[Illustration: =Fig=. 43. Durchschnitt aus der halbmondförmigen

Bandscheibe (Cartilago semilunaris) des Kniegelenks vom Kinde. _a_.

Faserzüge mit spindelförmigen, parallel liegenden und anastomosirenden

Zellen (Längsschnitt). _b_. Netzzellen mit breiten verzweigten und

anastomosirenden Kanälchen (Querschnitt). Mit Essigsäure behandelt.

Vergr. 350.]

Für das Verständniss der Abbildung (Fig. 43) füge ich noch hinzu, dass

die letzten Elemente der Bandscheiben als sehr kleine Zellkörper

erscheinen, die in lange, feine Fäden ausgehen, welche sich verästeln.

Durchschnitte dieser Fäden stellen sich als kleine Punkte mit einem

hellen Centrum dar. Alle Fäden lassen sich mit grosser Bestimmtheit bis

an gemeinschaftliche Zellkörper verfolgen, ganz wie im Knochen. Es sind

feinste Röhren, die in innigem Zusammenhang unter einander stehen, nur

dass sie sich an gewissen Punkten zu grösseren Haufen sammeln, durch

welche die Hauptleitung erfolgt, und dass die Zwischensubstanz in keinem

Falle Kalk aufnimmt, sondern stets ihre Bindegewebsnatur beibehält.

Sechstes Capitel.

Weiteres über Ernährung und Saftleitung.

Sehnen, Hornhaut, Nabelstrang.

Weiches Bindegewebe (Zellgewebe). Elastisches Gewebe. Strukturlose

Häute: Tunicae propriae, Cuticula. Elastische Membranen: Sarkolemm.

Lederhaut (Derma). Papillarkörper: vasculäre Bezirke. Unterhaut

(subcutanes, subseröses, submucöses Gewebe). Tunica dartos.

Das feinere Kanalsystem des Bindegewebes: Körperchen, Lacunen.

Bedeutung der Zellen für die Specialvertheilung der Ernährungssäfte

innerhalb der Gewebe. Vegetativer Charakter der Ernährung. Elective

Eigenschaften der Zellen.

Die Bandscheiben, wie wir sie in der am meisten ausgesprochenen Form im

Kniegelenke an den sogenannten Semilunar-Knorpeln, die eben keine

Knorpel sind, kennen gelernt haben, besitzen eigentlich die

Eigenschaften platter Sehnen. Die einzelnen Structurverhältnisse, die

wir in ihnen gefunden haben, wiederholen sich im Querschnitte der

=Sehnen=. Betrachten wir daher zunächst diese oft so vernachlässigten

Gebilde. Ich wähle dazu eine Reihe von Objecten aus der Achilles-Sehne

sowohl des Erwachsenen, als des Kindes, welche verschiedene

Entwickelungs-Stadien zeigen. Es ist dies überdem eine Sehne, die manche

Bedeutung für operative Zwecke hat, die also schon aus praktischen

Gründen wohl einen kleinen Aufenthalt entschuldigt.

An der Oberfläche einer Sehne sieht man bekanntlich mit blossem Auge

eine Reihe von parallelen weisslichen Streifen ziemlich dicht der Länge

nach verlaufen, welche das atlasglänzende Aussehen bedingen. Bei

mikroskopischer Betrachtung erscheinen die Streifen natürlich mehr

getrennt: die Sehne sieht deutlich fasciculirt aus. Noch viel

deutlicher ist dies auf einem Querschnitte, wo man schon mit blossem

Auge eine Reihe von kleineren und grösseren Abtheilungen (Bündeln,

Fascikeln) wahrnimmt. Vergrössert man das Object, so zeigt sich eine

innere Einrichtung, welche fast ganz derjenigen entspricht, welche bei

den Semilunar-Knorpeln geschildert ist. Am äusseren Umfange der Sehne

liegt ringsumher eine faserige Masse, eine Art von lockerer =Scheide=,

in der die Gefässe enthalten sind, welche die Sehne ernähren. Die

grösseren Gefässe bilden in der Scheide ein Geflecht, welches die Sehne

äusserlich umspinnt. Aus diesem Geflechte treten an einzelnen Stellen

mit Fortsetzungen der Scheide Gefässe in das Innere, indem sie sich in

den Zwischenlagen oder Scheiden der Fascikel (Fig. 44 _a_, _b_)

