[Illustration: =Fig=. 33. Durchschnitt durch die Rindensubstanz einer

künstlich injicirten menschlichen Niere. _a_. Bindegewebskörperchen des

Stromas oder des interstitiellen Gewebes, dessen Masse in der Zeichnung

etwas zu gross ausgefallen ist. _b_. Tunica propria des Harnkanälchens.

_c_, _c_ Capillargefässe. _d_. Das Harnkanälchen mit seinem Epithellager.

Vergr. 300. (Nach A. =Beer=, Die Bindesubstanz der menschlichen Niere.

Berlin 1859. Fig. 3.)]

So einfach, wie in der Leber und in der Niere, gestalten sich aber die

Verhältnisse in den meisten anderen Theilen nicht; gewöhnlich liegen

ziemlich bedeutende Zwischenräume zwischen den einzelnen Gefässen, und

nicht unbeträchtliche Mengen von Elementen sind in jeder einzelnen

Capillar-Masche enthalten. Ja, in demselben Organe sind diese

Verhältnisse sehr verschieden, je nachdem die Function der einzelnen

Theile einen rascheren Wechsel der Stoffe erfordert. Nirgends tritt dies

so auffällig hervor, als im =Gehirn=. Hier ist die Gefässverbreitung in

der weissen Substanz, die hauptsächlich Nervenfasern enthält, ziemlich

spärlich, während sie in der grauen Substanz, welche die Ganglienzellen

führt, überaus reichlich ist. Das eine hier abgebildete Object (Fig. 34)

zeigt eine künstliche Injection der Rinde des Kleinhirns, das zweite

(Fig. 35) die natürliche Gefässfülle in dem sehr rothen Corpus striatum

eines Geisteskranken, der unter einer starken Hyperämie des Gehirns

gestorben war. Der Schnitt ist quer durch das Corpus striatum gelegt,

und man erkennt von Strecke zu Strecke grössere, bei durchfallendem

Lichte dunkel erscheinende Stellen, rundliche Flecke (Fig. 35, _a_, _a_,

_a_), die bei auffallendem Lichte und für das blosse Auge weiss aussehen

und Querdurchschnitte jener Bündel von Nervenfasern darstellen, welche

in langen Zügen gegen das Rückenmark hinziehen. Gefässe treten in diese

Bündel fast gar nicht ein. Die übrige Masse dagegen besteht aus der

eigentlichen grauen Substanz des Corpus striatum; innerhalb derselben

verbreitet sich ein sehr feinmaschiges Gefässnetz, wie denn überhaupt

die graue Substanz der Nervencentren sich sowohl im Innern, als an der

Rinde durch ihren grossen Gefässreichthum vor der weissen Substanz

auszeichnet. In dem Object sieht man einzelne grössere Gefässe, von

welchen Aeste ausgehen, die sich immer feiner verzweigen, bis sie

endlich in ganz feinmaschige Capillarnetze übergehen. Allein so eng

dieses Netz in der grauen Substanz auch sein mag, so stösst doch

keinesweges jedes einzelne Element der Hirnsubstanz unmittelbar an ein

Capillargefäss.

[Illustration: =Fig=. 34. Künstliche Injection der Rinde des

menschlichen Kleinhirns, _a a_. Weisse Substanz der Arbor vitae, _g g_.

graue Substanz, _s s_. Sulci zwischen den Gyri, in welche die Arterien

mit der Pia mater eintreten und von da Aeste in die Hirnsubstanz senden,

welche in der grauen Substanz ein ganz feines Netz bilden, zum Theil

aber in grösseren Stämmen zur weissen Substanz durchtreten, wo sie sehr

spärliche Netze bilden. Nach einer Injection des Herrn =Gerlach=. Ganz

schwache Vergrösserung.]

[Illustration: =Fig=. 35. Natürliche Injection des Corpus striatum eines

Geisteskranken. _a a_. Gefässlose Lücken, entsprechend den Zügen von

Nervenfasern, welche das Ganglion durchsetzen. Vergröss. 80.]

