in der sie lebt, sich so viel und so beschaffenes Material

nimmt, als sie für ihre Lebenszwecke braucht, so hat auch die

Gewebszelle inmitten eines zusammengesetzten Organismus =elective=

Fähigkeiten, vermöge welcher sie gewisse Stoffe verschmäht, andere

aufnimmt und in sich verwendet. Das ist die eigentliche Nutrition im

cellularen Sinne.

[29] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1852. IV. 375.

Siebentes Capitel.

Circulation und Blutmischung.

Arterien. Ihre Zusammensetzung: Epithel, Intima, Media

(Muscularis), Adventitia. Capillaren. Capillare Arterien und Venen.

Continuität der Gefässwand. Porosität derselben. Hæmorrhagia per

diapedesin. Venen. Gefässe in der Schwangerschaft.

Eigenschaften der Gefässwand:

1) Contractilität. Rhythmische Bewegung. Active oder

Reizungs-Hyperämie. Ischämie. Gegenreize. Collaterale Fluxion.

2) Elasticität und Bedeutung derselben für die Schnelligkeit und

Gleichmässigkeit des Blutstromes. Erweiterung der Gefässe.

3) Permeabilität. Diffusion. Specifische Affinitäten. Verhältniss

von Blutzufuhr und Ernährung. Die Drüsensecretion (Leber).

Specifische Thätigkeit der Gewebselemente.

Dyskrasie. Transitorischer Charakter und localer Ursprung

derselben. Säuferdyskrasie. Hämorrhagische Diathese. Syphilis.

In den letzten Capiteln habe ich in eingehender Weise versucht, ein Bild

von den feineren Einrichtungen für die Saftströmungen innerhalb der

Gewebe zu liefern, und zwar namentlich von denjenigen, wo die Säfte

selbst sich der Beobachtung mehr entziehen. Wenden wir uns nunmehr zu

den gröberen Wegen und den edleren Säften, welche in der gangbaren

Anschauung bis jetzt eigentlich allein Berücksichtigung fanden.

[Illustration: =Fig=. 55. _A_. Epithel von der Cruralarterie (Archiv f.

path. Anat. Bd. III. Fig. 9 und 12. S. 569). _a_ Kerntheilung.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 13 / 54 段