verästeln. In das Innere der Fascikel selbst geht dagegen ebensowenig

etwas von Gefässen hinein, als in das Innere der Bandscheiben; hier

finden wir vielmehr wieder das mehrfach besprochene Zellennetz, oder

anders ausgedrückt, das eigenthümliche saftführende Kanalsystem, dessen

Bedeutung wir beim Knochen kennen gelernt haben.

[Illustration: =Fig=. 44. Querschnitt aus der Achilles-Sehne eines

Erwachsenen. Von der Sehnenscheide aus sieht man bei _a_, _b_ und _c_

Scheidewände nach innen laufen, welche maschenförmig zusammenhängen und

die primären und secundären Fascikel abgrenzen. Die grösseren (_a_ und

_b_) pflegen Gefässe zu führen die kleineren (_c_) nicht mehr. Innerhalb

der secundären Fascikel sieht man das feine Maschennetz der

Sehnenkörperchen (Netzzellen) oder das intermediäre Saftkanalsystem.

-- Vergröss. 80.]

[Illustration: =Fig=. 45. Querschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne

eines Neugebornen. _a_ die Zwischenmasse, welche die secundären Fascikel

scheidet (entsprechend Fig. 44, _c_), ganz und gar aus dichtgedrängten

Spindelzellen bestehend. Mit diesen in direkter Anastomose sieht man

seitlich bei _b_, _b_ netz- und spindelförmige Zellen in das Innere der

Fascikel verlaufen. Die Zellen sind deutlich kernhaltig. Vergröss. 300.]

Man kann demnach die Sehne zunächst in eine Reihe von grösseren

(primären) Bündeln zerlegen, diese aber wieder in eine gewisse Summe von

kleineren (secundären) Fascikeln theilen. Sowohl jene, als diese sind

durch Züge einer faserigen, Gefässe und Faserzellen enthaltenden

Bindesubstanz getrennt, so dass der Querschnitt der Sehne ein maschiges

Aussehen darbietet. Von diesem interstitiellen oder interfasciculären

Gewebe, das sich von der eigenthümlichen Sehnensubstanz nur durch seine

Lockerheit, sowie durch die dichtere Anhäufung zelliger Elemente und

durch die Anwesenheit der Gefässe unterscheidet, beginnt ein

zusammenhängendes Netz sternförmiger Elemente (=Sehnenkörperchen=),

welche in das Innere der Fascikel hineingehen, unter sich anastomosiren

und die Verbindung zwischen den äusseren gefässhaltigen und den inneren

gefässlosen Theilen der Fascikel herstellen. Dies Verhältniss ist in

einer kindlichen Sehne sehr viel deutlicher, als in einer erwachsenen.

Je älter nehmlich die Theile werden, um so länger und feiner werden im

Allgemeinen die Ausläufer der Zellen, so dass man an vielen Schnitten

die eigentlichen Zellenkörper gar nicht trifft, sondern nur feine, in

Fäden zu verfolgende Punkte oder punktförmige Oeffnungen erblickt. Die

einzelnen Zellkörper rücken also mit fortschreitendem Wachsthum weiter

auseinander und es wird immer schwieriger, die Zellen in ihrer ganzen

Ausdehnung mit ihren Fortsätzen auf einmal zu übersehen. Auch muss man

sich erst über das Verhältniss von Längs- und Querschnitt in's Klare

setzen, um die vorkommenden Bilder richtig zu verstehen. Wo nehmlich auf

einem Längsschnitte spindelförmige Elemente liegen, da treffen wir auf

einem Querschnitte sternförmige, und umgekehrt entspricht dem

Zellennetze des Querschnittes die regelmässige Abwechselung von

reihenweise gestellten spindelförmigen Elementen des Längsschnittes ganz

nach dem Schema, wie wir es für das Bindegewebe überhaupt aufgestellt

haben. Die Elemente sind also auch hier nur scheinbar einfach

spindelförmig, wenn man einen reinen Längsschnitt betrachtet: ist dieser

etwas schräg gefallen, so sieht man die seitlichen Ausläufer, durch

welche die Zellen einer Reihe mit denen der anderen communiciren.