Gleichmässiger ist die Gefässvertheilung an der =Muskelhaut des Magens=:

hier bilden die Gefässe ziemlich regelmässige, unter einander durch

Queranastomosen in Verbindung stehende Netze, von denen aus sich immer

kleinere Gefässe verästeln, die zuletzt feinste Netze bilden, so dass

dadurch das Ganze in eine Reihe von unregelmässig viereckigen

Abtheilungen zerlegt wird. Auf jeden letzten Zwischenraum fällt eine

grössere Zahl von Muskelelementen, so dass die Gefässe an einigen

Stellen die Muskelfasern berühren, an anderen Stellen entfernter davon

liegen.

[Illustration: =Fig=. 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des

Magens eines Kaninchens, 11 mal vergrössert.]

[Illustration: =Fig=. 37. Durchschnitt des Calcaneus-Knorpels vom

Neugebornen. _C_. der Knorpel, dessen Zellen durch feine Punkte

angedeutet sind. _P_. Perichondrium und anstossendes Fasergewebe. _a_.

die Ansatzzelle am Knochen, mit den von der Arteria nutritia

aufsteigenden Gefässschlingen. _b b_. Gefässe, die durch das

Perichondrium gegen den Knorpel andringen. Vergröss. 11.]

Verfolgt man in dieser Weise die Einrichtung der verschiedenen Organe

und Gewebe, so kommt man von solchen, welche nach der Injection fast nur

aus Gefässen zu bestehen scheinen, mit der Zeit zu denjenigen, welche

fast gar keine Gefässe enthalten und endlich zu solchen, welche wirklich

keine mehr führen. Dieses Verhältniss trifft man am meisten

ausgesprochen in den Epithelialformationen, welche auch da, wo sie am

mächtigsten ausgebildet sind, keine Gefässe besitzen; nächstdem in den

Geweben der Bindesubstanz, und hier wieder am reinsten am Knorpel,

weniger rein am Knochengewebe. Der entwickelte normale Knorpel hat

überhaupt gar keine Gefässe; der entwickelte Knochen enthält allerdings

Gefässe, aber in einem sehr wechselnden Maasse und zum Theil recht

spärlich. Dass der entwickelte =Knorpel= keine Gefässe enthält, davon

gibt fast jedes Knorpelpräparat Zeugniss (Fig. 9, 14, 23). Eine fast

beständige Ausnahme davon macht der wachsende Knorpel, der sich zur

Verknöcherung anschickt, gleichviel ob im physiologischen oder

pathologischen Wege. Besonders interessant ist das Verhältniss an

jungem, wachsendem Knorpel. Fig. 37 zeigt einen Schnitt aus dem

Caleaneus eines neugebornen Kindes, wo von der schon gebildeten

centralen Knochenmasse, dem sogenannten Knochenkern aus Gefässe in den

noch sehr reichlichen peripherischen Knorpel hineingehen. Das Präparat

zeigt an seiner äussersten Oberfläche die Uebergänge zu dem

Perichondrium, während der untere Theil des Schnittes bis nahe an die

Grenze des schon gebildeten Knochenkerns reicht. Von hier aus steigen

grosse Gefässe auf, welche von der Arteria nutritia herstammen; sie

endigen mitten im Knorpel, indem sie Schlingen und Netze bilden und

gleichsam Zottenbäume inmitten des Knorpels darstellen, welche sehr

ähnlich sind den Chorion-Zotten am Ei. In der That wachsen von der

Arteria nutritia her die Gefässe in den Knorpel hinein, aber nur bis zu

einer gewissen Höhe. Hier lösen sie sich in wirkliche Schlingen oder in

ein feines Netzwerk von Capillaren auf, aus dem sich Venen

zusammensetzen, die in derselben Richtung, in welcher die Arterien

herkamen, zurückgehen. Die ganze übrige Masse besteht aus gefässlosem

Knorpel, dessen Körperchen bei schwacher Vergrösserung als feine Punkte

erscheinen. Es liegt also ein ganzes Heer von Knorpelkörperchen zwischen

den letzten Schlingen und der äusseren Oberfläche, die meisten sehr

entfernt von den äussersten Gefässenden. Diese ganze Lage ist in ihrer

Ernährung allerdings abhängig von dem Safte, der aus den Endschlingen

austritt, zum Theil auch von den Stoffen, welche die spärlichen Gefässe

des Perichondriums zuführen, jedoch nicht so, dass jedes Körperchen eine

besondere Beziehung zu einzelnen Gefässen oder Gefässtheilen hätte. Die

von der Arteria nutritia stammenden Gefässe bezeichnen an allen Knorpeln

schon ziemlich frühzeitig ungefähr die Grenze, bis zu welcher späterhin

die Ossification fortschreiten wird, während derjenige Theil, welcher

als Knorpelrest am Gelenk liegen bleibt, niemals Gefässe enthält.

[Illustration: =Fig=. 38. Knochenschliff aus der compacten

Rindensubstanz eines Os femoris. _P P_. die dem Periost zugewendete

Oberfläche, an welcher parallele Züge von Knochenkörperchen liegen, _v

v_. grössere Gefässe, die aus dem Periost in den Knochen eindringen und

sich bald verästeln, _v_' _v_' kleinere Gefässe derselben Art. Alle

dunklen Züge und Flecke bezeichnen angeschliffene Gefässkanäle. Sie sind

von parallelen und concentrischen Lagen von Knochenkörperchen begleitet.

Vergröss. 120.]

Was die =Knochen= selbst anbetrifft, so ist bei ihnen das

Gefäss-Verhältniss ein ziemlich einfaches, aber auch zugleich ein sehr

charakteristisches. Wenn man die äussere Oberfläche der Knochenrinde

betrachtet, so sieht man schon mit dem blossen Auge kleine Löcher

(Poren). Es sind dies die Oeffnungen von Kanälen, durch welche Gefässe

aus dem Periost in die Knochenrinde eintreten. Bei einer mässigen

Vergrösserung erkennt man, dass diese Kanäle (Fig. 38, _v_, _v_') alsbald

unter der Oberfläche sich verästeln. So entsteht ein System unter

einander anastomosirender Röhren, die zuweilen mehr schräg nach Innen

gehen, aber im Wesentlichen eine Längsrichtung einhalten. Zwischen

diesen Maschen bleiben verhältnissmässig breite Zwischenräume, welche

von dem eigentlichen Knochengewebe erfüllt sind. In dem letzteren liegen

die Knochenkörperchen, grade so, wie in dem vorigen Beispiele die

Knorpelkörperchen, und zwar im Allgemeinen in Reihen parallel den

Gefässen. Nur die am meisten peripherischen Lagen der Rinde zeigen

Knochenkörperchen, welche der Oberfläche parallel sind und deren

Längsrichtung an langen Knochen (Röhrenknochen) der Längsaxe entspricht.

Untersucht man dagegen Querschnitte, so bekommt man natürlich an den

Stellen, wo vorher Längskanäle zu sehen waren, einfache runde Löcher,

Durchschnitte (Fig. 39, _a_) zu Gesicht, hier und da durch eine schräge

Verbindung vereinigt. Zwischen ihnen befindet sich die eigentliche Tela

ossea mit den Knochenkörperchen, in lamellösen Schichten gelagert, und

zwar concentrisch um die Gefässe. Im Allgemeinen kann man daher sagen,

dass die compakte Substanz der Knochen durchweg aus einer

Zusammenordnung paralleler Lagen von Knochengewebe besteht, welche zu

mehreren die einzelnen Gefässe umgeben. Nur da, wo diese Systeme von

concentrischen Lamellen endigen, gewissermaassen in den Räumen, welche

zwischen diesen Systemen übrig bleiben, findet sich eine geringe Masse

von Knochengewebe (Fig. 39, _i_), welche nicht dieselbe Anordnung zeigt,

sondern sich mehr unabhängig verhält; bei genauer Analyse zeigt sich,

dass sie aus kleinen Säulen gebildet ist, welche meist senkrecht auf der

Längsaxe des Knochens stehen und in eine Art von Bogen übergehen, die

der Längsaxe parallel sind. Dies sind die Ueberreste der bei dem

Dickenwachsthum des Knochens zuerst gebildeten, also ältesten Balken der

Tela ossea.