[Illustration: =Fig=. 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achilles-Sehne

eines Neugebornen. _a_, _a_, _a_ Scheiden (interstitielles Gewebe). _b_,

_b_ Fascikel. In beiden sieht man spindelförmige Kernzellen, zum Theil

anastomosirend mit leicht längsstreifiger Grundsubstanz, die Zellen in

den Scheiden dichter, in den Fascikeln spärlicher, bei _c_ der

Durchschnitt eines interstitiellen Blut-Gefässes. Vergr. 250.]

Bis jetzt hat man das fortgehende Wachsthum der Sehnen nach der Geburt

noch nicht zum Gegenstande einer regelmässigen Untersuchung gemacht, und

es ist nicht bekannt, ob dabei noch eine weitere Vermehrung der Zellen

stattfindet; so viel ist jedoch sicher, dass die Zellen später sehr lang

und die Abstände zwischen den einzelnen Kernstellen ausserordentlich

gross werden. Das Structurverhältniss an sich erleidet dadurch jedoch

keine Veränderung; die ursprünglichen Zellen erhalten sich, ohne in

ihrer Form und ihren Lagerungs-Verhältnissen wesentliche Veränderungen

zu erfahren, auch in dem grossen Röhrensystem, welches in der

ausgewachsenen Sehne das ganze Gewebe durchzieht. Daraus erklärt sich

die Möglichkeit, dass, obwohl die Sehne in ihren innersten Theilen keine

Gefässe enthält und, wie man bei jeder Tenotomie sehen kann, nur wenig

Blut in den äusseren Gefässen der Sehnenscheide und den inneren Gefässen

der Interstitien der grösseren Bündel empfängt, doch eine gleichmässige

Ernährung der Theile stattfinden kann. Diese lässt sich in der That nur

so denken, dass auf besonderen, von den Gefässen unterscheidbaren Wegen

Säfte durch die ganze Substanz der Sehne in regelmässiger Weise

vertheilt werden. Nun sind aber die natürlichen Abtheilungen der Sehne

fast ganz regelmässig, so dass ungefähr auf jedes einzelne zellige

Element eine gleich grosse Menge von Zwischensubstanz kommt, und da die

Zellenmaschen des Innern sich direkt in die dichten Zellenbündel der

Interstitien und diese bis an die Gefässe verfolgen lassen (Fig. 44,

45), so darf man wohl unzweifelhaft in diesen Zellen die Wege einer

intermediären Saftströmung sehen, welche nicht mehr durch freie Ostien

mit den Wegen der allgemeinen Blutströmung zusammenhängen.

Es ist dies ein neues Beispiel für meine Ansicht von den

Zellenterritorien. Ich zerlege die ganze Sehne, abgesehen von primären

und secundären Fascikeln, in eine gewisse Zahl von Reihen linear und

maschenförmig verbundener Zellen; jeder Reihe rechne ich ein gewisses

Gewebsgebiet zu, so dass z. B. auf einem Längsschnitte etwa die Hälfte

der Zwischenmasse der einen, die andere Hälfte derselben der anderen

Zellenreihe zugehören würde. Das, was man als die eigentlichen Bündel

der Sehne betrachtet, wird hier also noch weiter zerspalten, indem die

Sehne in eine grosse Zahl von besonderen Ernährungs-Territorien

auseinander gelegt wird.