[Illustration: =Fig=. 39. Knochenschliff, _a_ querdurchschnittener Mark-

(Gefäss-) Kanal, um welchen die concentrischen Lamellen _l_ mit

Knochenkörperchen und anastomosirenden Knochenkanälchen liegen. _r_

längsdurchschnittene, parallele Lamellen. _i_ unregelmässige Lagerung in

den ältesten Knochenschichten, _v_ Gefässkanal. Vergröss. 280.]

Da man meistentheils in den Kanal-Durchschnitten, die man in Schliffen

des Knochens gewinnt, die Gefässe selbst nicht mehr erkennt, so nannte

man die Höhlungen (Fig. 38, _v_, _v_'; 39, _a_, _v_), in denen die Gefässe

verlaufen, Markkanäle, insofern uneigentlich, als in diesen engen

Kanälen meist kein Mark enthalten ist; man sollte eigentlich sagen:

Gefässkanäle, doch ist jener Ausdruck so allgemein angenommen, dass man

ihn auch da gebraucht, wo die Gefässwand sich unmittelbar an die innere

Oberfläche der Höhlung anlegt. Häufig bezeichnet man die Kanäle auch

nach ihrem Entdecker =Havers=. Im nächsten Umfange dieser Kanäle liegt

stets eine Reihe von eigenthümlichen Gebilden: längliche oder rundliche,

bei durchfallendem Lichte gewöhnlich schwarz erscheinende Körper, die

mit Zacken oder Ausläufern versehen sind. Man nannte sie

Knochenkörperchen (Fig. 24) und ihre Ausläufer Knochenkanälchen

(Canaliculi ossei). =Johannes Müller=, welcher die Ansicht hegte, dass

die Kalksubstanz in ihnen abgelagert sei und das dunklere Aussehen,

welches sie bei durchfallendem Lichte darzubieten pflegen, eben von

ihrem Kalkgehalte herrühre, bezeichnete die Kanälchen als Canaliculi

chalicophori, ein Name, der heut zu Tage ganz gestrichen ist, weil man

sich überzeugt hat, dass der Kalk gerade in ihnen nicht, sondern überall

in der homogenen Grundsubstanz enthalten ist, welche zwischen ihnen

liegt.

[Illustration: =Fig=. 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde

einer sklerotischen Tibia. _a a_ Mark- (Gefäss-) Kanäle, zwischen ihnen

die grossentheils parallel, bei _b_ concentrisch (Querschnitt)

geordneten Knochenkörperchen. Vergr. 80.]