Ein solches Verhältniss finden wir überall bei den Geweben dieser Gruppe

wieder. Aus ihm leitet sich, wie man sich durch direkte Anschauung

überzeugen kann, zugleich die Grösse der Krankheitsgebiete ab: =jede

Krankheit, welche wesentlich auf einer nutritiven Störung der inneren

Gewebs-Einrichtung beruht, stellt immer eine Summe aus den

Einzelveränderungen solcher Territorien dar=. Die Bilder, welche man bei

diesen Untersuchungen gewinnt, gewähren durch die Zierlichkeit der

inneren Anordnung zugleich einen wirklich ästhetischen Genuss, und ich

kann nicht leugnen, dass, so oft ich einen Sehnenschnitt ansehe, ich mit

immer erneutem Wohlgefallen diese netzförmigen Einrichtungen betrachte,

welche in so zweckmässiger Weise die Verbindung des Aeusseren mit dem

Inneren herstellen, und welche, ausser in dem Knochen, kaum in irgend

einem anderen Gebilde mit so grosser Schärfe und Klarheit sich darlegen

lassen, wie in der Sehne. --

Dem Bau und den Einrichtungen nach schliesst sich hier am leichtesten

die =Hornhaut= an. Denn in ähnlicher Weise, wie die Sehne ihr

peripherisches Gefässsystem hat und ihre inneren Theile durch das feine

saftführende Röhrensystem ernährt werden, so reichen auch an der

Hornhaut nur die feinsten Gefässe, und auch diese kaum eine Linie weit,

über den Rand herüber, so dass nicht bloss der centrale Abschnitt,

sondern der grösste Theil der Cornea vollkommen gefässlos ist, was schon

wegen der Durchsichtigkeit des Gewebes sich als nothwendig ergibt. Der

grösste Theil der Hornhaut ist daher in seinen Ernährungs-Einrichtungen

so gestellt, dass er vom Umfange und von den Flächen her Stoffe

aufnehmen und leiten kann, ohne dass es dazu direkter Gefässverbindung

bedürfte.

Die Substanz der Hornhaut besteht nach der älteren Ansicht aus über

einander geschichteten Lamellen (Platten oder Blättern), welche mehr

oder weniger parallel durch die ganze Ausdehnung der Hornhaut gehen.

Eine genauere Untersuchung zeigt jedoch, dass die Lamellen, wie beim

Knochen, nicht vollkommen getrennt sind, dass vielmehr die einzelnen

Gewebs-Schichten, welche allerdings im Grossen lamellös über einander

gelagert sind, unter einander vielfach zusammenhängen; sie liegen nicht

in irgend welcher Art lose oder fest auf einander, sondern sie haben

unter sich direkte Verbindungen. Es ist daher die Cornea vielmehr als

eine überall zusammenhängende Masse anzusehen, deren fast homogene

Grundsubstanz in gewissen Richtungen oder Zügen unterbrochen wird durch

zellige Elemente (=Hornhautkörperchen=), ganz in derselben Weise, wie

dies bei den anderen verwandten Geweben, welche wir schon besprochen

haben, gesehen wird. Ein Verticalschnitt zeigt uns spindelförmige

Elemente, welche unter einander anastomosiren, zugleich aber auch

seitliche Ausläufer haben. Betrachtet man sie von der Fläche, im

Horizontalschnitte, so erweisen sie sich als vielstrahlige,

sternförmige, aber sehr platte Zellen, den Knochenkörperchen

vergleichbar.

[Illustration: =Fig=. 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des

Ochsen, um die Gestalt und Anastomose der Hornhautzellen (Körperchen) zu

zeigen. Hie und da sieht man durchschnittene, als Fasern oder Punkte

erscheinende Zellenfortsätze. Vergr. 500. Nach His Würzb. Verhandl. IV.

Taf. IV. Fig. I.]

Indem nun diese Zellen in regelmässiger Weise, nehmlich in mehrfachen,

parallelen Ebenen, in die Grundsubstanz eingelagert sind, so entsteht

eben jene lamellöse, blätterige oder plattenartige Beschaffenheit des

ganzen Gewebes. Die Blätter der Hornhaut sind die Analoga der Bündel der

Sehne. --

[Illustration: =Fig=. 48. Flächenschnitt der Hornhaut, parallel der

Oberfläche; die sternförmigen, platten Körperchen mit ihren

anastomosirenden Fortsätzen. Nach =His=, ebendas. Fig. II.]