Als man erkannte, dass der Absatz des Kalkes in dem Knochengewebe

gerade umgekehrt, wie man geglaubt hatte, stattfindet, so ging man

alsbald in das andere Extrem über, indem man den Namen der

Knochenkörperchen durch den der Knochenlücken (Lacunen) ersetzte und

annahm, der Knochen enthalte nur eine Reihe von leeren Höhlen und

Kanälen, in welche allenfalls Flüssigkeit oder Gas gelange, welche aber

eigentlich doch nur Spalten des Knochens darstellten. Einzelne nannten

sie auch geradezu Knochenspältchen (=Bruch=). Ich habe mich bemüht, auf

verschiedene Weise den Nachweis zu führen, dass es wirkliche Körperchen

sind und nicht bloss Höhlen in einem Grundgewebe, mit einem Wort, dass

es Gebilde sind, mit besonderen Wandungen und eigenen Grenzen versehen,

welche sich aus der Grundsubstanz auslösen lassen. Durch chemische

Einwirkung, insbesondere durch Maceration in concentrirter Salz- oder

Salpetersäure, kann man es dahin bringen, dass die Grundsubstanz sich

auflöst und die Körperchen frei werden. Dadurch ist wohl am sichersten

der Nachweis geliefert, dass es körperliche, wirklich für sich

bestehende Gebilde sind. Ueberdies erkennt man in ihnen Kerne, und,

auch ohne auf die Entwickelungsgeschichte einzugehen, findet man, dass

man es auch hier wieder mit zelligen Elementen sternförmiger Art zu thun

hat. Die Zusammensetzung des Knochens ergiebt demnach ein Gewebe,

welches in einer scheinbar ganz homogenen, verkalkten Grundmasse

(Intercellularsubstanz) sehr regelmässig vertheilt die eigentlichen,

sternförmigen Knochenzellen enthält.

Die Entfernung zwischen je zwei Knochengefässen ist oft sehr bedeutend;

ganze Lamellensysteme schieben sich zwischen die Markkanäle ein, mit

zahlreichen Knochenkörperchen durchsetzt. Hier ist es gewiss schwierig,

sich die Ernährung eines so complicirten Apparates als abhängig von der

Thätigkeit der zum Theil so weit entfernten Gefässe zu denken,

namentlich sich vorzustellen, wie jedes einzelne Körperchen in dieser

grossen Zusammensetzung immer noch in einem Specialverhältniss der

Ernährung zu den Gefässen stehen soll. Ueberdies lehrt die Erfahrung,

dass wirklich jedes einzelne Knochenkörperchen für sich ein besonderes

Ernährungs-Verhältniss besitzt. --

Ich habe diese Einzelheiten vorgeführt, um die lange Stufenleiter zu

zeigen, die von =den gefässreichen und den gefässhaltigen zu den

gefässarmen und den gefässlosen= Theilen stattfindet. Will

man eine einfache und zugleich befriedigende Anschauung der

Ernährungs-Verhältnisse haben, so glaube ich es als logische Forderung

aufstellen zu müssen, dass Alles, was von der Ernährung der

gefässreichen Theile ausgesagt wird, auch für die gefässarmen und für

die gefässlosen Gültigkeit haben muss, und dass, wenn man die Ernährung

der einzelnen Theile in eine direkte Abhängigkeit von den Gefässen oder

dem Blute stellt, man wenigstens darthun muss, dass alle Elemente,

welche in nächster Beziehung zu einem und demselben Gefässe stehen,

welche also in ihrer Ernährung auf ein einziges Gefäss angewiesen sind,

auch wesentlich gleichartige Lebensverhältnisse darbieten. In dem Falle

vom Knochen müsste jedes System von Lamellen, welches nur ein Gefäss für

seine Ernährung hat, auch immer gleichartige Zustände der Ernährung

darbieten. Denn wenn das Gefäss oder das Blut, welches in demselben

circulirt, das Thätige bei der Ernährung ist, so könnte man höchstens

zulassen, dass ein Theil der Elemente, nehmlich der zunächst an den

Gefässkanal anstossende, ihrer Einwirkung mehr, ein anderer, nehmlich

der entferntere, weniger ausgesetzt sei; im Wesentlichen müssten sie

aber doch eine gemeinschaftliche und gleichartige, höchstens quantitativ

verschiedene Einwirkung erfahren. Dass dies keine unbillige Anforderung

ist, dass man eine gewisse Abhängigkeit bestimmter Gewebs-Territorien

von bestimmten Gefässen allerdings zugestehen muss, davon haben wir die

schönsten Beispiele in der Lehre von den Metastasen, namentlich in dem

Studium der Veränderungen, welche durch die Verschliessung einzelner

Capillargefässe zu Stande kommen, wie wir sie aus der Geschichte der

Capillar-Embolie kennen. In solchen Fällen sehen wir in der That, dass

ein ganzes Gewebsstück, so weit es in einer unmittelbaren Beziehung zu

einem Gefässe steht, auch in seinen pathologischen Verhältnissen ein

Ganzes vorstellt, =ein vasculäres Territorium, eine Gefässeinheit=.