Ich schliesse ein anderes Gewebe hier an, das sonst in der Histologie

nicht besonders bevorzugt ist, das aber gewiss kein geringes Interesse

hat, nehmlich das =Schleimgewebe=. Wir finden dasselbe in besonders

reichlicher Anhäufung in dem Nabelstrang, wo es die sogenannte

=Wharton='sche Sulze darstellt[23]. Diese gehört auch zu den Geweben,

welche allerdings Gefässe führen, aber doch eigentlich keine Gefässe

besitzen. Denn die Gefässe, welche durch den Nabelstrang

hindurchgeleitet werden, sind nicht Ernährungsgefässe für die

Nabelstrangsubstanz, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir von

Ernährungsgefässen an anderen Theilen sprechen.

[23] =Thom=. =Wharton= (Adenographia. Amstelod. 1659. pag. 233) sagt

sehr charakteristisch: Lymphaeductus vel gelatina, quae eorum vices

gerit, alterum succum albumini ovorum similiorem abducit

(a placenta) ad funiculum umbilicalem.

=Wenn man nehmlich von nutritiven Gefässen spricht, so meint man damit

stets solche Gefässe, welche in die Theile, die ernährt werden sollen,

Capillaren senden=. Die Aorta thoracica ist nicht das nutritive Gefäss

des Thorax, eben so wenig als die Aorta abdominalis oder die Vena cava

das für den Bauch. Man sollte also, wenn es sich um den Nabelstrang

handelt, erwarten, dass ausser den beiden Nabel-Arterien und der

Nabel-Vene noch Nabelstrang-Capillaren existiren. Allein Arterien und

Vene verlaufen, ohne auch nur das Mindeste von Aesten abzugeben, vom

Nabel bis zur Placenta hin; erst hier beginnen die Verästelungen. Die

einzigen capillaren Gefässe, die überhaupt in dem Nabelstrange eines

etwas entwickelten Fötus gefunden werden, reichen nur etwa 4-5 Linien,

selten ein wenig mehr von der Bauchhaut aus in denjenigen Theil des

Nabelstranges hinein, welcher nach der Geburt persistirt. Je nachdem

dieser gefässhaltige Theil höher oder niedriger heraufreicht, wird auch

der spätere Nabel verschieden entwickelt. Bei sehr niedriger

Gefässschicht wird der Nabel sehr tief, bei sehr grosser gibt es einen

prominirenden Nabel. Die Capillaren bezeichnen die Grenze, bis zu

welcher das permanente Gewebe reicht; die Portio caduca des

Nabelstranges hat keine eigenen Gefässe mehr.

[Illustration: =Fig=. 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines

fast ausgetragenen Kindes, injicirt. _A_ die Bauchwand. _B_ der

persistirende Theil mit dichter Gefäss-Injection am Rande. _C_ Portio

caduca mit den Windungen der Nabelgefässe. _v_ die Capillargrenze.]

Dieses Verhältniss, welches mir für die Theorie der Ernährung sehr

wichtig zu sein scheint, übersieht man sehr leicht mit blossem Auge an

injicirten Früchten vom fünften Monate an, sowie an Neugebornen. Die

gefässhaltige Schicht setzt sich zuweilen fast geradlinig ab.

Freilich ist ein solches Object nicht absolut beweisend, denn es könnten

immerhin einzelne feine Gefässe noch weiter gehen, welche nicht mit

blossem Auge erkennbar wären. Aber ich habe gerade diesen Punkt zum

Gegenstande einer speziellen Untersuchung gemacht[24], und obwohl ich

eine Reihe von menschlichen Nabelsträngen bald von den Arterien, bald

von den Venen aus injicirt habe, so ist es mir doch nie gelungen, auch

nur das kleinste collaterale Gefäss zu sehen, welches über die Grenze

der Portio persistens hinausging. Der ganze hinfällige Theil des

Nabelstranges, das lange Stück, welches zwischen dem cutanen Ansatz und

der Placentar-Auflösung liegt, ist vollständig capillarlos, und es ist

in ihm nichts weiter von Gefässen vorhanden, als die drei grossen

Stämme. Diese zeichnen sich aber sämmtlich durch sehr dicke Wandungen

aus, welche, wie wir erst durch =Kölliker='s Untersuchung wissen,

ausserordentlich reich an glatten Muskelfasern sind.