Allein diese Gefässeinheit erscheint vor einer feineren Auffassung immer

noch als ein Vielfaches, als eine mehr oder weniger grosse Summe von

Ernährungseinheiten (Zellenterritorien) und es genügt nicht, den Körper

etwa in lauter Gefässterritorien zu zerlegen, sondern man muss noch

innerhalb derselben weiter auf die Zellenterritorien zurückgehen.

In dieser Auffassung ist es, wie ich glaube, ein wesentlicher

Fortschritt gewesen, dass durch meine Untersuchungen innerhalb der

Gewebe der Bindesubstanz, wie ich früher hervorgehoben habe (S. 48), ein

besonderes System anastomosirender Elemente nachgewiesen ist, und dass

wir auf diese Weise anstatt der Vasa serosa, welche sich die Früheren

für diese nächsten Zwecke der Ernährung zu den Capillaren hinzudachten,

eine thatsächliche Ergänzung bekommen haben, durch welche die

Möglichkeit von Saftströmungen an Orten gegeben ist, die an sich arm an

Gefässen sind. Wenn wir beim =Knochen= stehen bleiben, so wären Vasa

serosa eine nicht zu rechtfertigende Annahme. Die harte Grundsubstanz

ist durch und durch ganz gleichmässig mit Kalksalzen erfüllt, so

gleichmässig, dass man gar keine Grenze zwischen den einzelnen

Kalktheilchen wahrnimmt. Wenn Einzelne angenommen haben, dass man kleine

Körner daran unterscheiden könne, so ist dies ein Irrthum. Das Einzige,

was man in der Grundsubstanz sieht, sind die Canaliculi, welche zuletzt

alle zurückführen auf die Körper der Knochenzellen (Knochenkörperchen),

und welche ihrerseits wieder verästelt sind. Die inneren Enden dieser

Aeste, dieser kleinen Fortsätze reichen unmittelbar bis an die

Oberfläche des Gefässkanals (Markkanals). Sie setzen also unmittelbar

da ein, wo die Gefässmembran anliegt (Fig. 41), denn man kann sie

deutlich auf der Wand des Kanals als kleine Löcherchen wahrnehmen. Da

nun die verschiedenen Knochenkörperchen wieder unter sich in offener

Verbindung stehen, so ist dadurch die Möglichkeit gegeben, dass eine

gewisse Quantität von Saft, welcher an der inneren Fläche des

Gefässkanals aufgenommen ist, durch die ganze Gewebsmasse hindurch

dringt, nicht diffus, sondern innerhalb dieser feinen prädestinirten und

continuirlichen Wege, welche der Injection vom Gefässe aus nicht mehr

zugänglich sind. Eine Zeitlang hat man geglaubt dass die Kanälchen vom

Gefässe aus zu injiciren seien, allein dies ist nur vom leeren

(macerirten) Gefäss- oder Markkanal aus möglich.

[Illustration: =Fig=. 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen der

Arachnoides cerebralis, der übrigens ganz normale Verhältnisse des Baues

zeigt. Man sieht einen verästelten Gefäss- (Mark-) Kanal mit den in ihn

einmündenden und zu den Knochenkörperchen führenden Knochenkanälchen.

Vergröss. 350.]

Es ist dies ein ganz ähnliches Verhältniss, wie am =Zahn=, wo man von

der leeren Zahnhöhle aus die Zahnkanälchen oder Zahnröhrchen (Fig. 42)

injiciren kann. Spritzt man Carminlösung in eine leere Zahnhöhle, so

sieht man die Zahnkanälchen zahlreich neben einander als nahezu

parallel, nur wenig strahlig auseinander gehende Röhren zu der

Oberfläche aufsteigen. Die Zahnsubstanz bildet eben auch eine breite

Lage von gefässloser Substanz. Gefässe finden sich nur in der Markhöhle

des Zahns; von da nach aussen haben wir weiter nichts, als die

eigentliche Zahnsubstauz (Dentin) mit ihrem Röhrensystem, welches an der

Krone bis nahe an den Schmelz (Fig. 42, _S_) reicht, an der Zahnwurzel

dagegen unmittelbar übergeht in eine Lage von wirklicher Knochensubstanz

(Cement). Hier sitzen die Knochenkörperchen am Ende dieser Röhren auf.