[24] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1851. III. 459.

[Illustration: =Fig=. 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des

Nabelstranges. Links sieht man den Durchschnitt einer Nabelarterie mit

sehr starker Muskelhaut, daran schliesst sich das allmählich immer

weiter werdende Zellennetz des Schleimgewebes. Vergr. 80.]

Auf einem Querschnitte durch den Nabelstrang bemerkt man, wie die dicke

mittlere Haut der Gefässe ganz und gar aus diesen Muskelfasern besteht,

eine unmittelbar an der anderen, so reichlich, wie es sonst kaum an

irgend einem vollständig entwickelten Gefässe gefunden wird. Diese

Eigenthümlichkeit erklärt die auffallend grosse Contractilität der

Nabelgefässe, welche bei Einwirkung mechanischer Reize, beim Abschneiden

mit der Scheere, beim Kneifen oder auf elektrische Reize im Grossen so

leicht in Wirkung tritt. Zuweilen verengern sich die Gefässe auf äussere

Reize selbst bis zum Verschlusse ihres Lumens, so dass nach der Geburt

auch ohne Ligatur, z. B. nach Abreissen des Nabelstranges, die Blutung

von selbst stehen kann. Die Dicke der Wandungen dieser Gefässe ist daher

leicht begreiflich, denn zu der an sich so dicken Muscularis kommt noch

eine innere und eine, wenn auch nicht gerade sehr stark entwickelte,

äussere Haut; daran erst schliesst sich das sulzige Gallert-Gewebe

(=Schleimgewebe=). Durch diese Lagen hindurch würde also die Ernährung

geschehen müssen. Ich kann nun allerdings nicht mit Sicherheit sagen,

von wo aus das Gewebe des Nabelstranges sich ernährt; vielleicht nimmt

es aus dem Liquor Amnios Ernährungsstoffe auf; auch will ich nicht in

Abrede stellen, dass durch die Wand der Gefässe Ernährungsstoffe

hindurchtreten mögen, oder dass sich von den kleinen Capillaren des

persistirenden Theils aus nutritives Material fortbewegt. Aber in jedem

Falle liegt eine grosse Masse des Gewebes fern von allen Gefässen und

von der Oberfläche; sie ernährt und erhält sich, ohne dass eine feinere

Circulation von Blut in ihr vorhanden ist. Man hat nun allerdings lange

Zeit hindurch sich mit diesem Gewebe nicht weiter beschäftigt, weil man

es mit dem Namen der Sulze (Gallerte) belegte und es damit überhaupt aus

der Reihe der Gewebe in die vieldeutige Gruppe der blossen Anhäufungen

oder Ausschwitzungen von organischer Masse warf. Ich habe erst

gezeigt[25], dass es wirklich ein gut gebildetes Gewebe von typischer

Einrichtung ist, und dass dasjenige, was im engeren Sinne die Sulze

darstellt, der ausdrückbare Theil der Intercellularsubstanz ist, nach

dessen Entfernung ein leicht faseriges Gewebe zurück bleibt, welches ein

feines, anastomotisches Netz von zelligen Elementen in derselben Weise

enthält, wie wir es eben an der Sehne und an anderen Theilen kennen

gelernt haben. Ein Durchschnitt durch die äusseren Schichten des

Nabelstranges zeigt eine Bildung, welche viel Aehnlichkeit mit dem

Habitus der äusseren Haut hat: ein Epidermoidal-Stratum, darunter eine

etwas dichtere cutisartige Lage, dann die =Wharton=sche Sulze, welche

der Textur nach dem Unterhautgewebe entspricht und eine Art von Tela

subcutanea darstellt. Dies hat insofern für die Deutung einiger Gewebe

der späteren Zeit ein besonderes Interesse, als die Sulze des