Eine ähnliche Einrichtung für die Saftströmung, wie vom Marke der

Knochen, geht hier von der Zahnpulpe aus; der Ernährungssaft kann durch

Röhren bis zum Schmelz und zum Cement geleitet werden.

[Illustration: =Fig=. 42. Zahnschliff von der Krone. _a_ äussere

Oberfläche des Zahns, _i_ innere Grenze gegen die Markhöhle hin. _S_

Schmelz, _D_ Dentin. Vergr. 150.]

Diese Art von Röhrensystemen, die im Knochen und Zahn in einer so

ausgesprochenen Weise sich findet, ist in den weichen Gebilden mit einer

ungleich geringeren Klarheit zu erkennen. Das ist wohl der

hauptsächliche Grund gewesen, weshalb die Analogie, welche zwischen den

weichen Geweben der Bindesubstanz und den harten der Knochen besteht,

nicht recht zur Anschauung gelangt ist. Am deutlichsten sieht man solche

Einrichtungen an Punkten, die eine mehr knorpelige Beschaffenheit haben,

namentlich im Faserknorpel. Aber es ist noch viel mehr bezeichnend, dass

wir von dem Knorpel eine Reihe von Uebergängen zu anderen Geweben der

Bindesubstanz finden, in welchen sich stets dasselbe Verhältniss

wiederholt. Zuerst Theile, die chemisch noch zum Knorpel gehören, z. B.

die Hornhaut, welche beim Kochen Chondrin gibt, obgleich sie Niemand als

wirklichen Knorpel ansieht. Viel auffälliger ist die Einrichtung bei

solchen Theilen, bei denen die äussere Erscheinung für Knorpel spricht,

ohne dass die chemischen Eigenschaften übereinstimmen, z. B. bei den

Cartilagines semilunares im Kniegelenk, jenen Bandscheiben zwischen

Femur und Tibia, welche die Gelenkknorpel vor zu starken Berührungen

schützen. Diese Theile, welche bis vor Kurzem allgemein als Knorpel

beschrieben wurden, geben beim Kochen nicht Chondrin, sondern Leim. In

diesem harten Bindegewebe treffen wir, wie in der Hornhaut und dem

Faserknorpel, dasselbe System von anastomosirenden Elementen mit einer

ungewöhnlichen Schärfe und Klarheit. Gefässe fehlen darin fast gänzlich;

dagegen enthalten diese Bandscheiben ein Röhrensystem von seltener

Schönheit. Auf dem Durchschnitte sieht man, dass das Ganze sich zunächst

zerlegt in grosse Abschnitte, ganz ähnlich wie eine Sehne; diese

zerfallen wieder in kleinere, und die kleinen endlich sind durchsetzt

von einem feinen, sternförmigen System von Röhren, oder wenn man will,

von Zellen, insofern der Begriff einer Röhre und der einer Zelle hier

zusammenfallen. Die Zellennetze, welche das Röhrensystem bilden, gehen

nach aussen hin in die Grenzlager der einzelnen Abschnitte über, und

hier sehen wir nebeneinander beträchtliche Anhäufungen von

Spindelzellen. Auch in den Bandscheiben hängt dieses Netz von Röhrchen

nur äusserlich zusammen mit dem Circulationsapparat: Alles, was in das

Innere des Gewebes gelangen soll, muss auf grossen Umwegen ein

Kanalsystem mit zahlreichen Anastomosen passiren, und die innere

Ernährung ist ganz und gar abhängig von dieser Art der Leitung. Die

Bandscheiben sind Gebilde von beträchtlichem Umfange und grosser

Dichtigkeit; und da hier alle Ernährung auf das letzte feine System von

Zellen zurückzuführen ist, so haben wir es noch viel mehr, als beim

Knorpel, mit einer Art der Saftzufuhr zu thun, welche nicht mehr direkt

von den Gefässen bestimmt werden kann.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 11 / 54 段