Nabelstranges dadurch ihre nächste Verwandtschaft documentirt mit dem

Panniculus adiposus, der aus ursprünglichem Schleimgewebe hervorgeht,

sowie mit dem =Glaskörper=, welcher der einzige Gewebs-Rest ist, der,

soweit ich bis jetzt ermitteln konnte[26], beim Menschen während des

ganzen Lebens in dem Zustande einer zitternden Gallerte oder Sulze

verharrt. Er ist der letzte Rest des embryonalen Unterhautgewebes,

welches bei der Entwickelung des Auges mit der Linse (der früheren

Epidermis, S. 36) von aussen eingestülpt wird.

[25] Würzb. Verhandl. 1851. II. 160.

[26] Würzb. Verhandl. II. 317. Archiv f. path. Anat. IV. 486. V. 278.

Die Haupt-Masse des Nabelstranges besteht aus einem maschigen Gewebe,

dessen Maschenräume Schleim (Mucin) und einzelne rundliche Zellen

enthalten und dessen Balken aus einer streifig-faserigen Substanz

bestehen. Innerhalb dieser letzteren liegen sternförmige Elemente.

Stellt man durch Behandlung mit Essigsäure ein gutes Präparat her, so

bekommt man ein regelrechtes Netz von Zellen zu Gesicht, welches die

Masse in so regelmässige Abtheilungen zerlegt, dass durch die

Anastomosen, welche diese Zellen durch den ganzen Nabelstrang haben,

eben auch eine gleichmässige Vertheilung der Säfte durch die ganze

Substanz möglich wird. --

[Illustration: =Fig=. 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des

Nabelstranges, das Maschennetz der sternförmigen Körper nach Behandlung

mit Essigsäure und Glycerin darstellend. Vergr. 300.]

Ich habe bis jetzt eine Reihe von Geweben vorgeführt, die alle darin

übereinkamen, dass sie entweder sehr wenig Capillargefässe oder gar

keine besitzen. In allen diesen Fällen erscheint der Schluss sehr

einfach, dass die besondere zellige Kanal-Einrichtung, welche sie

besitzen, für die Saftströmung diene. Man könnte aber, zumal wenn man

das Schleimgewebe nicht anerkennt, meinen, es sei dies eine

Ausnahms-Eigenschaft, die nur den gefässlosen oder gefässarmen, im

Allgemeinen harten Theilen zukäme, und ich muss daher noch ein Paar

Worte über die Weichtheile hinzufügen, welche einen ähnlichen Bau haben.

Alle Gewebe, welche wir bisher betrachtet haben, gehören nach der

Classification, welche ich im Eingange gegeben habe, in die Reihe der

Bindesubstanzen: der Faser-Knorpel, das fibröse oder Sehnengewebe, das

Schleim-, Knochen- und Zahngewebe müssen sämmtlich derselben Klasse

zugerechnet werden. In dieselbe Kategorie gehört aber auch die

ganze Masse dessen, was man gewöhnlich unter dem Namen des

eigentlichen =Zellgewebes= begriffen hat und worauf zumeist der von

=Joh=. =Müller=[27] vorgeschlagene Name des =Bindegewebes= passt; jene

Substanz, welche die Zwischenräume der verschiedenen Organe in bald

mehr, bald weniger grosser Menge erfüllt, welche die Verschiebung der

Theile gegen einander ermöglicht, und von der man sich früher dachte,

dass sie grössere oder kleinere, mit einem gasförmigen Dunst (Halitus

serosus) oder Feuchtigkeit gefüllte Räume (Zellen im groben Sinne,

Areolen) enthielte (S. 40).

[27] =Müller=, Handb. der Physiol. I. 2. 1834. S. 410: »Das

Zellgewebe, welches durch seine Eigenschaft, andere Gewebe mit

einander zu vereinigen, auch Bindegewebe genannt werden könnte.«

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 12 / 54 段